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18. April 2009

Wie sicher sind Lebensversicherungen?

18. April 2009|Sozialpolitik|0 Comments

Wie sicher sind Lebensversicherungen?

 

Die Anlageform der Lebensversicherung [1] hat sich angesichts der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise als bisher bemerkenswert stabil präsentiert. Sogar die Überschußbeteiligungen für 2009 (die die Gesellschaften immer für ein Jahr im voraus festlegen) blieben einigermaßen konstant.

Jahrzehntelang wurden die „langweiligen“ und etwas intransparenten Lebensversicherungen von der Mehrheit der Versicherten als eine relativ sichere „Bank“ i.S. Ansparung und Altersvorsorge angesehen, auch wenn mit ihnen keine allzu großen Gewinne erwirtschaftet werden konnten. Und im Grunde genommen war diese Annahme bisher auch gerechtfertigt. Die bisher einzigen Nachkriegspleiten der Mannheimer Lebensversicherung (2003) sowie bereits in den 70er Jahren der LV 1899 und der Cosmos Leben wurden relativ geräuschlos abgewickelt und über die – eigens hierfür geschaffene – Sicherungseinrichtung Protektor (www.protektor-ag.de) von der Lebensversicherungswirtschaft kollektiv aufgefangen.

Wir sind jedoch der Auffassung, daß die Lebensversicherungsbranche in den kommenden Monaten und Jahren dramatischen Herausforderungen gegenübersteht. Die Finanz- und Wirtschaftskrise wird hierbei wie ein Brandbeschleuniger wirken. Ein latenter Schwelbrand war für den aufmerksamen Beobachter allerdings auch schon in den letzten Jahren nicht mehr zu übersehen – allen Bekundungen der üblichen Protagonisten (wie z.B. Verbraucherzentralen) à la „Die Lebensversicherung ist sicher“ (frei nach Norbert Blüm) zum Trotz.

Zunächst einige Daten:

Ende 2003 bestanden insgesamt 94 Mio. Policen, d.h. jeder Einwohner hatte, statistisch gesehen, etwas mehr als eine Police in seinem Bestand. Ende 2007 waren es immer noch 94 Mio. Policen (für 2008 liegen noch keine Zahlen vor).

Dies bedeutet, daß sich trotz ca. 8 Mio. neu hinzugekommener Riesterrenten (promoted by Bundesregierung) die Anzahl derartiger Verträge in absoluten Zahlen nicht erhöht hat. Dies kann nur bedeuten, daß ohne das „Vertriebsgeschenk“ der Riesterrente die Lebensversicherungswirtschaft bereits vor Ausbruch der Finanzkrise eine grundsätzlich schrumpfende Tendenz auswies – zumindest, was die Anzahl der Verträge anbelangt.

Bisher war es noch in jedem Jahr so, daß die Lebensversicherungswirtschaft mehr Beiträge für laufende Policen einnahm, als an Auszahlungen (Kündigungen/Abläufe/Versicherungsfälle) zu leisten waren. Die letzten bisher veröffentlichten Zahlen für 2007 weisen etwa 75 Mrd. Euro an Beitragseinnahmen aus, denen ca. 65 Mrd. Auszahlungen gegenüberstanden. Möglicherweise ist es auch in 2008 noch einmal gelungen, einen positiven Beitragssaldo zu generieren –  u.a. durch Dynamikerhöhungen. Spätestens für 2009 dürfte dieses Verhältnis jedoch kippen (d.h. mehr Auszahlungen als Einnahmen).

Noch einige weitere interessante Zahlen, illustriert am Beispiel einer mittelgroßen Versicherungsgesellschaft:

Diese hatte Ende 2006 einen Bestand von 992.755 Verträgen – davon 154.979 beitragsfrei (= 15% der Verträge).

Ende 2007 waren es dann nur noch 982.908 Verträge – davon jedoch bereits 162.209 beitragsfrei (= 16,4%). Das heißt: 10 % mehr beitragsfreigestellte Verträge!

So in etwa dürfte es tendenziell bei den meisten Lebensversicherungsgesellschaften aussehen. Man kann sich ausmalen, wie die tatsächliche Stimmungslage in den Vorstandszimmern der Lebensversicherer ist bzw. eigentlich sein müßte.

Es bedarf keiner besonderen Wirtschaftskenntnisse, um zu konstatieren, daß in Zeiten einer Finanz- und Wirtschaftskrise, wie wir sie derzeit erleben, die Anzahl der Kündigungen (50% aller Lebensversicherungen haben bereits in der Vergangenheit ihr Vertragsende nicht erreicht), Beitragsfreistellungen und Dynamik-Stops weiter in die Höhe schnellen werden und wir vermutlich demnächst vor der Situation stehen, daß die Lebensversicherer tatsächlich weniger Geld einnehmen, als sie auszuzahlen haben, zumal in solchen Zeiten naturgemäß auch weniger Neuverträge abgeschlossen werden.

Dies führt uns zum nächsten Problem: In dem Moment, in dem weniger „Fresh Money“ hereinkommt als abfließt, muß die Substanz, also der Kapitalstock der Versicherten, angeknabbert werden und einzelne Wertpapiere zur Bedienung der entsprechenden Forderungen verkauft werden.

In diesem Zusammenhang macht hartnäckig das Gerücht die Runde, daß auch in den Portefeuilles der Lebensversicherungen Papiere (Schuldverschreibungen u.a.) „schlummern“, die derzeit bei weitem nicht mehr das wert sind, was in den Büchern steht (wie könnte es auch anders sein, schließlich sind die Versicherer auf dem gleichen Kapitalmarkt unterwegs wie alle anderen Marktteilnehmer auch).

Es versteht sich von selbst, daß zunächst einmal die zu guten Kursen verkäuflichen Wertpapiere losgeschlagen werden, bevor man die weniger guten in die Hand nimmt, denn: In dem Moment in dem ein Wertpapier veräußert wird, muß der tatsächliche Kurs (Verkaufserlös) dieses Papiers auch bilanziert, d.h. eventuelle Verluste ausgewiesen werden.

Hierbei ist es wichtig, zu verstehen, daß sich die entscheidenden Risiken nicht aus der Aktienquote des Versichertenvermögens (diese ist mit derzeit ca. 5% ohnehin sehr niedrig), sondern aus den zunehmenden Risiken der Renten- bzw. Anleihenmärkte ergeben. Die Versicherer sind zu einem großen Teil in Papieren engagiert, die sich einer öffentlichen Marktbewertung weitgehend entziehen. Es war schon immer Tradition, daß aktuelle Probleme von Versicherern – auch durch entsprechende Bilanzierungs- und Bewertungsvorteile – relativ weit in die Zukunft verschoben werden konnten. Diese Praxis wurde und wird allseits (auch von der zuständigen Aufsicht) toleriert.

Nunmehr dürfte jedoch das Ende der Fahnenstange erreicht sein, d.h. einige Versicherer werden in nicht allzu ferner Zukunft aus vorgenannten Gründen (zuwenig Neugeschäft) auf ihren Bestand an Wertpapieren zurückgreifen und demzufolge die Karten – zumindest teilweise – auf den Tisch legen müssen.

Was bedeutet dies nun aber für die (noch verbliebenen) Versicherten: Das Portefeuille, aus dem das spätere Zahlungsversprechen (spätestens zum Ablauf) geleistet werden soll, wird sukzessive schlechter, d.h. ab einem bestimmten Zeitpunkt stellt sich sogar die Frage, ob das jeweilige Institut noch die entsprechenden Garantieleistungen (von Überschüssen wird dann schon lange nicht mehr die Rede sein) erbringen kann; im schlimmsten Fall droht die Insolvenz. Wie bereits eingangs erwähnt, gab es eine solche Insolvenz bereits im Jahr 2003, wobei es sich damals um einen relativ kleinen Lebensversicherer handelte. Ähnlich wie bei den Banken ist die Sicherungseinrichtung der Lebensversicherung jedoch nicht dafür proportioniert, mehrere Pleiten gleichzeitig (und schon gar nicht von größeren Gesellschaften) aufzufangen.

Sollte es also zu dem (nach unserer Einschätzung absehbaren) Fall mehrfacher Lebensversicherungsinsolvenzen kommen, könnte neben dem inzwischen geläufigen Begriff „Bank­run“ auch noch der Begriff „Versicherungsrun“ Einzug ins geläufige Vokabular finden. Ob dann Frau Merkel (oder wer auch immer) mit einer erneuten „Garantieerklärung“ einen solchen Run verhindern könnte?

Aber auch schon eine „nur“ schleichende Abwanderung des Versichertenkapitals ohne genügend neue Abschlüsse würde die Branche vor große Probleme stellen und zu möglicherweise rigiden Maßnahmen – wie beispielsweise vorzeitige Kündigungen mit massiven Abschlägen zu „bestrafen“ – führen.

Fazit:

Die Lebensversicherungsbranche ist ihrem Ruf als schwerfälliger, aber sicherer Tanker in der Vergangenheit weitestgehend gerecht geworden. Seit jedoch das Steuerprivileg für Lebensversicherungen (zum 1.1.2004) gefallen ist, konnte der einsetzende Schrumpfprozeß nur mühsam mit Vertragsabschlüssen der „neuen Welt“ (Riesterrente usw.) kaschiert werden. Dies gilt insbesondere für Strukturvertriebe. Selbst wenn die noch vor uns liegende Strecke der Finanz- und Wirtschaftskrise nur halb so lang und tief wird, wie allgemein befürchtet: Die Lebensversicherungsgemeinschaften werden für lange Zeit mit den aufgeworfenen Problemen zu kämpfen und alle Mühe haben, ihre Garantien einzuhalten.

Es mag eine gewisse Beruhigung darstellen, daß die Lebensversicherer bzw. die Versicherungsbranche insgesamt mit die größten Staatsfinanzierer sind und somit einer gewissen politischen Protektion immer sicher sein dürfen. Wer daraus jedoch schließt, mit seiner Lebens- oder Rentenversicherung eine „sichere Bank“ zu haben, die unbeschadet durch die Krise kommt, dürfte sich irren. Die derzeitige Ruhe rund um die Lebensversicherung ist nichts anderes als eine „Ruhe vor dem Sturm“.

Frank Amann

 


[1] Gemeint sind hier sämtliche Produktgattungen (inkl. private Rentenversicherungen) bei der die Versicherungsgesellschaft die Versichertengelder selbst verwaltet. Nicht gemeint sind hier die „fondsgebundenen Lebensversicherungen“ bei der die Verwaltung der Gelder auf Fondsgesellschaften ausgelagert ist.

20. Januar 2009

Sozialversicherung 2009 – Fragen und Antworten zum Gesundheitsfonds sowie wichtige Änderungen –

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Sozialversicherung 2009

Fragen und Antworten zum Gesundheitsfonds sowie wichtige Änderungen

 

Einführung des Gesundheitsfonds

Die sehr umstrittene, zwangsweise Vereinheitlichung der Sozialversicherungssysteme nimmt durch den neu eingeführten Gesundheitsfonds zum 01.01.2009 weiter seinen Lauf. Durch die einheitliche Beitragsfestsetzung für Arbeitnehmer auf 15,5% in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) trifft es diesmal vor allem und besonders drastisch die Betriebs- und Innungs-Krankenkassen, die gut gewirtschaftet haben. Mit der Einführung des Gesundheitsfonds, der eher den Ruch eines „Kuhhandels der Großen Koalition“ als den Charakter einer Lösung hat, müssen diese Kassen ihren Mitgliedern Erhöhungen von bis zu 20% aufzwingen. Die Betroffenen sind in der Regel gutverdienende, junge Versicherte, die sich mit der Auswahl des Versicherers bisher noch Beiträge sparen konnten; dies ist nun Geschichte.
Die „Profiteure“ sind kurioserweise gerade diejenigen Kassen, die sich bisher in Sachen Beitragsdisziplin nie sonderlich angestrengt haben, wie z.B. eine AOK Berlin. Ihre Mitglieder können sich – von anderen Kassen subventioniert – sogar auf Beitragsreduktionen freuen. Diese ziemlich verkehrte Welt befördert nun sogar das Verschwinden von wettbewerbsfähigen Krankenkassen und führt zur Beschleunigung von (Groß-) Fusionen. Der von Ministerin Ulla Schmidt vollmundig verkündete „Wettbewerb“ unter den Krankenkassen ist auf der Beitragsseite auf einen kümmerlichen Restposten namens „Zusatzbeitrag“, (den die Kassen pauschal oder einkommensabhängig mitzwischen € 8 und € 36,75 zusätzlich erheben dürfen) reduziert worden. Daß der Gesundheitsfonds vor allem eine politische Veranstaltung und eigentlich reiner Aktionismus ist, soll an den zwei jüngsten Entwicklungen gezeigt werden.
Die Senkung des Kassenbeitrages von 15,5% auf 14,9% zum 01.07.2009 soll durch eine Erhöhung der Steuermittel aus dem Bundeshaushalt finanziert werden. Die gerade erst zum Jahresanfang eingeführte Herauslösung der Absicherung des Krankentagegeldes für Selbständige, wurde gut eine Woche nach Inkrafttreten wieder rückwirkend aufgehoben.

Nachfolgend sollen hierzu einige wichtige Fragen beantwortet werden:

1.) Welche Wahl der Krankenkasse  bleibt mir eigentlich noch?

Als Pflichtversicherter in der Gesetzlichen Krankenversicherung kann man grundsätzlich zwischen rund 200 Kassen wählen. In 2009 beschränkt sich diese Wahlmöglichkeit in erster Linie auf die Leistungsumfänge, die jedoch zu über 90% identisch sind. Für die verbleibenden rund 10% ist der Bürger mit einer bunten Vielfalt von Angeboten verschiedener sog. Wahltarife und Bonus– bzw. Vorteilsprogramme konfrontiert, ohne daß dies an seinen Eigenleistungen und den bisher schon bestehenden Leistungseinschränkungen großartig etwas ändert. In diesem Zusammenhang hat das Magazin Focus-Money im wohl größten Krankenkassenvergleich die Techniker Kasse, DAK und Barmer Ersatzkasse zu den besten Kassen gekürt.

Über einen Wechsel nachdenken sollte vor allem derjenige, dessen Kasse einen sog. Zusatzbeitrag erheben wird.

Für Freiwillig Versicherte gibt es noch die Möglichkeit, unter rund 40 Privaten Krankenversicherungen zu wählen. Dies ist nach wie vor eine überlegenswerte Option, obwohl sich auch für diese einiges geändert hat (siehe Abschnitt PKV).

2.) Wann ist ein Wahltarif interessant und was hat es mit den Bonus– und Vorteilsprogrammen auf sich?

Im Rahmen des sog. GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetzes sind die Kassen verpflichtet, sog. Integrierte Versorgung, Modellverfahren und Disease-Management anzubieten (siehe Pkt. 8). Interessanter sind aber die freiwilligen Leistungen wie Beitragsrückerstattungen, Selbstbehaltstarife sowie Tarife für variable Kostenübernahmen.
Für (absehbar) Gesunde ist dies sicherlich eine Option. Diese Tarifkonstellationen bleiben aber immer weit unter den flexiblen Tarifen der Privaten Krankenvollversicherung.
Die Geldprämien für die Nutzung von sog. Bonusprogrammen für Gesundheitskurse, Bewegung und Sport sind für Versicherte sicherlich nutzenswert, entlocken manchem jedoch eher ein müdes Lächeln, als daß diese ernst genommen werden.
Bei den sog. Vorteilsprogrammen sieht es insofern anders aus, als man bei der Nutzung von bestimmten Apotheken oder Kliniken, Generika oder Hilfsmitteln sowie des Herstellers von Zahnersatzes grundsätzlich immer Geld (z.B. Rabatte auf Zuzahlungen oder die Praxisgebühr) gegen die Einschränkung der Auswahlmöglichkeit tauscht.

3.) Hat sich im Leistungsumfang der Kasse durch die vielen Wahlmöglichkeiten grundlegend etwas geändert?

Nicht wirklich, da es die meisten Leistungen schon in der Vergangenheit gab. Zwar  stimmen sich im Einzelfall die Heilbehandler und Kliniken besser ab und man erhält vereinzelt kleine Mehrleistungen bzw. anteilige Beiträge zurück, aber im Gegensatz zu dem, was man aus der Privaten Krankenversicherung kennt, traut der Gesetzgeber wohl der Mündigkeit des Versicherten doch nicht so recht. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Naturheilverfahren. Einige Kassen werben hier sehr aktiv mit Zuschüssen zu Entspannungs- und Gesundheitskursen sowie der teilweisen Übernahme von Behandlungen. Tatsache ist jedoch, daß ambulante Behandlungen auf Versichertenkarte nur sehr vereinzelt abgerechnet werden können – z.B. eine Akupunkturbehandlung bei chronischen Rücken- und Knieleiden. Nach wie vor hat der Patient das Gros der Leistungen selbst zu bezahlen.

4.) Ist eine Private Krankenzusatzversicherung sinnvoll und notwendig?

Wenn Gesundheit für Sie ein wichtiges Gut ist und Sie bereit sind, dafür auch Geld auszugeben, dann sind die vielfältigen Optionen einer privaten Zusatzabsicherung immer prüfenswert. Als Basisabsicherung ist in erster Linie eine Zahnzusatzversicherung für Zahnbehandlung/-ersatz zu empfehlen. Darauf aufbauend sind die (schon länger eingeführten) Verträge zu sehen, die Zuzahlungen (Brille, Krankenhausaufenthalt, etc.) und Naturheilverfahren/Heilpraktikerleistungen voll oder anteilig übernehmen. Die Premiumvariante mit Wahlleistungen im Krankenhaus wird für viele jedoch zu teuer bleiben, und es ist letztendlich immer einer Frage des aktuellen Gesundheitszustandes, ob Sie überhaupt Versicherungsschutz bekommen.

5.) Was bedeutet ‚Versicherungspflicht für alle’?

Für die meisten ist dies vordergründig ohne Belang. Es betrifft nur diejenigen, die bisher keine Krankenversicherung haben wollten oder z.B. als Rückkehrer aus dem Ausland mit Vorerkrankungen, keinen (privaten) Versicherungsschutz erhielten. Diese müssen sich zum 01.01.09 versichern und vonseiten der PKV auch angenommen werden. Hierzu wurde ein sog. Basistarif geschaffen. Dieser Tarif der Privaten Krankenversicherung (PKV) hat jedoch das Leistungsniveau der Gesetzlichen Krankenversicherung. Leider hat der Gesetzgeber hier eine neue Ungerechtigkeit geschaffen, indem er Sozialhilfeleistungen für Personen, die sich die Krankenversicherung nicht leisten können, durch das Kollektiv der Privatversicherten bezahlen läßt, während bei der GKV der Steuerzahler gerade stehen muß. Näheres hierzu unter ‚Veränderungen in der PKV’.

6.) Macht es Sinn, sich als unzufriedenes Mitglied einer ehemals günstigen Gesetzlichen Krankenkasse nunmehr privat zu versichern?

Grundsätzlich ja, wobei hierfür einige Punkte zu klären bzw. Hürden zu überwinden sind. Sie sollten auf alle Fälle gesund sein und seit mindestens 3 Jahren als Arbeitnehmer über der Versicherungspflichtgrenze verdient haben oder selbständig sein. Ist dies nicht der Fall, so bleibt Ihnen keine Alternative zur Gesetzlichen KV.

7.) Warum ist es (nicht nur für den Laien) nicht mehr nachvollziehbar, was in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) passiert?

Durch das Ineinandergreifen von mittlerweile über einem Dutzend Gesundheits“reformen“ innerhalb der letzten 20 Jahre und der Unehrlichkeit der (politisch) Verantwortlichen, die alles, nur keinen echten Wettbewerb wollen, ist der Gesundheitsfonds die vorläufige Endstufe „moderner“ Intransparenz; morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich, Bundeszuschuß und ähnliche Ausgleichstöpfe sind die Stellschrauben, an denen immer ungezwungener gedreht wird. Der neue Verschiebebahnhof namens Gesundheitsfonds wird allein in 2009 immerhin rund € 167 Mrd. verteilen – eine planwirtschaftliche Meisterleistung. Das sind im Vergleich rund 58% des gesamten Bundeshaushaltes oder das 1,3 fache des mit Abstand größten Einzeletats (Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung).

8.) Wo kann man sich umfassend über weitere Details informieren?

Sehr gut aufbereitete Seiten sind die www.gesundheitsstrukturreform.de, die www.gkv-wettbewerbsstaerkungsgesetz.de oder die etwas positiv eingefärbte Website des Gesundheitsministeriums: www.bmg.bund.de/gesundheit.

Veränderungen bei der Privaten Krankenversicherung (PKV)

1. Der neue Basistarif ab 01.01.2009

Wie schon oben ausgeführt, muß jeder Bürger mit Wohnsitz in Deutschland eine Krankheitskostenversicherung haben. Hierzu wurde der Basistarif geschaffen, der Selbstbeteiligungsstufen von € 0 bis € 1.200 anbietet und (derzeit!) nicht teuerer als rund € 570 im Monat (Höchstsatz in der GKV) sein darf. Er muß in seinem Umfang dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung entsprechen und ist für alle Anbieter obligatorisch. Der Basistarif löst den bisherigen, modifizierten Standardtarif ab. Versicherte müssen in den Basistarif aufgenommen werden. Ihnen dürfen weder Zuschläge noch Leistungsausschlüsse wegen gesundheitlicher Risiken zugemutet werden. Privatversicherte, die innerhalb ihrer Versicherung in den Basistarif wechseln, nehmen Altersrückstellungen in vollem Umfang mit. Wechseln sie im ersten Halbjahr 2009 in den Basistarif eines anderen Unternehmens, nehmen sie die Altersrückstellungen im Umfang des Basistarifs mit. Für Neuversicherte, die nach dem 1. Januar 2009 einen Vertrag abschließen, gilt diese Regelung unbefristet. Dies gilt analog auch für die private Pflegeversicherung (PPV).
Ebenso wechseln können Versicherte, die nachweislich nicht mehr in der Lage sind, ihre Versicherungsprämie aufzubringen, sowie diejenigen, die älter als 55 Jahre sind oder eine Beamtenpension beziehen.

2. Für wen ist ein Wechsel in den Basistarif interessant?

Nur für denjenigen, der chronisch krank ist oder andere (schwerwiegende) gesundheitliche Einschränkungen hat. Wer als PKV-Versicherter aus Gründen der Beitragsersparnis unbedingt wechseln möchte, sollte dies bei seiner Gesellschaft tun, um zumindest die Rückstellungen in vollem Umfang mitzunehmen. Zu beachten ist jedoch, daß aus Gründen der Mißbrauchsvermeidung ein weiterer Wechsel in einen anderen Tarif erst nach einer Mindestverweildauer von 18 Monaten möglich ist. Der mögliche Beitragsvorteil sollte auch für Freiwillig Versicherte Mitglieder in der GKV kein primäres Wechselmotiv sein, da dieser wohl nicht von langer Dauer sein wird und ein Wechsel zurück in die GKV nicht vorgesehen ist.
Detaillierte Informationen zum Basistarif – als mögliche Entscheidungshilfe – finden Sie unter www.pkv.de

3. Welche Folgen hat die Einführung des Basistarifs für die PKV insgesamt?

Durch die absehbar hohen Belastungen des Basistarifs werden die Normaltarife (neben der allgemeinen Teuerung und der gestiegenen Lebenserwartung) weiter steigen – wie zuletzt zum Jahreswechsel. Neue Verfahrensweisen in der Verwaltung der Verträge, die mit einem hohen Aufwand verbunden sind, verschärfen die Kostensituation des Basistarifs zusätzlich.

4. Was ist unter der ‚Portabilität von Altersrückstellungen’ und der sog. ‚alten’ und ‚neuen Produktwelt’  zu verstehen?

Darunter versteht man die Mitnahmemöglichkeit von (zum Teil über Jahre aufgebauten)Altersrückstellungen, die im Rentenalter den Beitrag reduzieren. Bisher war es dem Versicherungsnehmer möglich, bereits innerhalb der Produktwelt seines Versicherers die Tarife zu wechseln. Durch die Umsetzung der Mitnahme von Altersrückstellungen wird dies für die neue Produktwelt ab 2009 in die Tarife schon einkalkuliert. Dies ist auch der Hauptgrund, warum die neu kalkulierten Prämien höher sind als bei den bisherigen Tarifen (alte Produktwelt bis 12/08), in der diese Übertragungsmöglichkeit von Altersrückstellungen nicht berücksichtigt war. In der sog. ‚Kalkulationsverordnung’ sind die Übertragungsmechanismen für die Altersrückstellungen geregelt, die von Alter und Geschlecht sowie Bestandsdauer und Umfang des Versicherschutzes abhängen. Die exakte Höhe kann jedes Mitglied von seinem Versicherer erfragen.
Die Versicherer nutzen die Einführung der neuen Produktwelt, um die zum Teil recht unüberschaubar gewordene Tarifevielfalt zu straffen und übersichtlicher zu gestalten.

Die Zahlen der Sozialversicherung 2009

1.) Beitragsbemessungsgrenzen(BBG)

Die BBG, also der Höchstsatz, bis zu dem Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen sind (Arbeitgeber und Arbeitnehmer teilen sich größtenteils die Beiträge), steigt dieses Jahr in den alten Bundesländern um rund 2%, in den neuen Bundesländern für alle Sozialversicherungsbereiche um rund 1%. Hiervon ausgenommen ist der Höchstsatz in der Krankenversicherung, dieser steigt bundeseinheitlich um rund 1%.

2.) Beitragssätze

Der allgemeine Beitragssatz in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wird mit Einführung des Gesundheitsfonds kräftig um knapp 5% auf „einheitliche“ 15,5% steigen. Im Rahmen des sog. 2. Konjunkturpakets wird der Beitragssatz aber zum 01.07.09 wieder abgesenkt auf 14,9%. Dieser Beitrag setzt sich zusammen aus jeweils 7,3% (7,0%) für Arbeitgeber und Arbeitnehmer und einem sog. Zusatzbeitrag von 0,9%, der vom Arbeitnehmer selbst zu tragen ist. Für Selbständige steigt der sog. ‚ermäßigte Beitragssatz’, der jedoch ab 01.01.09 keinen Anspruch auf Krankengeld beinhaltet, auf 14,9%. Hier soll jedoch auch noch „nachgebessert“ werden.
Hinzu kommen Beiträge für die Soziale Pflegeversicherung (SPV) mit 1,95% (für Kinderlose 2,2%). Der Beitragssatz für die GRV bleibt zum Vorjahr unverändert. Der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung wird ab 01.01. von 3,9% auf 2,8% reduziert.

Beitragssätze, Bemessungsgrenzen und Rechengrößen für 2009 – für Arbeitgeber (AG-Anteil: 19,6% vom Brutto) und Arbeitnehmer (AN-Anteil  20,5% vom Brutto) – auf einen Blick:

Gesetzliche Rentenversicherung (GRV)
19,9%
 
Arbeitslosenversicherung (ALV)
2,8%
 
Gesetzliche Krankenversicherung (GKV)
15,5%
(ab 01.07. 14,9%)
Soziale Pflegeversicherung (SPV)
1,95%
(2,2% für Kinderlose)
Gesamtbeitrag Sozialversicherung:
40,15%
(40,4% für Kinderlose)
Gesamtbeitrag Sozialversicherung ab 01.07.09:
39,55%
(39,8% für Kinderlose)

 

3.) Zahlen der Sozialversicherung auf einen Blick:

2009
(Alle Werte in Euro)
West Ost
Monat Jahr Monat Jahr
Beitragsbemessungsgrenze (GRV
und ALV)
5.400 64.800 4.550 54.600
Beitragsbemessungsgrenze
(Knappschaft)
6.650 79.800 5.600 67.200
Beitragsbemessungsgrenze
(GKV und SPV)
3.675 44.100 3.675 44.100
Jahresarbeitsentgeltgrenze (Versicherungspflichtgrenze)
(GKV und SPV)
4.050 48.150 4.050 48.150
Bezugsgröße 2.520 30.240 2.135 25.620
Geringfügigkeitsgrenze 400   400  
Geringfügigkeitsgrenze für Azubis 325   325  
Vorläufiges Durchschnittsentgelt/Jahr 2.782 30.879 2.782 30.879

 

Joachim Haller

Quellen: Bundesregierung, Focus-Money, FTD; PKV-Verband und eigene Recherchen

1. August 2008

Deutschland 2008 – nur ein Sommeralbtraum?

1. August 2008|Gesellschaft, Sozialpolitik, Steuer- und Finanzpolitik, Wirtschaftspolitik|0 Comments

Deutschland 2008 – nur ein Sommeralptraum?

 

Was haben Afghanistan und die Ausweitung der Riester-Förderung für Eigenheime gemeinsam? Nun, die Auslandseinsätze der Bundeswehr und diese steuerpolitische Mißgeburt wurden von den selben Dilettanten beschlossen. Aha, werden Sie denken, aber es gibt noch einiges mehr, worüber es sich nachzudenken lohnt, wenngleich nachfolgende Aufzählung beileibe keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt:

Der Ölpreisanstieg

sowie die ausufernden sonstigen Lebenshaltungskosten machen inzwischen immer mehr Bürgern schwer zu schaffen. Die politische Klasse ist leicht beunruhigt und versucht dies wahlweise den Ölkonzernen, der OPEC, den Chinesen oder sonstwem in die Schuhe zu schieben.

Daß die Saudis möglicherweise seit Jahrzehnten viel größere Ölreserven vortäuschen als tatsächlich vorhanden sind (nichts Genaues weiß man nicht), kann man nun wahrlich nicht den deutschen Politikern in die Schuhe schieben. Die im Sprit enthaltenen Steuern (Mineralöl – Öko – Mehrwert usw.), die etwa dem Dreifachen des eigentlichen Benzinpreises (!) entsprechen, kassieren jedoch weder Ölkonzerne noch Förderländer.

Die Immobilien- und Bankenkrise in den USA

(und Großbritannien, Spanien, Irland, Island und noch einigen anderen Ländern) hat natürlich auch nicht unmittelbar mit der deutschen Misere zu tun. Gleichwohl nimmt es (nicht wirklich) Wunder, daß insbesondere staatliche Landesbanken kräftig dabei waren, als es darum ging, den gesunden Menschenverstand völlig auszuschalten, stattdessen in blinder Gier überbezahlten Ratingagenturen zu vertrauen und in wertlose Schrottkreditforderungen zu investieren und damit das Geld der Steuerzahler in schierem Größenwahn zu verbrennen. Gar nicht auszumalen, auf wieviel Ölsteuern (siehe oben) wohl verzichtet werden könnte, wenn die Allgemeinheit die dort gemachten Verluste nicht hätte via Steuern ausgleichen müssen.

In Afghanistan,

wo „nach Aussagen älterer Dorfbewohner“ der Schlafmohnanbau von 500 Tonnen im Jahr 2001 auf inzwischen wieder 8.000 Tonnen angestiegen ist (das sind 93 % des Weltmarktes!) und wo ein paar tausend deutsche Soldaten herumlümmeln (die gelegentlich auch mal ins Umland fahren), war im Prinzip von Anfang an klar, daß eine Mission am Hindukusch, wo ja nach Herrn Schäuble die „deutsche Sicherheit auf dem Spiel steht“, niemals erfolgreich sein konnte. Der ehemalige Oberkommandierende der ISAF wurde unlängst bei einem Vortrag in den USA gefragt, wie viele Soldaten denn benötigt würden, um so etwas wie Stabilität herstellen zu können. Seine Antwort: 500.000 Soldaten. Folgefrage: Und was ist, wenn es keine 500.000 Soldaten sind, sondern z.B. nur 250.000? Antwort: Dann gibt es keine Stabilität.

Das Leben kann so einfach sein.

Dem Lissabonvertrag

(auch bekannt als 95% der von allen demokratischen Plebisziten abgelehnten „EU-Verfassung“) haben die Iren und hoffentlich vielleicht auch noch die Tschechen und vielleicht sogar noch Deutschland (selten hat man Horst Köhler derart entschlossen dreinblicken sehen) einen vorläufigen Strich durch die Rechnung gemacht. Angesichts dieses Vertragswerks, das nun wirklich kein Mensch – auch kein Bundestagsabgeordneter mehr versteht, kann man wohl kaum von einer erfolgreichen Europa-Politik sprechen. Nun ist der französische Mini-„Herkules“ Sarkozy am Wirken und versucht – mutmaßlich ebenso erfolglos – irgendwoher den Leim aufzutreiben, mit dem die politischen Scherben gekittet werden sollen.

Dieses Verhalten ist rational durchaus nachzuvollziehen; zum einen spart sich der „politisch korrekt“ Argumentierende unliebsame Kontroversen und die Ausgrenzung einer nach Harmonie schreienden Masse, zum anderen ist es bequemer, medial und in der Allgemeinheit transportierte „Meinungen“ zu übernehmen; man erspart sich eigene Recherchen und den tiefergehenden Erwerb von wirklichem Wissen um Hintergründe.

Verbraucherschutz

steht ja auch ganz oben auf der Agenda unserer Bundesregierung. Insofern wurde der Vertrieb von Versicherungen auf völlig neue Grundlagen gestellt, bereits 2007 durch Umsetzung der EU-Vermittlerrichtlinie in nationales Recht sowie durch Inkrafttreten des neuen Versicherungsvertragsgesetzes ab 1.1.2008. Neben einigen nützlichen Regelungen (man muß nur genau hinschauen) für die Versicherten und dem Umstand, daß einer Heerschar von Versicherungsvermittlern die Existenzgrundlage entzogen wird, kann jedoch bereits jetzt konstatiert werden, daß der Gesetzgeber hier – vor allem in logistischer Hinsicht – auch den unabhängigen Finanz- und Vermögensberatern bzw. Versicherungsmaklern derartig viele Fall­stricke und bürokratische Hemmnisse auferlegt hat, daß man getrost davon sprechen kann, daß (wieder mal) das „Kind mit dem Bade ausgeschüttet“ wurde. Nun, vermutlich haben die Damen und Herren Gesetzgeber einfach nur nicht so recht verstanden, worum es eigentlich geht bzw. gehen sollte. Kann man ihnen das zum Vorwurf machen?

Die Abgeltungssteuer

– oft gehört und nur wenig verstanden: Es dürfte ein gigantisches Bürokratiemonster werden, das da in wenigen Monaten auf uns zukommt. Ursprünglich und vorgeblich zur Vereinfachung des Steuerrechts hinsichtlich Erträgen/Gewinnen auf Kapitalerträge geplant, stellt es sich bei genauer Betrachtung als EU-weit härteste Besteuerung von Gewinnen aus Kapitalanlagen dar und löst außerdem eine Bürokratieflut von beispiellosem Ausmaß aus. Sie zweifeln daran? Gerade eben haben die Banken in einem Brandbrief an das Finanzministerium erklärt, daß sie für die Pannen, die bereits jetzt ab 2009 vorherzusehen sind, aufgrund der Komplexität des Unterfangens nicht verantwortlich gemacht werden können.
Unter dem Stichwort „Abgeltungssteuer“ und „Bürokratie“ findet man bei Google aber „erst“ 40.000 Einträge, warten Sie mal bis Mitte 2010; bis dahin dürften noch ein oder zwei Nullen dazugekommen sein.

Dem „Gesundheitsfonds

und den vielen Reformen rund um die Gesundheit wird aber wohl die Goldmedaille in der Disziplin „Chaos-Gesetzgebung“ nicht zu nehmen sein. Bedenkt man, daß es Angela Merkel war, die diesen bürokratisch-sozialistischen Schwachsinn im Quadrat gemeinsam mit der einstigen Bardame aus dem Rotlichtmilieu (Ullala) zur politischen Reife gebracht und durchgesetzt hat, stellt man sich schon etwas beklommen die Frage, warum Angela die mit Abstand beliebteste Politikerin zu bleiben droht. Oder wie sehen Sie das?

Riester/Rürup/Eigenheim

Nachdem die größte – weitgehend staatsfinanzierte – Werbeagentur für die Riesterrente namens Stiftung Warentest im Sommer 2008 festgestellt hat, daß Millionen von Bestätigungen/Berechnungen, Kontoauszügen usw. für dieses, ebenfalls etatistischen Hirnen entsprungene „Altersvorsorge“produkt völlig intransparent, unübersichtlich und irreführend, kurz: völlig verbraucherunfreundlich sind, hatte unsere Bundesregierung nichts Besseres zu tun, als endlich einmal wieder etwas Gutes für die Wohnungskäufer und Häuslebauer zu tun und ‚den Riester’ quasi noch aufs Eigenheim d`raufzusatteln. Es gibt tatsächlich Fachleute, die behaupten, zu verstehen, wie das im Detail (und vor allem auf lange Sicht) funktionieren soll. Die haben aber noch nicht erklärt, wer den tapferen Sparern in 20 oder 30 Jahren dann erklären soll, daß für die selbstgenutzte und abbezahlte Immobilie ein fiktiver Mietanteil zu versteuern ist. Falls Sie schon das nicht verstanden haben, lassen Sie bitte die Finger von der „Eigenheim-Riester“-Geschichte!

Das Beste zum Schluß

Das ‚Steuerbürokratieabbaugesetz’ wurde nun ebenfalls von der Bundesregierung beschlossen: Was vielleicht im ersten Moment einen Erleichterungsseufzer auslöst, macht bei näherer Betrachtung nur noch fassungslos.
Statt weniger komplizierter Gesetze geht es dabei hauptsächlich darum, vor allem die staatlichen Einnahmen dauerhaft und verläßlich sicherzustellen – mit einer Entlastung ausschließlich für den Fiskus. Aber am besten spähen Sie mal selbst bei Google nach, dann wissen Sie, was ich meine.
Die Herrschaft der Verwaltung (= Bürokratie) dilletiert munter vor sich hin. Nur schade, daß es hierfür noch keine olympische Disziplin gibt, die Chancen auf Gold könnten für den deutschen Bundestag nicht besser stehen.

Frank Amann
25. Oktober 2007

Sozialversicherung 2008

25. Oktober 2007|Sozialpolitik|0 Comments

Sozialversicherung 2008

 

Das Jahr 2008 dürfte im Bereich der Sozialversicherung das Jahr des Übergangs und der unliebsamen Überraschungen werden. Die Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) werden sich – mutmaßlich zum letzten Mal – sehr aktiv um neue Mitglieder bemühen und vor der Einführung des Gesundheitsfonds (in 2009) mit Wahltarifen Mitglieder länger an sich binden. Die bisher 7 Spitzenverbände mit aktuell 241 Krankenkassen werden ab Juli in den Spitzenverband Bund aufgehen. In der Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) steht aktuell nichts wesentlich Neues an – die „Rente mit 67“ steht. Viele Unternehmen werden jedoch u.a. auf die Abführung der Künstlersozialabgabe geprüft, von deren Existenz bzw. Zahlungspflicht viele noch gar nichts wissen. Die Riester-Renten-Pflicht dürfte nach dem enormen Anstieg der Neuverträge auch in diesem Jahr vom Tisch sein. Durch die Einführung der Abgeltungsteuer (ab 2009) werden RiesterFondssparpläne an Attraktivität gewinnen, da diese von dieser neuen Steuer gänzlich verschont bleiben. Die Soziale Pflegeversicherung (SPV) wird zum 01.07. verändert – sie wird teurer (und noch ungerechter für kommende Generationen), da sie mit der Einführung von Leistungen für Demenzkranke eine finanziell völlig unverantwortliche Leistungsausweitung vorsieht (näheres siehe Eckpunktepapier). Die von Finanzminister Steinbrück frisch entdeckte „Melkkuh“ Arbeitslosenversicherung (ALV) soll laut Haushaltsentwurf der Bundesregierung zukünftig über die sog. Eingliederungsbeiträge die Hälfte der Kosten für Arbeitsmarktpolitik und Verwaltung (Hartz IV) übernehmen. Die damit verbundenen Kosten von etwa 5 Milliarden Euro könnten sicherlich besser zur Reduktion des Beitragssatzes der ALV um 0,4 Prozentpunkte verwandt werden. Die Privaten (Kranken)Versicherer hingegen dürften alle Hände voll zu tun haben, um einerseits die Anforderungen der neuen Gesetzgebung (AGG und VVG – Näheres siehe unten) zu erfüllen und andererseits ihren Mitglieder wieder kräftige Beitragssteigerungen zu erklären, die in erster Linie aber Auswirkungen der Gesundheitsreform/GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz sind.

Die vorläufigen Zahlen der Sozialversicherung 2008

1. Bemessungsgrenzen (BBG)

Die BBG, also der Höchstsatz, bis zu dem Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen sind (Arbeitgeber und Arbeitnehmer teilen sich größtenteils die Beiträge), steigt dieses Jahr deutschlandweit generell für alle Sozialversicherungsbereiche absolut um rund 1%.

2. Beitragssätze

Der durchschnittliche Beitragssatz in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wird trotz der guten Konjunkturlage unverändert bei ca. 13,3% bleiben. Hinzu kommen der sog. Zusatzbeitrag von 0,9% und die SozialePflegeversicherung (SPV) mit 1,7%, bzw. für Kinderlose 1,95%. Der Beitragssatz für die GRV bleibt ebenso unverändert zum Vorjahr. Der Beitrag der Arbeitslosenversicherung wird ab 01.01. von 4,2% auf 3,9% reduziert.

Beitragssätze, Bemessungsgrenzen und Rechengrößen für 2008 auf einen Blick für Arbeitgeber und Arbeitnehmer:

Gesetzliche Rentenversicherung (GRV)
19,9%
 
Arbeitslosenversicherung (ALV)
3,9%
 
Gesetzliche Krankenversicherung (GKV)
13,3%
 
Zusatzbeitrag nur für Arbeitnehmer (GKV)
0,9%
 
Soziale Pflegeversicherung (SPV)
1,7%
(1,95% für Kinderlose)*
Gesamtbeitrag Sozialversicherung:
39,7%
(39,95% für Kinderlose)*

3. Zahlen der Sozialversicherung auf einen Blick

2008
(Alle Werte in Euro)
West Ost
Monat Jahr Monat Jahr
Beitragsbemessungsgrenze
(GRV)
5.300 63.600 4.500 54.000
Beitragsbemessungsgrenze
(Knappschaft)
6.550 78.600 5.500 66.600
Beitragsbemessungsgrenze
(GKV und SPV)
3.600 43.200 3.600 43.200
Versicherungspflichtgrenze (Jahresarbeitsentgeltgrenze)
(GKV und SPV)
4.012,50 48.150 4.012,50 48.150
Bezugsgröße 2.485 29.820 2.100
(KV: 2.485)
25.200

(KV: 29.820)
Geringfügigkeitsgrenze 400   400  
Geringfügigkeitsgrenze für Azubis 325   325  
Vorläufiges Durchschnittsentgelt/Jahr 2.507 30.084 2.507 30.084

*Erhöhung der SPV ab 01.07. um 0,25% Punkte

Veränderungen bei der Pflegeversicherung zum 01.07.2008

Die „kleine Schwester“ der Krankenversicherung, die Soziale Pflegeversicherung (SPV) wird verändert. Anbei finden Sie die wichtigsten Eckpunkte (Pressemitteilung des Gesundheitsministeriums) im Überblick:

1. Pflegestützpunkte

Der Pflegestützpunkt im Stadtviertel soll künftig für die Menschen alles zum Thema Pflege aus einer Hand bieten, angefangen von der Beratung, über die Vermittlung von Essen auf Rädern, ehrenamtlichen Hilfspersonen, häuslicher Krankenpflege bis hin zum Nachweis von Pflegediensten oder auch Einzelpflegekräften. Geplant ist ein Stützpunkt je 20.000 Einwohner – „um die Ecke“ also. Träger der Stützpunkte können zum Beispiel Pflegekassen, Kommunen oder Sozialdienste sein.

2. Fallmanagement

Die Pflegekassen werden verpflichtet, für ihre pflegebedürftigen Versicherten einen sogenannten Fallmanager anzubieten – etwa im Rahmen der Pflegestützpunkte. Der Fallmanager kümmert sich um alle Belange von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen. Ein Fallmanager soll Ansprechpartner für jeweils etwa 100 Pflegebedürftige sein.

3. Förderung betreuter Wohnformen/Wohngemeinschaften

Neue Wohnformen werden im Pflegeversicherungsgesetz besser berücksichtigt. So sollen Pflegebedürftige in ambulant betreuten Wohneinrichtungen die dort erbrachten Betreuungsleistungen flexibler als bisher in Anspruch nehmen und diese Leistungen allein oder mit anderen Pflegebedürftigen gemeinsam abrufen ("poolen") können. Das bedeutet etwa: Eine Senioren-WG legt ihr Geld zusammen und teilt sich eine Pflegekraft.

4. Individuelle Pflege

Pflegekassen sollen künftig leichter Verträge mit Einzelpflegekräften unterschiedlicher Qualifikation schließen können. Damit kann ambulante Pflege künftig individueller und bedarfsgerechter erbracht werden. Daneben soll bürgerschaftliches Engagement gestärkt werden: Aufwendungen, die zum Beispiel für die vorbereitende und begleitende Schulung der bürgerschaftlich engagierten Helfer oder für die Organisation und Planung dieser Einsätze entstehen, können in den Vergütungsverträgen angemessen berücksichtigt werden.

5. Abbau von Schwarzarbeit

Die Versorgung und Betreuung pflegebedürftiger Menschen muß bezahlbar sein und darf keinen Anreiz für Schwarzarbeit bieten. Die Förderung sozialversicherungspflichtiger  Betreuungsangebote im Haushalt  kann hier Abhilfe schaffen. Für diese Angebote müssen auch paßgenaue Qualifizierungsmaßnahmen angeboten werden.

6. Anhebung und Dynamisierung der Leistungsbeträge

Die Leistungen sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich werden ab 2008 stufenweise angehoben (siehe Tabelle). Nach Abschluß der Anhebungsphase werden sie ab 2015 alle drei Jahre angepaßt.  Darüber hinaus wird die Tagespflege gestärkt. Denn bisher werden die Möglichkeiten der Tagespflege in der Praxis noch wenig genutzt. Deshalb wird der Anspruch auf Tagespflege um einen hälftigen Anspruch auf Pflegesachleistung oder Pflegegeld ergänzt.

7. Demenzkranke

Der Geldbetrag für Menschen mit erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz wird von bisher 460 Euro auf bis zu 2.400 Euro jährlich angehoben und auch an Menschen gezahlt, deren körperliche Einschränkungen noch nicht so ausgeprägt sind, daß sie der Pflegestufe I zugeordnet werden.

8. Pflegezeit

Bei der Pflege durch Angehörige wird für die Dauer eines halben Jahres ein Anspruch auf unbezahlte Freistellung von der Arbeit mit Rückkehrmöglichkeit eingeführt. Kleinbetriebe mit bis zu zehn Beschäftigten werden ausgenommen. Die Pflegezeit kann von verschiedenen Angehörigen nacheinander wahrgenommen werden. Die Pflegepersonen bleiben während dieser Zeit sozial abgesichert. Weitere kurzfristige Freistellungsmöglichkeiten bei plötzlich auftretendem Pflegebedarf werden geprüft.

9. Qualitätssicherung und Transparenz

Die Prüfberichte des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung werden in verständlicher Sprache aufbereitet und veröffentlicht. Damit wird für BürgerInnen und Bürger auf einem Blick klar, wie es um die Qualität einer Pflegeeinrichtung steht. Standards für die Qualität in der Pflege sind von den Verbänden der Einrichtungsträger und Kostenträger verbindlich zu vereinbaren.

10. Prävention und Rehabilitation in der Pflege

Mit finanziellen Anreizen werden Anstrengungen von Einrichtungen gefördert, mit aktivierender Pflege und Rehabilitation qualitativ gute Pflege zu bieten und – soweit möglich – Verbesserungen des Gesundheitszustands der Pflegebedürftigen zu erzielen, beziehungsweise Verschlechterungen zu vermeiden. Pflegeheime, denen es durch verstärkte Bemühungen gelingt, Pflegebedürftige in eine niedrigere Pflegestufe einzustufen, erhalten einen einmaligen Geldbetrag in Höhe von einheitlich 1.536 Euro.

11. Veränderte Pflegesätze

ambulant 2007 2008 2010 2012
Stufe I 384 420 450 450
Stufe II 921 980 1.040 1.100
Stufe III 1.432 1.470 1.510 1.550
Härtefall 1.918 keine Veränderung
stationär        
Stufe I 1.023 keine Veränderung
Stufe II 1.279 keine Veränderung
Stufe III 1.432 1.470 1.510 1.550
Härtefall 1.688 1.750 1.825 1.918
Pflegegeld      
Stufe I 205 215 225 235
Stufe II 410 420 430 440
Stufe III 665 675 685 700

An dieser Stelle sei auf die aktuelle DIMAP-Umfrage verwiesen, die im Auftrag des PKV-Verbandes durchgeführt wurde. Im Gegensatz zum aktuellen Eckpunktepapier der Bundesregierung wollen rund 70 Prozent der repräsentativ Befragten eine generationengerechte Finanzierung in der Pflegeversicherung. Außerdem ist bemerkenswert, daß unter den jüngeren Generationen Ängste, die Kosten für einen Pflegefall nicht aufbringen zu können, genauso stark ausgeprägt sind, wie bei den älteren Bürgern.

Veränderungen bei der Privaten Krankenversicherung (PKV)

1. Basistarif ohne Risikoprüfung – die wesentlichste Veränderung in der PKV

Entgegen der bisherigen Planung wird der Basistarif nicht schon 2008, sondern erst im Jahr 2009 eingeführt. In diesem Tarif besteht Kontrahierungs- (Annahme)zwang, Risikozuschläge oder Risikoausschlüsse gibt es im neuen Basistarif nicht.

Wer bereits privat versichert ist, muß sich dann innerhalb von sechs Monaten entscheiden, ob er in den Basistarif (egal bei welchem Versicherer) wechseln möchte. Nach diesen sechs Monaten können Privatversicherte nur noch in den Basistarif der eigenen Krankenversicherung wechseln. Weitere Bedingung ist das Überschreiten des 55. Lebensjahres oder der Nachweis, daß die Krankenversicherungsprämie nicht mehr bezahlt werden kann.

2. AGG – Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz

gilt ab 2008 auch für die Private Kranken(zusatz)versicherung. Die Beiträge für Frauen, deren Gesundheitskosten insbesondere durch Schwangerschaften begründet teurer sind, werden reduziert. Die Prämien für Männer werden um ca. 5 – 10 % steigen. Im Einzelnen hängen die jeweiligen Änderungen der Beitragstarife von Faktoren wie dem Alter der Versicherten, der Tarifgruppe und dem Frauenanteil in einem Tarif ab. Mit den entsprechend höchsten Beitragserhöhungen müssen die 20- bis 40-jährigen Männer rechnen, insbesondere Beamte, da sich gerade in den sog. Beihilfetarifen besonders viele Frauen befinden.

3. VVG – Gesetz über den Versicherungsvertrag

gilt ebenfalls ab 2008. Die wesentlichen Änderungen für die Private Krankenversicherung:

a) Widerruf

Verbraucher können ohne Angabe von Gründen nach Abschluß des Versicherungsvertrages mit einer Frist von 14 Tagen kündigen (§8).

b) Informationspflicht

Versicherer oder ihre Vermittler müssen Kunden künftig vor Abschluß einer Versicherung umfassend beraten (§6, §60 bis §62). Geschieht dies nicht genügend umfassend oder unrichtig, hat der Versicherungsnehmer ein Schadensersatzrecht (§63). Das Beratungsgespräch muß dokumentiert werden, damit eventuelle Beratungsfehler leichter nachzuweisen sind. Verstöße gegen die Beratungs- bzw. Dokumentationspflichten können Schadenersatzansprüche begründen.

c) Anzeigepflicht

Der Versicherungsnehmer muß nur die Angaben machen, nach denen das Versicherungsunternehmen schriftlich gefragt hat. Das Risiko einer Fehleinschätzung dahingehend, ob ein Umstand für das versicherte Risiko erheblich ist, liegt damit nicht mehr beim Versicherungsnehmer, sondern bei der Versicherungsgesellschaft (§19).

d) Offenlegungspflicht

Dem Versicherungsnehmer müssen alle Vertragsbestimmungen vor Abschluß eines Versicherungsvertrages bekannt sein. Damit entfällt die von fast allen Versicherern praktizierte Vorgehensweise, daß der Versicherungsnehmer erst mit der Zusendung des Versicherungsscheins auch die Vertragsbedingungen zu sehen bekommt. Auch alle im Beitrag enthaltenen Zuschläge für Kosten (zum Beispiel Abschluß- und Verwaltungskosten) sind offenzulegen (§7).

e) Klagefrist

Die Klagefrist entfällt ersatzlos. Bis Ende 2007 hat der Versicherte innerhalb von sechs Monaten seinen Anspruch auf Versicherungsleistungen geltend zu machen, wenn diese von seinem Versicherungsunternehmen abgelehnt wurden.

f) Fahrlässigkeit

Die Regelungen für eine Nichtzahlung im Schadenfall werden für den Verbraucher verbessert. So führt eine fahrlässige Handlung des Versicherungsnehmers nicht zum kompletten Ausschluß von der Versicherungsleistung [§28, §19 (3), §24 (3), §54 (1), §57 (2), §82 (3)]. Nach der neuen Quotenregelung darf die Leistungskürzung nur entsprechend der Schwere des jeweiligen Verschuldens erfolgen. Eine komplette Leistungsverweigerung ist nur noch bei vorsätzlicher Handlung möglich. Beispiel: Die Hausratversicherung verweigerte bisher teilweise bei einem Einbruch die Zahlung, wenn der Versicherungsnehmer die Versicherung nicht auf ein erhöhtes Einbruchsrisiko hingewiesen hat. Klassisches Beispiel war das Anbringen eines Baugerüstes an der Hauswand für Malerarbeiten.

g) Zahlungsverzug

Die Versicherungsunternehmen müssen den Versicherten einer privaten Krankenversicherung bei Zahlungsverzug mindestens eine Frist von zwei Monaten gewähren und bis dahin den Krankenversicherungsschutz unvermindert aufrechterhalten (§194 (2)).

Joachim Haller

Quellen: Bundesregierung, FTD; Institut der Dt. Wirtschaft (iwd), Wikipedia und eigene Recherchen

25. September 2007

Riester-Verträge

25. September 2007|Sozialpolitik|0 Comments

Riester-Verträge

 

Nach wie vor wird das Gros der Riester-Verträge (rund 67 %) auf Versicherungen abgeschlossen, obwohl deren durchschnittliche Überschußbeteiligung nur etwa 4,3 % beträgt und nur etwa 10 % der Beiträge – nach Abzug der Kosten und des Risikoanteils – in Aktien (Fonds) investiert wird.

Dabei hat sich inzwischen in breiten Teilen der Bevölkerung herumgesprochen, daß die durchschnittliche Überschußbeteiligung im deutschen Lebensversicherungsmarkt von vormals etwa 7,1 % auf heute nur noch 4,3 % abgesunken ist. Zieht man hiervon – LVs sind zum größten Teil reine Geldwertanlagen – die Inflationsrate ab, „erwächst“ daraus ein Plus, was wahrlich nicht dazu angetan ist, die finanzielle Situation im Alter nennenswert zu verbessern.

Unschwer zu erraten: Das Gros der etwa 400.000 Verkäufer von Lebensversicherungen, allen voran die Strukturvertriebe und die Ein-Firmen-Vertreter, empfehlen diese Riester-Lösung, weil es entsprechend hohe Provisionen gibt. Der größte Strukturvertrieb, die DVAG, stellt sogar programmatisch alte LVs beitragsfrei und schließt dafür neue Riester-LVs ab. Die Folge: neue Kosten, neue Provisionen, niedrigere Mindestverzinsung und Steuerpflicht statt steuerfreier Auszahlung!

Banken hingegen, wen wundert`s, preisen ihre Riester-Banksparverträge an – ganz im Sinne ihres Hauses und der Vorgaben, die jeder Filiale aufgegeben werden.

(Provisions)unabhängig beraten können/wollen eben nur die wenigsten.

Doch es gibt Alternativen: Sie können – nur wissen dies die wenigsten – Ihren Riester-Vertrag auch über eine Aktienfonds-Sparanlage nutzen, wobei Sie je nach Familienstand, Alter, Risikobereitschaft und mutmaßlichem Zeitfenster Aktien und Bonds in unterschiedliche Verhältnisse setzen können.

Natürlich können Sie Ihren Riester-Vertrag auch in einem Dachfonds laufen lassen – mit ebenfalls unterschiedlicher Quotierung von Renten- und Aktienfonds.

Da Aktienfonds grundsätzlich Sachwertanlagen sind, verwundert wenig, daß diese im Schnitt während der letzten 20 Jahre zwischen 8 und 12 % p.a. an Wertzuwachs erzielen konnten.

Vielleicht sollten Sie darüber einmal mit Ihrem unabhängigen Finanz- und Vermögensberater sprechen, denn der Unterschied in der Ablaufleistung kann problemlos mehrere zehntausend Euro ausmachen.

21. Juni 2007

Rentenmisere in Zahlen

21. Juni 2007|Sozialpolitik|0 Comments

Rentenmisere in Zahlen

 

Die Fondsgesellschaft Fidelity International hat in einer Studie über die deutsche Rentensituation drei Durchschnittswerte errechnet:

  1. Die arbeitenden Deutschen werden nach ihrem Rentenantritt durchschnittlich nur noch 56 % ihres letzten Bruttolohns als Einkommen beziehen.
  2. Die Deutschen glauben aber irrtümlicherweise, daß ihre Rentenhöhe 70 % des letzten Bruttogehalts betragen wird.
  3. Von dem Einkommen, das die Deutschen nach eigener Schätzung als Rentner benötigen werden, sind nach heutigem Stand gerade mal 63 % halbwegs abgesichert. Es besteht also eine Einkommenslücke von 37 %.

Für die Studie untersuchte das Marktforschungsunternehmen Creative Analytic 3000 im Auftrag von Fidelity die Renten-, Einkommens- und Vorsorgekonstellationen von 2.010 deutschen Haushalten. Dabei blieben die Steuern außen vor.

Abgesehen von dem Irrtum mit der Einkommenshöhe nehmen die Deutschen die Rentenproblematik recht ernst. Nur 6 % von ihnen verlassen sich noch bei ihrer Vorsorge ausschließlich auf den Staat. Diese Minderheit wird es laut Fidelity später als Rentner aber nicht einmal mehr auf die Hälfte ihres bisherigen Einkommens bringen. Die restlichen Befragten kommen über ihre zusätzliche private Vorsorge immerhin auf 58 % des letzten Bruttolohns.

Bei der Produktauswahl läuft laut Studie noch einiges schief. Zwar besitzt mehr als jeder Zweite eine klassische Lebensversicherung, um die Rente aufzupeppen. Aber 47 % der Befragten wollen das auch mit den traditionell eher dünn verzinsten Spar-, Geldmarkt- und Festgeldanlagen erreichen. Renditebringer wie Investmentfonds und fondsgebundene Versicherungen rangieren in der Gunst weit hinten.

Interessenten können die gesamte Studie „Fidelity REAL-Index 2007“ als PDF-Datei bestellen unter: presse@fidelity.de.

Eine hochinteressante, wenngleich sehr ernüchternde Studie. Dabei wurden aber nur die heutigen Verhältnisse (niedrige Zinsen, noch relativ wenige Arbeitslose – beide Zahlen steigen – und derzeit robuste Wirtschaftszahlen) zugrundegelegt. Zudem werden die Probleme (reduzierte Anzahl von Beitragszahlern und weiter steigende Altenanteile) erst gegen 2020 voll zum Tragen kommen.

Die Situation – weiter reduzierte staatliche Rentenleistungen – wird sich noch zunehmend verschärfen und die Zahl der politischen Lügner wachsen!

H.-W. Graf
21. Juni 2007

Altersvorsorge ohne den Staat

21. Juni 2007|Sozialpolitik|0 Comments


Altersvorsorge ohne den Staat

 

Überall in den entwickelten Ländern der Welt sehen sich Sozialversicherungssysteme mit der Gefahr finanzieller Krisen konfrontiert. Aufgrund steigender Lebenserwartung, niedriger Geburtsraten und einer Abnahme der beschäftigungsabhängigen Beitragszahlungen steuern nicht-kapitalgedeckte Umlagesysteme in den Bankrott.

Das ist beileibe kein Zufall. Verpflichtende Umlageverfahren neigen dazu, den Anreiz für Arbeit im fortgeschrittenerem Alter zu senken und benachteiligen zudem größere Familien. Auf diese Weise fördern sie den eigenen Bankrott.

Falsche Voraussetzungen

Die Frage lautet nun, was hier zu tun ist. In Europa, wo die Lage ernster ist, tun einige Länder gar nichts, wohingegen andere das Mindestrentenalter und die Beitragssätze erhöhen. Das hält das System kurzfristig am Laufen, trifft aber nicht den Kern des Problems. Langfristig macht es das Arbeiten noch unattraktiver und fleißige Beschäftigte (Beitragszahler) zu Sklaven eines scheiternden Systems.

Eine bessere Lösung wäre es, den Staat dazu zu bringen, sich aus der Altersvorsorge herauszuhalten. Das Problem ist nur, daß viele Menschen sich eine Altersvorsorge ohne den Staat nicht vorstellen können. Dies gilt insbesondere für Kontinentaleuropa, wo nur wenige Menschen private Rentenvorsorge betreiben. In deren Vorstellung würde die Abschaffung der staatlichen Rentenversicherungssysteme das Verhungern und Erfrieren von Millionen von Menschen nach sich ziehen.

In kommunistischen Ländern glaubten viele Menschen, daß es den Menschen in den kapitalistischen Volkswirtschaften an den grundlegendsten Dingen fehlte, während ihre gutmeinenden Regierungen sich um sie sorgen würden. Aber natürlich kann es auch ohne den Staat sowohl Nahrung, Häuser und Autos, ja sogar Musik und Literatur geben. All das wird es sogar in viel größerer Fülle geben, wenn man den Menschen die Freiheit läßt, ihre eigenen Ziele mithilfe individueller Verantwortlichkeit, vereinter Anstrengung in lokalen Gemeinschaften und dem wechselseitig vorteilhaften Austausch am freien Markt zu verfolgen. Dasselbe gilt auch für die Altersvorsorge.

Eine Kombination von Einkommensquellen

Dennoch glauben viele, die grundsätzlich das Prinzip der Freien Marktwirtschaft akzeptieren, daß der Staat in einigen Bereichen eingreifen sollte und die Altersvorsorge dazu gehöre. Der Ruhestand, so die allgemeine Denke, sei ein unkalkulierbares Risiko und könne deshalb nicht den Marktkräften anvertraut werden. Außerdem seien einige Leute nicht klug genug, um für den eigenen Ruhestand vorzusorgen, weswegen die Regierung sie unterstützen müsse.

An diesen Einwänden ist durchaus etwas Wahres. Allerdings werden die falschen Schlußfolgerungen gezogen. Gerade weil die Altersvorsorge eine langfristige Herausforderung darstellt, sollte sie nicht Politikern anvertraut werden, die mehr darauf bedacht sind, die kurzfristigen Forderungen dieser oder jener Interessensgruppe zu befriedigen.

Darüber hinaus könne, so heißt es, die Altersvorsorge in einer freien Gesellschaft nicht nur dem Markt überlassen bleiben. Die meisten Menschen würden auf eine Kombination von Einkommens- und Absicherungsquellen zurückgreifen: die Familie, Märkte, gegenseitige Hilfe, Wohlfahrt und eigene Arbeit.

Nr. 1: Die Familie

Regierungen haben das „Umlageverfahren“ nicht erfunden. Sie haben es von der ältesten sozialen Institution der Welt abgekupfert – der Familie. Vor dem modernen Sozialstaat hatten Großfamilien die Funktion einer informellen Sozialversicherung. Die Altersvorsorge wurde auf der Grundlage wechselseitiger Großzügigkeit geleistet: Eltern brachten Kinder auf die Welt, unterstützten sie und kümmerten sich um deren Ausbildung. Im Austausch dafür unterstützten Kinder ihre Eltern im Alter mit Geld, Unterkunft und Pflege. Das ist auch heute noch das Grundmuster in Entwicklungsländern rund um den Globus.

Bevor die Menschen gezwungen wurden, den Ruhestand von der übrigen Gesellschaft zu finanzieren, hatten sie viel mehr Kinder. Nicht nur aus purer Freude, sondern weil es ökonomisch vernünftig war, viele Kinder zu haben. Das ist der Grund weswegen Familien in Schwellenländern heute größere Familien haben. Wie Julian Simon einst gesagt hat: „Diejenigen, die glauben, daß arme Menschen nicht die Konsequenzen abwägen, die eine größere Anzahl an Kindern mit sich bringt, sind einfach nur arrogant oder ignorant – oder beides“. [1]

"Mein Gedanke war, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen, zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte."

Otto von Bismarck

Diese Tatsachen waren im Europa des 19. Jahrhunderts wohl bekannt. Als Bismarck das erste Sozialversicherungssystem der Welt schuf, tat er das aus genau diesem Grunde: die Familie zu ersetzen. Was immer seine Motive für diesen wagemutigen Schritt gewesen sein mögen, er war unglaublich erfolgreich damit. Vor Bismarck hatte Deutschland eine der höchsten Geburtenraten in ganz Europa. Heute liegt die Geburtenrate unter 1,4 Kindern. Das wird die Bevölkerung der mächtigen europäischen Nation in etwa 50 Jahren auf ca. die Hälfte schrumpfen lassen – es sei denn, natürlich, man ersetzt deutsche Kinder durch Araber und Nordafrikaner.

Nun behaupten einige Leute, daß die staatliche Sozialversicherung effizienter sei als die Familie. Zum einen sei die familiäre Unterstützung stärker auf Einzelrisiken ausgerichtet. Das stimmt. Diese Risiken können aber durch Risikogemeinschaft gemildert werden – weswegen die Norm in traditionellen Gesellschaften ja auch die Großfamilie ist.

"Der Staat hat die egoistischen Monster geschaffen, vor denen er uns zu schützen vorgibt – indem er Wohltaten an jedermann auf jedermanns Kosten verteilt."

Per Bylund

Außerdem gibt es andere Gründe, deretwegen öffentliche Programme im Gegenteil sogar weniger effizient sind als die Familie. Sie fördern eine breites Spektrum an Mitnahmeeffekten und unverantwortlichen Verhaltensweisen, wie z.B. die übertriebene Frühverrentung, vorgetäuschte Arbeitsunfähigkeit und den Verzicht auf Kinderreichtum zu Lasten der „Allgemeinheit“. Die Großfamilie umgeht diese Probleme, da ihre Mitglieder offen miteinander umgehen, sich gegenseitig gut kennen und damit ein stärkeres Motiv haben, sich für das Gemeinschaftswohl zu engagieren.

2: Die Finanzmärkte

Nicht jeder kann oder will eine Familie gründen. Diese Menschen können mithilfe des Marktes Eigenvorsorge treffen. Die modernen Finanzmärkte bieten eine breite Palette an Rentenversicherungs- und Ansparmodellen. Sogar diejenigen, die in große Familien „investieren“, würden höchstwahrscheinlich parallel auch über Finanzinstrumente sparen.

Es gibt einige weit verbreitete Bedenken bzgl. des Finanz- und Versicherungsmarktes. Eines ist, daß die Menschen nicht wissen, wie und wo sie investieren sollen, sodaß sie von skrupellosen Finanzverkäufern ausgeplündert werden könnten. Ein anderes ist, daß man den Märkten nicht trauen könne, weil Finanzinstitute pleite gehen könnten. Eine dritte Sorge besteht darin, daß die Menschen zu dumm sind, um genug für den Ruhestand zurückzulegen.

Ein großes Problem in diesem Zusammenhang ist, daß wir eigentlich gar keine freien Finanzmärkte haben. Damit beziehe ich mich nicht nur auf die verschwenderische und wettbewerbshinderliche Überregulierung. Privates Sparen und Investieren wäre viel einfacher, wenn die Regierungen nicht am Geldsystem herumpfuschen würden.

Erstens spülen Regierungen immer mehr Geld in die Wirtschaft, blähen damit die Geldmenge auf und erschweren somit das Sparen für Einzelpersonen. In vielen Entwicklungsländern wäre es verrückt, die eigenen Ersparnisse in einer Papierwährung anzulegen, die jedes Jahr einen Kaufkraftverlust in zweistelliger Höhe verzeichnet. In Mugabes Zimbabwe ist die aktuelle Situation ein völliger Albtraum: Die annualisierte Preissteigerungsrate hat dort die 1.000 % überschritten. In Entwicklungsländern gibt es nur wenige sichere Anlagemöglichkeiten. Aber sogar in den USA und in Europa, wo die Inflation angeblich „unter Kontrolle“ ist, muß man aktiv nach sicheren Häfen suchen.

Diese sicheren Häfen sind wegen der Nebenwirkungen der zentralbankgesteuerten Kreditexpansion selten. Die Manipulation der Zinssätze durch die Zentralbanken schafft künstliche Konjunkturzyklen, die die Märkte hochgradig volatil werden lassen. Einzelpersonen haben in diesem System allen Grund, Vorsicht gegenüber den Finanzmärkten, den Banken und Versicherungen walten zu lassen. Das Gesamtergebnis staatlicher Einmischung in Geldangelegenheiten ist, daß die Menschen in zunehmendem Maße abhängig davon sind, daß sich ihre Regierungen

in Notlagen um sie kümmern.

Es ist trotzdem besser.

Trotz aller Fehler des jetzigen Systems funktionieren Finanzmärkte besser als viele glauben. Erstens ist Wettbewerb die beste Garantie für gute Dienstleistungen und sichere Produkte. Ja, es wird immer einige schwarze Schafe geben, die auf kurzfristigen Gewinn aus sind, aber die meisten Menschen vertrauen eher alteingesessenen Anbietern mit langjähriger Erfahrung – besonders wenn die eigene Altersvorsorge davon abhängt.

Ohne staatliche Altersvorsorgemaßnahmen würden die Menschen auch ihre Anlagekenntnisse fortentwickeln. Heutzutage macht das staatliche Bildungssystem die Menschen derartig zu finanziellen Analphabeten (wenn nicht sogar zu vollkommenen Analphabeten), daß man sich nur wundern kann, wie sie es überhaupt schaffen, in der modernen Welt zu überleben. Ohne staatliche Altersvorsorgemaßnahmen hätten Familien und Einzelpersonen bessere Anreize, sich diese Fähigkeiten anzueignen, um dann für sich selber sorgen zu können. Die Menschen könnten sich auch zusammenschließen und gemeinnützige Investment-Clubs gründen, mit deren Hilfe man gute Produkte auswählen und sich der Marktentwicklung anpassen könnte.

Die zweite Sorge vor Bankrotten ist komplizierter. Zunächst einmal sollte man sich ins Gedächtnis rufen, daß die staatlichen Rentenversicherungen auch nicht sicher sind, weil die Renten von einer Vielzahl ökonomischer, demographischer und politischer Faktoren abhängen. Mit einem entsprechenden Gesetzesrahmen können Märkte mehr Sicherheit bieten. Zweitens sind viele der Probleme mit Pensionszusagen durch schädliche staatliche Regulierungsmaßnahmen erst entstanden, die die Finanzmittel in der Vergangenheit in schwer zu kalkulierende Leistungszusagen statt sichererer Beitragszusagen lenkten.

Ein drittes Problem stellt die Tatsache dar, daß Menschen dazu neigen, zu wenig zu sparen. Das ist das übliche Argument für verpflichtende Ansparvorgänge. Zwangssparen ist politisch populärer als ein völlig freier Markt, aber nicht unbedingt eine gute Idee. Zum einen impliziert dieses Pflichtsparen, daß die Regierung sich um die ganze Sache kümmert, was als Rechtfertigung für eine schädliche Überregulierung benutzt werden kann.

Außerdem steckt in diesem Gedanken eine problematische Grundannahme, nämlich die, daß jeder für den eigenen Ruhestand sorgen muß. Das ist an sich eine familienfeindliche Annahme. Sie unterschlägt, daß Kinder eine ökonomisch sinnvolle “Investition” sein sollten (und natürlich viel mehr als das), genau wie sie es in der Vergangenheit waren.

Tatsächlich behaupten Wissenschaftler oft, daß die Menschen in Ländern ohne umfangreiche staatliche Sozialmaßnahmen nicht genug Ruhestandseinkommen hätten. Aber die Berechnung, was „genug“ ist, ist verzerrt, denn sie unterschlägt Faktoren, die nicht meßbar sind. So wird zum Beispiel die Unterstützung einer Mutter innerhalb einer großen Familie von keiner Statistik erfaßt. Aber genau das ist die natürlichste und weitestverbreitete Form der Altersvorsorge.

3 und 4: Hilfe auf Gegenseitigkeit und wohltätige Organisationen

Zusätzlich zur Familie und den Finanzmärkten gibt es einen Mittelweg: die private Wohlfahrt bzw. Bruderschaften. Vor der Entstehung von Sozialstaatsprogrammen sorgten kommunale karitative Organisationen für nahezu jede denkbare Art von Wohlfahrt, inklusive Waisenhäusern, Krankenhäusern, Arbeitsplatzbörsen, Altenheimen und Bildungsstipendien. Auch die Krankenversicherung wurde zu deutlich niedrigeren Kosten angeboten, als es die heutigen Systeme tun. Der Grund dafür lag darin, daß die Mitglieder sich untereinander kannten und unterstützten, sodaß es weniger Gelegenheit (und Motivation) für Betrüger und Tritbrettfahrer gab.

In einer freien Gesellschaft hätten private Hilfsvereine auf Gegenseitigkeit mehrere Vorteile als Anbieter von Altersvorsorge. Sie werden von Menschen geführt, die einander kennen, und es herrscht ein Gemeinschaftsgefühl, das die mangelnde Flexibilität formeller Programme verhindert. Sie funktionieren besser für die, denen es an den finanziellen Fertigkeiten fehlt. In der Vergangenheit waren solche Vereine keine elitären Veranstaltungen, sondern wurden normalerweise von Menschen aus der Arbeiterklasse geführt, die sich untereinander kannten und wußten, wie die gegenseitigen Probleme gelöst werden konnten.

Heutzutage könnten sie diese Flexibilität mit den Vorteilen entwickelter Finanzmärkte kombinieren, um die Risiken besser zu streuen. Sie könnten auch als private Investmentclubs arbeiten.

Zusätzlich gäbe es auch noch karitative Organisationen. Die würden sich auf die ärmsten Mitglieder der Gesellschaft konzentrieren, auf die, die niemanden haben, der sich um sie kümmert. Ohne den Sozialstaat wäre das wahrscheinlich eine sehr kleine Gruppe von Menschen, weil der überwältigenden Mehrheit die Kombination von Familie, Ersparnissen und Hilfsvereinen zur Seite stünde. Karitative Vereine könnten denjenigen helfen, denen keine Alternativen zur Verfügung stehen.

Der üblichste Einwand gegen karitative Aktivitäten ist der, daß diese zu sehr auf Gefühlen basieren und daher schwanken. Außerdem könnten die Geber zu langsam sein, um auf unbemerkte Bedürfnisse zu reagieren. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Karitative Organisationen sind dynamischer und flexibler als sozialstaatliche Behörden. Zudem gibt es eine Vielzahl solcher Organisationen, die mit einem sehr langfristigen Horizont arbeiten und ein breites Unterstützungsnetzwerk haben – das Internationale Rote Kreuz ist nur ein naheliegendes Beispiel.

Karitative Organisationen sind auch besser geführt als sozialstaatliche Programme. Sie erreichen mehr mit weniger Mitteln, und sie behandeln ihre Kunden mit mehr Menschlichkeit und Würde. Ihnen ist auch mehr am Gesamtwohlergehen der Hilfsbedürftigen gelegen. Im Gegensatz zu sozialstaatlichen Programmen bestrafen karitative Organisationen und Hilfsvereine Mühe und Einsatz nicht, sondern ermutigen Selbstinitiative und Verantwortung. Viele helfen auch ihren Kunden dabei, Arbeit zu finden, sich fortzubilden und persönlich weiterzuentwickeln. Der große Vorteil von karitativen Organisationen ist der, daß sie üblicherweise von Menschen geführt werden, die an etwas Höheres glauben als den Staat.

Eine praktische Herausforderung ist, daß selbst großzügige Menschen nicht immer wissen, wie sie helfen können und sie sich scheuen, Organisationen Geld zu geben, die sie nicht kennen. Dem kann mit Web-Portalen und Suchmaschinen abgeholfen werden, wie dem „Samaritan Guide“, der das „Zentrum für effizientes Mitgefühl“ des Acton Instituts eingerichtet hat.

5: Arbeit

Zu guter Letzt können Menschen bis ins Alter arbeiten. Es geht hier nicht darum, zu sagen, daß sie es müssen, aber es sollte ihnen möglich sein, ohne durch die entsprechenden Hemmnisse im Sozialversicherungssystem dafür bestraft zu werden.[2]

Tatsächlich ist das ganze Konzept des „Rentenalters“ eine Erfindung des Staates. Vor der Einrichtung von Sozialversicherungssystemen hat die große Mehrheit der Menschen auch nach dem Alter von 65 gearbeitet. Heutzutage wäre es sogar noch einfacher, da die Gesundheitsvorsorge besser ist und die meisten Tätigkeiten keine körperliche Anstrengung mehr verlangen.

Ohne staatliche Altersvorsorge würden die meisten Menschen wahrscheinlich länger arbeiten, entweder in Voll- oder Teilzeit. Das wäre ökonomisch vernünftiger als ein früher und endgültiger Renteneintritt. Länger zu arbeiten wäre auch eine zusätzliche Sicherheitsquelle für die, die sonst zu wenig Geld im Alter haben. Im Schnitt sorgt eine partielle Weiterbeschäftigung auch für eine bessere Gesundheit, während der komplette Ruhestand eher den körperlichen und psychischen Verfall fördert.[3]

Umfrageergebnisse legen nahe, daß viele Menschen ohnehin gerne länger arbeiten würden, selbst wenn sie finanziell ausgesorgt haben.[4] Ihre Arbeit ist ein integraler Bestandteil ihres Lebens und eine wichtige Quelle für Gemeinschaftserleben und Lebenssinn. Das Problem ist, daß es für ältere Arbeitnehmer schwierig sein kann, ihre Arbeitsplätze zu behalten, besonders in Europa, wo die Arbeitsmärkte überreguliert und die (Lohn-)Diskriminierung aus Altersgründen verboten ist. Deswegen muß eine vernünftige Altersvorsorgepolitik von der Liberalisierung des Arbeitsmarktes begleitet werden.

Der wirtschaftliche und moralische Nutzen von Freiheit

Altersvorsorge ohne den Staat ist nicht nur möglich, sie würde ohne den Staat auch weitaus besser funktionieren. Sie wäre sicherer als die staatliche Rentenversicherung, die auf leeren Politikerversprechungen beruht. Bestehende staatliche Altersvorsorgesysteme entwickeln sich rasant in die Zahlungsunfähigkeit, nach gerade einmal 50 – 70 Jahren des Bestehens. Eine nicht-staatliche Lösung wäre sicherer, weil die Menschen sich auf eine Kombination von Einkommensquellen verlassen würden, was das System robuster, flexibler und anpassungsfähiger machen würde. Es käme auch weit mehr den verschiedenen individuellen Umständen und Vorlieben entgegen, und es böte bessere Anreize, zu arbeiten, zu sparen und Kinder zu kriegen.

Der Nutzen eines Altersvorsorgesystems ohne den Staat würde über den rein wirtschaftlichen weit hinausgehen. Es würde die Aneignung individueller Tugenden und Verantwortungsbereitschaft unterstützen, die auch auf andere Bereiche des privaten und sozialen Lebens ausstrahlen würden. Ein nicht-staatliches System würde auch die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft mit mehr Menschlichkeit und Würde behandeln, und es gäbe außerdem weniger Hilfsbedürftige.

Altersvorsorge ist viel zu wichtig, als daß sie in den Händen des Staates bleiben darf.

Oskari Juurikkala

 

Oskari Juurikkala ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am britischen Institute of Economic Affairs (IEA) und Justiziar der Firma Magnus Minerals aus Finnland. Dieser Artikel ist als Teil des IEA-Projektes “Empowerment Through Savings” [etwa: „(Selbst-)Ermächtigung durch Sparen”], das von der Templeton Stiftung finanziert wird, erschienen. Der Artikel ist zuerst auf Englisch auf www.mises.org erschienen.

aus dem Englischen von Fabio Bossi

[1] Julian L. Simon, The Ultimate Resource II: People, Materials and Environment, Princeton University Press, 1996, Einführung.

[2] Jonathan Gruber und David A. Wise (Herausgeber), “Social Security and Retirement Around the World”, University of Chicago Press, 1999.

[3] Dhaval Dave, Inas Rashad und Jasmina Spasojevic, "The Effects of Retirement on Physical and Mental Health Outcomes”, NBER Working Paper No. 12123.

[4] The Economist, "The ageing workforce — Turning boomers into boomerangs”, 16.02.2006

7. Februar 2007

Die wichtigsten Unterschiede zwischen offenen Immobilienfonds und Immobilienaktienfonds

7. Februar 2007|Sozialpolitik|0 Comments


Die wichtigsten Unterschiede zwischen offenen Immobilienfonds und Immobilienaktienfonds

 

Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, daß Immobilienaktienfonds (sogenannte Reits) im Gegensatz zu offenen Immobilienfonds nicht direkt in Immobilien investieren, sondern in börsennotierte Immobilienaktiengesellschaften, die zumeist in einem Reit-Modell (Real Estate Investment Trust) verankert sind, aber nicht zwingend ein solches besitzen müssen. Die Aktien können so täglich an der Börse gehandelt und – wichtig für den Anleger – auch veräußert werden.

Offene Immobilienfonds halten einen relativ hohen Anteil an Cash, was ein Nachteil gegenüber Immobilienaktien ist. Grund dafür ist die eventuelle Illiquidität, wenn mehr Fondsanteile zurückgegeben werden als flüssige Mittel vorhanden sind, da bei offenen Immobilienfonds ein tägliches Rückgaberecht besteht. Folglich müßte der Fonds entweder Fremdkapital aufnehmen, was die Rendite belastet, oder Immobilien verkauft werden. Da Immobilien nicht von heute auf morgen veräußert werden können, entsteht ein weiteres Problem. Allerdings kann es auch im umgekehrten Fall zu Performanceverlusten führen, wenn dem Immobilienfonds zahlreiche Anlegergelder zufließen und die Fondsmanager gezwungen sind, weniger lukrative Immobilien einzukaufen. Da die Liquiditätsreserve teilweise schon 40 Prozent beträgt, die Nachfrage jedoch stetig steigt, sehen sich die Fondsmanager gezwungen, das Geld in Immobilien anzulegen, weil die gesetzlich vorgeschriebene Cashquote von 49 Prozent nicht überschritten werden darf.

Zudem herrscht bei Immobilienaktien eine weitaus transparentere Wertbildung als bei offenen Immobilienfonds, da die tägliche Preisbildung an den Börsen, also der Markt, den jeweiligen Kurs bestimmt. Die Objekte in offenen Immobilienfonds werden von Sachverständigern einmal im Jahr bewertet. Aus den Mieterträgen einerseits und den Kosten andererseits errechnet sich der Wert der Immobilien, sodaß täglich ein relativer Wert festgestellt werden kann. Immobilienunternehmen allerdings, die Immobilienaktien anbieten, werden täglich von zahlreichen Investmentbanken analysiert und durchleuchtet und spiegeln daher den tatsächlichen Tageswert wider.

Ein weiterer Vorteil der Immobilienaktien in Reitform ist der steuerliche. Reits müssen zwischen 80 und 100 Prozent ihres Gewinnes an die Anleger ausschütten und keine Ertragsteuern zahlen. Bei Immobilienfonds ist der Teil des Gewinns, der auf der Wertsteigerung der Objekte basiert, steuerfrei. Dieser Teil beträgt zumeist etwa 30 bis 40 Prozent, was bei den geringen Renditen aber einen erheblichen Anteil ausmacht.

Performance-Index

spiegelt die Entwicklung eines Index wider. Bei der Berechnung fließen sämtliche Dividenden- oder Bonizahlungen sowie Bezugsrechte ein. Ein Performance-Index erfaßt also auch sämtliche Erträge, die aus der Aktienanlage resultieren. Der Dax ist ein Performance-Index, im Gegensatz zu den anderen großen Indizes, die zumeist reine Kursindizes sind. Dividenden, Boni und Bezugsrechte fließen in die Berechnung dann nicht mit ein. Das macht den direkten Vergleich schwierig. Deshalb wird der Dax auch zusätzlich als Kursindex berechnet, der in Deutschland aber kaum Beachtung findet. Er wird nur dann herangezogen, wenn jemand die Wertentwicklung einzelner Märkte vergleichen will. Der Unterschied ist nämlich frappierend. Der Dax als Performance-Index liegt im internationalen Vergleich in der Spitzengruppe, der Kursindex jedoch nur im bescheidenen Mittelfeld.

Ein deutlicher Nachteil der Immobilienaktien ist jedoch die höhere Volatilität und das damit verbundene größere Risiko. Die Volatilität für Reits lag in den vergangenen fünf Jahren gemessen am S&P/Citigroup BMI Property Index bei 12,2 Prozent per annum (Stichtag: 31. Dezember 2005). Offene Immobilienfonds verzeichneten in diesem Zeitraum eine jährliche Volatilität von lediglich 0,9 Prozent. Dieses Risiko schmälerte jedoch nicht die Gewinne der letzten Jahre der Immobilienaktien. Der europäische Index für Immobilienaktien EPRA/NAREIT Europe verzeichnet seit Jahren eine außergewöhnlich gute Entwicklung, und da der deutsche Immobilienmarkt als der größte Europas gilt, Immobilienunternehmen aber bislang nur eine geringe Rolle spielen, ist das Potenzial enorm.

Robert Engelhardt
15. Januar 2007

Sozialversicherung 2007

15. Januar 2007|Sozialpolitik|0 Comments


Sozialversicherung 2007

 

Fast schon traditionell wird uns politisch auch im neuen Jahr handwerkliches Stückwerk und parteisystemischer Murks begleiten, während unsere Nachbarn, die Niederländer, auf ein Jahr funktionierender Reform ihres Gesundheitswesens zurückblicken können – mithilfe einer gelungenen Symbiose aus Abschaffung der Gesetzlichen Krankenkassen, transparenter und funktionierender Elemente von Kopfpauschale und Solidarprinzip. Die boomende Weltwirtschaft und die daraus resultierenden steigenden Staatseinnahmen, führ(t)en zwar auch bei uns zu einer verbesserten Einnahmesituation in der gesamten Sozialversicherung, der Freude über die gute Entwicklung in der Arbeitslosenversicherung (ALV), die ihren Beitrag nun auf 4,2% absenken konnte, stehen jedoch weiter steigende Beiträge in der Gesetzlichen Renten– und Krankenversicherung gegenüber. Während mit dem Reformansatz „Rente mit 67“ in der Rentenversicherung etwas gegengesteuert wird, kommt der dicke Kostenhammer in Sachen Gesundheit nun auf alle Beteiligten zu. Neben den noch zu schulternden Zins- und Tilgungskosten aus rund € 4 Mrd. Schulden, die die Krankenkassen in ihren Büchern halten, werden u.a. die Arzneimittelkosten – getrieben von der Erhöhung der Umsatzsteuer – weiter ungebremst steigen. Die nunmehr ins Jahr 2009 verschobene Einführung des sog. Gesundheitsfonds wird dann auch noch das letzte Stück funktionierenden Wettbewerbs zwischen den Krankenkassen auf einen Restposten reduzieren. Aber auch die privat Krankenversicherten trifft es hart; für viele erhöhen sich zum 1.1.2007 die Beiträge zwischen 5 und 15% (in Einzelfällen sogar bis zu einem Fünftel).

Die aktuellen Zahlen in der Sozialversicherung 2007

a) Bemessungsgrenzen (BBG):

Die BBG, also der Höchstsatz, bis zu dem Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen sind (Arbeitgeber und Arbeitnehmer teilen sich größtenteils die Beiträge), steigt dieses Jahr deutschlandweit nur für die Knappschaftsversicherten und generell für alle Sozialversicherungsbereiche in den Neuen Bundesländern um 3,4%.

b) Beitragssätze:

Der durchschnittliche Beitragssatz in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wird wohl aufgrund der guten Konjunkturlage nur um 5% auf 13,9% ansteigen. Hinzu kommen der sog. Zusatzbeitrag von 0,9% und die sozialePflegeversicherung (SPV) mit 1,7%, bzw. für Kinderlose 1,95%.

Während die Beitragssätze in der GRV um 2% auf 19,9% steigen, sinken die eingangs schon erwähnten Beiträge zur ALV um rund 35% auf 4,2%.

Beitragssätze, Bemessungsgrenzen und Rechengrößen für 2007 auf einen Blick für Arbeitgeber und Arbeitnehmer:

Gesetzliche Rentenversicherung (GRV)
19,9%
 
Arbeitslosenversicherung (ALV)
4,2%
 
Gesetzliche Krankenversicherung (GKV)
13,9%
 
Zusatzbeitrag nur für Arbeitnehmer (GKV)
0,9%
(!)
Soziale Pflegeversicherung (SPV)
1,7%
(1,95% für Kinderlose)*
Gesamtbeitrag Sozialversicherung:
40,6%
(40,85% für Kinderlose)*

 

2007
(Alle Werte in Euro)
West Ost
Monat Jahr Monat Jahr
Beitragsbemessungsgrenze
(GRV)
5.250 63.000 4.550 54.600
Beitragsbemessungsgrenze
(Knappschaft)
6.450 77.400 5.500 66.000
Beitragsbemessungsgrenze
(ALV)
5.250 63.000 4.550 54.600
Beitragsbemessungsgrenze
(GKV und SPV)
3.562, 50 42.750 3.562,50 42.750
Versicherungspflichtgrenze (Jahresarbeitsentgeltgrenze)
(GKV und SPV)
3.937,50 47.250 3.937,50 47.250
Bezugsgröße 2.450 29.400 2.100
(KV: 2.450)
25.200
(KV:29.400)
Geringfügigkeitsgrenze 400   400  
Geringfügigkeitsgrenze für Azubis 325   325  
Vorläufiges Durchschnittsentgelt/Jahr 2.457,33 29.488 2.457,33 29.488

Gesundheitsreform:

Da die aktuelle Situation weiterhin unklar ist und die einzelnen Vorschläge noch sehr kontrovers von Fachpolitikern diskutiert werden, möchten wir uns auf drei generelle Tendenzen beschränken:

  1. Die Gesetzlichen Krankenkassen werden weiter vereinheitlicht und spätestens mit Einführung des Gesundheitsfonds 2009 wird der Wettbewerb auf ein Minimum reduziert.

    Die bisherige Praxis von gesetzlich Versicherten, von einer teuren zu einer günstigeren Kasse zu wechseln, wird damit bald der Vergangenheit angehören. Mit Einführung des sog. Gesundheitsfonds gibt es nur noch einen einheitlichen Beitragssatz. Preisunterschiede wird es dann noch über sog. Zusatzprämien geben. Diese Extrazahlung darf jedoch nicht mehr als ein Prozent des beitragspflichtigen Monatseinkommens betragen – derzeit höchstens € 35,63. Die Preisspanne zwischen der teuersten und günstigsten Kasse schrumpft nach Berechnungen des IWD damit auf fast ein Drittel. Dieser einheitlich festgelegte Beitragssatz konterkariert zudem auch Regierungspläne, welche ab 1.4.2007 Kassen erlauben, Versicherten Verträge mit eingeschränkter Arztwahl anzubieten. Mögliche Einsparungen werden jedoch auf die o.g. Zusatzprämie minimiert. Selbst auf die Möglichkeit einer – wenig transparenten – nachträglichen Beitragsrückerstattung dürften sich nur noch wenige Kassen einlassen – den komplizierten Ausgleichsmechanismen (aktuell der sog. Risikostrukturausgleich) sei Dank. Diese führen nach wie vor dazu, daß es für eine Krankenkasse gar nicht wirklich interessant ist, finanziell effizient zu arbeiten. Mit der Einführung des Gesundheitsfonds können die Versicherungsnehmer aus den Kassen mit hohen Beitragssätzen und Zuzahlungen auch unterm Jahr in Kassen mit niedrigeren Beitragssätzen wechseln, was dann sukzessive zu einer „Einheitskasse“ führen dürfte. Aber der Mensch ist träge. Wie viele haben auch heute noch Sparbuch und Bausparvertrag!

  2. Die freiberufliche Ärzteschaft bangt um ihre Zukunft.

    In einer aktuellen Umfrage ist die mit Abstand pessimistischste Berufsgruppe die der freiberuflichen Ärzte. Die Ärzteschaft plagen berechtigte Existenzsorgen vor der geplanten Einführung eines neuen Vergütungssystems in der ambulanten Versorgung. Die von Budgets und floatenden Punktwerten geprägte Honorarsystematik wird durch eine sog. Euro-Gebührenordnung abgelöst. Die gängige Praxis, daß die sog. Privatliquidation ein Mehrfaches der Honorarhöhe der Zahlungen von AOK- und Ersatzkassen-Patienten einbringt, ist dadurch massiv in Frage gestellt. Diese Mischkalkulation sichert aktuell aber dem Gros der Arztpraxen das (Über)Leben. Darüber hinaus waren diese freiberuflichen Berufsträger dem Heer von Kassenfunktionären und Bürokraten schon immer ein Dorn im Auge.

  3. Für die Private Krankenversicherung (PKV) geht es um die Existenz.

    Nach der Kompromißformel der großen Koalition sollen Privatversicherte ihre Versicherung künftig leichter wechseln und dabei ihre Altersrückstellung mitnehmen können. Die Verpflichtung, künftig einen Basistarif anzubieten, dessen Leistungsumfang und Höchstbeitrag der GKV entspricht, wird zu weiteren Beitragserhöhungen für die bestehenden Verträge führen. Es kursieren von Seiten des PKV-Verbandes Prognosen für Preissteigerungen von bis zu 28%. Sehr wahrscheinlich ist auch, daß bei der Umsetzung der Reform die PKV nicht als Vollversicherung erhalten bleibt, da aufgrund der enormen Beitragssteigerungen immer mehr bereits privat Versicherte in den Basistarif wechseln werden. Den gibt es zwar bereits heute bei fast allen Privaten, der absehbar verstärkte Zulauf zu diesem Basistarif wird aber wohl jede Private KV zwingen, diese Tarife neu zu kalkulieren. Diese Nivellierung der PKV in Richtung GKV dürfte wohl nur ein weiterer Zwischenschritt sein, das überlegene Konzept der PKV auf lange Sicht zu zerstören – Deutschland ist auf dem direkten Weg in die wettbewerbslose, sozialistische Einheitskasse.

    Joachim Haller

    Quellen: Bundesregierung, FTD; Institut der Dt. Wirtschaft (iwd) und eigene Recherchen

13. Dezember 2006

Hauptrisiko Alter

13. Dezember 2006|Sozialpolitik|Kommentare deaktiviert für Hauptrisiko Alter

Hauptrisiko Alter

Warum gibt es immer mehr Alzheimer-Kranke und wer versorgt die wachsende Zahl an Patienten?

In Zukunft wird der Anteil älterer Menschen in der deutschen Bevölkerung stetig größer. Dank des medizinischen Fortschritts leben wir immer länger. Und weil wir immer weniger an „einfachen“, früher tödlichen Infektionskrankheiten sterben, erkranken immer mehr Menschen an chronischen Zerfallserscheinungen wie der Alzheimerschen Krankheit. Denn das Risiko für Demenzen steigt mit dem Alter rapide an. Während von den 65-Jährigen gerade jeder 26. Alzheimer bekommt, ist es bei den 85-Jährigen schon jeder Dritte. Die Kranken- und Pflegekassen und letztlich jeder einzelne Privathaushalt müssen sich auf eine ständig steigende Zahl von Alzheimer-Patienten einstellen.

Vor hundert Jahren, als der Nervenarzt Alois Alzheimer auf einer Tagung der Südwestdeutschen Irrenärzte am 3. November 1906 in Tübingen von der „eigenartigen Erkrankung der Hirnrinde“ seiner Patientin Auguste Deter berichtete, stieß er bei den Fachkollegen zunächst auf wenig Interesse. Lange blieb die Krankheit von untergeordneter Bedeutung – schlicht und einfach, weil es wenige Fälle gab. Erst seit die amerikanische Schauspielerin Rita Hayworth in den 1980er Jahren an Alzheimer erkrankte, aber vor allem als der ehemalige amerikanische Präsident Ronald Reagan mit seinem Leiden an die Öffentlichkeit trat, findet die Krankheit öffentliche Beachtung. Heute sind in Deutschland etwa eine Million Menschen betroffen, in den USA vier, weltweit zwölf Millionen – und es wird intensiv nach Ursachen und Therapieansätzen geforscht.

Menschen mit Alzheimer verlieren nach und nach ihr Gedächtnis und damit die Erinnerung an ihre eigene Persönlichkeit. Im fortgeschrittenen Stadium sind sie komplett auf fremde Hilfe angewiesen. Was genau die Alzheimersche Demenz auslöst, ist noch immer wenig verstanden. Als Hauptrisikofaktor nennen Mediziner das Alter selbst.

Der demografische Wandel wird also mit Sicherheit mehr Alzheimerfälle mit sich bringen: Schon 2020 wird jeder dritte Deutsche über 60 Jahre alt sein. Das liegt nicht nur an der ständig steigenden Lebenserwartung, sondern auch daran, daß die Deutschen immer weniger Kinder bekommen. Seit gut 30 Jahren liegen unsere Geburtenraten weit unter dem „Ersatzniveau“, bei dem die Kinder- ihre Elterngeneration ersetzt. Seit den 1970er Jahren bekommt jedes Paar im Mittel 1,4 Kinder, wodurch jede Nachwuchsgeneration rein rechnerisch um ein Drittel kleiner ist als die ihrer Eltern.

Entwicklung der unter 6- und über 75-Jährigen an der Gesamtbevölkerung 1950 bis 2050

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Datengrundlage: Statistisches Bundesamt

 

Dank einer steigenden Lebenserwartung und durch mangelnden Nachwuchs steigt die Zahl der über 75-Jährigen an, während die der Kindergartenkinder zurückgeht. Bis 2050 werden in Deutschland 13 Millionen Menschen das 75. Lebensjahr überschritten haben.

Entsprechend beginnen die wirklichen Probleme für die Gesundheitssysteme, wenn die in den 1960ern geborenen, geburtenstarken Jahrgänge über 60 Jahre alt werden – also etwa von 2020 an. Denn mit dem 60. Lebensjahr steigen die Gesundheitskosten pro Kopf überdurchschnittlich stark an. „Die höhere Lebenserwartung fußt auf einem medizinischen System, das mit immer neuen und immer teureren Methoden ein erträgliches Leben auch in Gegenwart von Krankheiten ermöglicht“, sagte Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts, auf dem Symposium „Altern und Alzheimer“ des Interdisziplinären Forschungszentrum für Neurowissenschaften (IFZN) in Mainz. Aus heute zwei Millionen Pflegebedürftigen werden bis zum Jahr 2050 vermutlich fünf Millionen. Auf diese Entwicklung sind die Versorgungssysteme bisher weder von der Infrastruktur noch von der finanziellen Ausstattung her vorbereitet.

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Von der Pyramiden- zur Pilzform: Wenn die geburtenstarken Jahrgänge (heute 35 bis 50 Jahre alt, also mitten im Berufsleben) ins Rentenalter kommen, wird es nicht mehr so viele Erwerbstätige geben. Zwangsläufig sinken dann die Einzahlungen in die Sozialsysteme. Weil mittlerweile die geburtenschwachen, in den 1970ern und später geborenen Jahrgänge selbst im Elternalter sind, die ihrerseits im Mittel nur 1,4 Kinder bekommen, wird die Zahl der jungen Menschen weiter zurückgehen.

Neben der Frage, wovon die Alten in Zukunft leben sollen, stellt sich die weitere, wer sie pflegen wird. Heute spielen Pflegeheime bei der Versorgung noch eine untergeordnete Rolle: Die meisten Pflegebedürftigen werden bisher in der Familie versorgt, meist von Partnern, Töchtern und Schwiegertöchtern. Familien gibt es aber immer weniger – und Schwiegertöchter, die versorgend eingreifen, werden aufgrund steigender Scheidungsraten ebenfalls immer seltener. Zudem werden die wenigen jungen Menschen stetig mobiler und sind oft aus rein räumlichen Gründen nicht in der Lage, ihre eigenen Eltern zu betreuen.

Bei der Diagnose ‚Alzheimer’ können Mediziner heute noch immer keine heilende Therapie anbieten: Die gebräuchlichen Medikamente verzögern den Krankheitsverlauf im besten Fall um ein, zwei Jahre. Nur 40 Prozent der Patienten sprechen überhaupt darauf an. Außerdem ist die Einnahme meist mit Nebenwirkungen verbunden. Der schleichende Prozeß, der die Nervenzellen abtötet, beginnt bereits 15 bis 30 Jahre, bevor die Krankheit sich zu erkennen gibt. Bestimmte Proteine, so genannte Amyloide, verklumpen im Gehirn zu steinharten Plaques und greifen die Nervenzellen an, die dann absterben. Dieser Prozeß ist eng verknüpft mit anderen altersbedingten Veränderungen. So entstehen die gefährlichen Proteine vor allem dort, wo viel Cholesterin in die Zellmembran eingelagert ist und am ehesten, wenn die Zelle besonders viel oxidativem Streß durch freie Radikale ausgesetzt ist. Freie Radikale entstehen beim Stoffwechsel und können Zellmembran, wichtige Proteine sowie Erbmaterial beschädigen.

Wie beim ganz normalen Alterungsprozeß kann das Gehirn den Verlust von Nervenzellen zunächst gut kompensieren, weshalb man dem Patienten nichts anmerkt. Daß es sich um eine Demenz handelt, wird meist erst klar, wenn das Gedächtnis schon stark in Mitleidenschaft gezogen ist. Das ist auf Hirn-Bildern aus der Positronen-Emissions-Tomografie (PET) zu sehen. „Bei Alzheimer ist der Verlust meist zuerst am Hippocampus zu sehen, einer Gehirnstruktur, die für Speicherung und Erhalt von Gedächtnisinhalten wichtig ist“, so die Psychiaterin Isabella Heuser von der FU Berlin auf dem Symposium in Mainz. Erste Anzeichen für eine verminderte Gedächtnisleitung sollten daher ernst genommen werden. „Wenn man das Gefühl hat, es habe sich etwas verändert mit dem Gedächtnis, sollte man das in einer Memory Clinic checken lassen.“ Wenn eine leichte kognitive Störung (Mild Cognitive Impairment, MCI) schon früh erkannt wird, können Medikamente wie bestimmte Entzündungshemmer noch der Entwicklung einer Alzheimer-Demenz entgegenwirken.

Mangels Therapie raten Mediziner, auf die wichtigsten Risikofaktoren selbst Einfluß zu nehmen: Bluthochdruck, hoher Kalorienverbrauch und Übergewicht, Cholesterin und Diabetes mellitus stehen im Zusammenhang mit Alzheimer. „Eine kalorienarme, an mehrfach ungesättigten Fettsäuren reiche Diät (mediterrane Diät), der Genuß von viel grünem Tee, sowie körperliche und geistige Aktivität senken das Risiko beachtlich“, sagt Christian Behl von der Universität Mainz. Doch es gibt auch genetische Faktoren, die auf die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken, einwirken. Wie groß der Einfluß von Genen ist, welche Rolle Umweltfaktoren spielen und welche Rolle der Zufall spielt, ist noch umstritten.

Manche Forscher, die neue Alzheimer-Medikamente entwickeln, hoffen, daß es bald gelingen wird, die Krankheit aufzuhalten, auch wenn sie bereits ausgebrochen ist. „Ich denke, wir werden in fünf Jahren so weit sein“, glaubt Falk Fahrenholz von der Universität Mainz. Es werden sowohl Stoffe gesucht, die Enzyme daran hindern, daß sich Plaques überhaupt bilden, als auch solche, die die vorhandenen Plaques auflösen und über die Blutbahn abführen können. Doch bisher haben Stoffe, die im Tierversuch Wirkung zeigten, sich am Menschen nicht bewährt. Im praktischen Alltag mit Demenz-Kranken zeigt sich denn auch menschliche Nähe und Zuwendung als das wirkungsvollste Medikament, so das Fazit von Michael Jürgs, Autor des Buches „Alzheimer – Spurensuche im Niemandsland“.

 

Literatur: Michael Jürgs, „Alzheimer – Spurensuche im Niemandsland“, Bertelsmann, München, 2006

Weitere Informationen unter: www.ifzn.uni-mainz.de

Quelle: demos Berlin-Institut, Newsletter Ausgabe 27 vom 10.11.2006