Nachfolgender Artikel erschien in der Ausgabe 7/2008 von ‚‚Smart Investor’. Wir danken sehr für die Genehmigung zur Veröffentlichung im ‚zeitreport’.
Bombe im Banken-Sektor
Aus Sicht von 'Smart Investor' deutet vieles darauf hin, daß sich in den nächsten Monaten im europäischen Banken-Sektor eine
Katastrophe abspielen wird.
In der letzten Ausgabe prognostizierten wir, daß der europäische Banken-Sektor in den kommenden Monaten vermutlich noch mit einer
sehr negativen Überraschung aufwarten wird. Wir argumentierten dabei vor allem mit der relativen Schwäche dieses Sektors gegenüber anderen Sektoren. Als
Ausgangspunkt für den „Bombenalarm“ ist dabei natürlich die amerikanische Immobilienkrise zu sehen, die immer weitere Kreise an der Wall Street zieht. So
wurden zuletzt heftige Gewinneinbrüche von JPMorgan oder Merrill Lynch berichtet, und die Investmentbank Lehman Brothers scheint gar
dem Bankrott nahe zu sein. Unsere Überlegung war und ist weiterhin die, daß europäische Banken ebenfalls von diesem amerikanischen Wirbelsturm erfaßt
werden, nur eben mit einer gewissen Zeitverzögerung.
Ein rein amerikanisches Phänomen?
Es ist derzeit weit verbreiteter Glaube, daß die momentane
Finanzkrise ein rein amerikanisches Phänomen ist. Dies ist richtig, wenn man
nur nach der Ursache sucht. Denn der Grundstein der Krise wurde in den USA
geschaffen. Hier ist einerseits die verfehlte Regulierung im Immobilienbereich
zu nennen. So wurden während der letzten Jahre die Standards für die
Kreditgewährung völlig aufgeweicht, so daß offensichtlich kreditunwürdige
Menschen zu Immobilienkäufen und damit in die Überschuldung „getrieben“ wurden.
Weiterhin waren es angelsächsische Institute, die aus solchen Hypotheken die
abenteuerlichsten Verbriefungsstrukturen erstellten, sich für diese von
angelsächsischen Ratingagenturen ein Gütesiegel ausstellen ließen und das Ganze
dann an andere Institute und institutionelle Anleger wie Pensionskassen und
Hedgefonds weiter veräußerten. Der Großteil ging dabei zwar wiederum an
amerikanische und britische Adressen, aber ein nicht zu verachtender Teil davon
wurde auch von kontinentaleuropäischen Adressen aufgesogen. Auf der anderen Seite
ist natürlich auch die viel zu expansive Geldpolitik des Alan Greenspan
hier zu nennen, welche erst die Grundvoraussetzung für wirtschaftliche Exzesse
darstellt. Aber das wäre nun ein komplett neues Thema, mit dem schon viele
Bücher gefüllt wurden und über das Sie auch im Smart Investor immer
wieder lesen konnten. Deswegen gehen wir an dieser Stelle nicht näher darauf
ein.
Warum Gefahr für Europa?
Was also ist der Grund für uns zu prognostizieren, daß die
europäische Bankenszene demnächst massiv von der „amerikanischen“ Finanzkrise
erwischt werden wird? Hierzu gibt es eine Argumentationskette, die nachfolgend
erläutert wird.
1. Schwache Eigenkapitalbasis
Zunächst einmal ist hier die fast durchgängig überaus schwache Eigenkapitalbasis
der europäischen Großbanken zu nennen. Wie im Beitrag „Ein Hauch von Nichts“
ab S. 6 in Abb. 6 aufgezeigt wird, sind es vor allem die europäischen Banken,
die mit EK-Quoten von oftmals unter 2% aufwarten, wohingegen die großen angelsächsischen
Häuser wie Citigroup oder HSBC eine relativ komfortable Eigenmittelausstattung
aufweisen. Aus Abb. 4 im selben Artikel geht zudem hervor, daß sich die EK-Quoten
großer deutscher Banken im Verlauf des ersten Quartals 2008 nochmals deutlich
reduziert haben. Dies ist einerseits auf erzielte Verluste und andererseits
auf teilweise ausgeweitete Bilanzsummen zurückzuführen, was beides wiederum
die schwelende Finanzkrise zur Ursache hat. Mittlerweile baut beispielsweise
die Deutsche Bank auf 1 EUR Eigenkapital ein Geschäftsvolumen von 64
EUR auf (EK-Quote: 1,56%). Mit einer Bilanzstruktur, die mit solch heißer
Nadel gestrickt ist, in eine Krise wie die momentane zu fahren, muß aus Sicht
eines vorsichtigen Kaufmanns, gelinde gesagt, als recht riskant und, unverblümt
gesagt, als verantwortungslos bezeichnet werden. Was sich Vorstand Josef
Ackermann, der doch so gerne die Vorbildfunktion der Manager hervorhebt,
dabei gedacht haben muß, erschließt sich uns nicht. Denn Fakt ist: Je niedriger
die Eigenkapitalbasis, desto geringer ist der Puffer, um eventuelle Verluste
abzufangen, und desto größer ist die Gefahr, bei erzielten Verlusten das Geschäftsvolumen
herunterfahren bzw. bei tiefen Börsenkursen Vermögensgegenstände liquidieren
zu müssen. Herr Ackermann, ist Ihnen das klar?!