Perspektive  
19.12.03

Von: H.-W. Graf


Der Weg zur Authentizität

- über die Angst vor Veränderung –

 

Eigentlich klingt diese Aussage beinahe verdächtig banal, denn ‚natürlich’ möchte Jeder er selbst, also ‚echt’ (authentisch) sein und auf dem Weg durchs Leben sein individuelles Höchstmaß an ‚Selbst’heit leben und genießen. Zumindest meint man, davon ausgehen zu dürfen. Doch ganz so abwegig scheint der Verdacht nicht zu sein, daß hier zumeist der Wunsch der Vater des Gedankens ist und es den meisten Menschen eben doch nicht so einfach erscheint, IHR Leben zu leben, IHR wahres SELBST zu (er)kennen; wie sonst ließe sich der millionenfache Absatz Tausender von ‚Lebenshilfebüchern’ erklären? Warum sonst erleben Filme eine Hochzeit, die uns das ‚Heldentum’ der ‚Krisenbewältiger’ schlechthin vor Augen führen? In derartigen Filmen sehen wir dann furchtlose Helden alle Probleme meistern, brutal oder spielerisch, aber immer erfolgreich. Warum flüchten denn so viele Menschen in esoterische Zirkel, Kulte und Sekten? Warum nehmen die psychosomatischen Erkrankungen erschreckend rapide zu, obwohl unsere Berufswelt weniger gefährlich und beschwerlich ist, wir weniger lange arbeiten und intensivere Möglichkeiten der Freizeitnutzung haben als jemals zuvor? Beunruhigen müssen in dem Zusammenhang auch die Zunahme der Amokläufe zuvor unauffälliger (und immer jüngerer) Mitmenschen und die wachsende Aggressivität in unserer Umwelt, letztlich auch die steigenden Selbstmordraten. Wenn Sie nun schulterzuckend konstatieren, daß bei Ihnen alles ‚im grünen Bereich’ sei und Sie obige Fragen schlicht weder beantworten können, noch sich damit zu befassen gedächten, sollten Sie sich mit den folgenden Gedanken gar nicht weiter belasten. Für Sie ist die Welt so in Ordnung, wie sie ist.

Die Probleme der ‚Selbstpositionierung’

Authentizität ist ein modernes Schlagwort - eigentlich ist es ein spätionisches Wort und wohl ca. 2.800 Jahre alt, aber was soll`s. Es bedeutet ‚Echtheit’, und als Prädikat hängen wir es Menschen an, bei denen wir den Eindruck haben, sie seien wirklich ‚sie selbst’, also authentisch. Ihnen gehört dann unsere laut geäußerte Achtung oder stille Bewunderung. Viele ihrer Fähigkeiten hätten wir gerne (wobei wir uns flugs selbst erklären, warum wir das eben nicht können, was dagegen spricht, wie mühselig das wäre, und, und, und). Das Ende vom Lied: Alles bleibt, wie es ist – bei uns ändert sich nichts, und bei nächster Gelegenheit überfällt uns in gleicher Weise das Gefühl der eigenen Ohnmacht, Inkompetenz, des Neides, der Bewunderung. Unsere Minderwertigkeitskomplexe werden genährt, und wir „beschließen“ einmal mehr, unser Leben zu ändern, „mehr“ (was? wovon?) tun zu wollen, jetzt endlich frühere „Beschlüsse“ umzusetzen, etc., etc.. Und dennoch: Nur die wenigsten dieser Momente dauern länger als ein paar „Schrecksekunden“, dann bleibt doch wieder alles beim alten – inkl. des schlechten Gewissens bzgl. unserer Trägheit, der in uns grummelnden Ängste und Feigheitsmomente. Das geht dann über Jahre so, und allmählich entwickeln wir selbst bei diesem ständigen Selbstverleugnen, dem Kampf zwischen Wunsch und schlechtem Gewissen (wenn es einmal mehr nur beim Wünschen blieb) eine Art Routine, bis wir – irgendwann – des Faktors ‚Zeit’ gewahr werden und uns klar wird, daß dieses oder jenes nun wirklich nicht mehr möglich ist, weil wir zu alt und körperlich nicht mehr fit genug sind, irgend ein anderer Zeitgenosse unsere Idee hat patentieren lassen, entsprechende Bezugspersonen gestorben sind, usw.. Uns wird dann bewußt, daß wir mithilfe fauler Ausreden Zeit und Chancen verbummelt, nicht rechtzeitig oder zu wenig konsequent gehandelt haben, Gelegenheiten unwiederbringlich verstreichen ließen.

Inwieweit sich diese Verdrängungsmechanismen, dieses Sammelsurium fauler Ausreden (vor uns selbst mehr als vor allen Mitmenschen) auf unsere Psyche, unser Seelenleben, aber auch auf unseren Funktionsapparat, den Körper, auswirken, ist den meisten Menschen gar nicht bewußt. Der alte lateinische Spruch ‚mens sana in corpore sano’ (‚In einem gesunden Körper lebt auch ein gesunder Geist’) macht andersherum viel mehr Sinn: ‚Je gesünder das ‚DenkFühlHandeln’[1] eines Menschen ist, desto gesünder bleibt auch sein Körper’.

Was unterscheidet uns von der gesamten übrigen Natur?

Seit der Mensch durch den Schluß der Hirnbrücke in den Stand versetzt wurde, zu denken, vorausschauend zu planen, zu abstrahieren, zu vergleichen, zu werten, sich etwas abstrakt vorzustellen (auch ohne realen Bezug), sucht er nach Erklärungen für seine schiere Existenz, den Ursprung (und Sinn) dieser Welt und des ihn umgebenden Kosmos. Er trat damit immer mehr aus dem Kranz der übrigen Geschöpfe – der Pflanzen und Tiere, die in ihrer natürlichen Umwelt eingebettet leben, ohne diese zu hinterfragen – heraus und begann zu experimentieren. Anders als alle anderen Lebensformen sucht(e) er nach Erklärungsmustern und Begründungen, frägt nach Sinn und Nutzen, plant und gestaltet, kurz: Er stellt sich mit allem, was ihn ausmacht – seine Physis, Herkunft und Fähigkeiten, seine Umwelt, Freunde, Elternhaus, aber auch seine Zukunft (Familie, Beruf, etc.) – unter ein ‚Wertungsschema’, in ein System von vergleichbaren Parametern, das sich in der Weise (und Schnelligkeit) formt, wie sich seine Denkfähigkeit entwickelt. Da dies aber jeweils im entsprechenden Umfeld erfolgt (Familie, später Nachbarschaft, Verwandten- und Freundeskreis, Kindergarten, Schule, etc.), werden bereits dem jungen Menschlein (und dessen noch unbeschriebener ‚Festplatte’ mit rund 100 Milliarden Synapsen, die gierig danach hungern, mit Inhalten gefüttert zu werden) bestimmte Prägungen zuteil, die einerseits zu Talenten und Neigungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten führen, die uns im späteren Leben nützlich und wertvoll sein können (wenn wir sie trainieren und vervollkommnen), andererseits erkennen wir (später) auch die Mängel unserer ‚Programmierung’ im Kindes- und Jugendalter.

Narben der Kindheit

Negative Erfahrungen hinterlassen Spuren im Gehirn

Die Magdeburger Biologin Anna Katharina Braun hat an Ratten-Gehirnen jetzt auch neurologisch nachgewiesen, daß frühe traumatische Erfahrungen das Verhalten eines Lebewesens sein ganzes Leben lang beeinflussen können. Wissenschaftler aus Magdeburg hatten die Beziehungen junger Ratten zu ihren Eltern und Geschwistern systematisch gestört. Hören konnten die kleinen Strauchratten sich zwar gegenseitig, sehen jedoch nicht: Streß und Angst waren die Folge. Die Forscher gehen davon aus, daß Streßhormone über das Blut ins Gehirn gelangen und dort das Wachstum von Nervenzellen und synaptischen Kontakten beeinflussen. Zum Beweis schnitten die Neurobiologen die Gehirne von Ratten in feine Scheiben und untersuchten diese unter dem Mikroskop. „Wir haben festgestellt, daß bei den deprivierten Strauchratten die Anzahl von Dörnchensynapsen stark vermehrt ist,“ sagt Anna Katharina Braun. Diese dauerhaften Veränderungen finden in einem Bereich des Gehirns statt, der für Emotionen und das Lernen zuständig ist. Daß sich die Ergebnisse auf Menschen übertragen lassen, zeigen kernspintomographische Aufnahmen von Kindergehirnen. Bei vernachlässigten Kindern sind in den entsprechenden lymbischen Gehirnregionen Stoffwechselunterfunktionen erkennbar. Die Konsequenz: „Man kann anhand unserer Daten überlegen, ob man Verhaltensstörungen therapieren und auch diese Gehirnstörungen wieder reparieren kann,“ so Anna Katharina Braun.

 
     
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