Doping in der Politik

23. August 2013|Politik, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Doping in der Politik

Die Welt zeigt sich erschüttert und entsetzt – zumindest die der Sportfans; acht der neun letzten Tour-de-France-Sieger waren gedopt und neun der zehn schnellsten 100-m-Läufer wurden ebenfalls des Dopings überführt. Nicht viel anders sieht es in nahezu allen Einzelsportarten aus – Mannschaftssportler sind da etwas vorsichtiger (aus gutem Grunde).

Worüber echauffieren wir uns eigentlich? Die Sportwelt und Millionen (zumeist passiver) Sportfans wollen Siege und (wenn möglich) ständig neue Rekorde sehen. Dafür locken Millionen an Gehältern und Prämien, vor allem aber lukrative Werbeeinnahmen. Die Sponsoren ihrerseits hoffen auf weiter wachsenden Konsum und steigende Gewinne, was wiederum sowohl den Aktionären als auch den Finanzministern nur recht sein kann. Dabei läuft hier ein albernes Spiel ab: Ein Mitarbeiter der größten Doping-„Küche“ (in der Nähe Wiens) erklärte mir vor kurzem grinsend: „Natürlich wird in nahezu allen Sportarten gedopt, sonst wären die heute geforderten Leistungen völlig unmöglich. Wir müssen bei unseren Mixturen immer neue Wege gehen und sind dabei den Kontrolleuren immer zwei bis fünf Jahre voraus.

Aber, mal ehrlich: Was ist denn der Unterschied, ob sich ein Sportler mit EPO oder Eigenblut-Doping zu höheren Leistungen manipuliert, oder sich Banker, Manager und Politiker mit Kokain, Alkohol oder Tabletten dopen?
Die jeweiligen „Kollegen“ wissen ganz genau, was „läuft“, und keiner würde es wagen, den Konkurrenten dafür hinzuhängen. Nur wer es übertreibt, wer allzu offensichtlich unbotmäßig ins Rampenlicht drängt (oder sich einfach als zu blöde erweist), wird ausgegrenzt, öffentlich „geoutet“ und zum „Abschuß“ freigegeben. Daß unsere Politiker sich nur allzu gerne dopen lassen – als „Berater“ (auch wenn sie von der Materie keinen Schimmer verstehen) und Vorzeige-„Hofnarren“ von der Wirtschaft – weiß jeder ganz genau.

Und wir, die Sportbegeisterten, Konsumwütigen und Politiker-Hörigen akzeptieren diese uns angebotene Scheinwelt nur allzu bereitwillig.

So erklärt man uns polymedial und tagtäglich, daß die Euro-Finanz-, -Wirtschafts- und -Bankenkrise „im Griff“ und weitestgehend gelöst sei, die Problemländer „beachtliche Fortschritte“ (Schäuble) vorzuweisen hätten, sich also weder heutige noch künftige Generationen „wirklich Sorgen machen müßten“.

Nun, die Realität ist eine gänzlich andere (siehe nachfolgende Grafiken) und beweist eindeutig, daß unsere politischen BänkelsängerInnen entweder vorsätzlich lügen oder schlicht nicht wissen, wovon sie überhaupt reden.
Welches Dopings sie sich hierbei bedienen, ist völlig nebensächlich.

Zu den Fakten: Die öffentlichen Schulden in Europa wachsen – trotz der historisch niedrigen Zinssätze! – weiter. So stieg der Schuldenstand im Euro-Raum inzwischen auf über 92% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – allein in den letzten drei Monaten um 1,6%-Punkte. Vom 31.3.2012 (8,3 Billionen Euro) bis 31.3.2013 wuchs der Schuldenberg um 450 Milliarden Euro auf 8,75 Billionen. Die Maastricht-Kriterien (u.a. eine Schuldenobergrenze von 60%) sind längst Makulatur. Wuchtige Worthülsen (‚Fiskalpakt‘) und irreführende Abkürzungen [ESM, EFSF, EFSM, ESFS und FSB (gemeint ist nicht der russische Geheimdienst, sondern der ‚Finanzstabilisierungsrat‘)] dienen lediglich der Verwirrung und intellektuellen Entmutigung derjenigen, die diesen ganzen Unsinn zu bezahlen haben, auf deren Rücken dieses (finanz-)politische Theater veranstaltet wird – Sparer und Steuerzahler.
Zwar sanken dank weiterer Rekordsteuern Deutschlands Schulden im ersten Quartal 2013 um 15 Milliarden (auf nunmehr 81,2% des BIP), dafür kämpfen immer mehr Kommunen hierzulande mit dem drohenden Bankrott. Und im gleichen Atemzug stieg die Gefahr für den bundesdeutschen Steuermichel um mehr als das Vierfache (62 Mrd.), denn der irische Schuldenstand stieg im gleichen Zeitraum um 7,7%, der belgische um 4,4% und der spanische um 4%. Noch schlimmer steht die Lage in Griechenland (+ 24,1%) und Portugal (14,9%). Von den ebenfalls weiter steigenden (Jugend-)Arbeitslosenraten wollen wir an dieser Stelle gar nicht sprechen. Auch hier wird munter weiter fabuliert und gelogen; so image002
meldete Spanien für den Juni erstmals wieder sinkende Arbeitslosenzahlen. Dahinter stehen jedoch eine Veränderung der Berechnungsgrundlagen und die Flucht vieler Spanier aus ihrem Heimatland, wodurch sie automatisch aus der Statistik fallen.
Gleichzeitig versuchen sich viele Staaten ihrer Schulden teilweise dadurch zu entledigen, daß sie staatliche/kommunale Unternehmen privatisieren (siehe der Anstieg der Verschuldungen bei Nicht-Finanzunternehmen in Graphik 1).

Graphik 2 zeigt eindrucksvoll die Entwicklung der Renditen zehnjähriger Staatsanleihen, wobei der „Spread“ (= Unterschied) zwischen Italien, Frankreich und Deutschland heute prozentual weitaus höher ist als 1990 (bei der „Zeugung“ erst des ECU und dann des Euro), obwohl alle diese Länder dem Währungsverbund, den man mithilfe der gemeinsamen Währung zu erzwingen versuchte, angehören.
Nicht nur Griechenland und Italien haben sich mit mehr oder weniger erlogenen Statistiken in die EU geschmuggelt. Und die Kohls, Waigels, Schäubles, Schröders, Fischers & Co. wußten es – entgegen ihrer heutigen Lügen – ganz genau.

Wir können fest darauf setzen, daß (und dies gilt weltweit) die Zinsen auch weiterhin niedrig bleiben werden und die Notenbanken – Not-getrieben! – dafür weitere Billionen an Euro, Dollar, aber auch Yen und Yuan drucken werden. Stiege nämlich der Zins auf sein historisches Durchschnittsniveau (etwa 4%), bräche binnen weniger Monate das gesamte politische „Kartenhaus“ in sich zusammen (siehe Graphik 2, rechts).

image003Zum jetzigen Zeitpunkt bezahlen Sparer, die auf Geldwerte (Sparbücher, Festverzinsliche, Anleihen, etc.) nach Abzug von Steuern und Inflationsraten Negativzinsen einfahren, und immer höher belastete Steuerzahler das Festmahl für unsere gedopten Politiker. Doch irgendwann kommt die (bereits heute ersichtliche) monströse Rechnung, denn keiner unserer Politsportler und keines ihrer Teams (Parteien) hatten a) die Kompetenz und b) den Mut, dieses ‚Wahnsinnsprojekt‘ ‚EUro‘ bereits vor fünf Jahren als gescheitert zu erkennen und dies öffentlich zu erklären, da sie fürchteten, von aufgeschreckten Wählern aus dem Amt gejagt zu werden.
Und hier schließt sich der Kreis: Sportfans wollen leider genauso belogen und hinters Licht geführt werden wie Steuerzahler, Konsumenten und Wähler. Feinsinnig, wenngleich wohl anders gemeint, drückte dies Ilse Aigner, Verbraucherschutzministerin, aus: „Privat ist privat, und Politik ist Politik“. Und schon EZB-Chef Mario Draghi ließ uns wissen, daß man als Politiker eben notfalls lügen müsse. Warum nimmt man Sportlern gleiches Verhalten übel?

H.-W. Graf