Wirtschaftspolitik

///Wirtschaftspolitik
­

Unterseite Wirtschaftspolitik

5. September 2013

Abwarten, Hoffen und Harren sind keine Lösung der EURO-Krise!

5. September 2013|Politik, Sozialpolitik, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Abwarten, Hoffen und Harren sind keine Lösung der EURO-Krise!

Gemäß der Maxime: ‘Keine Kritik ohne Alternative!’ wurde das beigefügte Dossier* erarbeitet. Es geht an Wirtschaftsexperten, Lehrstuhlinhaber für Volks-, Wirtschafts-, Finanz- und Betriebswirtschaft sowie ausgewählte, mir zum Teil persönlich bekannte Personen, deren Interesse an der Lösung der ‘Euro-, Finanz-, Wirtschafts-, Banken- und Sozialkrise’ ich voraussetzen zu können glaube, und die ihrerseits nicht qua Amt oder Funktion im Öffentlichen Dienst, bei interstaatlichen Organisationen oder öffentlichen Lehranstalten sowie in Parteien in ihrer Beurteilung oder Entscheidungsfindung mehr oder weniger stark (oder völlig!) eingeschränkt sind.

Diese Ausarbeitung kann ohne Rückfrage beim Autor, aber jeweils mit Quellenangabe, beliebig weitergegeben und verwendet werden. Im Sinne der notwendigen Veränderungen, die wir aktiv angehen müssen, statt uns darauf zu verlassen, daß Politiker oder Parteien bereit sind, grundsätzliche Veränderungen vorzunehmen, sollten diese Gedanken jeden potentiell Interessierten erreichen. Insofern bin ich für jede Weitergabe dieser Gedanken ausgesprochen dankbar.

Für kritische Anregungen und Hinweise, aber auch für Rückfragen stehe ich selbstverständlich gerne zur Verfügung.

Mit besten Wünschen

H.-W. Graf

* Der Autor ist seit 1972 als Finanzberater, Vermögensverwalter, Autor und Journalist (Wirtschaft, Politik und Psychologie) tätig.

26. August 2013

Schlafen ist gesund, Verschlafen eher gefährlich!

26. August 2013|Gesellschaft, Politik, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Schlafen ist gesund, Verschlafen eher gefährlich!

David P. Goldman, der seit 2000 regelmäßig seine ‘Spengler-Essays‘ auf Asia Times online veröffentlicht (in memoriam des deutschen Philosophen Oswald Spengler), meinte vor kurzem, daß ‚bei keinem Handelsgeschäft mehr Menschen mehr Geld verloren haben, als mit dem Crash der japanischen Staatsschulden, der nie geschah‘; und er vermutet, daß sowohl die japanische als auch die US-Wirtschaft den derzeitigen „Dauerschlaf“ noch für lange Zeit beibehalten werden.
Nun, bei Japan, das seit über 20 Jahren im ökonomischen ‚Koma‘ liegt, unken die Ökonomen fast ebenso lange, daß dieses Land an seiner demographischen Situation (Japan ist das alterndste Volk der Welt) früher oder später kollabieren werde. Aber Japan will und will nicht kollabieren; stattdessen wird immer mehr Staatsgeld dem wirtschaftlich „komatösen“ Patienten in die „Venen“ gepumpt – inzwischen mehr als 270 % des Bruttoinlandprodukts (BIP).

image005 Quelle: OECD (Sparquote der Haushalte (in % des BIP)

Nun wähnt Spengler, die USA könnten das gleiche Schicksal erleiden. Dem ist aber entgegenzuhalten, daß die japanische Sparquote traditionell (und seit Ende des zweiten Weltkriegs) durchschnittlich dreimal so hoch ist wie die der US-Bürger. Und auch dem Argument, die japanische Gesellschaft altere vor sich hin, während die US-Bevölkerung sogar noch wächst, muß entgegengehalten werden, daß die weiße Bevölkerung der USA bereits seit Jahren schrumpft, wohingegen die Afro-Amerikaner und die Latinos zunehmen. Aber gerade unter der farbigen Bevölkerung der USA ist das Bildungs- und Einkommensniveau deutlich divergenter als in den weißen Bevölkerungsschichten. Und was die Exportfähigkeit der eigenen Produktion anbelangt, liegt Japan prozentual immer noch vor den USA.

Wir brauchen aber gar nicht so weit nach Osten oder Westen zu gucken; auch hierzulande schreitet der Abbau des Mittelstandes – der „Wirbelsäule“ jeder Volkswirtschaft – voran, während sich die ökonomische „Oberschicht“ der Konzerne mit Fusionen, der Beschränkung auf das berühmte „Kerngeschäft“ und das Abstoßen handelswerter „Töchter“ beschäftigt.
Am meisten unter Druck stehen sicherlich staatliche oder pseudo-private Unternehmen (an denen der Bund oder die Länder Sperrminoritäten oder gar die Mehrheit besitzen), denn je verbeamteter die Strukturen sind – egal ob Produktion oder Dienstleistung –, desto weniger flexibel können sie auf die Gegebenheiten und Notwendigkeiten reagieren, mit denen wir es in immer stärkerem Maße zu tun haben.

Dann nützt es auch wenig, wenn nach einer jüngsten Befragung frappierende 91 % der Bevölkerung den Politikern weder Glauben schenken, noch ihnen darin vertrauen, die Probleme der Zukunft (und nicht nur des EURO) lösen zu können (und wirklich zu wollen).
Egal, wieviel Prozent der Bevölkerung in fünf Wochen ihre Stimme für die nächsten vier Jahre in einer Urne(!) versenken – auch bei einer Wahlbeteiligung von nur 10 % würden sich die Gewinner der Wahl als ‚SiegerInnen‘ feiern und hemmungs- wie gewissenlos, gleichwohl inkompetent dieses Land regieren.

Abgesehen von den Unruheregionen dieser Welt, der dümpelnden Snowden-Affäre und sinnarmen Sensatiönchen, die uns die Medien liefern, hat sich auch in der vergangenen Woche an den Börsen, den Währungs- und Anleihemärkten nichts wirklich Wesentliches getan; die EZB und der Euro-Raum warten auf die Bundestagswahl, die €-Krisenländer geloben Fortschritte, die ihre Bevölkerung aber nicht bereit ist, mitzutragen, und halb Europa tummelt sich an Badeseen und Stränden.
Während die Bevölkerungen in Frankreich, Italien, Griechenland und Spanien protestieren, frägt man sich in Deutschland unwillkürlich: Was muß denn eigentlich geschehen, damit der deutsche Michel nicht nur an Stammtischen und bei Kaffeekränzchen leise grummelt, sondern ernsthaft protestiert?

H.-W. Graf

23. August 2013

Doping in der Politik

23. August 2013|Politik, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Doping in der Politik

Die Welt zeigt sich erschüttert und entsetzt – zumindest die der Sportfans; acht der neun letzten Tour-de-France-Sieger waren gedopt und neun der zehn schnellsten 100-m-Läufer wurden ebenfalls des Dopings überführt. Nicht viel anders sieht es in nahezu allen Einzelsportarten aus – Mannschaftssportler sind da etwas vorsichtiger (aus gutem Grunde).

Worüber echauffieren wir uns eigentlich? Die Sportwelt und Millionen (zumeist passiver) Sportfans wollen Siege und (wenn möglich) ständig neue Rekorde sehen. Dafür locken Millionen an Gehältern und Prämien, vor allem aber lukrative Werbeeinnahmen. Die Sponsoren ihrerseits hoffen auf weiter wachsenden Konsum und steigende Gewinne, was wiederum sowohl den Aktionären als auch den Finanzministern nur recht sein kann. Dabei läuft hier ein albernes Spiel ab: Ein Mitarbeiter der größten Doping-„Küche“ (in der Nähe Wiens) erklärte mir vor kurzem grinsend: „Natürlich wird in nahezu allen Sportarten gedopt, sonst wären die heute geforderten Leistungen völlig unmöglich. Wir müssen bei unseren Mixturen immer neue Wege gehen und sind dabei den Kontrolleuren immer zwei bis fünf Jahre voraus.

Aber, mal ehrlich: Was ist denn der Unterschied, ob sich ein Sportler mit EPO oder Eigenblut-Doping zu höheren Leistungen manipuliert, oder sich Banker, Manager und Politiker mit Kokain, Alkohol oder Tabletten dopen?
Die jeweiligen „Kollegen“ wissen ganz genau, was „läuft“, und keiner würde es wagen, den Konkurrenten dafür hinzuhängen. Nur wer es übertreibt, wer allzu offensichtlich unbotmäßig ins Rampenlicht drängt (oder sich einfach als zu blöde erweist), wird ausgegrenzt, öffentlich „geoutet“ und zum „Abschuß“ freigegeben. Daß unsere Politiker sich nur allzu gerne dopen lassen – als „Berater“ (auch wenn sie von der Materie keinen Schimmer verstehen) und Vorzeige-„Hofnarren“ von der Wirtschaft – weiß jeder ganz genau.

Und wir, die Sportbegeisterten, Konsumwütigen und Politiker-Hörigen akzeptieren diese uns angebotene Scheinwelt nur allzu bereitwillig.

So erklärt man uns polymedial und tagtäglich, daß die Euro-Finanz-, -Wirtschafts- und -Bankenkrise „im Griff“ und weitestgehend gelöst sei, die Problemländer „beachtliche Fortschritte“ (Schäuble) vorzuweisen hätten, sich also weder heutige noch künftige Generationen „wirklich Sorgen machen müßten“.

Nun, die Realität ist eine gänzlich andere (siehe nachfolgende Grafiken) und beweist eindeutig, daß unsere politischen BänkelsängerInnen entweder vorsätzlich lügen oder schlicht nicht wissen, wovon sie überhaupt reden.
Welches Dopings sie sich hierbei bedienen, ist völlig nebensächlich.

Zu den Fakten: Die öffentlichen Schulden in Europa wachsen – trotz der historisch niedrigen Zinssätze! – weiter. So stieg der Schuldenstand im Euro-Raum inzwischen auf über 92% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – allein in den letzten drei Monaten um 1,6%-Punkte. Vom 31.3.2012 (8,3 Billionen Euro) bis 31.3.2013 wuchs der Schuldenberg um 450 Milliarden Euro auf 8,75 Billionen. Die Maastricht-Kriterien (u.a. eine Schuldenobergrenze von 60%) sind längst Makulatur. Wuchtige Worthülsen (‚Fiskalpakt‘) und irreführende Abkürzungen [ESM, EFSF, EFSM, ESFS und FSB (gemeint ist nicht der russische Geheimdienst, sondern der ‚Finanzstabilisierungsrat‘)] dienen lediglich der Verwirrung und intellektuellen Entmutigung derjenigen, die diesen ganzen Unsinn zu bezahlen haben, auf deren Rücken dieses (finanz-)politische Theater veranstaltet wird – Sparer und Steuerzahler.
Zwar sanken dank weiterer Rekordsteuern Deutschlands Schulden im ersten Quartal 2013 um 15 Milliarden (auf nunmehr 81,2% des BIP), dafür kämpfen immer mehr Kommunen hierzulande mit dem drohenden Bankrott. Und im gleichen Atemzug stieg die Gefahr für den bundesdeutschen Steuermichel um mehr als das Vierfache (62 Mrd.), denn der irische Schuldenstand stieg im gleichen Zeitraum um 7,7%, der belgische um 4,4% und der spanische um 4%. Noch schlimmer steht die Lage in Griechenland (+ 24,1%) und Portugal (14,9%). Von den ebenfalls weiter steigenden (Jugend-)Arbeitslosenraten wollen wir an dieser Stelle gar nicht sprechen. Auch hier wird munter weiter fabuliert und gelogen; so image002
meldete Spanien für den Juni erstmals wieder sinkende Arbeitslosenzahlen. Dahinter stehen jedoch eine Veränderung der Berechnungsgrundlagen und die Flucht vieler Spanier aus ihrem Heimatland, wodurch sie automatisch aus der Statistik fallen.
Gleichzeitig versuchen sich viele Staaten ihrer Schulden teilweise dadurch zu entledigen, daß sie staatliche/kommunale Unternehmen privatisieren (siehe der Anstieg der Verschuldungen bei Nicht-Finanzunternehmen in Graphik 1).

Graphik 2 zeigt eindrucksvoll die Entwicklung der Renditen zehnjähriger Staatsanleihen, wobei der „Spread“ (= Unterschied) zwischen Italien, Frankreich und Deutschland heute prozentual weitaus höher ist als 1990 (bei der „Zeugung“ erst des ECU und dann des Euro), obwohl alle diese Länder dem Währungsverbund, den man mithilfe der gemeinsamen Währung zu erzwingen versuchte, angehören.
Nicht nur Griechenland und Italien haben sich mit mehr oder weniger erlogenen Statistiken in die EU geschmuggelt. Und die Kohls, Waigels, Schäubles, Schröders, Fischers & Co. wußten es – entgegen ihrer heutigen Lügen – ganz genau.

Wir können fest darauf setzen, daß (und dies gilt weltweit) die Zinsen auch weiterhin niedrig bleiben werden und die Notenbanken – Not-getrieben! – dafür weitere Billionen an Euro, Dollar, aber auch Yen und Yuan drucken werden. Stiege nämlich der Zins auf sein historisches Durchschnittsniveau (etwa 4%), bräche binnen weniger Monate das gesamte politische „Kartenhaus“ in sich zusammen (siehe Graphik 2, rechts).

image003Zum jetzigen Zeitpunkt bezahlen Sparer, die auf Geldwerte (Sparbücher, Festverzinsliche, Anleihen, etc.) nach Abzug von Steuern und Inflationsraten Negativzinsen einfahren, und immer höher belastete Steuerzahler das Festmahl für unsere gedopten Politiker. Doch irgendwann kommt die (bereits heute ersichtliche) monströse Rechnung, denn keiner unserer Politsportler und keines ihrer Teams (Parteien) hatten a) die Kompetenz und b) den Mut, dieses ‚Wahnsinnsprojekt‘ ‚EUro‘ bereits vor fünf Jahren als gescheitert zu erkennen und dies öffentlich zu erklären, da sie fürchteten, von aufgeschreckten Wählern aus dem Amt gejagt zu werden.
Und hier schließt sich der Kreis: Sportfans wollen leider genauso belogen und hinters Licht geführt werden wie Steuerzahler, Konsumenten und Wähler. Feinsinnig, wenngleich wohl anders gemeint, drückte dies Ilse Aigner, Verbraucherschutzministerin, aus: „Privat ist privat, und Politik ist Politik“. Und schon EZB-Chef Mario Draghi ließ uns wissen, daß man als Politiker eben notfalls lügen müsse. Warum nimmt man Sportlern gleiches Verhalten übel?

H.-W. Graf

27. Juli 2013

Sieben magere Jahre

27. Juli 2013|Außenpolitik, Politik, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Sieben magere Jahre

Erklärungen von Politikern sollte man durchweg ernst nehmen – nicht das, was sie verlautbaren, sondern zumeist dessen Gegenteil, vor allem jedoch das, was sie aussparen und tunlichst verschweigen.
So betonte Finanzhäuptling Schäuble vor der griechischen Handelskammer gleich zweimal, wie beeindruckt er von den Fortschritten des griechischen Reformkurses sei – Öl auf die Seele der Helenen, aber glatt gelogen –, um dann ebenso deutlich darauf hinzuweisen, daß die 100 Millionen Euro Kredithilfe von deutscher Seite nur zur Verfügung gestellt würde, wenn deutlichere Reformschritte erkennbar würden.

Nun ist dieser Kreditfonds, eine Art KfW[1], für Unternehmer gedacht, die neue Arbeitsplätze zur Verfügung stellen sollen, was jedoch überhaupt nichts mit den staatlich verkrusteten Beamtenstrukturen zu tun hat. Dies gleicht einem Bonbon, das ein Erwachsener mit ausgestreckter Hand einem auf dem Bauch liegenden Kleinkind anbietet.

„Ich habe bisweilen den Eindruck, daß sich die meisten Politiker immer noch nicht darüber im Klaren sind, wie sehr sie bereits heute unter der Kontrolle der Finanzmärkte stehen und sogar von diesen beherrscht werden.“
Prof. Hans Tietmeyer

Auch „Helikopter“-Ben vermeldete bei seiner mit Spannung erwarteten Rede am 17. Juli – wie immer in sybillinischen Formulierungen verquastet – nichts Neues; man werde, so FED-Chef Bernanke, die Zuflüsse neuer Geldmengen (derzeit 85 Milliarden US-Dollar pro Monat) zurückfahren, aber erst, wenn die wirtschaftliche Entwicklung hierzu Anlaß und Chancen böte.

Über all dem manisch-phobischen Hickhack um Griechenland verliert der informationsbeflissene Bundesbürger den Blick für diejenigen Volkswirtschaften, die tatsächlich drauf und dran sind, das EURO-Debakel zu beschleunigen – vor allem: Frankreich! Hier ist ein wirtschaftspolitisch völlig inkompetenter Sozialist gerade dabei, die ökonomischen und sozialen Strukturen eines 56-Millionen-Volkes zielsicher an die Wand zu fahren. Wer heute die ‚à vendre‘-Schilder in Paris, Marseille und Bordeaux zählt – an den Schaufenstern von Kleinunternehmen ebenso wie in Vorgärten und an Häusern – ahnt, daß die Herabstufung Frankreichs auf ‚B‘ durch sämtliche Ratingagenturen nicht von ungefähr kommt. Italien und Spanien, die nächst-größeren Volkswirtschaften der Euro-Zone, werden bankintern längst als „Ramsch“ gewertet.

„Es gibt nichts Unsozialeres als den Wohlfahrtsstaat, da dieser individuelle Egoismen fördert; soziale Hilfe in Notfällen gerinnt zum puren Rechtsanspruch.“
Prof. Ludwig Erhard

Die Horror-Arbeitslosenzahlen – insbesondere die der Jugendarbeitslosigkeit, die Griechenland, Spanien und Portugal ausweisen – sind nur die Spitze des Eisbergs. In der gesamten Euro-Zone sind derzeit durchschnittlich 20% der arbeitsfähigen Menschen und über 40% der arbeitsfähigen Jugendlichen zwischen 18 und 24 Jahren arbeitslos. Gleichzeitig liegt der durchschnittliche Schuldenstand (im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt) inkl. der bereits heute feststehenden zukünftigen Verpflichtungen der Staaten (Pensionen, Zusatzversorgung, etc.) bei zwischen 300 und 500%. Da diese ‚Kredite auf die Zukunft‘ aber insbesondere den heutigen Jugendlichen auf die Füße fallen, sei die Frage erlaubt: „Wer soll diese Schulden eigentlich bezahlen?“ Nur einer der vielen Nebenaspekte: Seit 1969 ist die Heiratsfreudigkeit der Bevölkerung in der EU-Zone von 72% auf 47% gefallen.

Lassen Sie sich weder verwirren, noch ängstigen; Deutschland muß auf Gedeih und Verderb den Status Quo erhalten, um nach der Bundestagswahl die berühmten „Hosen“ herunterzulassen. Bis dahin wird der Abnicker-Verein in Berlin buchstäblich alles goutieren. Wie sagte schon der slowenische Dichter Zarko Petan (geb. 1929): „Mit leerem Kopf nickt es sich leichter“. In den nächsten 60 Tagen wird weder an den Märkten, noch im politischen Kasperle-Theater Nennenswertes passieren; wie selten zuvor haben wir ausschließlich politische Börsen. Daran ändern auch die sich auszuweiten drohenden Konflikte in Ägypten und Syrien, die Demonstrationen in Brasilien, Spanien und Irland, Griechenland und Italien überhaupt nichts.

H.-W. Graf

[1] Kreditanstalt für Wiederaufbau

12. Juni 2013

Der BDI-Kongreß – im Vorfeld der BT-Wahl.

12. Juni 2013|Innenpolitik, Politik, Steuer- und Finanzpolitik, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Der BDI-Kongreß – im Vorfeld der BT-Wahl.

Wer sich der Mühe unterzog, den beiden Hauptrednern auf dem BDI-Kongreß, A. Merkel und P. Steinbrück, zuzuhören, den läßt das realpolitische Szenario, welches wir derzeit in diesem Lande gewärtigen, reichlich rat- und hilflos zurück; hier eine blutleere und völlig inhaltslose Phrasenabfolge einer fachlich wie intellektuell überforderten Merkel, die recht offensichtlich in üblichem Mißmut einen Pflichttermin absolvierte, populistische Wahlversprechen wiederholte (ohne die Frage der Finanzierbarkeit auch nur zu streifen), Steuererhöhungen dezidiert in Abrede stellte (was von ihren Versprechen zu halten ist – Mehrwertsteuer -, weiß man seit 2004), sich sehr verkrampft an Pult und Redevorlage festhielt, um zwischendurch reihum zu lugen, wie ihr freudloses Gestammel denn wohl so ankäme; dort ein völlig frei redender, hellwacher Steinbrück, der mit Fakten und Daten klar, kompetent und präzise belegte, wo dieses Land steht, wo der Schuh drückt und was er (ganz persönlich!) denkt – ohne sich im mindesten darum zu kümmern, wie dies beim Auditorium ankommen könnte.
Aber selbst im Kreise des BDI, das bewies die Mimik des höflich applaudierenden Plenums, will man sich lieber mit nichtssagendem Geschwafel abfertigen lassen, statt ohne Charme und Herz, aber ehrlich und kompetent argumentierte Fakten auf- und anzunehmen.

Stünde hinter diesem hanseatisch kühlen, bisweilen in Sarkasmus badendem Steinbrück nicht dieser Lachverein von SPD – denken Sie an die Matrone Nahles oder den drall-drolligen Gabriel –, man könnte diesen Mann glatt wählen. Wüßte ich, daß ihn persönliche mails auch tatsächlich (ungefiltert) erreichen, dann schlüge ich ihm unser ‘alternatives Steuer-, Finanz- und Sozialkonzept’* (das seit Jahren im Archiv aller Parteien vermodert) vor; er verstünde es zumindest, auch wenn er im heutigen Umfeld dieser Partei wohl nicht wagen könnte, es einzubringen.

So aber bleibt wohl keine wirkliche Wahl, als am 22.September sämtlichen Parteien Vertrauen und Stimme zu verweigern, denn die ehemalige SED-Agitatorin Merkel (mit dem Zyniker Schäuble im Rücken; alle ansonsten kompetenten Partei”freunde” hat sie längst weggebissen) ist mit ihrer einzigen Kompetenz, aalgleich und rückgratlos jeder Konfrontation auszuweichen, völlig damit überfordert, den auf uns zukommenden Problemen zu begegnen;
Steinbrück, von seiner Partei mit einer fragwürdigen Garde (“Kompetenzteam”) unter Kuratel gestellt, kann aus einer SPD kein politisches “Dreamteam” formen; dem lustigen Politclown Rößler dürfte am 22.9. der Schalk vom Nacken in die Hacken rutschen; dem völlig inkompetenten “Dosenritter” und “Deutschland-Hasser” Tritt(h)in und seiner Politkonkubine Roth könnten halbwegs aufgeklärte WählerInnen ein schmerzliches Erlebnis bescheren [sollte die FDP tatsächlich ‘rausfliegen, haben die “Roten” hoffentlich wenigstens den Charakter und das Hirn, sich einer Koalition mit den gestrigen, realitätsfremden Traumtänzern von “Grün” und “Dunkelrot” zu verweigern]; die “Piraten” werden weiter pubertär im Polit-Kindergarten spielen, und der AfD, die bis heute kein wegweisendes, komplettes Programm aufweist, sondern sich in unipolarer Verweigerung des Euro-Fiaskos ergeht, ist ein Ergebnis von mehr als 5% nicht wirklich zuzutrauen. Den egomanen Solisten Aiwanger sollten wir gnädigerweise gleich außen vor lassen.

Na denn, dann werd’ ich mal wieder zur Wahl gehen, meine Stimme ungültig machen (um das allseits begehrte “Wahlgeld” nicht den “Siegern” dieser pseudodemokratischen Scharade zu überlassen) und im “Urnengrab” meines Wahllokals versenken.

Gelänge es Bernd Lucke, kompetente Partner vom Schlage der Hankels, Schachtschneiders, Nöllings, Starbattys, Schäfflers, Bosbachs und (eben) Steinbrücks neben sich zu scharen, dann gäbe ich der AfD wirklich eine reelle Chance, aber dazu ist wohl die Zeit noch nicht reif und das Chaos noch nicht groß genug. Naja, die Hoffnung stirbt zuletzt!

H.-W. Graf

* Grundzüge eines neuen Steuer-, Wirtschafts- und Sozialkonzeptes

14. August 2012

Wolfson Economics Prize 2012

14. August 2012|Finanzen / Wirtschaft, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Wolfson Economics Prize 2012

Der von dem englischen Lord Simon Adam Wolfson ausgelobte ‚Wolfson Economics Prize 2012’ suchte weltweit nach einer ‚Beschreibung des besten Auswegs aus der EURO-Zone sowie Perspektiven für den Verbleib der übrigen Mitglieder’.
Namens und im Auftrag des ‚PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.’ verfaßte ich nachstehenden Wettbewerbsbeitrag.

Wenngleich wir es mit unseren Vorschlägen (die mutmaßlich zu alternativ waren) nicht in den Kreis der fünf Finalisten schafften, erlaube ich mir, Ihnen meine Gedanken zur Lektüre anzubieten, da ich der festen Überzeugung bin, daß wir geistig völlig aus dem bisherigen System ökonomischen Denkens aussteigen müssen, um wirkliche Lösungen für die Banken-, EURO- und Euro-Zonen-Krise – in Wahrheit handelt es sich um eine monströse (internationale) Staatsschuldenkrise – zu finden, wenn wir nicht gewärtigen wollen, daß uns das internationale Finanzsystem um die berühmten „Ohren fliegt“ – mit unabsehbaren finanziellen, wirtschaftlichen und (vor allem) sozialen Folgen.

H.-W. Graf

Vorstand PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.

Wegen der vielen Anfragen aus dem Ausland jetzt auch in Englisch.

Download (PDF, 347KB)

Download (PDF, 324KB)

8. November 2011

Bericht über den Kongreß vom 10. bis 11. September 2011 in Fulda: Erfolgreiche Vorbereitung auf die Weltwährungsreform II

8. November 2011|Steuer- und Finanzpolitik, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Bericht über den Kongreß vom 10. bis 11. September 2011 in Fulda: Erfolgreiche Vorbereitung auf die Weltwährungsreform II

Auch dieser Kongreß der Sven Hermann Consulting in Fulda darf organisatorisch und vor allem, was die Qualität der Sprecher anbelangt, als sehr erfolgreich und lohnenswert angesehen werden, wenngleich schon das Thema – ’Erfolgreiche Vorbereitung auf die Weltwährungsreform’ – zu erbaulicher Heiterkeit wenig Anlaß bot. So stellte Dr. Udo Ulfkotte (Thema: ’Sie prahlen – wir zahlen! Europa vor dem Crash’) gleich im Eingangsreferat klar: „Die nun anstehende Krise wird zum Supergau“. Hierbei stellte er, stets an der Grenze zur ’political incorrektness’, auf einen sehr interessanten Länder-IQ ab, der die Einzelaggregate Bildung, reale und funktionale Analphabetenrate, beruflich im Ursprungsland verwertete Ausbildungskosten, u.ä. mißt. So nimmt Europa vor allem Nicht-Qualifizierte auf (allen voran die BRD). Während dies in Europa vor allem zur Auszehrung der Sozialsysteme führt, sind Menschen  in Ländern mit niedrigem IQ-Rating um so anfälliger für Diktaturen, Sekten, Ideologien und Kriminalität.
Sehr eindringlich wies Ulfkotte darauf hin, daß sich sämtliche, heute artikulierte Krisen in Wahrheit als eine Krise der Intellektualität deuten lassen.
Zur Notfallvorsorge riet er, sich nicht nur auf Lebensmittel zu beschränken, sondern auch Toilettenartikel, Medikamente, Batterien u.ä. zu bedenken.

Längst abgesetzt hat sich Dr. Dietmar Siebholz, der sich vorsichtshalber gleich vier Wohnsitze zugelegt und in Deutschland alles verkauft hat – in der festen Überzeugung, daß es keine Lösung für die heutige Krise gibt. „Wir finanzieren das skrupellose Wettspiel der Banken, und die Politiker “retten“ in Wahrheit die Finanzierer ihrer gebrochenen Wahlversprechen“. Dementsprechend werden auch die Zinsen künstlich niedrig gehalten, da bereits der Anstieg von 1 % eine weltweite Katastrophe auslösen würde. Dringend riet Siebholz (’Metalle als Schutz vor Währungsreformen’) von allen Staats-/Kommunal- und Unternehmensanleihen ab, da sowohl die Bundesbank, als auch die EZB de facto pleite seien. Die Comex, so Siebholz’ Überzeugung, ist eine Komikerbörse und handelt mit nichts außer Papier, und das deutsche Auslands-Gold können wir vergessen. Ebenso große Gefahren sieht Siebholz bei einer anstehenden Deflation, da diese auch auf Aktien und den Derivatenhandel durchschlüge; schon 2 bis 3 % Preisverfall ließe das Chaos ausbrechen. Das jüngste „Baby“ der EZB, das ELA (’Equity Liquidity Assistence’), sei schlicht Augenwischerei, ja Betrug. Eine völlig fachunkundige Traumtänzertruppe (vulgo: Politiker) kämpft panikartig ums Überleben, während links und rechts das System zerbröselt. Die bereits 75 mal bedenkenlos gebrochenen Maastricht-Verträge seien das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt seien. Während sich die Privathaushalte tapfer zu entschulden versuchen, veruntreuen die Politiker Steuergelder in 10-facher Höhe. Sein Rat: keine Investments im eigenen Land, sehr selektive Aktien(fonds) – Nahrung, Energie, Seltene Erden, Rohstoffe und Edelmetalle, raus aus Lebensversicherungen, Anleihen, Renten und Derivaten/Zertifikaten.
Klug, erfahren und unaufgeregt mahnt Siebholz: „Rein kommt man schnell, raus nicht so schnell oder überhaupt nicht.“ Sein Credo: ‘Quidquid agis, prudenter agas ac respice finem!’ (’Was immer du tust, tue es mit Bedacht und bedenke das Ende/Ziel’).

Johann A. Saiger (’Sichere Anlagestrategien vor der Weltwährungsreform’) nahm im wahrsten Sinn des Wortes kein Blatt vor den Mund. Sein Credo: ’Die Währungsreform ist unvermeidlich, und die Gleise dafür sind längst gelegt’. In Österreich, seinem Heimatland, seien mehr als 50 % aller Kommunen konkurs, Deutschland stehe kaum besser da, die Öffentlich-(Un)Rechtlichen werden leider nie zur Verantwortung gezogen, vielmehr kaufen sie sich mit Steuergeldern Wähler; Private würden dafür ins Gefängnis wandern. Diese Vorgehensweise hat System und Tradition: Seit 1694 (Gründung der Bank of England) hängen die Politiker am Tropf der Banken, wofür Saiger vor allem die hinter den größten Banken stehenden Familien verantwortlich machte und dafür George Washington und Benjamin Franklin zitierte: “Laßt die Brut (!) niemals an die Macht“. Nichts desto weniger waren es genau diese Familien, die am 23.12.1913 in einem Handstreich (die meisten Abgeordneten des US-Senats waren längst in den Ferien) die FED als ’Privatclub’ gründeten. Hierzu Saiger: „So sicherten sich einige wenige Familien die Geldmacht weltweit – abgesichert über die Notenbanken, die vom Steuerzahler leben, und das Vehikel, mit dem diese Macht verteidigt wird, nennt man ’Antiterrorgesetze’. Aber wer ist denn hier der wirkliche Terrorist?“ Saiger rechnete schonungslos mit der Politik ab und versprach: „Der wahre Raubzug dieser Brut mithilfe der Politik beginnt erst jetzt richtig! Die Schlüsselpositionen – Waffen, Medien, Politik, Pharmacie, Justiz, etc. – sind nicht in Händen der „bösen Moslems“, sondern in Händen der Brut“! Unsere „Sozial“staatsgesetze haben nicht Moslems, sondern Grüne und Linke gemacht. Die PIGSIs schälen sich immer mehr als die Metastasen des Krebses der Finanzwirtschaft heraus und die NATO, die man in ’North-Atlantic-Terror-Organisation’ umbenennen sollte, ist ein internationales Söldnerheer zum Schutze der völlig siechen westlichen Systeme. Investieren würde Saiger in kein NATO-Land. Er bevorzugt Goldminen statt physischem Gold und Silber, das noch nie abgewertet oder verboten wurde. Saiger brillierte mit einem bunten Strauß historischer Daten und Fakten und einem wirtschaftspolitischen Kalaidoskop, in dem er auf die 30-Jahreszyklen der Politik, Edelmetalle und Währungsreformen von 1920 bis 2010 verwies.

Mein Highlight war der Vortrag von Dr. Ulrich Schlüer,  Schweizer Nationalrat und Co-Präsident des Initiativkomitees „Rettet unser Schweizer Gold“ (’Gold als Basis für eine starke Währung’). Er schilderte die Schwierigkeiten und den tapferen Kampf der Schweiz als vielleicht einziger Demokratie in Europa. Seine Überzeugung: „Es ist unmöglich, solche, die der Lebensleistung derart unterschiedliche Bedeutung beimessen, in eine gemeinsame Währung zu zwängen“. Sein Streifzug durch die schweizerische Währungs- und Finanzpolitik der letzen 104 Jahre war höchst bemerkenswert. So verwies Schlüer auf den fatalen Fehler der Schweiz, die bis 1996 angesammelten 2.600 Tonnen Gold bis zum Jahr 2000 auf 50 % zu reduzieren und bis 2009 weitere 260 Tonnen zu verkaufen, wobei der Erlös zu 1/3 an die Eidgenossenschaft und zu 2/3 an die Kantone floß – ganz im Sinne des demokratischen Selbstverständnisses der Schweiz. „Wem gehören denn Währungsreserven in Wahrheit?“ – diese rhetorische Frage beantwortete Schlüer gleich selbst. „In einer direkten Demokratie sind Währungsreserven Volksvermögen. Aber daran hält sich wirklich nur die Schweiz.“ Die Helvetier, so Schlüer, seien bereits heute der größte Gläubiger deutscher Staatsanleihen und dürften auf keinen Fall ihre eigenständige Währungshoheit aufgeben, da sie dann im Siechbett Europas lägen und ihre Unabhängigkeit verlören. Die Schweiz möchte ihr gesamtes Gold zurückholen (bisher etwa 50 %), keinerlei weitere Goldverkäufe tätigen und 20 % aller Reserven in Gold halten. Geplant ist die Einführung des Goldfranken, und in der Verfassung soll verankert werden, daß der Besitz von Edelmetall ein Freiheitsrecht ist, das keiner Besteuerung unterliegt. An die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen ist nicht gedacht, wiewohl sich die Lage des Finanzplatzes CH zunehmend schwierig gestalte. Beinahe beschwörend seine Frage: „Wo bleibt denn der Respekt der Regierungen vor dem Privateigentum?“ In der Schweiz, so Schlüer hintersinnig, müsse jede(r) Abgeordnete(r) noch einen ’ordentlichen Beruf’ haben, da der Nationalratssitz grundsätzlich ein Ehrenamt ist. Zur Wahrung der Unabhängigkeit der Schweiz im derzeitigen Krisenszenario sei eine Senkung der MWST geplant, was den Lohnkostendruck senke, sowie eine Abschaffung der Unternehmensbesteuerung und eine Reduzierung der Bürokratiekosten um mindestens 25 %.

Darüber hinaus erwägt CH, die Verträge mit Italien und der EU sowie das Schengen-Abkommen zu kündigen, da es zunehmend von Überfremdung durch Asylanten bedroht sei, denen vor allem Berlusconi bedenkenlos Reisevisa ausstelle.

Frisch, locker und sympathisch startete Thorsten Schulte („Die beiden letzen Jahre und die beiden kommenden – ein Unterschied wie Tag und Nacht“) seinen rasanten Parforceritt, den er mit einem Zitat von Theodor Heuß begann: „Der einzige Mist, auf dem nichts wächst, ist der Pessimist“. Die Zeit des bequemen, schönen Lebens ist endgültig vorbei! Der „Turmbau unseres US-zentrischen Weltfinanzsystems“ steht vor dem Kollaps, aber das Volk wird euphemistisch in die Irre geführt“. Dazu bot Schulte eine Unmenge an Zahlen, Daten und Fakten in atemberaubendem Tempo. So betrugen z.B. die Gewinne der US-Banken 2010 etwa 35 % der Gewinne aller US-Unternehmen.
„Aus der Bankenkrise von 2008 ist längst eine Staatenkrise geworden; der Euro ist nur das währungspolitische Synonym hierfür“. Die Bilanzsumme der europäischen Banken belief sich Ende 2010 auf 234 % des Bruttoinlandprodukts, wobei Frankreich bei 400%, Irland bei 440 % und die Kreditverbindlichkeiten spanischer Banken bei 213 % des BIP lagen. Die Wahrheit ist erschreckend: 46 Mio US-Bürger (15 %) beziehen Lebensmittelkarten – plus 74 % seit 2007! Eigentlich müßten Repressionen in der Kreditwirtschaft eingeführt werden, aber das wäre der Tod des Investmentbankings. “Was wir bis jetzt auf verschiedenen Ebenen finanz-/wirtschafts- und währungspolitisch erleben, ist nur ein Wetterleuchten – die finale Krise kommt erst noch; das System ist definitiv am Ende“.

Erst ist den letzten 15 Minuten kam Schulte auf sein Lieblingsthema Silber zu sprechen, das er mit Gold, Aktien und Renten verglich. Der Gesamtbestand von Silber ist mit etwa 30 Mrd. um ein Vielfaches geringer als die derzeit umlaufenden Derivate in Höhe von rd. 1 Billiarde USD. Schulte verwies auf die hohe Verwendbarkeit und Transportabilität von Silber, das noch nie in der Geschichte verboten oder konfisziert worden sei.
Geradezu erschlagend: Die Vielzahl der Charts und Grafiken, mit denen Thorsten Schulte seinen spannenden Vortrag unterlegte, noch viel mehr aber sein lockerer Optimismus, so, als ob er es kaum erwarten könne, das völlig korrupte Finanz-, Wirtschafts- und Währungssystem kollabieren zu sehen.

Prof. Hans Bockers Vortrag („Ist der Edelmetallzug abgefahren“) kann recht griffig zusammengefaßt werden: „Deflation, Hyperinflation, Systemzusammenbruch, Währungsreform oder Krieg“. Dabei schöpfte Bocker, der Senior unter den Referenten, klug aus einem reichen Leben voller Erfahrungen und mit einem tiefen Blick auf historische Zusammenhänge. Die in allen Medien herumgeisternden Mini-Weltuntergangsszenarien seien nur dazu da, die Bevölkerung einzuschüchtern. In Wahrheit ist von der täglich apostrophierten „Krise“ beim Endverbraucher noch gar nichts angekommen „Wo mag sie wohl stecken?“, frug Bocker hintersinnig. “Leider noch nicht in den Chefetagen der Zentralbanken, den heiligen Hallen des Bundestags, Kongresses, Senats oder in den Plausch-Gremien der endlosen Krisengipfel. Zwischen Ende 2011 und Mitte 2013 dürfte es zur „ganz großen Krise“ kommen, was für die weitgehend unvorbereitete Masse der Bevölkerung zu einem grandiosen Schock werden dürfte. Und genau so lange haben kluge Menschen jetzt noch Zeit, sich darauf vorzubereiten“. Man sollte wohl auf Bocker hören, der den deutschen Dichter Jean Paul zitierte: „Wenn ihr eure Augen nicht braucht, um zu sehen, werdet ihr sie brauchen, um zu weinen.“

Mit allem Respekt: Zwei Tage, die sich wirklich lohnten!

H.-W. Graf
10. Juni 2011

Euro- und Schuldenkrise – (wie) geht es weiter?

10. Juni 2011|Steuer- und Finanzpolitik, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Euro- und Schuldenkrise – (wie) geht es weiter?

Als Finanz- und Vermögensberater der efv-AG haben wir schon seit jeher immer auch die Hintergründe des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, sozialen und politischen Geschehens beleuchtet und daraus gewonnene Erkenntnisse in unsere Beratungstätigkeit einfließen lassen. Seit 2008, dem Ausbruch der sogenannten Finanz- und Wirtschaftskrise, hat sich jedoch unsere Sensibilität für Hintergründiges noch einmal erheblich erhöht, denn schließlich ist seitdem tatsächlich vieles nicht mehr wie es war; oder besser gesagt, der “Blick in den Abgrund“, den uns der Ausbruch der Krise(n) gewährt hat, hat uns unmißverständlich und konkret aufgezeigt, wie marode und fragil große Teile der heutigen Wirtschafts-, Finanz- und Sozialsysteme tatsächlich sind. Wir halten es daher für unsere Pflicht (und unserer Mandanten gutes Recht), so klar und konkret wie möglich zu erklären, wie wir zu bestimmten Fragen unserer Zeit stehen.
Nachfolgend nun einige Antworten/Einschätzungen auf Fragen, die so (oder ähnlich) immer wieder – meist im persönlichen Gespräch – an uns herangetragen werden. Wem die Antworten “zu einfach“ vorkommen, dem sei versichert, daß diese auf einem langjährigen und tiefgründigen Studium der Verhältnisse basieren und wohlüberlegt sind.

I.    Was bedeutet  die Euro-Krise? Ist ein Auseinanderbrechen des Euro wahrscheinlich, und welche Folgen hat das für uns?

Die Frage, ob der Euro auseinanderbricht (das wird er höchstwahrscheinlich) ist eigentlich zweitrangig; das viel entscheidendere Problem aus unserer Sicht ist, daß die aufgetürmten Schulden der Euro-Staaten und die zwischenzeitlich faktisch vollzogene “Haftungsgemeinschaft Euroland“ nicht einmal den Hauch einer Chance auf eine einigermaßen “elegante“ Bereinigung haben – allen Beteuerungen der herrschenden Klasse zum Trotz. Hierbei handelt es sich nämlich im Wesentlichen um eine mathematische und nicht um eine politische Frage. Die Eurokrise ist in Wirklichkeit ein Schuldenkrebs im Endstadium, der sich jedoch durchaus noch in die Länge ziehen kann. Am Ende werden sich alle Kunstgriffe an dem im Schuldenkoma liegenden Patienten als erfolglos erweisen. Kurz: Wir haben jahrzehntelang über unsere Verhältnisse gelebt, den falschen Politschranzen vertraut, die in ihrem Größenwahn und unter dem Deckmäntelchen “Sozialstaat“ immer phantastischere Potemkin’sche Dörfer errichtet haben, und dafür werden wir einen hohen Preis zu zahlen haben.

Auf welche Folgen müssen wir uns also einstellen?

  1. Finanzielle Folgen: Im Rahmen einer Schuldenbereinigung (wie unter Frage II. noch genauer ausgeführt) werden sich die Staaten früher oder später entschulden und
    Leistungsversprechen (massiv) reduzieren müssen. Die Staaten werden erst dann wieder auf soliden finanziellen Beinen stehen, wenn Bürger, Steuerzahler und Sparer erhebliche Teile ihres Vermögens und ihrer Ansprüche verloren haben werden.
  2. Soziale Folgen: Der sogenannte Lebensstandard wird deutlich sinken; was heute noch
    “hipp“ und “trendy“ ist, wird all dem weichen (müssen), was für den Einzelnen wirklich
    notwendig ist. Die soziale Verrohung der Gesellschaft wird weiter
    voranschreiten. Im schlimmsten Fall drohen weitreichende soziale Unruhen, unter
    denen naturgemäß die Älteren und Schwächeren mehr zu leiden haben werden als
    die jüngere Generation.
  3. Politische Folgen: Diese sind unabsehbar, aber die entscheidende Weichenstellung wird bereits
    recht kurzfristig dahingehend erfolgen müssen, daß wir entweder auf eine
    dezentral organisierte Bürgergesellschaft oder auf eine totalitäre
    Superdiktatur (EUDSSR) zusteuern.
  4. Ökonomische Folgen: Solange es Menschen gibt, wird auch gewirtschaftet werden. Hier machen
    wir uns die wenigsten Sorgen. Unternehmen/Unternehmer werden – wie immer – die
    ersten sein, die nach erfolgtem “Schnitt“ wieder aus dem Schlamassel herauskommen
    werden.

 

II.   Wie kann/muß man sich eine Entschuldung von Staaten vorstellen?

Wenn ein Staat an seiner Schuldenlast bzw. an seinen Zahlungsverpflichtungen zu ersticken droht, gibt es mehrere Möglichkeiten der Bereinigung. Vorweggeschickt werden muß aber, daß alle Varianten eines gemeinsam haben: Die Entwertung des angehäuften Vermögens ihrer Bürger. Im Einzelnen:

Variante A:

Ein “Herauswachsen“ aus den Schulden durch Wirtschaftswachstum und damit verbunden höhere Steuereinnahmen auf die Erträge der Unternehmen und Einkommen der Arbeitnehmer. Einhergehend mit einem hohen Wachstum sind in der Regel höhere Inflationsraten, d.h. die Entwertung des Geldes erfolgt mehr oder weniger schleichend. Ein Prozeß, der z.B. in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch funktioniert hat, seither allerdings lassen die realen (mageren) Wachstumsraten und die dem gegenüber exponentiell angewachsenen Schulden eine Lösung der Schuldenprobleme auf diesem Wege als höchst unwahrscheinlich erscheinen.

Variante B:

Erhöhung der Staatseinnahmen durch Steuern und Abgaben, sowohl auf Einkommen als auch die Substanz (z.B. Vermögens-, Erbschafts- und Schenkungssteuer). Da der Staat ja bereits heute fleißig abkassiert und dann teuer umverteilt, kommt hier aber das Problem auf, daß wenn Bürgern und Unternehmen gar zu hemmungslos Steuern und Sozialabgaben abgeknöpft werden, die Variante “Herauswachsen“ auf gar keinen Fall funktionieren kann, da die Wachstumskräfte gebremst werden; d.h. die staatlichen Möglichkeiten sind diesbezüglich bereits weitgehend ausgereizt. Einem radikalen Sparprogramm steht die von der politischen Klasse allseits gefürchtete Abwahl (und ggf. soziale Unruhen) entgehen, sodaß auch auf der Ausgabenseite keine wirklichen Erfolge zu erwarten stehen.

Variante C:

Eine sogenannte Währungsreform, was in der Praxis bedeutet, daß der Staat die Verrechnungseinheiten für Schulden und Guthaben neu festsetzt. Was sich harmlos anhört, meint letztlich nichts anderes, als daß der Staat seine Schulden ganz oder teilweise annulliert und diejenigen “in die Röhre schauen“, die dem Staat direkt oder indirekt (auch über das Bankensystem, den siamesischen Zwilling des Staates in punkto Geldwesen) Geld geliehen haben. Diese Variante halten wir für sehr wahrscheinlich, lediglich der Zeitpunkt und die genaue Ausgestaltung sind unklar, weil sie nach politischen Opportunitäten willkürlich erfolgen.

Insbesondere von politischer Seite wird – je nach Lager – derzeit noch die Hoffnung geschürt, daß mit Variante A oder B (bzw. einer Mischung daraus) das Schlimmste verhindert werden kann; wir halten das für illusorisch und schlicht unseriös. Die griechische Problematik ist eine sehr präzise Blaupause für das, was bereits in vielen Industrieländern (siehe USA und Japan), aber eben künftig auch für Deutschland dem Grunde nach erwartet werden muß, nämlich ein sich immer weiter aufbauender Druck, die Schuldenfrage klären zu müssen. Während wir derzeit mit Argusaugen nach Griechenland starren, ist uns noch gar nicht hinreichend klar, daß wir prinzipiell bereits in derselben Situation stecken, nur eben auf der Zeitachse noch weiter hinten; von einigen unserer europäischen Nachbarn ganz zu schweigen.

Wir teilen die Einschätzung von Prof. Dr. Bernd-Thomas Ramb[1], der schlüssig und gut nachvollziehbar dargelegt hat, daß die Wahrscheinlichkeit einer Währungsreform in 2011 bei 33%, spätestens ab 2017 bei über 50% und bis spätestens 2030 bei nahe 100% liegt – wohlgemerkt: Nur auf Deutschland bezogen.

III.  Müssen wir uns auf eine hohe Inflation einstellen?

In einer Zeit, in der fast alle großen Industrienationen fleißig damit beschäftigt sind, Geld zu drucken, um kratergroße Schuldenlöcher zu stopfen, und somit der realen Gütermenge immer mehr (Papier-)Geld gegenübersteht, liegt der Schluß nahe, daß wir auf hochinflationäre Zeiten zusteuern dürften (was ja den meisten Politikern und “Experten“ die liebste Lösung wäre, siehe Variante A). Auf der anderen Seite spricht wesentlich mehr gegen eine Entschuldung (oder besser Entwertung) von Schulden und Vermögen auf diesem Wege. Der Grund dafür ist, daß inflationäre Phasen in der Vergangenheit niemals dazu genutzt wurden, um Schulden zu tilgen, sondern vielmehr dazu, neue Schulden aufzutürmen, weil man den Bürgern eine Schuldentilgung (= Sparen) gar nicht hätte “verkaufen“ können. Der Hauptgrund also, warum eine Schuldenbereinigung über diese vermeintlich “sozial gerechte“ Variante nicht funktionieren kann und wird, ist schlicht die absolute Höhe der seit 1948 (Zeitpunkt der letzten Währungsreform auf deutschem Boden) aufgetürmten Gesamtschulden im Verhältnis zur realistisch erwartbaren Wirtschaftsleistung in der Zukunft. Daher ist eine “Inflationslösung“ sowohl praktisch als auch theoretisch schlicht Unsinn.

IV. Wie kann man sein Vermögen vor den Folgen einer drohenden Währungsreform am effektivsten schützen?

Eine wirklich seriöse Antwort auf diese Frage kann es schon deshalb nicht geben, weil völlig unklar ist, wer zum Umstellungszeitpunkt “am Ruder“ ist und welche Regeln dann für eine derartige “Reform“ oder Umstellung und Neubewertung festgelegt werden. Dies ist dann wieder eine politische und eben keine mathematische Frage. Selbstverständlich gibt es gewisse Wahrscheinlichkeiten und Erfahrungen aus bereits vergangenen Währungsreformen, und man muß kein großer Prophet sein, um vorherzusagen, daß Sachwerte vermutlich besser abschneiden als reine Geldwerte. Doch wer nun glaubt, mit Immobilien und ein paar Aktien sowie einem Barren Gold im Schließfach wären alle Probleme gelöst, muß sich darüber im klaren sein, daß auch Sachwerte jederzeit für einen wie auch immer gearteten Lastenausgleich[2] mit herangezogen werden dürften. Noch einmal: Die Regeln zur Neubewertungen von Schulden und Vermögen sowie die Verrechnungseinheiten, die hierfür gelten sollen, sind nicht vorhersehbar und haben – genauso wie das Steuerrecht – mit Logik nichts zu tun. Sie werden von den Bürokraten (Bürokratie = Herrschaft der Verwaltung) erlassen, umgesetzt und kontrolliert.

V.  Kann es ein, daß wir mit unserer Einschätzung ein viel zu düsteres Bild malen?

Wir sind fest davon überzeugt, daß der “point of no return“ unseres Geld- und Schuldensystems schon seit längerem überschritten wurde, diese durch die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 einen weiteren massiven Schub erhielt und mit verzweifelten Aktionen nur vorläufig hinausgezogen wurde, dies am Ende aber zu dem von uns beschriebenen Ergebnis führen wird – ohne ’wenn’ und ’aber’.

 

VI. Wie kann man sich dann überhaupt auf ein solches Szenario vorbereiten?

Sechs Jahrzehnte relativer wirtschaftlicher und politischer Stabilität haben uns so nachhaltig die “Sinne vernebelt“, daß wir drohende Gefahren nur noch bedingt wahrnehmen und in unsere Handlungsmuster einbauen können und wollen. Um jedoch drohenden Stürmen nicht völlig schutzlos ausgeliefert zu sein, ist es dringend und zuallererst erforderlich, diese Einstellung schnellstens ad acta zu legen und sich den Realitäten zu stellen, d.h. zu akzeptieren, daß das heutige Sozial-, Wirtschafts- und Finanzsystem keine Überlebenschancen hat und vor großen notwendigen Umbrüchen steht, es also keinen Sinn macht, die Erfahrungen der letzten sechs Jahrzehnte einfach nur in die Zukunft fortzuschreiben.

Wie bereits unter Punkt IV. dargelegt, gibt es hierfür kein Patentrezept. Wir können heute zwar das “Schlamassel“ konstatieren und sein zwangsläufiges Ende vorhersagen, nicht aber den (genauen) zeitlichen Ablauf und die sich hieraus ergebenden Folgen im Einzelnen.

Darüber hinaus muß bedacht werden, daß die individuelle Ausgangsposition jedes Einzelnen sehr unterschiedlich ist – familiär, beruflich, psychologisch, vermögenstechnisch usw.

Bereits vor einigen Jahren erstellten wir eine Broschüre zum Thema ‘Altersvorsorge’ », an deren Ende wir ‘10 Grundsätze für eine kluge Altersvorsorge‘ stellten. Wir haben diese Grundsätze nun, anbetrachts der vorbeschriebenen Problematik, noch um aktuelle Einschätzungen und Anmerkungen ergänzt, in der Hoffnung, Ihnen damit einen brauchbaren Leitfaden für Ihre weiteren Überlegungen zu bieten.

    1. Machen Sie eine regelmäßige Bestandsaufnahme Ihrer Vermögenssituation.
      Die einzig wirklich relevante Meßgröße für die Frage, ob eine Altersvorsorge
      ausreicht, ist das jeweilige Nettovermögen (und dessen Verfügbarkeit).
      Es kommt also – einfach gesagt – nicht darauf an, ob Sie drei Lebensversicherungen
      haben, sondern wie hoch Ihr Nettovermögen ist.Ergänzung:
      Dies ist selbstverständlich nach wie vor wichtig. Ein noch größeres Augenmerk
      sollte jedoch auf die reale Werthaltigkeit und Verfügbarkeit des Vermögens
      gelegt werden.
    1. Vermeiden Sie Schulden jedweder Art. Denn spätestens wenn am Schluß das angesparte Vorsorgevermögen zur
      Schuldentilgung verwendet werden muß, weil ja dann das Einkommen für die
      Bedienung der Kredite fehlt, ist schon manche Altersvorsorgeillusion zerplatzt.
      Eine Ausnahme hiervon stellen eigengenutzte und vermietete Immobilien dar, doch
      auch hier gilt: Kaufen Sie nur eine Immobilie, bei der Sie davon ausgehen
      (können), daß diese im Wert steigt oder zumindest wertbeständig bleibt..Ergänzung:
      Die weit verbreitete Meinung, daß
      eine etwaige Inflation private und betriebliche Schulden “automatisch“ schrumpfen
      läßt, halten wir für gefährlich. Insbesondere im Zusammenhang mit Immobilien
      wird meist davon ausgegangen, daß hier kein Risiko droht. Wenn aber im Rahmen
      einer Währungsreform hochverschuldete Vermögensgegenstände (meist Immobilien)
      ihrerseits an Wert verlieren (und das ist zunächst einmal wahrscheinlich),
      kann dies zu äußerst unangenehmen Konstellationen führen. Bei Kreditverträgen
      wird gerne überlesen, daß wenn die Bank unterbesichert zu sein glaubt (z.B.
      aufgrund eines Wertverlustes des finanzierten Vermögensgegenstandes), sie
      einfach weitere Sicherheiten verlangt oder aber – falls diese nicht beigebracht
      werden können – Kredite auch fällig stellen kann. Entscheidend ist also, daß
      die Schulden im Verhältnis zu den vorhandenen Vermögensgegenständen bzw. den
      laufenden Einkünften deutlich unterdimensioniert sein sollten, um hier böse
      Überraschungen zu vermeiden. Es darf mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
      davon ausgegangen werden, daß Schulden im Falle einer Währungsreform nicht
      einfach verfallen, sondern in einem (für den Schuldner) ungünstigen Verhältnis
      im Vergleich zu z.B. Sparguthaben neu bewertet werden.
    1. Sparen Sie Ihr Vermögen so flexibel wie möglich an. Hierzu eignen sich am besten Fondssparpläne. Bei der Auswahl
      der Fonds bzw. bei der Verwaltung dieser Sparpläne und des daraus
      resultierenden Vermögens sollten Sie sich professioneller, vor allem aber unabhängiger
      (!)
      Hilfe bedienen – was Banken und Versicherungen per se ausschließt. Der
      große Vorteil des freien Fondssparens ist, daß Sie die Sparrate entsprechend
      Ihrer aktuellen Lebenssituation immer wieder neu justieren können. In
      schwierigen Zeiten können Sie diese sogar vollständig aussetzen, ohne daß Ihnen
      dies (vertragsbedingt) zum Nachteil gereicht. Sie können aber auch jederzeit Sonderzahlungen
      leisten. Zudem haben Sie eine ständige Transparenz und wissen genau, wie
      viel Ihr Sparvermögen aktuell wert ist. Wird Ihr Vermögen außerdem aktiv – und
      ebenfalls unabhängig und professionell
      – gemanagt, wird Ihr Verwalter auch
      rechtzeitig die Fonds wechseln.Ergänzung:
      Fondssparpläne oder
      sonstige liquide Geldanlagen: Entscheidend ist nicht nur die Ansparung, sondern
      auch das Halten bereits aufgebauter Bestände in möglichst flexibler Form. Mittel-
      und langfristigen Bindungen (z.B. 5- oder 10-jährige Sparbriefe o.ä.) erscheinen
      anbetrachts der bevorstehenden Umwälzungen/Umbrüchen völlig unangebracht ist,
      da im Fall der Fälle keinerlei Möglichkeiten bestehen, ggf. noch einigermaßen
      rechtzeitig zu reagieren. Der Neuabschluß lang laufender Sparverträge, wie z.B.
      Lebens-/Rentenversicherungen, sollte gemieden werden. Bzgl. bestehender
      Verträge muß individuell abgewogen und entschieden werden, wie damit zukünftig
      zu verfahren ist. Wir helfen Ihnen hierbei gerne.
    1. Meiden Sie jegliche Form von geschlossenen
      Beteiligungen
      (geschlossene Immobilienfonds, Medienfonds,
      Schiffsbeteiligungen etc.), solange Sie Ihre “Schäfchen“ (noch) nicht “im
      Trockenen“
      haben. Die Risiken solcher Anlagen sind in der Regel deutlich
      höher als die Chancen, und lockende Steuerersparnisse sind zumeist nur teuer
      erkaufte Steuerverschiebungen.Ergänzung:
      Dem ist nichts
      hinzuzufügen, außer daß wir zwischenzeitlich der Meinung sind, daß auch diejenigen,
      die ihre “Schäfchen“ bereits im “Trockenen“ haben, geschlossene Beteiligungen meiden
      sollten. Politiker haben nicht die geringsten Skrupel, neue Gesetze auch auf
      alte Verträge anzuwenden.
    1. Trennen Sie Versicherungen und Kapitalanlagen konsequent.
      Versicherungen sollten nur Risiken (Invalidität, Tod, Unfall etc.)
      absichern– ohne “integrierte Kapitalbildung“. Meiden Sie alle kombinierten
      Angebote dieser Art.Ergänzung:
      Hieran hat sich nichts
      geändert.
    1. Bedenken Sie bei allen staatlich geförderten
      Produkten, daß einmal erhaltene Subventionen irgendwann von irgendjemanden
      (Erben, evtl. sogar von Ihnen selbst) zurückbezahlt werden müssen.
      Wie bereits ausgeführt, sind staatliche Subventionen stets mit hohen
      Verwaltungskosten und meistens mit Verpflichtungen und Gegenleistungen
      (späterer Steuerpflicht) verbunden. Überlegen Sie also lieber zweimal, ob Sie durch
      den Abschluß eines “staatlich geförderten“ Finanzproduktes alle diese
      Auflagen mit in Kauf nehmen wollen, auch wenn Ihnen Strukturvertriebe, Banken,
      Bausparkassen und Versicherungen etwas anderes vorgaukeln.Ergänzung:
      Die Wahrscheinlichkeit,
      daß zukünftig Subventionen gestrichen oder die Regeln willkürlich zu Lasten der
      “Geförderten“ geändert werden, halten wir für so hoch, daß wir diese bereits
      vor Jahren ausgesprochene Warnung mehr als bekräftigen müssen.
    1. Das beste Vorsorgeprogramm ist
      Ihre geistige, seelische und körperliche Gesundheit!

      Die Entwicklung und Bewahrung der eigenen Fähig- und Fertigkeiten sowie die
      körperliche und geistig-seelische Gesundheit des Einzelnen sind die besten
      Altersvorsorgegaranten, die sich über jede (staatlich vorgegebene) Altersgrenze
      hinwegsetzen. Wer diese Grundannahme verinnerlicht, hat bereits einen
      wesentlichen Schritt zur klugen Altersvorsorge getan, denn nichts ist
      krisensicherer als die Gesamtheit der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten,
      Kenntnisse und Ziele.Zur Erinnerung: In Deutschland kam es im 20. Jahrhundert immerhin zu zwei Währungszusammenbrüchen
      – mit verheerenden Konsequenzen für die Altersvorsorge seiner Bürger. Ohne die
      Rolle und den Zustand des Weltfinanzsystems an dieser Stelle vertiefen zu
      wollen, muß jedem klar sein, daß es immer nur eine relative Sicherheit
      bzgl. aller Geld- oder sonstiger Vermögenswerte geben kann.
      Insofern sollte die andere “Schiene“ der Altersversorgung, die Entwicklung und
      Bewahrung der persönlichen sozialen, mentalen und emotionalen Kräfte sorgsam
      gepflegt werden.Ergänzung:
      Dem gibt es nichts hinzuzufügen, es hat an Bedeutung nur noch gewonnen.
    1. Ziehen Sie die Kapitalauszahlung – wo immer möglich – der Option einer Rente vor. Die
      reichhaltigen Angebote der Versicherungsgesellschaften, Ihr Kapital zu
      vereinnahmen und Ihnen dafür eine monatliche Rente zu bezahlen, schränkt Ihre
      Flexibilität insofern ein, als es in der Regel keine Möglichkeit gibt, diesen
      Schritt wieder rückgängig zu machen. Zudem kalkulieren die
      Versicherungsgesellschaften derartig vorsichtig, daß Sie schon steinalt werden
      müssen, damit nicht die Versicherungsgesellschaft, sondern Sie – es ist
      ja Ihr Geld – daran verdienen.Ergänzung:
      U.a. die
      Versicherungsgesellschaften (als größte Kapitalsammelstellen) werden die großen
      Verlierer der Zukunft sein. Wobei – streng genommen – es nicht die
      Versicherungen selbst sind (einige davon werden untergehen, andere werden
      überleben), vielmehr ist es das Vermögen der Versicherten, das einer harten
      fortdauernden Belastungsprobe unterzogen werden wird. Die staatlichen
      Möglichkeiten, hier Auszahlungsstopps oder eine Reduktion der Leistung von Amts
      wegen anzuordnen, ist denkbar einfach; wer es nicht glaubt, möge einfach § 89 des
      Versicherungsaufsichtsgesellschaftengesetzes (VAG) lesen. Schon aus diesem
      Grund halten wir es für nicht besonders ratsam, Kapital bei (Lebens-) Versicherungsgesellschaften
      zu deponieren und darauf zu hoffen, daß da schon nichts “anbrennen“ wird.
    1. Je früher Sie mit dem Aufbau einer eigenen
      Altersvorsorge beginnen, desto besser.
      Wir alle kennen
      die Geschichte, was aus einem Cent geworden wäre, wenn man ihn bei Christi
      Geburt angelegt hätte. Im Übrigen ist der Mensch nun einmal ein
      Gewohnheitstier, und je früher er sich daran gewöhnt zu sparen, desto leichter
      tut er sich damit. Auch dieser Gedanke kann gar nicht früh genug in die
      Erziehung bei Kindern einfließen.Ergänzung:
      Auch wenn man natürlich
      zu dem Schluß kommen könnte, daß das Sparen angesichts der bevorstehenden
      Herausforderung an sich gar keinen Sinn mehr macht: Wer frühzeitig (schon als
      Jugendlicher) immer ein Quentchen weniger ausgibt als er sich leisten könnte,
      wird erfahrungsgemäß immer mehr Spielräume haben, und zwar auch und gerade dann,
      wenn die Umstände unübersichtlich und das Budget enger zu werden droht.

 

  1. Holen Sie sich qualifizierten Rat ein. Zahlen Sie lieber ein Honorar an einen unabhängigen Berater, als sich von einer Heerschar an Verkäufern mit Bildern von einer Yacht im Mittelmeer
    oder einem (gar nicht so) seniorengerechten Gefährt aus Zuffenhausen den Mund
    wässrig machen zu lassen. Sie haben es wahrscheinlich auch schon in anderen
    Bereichen Ihres Lebens gemerkt: Weniger ist manchmal mehr, und jeden Tag müssen
    sich die Marketingprofis der Finanzproduktanbieter wieder etwas Neues einfallen
    lassen, um an Ihr sauer verdientes Geld zu kommen.Ergänzung:
    Unsere Tätigkeit
    als Berater, obwohl vielleicht auf den ersten Blick nicht erkennbar, hat sich
    gravierend geändert. War es uns früher wichtig, unter den vielen
    Finanzprodukten die individuell richtigen herauszufiltern, so wird in Zukunft z.B.
    die Frage nach einem halben Prozent hin oder her für die nächsten Wochen,
    Monate und vermutlich Jahre eher nebensächlich sein. Vielmehr wird es darauf
    ankommen, die eigene (Finanz-) Architektur auf die bevorstehenden immer
    schneller wechselnden Herausforderungen konsequent anzupassen, um den drohenden
    “Stürmen“ bestmög­lich trotzen zu können. Flexible Robustheit ist die Zauberformel
    – sowohl für das eigene Finanzkonzept, als auch für die eigene körperliche,
    geistige und seelische Konstitution. Komplizierte (und komplexe) Schönwettermodelle
    aller Art haben ausgedient. Das heißt nicht, daß alles, was früher richtig war,
    nun falsch ist, aber klar sein muß, daß wir auf unabsehbare Zeit unter dem
    Damoklesschwert diverser System(-zusam­men)brüche zu arbeiten und zu leben haben.

Frank AmannSeniorberater und Aufsichtsrat der Ersten Finanz- und Vermögensberater-AG in Deutschland (efv-AG)


[1]Außerplanmäßiger Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre in Siegen

[2]Der Lastenausgleich regelte ab 1948 über diverse Gesetze, daß diejenigen denen erhebliches Vermögen verblieben war (insbesondere Immobilien), die Hälfte des Vermögens nach dem Stand vom 21.6.1948 in einen Ausgleichsfonds einzahlen mußten (in 120 vierteljährlichen Raten)

23. Juni 2010

Selbständigkeit

23. Juni 2010|Gesellschaft, Sozialpolitik, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Selbständigkeit

Vortrag von Hans-Wolff Graf anläßlich der 25. Bundeskonferenz der Arbeitsgemeinschaft Selbständige in der SPD am 12. Juni 2010 in Berlin

 

Sehr geehrter Herr Kaerkes,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kollegen in der Selbständigkeit,

als ich von Herrn Zimmermann die Einladung erhielt, hier und heute vor Ihnen zum Thema „Selbständigkeit“ zu referieren, wurde auf den ‚brandeins’-Artikel Bezug genommen, den der Eine oder Andere von Ihnen kennen mag. Darauf hin rief ich Herrn Zimmermann an und wies ihn – für mich ein Akt der Fairness – auf die Tatsache hin, daß ich wohl jenseits einer politischen Partei stünde.

„Das macht gar nichts“, meinte Herr Zimmermann, „hier geht es um die Selbständigkeit.“

Um genau diesen Mittelpunkt unseres Lebens geht es: die Selbständigkeit.

Selbständigkeit heißt Eigenständigkeit, Selbstverantwortlichkeit und Selbstbestimmtheit – für mich die natürlichste und authentischste Form eigener Lebensführung.

Und aus der Vielzahl der diese Art des eigenen selbständigen Lebens bestimmenden Faktoren möchte ich in aller Kürze und mit Rücksicht auf Ihre Zeitplanung einige hervorheben:

  1. Selbständige erfahren viel Neid und (daraus resultierend) Anfeindung.Wie oft höre ich in meinen Seminaren den Satz: „Na ja, DU bist ja selbständig!“, und in der Tat: Selbständige sind unabhängiger, freier, weniger dirigabel und insofern eine Unwägbarkeit für das staatliche System. Daß der durchschnittliche Selbständige beileibe nicht mit einer 37,5-Stundenwoche auskommt, sondern das doppelte wöchentliche Arbeitspensum eines durchschnittlichen Arbeitnehmers – mitunter sogar mehr – leistet, wird im allgemeinen von Arbeitnehmern nicht so recht wahrgenommen.
  • Selbständige fragen nicht nach sogenannten „Sozial“leistungen wie Kranken-, Urlaubs-, Weihnachtsgeld, Essens- und Fahrtkostenzuschlägen, Spätschicht- und Nachtzuschlägen – steuerbegünstigt, versteht sich – wobei die meisten Menschen den Unterschied zwischen sozial und sozialistisch noch nie überlegt haben dürften. Von einem 13. oder 14. Monatsgehalt träumt ein Selbständiger nicht.
  • Selbständige wollen nicht systemisch denken, handeln und leben – sie suchen schematische Öffnung, wo sie Lösungen für Probleme finden, die Nicht-Selbständige (Arbeitnehmer) auf übergeordnete Institutionen delegieren zu können glauben [Gewerkschaften, Parteien, (sub-)staatliche Entitäten oder einfach „die Gesellschaft“].
  • Selbständige sind bereit, Risiken zu übernehmen. Problematisch ist dabei eigentlich nur, daß Staat und Gesellschaft den Selbständigen zwar gerne die Übernahme von Risiken überlassen; wenn das eingegangene Risiko aber von Erfolg gekrönt wird – wollen sie jedoch an den Früchten kräftig partizipieren.Schlagen übernommene Risiken jedoch fehl, ist dies Sache der Selbständigen; bestenfalls können Verluste steuerlich geltend gemacht werden. Einen Bankrott hat der Selbständige, bitteschön, selbst zu verantworten und zu verkraften.Jedes Risiko ist eine Spekulation; also was wirft man Selbständigen vor, die etwas wagen, wozu den meisten Nichtselbständigen der Mut fehlt. Immerhin spekulieren sie – im Gegensatz zu Banken (insbesondere öffentlich-(un)rechtlichen!) – mit eigenem Vermögen.
  • Selbständige sind – entgegen der landläufigen Vorstellung – eben nicht vornehmlich darauf aus, unermeßlich reich zu werden; ganz im Gegenteil: ihr eigenverantwortliches und risikobereites DenkFühlHandeln bringt automatisch mit sich, daß sie im Durchschnitt mehr „auf der hohen Kante“ haben als Arbeitnehmer. Daß hierbei die Risikovorsorge enthalten ist – für sich selbst, die Familie, die Firma und die darin eingebundenen Arbeitnehmer sowie ihr eigenes Alter –, ist ein wesentlicher Teil der Planung und Funktion eines Selbständigen. Dies wird jedoch vom Heer der
    Arbeitnehmer zumeist geflissentlich übersehen; deren Daseins- und Altersvorsorge hat ja der Staat übernommen und seine BürgerInnen damit weitestgehend entmündigt. Daß all diese „Fürsorge“ aus gänzlich anderen Zeiten des industriellen Feudalismus herrühren, will der Staat heute gar nicht mehr wissen.

Aber wen kümmert heute noch das Motto der Aufklärung: SAPERE AUDE – wage es, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen?

  • Selbständige haben Visionen. Nach verläßlichen Statistiken entspringen weit über 90 % aller Erfindungen, Patente und funktionaler Verbesserungen den kreativen Gehirnen von Selbständigen,
    stammen also aus kleinen Denkfabriken – oftmals unter erheblichem Aufwand an Zeit und eigenen Mitteln. Daß diese dann von großen Gesellschaften aufgekauft und für den Markt aufbereitet werden, verwischt oftmals die Kreativität kleiner und mittelständischer Unternehmer sowie Freiberufler. Doch Kreativität setzt Visionarität voraus, denn nur aus Visionen – hierin schlummert das lateinische „videre“ (= sehen, sichten, erkennen) – können Ziele abgeleitet und erarbeitet werden. Doch diese Visionarität der Selbständigen ist insofern für das staatliche System oftmals gefährlich, als es doch das derzeitig Gültige des öfteren und bisweilen nachhaltig in Frage stellt. Wo sich der Arbeitnehmer zumeist, nolens volens, den gegebenen Umständen beugt, widersetzt sich der Selbständige und sucht nach Alternativen. Doch eben diese „Widerborstigkeit“ eines selbständig denkenden, suchenden und handelnden Mitbürgers stört das staatliche System mitunter erheblich, ja, es rüttelt bisweilen gar an den Grundfesten staatlich erwünschter Akzeptanz. Das macht die Selbständigen unbequem und mitunter gar verdächtig.

Genau darauf fußt u.a. der Kammerzwang – IHKs, HwKs und Berufskammern –, deren Einführung wir bis in die NS-Zeit zurückverfolgen können; eine geistige Anleihe Adolf Hitlers bei seinem großen Vorbild Napoleon Bonaparte, mithilfe derer er die Selbständigen unter Observation und staatliche Kontrolle stellen wollte – für mich ein klarer Bruch des Artikel 9 des GG. Aber auch andere, teilweise völlig absurde Zwänge und Vorgaben vonseiten der bereits genannten staatlichen Institutionen machen dem Selbständigen oftmals das Leben nicht einfach. Denken Sie an das unselige Scheinselbständigkeitsgesetz
bzw. das Gesetz zur „arbeitnehmerähnlichen Selbständigkeit“. Hier maßt sich der Staat doch tatsächlich an, darüber zu entscheiden, wer realiter selbständig ist oder eben nicht; all dies vor dem Hintergrund der grundgesetzlich garantierten Vertragsfreiheit und dem permanten Ruf der Politiker nach dem ‚mündigen Bürger’.

Aber all dies geschieht ja nur zum „Schutz des Bürgers“ – zumindest wird es uns offiziell so verkauft.

Wenn man dann auch noch die Einführung der Ich-AG inhaltlich näher beleuchtet, so kann das damit ausgelöste Kopfschütteln nur Kopfschmerzen verursachen. Bezeichnenderweise werden diese Gesetze ja eben nicht von sachkundigen Selbständigen erarbeitet, sondern von angestellten Juristen und von Beamten und Bundestagsabgeordneten verabschiedet, die zu mehr als drei Vierteln aus dem Bereich des öffentlich-(un)rechtlichen Dienstes stammen.

Wer zu diesen und vielen weiteren Widersprüchen detailliertere Informationen wünscht, dem darf ich das Buch „Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens“ anempfehlen (siehe Links im Anschluß). Ich erlaube mir, für dieses Buch aus Überzeugung zu werben, obwohl ich dessen Autor bin, denn der Erlös fließt zu 100 % in eine gemeinnützige Organisation.

  • Selbständigkeit verlangt Mut, Wille, Disziplin, Intelligenz, aber auch ständige Weiterbildung und ein lebhaftes Interesse daran, Zeitenwandlungen und Veränderungen zu adaptieren und umzusetzen – alles Tugenden, die regulatorisch systematisierten Arbeitnehmern zumeist bereits im Elternhaus, spätestens aber während des schulischen Dressurakts erfolgreich abgewöhnt wurden. Der Interessenshorizont eines Selbständigen ist regelmäßig weiter gespannt als der des durchschnittlichen Arbeitnehmers, und zu Fortbildungen – beileibe nicht nur in fachlicher
    Hinsicht, sondern in allen Belangen, die Interesse und Neugier wecken – müssen Selbständige nicht abkommandiert oder mit Zuschüssen (bis zu 100 %) gelockt werden; sie tun es für sich, ihre Ziele und Ideen, ihre Firma und die Mitarbeiter, für die sie Verantwortung tragen.
  • Viel zu wenig reflektiert wird in der Öffentlichkeit und der politischen Auseinandersetzung der Unterschied zwischen Unternehmern –das sind eben klein- und mittelständische Unternehmer, Freiberufler und Selbständige – und den (oftmals völlig überbezahlten) Managern in
    Unternehmen. In der öffentlichen Wahrnehmung wird ‚Manager’ mit ‚Führungskraft’ synonym gesetzt und verstanden. Dabei genügt ein Blick in den Stowasser, das lateinische Wörterbuch, um zu erkennen, daß Manager eine Zusammensetzung der beiden lateinischen Begriffe „manu agere“ (= mit der Hand bewerkstelligen, erledigen) bedeutet. Zwar muß jede Führungskraft ein guter Manager sein, beileibe jedoch ist nicht jeder Manager, so respektabel sich dies auch auf der Visitenkarte ausmacht, eine Führungskraft.
  • Zunehmend beobachtet man auch bei Selbständigen ein unter Arbeitnehmern längst zur Zivilisationskrankheit erklärtes Phänomen: Burnout! Aber bei Selbständigen liegt diesem ‚Ausgebranntsein’ – konträr zu Nichtselbständigen – nicht berufliche Überforderung zugrunde, sondern die bürokratischen Eingriffe und legislatorische Überfrachtung vonseiten der Politik, die – natürlich wiederum nur „zum Schutz“ des Bürgers, des Verbrauchers, der Gleichberechtigung, etc. – alles meint, regeln und mit immer weiterreichenden Formalien, Protokoll-, Auf- und Auszeichnungspflichten, Gewährleistungs- und Haftpflichtübernahmen belasten zu müssen. Selbst Handwerker, Landwirte, Einzelunternehmer und Freiberufler verbringen inzwischen bis zu 50 % ihrer Zeit mit Protokollpflichten und juristischem oder steuerlichem „Beiwerk“, was kaum bis nichts mit ihrer beruflichen Qualifikation zu tun hat. Kein Wunder, daß haufenweise Finanz- und Wirtschafts-, Steuer- und Rechtsberater, kleine Mittelständler das Handtuch werfen und ihre Selbständigkeit aufgeben und Praxen geschlossen werden – Selbständige verlieren ihre innere ‚Flamme’, sie wandern aus oder wechseln ins Angestelltendasein.
  • Viele Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe leiden unter demselben Problem, auch wenn sie völlig unterschiedliche Arbeits- und Berufsfelder haben: Die Mitarbeiter – und dies gilt vor allem für kleine und mittelständische Betriebe – haben die „Zeichen der Zeit“ überhaupt noch nicht erkannt; sie halten sich selbst für so ausreichend qualifiziert und unersetzlich, daß sie sich für die Probleme, die vor allem kleine und mittelständische Unternehmen haben, noch immer glauben, nicht interessieren zu müssen. Für die Auftragslage – so ihr Denken – ist allein der Chef verantwortlich. Sie ziehen sich auf den Standpunkt zurück: Ich mache meine Arbeit sauber, leiste meine im Arbeitsvertrag festgelegte Arbeitszeit, bin höflich und pünktlich. Was soll mir also passieren. Im übrigen ist für meine gesicherte Beruflichkeit zum einen die Gewerkschaft, zum anderen das Arbeitsgericht zuständig.

Daß sich die Arbeitswelt insgesamt völlig verändert hat, ist diesen Mitarbeitern noch gar nicht klar. Von dem Gedanken, die Mit-Verantwortung für den Betrieb zu sehen und zu übernehmen, sind sie zumeist weit entfernt. Sie überlassen das wirtschaftliche wie auch das Auftrags-Risiko dem Unterneh­mer – in dem Glauben, daß dieser ja dafür auch „wahnsinnig“ viel verdient.

Multis und kleine KMUs

Täglich neue Meldungen von Übernahmen und Aufkäufen großer, altehrwürdiger Firmen lassen den unbedarften Zeitgenossen immer wieder staunen. Da werden ganze Konzerne fusioniert, andere schließen sich zu Partnerschaften zusammen. Banken und Versicherungen, Unternehmensberatungs- und Handelsgesellschaften verschmelzen zu Synergie-Konglomeraten, um dann in der Umsatzliste vielleicht ein paar Plätze nach oben zu rutschen, sich im ‚Ranking’ zu verbessern, wettbewerbsfähig zu bleiben.

Längst geht es hierbei um Milliarden-Deals, und ebenso regelmäßig bangen dann Tausende von Menschen um ihre Arbeitsplätze.

Hingegen wird von der Öffentlichkeit gar nicht wahrgenommen, wenn Tausende kleinerer Betriebe zerlegt, teil-verkauft oder stillgelegt werden, Schachtelbeteiligungen an Aktiengesellschaften den Besitzer wechseln oder Gesellschaften Beteiligungsverhältnisse einfach tauschen. Doch auch dem unbedarf­ten Zaungast dämmert, worum es dabei geht: Höhere Produktivität, niedrigere Erzeugerpreise, Abschreibungsgewinne (z.B. durch Verlust-Zukäufe), Rationalisierungs- und Synergieeffekte, Standort- und Wettbewerbsvorteile – mitunter das schiere Überleben.

Mitten in diesen Revierkämpfen der wirtschaftlichen Riesen stehen Sie als KMUs, alleingelassen von der Politik, die sich nur um die „systemrelevanten“ Großen kümmert. Während sich die Wirtschaft längst transnational organisiert, denken und regulieren unsere „Sozial“politiker immer noch auf und in nationalen Entitäten – fernab der Realität, im Stil und in der geistigen Enge gestriger Verwalter fundalistischer Erbhöfe.

Die Multis nehmen auf Landesgrenzen ebenso wenig Rücksicht wie auf die Stillegung alteingesessener Standorte. Märkte und Standortvorteile wiegen weit höher als steigende Arbeitslosenzahlen und die wirtschaftliche Austrocknung ganzer Regionen. KMUs hingegen bleiben zumeist regional und national.

Während die Politiker eilfertig um „Schadensbegrenzung“ bemüht zu sein vorgeben – z.B. durch Auflegung immer neuer Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Förderprogramme, um die Arbeitslosenzahlen zu schönen, ohne daran jedoch maßgeblich etwas zu ändern – und nicht müde werden, die Schuld für den wirtschaftlichen Verfall den Unternehmen und den Finanzmärkten zuzuschieben, statt darüber nachzudenken, ob ihre gesetzlichen Grundlagen nicht der Kern des Übels sind und sich nicht eventuell die Zeiten einfach geändert haben, zeichnet sich der Beginn eines Szenarios ab, das wie folgt skizziert werden kann:

  1. Die Zahl der Großunternehmen schrumpft proportional zur wachsenden Größe von immer weniger daraus entstehenden Giganten.
  2. Die ehemals als besonders sicher geltenden Arbeitsplätze in der Großindustrie sowie bei den Multis im Produktions- und Dienstleistungssektor nehmen rapide ab, wobei vor allem wenig oder schlecht ausgebildete Arbeitnehmer als erste gezwungen sind, sich in die wachsenden Schlangen vor den Arbeits- und Sozialämtern einzureihen. Längst sind aber auch das mittlere Management und gut ausgebildete Fachkräfte vom Exodus vieler Firmen und der Verschmelzung großer Betriebe betroffen.
  3. Deutschland nimmt mit einer Selbständigenquote von unter 8 % den letzten Platz aller Industrienationen ein, und die sind mit nur ca. 3,5 % auch im Bundestag unterrepräsentiert. Dafür ist Deutschland die einzige aller Industrienationen, in der es mehr öffentlich-(un)rechtlich Bedienstete als Selbständige gibt. Das stimmt nachdenklich.

Ist Selbständigkeit staatlich plan- und regulierbar?

Die vielgepriesenen „Existenzgründungs“-Seminare der Industrie- und Handelskammern wirken bei näherer Betrachtung eher wie mitleidheischende Alibiveranstaltungen, vor allem, wenn sie von Angestellten oder öffentlich-(un)rechtlich Bediensteten gehalten werden, die von Selbständigkeit nun wirklich nicht die blasseste Ahnung haben.

So deprimierend es auch auf den ersten Blick sein mag: Die dem Jung-Unternehmer (auch fort­geschrittenen Alters) angebotenen Hilfen – staatliche Förderprogramme, Unternehmer-Ausbildungssemi­nare u.v.m. – erweisen sich in Wahrheit nahezu ausnahmslos als wenig förderlich bis geradezu sinnlos. IHKs, HwKs, Kammern und gesetzliche Sozialversicherungen sind unwirtschaftlich geführte Postenkartelle, in denen Milliardenbudgets vernichtet werden.

Nur so ist die hohe Zahl der bereits innerhalb der ersten drei bis fünf Jahre faillierenden Existenz-Neugründungen nachzuvollziehen.

Die o.g. Institutionen verstehen unter Selbständigkeit vornehmlich ein wirtschaftliches Phänomen. Auf die psychologischen Unter­schiede zwischen einem Arbeitnehmer und einem Selbständigen gehen all die angebotenen Kurse und Fördermaßnahmen überhaupt nicht ein. Der Aufbau einer Firma, eines Unternehmens oder Betriebes hängt nämlich beileibe nicht nur von der fachlichen Qualifikation des Gründers, seinem Mut zum Risiko und seiner Bereitschaft ab, auch 100 Stunden und mehr pro Woche zu arbeiten. Schon die Planung der Gründung eines Unternehmens bedarf weit mehr als einer Struktur- und Standortanalyse, der Beschaf­fung eines entsprechenden Gründungskapitals, ausgefeilter Werbemaßnahmen und der Rekrutierung entsprechend qualifizierter Mitarbeiter.

So sollte sich der Jung-Unternehmer fundamental klar darüber sein, warum er überhaupt selbständig wird, was seine kurz-, mittel- und langfristigen Ziele sind – und mit Zielen meine ich durchaus nicht nur berufliche.
Er sollte sich über seinen (und seines Unternehmens) Stand innerhalb seines Umfeldes absolut klar sein und am besten seine Pläne nicht nur mit lieben Freunden und Verwandten, sondern vor allem mit erfah­renen Selbständigen – auch hier nicht nur aus seiner Branche – besprechen.

Bei der Gründung seines Unternehmens sollte er sich auch nicht auf abhängige Angestellte eines Bankinstitutes verlassen, denen es – per definitionem – ausschließlich darum geht, das Risiko fürs eigene Haus möglichst bei Null zu halten und der Performance der eigenen Zweigstelle und damit seiner Karriere zu dienen. Jung-Unternehmer brauchen eine erfahrene Führung durch die Irrungen und Wirrungen einer Existenzgrün­dung, einen Begleiter in die Selbständigkeit.

Dazu gehört auch, daß Steuer-, Rechts- und Unternehmensberater nicht erst „irgendwann“ im Laufe der Entwicklung eines Unternehmens hinzugezogen werden – also wenn Not am Mann ist. Ähnlich einem Fötus, der bereits lange vor der Geburt medizinisch sorgsam betreut und begleitet wird, sollte auch die Existenz eines Unternehmens bereits lange vor der Eintragung ins Handelsregister begleitet und sorgsam betreut werden.

Zu den wichtigen und wertvollen Schritten der Vorbereitung der Gründung einer Selbständigen-Existenz gehört jedoch auch, von vornherein nach Partnerschaften und Möglichkeiten der Kooperation zu suchen, wobei auch diese sich beileibe nicht nur auf das gleiche Geschäftsfeld beziehen und beschränken sollten. Es gilt vielmehr, Gleichgesinnte zu finden, die – vielleicht schon mit ein wenig mehr Erfahrung versehen – den Weg ins Unternehmertum hilfreich flankieren können.

Ich meine hierbei nicht nur die „Unternehmer-Verbände“, sondern auch die Interessensvereinigungen und Arbeitsgruppen, die sich in fast allen Städten in regelmäßigen Abständen zum Erfahrungsaustausch zusammenfinden. Hier werden die menschlich wertvollsten Verbindungen geknüpft, wobei – dies mag Neu-Selbständige anfangs überraschen – der berufliche Aspekt hinter dem menschlichen weit zurücksteht. Hier kommt man sich menschlich näher, tauscht Ideen und Gedanken aus, hier werden wertvolle Netzwerke und Kooperationen aufgebaut, die dann in die berufliche (und private) Sphäre integriert werden. Daß sich auf dieser Ebene auch berufliche Verbindungen ergeben, Partner aus unter­schiedlichen Tätigkeiten plötzlich nicht nur menschliche Gemeinsamkeiten, sondern auch Möglichkeiten der beruflichen Kooperation feststellen, versteht sich von selbst. Zumeist findet man – was bei näherer Betrachtung gar nicht so überrascht – in berufsfremdem Gedankenaustausch viel eher zu neuen Ideen und kreativen Möglichkeiten der Zusammenarbeit, als wenn man immer nur unter beruflich Gleichgesinnten verweilt.

Gerade bei Selbständigen kommt es nämlich auf einen möglichst weiten Horizont an; während der Angestellte nämlich „automatisch“ mit Menschen in Verbindung kommt, die von sich aus auf ihn und seine Produkte oder Dienstleistungen zukommen, kreiert der Selbständige sein Kunden-/Mandanten-/Klientenfeld selbst, und je weiter sein eigenes Blickfeld ist, desto interessanter wird er (und seine beruf­liche Tätigkeit) für eine immer größere Menge seiner Mitmenschen.

Die Psychologie des Unternehmers

Mit dem eben Gesagten gewinnt das Selbständigen-/Unternehmer-Sein eine völlig neue Dimension, eine urpersönliche Philosophie. Traurig entlarven sich damit die „Bekenntnisse“ der Politiker zum Wert der KMUs als Krokodilstränen – hilflose Aktionsveranstaltungen von Blinden, die über Farben schwadronieren.

Der ideale Selbständige hat nicht nur einen extrem weiten Horizont (den zu erweitern er außerdem ständig bemüht ist) und eine philosophisch tiefere Sicht der Dinge. Er unterscheidet sich auch in seiner Psycho­logie enorm von der des „typischen“ Angestellten. Er kann auf Menschen zu- und mit ihnen umgehen – ohne seinen Standpunkt aufzugeben oder sich als schmieriger Manipulator zu „verkaufen“. Er hat Umgangsformen, die ihm (möglichst) jeden Kontaktkreis öffnen. Er pflegt ein weit über seine beruf­lichen Belange hinausgehendes Interesse und verschließt sich nicht egoman allem, was nicht unmittelbar mit seinem Beruf und einigen wenigen speziellen Hobbys zu tun hat. Er achtet auf seine Rhetorik (die sich beileibe nicht nur auf Aussprache, Redegewandtheit, Mimik und Gestik beschränkt), zeigt Offen­heit und Verständnis. Er lernt, mit Distreß und Eustreß gleichermaßen umzugehen, zeigt Konsequenz – ohne stur zu sein – und Flexibilität, ohne dies mit Labilität zu verwechseln.

Er führt ein Unternehmen, statt eine Abteilung zu managen. Demzufolge feilt er an seiner Kommunika­tionsfähigkeit ebenso sorgsam wie an seiner beruflichen Fortentwicklung.

Selbstsicherheit ist erlernbar und antrainierbar. Selbstbewußtsein hingegen ist eine endogene, aus harter Arbeit mit und an sich selbst erwachsende authentische Grundhaltung, die wir weder in der Schule noch (zumeist) im Elternhaus erlernen.

Wer in der Zukunft als selbständiger Unternehmer bestehen möchte, kommt gar nicht umhin, sich mit psychologischen und philosophischen Gedanken und Fordernissen auseinanderzusetzen, innerhalb derer berufsspezifische Qualifikation nur eine höchst untergeordnete Rolle spielt. Fachliche Kompetenz kann man „einkaufen“, soziale Kompetenz muß man erwerben.

Unternehmern der Zukunft muß vor allem darum zu tun sein, Allianzen zu flechten, Koopera­tionen und Partnerschaften einzugehen, Netzwerke zu knüpfen und – rechtzeitig, d.h. bevor es die wirt­schaftlichen Notwendigkeiten erfordern – zu fusionieren, statt zu kollabieren.
Wer in selbstherrlicher Egomanie verharrt und auf die Chance lauert, den kleinen Bill Gates in sich zu entdecken (und anderen zu beweisen), dürfte sich bei der sich klar abzeichnenden Entwicklung in der Wirt­schaft und im Gemenge der kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) sehr bald entweder eine blutige Nase holen oder alle guten Vorsätze, ein renommiertes, gut-beleumundetes Unternehmen mit langer Lebensdauer aufzubauen, über den Haufen werfen müssen.

Wer als Führer und Lenker eines KMU in der Zukunft erfolgreich bestehen möchte, wird gut daran tun, frühzeitig Partner ins Boot zu holen, die nach ihrer menschlichen Gesamtkompetenz zu ihm passen. Er wird sich nach finanziellen Partnern umtun, denen es nicht darum geht, sich „ins gemachte Nest“ zu setzen oder den Betrieb wirtschaftlich auszubeuten, sondern sich den Ideen und der Philosophie des Gründers entsprechend zu beteiligen, um gemeinsam erfolgreich zu sein. Ob dies durch direkte Beteiligungen oder etwa durch partiarische Darlehen geschieht, ist dabei nebensächlich.

Genauso sollte es klein- und mittelständischen Unternehmern darum gehen, Partnerschaften mit anderen KMUs aus benachbarten Fachgebieten einzugehen, um die eigene Geschäftsbasis auszubauen, Synergien zu entwickeln und neue (gemeinsame) Geschäftsfelder zu entdecken. Besonders wichtig, interessant und effizient ist es für klein- und mittelständische Unternehmer jedoch, ihre eigene Betriebsstruktur von alten Mustern hierarchischen Denkens und einer vertikal strukturierten Unternehmenskultur abzukoppeln. Die Zukunft gerade der kleinen und mittelständischen Betriebe wird dem partnerschaftlichen Miteinander-Arbeiten gleichwertig nebeneinander stehender Partner, schlanker, effizienter Strukturen und flacher Hierarchien gehören. Team-Quality ist gefragt, das althergebrachte „Chef-Mitarbeiter“-Verhältnis wird zunehmend abgelöst werden durch Teams, die – auf hohem fachlichem wie menschlichem Niveau – miteinander Projekte abwickeln, Lösungen erarbeiten und dann ebenso gemeinsam den Erfolg der Firma garantieren.

Es hat ja einen Grund, warum große Unternehmen in eingangs beschriebener Weise miteinander Partnerschaften eingehen, Beteiligungen austauschen, joint-ventures eingehen oder fusionieren. Erstaunlich ist, daß kleine und mittelständische Betriebe diesen Trend zumeist noch gar nicht in ihre Überlegungen einbauen und zumeist immer noch in einem Chef-Struktur-Denken verhaftet sind, wofür bereits heute, noch mehr jedoch in naher Zukunft, kein Platz mehr sein wird.

Die ideale Fimenkonstellation als Alternative

Nun mögen Sie nach all dieser pointierten Kritik, die der Zeitnot geschuldet noch viel umfassender ausfallen könnte, die Frage stellen: Wie sähe denn die ideale Firmenkonstellation aus?

Nun, ideal ist für mich eine Firma, die ausschließlich aus Selbständigen besteht. Und bevor Sie nun verschreckt aus dem Saal stürmen: Es gibt eine Aktiengesellschaft in Deutschland, die ausschließlich aus Selbständigen besteht.

Ich darf Ihnen diese Konstellation kurz beschreiben: Alle Partner – Berater, Mitarbeiter im Innendienst, Sekretariat, Buchhaltung und Rechnungswesen – sind ausschließlich Selbständige.

Entscheidungen werden ausschließlich demokratisch gefällt. Hierzu eine kurze Anmerkung: Demokratie verlangt – man lese nach bei Solon und Perikles – zwei Voraussetzungen:

  1. Die demokratisch Abstimmenden müssen umfassend über den Gegenstand informiert sein, über den abgestimmt wird;
  2. die demokratisch Abstimmenden müssen vom Ergebnis der Abstimmung, egal wie sie ausfällt, unmittelbar betroffen sein.

Daraus ergibt sich jedoch logisch, daß Demokratie immer nur eine lokale, bestenfalls regionale Veranstaltung sein kann. Und hieraus ergibt sich wiederum (ebenso logisch), daß wir de facto keine einzige nationale Demokratie auf diesem Planeten haben.

Nun, in dieser Firma funktioniert das demokratische Prinzip tatsächlich – jeder Mitarbeiter hat eine Stimme –, und ebenso logisch ist, daß der jährlich erarbeitete Gewinn unter all den Partnern, die zu dessen Erarbeitung beigetragen haben, verteilt wird.

Der Inhaber eines klei­nen oder mittelständischen Betriebes sollte seinen Mitarbeitern ständig in verständlicher und offener Weise darlegen, wie es um die Firma insgesamt (und damit um ihre Arbeitsplätze) bestellt ist; Stichwort: Kompetenz durch Transparenz.

Darüber hinaus können auch Bonussysteme Gewinnbeteiligung, Gruppen-Unfall­versicherungen, betriebliche Altersversorgung u.v.m.) für diejenigen Mitarbeiter angeboten werden, die sich – aus einem Neuen Denken heraus – für den Betrieb „mit-verantwortlich“ fühlen und zeigen.

Je mehr die Mitarbeiter in der Lage und bereit sind, Mit-Verantwortung zu übernehmen, desto eher werden sie eigene Ideen entwickeln und in die gemeinsamen Besprechungen einbringen.

a) Vorteile für die Mitarbeiter

  1. Sie werden nicht nach dem Durchschnittsprinzip entlohnt (was die weniger Fleißigen begünstigt und die Einsatzfreudigen benachteiligt), vielmehr wird ihre individuelle Leistung, Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit auch individuell gewürdigt und finanziell entlohnt.
  • Der nunmehr selbständige Mitarbeiter muß nicht mehr ins schwarze „Grab“ der „Sozial“abgaben
    monatlich horrende Beträge einzahlen, er sichert sich stattdessen – und dies bedeutend effektiver und billiger – auf privater Basis gegen Invalidität, Berufs-/Erwerbsunfähigkeit, Krankheit sowie für das Alter ab.
  • Er kann über ein Bonussystem auch am wirtschaftlichen Erfolg der Firma, für den er als Selbständiger natürlich in ganz anderem Maße mit-verantwortlich ist, beteiligt werden.
  • Er wird buchstäblich zum Mit-Unternehmer.
  • Daß die Kommunikation unter gleichwertigen Partnern, die als Selbständige natürlich nicht mehr in der typischen vertikalen Hierarchie-Ebene miteinander verkehren, eine wesentlich konstruktivere ist, steht wohl außer Frage. Im Betrieb wird nicht mehr hierarchisch gedacht, sondern partner­schaftlich miteinander kommuniziert und gearbeitet.

b) Vorteile für den Arbeitgeber

    1. Der Arbeitgeber wird nicht etwa seiner Rechte enthoben, sondern er sieht an seiner Seite nunmehr mit-denkende, mit-verantwortliche und selbständig denkende und handelnde Partner.
  • Er trägt zwar weiterhin das wirtschaftliche und juristische Risiko für das Bestehen und Fortkommen des Betriebes, gleichzeitig empfinden sich aber auch seine Partner als mit-verantwortlich. Sie sind natürlich auch an einem Ausbau des Betriebes, an
    seiner Konkurrenzfähigkeit und an seinem Erfolg unmittelbar interessiert – weil beteiligt.
  • Auch der Betrieb spart sich selbstverständlich die „Sozial“abgaben. Wenn es dem Betrieb aber um eine ehrliche Partnerschaft zu tun ist, wird der Inhaber die derart gesparten Sozialabgaben auf die künftig zu zahlenden Stundenhonorare umrechnen. Der Erfolg: Der Betrieb spart zwar de facto kein Geld, durch die bessere Entlohnung seiner Mitarbeiter werden diese jedoch ein vivides Inter­esse am unmittelbaren Erfolg der Firma zeigen. Etwas Besseres kann dem Inhaber eines Betriebes überhaupt nicht passieren.

Daß diese völlig neue Art der Zusammenarbeit sich nicht nur in einer deutlich besseren Kommunikation nach innen niederschlägt, sondern diese Veränderungen auch nach außen – gegenüber Kunden, Klienten und Mandanten – abstrahlen, ist selbstverständlich. Damit öffnet sich der Betrieb insgesamt auch nach außen in einer Art und Weise, die dem Betrieb mehr Attraktivität für die Bezieher seiner Leistungen bietet.

Fazit : Aus hierarchisch über- und untereinander positionierten Mitarbeitern innerhalb eines Firmen­körpers werden nunmehr als gleichwertig nebeneinander stehende und in eben dieser Gleichwertigkeit miteinander kommunizierende Partner. Diese gänzlich andere Interessenslage führt dann zu einem wesentlich konstruktiveren und effektiveren Miteinanderverbunden-sein – also zu dem, was ich global als Partner-Netzwerk bezeichne.

Daß neben den rein funktionalen Elementen auch gewisse steuerliche und rechtliche Momente bedacht werden müssen, ist klar. Wenn jedoch der grundsätzliche Konsens über diese neue Form der Zusam­menarbeit zwischen den Partnern innerhalb eines Betriebes besteht, sind die berufsspezifischen, steuer­lichen und rechtlichen Probleme in nahezu jedem Fall lösbar.

Auf der Hand liegt, daß diejenigen Betriebe die größte Überlebenschance haben, deren Mitarbeiter die „Zeichen der Zeit“ zu deuten lernen und bereit sind, in einer sich völlig (und rasant) verändernden Berufswelt sich auch neuen Aufgaben zu stellen, andere Denkweisen zu entwickeln und sich anders gearteten Formen der Zusammenarbeit zu befleißigen.

Je offener die Kommunikation im Betrieb wird, desto eher werden die Mitarbeiter auch Verständnis dafür entwickeln, daß sie sich nicht nur als Angestellte bequem und risikolos zurücklehnen können – nach dem Motto: Der Chef wird es schon selbst richten!

Wer hierzu Näheres wissen möchte, kann mich gerne darauf ansprechen, denn dieses Prinzip ist natürlich auch in GmbHs und anderen Gesellschaftsformen verwirklichbar.

Selbständigkeit hat in erheblichem Maße mit Freiheit und Eigenverantwortlichkeit zu tun, aus der dann ein beileibe nicht auf materielle Güter beschränkter Reichtum erwächst. Und, um das Maß voll zu machen, gebe ich Ihnen gerne meine ganz persönliche Definition von Freiheit und Reichtum:

Frei ist der, der sich in seinem DenkFühlHandeln durch nichts und niemanden von seiner ethischen Grundhaltung abbringen läßt; er ist unabhängig, nicht korrumpierbar und authentisch.

Reich ist derjenige, der sich körperlich, geistig und seelisch ein Höchstmaß an Lebensfreude, Interesse und Neugier leistet und damit seine Lebenszeit zu füllen vermag.

Mit anderen Worten: Je größer die Vielzahl der Interessen ist, desto intensiver können wir – unter vollem Einsatz unseres Intellekts, natürlicher Emotionalität und unserer physischen Möglichkeiten – die uns geschenkten Jahr(zehnt)e nutzen, leben und erleben.

Und noch ein letzter Tip: Besorgen Sie sich, wenn Sie es nicht ohnehin schon gelesen haben, das Buch „Die Deutschlandakte“ von Prof. Hans-Herbert von Arnim aus dem Bertelsmann Verlag. Hans-Herbert von Arnim beschreibt darin unaufgeregt, aber kristallklar den Zustand unserer Republik – Sie sehen, ich vermeide bewußt den irreführenden Begriff „Demokratie“. So sehr ich Herrn Gauck dem konturlosen Parteistrategen Wulff vorziehe, dieser Hans-Herbert von Arnim wäre für mich auch der ideale Kandidat für die Wahl zum Bundespräsidenten gewesen. Aber das ist ein gänzlich anderes Thema.

Mir bleibt nur noch, Ihnen als Selbständigen und damit als Minderheit in diesem Lande ein gutes Gelingen Ihres Bundeskongresses zu wünschen und für Ihre Aufmerksamkeit zu danken.

H.-W. Graf

Bei weitergehendem Interesse anempfohlen:

PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.

www.d-perspektive.de

Hier im Besonderen: Grundsatzkonzept, Demokratie- und Rechtskonzept,

Steuer-, Wirtschafts- und Sozialkonzept, Gesundheits- und Bildungskonzept:
zu den Konzepten

Bundesverband für freie Kammern e.V.

www.bffk.de

Anthropos e.V. – Für die Kinder dieser Welt

www.anthropos-ev.de

„Souveränität als Lebensmaxime“

Artikel im zeitreport-online

„Die Macht der Information“
Artikel im zeitreport-online

Buch: “Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens”

Literatur-Empfehlungen und
Für Sie gelesen – Rezension

17. Mai 2010

Ende oder Anfang?

17. Mai 2010|Gesellschaft, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Ende oder Anfang?

Die Frage aller Fragen: Ist der Lauf der Dinge noch aufzuhalten? Ist das unerbittliche Gesetz von Ursache und Wirkung noch zu durchbrechen? Oder ist der point of no return in Richtung Ende dieser Zivilisation bereits überschritten?

Die jüngste Vergangenheit folgte einer jedermann ersichtlichen Logik und Konsequenz. Auch die nahe Zukunft birgt kaum Geheimnisse.

Die hundertfünfzig Wissenschaftler, die die UNO beauftragte, herauszufinden, wohin sich das Leben auf der Erde entwickelt (Millennium Projekt), ermittelten als wahrscheinlichsten Verlauf, daß es zum Krieg der Benachteiligten gegen die Bevorzugten käme, der am Ende mit allen verfügbaren Mitteln geführt werde.

Viele nahmen an, daß die hungernden Massen aus dem Süden sich aufmachen würden, um sich an den Fleischtöpfen im Norden zu laben. Doch davor bewahrt die Satten, daß sich mit leerem Bauch schlecht marschieren läßt. Obendrein erweisen sich für die Afrikaner die Sahara und das Mittelmeer als schwer zu überwindende Hindernisse.

Vielleicht hätte man erahnen können, daß der Funke im Zentrum des Hochmuts entfacht werden würde. Durchaus zu erwarten dagegen war, daß ihn nicht die Ohnmächtigen zünden würden, sondern die gegen Ungerechtigkeit aufbegehrenden, in ihrem Stolz verletzten Potenteren, Leute mit Geld und Macht – die gefährlichere Variante.

Die Militärmaschine jedenfalls geriet schon mal in Bewegung, vorerst mit gebremstem Schaum und auf die geringste Gegenwehr gerichtet.

Der weitere Verlauf war etwas weniger ersichtlich, aber durchaus folgerichtig. Der anhaltende Krieg erzeugte Kosten, die sich am Ende auf die Kaufkraft des kleinen Mannes niederschlugen. Massenweise platzten Kredite, die die Bürger aufgenommen hatten. Und für die Immobilien, die sie den Banken als Pfand übereignet hatten, gab es niemanden mehr, der sie kaufen konnte. Das stieß die Geldhäuser in den Ruin.

Anschließend rächte sich eine weitere Machenschaft der Staaten. Sie veranlassen Unternehmen und Betriebe, sich nicht mehr über Rücklagen zu finanzieren, sondern über Kredite. Denn Guthaben sind zu versteuern, Schulden dagegen, zumindest deren Zinsen, lassen sich von der Steuer absetzen. Das führt dazu, daß ohne Kredite die Bänder still stehen. Die Banken sind in den Stand der „Systemrelevanz“ erhoben.

Als Folge dieses Tatbestands konnten die Staaten nicht, wie es der Markt verlangt hätte, die Banken auf ihren faulen Papieren sitzen und das Zeitliche segnen lassen.

Die Staaten indessen leben schon seit Jahren über ihre Verhältnisse, weil jede Regierung die andere durch Wohltaten zu übertrumpfen trachtet. An die nächste Generation, die neben den horrenden Schulden noch in Gang gesetzte Umweltprobleme und verknappte Ressourcen zu bewältigen hätte, denkt niemand.

Jedenfalls war für die Bankenrettung kein Geld da. Die Staaten steigerten ihre Schulden ins Unermeßliche.

Doch wie ein Wink des Schicksals tut sich plötzlich eine Chance auf, das Blatt zu wenden, der tödlichen Unerbittlichkeit zu entkommen.

Beileibe nicht als erster, aber doch auf eine sehr spektakuläre Weise gerät der griechische Staat in die Pleite. Weil es um ihre Währung geht, springen ihm die anderen Staaten zur Seite. Und der Staat selbst legt sich ein knallenges Sparkorsett an. Gleichwohl ist jedermann klar, daß hier der vergebliche Versuch unternommen wird, am Leben zu erhalten, was längst gestorben ist – nochmals enorm kostenträchtig.

Und weil es diesmal nicht nur einen Staat, sondern sie alle trifft, erfolgt das verzweifelte Bemühen, den Markt durch Luftbuchungen (die Bereitstellung von 750 nicht vorhandenen und nicht zu bekommenden Milliarden) zu beruhigen.

Seit langem ist allen klugen Zeitgenossen bewußt, daß die Staaten das Verhängnis der Menschheit sind. Doch sie auf friedliche Weise abzuschaffen, türmte sich als unüberwindliche Schwierigkeit auf. Und nun serviert der Ablauf des Geschehens unverhofft einen Staat, der sich in besonderer Weise ins Aus manövriert hat.

Dazu trifft es die Griechen, ein freiheitsliebendes Volk. Ihre Vorfahren, Solon, Kleistenes, Perikles haben den Gedanken der Freiheit in die Welt gesetzt.

Was ist geboten? Die Griechen müssen in ihrem Verlangen nach Beseitigung dessen, was Sitte und Moral verdirbt, was die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer macht, bestärkt werden. In ihnen ist das Zutrauen zu wecken, ihr Geschick in die eigene Hand zu nehmen. Sie sind zu warnen vor allen Verführern, Bevormundern, Wohltätern. Sie sollten lediglich dafür sorgen, daß ihr Staat ordnungsgemäß abgewickelt wird.

Was dagegen geschehen wird, wenn diese Chance ungenutzt bleibt, gibt keine Rätsel auf.

Die Staaten profitieren gegenwärtig vom künstlich erzeugten niedrigen Zinsniveau. Doch auch Zentralbanken können dauerhaft nicht von Luft und Liebe leben. Zu erwarten ist, daß sie sich noch in diesem Jahr zur Erhöhung des Leitzinses gezwungen sehen werden. Das bürdet den Staaten nochmals gewaltige Lasten auf (Deutschland allein müßte, sollte der Zinssatz nur um einen Prozentpunkt heraufgesetzt werden, noch in diesem Jahr weitere neun Milliarden Euro an Zinsen zahlen, in den Folgejahren noch mehr).

Noch verhängnisvoller aber dürfte sich auswirken, was sich für 2011 abzeichnet. In jenem Jahr beginnend werden Geschäftsimmobilienkredite fällig, von denen schon jetzt als erwiesen gilt, daß die Mehrheit von ihnen nicht abgegolten werden können. Der Umfang könnte, Analysten zufolge, dem der kürzlich geplatzten Wohnimmobilienkredite nicht nachstehen.

Es bedarf der aufgeschreckten Fachleute nicht, um zu wissen, daß damit die Staaten am Ende sind. Sie werden versuchen, sich der Ersparnisse ihrer Bürger zu bemächtigen über eine Währungsreform. Ob sie dafür aber deren Duldung erhalten, zumal eine Menge Arbeitsplätze verloren gegangen sein dürften, ist sehr die Frage. Aufruhr von links und rechts, Mord und Totschlag, Mogadischu in Paris und Berlin. Wer das in Rechnung stellt, könnte von dem Ablauf des Geschehens bestätigt werden.

Wie dem auch sei, Ereignisse wie die zu erwartenden haben erfahrungsgemäß – Gegenargumente finden nun keine Gefolgschaft mehr – den Ruf nach einem „starken Staat“ im Gefolge. Und wenn diese Denkart auf die schwindenden Ressourcen trifft, entsteht eine Konstellation, die wahrlich nichts Gutes verheißt.

Zurück zur Gegenwart. Der Zug der Zeit, dessen Gleise, vom Obrigkeitsglauben und Machbarkeitswahn vorgezeichnet, ins Ausweglose führen, trifft unverhofft auf eine Weiche. Sie würde eine Fortsetzung der Fahrt nach Vernunft und Maß erlauben. Allerdings muß die Weichenstellung jetzt erfolgen. Denn wenn in Griechenland das Chaos ausgebrochen ist, was nicht lange dauern dürfte, ist an der Reiseroute nichts mehr zu ändern.

Was ist konkret zu tun? Diejenigen, die gehört werden oder die über Publikationsmittel verfügen, müßten in Wort und Schrift den Willen der Griechen bestärken, ihr Geschick selbst in die Hand zu nehmen, sich jedem Gedanken an die Wiederherstellung der Staatlichkeit zu widersetzen. Sie, die Wissenden, sollten sich dafür einsetzen, daß die Konkursmasse und die Lasten des gestorbenen Staates über einen Insolvenzverwalter auf gerechte Weise abgewickelt werden (beispielhaft für die nachfolgenden Staatspleiten). Und sie müßten sich dafür verwenden, daß ihr eigener Staat es unterläßt, wie auch immer in das Geschehen einzugreifen.

Die Auffassung, das hier Ausgeführte verspreche keinen Erfolg, entlarvt sich selbst als vordergründig. Denn angesichts der absehbaren Alternative kann es keinen Zweifel geben, daß es unverantwortlich wäre, den Versuch zu unterlassen.

Wenn je hohe Anforderungen an Vernunft und Verantwortung der Eliten gestellt werden durften, jetzt ist der Zeitpunkt, sie abzurufen.

Karl-August Hansen