Editorial

Utopia democratiae

 

Nein, Utopie beschreibt nicht etwas Illusorisches im Sinne einer Unmöglichkeit, sondern etwas real (noch) nicht Existentes, aber (von einigen Menschen) durchaus Vorstellbares. Die Überschrift soll dreierlei ausdrücken:

  1. Entgegen der ständig wiedergekäuten Behauptung von Politikern und eilfertigen Medien gibt es keine einzige demokratische Nation auf diesem Planeten, da Demokratie per se nur eine kommunale Veranstaltung sein kann; *)

  2. Demokratie wäre möglich, wenn dies die politischen Machthaber wirklich wollten und zuließen. Das wäre aber mit einer Revolution des bisherigen Parteiensystems (!) verbunden;

  3. solange die BürgerInnen wirkliche Demokratie nicht realiter einfordern und es Politikern, Parteien und Medien überlassen, davon zu faseln, bleibt die Demokratie u-topisch, d.h. außerhalb des real Existenten.

Wie kommt es aber, daß wir Menschen so gerne an Nicht-Realem hängen, Illusionen als real Existentes bewahren möchten, uns von Märchentanten und -onkeln für dumm verkaufen lassen und sie dafür auch noch feiern und – „Beweis“ demokratischer Staatlichkeit – wählen?

Erstaunlich: So erpicht der homo sapiens sapiens generell auf Beweisführung ist, wenn es um matierielle und physische Belange, Nahrungsmittel, die vertraglichen Regelungen des Alltags- und Berufslebens oder technische und wissenschaftliche Zusammenhänge geht, so geradezu infantil erduldet er die abstrusesten Behauptungen, sofern abstrakte, emotionale, metaphysische oder seelische Bereiche berührt sind.

Freiheit, Demokratie, Selbstverwirklichung und Bildung sind die Weihnachtsmänner, Osterhasen und Klapperstörche für Erwachsene. Wir lassen im Abstrakt-Utopischen, was uns zu mühsam, ja schier unmöglich zu realisieren erscheint, obwohl wir täglich davon schwärmen. Als Philosophen verklären wir die Protagonisten einer Denkweise, die uns realiter verschlossen bleibt, weil wir selbst uns ihr verschließen. Dabei verkennen wir – fixiert auf unsere lächerlich kurze Lebensdauer – den Auftrag, den uns Philosophie und Natur in die Wiege gelegt haben: die sinnvolle Nutzung menschlichen Geistes. Bauch und Bankkonten zu füllen, Spaß zu haben und den eigenen Wert materiell zu mehren, ist den meisten schon Lebenssinn genug.

Als gebildet gilt, wer eine Handvoll Menschen kennt, die bereits vor 2.500 Jahren menschlicher Existenz höhere Sinnhaftigkeit zuzuschreiben wußten. Im Hier und Jetzt zählen Umsatz, Gewinn und körperliche Fitness. Darauf sind die Inhalte elterlicher Hege und Pflege, universitärer Ausbildung und medialer Berichterstattung beschränkt. Und genau deshalb bleiben Demokratie, Freiheit und Selbstverwirklichung – jenseits allen technischen Fortschritts – im Raum des U-topischen, des zwar theoretisch Möglichen, aber real Nicht-Existenten. Und genau deshalb lassen wir uns regieren und ausnehmen wie die Weihnächtsgänse von Menschen und Organisationen, die als Märchenerzähler von all dem schwafeln, was realiter selbst zu verwirklichen und zu gestalten wir zu feige und ängstlich, zu faul und bequem, zu wenig selbstbewußt und ungläubig sind.

Wir verharren in passivem Mitläufertum, und wer uns zu aktiver Übernahme von Selbstverantwortlichkeit auffordert, der stört.

H.-W. Graf

*) Beweis: siehe http://www.d-perspektive.de/konzepte/demokratie-und-rechtskonzept/