Sie zählt zweifellos zu den wichtigsten Daten des Jahres für Fondsmanager und Vermögensverwalter: die Europa-Konferenz von Morningstar, die in diesem Jahr in Amsterdam stattfand, und die 261 Teilnehmer aus 21 Ländern wurden nicht enttäuscht.

In ihrer Key-Note beleuchtete Maxima, Königin der Niederlande, Ehrengast und erste Sprecherin, in bemerkenswerter Weise die Bedeutung des Finanzmarktes für praktisch alle interpersonellen Belange weltweit, egal ob es um die private Vorsorge oder Geldanlage, öffentliche oder private Finanzierung, Entwicklung, Forschung und Lehre, die Infrastruktur eines Landes oder einer Gemeinde, die Errichtung neuer Arbeitsplätze oder die Sicherung bestehender Betriebe geht.
Queen Maxima weiß fürwahr, wovon sie spricht, denn abgesehen von ihrer hochrangigen Ausbildung auf drei Kontinenten war und ist die gebürtige Argentinierin sowohl von der UNO als auch im Rahmen der G20 Global Partnership for Financial Inclusion sowie als UN-Patin für den Aufbau von Mikrokredit-Institutionen in Ländern der Dritten Welt, für das Communité für Ethnische Minderheitsrechte von Frauen sowie viele weitere ehrenamtliche Tätigkeiten im Einsatz. In ihrer Rede betonte sie insbesondere die Verantwortung der globalen Finanzmärkte, nachgerade das ins Werk zu setzen, wovon die Politiker zumeist nur reden. Ihre ohne Pathos aber mit Leidenschaft und ehrlicher Anteilnahme vorgetragene Botschaft diente als Appell an alle Teilnehmer, sich über ethnische und ideologische Grenzen hinweg der Verantwortung bewußt zu werden, die der zentrale Inhalt unseres Berufsstandes sein sollte, egal, ob es sich hierbei um die Konstruktion zukunftssicherer Finanzprodukte, die fachliche Durchdringung der Märkte oder die Beratung der Kunden und Mandanten als Bezieher und Nutzer im Finanzmarkt drehe.

Die anschließende Podiumsdiskussion unter dem Motto „Die Entwicklung des Finanzmarktes in 2014 und darüberhinaus“ war vor allem von der Frage getragen, wie das Vertrauen der Investoren in den Finanzmarkt zurückzugewinnen sei und wie man mit den Verantwortlichkeiten in diesem Markt vertrauenerweckend umgehen sollte, wie Risiken und Verantwortung aktiv zu bewältigen sei, und zwar auf lange Sicht und nachhaltig.

Unter Leitung des Global CIO von Morningstar Investment, Daniel Needham, diskutierten Arnab Das, Chef von Das Capital, David Zahn, Head of European Fixed Income und Sr. Vice President von Franklin Templeton, sowie Asoka Wöhrmann, CIO der Deutsche Asset and Wealth Management. Die Leitung übernahm Laura Pavlenko Lutton, die Direktorin des Fund of Funds Research-Teams von Morningstar Incorporated.
Bereits bei diesem Panel wurde deutlich, vor welch gigantischen Herausforderungen das Weltfinanzsystem, zu dem neben den staatlichen Notenbanken und den privaten und öffentlichen Bankinstituten auch die gesamte Versicherungswirtschaft gehört, steht, wenn es darum geht, teilweise völlig unterschiedliche Strukturen und gewachsene gesetzliche Fundamente aus fast 400 Jahren zu vereinheitlichen und sinnstiftend zu kompatibilisieren. Ungeachtet der politischen Fallstricke, die auf Wählerstimmen bedachte, fachlich zumeist völlig unbelastete Politiker in wechselnder Folge – je nach Wahlzyklus – auslegen, und jenseits ideologischer Gräben und Überzeugungen, die z.B. die europäische von der amerikanischen Finanzwelt trennen, richten sich die Inhalte kluger, vorausschauender und verantwortungsvoller Finanzpolitik natürlich auch nach den jeweiligen strukturellen Unterschieden der einzelnen Volkswirtschaften in den hoch entwickelten Industrieländern sowie den Schwellen- und Entwicklungsländern. Sie alle haben völlig unterschiedliche Probleme zu bewältigen, Maßnahmen ins Werk und Schwerpunkte zu setzen. Während erstere mit demographischen Problemen und vielfach gefährdeten Sozialsystemen kämpfen, gilt es in Schwellen- und Entwicklungsländern, Basisstrukturen, Infrastruktur und Logistik aufzubauen.

Je nachdem, ob in den einzelnen Ländern mehr privatwirtschaftlich oder mehr staatswirtschaftlich gedacht, gearbeitet und politisch gelenkt wird, unterscheiden sich auch die Wege der Finanzwirtschaft, deren jeweils angebotene und geförderte Inhalte sowie die Vertriebswege, auf denen Finanzprodukte auf den Markt und an den Verbraucher herangetragen werden. Hinzu kommt das Problem, daß 35 zum Teil noch völlig unterschiedlich gestrickte Gesetzeswerke dringend und ehestmöglich aufeinander abzustimmen sind. So gilt es auch, das romanische mit dem anglikanischen Rechtssystem unter einen Hut zu bringen und von Land zu Land teilweise recht unterschiedliche Vorstellungen davon, was staatlich geregelt und überwacht oder der privatrechtlichen Obliegenheit überlassen bleiben sollte. Nicht genug damit, ringt jedes Land noch mit unterschiedlichen Steuersystemen mit jeweils anderen Schwerpunkten.

Dieses erste Panel nahm den von Queen Maxima gesponnenen Faden fachkundig auf, und alle Teilnehmer waren sich zumindest dahingehend einig, daß zwar leider fachlich wenig vorbelastete Politiker mit ihren opportunistischen Beweggründen und partei- ideologisch behindert oftmals im Weg stehen, daß man sich jedoch nicht zum Büttel einer politischen Lobby machen lassen darf, egal ob es um die gesamte private und kommunale/ öffentliche Finanzwirtschaft, sämtliche sozialstaatlichen Verpflichtungen, das Pensions- und Rentenwesen oder die Infrastruktur unmittelbar gehe.

Vor diesem Hintergrund – dies galt im übrigen für beide Tage und sämtliche Redner – spielten weder die Krim-Krise noch die Frage, ob und wie lange der Euro überleben würde, eine wirklich bedeutsame Rolle. Beide Fragen wurden dafür umso heftiger (und je nach dem Grad der Abhängigkeit des jeweiligen Sprechers von privaten oder staatlichen Instituten) in sämtlichen Pausengesprächen sowie in weiteren, ebenfalls sehr kompetent besetzten Panels diskutiert. Einig waren sich die Diskutanten sämtlicher Gesprächsrunden dahingehend, daß die Angleichung der unterschiedlichen Finanz- und Wirtschaftssysteme viel zu komplex und wichtig sind, als daß man sie Politikern und deren Ränkespielen und machtpolitischen Opportunismen überlassen dürfe.

Teilweise sehr kontrovers wurden die bestehenden sowie die politisch angedachten Haftungskaskaden im (inter)nationalen Anleihenmarkt diskutiert. Wie weit kann/darf/muß die Sicherung finanziellen Engagements gehen?

Auch die Redebeiträge von Arnab Das (“Developed Market Crisis Management and Emerging Market Spillovers: Macro and Market Impact”) und David Zahn („Draghiland: An Anchor for European Fixed Income? Will the Eurozone grow again? Is inflation dead?“) sowie die Darstellung des ‚Norwegischen Modells‘ (Staatsfonds) durch Elroy Dimson und die interessanten Erläuterungen von Philip Straehl („No Portfolio is an Island: A Total Wealth Approach to Asset Allocation“) und Peng Chen („Research Presentation: Dimensions of higher expected return“) bestachen durch klare Daten und Fakten.
Einen gelungenen Ausklang des ersten Tages bot Tomas Sedlacek mit viel Humor und Esprit in seiner Key-Note („Economics of Good and Evil“), mit der er das Plenum auf die Verleihung der Morningstar Fund Awards am Abend einstimmte. Diese fand in beschaulicher Umgebung in einer ehemaligen Kirche (Koepelkerk) statt, und die drei Auszeichnungen wurden in höchst angenehmer, beinahe bescheidener Atmosphäre in drei Kategorien verliehen: Fund Manager of the Year wurden in der Kategorie ‚European Equity‘, Nicolas Walewski, der den Alken European Opportunities hauptverantwortlich managt; J. Kristoffer C. Stensrud und sein Team, die den Skagen Kon-Tiki managen, gewannen Gold in der Kategorie ‚Gobal Equity‘, und Michael Krautzberger, Manager des BGF Euro Bond erhielt den Pokal in der Kategorie ‚European Fixed-Income‘.

Am nächsten Morgen zeigte Angelien Kemna, CIO der APG Groep N.V. in ihrem Vortrag („Pension Fund Investing in Action“) in eindrucksvoller Weise auf, mit welchen Problemen in Zukunft beim Thema „Versorgung im Alter“ (auf privater wie auf staatlicher oder betrieblicher Ebene) zu rechnen sei. Dem folgte eine interessante Roundtable-Diskussion zwischen Jean-Marc Goy von der CSSF, Michael Heise, dem Chef-Ökonomisten der Allianz SE, Angelien Kemna sowie Roderick Munsters, dem CEO der Robeco Group. Hierbei ging es vor allem um die Vereinheitlichung der unterschiedlichen Gesetzesmechanismen in den europäischen Ländern sowie den internationalen Finanzmärkten. Wie unterschiedlich die Vorstellungen und Inhalte sind, mag ein Beispiel erhellen: Während die Europäer unter (mehr theoretischer) Leitung von Luxemburg und Brüssel noch über die adäquate Umsetzung der Richtlinien zu UCITS IV diskutieren, sind die Engländer und US-Amerikaner (teilweise auch die Skandinavier) längst bei UCITS VI und planen bereits für UCITS VII. Generell sehen sich sowohl die Anbieter im Finanzmarkt und deren Umsetzer als auch die Berater auf den unterschiedlichen Ebenen – als Verkäufer in (Struktur-)Vertrieben oder als wirkliche Berater – vor der mühevollen Aufgabe, einerseits regulatorischen Vorschriften zu genügen, andererseits aber die notwendige Transparenz und Qualität in ihre Beratung einzubringen, die den Mandanten, Kunden und Nutzern im Finanzmarkt ein wenig von der Angst und der Scheu nimmt, sich überhaupt mit Finanzfragen zu beschäftigen, statt alles nur (wahlweise) entweder staatlichen Institutionen, den großen Anbietern von Finanzprodukten (Banken, Versicherungen, etc.) bzw. ihren Arbeitgebern (im Rahmen der betrieblichen Altersversorgung) zu überlassen. Einig waren sich auch bei diesem Panel alle Teilnehmer, daß es vor allem um das Verantwortungsbewußtsein und die Sauberkeit der Marktteilnehmer geht, wenn die Zukunft der Finanzwirtschaft eine bessere als ihre Vergangenheit sein (bzw. werden) solle. Die Zeiten räuberischer Strukturvertriebe müssen ebenso vorbei sein wie hemmungslose Gier unter Bankern und Investmentfondsmanagern, Brokern und Spekulanten.

Diese Zusammenhänge griff nach der zweiten Roundtable-Diskussion, bei der es um Nachhaltigkeit sowohl der Inhalte als auch der Qualität der Beratung ging (Teilnehmer waren Vertreter sehr unterschiedlicher Firmen und Institutionen), auch Daniel Needham auf, der Global CIO von Morningstar, als er auf den besonderen Aspekt der Verantwortung/Verantwortlichkeit wirklicher Beratung – unabhängig davon, ob auf Provisionsbasis oder gegen Honorar – sehr eindringlich verwies.

Bei vielen Teilnehmern dieser zwei Tage, für die man den Organisatoren gleichermaßen gratulieren und danken darf, war ein hohes Maß an Betroffenheit und Bedächtigkeit zu erkennen; vielen scheint allmählich klar zu werden, wie hoch der Schaden durch Ängste, Vorbehalte und das Mißtrauen der Öffentlichkeit gegenüber den Finanzinstituten ist und wie tief diese in der Bevölkerung verwurzelt sind, weil es den meisten Akteuren in der Finanzwirtschaft – beinahe egal, auf welcher Ebene – nur um Umsatz, Erfolge und Gewinne fürs eigene Haus (und Portemonnaie) gegangen war, statt um denjenigen, der fachlich überfordert, aber in hohem Maße auf die Qualität der Beratung angewiesen ist. Das verlorengegangene Vertrauen wieder zu gewinnen, sich der Verantwortung als Berater im Finanzmarkt (oder auch als Verkäufer von Finanzprodukten) bewußt zu werden und dementsprechend nicht nur offiziell, sondern realiter den notwendigen Überwachungsvorschriften Genüge zu leisten, all das könnte als zentrale Botschaft dieser zwei Tage angesehen werden.

Zu wünschen wäre, daß die bei der Morningstar Investment Conference gezeigte Grundstimmung ihren Niederschlag quer durch diesen Kontinent und die gesamte weltweite Finanzindustrie fände.

Ein großes Kompliment an den Veranstalter und sein ausgezeichnetes Team.

Danke für diese beiden Tage.

Hans-Wolff Graf

efv-AG