Perspektive  
07.02.07

Von: Birgitta vom Lehn


„Bindungstanz“ bewahrt Teenies vor dem Abdriften

Der kanadische Psychologe und Bestseller-Autor Gordon Neufeld beschreibt, warum es so verhängnisvoll ist, Kinder früh in die Selbständigkeit zu drängen.

 

Teenies, die stundenlang miteinander chatten, telefonieren oder simsen, die nur noch Lust auf Klamotten, Partys und Coolsein haben und Eltern und Lehrer ignorieren, kommandieren und tyrannisieren. Mädchen, die es als normal betrachten, Jungs auf Partys Oralsex anzubieten, die sich magersüchtig hungern, um mithalten zu können und die in der Schule ihre Intelligenz verstecken, um nicht aufzufallen. Jungs, die sich Schnittwunden zufügen, um Härte zu demonstrieren, und die keine Hemmungen haben, dies auch anderen anzutun. Eher die Ausnahme als die Regel? Leider nein.

Eltern reden das oft als „normales pubertäres Verhalten“ schön. Dabei muß normal ja nicht natürlich oder gesund sein. Man sucht die Sündenböcke in Gewalt- und Pornovideos, aufreizender Medienkultur, Popmusik und ähnlichen Dingen. „Halt, Irrtum!“, ruft der kanadische Bindungsforscher, klinische Psychologe und fünffache Vater Gordon Neufeld aus Vancouver dazwischen. Ursache sei fast immer eine Bindungsstörung zu den Eltern. Ist die Bindung intakt, richten die verderblichen Verlockungen so gut wie keinen Schaden an. Doch seit einigen Jahren machen sich die entscheidenden Bezugspersonen rar, und eben da liegt das Problem.

„Ben is lonely. He hasn´t got a lot of friends. His dad is an engineer and his mum a professor, so they´re often out. And his sister Susan is in America.” So beginnt die traurige Geschichte eines Jungen namens Ben im Fünftklässer-Englischbuch für Gymnasien. Als Ersatz freut Ben sich über „C1B1“, weshalb die Geschichte auch „A cool new friend“ heißt. Den stellt Ben seiner kurz ins Zimmer schauenden Großmutter vor. Der Computer wird allen Ernstes als Ersatz für die fehlenden Familienmitglieder präsentiert. Schulbücher wollen Realität abbilden. Der Berliner Cornelsen-Verlag hat also keine traurige Ausnahme-, sondern eine Regelsituation geschildert.

Aber das Dilemma fängt ja schon viel früher an. Aktive Mutterschaft wurde hierzulande per Gesetz auf ein Jahr beschränkt, Väter haben zwei Monate zu wickeln, das war´s. Danach sollen Kinder praktisch übergangslos in Institutionen betreut werden. Und damit hört der Luxus für die allermeisten von ihnen auf, echte Bindungen mit Erwachsenen, geschweige denn Eltern, leben zu können, denn der Betreuungsschlüssel ist in Krippen und Kitas aus Kostengründen niemals Eins zu Eins.

Gezwungenermaßen pflegen also schon Kleinkinder tagsüber ausschließlichen Umgang mit Gleichaltrigen, später setzt sich dies in Ganztagsschulen fort.

Das Problem: Bei Gleichaltrigen handelt es sich um unreife Bezugspersonen. Und unsicheren obendrein, denn bei Freunden müssen Kinder ständig um Anerkennung, Achtung, Liebe kämpfen, um nicht fallengelassen zu werden. In der Clique geht es um Gleichheit, Dazugehören, Mitmachen, nicht um Individualität, Begabung, Verantwortung. Das Mitmachenmüssen ist anstrengend. So anstrengend, daß viele Jugendliche gar nicht mehr zur Ruhe kommen und sich keinen Abstand gönnen von dem ewigen Simsen und Chatten. „Dieses dringende Bedürfnis, in Kontakt zu bleiben, stört nicht nur das Miteinander in der Familie, sondern auch das kindliche Lernen, die Entwicklung von Talenten und auf jeden Fall die für die Reifeentwicklung überaus wichtige schöpferische Einsamkeit“, schreibt Neufeld in seinem Buch „Unsere Kinder brauchen uns!“, das unter dem Titel „Hold On To Your Kids“ vor zwei Jahren in Kanada binnen weniger Wochen zum Bestseller avancierte und seit kurzem auch in deutscher Sprache vorliegt.

In Nordamerika sind die Probleme schon früh und massiv aufgetaucht. So habe sich seit 1950 die Selbstmordrate in der Altersgruppe der 10- bis 14-Jährigen vervierfacht, berichtet Neufeld. Allein in den Jahren 1980 bis 1992 weist diese Gruppe mit 120 Prozent den bislang größten Zuwachs an Selbstmordraten auf.

Die Gefahr sieht Neufeld auch auf Deutschland und Europa zukommen, und zwar immer da, wo es um Gleichaltrigenorientierung als Ersatz für Elternbindung geht.

Der Grundstein für diese in späteren Jahren oft verhängnisvolle Entwicklung wird von den Eltern selbst, meist unbewußt, gelegt: Möglichst früh erworbene Selbständigkeit und Unabhängigkeit gelten als Plus, schon im Kleinkindalter. Neufeld erklärt aber, warum es falsch ist, „nur Babys zur Abhängigkeit einzuladen, aber nach der Babyzeit die Unabhängigkeit zu unserem obersten Ziel zu machen“. Tatsächlich fördern wir dadurch nicht die wahre Unabhängigkeit, sondern nur die Unabhängigkeit von uns. Die Abhängigkeit wird dann auf die Gleichaltrigengruppe übertragen. Oder auf den Computer, wie bei Ben. Die erwünschte Unabhängigkeit stellt sich als natürlicher Reifeprozeß aber von ganz allein ein, wenn die kindlichen Abhängigkeitsbedürfnisse hinreichend befriedigt werden. „Wir müssen unsere Kinder ja auch körperlich nicht zum Wachsen bringen, wir müssen ihnen lediglich Nahrung geben“, sagt Neufeld.

 
     
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