Perspektive  
10.07.08

Von: Ralf Flierl


Nachfolgender Artikel erschien in der Ausgabe 7/2008 von ‚‚Smart Investor’. Wir danken sehr für die Genehmigung zur Veröffentlichung im ‚zeitreport’.

Bombe im Banken-Sektor

Aus Sicht von 'Smart Investor' deutet vieles darauf hin, daß sich in den nächsten Monaten im europäischen Banken-Sektor eine Katastrophe abspielen wird.

 

In der letzten Ausgabe prognostizierten wir, daß der europäische Banken-Sektor in den kommenden Monaten vermutlich noch mit einer sehr negativen Überraschung aufwarten wird. Wir argumentierten dabei vor allem mit der relativen Schwäche dieses Sektors gegenüber anderen Sektoren. Als Ausgangspunkt für den „Bombenalarm“ ist dabei natürlich die amerikanische Immobilienkrise zu sehen, die immer weitere Kreise an der Wall Street zieht. So wurden zuletzt heftige Gewinneinbrüche von JPMorgan oder Merrill Lynch berichtet, und die Investmentbank Lehman Brothers scheint gar dem Bankrott nahe zu sein. Unsere Überlegung war und ist weiterhin die, daß europäische Banken ebenfalls von diesem amerikanischen Wirbelsturm erfaßt werden, nur eben mit einer gewissen Zeitverzögerung.

Ein rein amerikanisches Phänomen?

Es ist derzeit weit verbreiteter Glaube, daß die momentane Finanzkrise ein rein amerikanisches Phänomen ist. Dies ist richtig, wenn man nur nach der Ursache sucht. Denn der Grundstein der Krise wurde in den USA geschaffen. Hier ist einerseits die verfehlte Regulierung im Immobilienbereich zu nennen. So wurden während der letzten Jahre die Standards für die Kreditgewährung völlig aufgeweicht, so daß offensichtlich kreditunwürdige Menschen zu Immobilienkäufen und damit in die Überschuldung „getrieben“ wurden. Weiterhin waren es angelsächsische Institute, die aus solchen Hypotheken die abenteuerlichsten Verbriefungsstrukturen erstellten, sich für diese von angelsächsischen Ratingagenturen ein Gütesiegel ausstellen ließen und das Ganze dann an andere Institute und institutionelle Anleger wie Pensionskassen und Hedgefonds weiter veräußerten. Der Großteil ging dabei zwar wiederum an amerikanische und britische Adressen, aber ein nicht zu verachtender Teil davon wurde auch von kontinentaleuropäischen Adressen aufgesogen. Auf der anderen Seite ist natürlich auch die viel zu expansive Geldpolitik des Alan Greenspan hier zu nennen, welche erst die Grundvoraussetzung für wirtschaftliche Exzesse darstellt. Aber das wäre nun ein komplett neues Thema, mit dem schon viele Bücher gefüllt wurden und über das Sie auch im Smart Investor immer wieder lesen konnten. Deswegen gehen wir an dieser Stelle nicht näher darauf ein.

Warum Gefahr für Europa?

Was also ist der Grund für uns zu prognostizieren, daß die europäische Bankenszene demnächst massiv von der „amerikanischen“ Finanzkrise erwischt werden wird? Hierzu gibt es eine Argumentationskette, die nachfolgend erläutert wird.

1. Schwache Eigenkapitalbasis

Zunächst einmal ist hier die fast durchgängig überaus schwache Eigenkapitalbasis der europäischen Großbanken zu nennen. Wie im Beitrag „Ein Hauch von Nichts“ ab S. 6 in Abb. 6 aufgezeigt wird, sind es vor allem die europäischen Banken, die mit EK-Quoten von oftmals unter 2% aufwarten, wohingegen die großen angelsächsischen Häuser wie Citigroup oder HSBC eine relativ komfortable Eigenmittelausstattung aufweisen. Aus Abb. 4 im selben Artikel geht zudem hervor, daß sich die EK-Quoten großer deutscher Banken im Verlauf des ersten Quartals 2008 nochmals deutlich reduziert haben. Dies ist einerseits auf erzielte Verluste und andererseits auf teilweise ausgeweitete Bilanzsummen zurückzuführen, was beides wiederum die schwelende Finanzkrise zur Ursache hat. Mittlerweile baut beispielsweise die Deutsche Bank auf 1 EUR Eigenkapital ein Geschäftsvolumen von 64 EUR auf (EK-Quote: 1,56%). Mit einer Bilanzstruktur, die mit solch heißer Nadel gestrickt ist, in eine Krise wie die momentane zu fahren, muß aus Sicht eines vorsichtigen Kaufmanns, gelinde gesagt, als recht riskant und, unverblümt gesagt, als verantwortungslos bezeichnet werden. Was sich Vorstand Josef Ackermann, der doch so gerne die Vorbildfunktion der Manager hervorhebt, dabei gedacht haben muß, erschließt sich uns nicht. Denn Fakt ist: Je niedriger die Eigenkapitalbasis, desto geringer ist der Puffer, um eventuelle Verluste abzufangen, und desto größer ist die Gefahr, bei erzielten Verlusten das Geschäftsvolumen herunterfahren bzw. bei tiefen Börsenkursen Vermögensgegenstände liquidieren zu müssen. Herr Ackermann, ist Ihnen das klar?!

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