Für Sie gelesen:
Anmerkung zur generellen
Abschaffung der politischen Parteien
Autor: Simone Weil
Verlag: Diaphanes Verlag, Zürich-Berlin
Preis: € 10,00
Umfang: 48 Seiten
ISBN: 978-3-03734-059-2
Wer jemals so naiv war, zu glauben, mit dem Beitritt und der Aktivität in
einer
politischen Partei sich selbst und Anderen etwas Gutes zu tun, wird bedauern,
daß ihm das nur wenige Seiten umfassende Büchlein von Simone Weil,
das sie bereits 1943 (kurz vor ihrem Tod) schrieb,
nicht schon früher in die Hände fiel. Denn wohl kaum jemand hat je auf so
wenigen Seiten derart klar und verständlich dargelegt, warum das
Parteien(un)wesen ‚absolut und
bedingungslos von Übel ist’. Um das Fazit der Autorin vorwegzunehmen: „Die Abschaffung der Parteien wäre höchst legitim
und scheint in der Praxis nur gute Wirkungen zeitigen zu können.“
Aber der
Reihe nach: Weil beschreibt im
Wesentlichen die Partei in der
Bedeutung, die sie auf dem europäischen Kontinent hatte und hat. Das
französische Politikverständnis von 1789 sah den Parteiengedanken im Nachklang
der franzöischen Revolution und dem Sturz von Louis XVI und seiner Adelskaste
allenfalls als zu duldendes Übel. Der Jakobinerclub - eine Art Vorläufer
einer Partei - war zunächst nur ein Ort freier Diskussion, und was ihn
dann mutieren ließ, war kein schicksalhafter Mechanismus: Einzig der Druck des
Krieges und der Guillotine machten aus ihm eine totalitäre Partei. In den
Anmerkungen zum Buch ist zu lesen: „Der
Begriff der Partei wurde im früheren Mittelalter aus dem Lateinischen ‚pars’ ins
Italienische, Französische und Deutsche
übernommen und seit dem 18. Jahrhundert auf politische Gruppierungen und
parlamentarische Organe bezogen.“ Zunächst dominierten negative
Konnotationen; vor allem die jeweiligen Gegner wurden als Parteien diffamiert,
und zunehmend
wurden dann große Gruppen jeweils als Parteien
bezeichnet. Weil findet drei
wesentliche Merkmale einer Partei, die man erkennen sollte, um sie (die Partei)
nach den Kriterien der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Gemeinwohls
einzuschätzen.
- Eine politische Partei ist eine
Maschine zur Fabrikation kollektiver Leidenschaft.
- Eine politische Partei ist eine Organisation, die so
kontruiert ist, daß sie kollektiven Druck auf das Denken jedes Menschen ausübt,
der ihr angehört.
- Der erste und genaugenommen einzige Zweck jeder
politischen Partei ist ihr eigenes Wachstum, und dies ohne jede Grenze.
Aufgrund dieser drei Merkmale sei
jede politische Partei im Keim und Streben per se totalitär. Wenn sie nicht so
erschiene, dann nur, weil die anderen Parteien um sie herum es nicht weniger sind
als sie. Diese drei Merkmale seien Tatsachenwahrheiten für jeden, der dem Leben der Parteien nähergekommen ist. Könnte dem widersprochen werden?
Sie findet auch schöne
Beschreibungen für die einer Partei innewohnenden Widersprüche: „Wenn ein Mensch sehr komplexe Rechenoperationen anstellt und
dabei weiß, daß er jedes Mal ausgepeitscht wird, wenn er ein Ergebnis
mit geraden Zahlen erhält, ist seine Lage äußerst schwierig. Irgendetwas im
leiblichen Teil der Seele wird ihn dazu bringen, bei den Berechnungen ein wenig
nachzuhelfen, um stets ein ungerades Ergebnis zu erhalten. Mit dem Willen zu reagieren,
findet er womöglich sogar dort eine gerade Zahl, wo keine hingehört. In diesem
Schwanken gefangen, ist seine Aufmerksamkeit nicht mehr unbeeinträchtigt. Wenn
die Berechnungen so komplex sind, daß sie seine völlige Aufmerksamkeit
erfordern, wird er sich unweigerlich sehr oft irren. Es wird nichts nützen, daß
er sehr intelligent ist, sehr mutig, sehr um die Wahrheit besorgt. Was soll er
tun? Ganz einfach. Kann er diesen Leuten entkommen, die ihm mit der Peitsche
drohen, muß er fliehen. Hat er vermeiden können, ihnen in die Hände zu fallen, hat
er es vermeiden müssen. Genauso ist es mit den politischen Parteien. Wenn es
in einem Land Parteien gibt, entsteht früher oder später eine Sachlage, in der
es unmöglich ist, wirksam auf die öffentlichen Angelegenheiten Einfluß zu nehmen,
ohne in eine Partei einzutreten und das Spiel mitzuspielen. Die Parteien sind ein
fabelhafter Mechanismus, der bewirkt, daß über ein ganzes Land hinweg nicht ein
einziger Geist seine Aufmerksamkeit der Anstrengung widmet, in den öffentlichen
Angelegenheiten das Gute, die Gerechtigkeit, die Wahrheit zu erkennen.
Daraus ergibt sich - von ganz wenigen Zufällen abgesehen - daß
nur Maßnahmen beschlossen und durchgeführt werden, die dem Gemeinwohl, der
Gerechtigkeit und der Wahrheit entgegenstehen. Vertraute
man die Organisation des öffentlichen Lebens dem Teufel an,
er könnte nichts Tückischeres ersinnen."
Anhand des Beispiels ‚Kirche’
beschreibt sie sogleich eine weitere Problematik, die genauso wie beim Beitritt zu einer
Partei immanent wird:
„… oder ein Konvertit, der in die Kirche eintritt, oder ein Gläubiger,
der nach reiflicher Überlegung beschließt, in ihr zu bleiben – hat im
Dogma Wahres und Gutes erblickt. Doch mit dem Überschreiten der Schwelle bekennt er
zugleich, daß er alle sogenannten strengen Glaubensartikel durchweg akzeptiert. Er
hat diese Artikel nicht studiert. Selbst bei einem hohen Maß an Intelligenz und
Bildung würde ein ganzes Leben zu einem solchen Studium nicht ausreichen, da es die Untersuchung der historischen Umstände jeder einzelnen Verurteilung
verlangt. Wie soll man Aussagen zustimmen, die man nicht kennt? Man braucht sich nur
bedingungslos der Autorität zu unterwerfen, von der sie ausgehen.“
Die Schrift von Simone Weil ist voll von klarsichtigen
und intelligenten Einschätzungen und
Schlußfolgerungen dieser Art und kann uneingeschränkt jedem empfohlen werden, der sich einmal
im Leben mit dem Begriff und dem Konstrukt ‚Partei’ (oder ‚Kirche’!)näher beschäftigen möchte. Hieraus kann
schnell die Befreiung erwachsen, daß die
weitere Beschäftigung mit der logisch sich ergebenden Frage ‚brauchen wir nicht doch die Parteien’,
wirklich reine Zeitverschwendung ist.
Frank Amann