‚High noon‘ – Griechenland steht an der Wand.

Die Lage spitzt sich zu; am 23.6. soll sich (wieder mal) entscheiden, ob sich Finanzminister Gianis Varoufakis (er gibt den arroganten Bösen in dieser Krimikomödie) und Premier Alexis Tsipras (er mimt den jovialen Guten) dem Diktum der drei Institutionen (EZB, IWF und EU) beugen und dafür als Belohnung die nächste Finanzspritze genehmigt wird, oder ob Griechenland in den Orkus gestoßen und für pleite erklärt wird.
Mit diesem Unsinn werden wir zwar seit nunmehr eineinhalb (eigentlich bereits seit sechs) Jahren medial unter Spannung gehalten, aber gleich vorab:

  1. Am Montag wird es zu keiner Veränderung der Lage und schon gar nicht zu einer Entscheidung kommen;
  2. Zwangsweise aus der EU geworfen werden kann Hellas laut EU-Grundlagenvertrag von keiner Institution, so gerne dies die Draghis, Schäubles und Montis auch täten;
  3. Washington (schon wieder die!) wird um nichts in der Welt zulassen, daß es in Griechenland zu einem gewaltsamen Umsturz – und z.B. einer Machtübernahme durch das Militär – kommt, denn abgesehen vom damit einhergehenden Imageschaden für die westlichen Wirtschafts- und Militärbündnisse (EU und Nato) verlören die USA einen wichtigen Stützpunkt – bzgl der osteuropäischen Assoziierten und für ihre Einkreisungspolitik gegenüber Rußland, aber auch i.p. Problemstaaten im Nahen Osten (incl. Iran);
  4. Versagte sich der Westen endgültig, liefe die Washington-Camarilla Gefahr, daß sich Griechenland als wertvolle „Braut“, aufgehübscht durch seinen Zugang zum Mittelmeer und die dortigen Erdölreserven, flugs und flexibel gen Moskau orientierte [ganze 112 km weiter als nach Brüssel ], was zwar Gospodin Putin den Schalk in den Nacken triebe, aber im Pentagon nebst seinen sämtlichen Zweigstellen in Westeuropa alle Alarmglocken bimmeln ließe. Ein auch nur im Raum stehender Austritt Griechenlands aus der Nato wäre für USropa eine Katastrophe.

Das medial herumgereichte Argument, daß für den Fall eines Grexit die bislang ausgereichten etwa € 270 Milliarden verloren seien, ist Hirnfutter für BILD-Leser und das offizielle Argument für die politischen Luftnummern (vulgo: „Gipfel“), zu denen sich die Gilde der rat- und hilflosen Politiker pausenlos trifft; diese Gelder können und werden niemals zurückgezahlt. Das wissen Juncker & Co nur zu genau.

Beide Seiten pokern so stur und „alternativlos“, weil sie gar nicht anders können und keinen konstruktiven Plan haben, vielmehr systemisch geknebelt und völlig hilflos sind. Aber dies ganz offen zuzugeben, dazu fehlt dem Politadel, egal, welcher Couleur, die Souveränität und das Selbstverständnis – vom nötigen Verantwortungsbewußtsein ganz zu schweigen.

Zwar sind drei Viertel aller Griechen für einen Verbleib in der Eurozone, aber nahezu 100% stöhnen über die derzeitige Lage; sie haben die berühmte ‚Schnauze voll‘, befürchten aber nationales Fiasko, sollte ihr Land die EU verlassen – der durchschnittliche Grieche hat von Wirtschaft genauso wenig Ahnung wie der durchschnittliche Deutsche. Beugten sich aber Tsipras und Varoufakis den Forderungen der ‚Troika‘, droht ihnen der Bruch des Regierungsbündnisses und ihrer Partei bei Neuwahlen eine herbe Abstrafung. Verweigern sich beide aber zu strikt Juncker, IWF und EZB, droht Griechenland der finale Bankrun und eine sozialpolitische Katastrophe – mit der Gefahr, daß sich die rund 3000 Familien, die de facto Griechenland „besitzen“, mit dem Militär verbünden und per ‚Coup d’Etat‘ (wieder mal) eine Militärdiktatur ausrufen. Da V&T aber nur zu genau wissen, was dies für Brüssel und Washington hieße (s.o.), spielen sie geschickt auf Zeit – mal jovial, mal schlicht unverschämt und arrogant.

Nein, im systemischen Finanz- und WirtschaftswunderEUROland, was uns ideologisch verblendete und inkompetente, aber pathologisch machtgierige Politfürsten zurechtgezimmert haben, gibt es tatsächlich keine auch nur einigermaßen sozial-, wirtschafts- und finanzpolitisch saubere Lösung. Dazu bedürfte es nämlich des Mutes, völlig außerhalb des politisch verkleisterten Systems nach einem anderen, schematisch-offenen Konzept Ausschau zu halten. Aber dazu sind die hochgradig vom derzeitigen System profitierenden Politstrategen weder bereit, noch in der Lage.
Dabei gibt es wirkliche Alternativen; eine finden Sie auf www.d-perspektive.de (‚alternative Konzepte‘).

Es bleibt also weiter spannend, aggressiv und lächerlich. Eine wirkliche Lösung (die auch dauerhaft stabil ist, keine Nachahmer animiert und sozial wie auch finanziell schmerzlos tragbar wäre) müssen wir wohl nicht „befürchten“. Dazu bedürfte es politischer Führungskräfte, die unter den heutigen Systemverwaltern schlicht nicht zu finden sind. Das geben unsere Parteid(a)emokraturen einfach nicht her.
 
H.-W. Graf