Schlaganfall-Kinder brauchen kontinuierlich Begleitung
Bremer Studie: Junge Patienten werden oft verhaltensauffällig, haben Schulprobleme und werden „durchgereicht“.
Als die dreijährige Pauline nachts plötzlich wie am Spieß schrie, tippte
ihre Mutter auf eine Blasenentzündung. Das kleine Mädchen war aggressiv und
ließ sich nur schlecht beruhigen. Erst Stunden später schlief es wieder ein. Am
Morgen konnte Pauline ihre linke Körperhälfte nicht mehr bewegen. Die
Mutter fuhr mit ihr in die Klinik, wo man ihr sagte: Pauline habe
womöglich einen Schlaganfall erlitten. Die anschließende Kernspintomographie
bestätigte den Verdacht.
Rund 300 Kinder in Deutschland erleiden jährlich einen Schlaganfall. Am häufigsten
ereignet er sich bei Neugeborenen: Eins von 4.000 ist betroffen. Ursachen
können Herzfehler, Gefäßverletzungen oder -entzündungen sein. Rund ein Drittel
trägt bleibende Schäden wie Lähmungserscheinungen oder epileptische Anfälle
davon. Darüber hinaus haben sie auch oft Gedächtnisprobleme und Konzentrationsstörungen,
denn ein früher Schlaganfall schädigt das reifende Gehirn, vor allem wenn die
Hirnrinde betroffen ist, was meist bei Neugeborenen und älteren Kindern der
Fall ist. Oft zeigen sich die Folgen erst in der Schule, wenn die
Leistungsanforderungen steigen. Zusätzlich treten Verhaltensauffälligkeiten,
emotionale Störungen und Depressionen auf.
Das Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation an der Universität
Bremen sammelt seit sechs Jahren Daten im Rahmen des Projekts „Schlaganfälle
im Kinder- und Jugendalter – neuropsychologische Störungen im Langzeitverlauf“.
Im Fachblatt ‚Fortschritte der Neurologie und Psychiatrie’ haben die
Bremer Forscher nun erste Ergebnisse vorgestellt. An dem Projekt beteiligen
sich betroffene Familien aus dem gesamten Bundesgebiet. Insgesamt liegen
mittlerweile Daten für 111 Familien vor und damit von 57 Jungen und 54 Mädchen
zwischen drei und 18 Jahren. Davon haben 54 Kinder innerhalb des ersten
Lebensmonats ihren Schlaganfall erlitten, 30 zwischen dem zweiten Lebensmonat
und dem sechsten Lebensjahr und 27 zwischen dem siebten und 18. Lebensjahr.
Studienleiterin Monika Daseking und ihr Team verzeichnen bei den Probanden „besonders
auffällige Werte“ für die Skalen „Soziale Probleme“ und „Aufmerksamkeitsprobleme“:
27 Prozent der Eltern berichteten von sozialen Problemen, 24 Prozent von
Aufmerksamkeitsdefiziten. Zwölf Kinder zeigten dissoziales, 18 aggressives
Verhalten und acht Kinder zeigten sich in beidem auffällig. Insgesamt bewegt
sich ein Drittel der Kinder „im auffälligen Bereich“, stellen die Forscher
fest.
Besonders betroffen von Aufmerksamkeitsproblemen und sozialen Konflikten scheinen Kinder
zu sein, die den Schlaganfall unmittelbar nach der Geburt oder im späteren
Kindesalter erlitten haben. Als „ängstlich“ und „aggressiv“ werden verstärkt
Kinder mit dem Schlaganfall zu einem späteren Zeitpunkt eingeschätzt. Letztere
klagen auch stärker über körperliche Beschwerden als Kinder nach perinatalen
oder frühkindlichen Schlaganfällen.
Wie sich der Schlaganfall auf die allgemeine Intelligenzentwicklung auswirkt, hängt
sowohl vom Alter zum Zeitpunkt der Schädigung als auch von der Lokalisation ab.
Linkshemisphärische Schlaganfälle beim Neugeborenen oder in der späteren
Kindheit scheinen den größten negativen Einfluß zu haben. „Kinder mit
perinatalen Schlaganfällen zeigen auch insgesamt die niedrigsten
Intelligenzwerte“, schreiben die Wissenschaftler.
Jedes zweite Schlaganfallkind besucht keine Regel-, sondern eine Förder- oder
Sonderschule, weil es bereits eine Klasse wiederholt oder unterdurchschnittliche
Leistungen gezeigt hat. Dabei seien viele dieser Kinder eigentlich nicht richtig
auf der Sonderschule aufgehoben, weil sie nur Teilleistungsstörungen haben.
„Sie haben visuelle oder motorische Probleme und brauchen oft einfach nur
mehr Zeit für ihre Aufgaben. Das Schulsystem ist da zu unflexibel, um den
Förderbedarf zu leisten“, klagt Daseking.
Diese Kinder verbringen auch weniger Zeit in Gruppen und Vereinen und haben weniger
Freunde. Jungen und Mädchen sind gleich stark betroffen. Vielen fehlt im
Kindergarten die sprachliche Kompetenz, sich angemessen mitteilen zu können.
Stellt das Kind fest, daß es mit den gesunden Gleichaltrigen nicht mithalten
kann, reagiert es aggressiv oder zieht sich zurück. Beides führt ins soziale
Abseits. Die Erkenntnis, anders zu sein als andere Kinder, beginnt – gerade bei
Einzelkindern – mit dem Eintritt in den Kindergarten.
Daseking rät daher Eltern, bei wichtigen Einschnitten im
Leben ihres Kindes – Kindergarteneintritt, Schuleintritt oder Schulwechsel –
besonders wachsam zu sein. Wichtig sei, „immer am Ball zu bleiben“ und sich
„nicht abwimmeln zu lassen“. Die Kinder bräuchten eine langfristige fachkundige
Begleitung. Häufig sei es aber so, daß die Zuständigkeiten wechseln und die
Kinder „durchgereicht“ würden. Daseking: „Man fokussiert sich meist
zu spät auf das Reparieren der Schäden. Dabei kann man bei Kindern viel
präventiv machen, wenn man früh übt und trainiert, nicht nur die motorischen
Defizite, sondern auch das kognitive Verhalten.“ Ideal sei eine
neuropsychologische Therapie. Doch die zahle die Kasse nicht. Stattdessen werde
meist Ergotherapie gemacht. Daseking bezeichnet das als „schlechte
Alternative“ – es sei denn, der Ergotherapeut arbeite mit einem Psychologen zusammen.
„Schlimm ist, wenn unspezifisch gefördert wird“, warnt die Psychologin.
Medikamente wie Methylphenidat könnten wirksam eingesetzt werden – aber nur,
wenn genau kontrolliert werde, ob keine Gerinnungsstörung vorliege und dies in
enger Abstimmung mit einem Kinder- und Jugendpsychiater geschehe.
Pauline hat übrigens Glück gehabt. Sie hat sich bis auf
leichte feinmotorische Störungen in der linken Hand und im linken Fuß fast
vollständig von ihrem Schlaganfall erholt. Dennoch bleibt sie unter weiterer
Beobachtung. Die Ursache für den Schlaganfall konnte an der Universitätsklinik
Münster geklärt werden, wo ebenfalls eine Langzeitstudie läuft und es eine
Spezialsprechstunde für junge Schlaganfallpatienten gibt: Pauline hatte
vor fünf Wochen Windpocken. Dabei haben sich die Hirngefäße entzündet.
Birgitta vom Lehn