Kommentar von H.-W. Graf zum ‚WELT-ONLINE’-Artikel
„In Deutschland steigt Zahl der Millionärshaushalte“:

http://www.welt.de/wirtschaft/article106400829/In-Deutschland-steigt-Zahl-der-Millionaershaushalte.html#dsq-reply

Lassen Sie doch mal Ihre Freunde, Bekannten und Kollegen vor Ihrem geistigen Auge Revue passieren und korrelieren Sie deren finanziellen Reichtum mit ihrem ‘Glücksvermögen‘, d.h. ihrer Lebensfreude, Genußfähigkeit und Zufriedenheit, der Intensität, mit der sie ihre schiere Existenz als tägliche Bereicherung für sich selbst und ihre Umwelt gewärtigen.

Natürlich lockt Genuß. Mal unbedenklich zu shoppen, ohne Blick nach rechts die Speise- und Getränkekarte zu studieren, durchs Modegeschäft zu stromern oder im Traumurlaub – am besten zu zweit – alle ‚Fünfe gerade sein zu lassen’, hat schon seinen Reiz und vermittelt uns wohlige hormonelle Glücksschübe; wir genießen.
Bleibt es, mangels Masse, bei seltenen derartigen Momenten, zehren wir davon mitunter jahre- oder lebenslang. Wir sehnen wir uns nach ‚öfter’ und ‚mehr’, und beneiden diejenigen, für die derartige Zustände üblicher Alltag sind – die ‚Reichen. Doch diese ‚Neidspirale setzt sich erstaunlicherweise nach oben fort; wer mehr hat, sich (dauerhaft) mehr leisten kann, beneidet ebenso diejenigen, die auf noch höherem Niveau leben und genießen können. Man könnte von einer ‚Neidpyramide sprechen, in der wir uns selbst irgendwo ansiedeln und wiederfinden. Dazu studieren wir dann Berichte und Statistiken (wie im ‚WELT-ONLINE’-Artikel). Doch diese Hatz nach (noch) ‚mehr und (noch) ‚öfter’  hat suchtähnlichen Charakter und verlangt nach ständig höheren Dosen – ohne real Sättigung zu generieren; die finden wir nur durch Reflexion, die durchaus sinnstiftende Frage: Wieviel ist genug? Was ist das tatsächliche Ziel?“

Da hilft uns die oben genannte Reflexionsübung und fördert Erstaunliches zutage:

  • Lebensgenuß und Selbstfreude, das subjektive Wertgefühl und erfüllter Lebenssinn haben nur herzlich wenig mit finanziellem Reichtum zu tun;
  • die ‚Glücksfähigkeit’ unserer Mitmenschen speist sich aus völlig anderen Quellen und Inhalten;
  •  die wirklich glücklichen Menschen in unserem Umfeld zeigen sich uns nicht in der Quantität ihrer Finanzkraft, ihren Posten und Titeln, der Größe und Schönheit ihrer Häuser und Autos, Kleidung und Jachten, sondern in ihrer Ausstrahlung, ihren intellektuellen und manuellen Fähigkeiten und Kenntnissen, ihrer emotionalen und sozialen Intelligenz, ihrem Humor und ihrer Herzenswärme. All dies läßt uns uns in ihrer Nähe wohlfühlen, macht uns stolz, sie zu kennen, vielleicht sogar zu unseren Freunden zählen zu dürfen. Diese Menschen „leihen“ sich nicht exogene Paraforanden –  Geld und Macht, Titel und Posten – um darauf ihren Wert, ihre Bedeutung und Wichtigkeit zu gründen; sie überzeugen durch endogene Metaforanden, und genau diese spüren und erleben wir als Authentizität, als ‚Echtheit’.

Nun ist es relativ leicht, mit Fleiß und angepaßter Arbeitsleistung ein(ig)e Million(en) anzuhäufen – ein Erbe empfinden wir als Glücksfall, vielleicht auch als Geschenk; glücklich macht es uns realiter nicht –, und wer sich als ‚Selfmademan’ nach oben arbeitet, verdient sicherlich Respekt. Doch verblassen dabei oftmals die hinter dieser Leistungsbereitschaft stehenden Motive – Verlust-/Versagens-/Lebensängste –, und eine Garantie für Lebensfreude, Genußfähigkeit und Lebenswert sind die damit gesammelten finanziellen Reichtümer beileibe nicht. Die gehen dann sehr oft an Ärzte, Apotheken und Psychiater, wenn dieser Mensch zwar eine (relative) finanzielle „Unabhängigkeit“ erreicht hat, diese aber mit einem hohen physischen, psychischen oder emotionalen Preis bezahlt – modern und summarisch als ‚Burnout’ bezeichnet.

Schon wesentlich anstrengender ist es, die o.g. endogenen Lebensinhalte und -werte aufzubauen, sie zu trainieren und wachzuhalten, sich den stets lockenden Versuchungen zu widersetzen, es sich ‚leichter’ zu machen, bequeme(re) Wege zu gehen, das berühmte ‚Auge zuzudrücken’ und Chancen zulasten Anderer wahrzunehmen, solange die öffentliche Moral und das Gesetz es zulassen. Hier sind stattdessen Selbstdisziplin und Ethik gefragt, ein oftmals unbequemer Innerer Monolog zwischen Kopf/Ratio und Bauch/Emotio, der uns sehr klar erkennen läßt, was sauber, ehrlich und fair ist.
Doch diesem Inneren Monolog’, diesem unbequemen Selbstbezug, dieser automotivierten Reflexiongehen wir oftmals mit einem „genialen“ Trick, einer fatalen Autokorruption aus dem Wege: Wir delegieren unseren Glücksanspruch auf Andere – Parteien und Politiker, Gewerkschaften und Betriebsräte, Konzerne und Chefs, Ärzte und Apotheker, Heilpraktiker und Psychologen, (Ehe)Partner und Therapeuten aller Art, Künstler und Showmaster, TV und Medien, Literaten und Entertainer, Reiseleiter, Hoteliers und Gastronomen sowie – last not least – die Religionen und deren Bodentruppen. Nicht zu vergessen: Für unsere Kinder sind Lehrer und Erzieher mit dieser Verantwortung beladen und verantwortlich.
Sie alle sollen –  situativ oder auf Dauer – die Verantwortung dafür übernehmen, daß wir, bitte schön, glücklich und zufrieden, einheitlich gleichermaßen versorgt und abgesichert leben können. Das erscheint uns dann als sozial’ und ‚gerecht’.
Dabei werden wir kaum gewahr, daß wir für diese Vergötterung der falschen „Helden“ einen enorm hohen Preis bezahlen. Die Überlassung der Eigenverantwortung an diese Protagonisten des Systems kostet uns unsere individuelle Freiheit. Von ihnen lassen wir uns instrumentalisieren und durch immer engere Gesetze und Verordnungen verzwängen und lenken, ängstigen und unter Druck setzen, aber auch kommerziell locken und verführen („Schnäppchen“). Die Deleganten unserer leichtfertig-bequemen Eigenverantwortlichkeit ziehen uns quasi am „Nasenring“ durch die Manege des Lebens’. Wir feiern die falschen Helden und opfern ihnen unser DenkFühlHandeln.
Erstaunt und oft ein wenig schadenfroh registrieren wir dann, wenn einer dieser „Helden“ vom Sockel stürzt – „Recht geschieht’s ihm“ –, und wenn ein „Reicher“ sich denn mal als Philanthrop zeigt, resümmieren wir: „Der kann sich’s eben leisten!
Wer manipuliert und korrumpiert nun mehr – wir unsere delegationierten „Stellvertreter“ oder diese uns?

In diesen Kontext, dieses DenkFühlHandeln werden wir hineingeboren –  es sei denn, wir haben das „Glück“, daß unsere (Groß)Eltern den komplexen Zusammenhang dieser umfassenden soziologischen ‚Korruption erfaßt, sich ihm erfolgreich widersetzt und entzogen haben. Denn auch das ist keine Frage materiellen Reichtums, sondern das Ergebnis autogener Reflexion, erarbeiteter Unabhängigkeit, erstrebenswerter Lebenserfüllung und -leistung.

 H.-W. Graf