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8. Juli 2014

SPD-Chef Gabriel will mehr Muslime in öffentlichen Ämtern

8. Juli 2014|Politik, Sozialpolitik|Kommentare deaktiviert für SPD-Chef Gabriel will mehr Muslime in öffentlichen Ämtern

Man frägt sich unwillkürlich, ob dieser pfiffige Hirntote bei seinem Parteikollegen Hartmann am Chrystal Meth-Döschen genascht hat. Hätte er jemals den Koran aufgeschlagen, wüßte er, daß

  • alles Staatliche hinter dem originären Sendungsbefehl Allahs zurückzustehen hat;
  • es gemäß Koran nichts Verwerfliches ist, Un- und Andersgläubige zu täuschen/betrügen/belügen oder gar zu töten und selbst ein Amtseid – der im übrigen seit Kohl dem Fürchterlichen ohnehin nichts mehr zählt – der “Botschaft” des Koran nicht im Wege stehen darf.

Man überlege sich die logische Konsequenz:

  1. Entgegen der strikten Trennung von Staat und Religion (bis vor kurzem betraf dies nur die christlichen Kirchen) müßten gerechterweise (‘Gleichheitsgrundsatz’, lt. GG) auch orthodoxen Juden, Endzeitchristen, Zionisten, Buddhisten, Zeugen Jehovas u.v.a. öffentliche Ämter angeboten werden.
  2. Die muslimische Welt ist mindestens so vielfältig zersplittert wie die christliche. Im Gegensatz zu Katholiken und Evangelikalen – die haben ihre Grundsatzkontroverse vor knapp 400 Jahren im ‘Dreißigjährigen Krieg’ mit Hundertausenden Toten ausgetragen – stehen sich die drei Hauptrichtungen des Koran (und Dutzender Untergruppierungen) in tödlicher Feindschaft gegenüber.
  3. Wie soll ein unter dem Gebot der Scharia stehender Richter einen nach dem dt. Recht strafbaren Tatbestand ahnden?
  4. Muß die/der BürgerIn bereits seit Jahrzehnten wehrlos hinnehmen, daß auf Bundes- und Länderebene (neuerdings auch Europa) selbst völlig talent- und kompetenzlose Figuren (und –innen) selbst politische Spitzenämter okkupieren und voluminös (dank persönlicher Bereicherung) ausfüllen, drohte bei Realisierung Gabriel’scher intellektueller Flatulenzen die Verlagerung des religiösen Weltkriegs auf politisch höchste Ebene.
  5. Um allen religiösen Gruppierungen paritätische Mitsprache zu garantieren, müßte die Zahl höherer und höchster Staatsämter drastisch ausgeweitet werden; mit einem halben Dutzend Vizepräsidenten des deutschen Bundestags wäre es dann natürlich nicht mehr getan.

Natürlich ist dieser S. Gabriel mit derartigen Überlegungen heillos überfordert. Zu hoffen bleibt aber, daß dem Gros der BürgerInnen irgendwann die Hutschnur reißt und sie derartige cerebral hochgradig gestörte Zeitgenossen dahin schickt, wohin sie gehören – in die Grenzlinien der religiös-fanatischen Krisengebiete rund um das Maghreb oder den Nahen Osten. Ich wüßte auch schon, wer ihn dabei begleiten sollte ……

Bei nahezu allen weltlichen Krisen-und Kriegsgebieten stehen religiöse Gruppierungen Pate; wenigstens aus den nationalen Politiken sollten wir Religionen und ihre fanatischen Verfechter tunlichst heraushalten.

H.-W. Graf

Lesen Sie hierzu:
www.derwesten.de | Veröffentlicht: 02.07.2014
SPD-Chef Gabriel will mehr Muslime in öffentlichen Ämtern
www.derwesten.de/politik/spd-chef-gabriel-will-mehr-muslime-in-oeffentlichen-aemtern-id9549909.html

23. April 2014

Politische Spiegelfechterei

23. April 2014|Gesellschaft, Politik, Sozialpolitik|Kommentare deaktiviert für Politische Spiegelfechterei

Als Reichskanzler Otto von Bismarck 1889 die ‚allgemeine Arbeiter-Rentenversicherung‘ aus der Taufe und zum Gesetz erhob, – übrigens, um damit den „Sozial“demokraten zuvorzukommen – betraf dies nur etwa 20% der Arbeitnehmer, nämlich diejenigen, die‚ schwere körperliche Arbeit zu verrichten‘ hatten. Eine Rente erhielt, wer sein Arbeitsleben gesund* beendete und das 70. Lebensjahr überschritten hatte, wovon nur die wenigsten überhaupt etwas hatten, da nur jeder 10. dieses Alter erreichte; die durchschnittliche Lebenserwartung (ab Geburtsregistrierung nach 48 Stunden) betrug damals knapp 40 Jahre, lag also unter dem heutigen Lebenserwartungs-Standard auf dem afrikanischen Kontinent. Die staatliche Rente wurde damals eigentlich nur als Notgroschen für diejenigen angesehen und eingerichtet, die nicht von Kindern und in ihrer Familie versorgt wurden, sofern sie dieses für damalige Verhältnisse „biblische“ Alter überhaupt erlebten. Folgt man dieser Logik, müßte die gesetzliche Altersrente heute bei deutlich über 100 Jahren liegen, insbesondere vor dem Hintergrund, daß derart harte körperliche Arbeit wie im Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts heute so gut wie überhaupt nicht mehr verrichtet wird. Andererseits spielen in unserer Zeit ganz andere Faktoren dafür eine Rolle, daß Menschen selbst das heutige gesetzliche Rentenalter nur mit Mühe (oder gar nicht) in ihrem angestammten Beruf erleben; die psychische Belastung ist bereits seit Jahrzehnten bedeutend höher einzustufen als die physische.
Dennoch wird vor diesem historischen Hintergrund ein Teil der Absurdität erkennbar, die sich um den Begriff der ‚staatlich garantierten Rentenzahlung‘ rankt, denn diese staatliche Zwangsversicherung beließ es beileibe nicht dabei, für die Ärmsten und wirtschaftlich Schwächsten vorzusorgen, vielmehr überboten sich die „christlichen“ und „sozialen“ Politiker dabei, immer mehr Berufe und Bevölkerungsschichten ins staatliche Rentenkorsett hineinzuzwingen – ungeachtet der Frage, ob sich das Gros der Menschen nicht privat, alleine, persönlicher und preiswerter fürs Alter ver- und absichern könnte. Dabei geriet dieses staatliche Renten-Zwangssystem in ein selbst-verursachtes Dilemma: Immer mehr unterschiedliche Berufe mit völlig unterschiedlichen Ausbildungszeiten und Qualifikationsvoraussetzungen mußten vereinheitlicht und unter gemeinsame Regulatorien subsummiert werden. Hinzu kam, daß viele Berufstätigkeiten und sogar ganze Karrieren nur jeweils kurze Lebensdauern hatten; nur noch weniger als 30% aller Menschen üben heute einen Beruf lebenslang aus – zumeist nicht einmal in dem Beruf, für den sie ein(e) Ausbildung/Studium durchlaufen haben.

Ohne nun allzu tief in die Gesamtproblematik der staatlichen Rentenversicherung einzusteigen, wird aber immerhin klar, wie zwielichtig das politische Gerangel um die Deutungshoheit der politischen Parteien dahingehend ist, wofür der Staat eigentlich aufzukommen hat, was „sozial“ und/oder „gerecht“ ist, wobei Parteien kraft ihres selbst angemaßten Urteilsvermögens, völlig zu Unrecht unterstellter Kompetenz und jenseits dessen, was demokratisch sein könnte, den Bürgern schlicht das Recht verweigern, sich als mündige Verwalter ihres eigenen Lebens zu sehen und zu verstehen.
Politische Spiegelfechterei_1Und ganz besonders haarig wird es, wenn von einem geregelten und eine fachliche Ausbildung verlangenden Arbeitsleben völlig entfremdete Politiker darüber meinen, befinden zu müssen/dürfen, wie Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller im Alter zu versorgen seien, wie lange sie (mindestens) arbeiten und in welchem Beruf sie wieviel mindestens verdienen müßten. Doch diese geradezu atemberaubende Überheblichkeit der Politiker wird heute von kaum einem Wähler überhaupt noch hinterfragt, geschweige denn brüsk abgelehnt. Das Gefühl, für das eigene Leben auch eigenverantwortlich gerade zu stehen und zu sorgen, ist den meisten Menschen bereits im Elternhaus völlig abhanden gekommen, und dies politisch einzufordern, käme beinahe einem Hochverrat an der „sozialen“ Marktwirtschaft gleich.

Vor diesem Hintergrund gerinnt die derzeitige Debatte um das Renten-Mindestalter zu einer Art Burlesque, an der sich unsere ach so sozialen MinisterInnen und deren Stäbe öffentlichkeitswirksam abarbeiten und ‚inhaltlich schwierige Verhandlungen‘ (so die besonders kompetente Frau Nahles – das ist die Claudia Roth der Sozis) vortäuschen. Nur schade, daß bei dieser lächerlichen Farce auch unsere Medien mitspielen, obgleich jeder mit den Grundregeln der Mathematik vertraute Mensch nachrechnen kann, daß die (o.g.) „Geburtsfehler“ der Rentenversicherung bereits hauptsächlich dafür verantwortlich sind, daß die Rentenversicherung nicht zukunftsfähig sein kann. Die heutigen migrationsbedingten Probleme und die das gesamte System ebenfalls konterkarierende demographische Entwicklung verschärfen diese Misere der Rentenversicherung nur noch zusätzlich.
In diesem Zusammenhang: Wer die Diskussion zum Thema ‚Lebensversicherungen‘ in einfacher, nachvollziehbarer und prägnanter Weise nicht gesehen hat, hier der Link zur Videothek http://www.phoenix.de/content/828770. Äußerst aufschlußreiche 45 Minuten, die untermauern, wovor wir seit Jahren warnen!

H.-W. Graf

*Die gesetzliche Unfallversicherung (unter Einschluß einiger weniger Berufskrankheiten) wurde bereits 8 Jahre vorher verabschiedet.

14. April 2014

Das Finanzsystem – der Blutkreislauf des (inter)nationalen Wirtschafts-, Steuer-, Finanz- und Sozialwesens

14. April 2014|Politik, Sozialpolitik, Steuer- und Finanzpolitik, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Das Finanzsystem – der Blutkreislauf des (inter)nationalen Wirtschafts-, Steuer-, Finanz- und Sozialwesens

Das Weltfinanzsystem, zu dem neben den staatlichen Notenbanken und den privaten und öffentlichen Bankinstituten auch die gesamte Versicherungswirtschaft gehört, steht vor der gigantischen Herausforderung, teilweise völlig unterschiedliche Strukturen und gewachsene gesetzliche Fundamente aus fast 400 Jahren zu vereinheitlichen und sinnstiftend zu kompatibilisieren.
Hierbei steht im Vordergrund, 35 zum Teil noch recht unterschiedlich gestrickte Gesetzeswerke aufeinander abzustimmen, das romanische mit dem anglikanischen Rechtssystem unter einen Hut zu bringen sowie von Land zu Land teilweise recht unterschiedliche Vorstellungen davon, was staatlich geregelt und überwacht oder der privatrechtlichen Obliegenheit überlassen bleiben sollte.
Unter dieser Generalüberschrift trafen sich vom 26. bis 28. März 261 Vermögensverwalter aus 21 Nationen in Amsterdam zur 4. Morningstar Investment Conference, wobei die Liste der Referenten und die Panels der Podiumsdiskussionen mindestens ebenso hochkarätig besetzt waren wie das Teilnehmerfeld. Schon bei ihrer Eröffnungsrede verwies die niederländische Königin Maxima, die – im Gegensatz zu den EU-Finanzhäuptlingen, die hierzulande durchs politische Gehölz traben – hohen Sachverstand und trainierte Kompetenz bewies, darauf, in welch hohem Maße das internationale Finanzgeschäft praktisch jeden von uns tagtäglich begleitet und bestimmt – privat und beruflich, kommunal wie (inter)national. Die u.a. in New York, London und Frankfurt ausgebildete Finanzökonomin verwies, ohne sich auch nur im Mindesten zum Büttel einer Lobby machen zu lassen, auf die dringende Notwendigkeit, die unterschiedlichen Finanz“betriebssysteme“ in Einklang zu bringen, da hiervon zum einen die gesamte private wie kommunale/öffentliche Finanzwirtschaft, aber auch alle sozialstaatlichen Verpflichtungen, das Pensions- und Rentenwesen sowie die Infrastruktur unmittelbar abhingen. Wohlweislich ging Queen Maxima – gleiches galt übrigens für den Kreis aller anderen Referenten – weder auf die von westlichen Politikern und Medien völlig theatralisierte Krim-„Krise“ noch auf die Frage ein, ob (und wenn ja, wie lange) der Euro als künstlicher finanzieller Kitt für die historisch völlig unterschiedlichen nationalen Staatskulturen relevant sei. Beide Fragen wurden dafür umso heftiger und je nach dem Grad der Abhängigkeit des jeweiligen Sprechers von privaten oder staatlichen Instituten in sämtlichen Pausengesprächen sowie in den ebenfalls sehr kompetent besetzten Panels diskutiert.
Einig waren sich die meisten Diskutanten dahingehend, daß die Angleichung der unterschiedlichen Finanz- und Wirtschaftssysteme viel zu komplex und wichtig sind, als daß man sie Politikern und deren Ränkespielen und machtpolitischen Opportunismen überlassen dürfte.
Wer Interesse an unserer Rezension der Morningstar-Investment Conference 2014 hat, möge sich bitte bei uns melden; der Versand erfolgt umgehend und für Mandanten der efv-AG kostenfrei.

H.-W. Graf

2. Oktober 2013

Der Liberalismus in Deutschland ist heimatlos.

2. Oktober 2013|Bildungspolitik, Innenpolitik, Politik, Sozialpolitik, Steuer- und Finanzpolitik|Kommentare deaktiviert für Der Liberalismus in Deutschland ist heimatlos.

Es hat lange gedauert, genau gesagt rund 75 Jahre und drei Generationen, bis nunmehr, am 22.9.2013, der letzte Rest politischer Liberalität endgültig beerdigt wurde. Was ehedem von freiheitlich-verantwortlichen Granden der Liberalität, wie z.B. Theodor Heuss, als politische Grundfeste (und im Sinne des ‘Vormärz’ als Gegengewicht zum Obrigkeitsstaat!) verankert wurde – “verantwortliches Handeln des Einzelnen auf kommunaler Ebene” (Heuss, 1948) –, um den Staat auf das beschränkt zu sehen, was äußere und innere Sicherheit sowie verbindliche, gesicherte Rechtsnormen bedingen, fiel spätestens seit H.-D. Genscher zunehmend schierem Machtkalkül anheim. Nun fiel der letzte Vorhang; die Posse ‘FDP – die liberale Partei Deutschlands’ ist abgesetzt.

Nachdem ich bei 11 Bundestagswahlen in nimmermüder Treue und Hoffnung meine Stimme der FDP gab, verweigerte ich mich – angewidert und erbost – der brüderröslichen Lachnummer und deren konsequentem Verrat an allem, was Liberalität ausmacht. Auf dem Altar etatistischer Überheblichkeit und antisozialer Regelungswut und Bevormundung wurde nach und nach jeder Rest individueller Lebensgestaltung geopfert – schieren Machterhalts zuliebe.

Selbst letzte glimmende Fünkchen liberaler Gesinnung, wie z.B. Frank Schäffler, der probaterweise auch innerparteilich kaltgestellt wurde, vermochten daran nichts zu ändern, und auch dem flugs als “Retter” und “Frontmann eines Neubeginns” aus dem Hut gezauberten Christian Lindner traue ich ob seines Alters und seiner karrieristischen Verquickung mit den alten Schergen antiliberaler Grundhaltung keinen grundlegenden Wandel im Sinne einer liberalen Renaissance zu.

Konkret: Weder in der Bildungs– und Sozialpolitik (die Reihenfolge ist bewußt gewählt), noch in der Steuer-, Fiskal- und Gesundheitspolitik, bei der Lösung der EURO(pa)krise, kurz: in keinem Segment, zeigte die FDP den Mut, bürgerlicher Eigenverantwortung den Vorrang vor entmündigender Staatlichkeit zu geben; sie knickte jeweils da ein, wo sie hätte Flagge zeigen müssen.
Allein die Millionen zwangsverpflichteter Kammermitglieder (incl. mitarbeitender Ehepartner und Kinder) sowie entrechteter Gaststättenbetreiber und Taxifahrer (die zwar als Selbständige das gesamte wirtschaftliche Risiko tragen, denen aber vorgeschrieben wird, daß ihre Kunden nicht rauchen dürfen) hätten – ein mutiges Engagement der “Liberalen” vorausgesetzt – die FDP am Leben erhalten.
Dem arroganten Hoheitsanspruch der SchwarzRotGrün(inn)en i.S. Bildung hat die FDP nie ein mutiges Zeichen (z.B. zur fairen Förderung privater Schulen, Kindergärten und –tagesstätten) entgegengesetzt. Der Ausverkauf staatlicher Souveränität an Brüssel/Luxemburg und die nahezu bedingungslose Preisgabe privaten Sparvermögens (und dessen betrieblichem und eigenständigem Aufbau) zugunsten einer euroklastischen Fiktion – all dies (und vieles mehr) hat nun das Schicksal einer längst entbehrlichen, ihres dialektischen Kerns restlos beraubten Partei besiegelt.
Friede ihrer Asche!

H.-W. Graf

www.cicero.de/berliner-republik/bundestags-aus-die-fdp-hat-den-liberalismus-verraten-freiheit/55935/

5. September 2013

Abwarten, Hoffen und Harren sind keine Lösung der EURO-Krise!

5. September 2013|Politik, Sozialpolitik, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Abwarten, Hoffen und Harren sind keine Lösung der EURO-Krise!

Gemäß der Maxime: ‘Keine Kritik ohne Alternative!’ wurde das beigefügte Dossier* erarbeitet. Es geht an Wirtschaftsexperten, Lehrstuhlinhaber für Volks-, Wirtschafts-, Finanz- und Betriebswirtschaft sowie ausgewählte, mir zum Teil persönlich bekannte Personen, deren Interesse an der Lösung der ‘Euro-, Finanz-, Wirtschafts-, Banken- und Sozialkrise’ ich voraussetzen zu können glaube, und die ihrerseits nicht qua Amt oder Funktion im Öffentlichen Dienst, bei interstaatlichen Organisationen oder öffentlichen Lehranstalten sowie in Parteien in ihrer Beurteilung oder Entscheidungsfindung mehr oder weniger stark (oder völlig!) eingeschränkt sind.

Diese Ausarbeitung kann ohne Rückfrage beim Autor, aber jeweils mit Quellenangabe, beliebig weitergegeben und verwendet werden. Im Sinne der notwendigen Veränderungen, die wir aktiv angehen müssen, statt uns darauf zu verlassen, daß Politiker oder Parteien bereit sind, grundsätzliche Veränderungen vorzunehmen, sollten diese Gedanken jeden potentiell Interessierten erreichen. Insofern bin ich für jede Weitergabe dieser Gedanken ausgesprochen dankbar.

Für kritische Anregungen und Hinweise, aber auch für Rückfragen stehe ich selbstverständlich gerne zur Verfügung.

Mit besten Wünschen

H.-W. Graf

* Der Autor ist seit 1972 als Finanzberater, Vermögensverwalter, Autor und Journalist (Wirtschaft, Politik und Psychologie) tätig.

7. November 2011

Für Sie gelesen: Anmerkung zur generellen Abschaffung der politischen Parteien

7. November 2011|Gesellschaft, Innenpolitik, Sozialpolitik|Kommentare deaktiviert für Für Sie gelesen: Anmerkung zur generellen Abschaffung der politischen Parteien

Autor: Simone Weil

Verlag: Diaphanes Verlag, Zürich-Berlin
Preis: € 10,00
Umfang: 48 Seiten
ISBN: 978-3-03734-059-2

Wer jemals so naiv war, zu glauben, mit dem Beitritt und der Aktivität in einer politischen Partei sich selbst und Anderen etwas Gutes zu tun, wird bedauern, daß ihm das nur wenige Seiten umfassende Büchlein von Simone Weil, das sie bereits 1943 (kurz vor ihrem Tod) schrieb, nicht schon früher in die Hände fiel. Denn wohl kaum jemand hat je auf so wenigen Seiten derart klar und verständlich dargelegt, warum das Parteien(un)wesen ‚absolut und bedingungslos von Übel ist’. Um das Fazit der Autorin vorwegzunehmen: „Die Abschaffung der Parteien wäre höchst legitim und scheint in der Praxis nur gute Wirkungen zeitigen zu können.“

Aber der Reihe nach: Weil beschreibt im Wesentlichen die Partei in der Bedeutung, die sie auf dem europäischen Kontinent hatte und hat. Das französische Politikverständnis von 1789 sah den Parteiengedanken im Nachklang der franzöischen Revolution und dem Sturz von Louis XVI und seiner Adelskaste allenfalls als zu duldendes Übel. Der Jakobinerclub – eine Art Vorläufer einer Partei – war zunächst nur ein Ort freier Diskussion, und was ihn dann mutieren ließ, war kein schicksalhafter Mechanismus: Einzig der Druck des Krieges und der Guillotine machten aus ihm eine totalitäre Partei. In den Anmerkungen zum Buch ist zu lesen: „Der Begriff der Partei wurde im früheren Mittelalter aus dem Lateinischen ‚pars’ ins Italienische, Französische und Deutsche übernommen und seit dem 18. Jahrhundert auf politische Gruppierungen und parlamentarische Organe bezogen.“ Zunächst dominierten negative Konnotationen; vor allem die jeweiligen Gegner wurden als Parteien diffamiert, und zunehmend wurden dann große Gruppen jeweils als Parteien bezeichnet. Weil findet drei wesentliche Merkmale einer Partei, die man erkennen sollte, um sie (die Partei) nach den Kriterien der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Gemeinwohls einzuschätzen.

  • Eine politische Partei ist eine
    Maschine zur Fabrikation kollektiver Leidenschaft.
  • Eine politische Partei ist eine Organisation, die so
    kontruiert ist, daß sie kollektiven Druck auf das Denken jedes Menschen ausübt,
    der ihr angehört.
  • Der erste und genaugenommen einzige Zweck jeder
    politischen Partei ist ihr eigenes Wachstum, und dies ohne jede Grenze.

Aufgrund dieser drei Merkmale sei jede politische Partei im Keim und Streben per se totalitär. Wenn sie nicht so erschiene, dann nur, weil die anderen Parteien um sie herum es nicht weniger sind als sie. Diese drei Merkmale seien Tatsachenwahrheiten für jeden, der dem Leben der Parteien nähergekommen ist. Könnte dem widersprochen werden?
Sie findet auch schöne Beschreibungen für die einer Partei innewohnenden Widersprüche: „Wenn ein Mensch sehr komplexe Rechenoperationen anstellt und dabei weiß, daß er jedes Mal ausgepeitscht wird, wenn er ein Ergebnis mit geraden Zahlen erhält, ist seine Lage äußerst schwierig. Irgendetwas im leiblichen Teil der Seele wird ihn dazu bringen, bei den Berechnungen ein wenig nachzuhelfen, um stets ein ungerades Ergebnis zu erhalten. Mit dem Willen zu reagieren, findet er womöglich sogar dort eine gerade Zahl, wo keine hingehört. In diesem Schwanken gefangen, ist seine Aufmerksamkeit nicht mehr unbeeinträchtigt. Wenn die Berechnungen so komplex sind, daß sie seine völlige Aufmerksamkeit erfordern, wird er sich unweigerlich sehr oft irren. Es wird nichts nützen, daß er sehr intelligent ist, sehr mutig, sehr um die Wahrheit besorgt. Was soll er tun? Ganz einfach. Kann er diesen Leuten entkommen, die ihm mit der Peitsche drohen, muß er fliehen. Hat er vermeiden können, ihnen in die Hände zu fallen, hat er es vermeiden müssen. Genauso ist es mit den politischen Parteien. Wenn es in einem Land Parteien gibt, entsteht früher oder später eine Sachlage, in der es unmöglich ist, wirksam auf die öffentlichen Angelegenheiten Einfluß zu nehmen, ohne in eine Partei einzutreten und das Spiel mitzuspielen. Die Parteien sind ein fabelhafter Mechanismus, der bewirkt, daß über ein ganzes Land hinweg nicht ein einziger Geist seine Aufmerksamkeit der Anstrengung widmet, in den öffentlichen Angelegenheiten das Gute, die Gerechtigkeit, die Wahrheit zu erkennen. Daraus ergibt sich – von ganz wenigen Zufällen abgesehen – daß nur Maßnahmen beschlossen und durchgeführt werden, die dem Gemeinwohl, der Gerechtigkeit und der Wahrheit entgegenstehen. Vertraute man die Organisation des öffentlichen Lebens dem Teufel an, er könnte nichts Tückischeres ersinnen.”

Anhand des Beispiels ‚Kirche’ beschreibt sie sogleich eine weitere Problematik, die genauso wie beim Beitritt zu einer Partei immanent wird:

„… oder ein Konvertit, der in die Kirche eintritt, oder ein Gläubiger, der nach reiflicher Überlegung beschließt, in ihr zu bleiben – hat im Dogma Wahres und Gutes erblickt. Doch mit dem Überschreiten der Schwelle bekennt er zugleich, daß er alle sogenannten strengen Glaubensartikel durchweg akzeptiert. Er hat diese Artikel nicht studiert. Selbst bei einem hohen Maß an Intelligenz und Bildung würde ein ganzes Leben zu einem solchen Studium nicht ausreichen, da es die Untersuchung der historischen Umstände jeder einzelnen Verurteilung verlangt. Wie soll man Aussagen zustimmen, die man nicht kennt? Man braucht sich nur bedingungslos der Autorität zu unterwerfen, von der sie ausgehen.“

Die Schrift von Simone Weil ist voll von klarsichtigen und intelligenten Einschätzungen und Schlußfolgerungen dieser Art und kann uneingeschränkt jedem empfohlen werden, der sich einmal im Leben mit dem Begriff und dem Konstrukt ‚Partei’ (oder ‚Kirche’!)näher beschäftigen möchte. Hieraus kann schnell die Befreiung erwachsen, daß die weitere Beschäftigung mit der logisch sich ergebenden Frage ‚brauchen wir nicht doch die Parteien’, wirklich reine Zeitverschwendung ist.

Frank Amann
10. September 2010

Lebensversicherungen – Fels in der Brandung oder drohender Kollaps?

10. September 2010|Sozialpolitik|Kommentare deaktiviert für Lebensversicherungen – Fels in der Brandung oder drohender Kollaps?

Wer sich mit diesen beiden Begriffen inhaltlich auseinandersetzt, stößt in kürzester Zeit an emotionale und intellektuelle Grenzen. Nur wenige Worte dürften – und dies über Jahrhunderte hinweg – so kontrovers diskutiert und mannigfach interpretiert worden sein. Wohlan, wagen wir uns in die diskutative „Höhle des Löwen“.

Neben Banken, Bausparkassen und Fondsgesellschaften sind Lebensversicherungsgesellschaften als bedeutende “Kapitalsammelstellen“ in Deutschland seit Jahrzehnten fest etabliert. Millionen Bundesbürger vertrauen ihnen wesentliche Teile ihres Sparvermögens an.

Ein Blick zurück: Bis Anfang der 90er Jahre boten Lebensversicherungsgesellschaften vor allem sogenannte Kapitallebensversicherungen an. Der Begriff “Kapital“ sollte den Schwerpunkt dieser Produktart verdeutlichen, nämlich Kapital anzusparen. Kapitallebensversicherungenwaren also mehr ein Sparplan mit Versicherungsschutz, denn eine Versicherung im ursprünglichen Sinn. Es gab jedoch schon immer reine (Risiko-)Lebensversicherungstarife ohne Kapitalansammlung. Diese waren (und sind) für Versicherungsgesellschaften und Vermittler jedoch weniger lukrativ, da sich mit den Kapital-Produkten wesentlich höhere Gewinne bzw. Provisionen erzielen ließen.

Ab Anfang der 90er Jahre gewannen dann die Privaten Rentenversicherungen und fondsgebundenen Lebensversicherungen an Bedeutung und sollten der klassischen Kapitallebensversicherung sukzessive den Rang ablaufen. Die private Rentenversicherung funktioniert im Grunde genommen jedoch nicht viel anders als eine Kapitallebensversicherung, sie beinhaltet i.d.R. jedoch keinen Todesfallschutz, der über die Rückerstattung der Beiträge im Todesfall hinausgeht und stellt grundsätzlich zum Ablauf eine (garantierte) Rente in Aussicht (die jedoch zumeist auch als Einmalzahlung – wie bei der Kapitalversicherung – abgerufen werden kann).

Die fondsgebundene Lebens-/Rentenversicherung
hingegen ist jedoch etwas grundsätzlich anderes. Hier werden die Spargelder, die an die Versicherung fließen, nicht von der Versicherung selbst, sondern von Investmentgesellschaften verwaltet. Die Versicherungsgesellschaft stellt also lediglich das juristische und logistische Vehikel für den Ansparprozeß und deckt die versicherungsmäßigen Risiken ab, die Verwaltung des “Spartopfes“ ist jedoch an eine oder mehrere Investmentgesellschaften ausgelagert. Hier könnte man nun fragen, warum man überhaupt über den Umweg einer Versicherung in Fonds investieren sollte. Doch damit wären wir bereits bei einem wesentlichen Faktor der bundesdeutschen Lebensversicherungs(erfolgs)geschichte:

Die steuerliche Förderung!

Für bis zum 31.12.2004 abgeschlossene Verträge waren nämlich unter bestimmten Voraussetzungen jegliche Erträge, die innerhalb einer Lebens-/Rentenversicherung entstanden, vollständig steuerfrei! Sogar die Beiträge waren innerhalb bestimmter Grenzen als Sonderausgaben abzugsfähig (dies galt/gilt jedoch nicht bei den fondsgebundenen Lebens-/Rentenversicherungen).

Es war im wesentlichen die Kombination aus gewünschter Sicherheit der Sparer, staatlicher Förderung (Steuervorteile), ein attraktives Provisionssystem (für die Vermittler), der Mangel an Alternativen und die bundesrepublikanische Wachstumsgeschichte an sich, die den Erfolg der Lebensversicherungsgesellschaften begründeten und gegen alle Kritik immun scheinen ließen. Der gelegentlich von sogenannten Verbraucherschützern monierte Mangel an Transparenz und die Renditenschwäche berührte weder Gesellschaften noch Vermittler und Verbraucher sonderlich; zu dominant waren die Vorteile bzw. die Marktmacht der Anbieter.

Aber: Das war einmal. Zwischenzeitlich steht die Lebensversicherungsbranche vor einem Bündel von Herausforderungen und Problemen, die beileibe nicht nur mit der jüngsten Finanz- und Wirtschaftkrise zu tun haben, sondern deren Ursachen wesentlich tiefer liegen. Nachfolgende Ausführungen mögen dazu beitragen, einige erhellende Erkenntnisse über den tatsächlichen Zustand der Lebensversicherungsbranche und der mittel- bis langfristigen Sicherheit der dort für die Versicherten verwalteten Gelder zu vermitteln.

Es versteht sich von selbst, daß die Lebensversicherungsbranche, samt ihren zahlreichen Lobbyisten (und Aufsichtsräten – nicht selten übrigens Politiker aus allen Lagern) ein hohes Interesse daran hat, ihr “Fels-in-der-Brandung-Image“ zu wahren und Szenarien von einem etwaigen Niedergang der Branche kategorisch zu widersprechen. Auch der Staat und die Versicherungsaufsicht befinden sich mit Sicherheit nicht auf der Seite derer, die die Branche allzu hart kritisieren; schließlich erfüllen die Lebensversicherer im heutigen Geld- und Schuldensystem eine wichtige Funktion; sie sind mit die größten Staatsfinanzierer, d.h. mit dem Geld ihrer Sparer kaufen die Lebensversicherer zu großen Teilen (Staats-)Anleihen. Lebensversicherer werden daher als systemrelevant betrachtet, ob beim Untergang der Hypo Real Estate (HRE) – diverse Lebensversicherer hatten z.B. erhebliche Pfandbriefpositionen der HRE im Portfolio – oder der drohenden Zahlungsunfähigkeit Griechenlands und anderer Südländer: Ausfälle von derartigen Anleihen/Schuldverschreibungen würden auch und insbesondere die Versicherungsgesellschaften (und somit ihre Sparer) hart treffen.

Damit wären wir beim Problem Nr. 1: Lebensversicherer halten den Löwenanteil ihrer Versichertengelder in Anleihen und sind letztlich darauf angewiesen, daß die an Gläubiger verschiedenster Art (Staaten, Banken und Unternehmen) verliehenen Gelder auch wieder zu 100% zurückgezahlt werden, um die Garantie, die sie gegenüber ihren eigenen Versicherten ausgesprochen haben, auch langfristig tatsächlich halten zu können. Es bedarf wenig hellseherischer Fähigkeiten, festzustellen, daß es eine erhebliche Zahl an Staaten und auch Institutionen gibt/geben wird, die wohl nicht in der Lage sein werden, ihre Schulden zu 100% zurückzuzahlen. Dies bedeutet auch, daß sämtliche Rettungsmaßnahmen der Staaten(gemeinschaft) zur Rettung von überschuldeten Staaten und Banken darauf abzielten, daß Lebensversicherungen ihren Stabilitätsanspruch (zumindest vorerst) halten konnten. Es könnten aber andere Zeiten bevorstehen; in einer Presseveröffentlichung des Kanzleramts im Zusammenhang mit einem möglichen Insolvenzplan für überschuldete Staaten (vom 12. Juli 2010) heißt es:

Neben privaten Investoren – Banken, Fonds und Versicherungen, aber auch Kleinanleger – sollen im Gegenzug auch die Schuldenländer selbst höhere Lasten tragen und unter bestimmten Umständen sogar Mitbestimmungsrechte an eine Art Insolvenzverwalter abtreten.

Für das hier implizierte Problem, den drohenden Ausfall von Schuldnern und damit einhergehend der von diesen emittierten Anleihen, können die Lebensversicherungsgesellschaften jedoch kaum über Gebühr kritisiert werden, denn dies ist ein generelles Problem unseres heutigen Geld- und Finanzsystems sowie gesetzlicher Vorgaben, denen die LV´s in ihrer Anlagepolitik unterstehen. Es soll hier lediglich klargestellt werden, daß die Versicherer bei dieser Problematik  “mittendrin statt nur dabei“ sind und nicht – wie sie manchmal glauben machen wollen, in einer Art Finanz-Parallelwelt leben und agieren.

Auch dafür, daß die Kapitalmarktzinsen – und damit wären wir schon beim Problem Nr. 2 – nun schon seit Jahren auf äußerst niedrigem Niveau verharren, können die Versicherungsgesellschaften wenig. Man könnte angesichts der (noch) relativ hohen Verzinsung der Versi­chertengel­der allerdings den Eindruck bekommen, die Lebensversicherungen hätten einen Weg gefunden, durch irgendwelche “alchemistischen“ Anstrengungen ihren hausinternen Zins höher zu schrauben, als es der Kapitalmarkt eigentlich hergäbe und sie einigermaßen bequem in der Lage seien, ihre Garantien zu erfüllen und darüber hinaus sogar noch Überschüsse zu produzieren.

Es ist wichtig zu verstehen, daß Lebensversicherungen als Kapitalsammelstellen genauso von allgemeinen Gefahren (niedrige Zinsen, Inflation, Staatspleiten usw.) betroffen sind wie jeder direkte Investor, ein Fonds- oder ein Bankanleger. Aufgrund ihrer speziellen Konstruktion gibt es jedoch noch zusätzliche Probleme, die in der öffentlichen Diskussion eine relativ geringe Rolle spielen, aber in der Kombination mit den vorgenannten “allgemeinen Gefahren“ den Niedergang der Lebensversicherungsbranche, wie wir sie heute kennen, durchaus wahrscheinlich werden läßt.

Es ist vergleichbar mit einer Schiffskreuzfahrt: Die Mannschaft, der Kapitän und die Passagiere beschäftigen sich überwiegend mit den allgemeinen Gefahren (Wetter, Seegang usw.), der Zustand des Schiffes an sich (Haltbarkeit, Wartungszustand, usw.) interessiert jedoch kaum. Wir werden uns nachfolgend mit dem Zustand des “Schiffes“ (also der Lebensversicherungsbranche) beschäftigen, und bei genauer Betrachtung scheint da nicht nur eine Schraube locker zu sitzen!

Es sind insgesamt 6 Faktoren, die das Mehrfach-Dilemma der LV-Gesellschaften begründen:

1. Der Vertrieb

Wie bereits erwähnt war einer der Erfolgsfaktoren für die einstige Wachstumsbranche ein attraktives Entlohnungssystem für die Vermittler. Der Umstand, daß die komplette Provision für die ganze Vertragslaufzeit “auf einen Schlag“ ausgezahlt wurde (sogenannte “Zillmerung“) und nicht sukzessive über die Jahre und Jahrzehnte der Vertragslaufzeit verteilt, sorgte für eine stets motivierte Vermittlerschaft; mit keinem anderen (Standard-)Finanzprodukt war mit so wenig Aufwand so viel Umsatz zu erzielen. Ob “Allfinanz“-, Einfirmen- oder sonstige Vertreter, viele dieser Zeitgenossen lebten im wesentlichen von der Lebensversicherungsvermittlung, auch wenn in den Firmenbroschüren der Eindruck erweckt wurde, die Lebensversicherung sei nur ein Produkt unter vielen. Doch seit ein paar Jahren macht ein “Gespenst“ die Runde, das einfach nicht mehr verschwinden will:

Der Verbraucherschutz!

Im Rahmen von EU-Richtlinien und einem damit einhergehenden Strauß an Einzelgesetzen, Vorschriften und der daraus resultierenden laufenden Rechtsprechung wurde/wird die einstige Provisions-“insel der Glückseligen“ aus vielen Ecken attackiert. Es wird immer schwieriger, die hohen Provisionszahlungen zu Beginn der Vertragslaufzeit (die natürlich dem Konto des Versicherungsnehmers “schlecht“-geschrie­ben werden) zu “verstecken“. Der Vermittler kommt also immer mehr in Erklärungsnot, warum selbst für kleinere Sparverträge durchaus 4-stellige Provisionen im voraus zu bezahlen sind.

Andererseits, noch gelingt es der Branche, das Rad immer mal wieder zurückzudrehen. Als die sogenannte Riester-Rente eingeführt wurde, ging damit die Vorschrift einher, daß Provisionen nur auf 10 Jahre verteilt ausgezahlt werden können. Nachdem das Produkt dann wie Sauerbier in den Regalen lag, entschied sich der Gesetzgeber die Verteilung auf 5 Jahre zu verkürzen. Erst danach startete die Riester-Rente durch….

Jede Branche, die ein Produkt hervorbringt, das in seiner Qualität bestenfalls mäßig ist, braucht einen hochmotivierten Vertrieb, um seine Verkaufszahlen auf Vordermann zu bringen und Wachstum zu erzielen. Stottert der Motivationsmotor, so wird das Produkt zum Ladenhüter und verschwindet irgendwann vom Markt.

2.  Transparenz und Image

Obwohl die Lebensversicherung im Großen und Ganzen noch als sicherer Hafen betrachtet wird, so hat ihr Image in den letzten Jahren doch ziemlich gelitten. Aus den früher nur vereinzelt erhobenen Vorwürfen der Intransparenz kam es in den letzten Jahren zu diversen Gerichtsentscheidungen, die insbesondere die schlechte Wertentwicklung in den ersten Jahren (die logischerweise vor allem mit Punkt 1 zu tun hat) monierten. Der “Mauschel“-Spielraum der Versicherungsgesellschaften wurde durch diese Entscheidungen zwar nicht vollständig eliminiert, aber zumindest deutlich eingeschränkt. In jedem Fall haben laufende Berichterstattungen über das zähe Ringen der Gesellschaften, ihre Kalkulation doch soweit wie nur irgend möglich unter Verschluß zu halten, nicht gerade vertrauensbildend gewirkt. Ähnlich wie Vampire das Tageslicht scheuen Lebensversicherungen Transparenz über alle Maßen; das hat sich zwischenzeitlich auch bis zum Verbraucher herumgesprochen.

3.  Flexibilität

Der heutige “Altersvorsorgesparer“ sieht sich einer komplett anderen Lebenswirklichkeit gegenüber als sein Pendant der 70er/80er und auch noch 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Statt lebenslanger Festanstellung dominieren Zeitarbeitsverhältnisse, und wer nicht die Bereitschaft und Flexibilität mitbringt, sich ggf. räumlich oder auch grundsätzlich zu verändern, steht schnell am Ende der jeweiligen Karriereleiter. In jedem Fall passen die meisten heutigen Lebensversicherungsprodukte als Langfristsparpläne für die Altersvorsorge in etwa so gut wie Pferdekutschen auf dreispurigen Autobahnen. Daran ändert auch ein “Tunen“ der Kutsche nichts. Fakt ist, daß für flexibles Sparen ein reines Spar- oder Fondskonto mit wesentlich geringeren Gebühren, deutlich höherer Transparenz, wesentlich mehr Flexibilität und vor allem mit viel weniger Umständlichkeiten bzw. vertragsbedingten Nachteilen bei Änderungen verbunden ist. Das in der Versicherungswirtschaft gerne verwendete Argument, daß nur möglichst unflexibles Zwangssparen (eine vorzeitige Beendigung/Stillegung geht mit niedrigen Rückkaufswerten einher) sicherstellt, daß der Sparer bei der Stange bleibt und er am Schluß überhaupt irgendetwas auf der Seite hat, läuft schon insofern ins Leere, als mehr als 50 % aller Lebensversicherungsverträge sowieso ihren Ablauf nicht erleben, also schlicht gekündigt werden – trotz der enormen Nachteile und Verluste, die sich insbesondere in der ersten Vertragsjahren für die Versicherten daraus ergeben.

4.  Schrumpfung statt Wachstum, (nachhaltige) Nachschubprobleme

Bereits seit einigen Jahren ist die LV-Branche eher eine Schrumpf- als eine Wachstumsbranche. Das wäre an sich nicht so dramatisch, schließlich ist quantitatives Wachstum nicht immer ein Ausdruck von Qualität, und wenn man den Bevölkerungsforschern glauben darf, so reduziert sich die Einwohnerzahl hierzulande in den nächsten Jahrzehnten durchaus nennenswert: von ca. 80 Mio. in 2010 auf ca. 70 Mio. in 2050. Auch dafür sind Lebensversicherer selbstverständlich nicht verantwortlich zu machen, damit haben sie nichts zu tun. Wenn aber ihr Geschäftsmodell nach wie vor auf quantitatives Wachstum ausgerichtet ist und vorgegaukelt wird, die (schon lange erlahmte) Wachstumsstory würde neuen Schwung erhalten, so ist dies nicht mehr als das berühmte “Pfeifen im Walde“ und sogar als Etikettenschwindel zu bezeichnen.

Allerdings: Die jüngsten Zahlen (31.12.2009)
des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zur Lage der Branche lassen zunächst vermuten, der Branche ginge es doch recht ordentlich und im großen und ganzen sei alles in Ordnung, der Wachstumspfad sei nur eben etwas weniger steil als in der Vergangenheit. Wer sich aber die Mühe macht, die Zahlenkolonnen und netten Beschreibungen etwas näher zu studieren, dem erschließen sich einige interessante Aspekte, die die nachhaltigen Schrumpfungstendenzen zweifelsfrei dokumentieren: Angemerkt werden muß dabei, daß der GDV die Lebensversicherungen im engeren Sinne so definiert, daß sämtliche Risiko-, Berufsunfähigkeitsrenten, Pensions- und Pflegerentenversicherungen, wie auch natürlich die fondsgebundenen Versicherungen in nachfolgenden Zahlen enthalten sind (auch Direktversicherungen!).

  1. Anzahl der Verträge:
    Geht es nach der Anzahl der Verträge, ist die Schrumpftendenz eindeutig: Nachdem Ende 2002 zum ersten Mal die Marke von 90 Mio. Verträgen überschritten wurde und zum 31.12.2004 die 94,9 Mio. erreichte – dies war der absolute Höhepunkt –, sanken die Vertragszahlen seither von Jahr zu Jahr – zwischenzeitlich wieder auf 91,5 Mio. Verträge. Hierbei ist bedenkenswert, daß in den Jahren 2006 bis 2008, die ja gesamtwirtschaftlich, durchaus als relativ gute Jahre betrachtet werden können, bereits ein gegenläufiger Trend zu beobachten war. Bedenkt man darüber hinaus, daß seit deren Einführung in 2001 knapp 10 Mio. Riester-Verträge eingerichtet wurden (die in dieser Statistik enthalten sind), so wird erkennbar, daß selbst die enorme PR-Maschinerie bzgl. der Riester-Renten den Erosionsprozeß hinsichtlich der
    Vertragsanzahl mildern, jedoch auf keinen Fall stoppen oder gar umkehren konnte.
  2. Beitragsaufkommen:
    Erstaunlicherweise stieg jedoch das Beitragsaufkommen der Lebensversicherer
    seit Ende 2004 (68,4 Mrd. €), ohne auchnur in einem Jahr zurückzugehen, auf
    81,4 Mrd. (2009) €. Wie paßt dies nun zusammen? Einerseits reduziert sich der Bestand an Verträgen von Jahr zu Jahr,
    andererseits steigen aber die Beiträge. Die Gründe hierfür sind vielfältig, es
    reicht aber bereits ein einziger Faktor, den es zu beleuchten gilt, um zu
    erkennen, daß diese Entwicklung keinesfalls als nachhaltig betrachtet werden
    kann. Hierbei müssen Einmalbeiträge und laufende Beiträge getrennt werden. Laufende
    Beiträge
    sind jährlich wiederkehrende Beiträge und werden von den
    Versicherten aufgebracht, die langfristige Verträge mit der
    Versicherungsgesellschaft eingegangen sind. Einmalbeiträge jedoch sind
    Beiträge, die entweder der Gesellschaft zur Verrentung überlassen werden oder aber
    Geldanlagen, bei denen Lebensversicherungsgesellschaften als Konkurrenz zur
    Bank auftreten und z.B. festgeldähnliche Konstruktionen (also ohne
    langfristigen bzw. Versicherungscharakter) ihren Kunden anbieten, um Gelder ins
    Haus zu holen und womöglich zu behalten. Diese im Fachjargon Kapitalisierungsgeschäfte
    genannten Transaktionen hatten bei deutschen Lebensversicherungen in früheren
    Jahren keine große Bedeutung, aber um den Schrumpfungstendenzen
    entgegenzuwirken, wurden insbesondere in den letzten beiden Jahren erhebliche
    Gelder als Beitragseinnahmen akquiriert und verbucht, die vermutlich lediglich
    als kurzfristige Parkgelder von “zinsbewußten“ Verbrauchern eingelegt wurden.

Hierzu eine kleine Übersicht:

Quelle: GDV

Es ist leicht erkennbar, daß zwar das gesamte Beitragsaufkommen in den letzten Jahren kräftige Zuwächse verzeichnete, die laufenden (also die jährlich wiederkehrenden) Beiträge jedoch stagnierten.
Wenn man nun noch bedenkt, daß die Dynamik (automatische Erhöhung von Beiträgen) für eine automatische Erhöhung der laufenden Beiträge sorgen müßte, wird auch hier die Schrumpfungstendenz, was die laufenden Verträge/Geschäfte betrifft, klar erkennbar. Es bereitet durchaus Schwierigkeiten, durch die von den Versicherern bzw. Verbänden veröffentlichten Statistiken zum wesentlichen Kern der Dinge vorzudringen. Wichtig ist dabei, sich nicht von “Nebenkriegsschauplätzen“ (in den Statistiken) allzu sehr ablenken zu lassen, sondern eben diesen Kern sichtbar zu machen. Der Löwenanteil der Differenz zwischen gebuchten Bruttobeiträgen und laufenden Beiträgen sind also die bereits genannten Einmalbeiträge, die branchenweit durchschnittlich im Neugeschäft bereits dreimal soviel Geld wie durch regelmäßige Zahlungen hereinholen. Das Problem noch einmal kurz skizziert: Während die Lebensversicherer 3,25 bis 4,8 % an laufender Verzinsung ausschütten, können sie frisches Geld derzeit nur zu gut 2 % bis 3 % anlegen. Streng kalkuliert machen sie also ein Minus. All das ist gut für kurzfristige Anleger, sie können im Notfall leicht aus der Versicherung aussteigen, wenn die Zinsen wieder steigen sollten, aber schlecht für die Versicherer und insbesondere für die Altkunden, zu deren Lasten letztendlich die attraktiven Renditen für Verträge aus Einmalbeiträgen, insbesondere Kapitalisierungsgeschäfte, finanziert werden. Nachgerade die Verwaltungskosten der nicht-Versicherungs-/Bankgeschäfte belasten ausschließlich die Versichertengemeinschaft.

5.  Bilanztricks

Laut einer Umfrage (2009) der Unternehmensberatung Price Waterhouse Coopers unter 400 Versicherungsmanagern in Europa glaubten lediglich 4 % der Insider, daß die Assekuranz gut auf die kommenden Herausforderungen vorbereitet seien (2007 waren es noch 21 %). Die am häufigsten genannten Probleme: fallende Renditen, volatile Aktienmärkte und Kapitalknappheit. Die Probleme der Lebensversicherer, die sich mit der Finanzkrise ab 2008 noch zugespitzt haben (wieviel “Giftmüll“ haben die Versicherer in ihren Bilanzen und wie sind diese tatsächlich bewertet?), hat auch die Aufsichtsbehörde BaFin aufgeschreckt und zunächst einmal dazu geführt, daß rückwirkend zum 01.01.2008 gewisse Bilanzierungsregeln zugunsten der Versicherer gelockert wurden. Ohne dieses Thema im Detail zu vertiefen, Tatsache ist, daß z.B. Schuldscheindarlehen und Namensschuldverschreibungen (die ca. 25% der Assets der Versicherer ausmachen sollen) keineswegs als gesicherte Papiere gelten können, jedoch prinzipiell mit 100 % bilanziert werden.

6.  Unberechenbare (dilettantische) Politik

Wie bereits festgestellt, genossen Lebensversicherungsverträge, die bis zum 01.01.2004 abgeschlossen wurden, noch das “alte“ Steuerprivileg, wonach Ablaufleistungen grundsätzlich steuerfrei waren. Mit dem Einstieg in die sogenannte nachgelagerte Besteuerung und damit verbundenen  Änderungen (Einführung Riester- und Rürup-Rente, sowie Änderungen in der betrieblichen Altersvorsorge) hat die Politik einerseits versucht, einen Teilausstieg aus der gesetzlichen Rentenversicherung zu organisieren, andererseits neue attraktive Voraussetzungen für eine neue Altersversorgungswelt zu schaffen. Daß es hierbei zu einer wahren Flut an gesetzlichen Neuerungen kam und die weitgehend dilettantische Politik um kein Haar besser funktionierte als in vielen anderen Politikbereichen auch, sei nur ergänzend erwähnt. Weit und breit ist keine politische Kraft zu erkennen, die den Mut und die Fachkompetenz hätte, das Dickicht wieder zu lichten und für klare und verbindliche Regeln zu sorgen. Statt dessen wird der Verbraucher unter einer Flut von tonnenschweren, nicht mehr zu verstehenden Gesetzen und Regulierungen begraben, auch und insbesondere im Bereich der Maßnahmen zur Altersvorsorge.

Fazit:

Vorangegangene Informationen sind nicht für (Versicherungs-)Fachleute zusammengestellt, sondern sollen jedem interessierten Verbraucher dazu dienen, ein Bild, eine Ahnung vom Zustand einer Branche zu bekommen, die ihr Heil derzeit darin sieht, weitestgehend so weiterzumachen wie bisher und die Zeichen der Zeit einfach nicht erkennen will. Auf die Frage, warum ein altehrwürdiges Unternehmen wie Karstadt-Quelle derartig in Schieflage geraten konnte, antwortete ein einstmals hochrangiger Mitarbeiter dieses Unternehmens: „Alle haben gedacht, es geht immer so weiter“. Treffender könnten die Mitarbeiter von Lebensversicherungsgesellschaften nicht antworten. Wir stehen vor dem Niedergang einer ganzen Branche, und es wird gelten: Den letzten beißen die Hunde. Auch das Madoff´sche Imperium hat jahrzehntelang funktioniert, nur war es dort ungleich schwieriger, die Zeichen an der Wand zu erkennen. Dies schließt natürlich nicht aus, daß noch etliche Jahre eines fortgesetzten Trugbilds genutzt werden, um nette (Schein-)Renditen zu erzielen und (hoffentlich) rechtzeitig vor dem großen Krach das sinkende Schiff zu verlassen.

Frank Amann

Lesen Sie hierzu auch:

Wie sicher sind Lebensversicherungen?

Was tun mit bestehenden Lebensversicherungen?

23. Juni 2010

Selbständigkeit

23. Juni 2010|Gesellschaft, Sozialpolitik, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Selbständigkeit

Vortrag von Hans-Wolff Graf anläßlich der 25. Bundeskonferenz der Arbeitsgemeinschaft Selbständige in der SPD am 12. Juni 2010 in Berlin

 

Sehr geehrter Herr Kaerkes,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kollegen in der Selbständigkeit,

als ich von Herrn Zimmermann die Einladung erhielt, hier und heute vor Ihnen zum Thema „Selbständigkeit“ zu referieren, wurde auf den ‚brandeins’-Artikel Bezug genommen, den der Eine oder Andere von Ihnen kennen mag. Darauf hin rief ich Herrn Zimmermann an und wies ihn – für mich ein Akt der Fairness – auf die Tatsache hin, daß ich wohl jenseits einer politischen Partei stünde.

„Das macht gar nichts“, meinte Herr Zimmermann, „hier geht es um die Selbständigkeit.“

Um genau diesen Mittelpunkt unseres Lebens geht es: die Selbständigkeit.

Selbständigkeit heißt Eigenständigkeit, Selbstverantwortlichkeit und Selbstbestimmtheit – für mich die natürlichste und authentischste Form eigener Lebensführung.

Und aus der Vielzahl der diese Art des eigenen selbständigen Lebens bestimmenden Faktoren möchte ich in aller Kürze und mit Rücksicht auf Ihre Zeitplanung einige hervorheben:

  1. Selbständige erfahren viel Neid und (daraus resultierend) Anfeindung.Wie oft höre ich in meinen Seminaren den Satz: „Na ja, DU bist ja selbständig!“, und in der Tat: Selbständige sind unabhängiger, freier, weniger dirigabel und insofern eine Unwägbarkeit für das staatliche System. Daß der durchschnittliche Selbständige beileibe nicht mit einer 37,5-Stundenwoche auskommt, sondern das doppelte wöchentliche Arbeitspensum eines durchschnittlichen Arbeitnehmers – mitunter sogar mehr – leistet, wird im allgemeinen von Arbeitnehmern nicht so recht wahrgenommen.
  • Selbständige fragen nicht nach sogenannten „Sozial“leistungen wie Kranken-, Urlaubs-, Weihnachtsgeld, Essens- und Fahrtkostenzuschlägen, Spätschicht- und Nachtzuschlägen – steuerbegünstigt, versteht sich – wobei die meisten Menschen den Unterschied zwischen sozial und sozialistisch noch nie überlegt haben dürften. Von einem 13. oder 14. Monatsgehalt träumt ein Selbständiger nicht.
  • Selbständige wollen nicht systemisch denken, handeln und leben – sie suchen schematische Öffnung, wo sie Lösungen für Probleme finden, die Nicht-Selbständige (Arbeitnehmer) auf übergeordnete Institutionen delegieren zu können glauben [Gewerkschaften, Parteien, (sub-)staatliche Entitäten oder einfach „die Gesellschaft“].
  • Selbständige sind bereit, Risiken zu übernehmen. Problematisch ist dabei eigentlich nur, daß Staat und Gesellschaft den Selbständigen zwar gerne die Übernahme von Risiken überlassen; wenn das eingegangene Risiko aber von Erfolg gekrönt wird – wollen sie jedoch an den Früchten kräftig partizipieren.Schlagen übernommene Risiken jedoch fehl, ist dies Sache der Selbständigen; bestenfalls können Verluste steuerlich geltend gemacht werden. Einen Bankrott hat der Selbständige, bitteschön, selbst zu verantworten und zu verkraften.Jedes Risiko ist eine Spekulation; also was wirft man Selbständigen vor, die etwas wagen, wozu den meisten Nichtselbständigen der Mut fehlt. Immerhin spekulieren sie – im Gegensatz zu Banken (insbesondere öffentlich-(un)rechtlichen!) – mit eigenem Vermögen.
  • Selbständige sind – entgegen der landläufigen Vorstellung – eben nicht vornehmlich darauf aus, unermeßlich reich zu werden; ganz im Gegenteil: ihr eigenverantwortliches und risikobereites DenkFühlHandeln bringt automatisch mit sich, daß sie im Durchschnitt mehr „auf der hohen Kante“ haben als Arbeitnehmer. Daß hierbei die Risikovorsorge enthalten ist – für sich selbst, die Familie, die Firma und die darin eingebundenen Arbeitnehmer sowie ihr eigenes Alter –, ist ein wesentlicher Teil der Planung und Funktion eines Selbständigen. Dies wird jedoch vom Heer der
    Arbeitnehmer zumeist geflissentlich übersehen; deren Daseins- und Altersvorsorge hat ja der Staat übernommen und seine BürgerInnen damit weitestgehend entmündigt. Daß all diese „Fürsorge“ aus gänzlich anderen Zeiten des industriellen Feudalismus herrühren, will der Staat heute gar nicht mehr wissen.

Aber wen kümmert heute noch das Motto der Aufklärung: SAPERE AUDE – wage es, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen?

  • Selbständige haben Visionen. Nach verläßlichen Statistiken entspringen weit über 90 % aller Erfindungen, Patente und funktionaler Verbesserungen den kreativen Gehirnen von Selbständigen,
    stammen also aus kleinen Denkfabriken – oftmals unter erheblichem Aufwand an Zeit und eigenen Mitteln. Daß diese dann von großen Gesellschaften aufgekauft und für den Markt aufbereitet werden, verwischt oftmals die Kreativität kleiner und mittelständischer Unternehmer sowie Freiberufler. Doch Kreativität setzt Visionarität voraus, denn nur aus Visionen – hierin schlummert das lateinische „videre“ (= sehen, sichten, erkennen) – können Ziele abgeleitet und erarbeitet werden. Doch diese Visionarität der Selbständigen ist insofern für das staatliche System oftmals gefährlich, als es doch das derzeitig Gültige des öfteren und bisweilen nachhaltig in Frage stellt. Wo sich der Arbeitnehmer zumeist, nolens volens, den gegebenen Umständen beugt, widersetzt sich der Selbständige und sucht nach Alternativen. Doch eben diese „Widerborstigkeit“ eines selbständig denkenden, suchenden und handelnden Mitbürgers stört das staatliche System mitunter erheblich, ja, es rüttelt bisweilen gar an den Grundfesten staatlich erwünschter Akzeptanz. Das macht die Selbständigen unbequem und mitunter gar verdächtig.

Genau darauf fußt u.a. der Kammerzwang – IHKs, HwKs und Berufskammern –, deren Einführung wir bis in die NS-Zeit zurückverfolgen können; eine geistige Anleihe Adolf Hitlers bei seinem großen Vorbild Napoleon Bonaparte, mithilfe derer er die Selbständigen unter Observation und staatliche Kontrolle stellen wollte – für mich ein klarer Bruch des Artikel 9 des GG. Aber auch andere, teilweise völlig absurde Zwänge und Vorgaben vonseiten der bereits genannten staatlichen Institutionen machen dem Selbständigen oftmals das Leben nicht einfach. Denken Sie an das unselige Scheinselbständigkeitsgesetz
bzw. das Gesetz zur „arbeitnehmerähnlichen Selbständigkeit“. Hier maßt sich der Staat doch tatsächlich an, darüber zu entscheiden, wer realiter selbständig ist oder eben nicht; all dies vor dem Hintergrund der grundgesetzlich garantierten Vertragsfreiheit und dem permanten Ruf der Politiker nach dem ‚mündigen Bürger’.

Aber all dies geschieht ja nur zum „Schutz des Bürgers“ – zumindest wird es uns offiziell so verkauft.

Wenn man dann auch noch die Einführung der Ich-AG inhaltlich näher beleuchtet, so kann das damit ausgelöste Kopfschütteln nur Kopfschmerzen verursachen. Bezeichnenderweise werden diese Gesetze ja eben nicht von sachkundigen Selbständigen erarbeitet, sondern von angestellten Juristen und von Beamten und Bundestagsabgeordneten verabschiedet, die zu mehr als drei Vierteln aus dem Bereich des öffentlich-(un)rechtlichen Dienstes stammen.

Wer zu diesen und vielen weiteren Widersprüchen detailliertere Informationen wünscht, dem darf ich das Buch „Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens“ anempfehlen (siehe Links im Anschluß). Ich erlaube mir, für dieses Buch aus Überzeugung zu werben, obwohl ich dessen Autor bin, denn der Erlös fließt zu 100 % in eine gemeinnützige Organisation.

  • Selbständigkeit verlangt Mut, Wille, Disziplin, Intelligenz, aber auch ständige Weiterbildung und ein lebhaftes Interesse daran, Zeitenwandlungen und Veränderungen zu adaptieren und umzusetzen – alles Tugenden, die regulatorisch systematisierten Arbeitnehmern zumeist bereits im Elternhaus, spätestens aber während des schulischen Dressurakts erfolgreich abgewöhnt wurden. Der Interessenshorizont eines Selbständigen ist regelmäßig weiter gespannt als der des durchschnittlichen Arbeitnehmers, und zu Fortbildungen – beileibe nicht nur in fachlicher
    Hinsicht, sondern in allen Belangen, die Interesse und Neugier wecken – müssen Selbständige nicht abkommandiert oder mit Zuschüssen (bis zu 100 %) gelockt werden; sie tun es für sich, ihre Ziele und Ideen, ihre Firma und die Mitarbeiter, für die sie Verantwortung tragen.
  • Viel zu wenig reflektiert wird in der Öffentlichkeit und der politischen Auseinandersetzung der Unterschied zwischen Unternehmern –das sind eben klein- und mittelständische Unternehmer, Freiberufler und Selbständige – und den (oftmals völlig überbezahlten) Managern in
    Unternehmen. In der öffentlichen Wahrnehmung wird ‚Manager’ mit ‚Führungskraft’ synonym gesetzt und verstanden. Dabei genügt ein Blick in den Stowasser, das lateinische Wörterbuch, um zu erkennen, daß Manager eine Zusammensetzung der beiden lateinischen Begriffe „manu agere“ (= mit der Hand bewerkstelligen, erledigen) bedeutet. Zwar muß jede Führungskraft ein guter Manager sein, beileibe jedoch ist nicht jeder Manager, so respektabel sich dies auch auf der Visitenkarte ausmacht, eine Führungskraft.
  • Zunehmend beobachtet man auch bei Selbständigen ein unter Arbeitnehmern längst zur Zivilisationskrankheit erklärtes Phänomen: Burnout! Aber bei Selbständigen liegt diesem ‚Ausgebranntsein’ – konträr zu Nichtselbständigen – nicht berufliche Überforderung zugrunde, sondern die bürokratischen Eingriffe und legislatorische Überfrachtung vonseiten der Politik, die – natürlich wiederum nur „zum Schutz“ des Bürgers, des Verbrauchers, der Gleichberechtigung, etc. – alles meint, regeln und mit immer weiterreichenden Formalien, Protokoll-, Auf- und Auszeichnungspflichten, Gewährleistungs- und Haftpflichtübernahmen belasten zu müssen. Selbst Handwerker, Landwirte, Einzelunternehmer und Freiberufler verbringen inzwischen bis zu 50 % ihrer Zeit mit Protokollpflichten und juristischem oder steuerlichem „Beiwerk“, was kaum bis nichts mit ihrer beruflichen Qualifikation zu tun hat. Kein Wunder, daß haufenweise Finanz- und Wirtschafts-, Steuer- und Rechtsberater, kleine Mittelständler das Handtuch werfen und ihre Selbständigkeit aufgeben und Praxen geschlossen werden – Selbständige verlieren ihre innere ‚Flamme’, sie wandern aus oder wechseln ins Angestelltendasein.
  • Viele Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe leiden unter demselben Problem, auch wenn sie völlig unterschiedliche Arbeits- und Berufsfelder haben: Die Mitarbeiter – und dies gilt vor allem für kleine und mittelständische Betriebe – haben die „Zeichen der Zeit“ überhaupt noch nicht erkannt; sie halten sich selbst für so ausreichend qualifiziert und unersetzlich, daß sie sich für die Probleme, die vor allem kleine und mittelständische Unternehmen haben, noch immer glauben, nicht interessieren zu müssen. Für die Auftragslage – so ihr Denken – ist allein der Chef verantwortlich. Sie ziehen sich auf den Standpunkt zurück: Ich mache meine Arbeit sauber, leiste meine im Arbeitsvertrag festgelegte Arbeitszeit, bin höflich und pünktlich. Was soll mir also passieren. Im übrigen ist für meine gesicherte Beruflichkeit zum einen die Gewerkschaft, zum anderen das Arbeitsgericht zuständig.

Daß sich die Arbeitswelt insgesamt völlig verändert hat, ist diesen Mitarbeitern noch gar nicht klar. Von dem Gedanken, die Mit-Verantwortung für den Betrieb zu sehen und zu übernehmen, sind sie zumeist weit entfernt. Sie überlassen das wirtschaftliche wie auch das Auftrags-Risiko dem Unterneh­mer – in dem Glauben, daß dieser ja dafür auch „wahnsinnig“ viel verdient.

Multis und kleine KMUs

Täglich neue Meldungen von Übernahmen und Aufkäufen großer, altehrwürdiger Firmen lassen den unbedarften Zeitgenossen immer wieder staunen. Da werden ganze Konzerne fusioniert, andere schließen sich zu Partnerschaften zusammen. Banken und Versicherungen, Unternehmensberatungs- und Handelsgesellschaften verschmelzen zu Synergie-Konglomeraten, um dann in der Umsatzliste vielleicht ein paar Plätze nach oben zu rutschen, sich im ‚Ranking’ zu verbessern, wettbewerbsfähig zu bleiben.

Längst geht es hierbei um Milliarden-Deals, und ebenso regelmäßig bangen dann Tausende von Menschen um ihre Arbeitsplätze.

Hingegen wird von der Öffentlichkeit gar nicht wahrgenommen, wenn Tausende kleinerer Betriebe zerlegt, teil-verkauft oder stillgelegt werden, Schachtelbeteiligungen an Aktiengesellschaften den Besitzer wechseln oder Gesellschaften Beteiligungsverhältnisse einfach tauschen. Doch auch dem unbedarf­ten Zaungast dämmert, worum es dabei geht: Höhere Produktivität, niedrigere Erzeugerpreise, Abschreibungsgewinne (z.B. durch Verlust-Zukäufe), Rationalisierungs- und Synergieeffekte, Standort- und Wettbewerbsvorteile – mitunter das schiere Überleben.

Mitten in diesen Revierkämpfen der wirtschaftlichen Riesen stehen Sie als KMUs, alleingelassen von der Politik, die sich nur um die „systemrelevanten“ Großen kümmert. Während sich die Wirtschaft längst transnational organisiert, denken und regulieren unsere „Sozial“politiker immer noch auf und in nationalen Entitäten – fernab der Realität, im Stil und in der geistigen Enge gestriger Verwalter fundalistischer Erbhöfe.

Die Multis nehmen auf Landesgrenzen ebenso wenig Rücksicht wie auf die Stillegung alteingesessener Standorte. Märkte und Standortvorteile wiegen weit höher als steigende Arbeitslosenzahlen und die wirtschaftliche Austrocknung ganzer Regionen. KMUs hingegen bleiben zumeist regional und national.

Während die Politiker eilfertig um „Schadensbegrenzung“ bemüht zu sein vorgeben – z.B. durch Auflegung immer neuer Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Förderprogramme, um die Arbeitslosenzahlen zu schönen, ohne daran jedoch maßgeblich etwas zu ändern – und nicht müde werden, die Schuld für den wirtschaftlichen Verfall den Unternehmen und den Finanzmärkten zuzuschieben, statt darüber nachzudenken, ob ihre gesetzlichen Grundlagen nicht der Kern des Übels sind und sich nicht eventuell die Zeiten einfach geändert haben, zeichnet sich der Beginn eines Szenarios ab, das wie folgt skizziert werden kann:

  1. Die Zahl der Großunternehmen schrumpft proportional zur wachsenden Größe von immer weniger daraus entstehenden Giganten.
  2. Die ehemals als besonders sicher geltenden Arbeitsplätze in der Großindustrie sowie bei den Multis im Produktions- und Dienstleistungssektor nehmen rapide ab, wobei vor allem wenig oder schlecht ausgebildete Arbeitnehmer als erste gezwungen sind, sich in die wachsenden Schlangen vor den Arbeits- und Sozialämtern einzureihen. Längst sind aber auch das mittlere Management und gut ausgebildete Fachkräfte vom Exodus vieler Firmen und der Verschmelzung großer Betriebe betroffen.
  3. Deutschland nimmt mit einer Selbständigenquote von unter 8 % den letzten Platz aller Industrienationen ein, und die sind mit nur ca. 3,5 % auch im Bundestag unterrepräsentiert. Dafür ist Deutschland die einzige aller Industrienationen, in der es mehr öffentlich-(un)rechtlich Bedienstete als Selbständige gibt. Das stimmt nachdenklich.

Ist Selbständigkeit staatlich plan- und regulierbar?

Die vielgepriesenen „Existenzgründungs“-Seminare der Industrie- und Handelskammern wirken bei näherer Betrachtung eher wie mitleidheischende Alibiveranstaltungen, vor allem, wenn sie von Angestellten oder öffentlich-(un)rechtlich Bediensteten gehalten werden, die von Selbständigkeit nun wirklich nicht die blasseste Ahnung haben.

So deprimierend es auch auf den ersten Blick sein mag: Die dem Jung-Unternehmer (auch fort­geschrittenen Alters) angebotenen Hilfen – staatliche Förderprogramme, Unternehmer-Ausbildungssemi­nare u.v.m. – erweisen sich in Wahrheit nahezu ausnahmslos als wenig förderlich bis geradezu sinnlos. IHKs, HwKs, Kammern und gesetzliche Sozialversicherungen sind unwirtschaftlich geführte Postenkartelle, in denen Milliardenbudgets vernichtet werden.

Nur so ist die hohe Zahl der bereits innerhalb der ersten drei bis fünf Jahre faillierenden Existenz-Neugründungen nachzuvollziehen.

Die o.g. Institutionen verstehen unter Selbständigkeit vornehmlich ein wirtschaftliches Phänomen. Auf die psychologischen Unter­schiede zwischen einem Arbeitnehmer und einem Selbständigen gehen all die angebotenen Kurse und Fördermaßnahmen überhaupt nicht ein. Der Aufbau einer Firma, eines Unternehmens oder Betriebes hängt nämlich beileibe nicht nur von der fachlichen Qualifikation des Gründers, seinem Mut zum Risiko und seiner Bereitschaft ab, auch 100 Stunden und mehr pro Woche zu arbeiten. Schon die Planung der Gründung eines Unternehmens bedarf weit mehr als einer Struktur- und Standortanalyse, der Beschaf­fung eines entsprechenden Gründungskapitals, ausgefeilter Werbemaßnahmen und der Rekrutierung entsprechend qualifizierter Mitarbeiter.

So sollte sich der Jung-Unternehmer fundamental klar darüber sein, warum er überhaupt selbständig wird, was seine kurz-, mittel- und langfristigen Ziele sind – und mit Zielen meine ich durchaus nicht nur berufliche.
Er sollte sich über seinen (und seines Unternehmens) Stand innerhalb seines Umfeldes absolut klar sein und am besten seine Pläne nicht nur mit lieben Freunden und Verwandten, sondern vor allem mit erfah­renen Selbständigen – auch hier nicht nur aus seiner Branche – besprechen.

Bei der Gründung seines Unternehmens sollte er sich auch nicht auf abhängige Angestellte eines Bankinstitutes verlassen, denen es – per definitionem – ausschließlich darum geht, das Risiko fürs eigene Haus möglichst bei Null zu halten und der Performance der eigenen Zweigstelle und damit seiner Karriere zu dienen. Jung-Unternehmer brauchen eine erfahrene Führung durch die Irrungen und Wirrungen einer Existenzgrün­dung, einen Begleiter in die Selbständigkeit.

Dazu gehört auch, daß Steuer-, Rechts- und Unternehmensberater nicht erst „irgendwann“ im Laufe der Entwicklung eines Unternehmens hinzugezogen werden – also wenn Not am Mann ist. Ähnlich einem Fötus, der bereits lange vor der Geburt medizinisch sorgsam betreut und begleitet wird, sollte auch die Existenz eines Unternehmens bereits lange vor der Eintragung ins Handelsregister begleitet und sorgsam betreut werden.

Zu den wichtigen und wertvollen Schritten der Vorbereitung der Gründung einer Selbständigen-Existenz gehört jedoch auch, von vornherein nach Partnerschaften und Möglichkeiten der Kooperation zu suchen, wobei auch diese sich beileibe nicht nur auf das gleiche Geschäftsfeld beziehen und beschränken sollten. Es gilt vielmehr, Gleichgesinnte zu finden, die – vielleicht schon mit ein wenig mehr Erfahrung versehen – den Weg ins Unternehmertum hilfreich flankieren können.

Ich meine hierbei nicht nur die „Unternehmer-Verbände“, sondern auch die Interessensvereinigungen und Arbeitsgruppen, die sich in fast allen Städten in regelmäßigen Abständen zum Erfahrungsaustausch zusammenfinden. Hier werden die menschlich wertvollsten Verbindungen geknüpft, wobei – dies mag Neu-Selbständige anfangs überraschen – der berufliche Aspekt hinter dem menschlichen weit zurücksteht. Hier kommt man sich menschlich näher, tauscht Ideen und Gedanken aus, hier werden wertvolle Netzwerke und Kooperationen aufgebaut, die dann in die berufliche (und private) Sphäre integriert werden. Daß sich auf dieser Ebene auch berufliche Verbindungen ergeben, Partner aus unter­schiedlichen Tätigkeiten plötzlich nicht nur menschliche Gemeinsamkeiten, sondern auch Möglichkeiten der beruflichen Kooperation feststellen, versteht sich von selbst. Zumeist findet man – was bei näherer Betrachtung gar nicht so überrascht – in berufsfremdem Gedankenaustausch viel eher zu neuen Ideen und kreativen Möglichkeiten der Zusammenarbeit, als wenn man immer nur unter beruflich Gleichgesinnten verweilt.

Gerade bei Selbständigen kommt es nämlich auf einen möglichst weiten Horizont an; während der Angestellte nämlich „automatisch“ mit Menschen in Verbindung kommt, die von sich aus auf ihn und seine Produkte oder Dienstleistungen zukommen, kreiert der Selbständige sein Kunden-/Mandanten-/Klientenfeld selbst, und je weiter sein eigenes Blickfeld ist, desto interessanter wird er (und seine beruf­liche Tätigkeit) für eine immer größere Menge seiner Mitmenschen.

Die Psychologie des Unternehmers

Mit dem eben Gesagten gewinnt das Selbständigen-/Unternehmer-Sein eine völlig neue Dimension, eine urpersönliche Philosophie. Traurig entlarven sich damit die „Bekenntnisse“ der Politiker zum Wert der KMUs als Krokodilstränen – hilflose Aktionsveranstaltungen von Blinden, die über Farben schwadronieren.

Der ideale Selbständige hat nicht nur einen extrem weiten Horizont (den zu erweitern er außerdem ständig bemüht ist) und eine philosophisch tiefere Sicht der Dinge. Er unterscheidet sich auch in seiner Psycho­logie enorm von der des „typischen“ Angestellten. Er kann auf Menschen zu- und mit ihnen umgehen – ohne seinen Standpunkt aufzugeben oder sich als schmieriger Manipulator zu „verkaufen“. Er hat Umgangsformen, die ihm (möglichst) jeden Kontaktkreis öffnen. Er pflegt ein weit über seine beruf­lichen Belange hinausgehendes Interesse und verschließt sich nicht egoman allem, was nicht unmittelbar mit seinem Beruf und einigen wenigen speziellen Hobbys zu tun hat. Er achtet auf seine Rhetorik (die sich beileibe nicht nur auf Aussprache, Redegewandtheit, Mimik und Gestik beschränkt), zeigt Offen­heit und Verständnis. Er lernt, mit Distreß und Eustreß gleichermaßen umzugehen, zeigt Konsequenz – ohne stur zu sein – und Flexibilität, ohne dies mit Labilität zu verwechseln.

Er führt ein Unternehmen, statt eine Abteilung zu managen. Demzufolge feilt er an seiner Kommunika­tionsfähigkeit ebenso sorgsam wie an seiner beruflichen Fortentwicklung.

Selbstsicherheit ist erlernbar und antrainierbar. Selbstbewußtsein hingegen ist eine endogene, aus harter Arbeit mit und an sich selbst erwachsende authentische Grundhaltung, die wir weder in der Schule noch (zumeist) im Elternhaus erlernen.

Wer in der Zukunft als selbständiger Unternehmer bestehen möchte, kommt gar nicht umhin, sich mit psychologischen und philosophischen Gedanken und Fordernissen auseinanderzusetzen, innerhalb derer berufsspezifische Qualifikation nur eine höchst untergeordnete Rolle spielt. Fachliche Kompetenz kann man „einkaufen“, soziale Kompetenz muß man erwerben.

Unternehmern der Zukunft muß vor allem darum zu tun sein, Allianzen zu flechten, Koopera­tionen und Partnerschaften einzugehen, Netzwerke zu knüpfen und – rechtzeitig, d.h. bevor es die wirt­schaftlichen Notwendigkeiten erfordern – zu fusionieren, statt zu kollabieren.
Wer in selbstherrlicher Egomanie verharrt und auf die Chance lauert, den kleinen Bill Gates in sich zu entdecken (und anderen zu beweisen), dürfte sich bei der sich klar abzeichnenden Entwicklung in der Wirt­schaft und im Gemenge der kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) sehr bald entweder eine blutige Nase holen oder alle guten Vorsätze, ein renommiertes, gut-beleumundetes Unternehmen mit langer Lebensdauer aufzubauen, über den Haufen werfen müssen.

Wer als Führer und Lenker eines KMU in der Zukunft erfolgreich bestehen möchte, wird gut daran tun, frühzeitig Partner ins Boot zu holen, die nach ihrer menschlichen Gesamtkompetenz zu ihm passen. Er wird sich nach finanziellen Partnern umtun, denen es nicht darum geht, sich „ins gemachte Nest“ zu setzen oder den Betrieb wirtschaftlich auszubeuten, sondern sich den Ideen und der Philosophie des Gründers entsprechend zu beteiligen, um gemeinsam erfolgreich zu sein. Ob dies durch direkte Beteiligungen oder etwa durch partiarische Darlehen geschieht, ist dabei nebensächlich.

Genauso sollte es klein- und mittelständischen Unternehmern darum gehen, Partnerschaften mit anderen KMUs aus benachbarten Fachgebieten einzugehen, um die eigene Geschäftsbasis auszubauen, Synergien zu entwickeln und neue (gemeinsame) Geschäftsfelder zu entdecken. Besonders wichtig, interessant und effizient ist es für klein- und mittelständische Unternehmer jedoch, ihre eigene Betriebsstruktur von alten Mustern hierarchischen Denkens und einer vertikal strukturierten Unternehmenskultur abzukoppeln. Die Zukunft gerade der kleinen und mittelständischen Betriebe wird dem partnerschaftlichen Miteinander-Arbeiten gleichwertig nebeneinander stehender Partner, schlanker, effizienter Strukturen und flacher Hierarchien gehören. Team-Quality ist gefragt, das althergebrachte „Chef-Mitarbeiter“-Verhältnis wird zunehmend abgelöst werden durch Teams, die – auf hohem fachlichem wie menschlichem Niveau – miteinander Projekte abwickeln, Lösungen erarbeiten und dann ebenso gemeinsam den Erfolg der Firma garantieren.

Es hat ja einen Grund, warum große Unternehmen in eingangs beschriebener Weise miteinander Partnerschaften eingehen, Beteiligungen austauschen, joint-ventures eingehen oder fusionieren. Erstaunlich ist, daß kleine und mittelständische Betriebe diesen Trend zumeist noch gar nicht in ihre Überlegungen einbauen und zumeist immer noch in einem Chef-Struktur-Denken verhaftet sind, wofür bereits heute, noch mehr jedoch in naher Zukunft, kein Platz mehr sein wird.

Die ideale Fimenkonstellation als Alternative

Nun mögen Sie nach all dieser pointierten Kritik, die der Zeitnot geschuldet noch viel umfassender ausfallen könnte, die Frage stellen: Wie sähe denn die ideale Firmenkonstellation aus?

Nun, ideal ist für mich eine Firma, die ausschließlich aus Selbständigen besteht. Und bevor Sie nun verschreckt aus dem Saal stürmen: Es gibt eine Aktiengesellschaft in Deutschland, die ausschließlich aus Selbständigen besteht.

Ich darf Ihnen diese Konstellation kurz beschreiben: Alle Partner – Berater, Mitarbeiter im Innendienst, Sekretariat, Buchhaltung und Rechnungswesen – sind ausschließlich Selbständige.

Entscheidungen werden ausschließlich demokratisch gefällt. Hierzu eine kurze Anmerkung: Demokratie verlangt – man lese nach bei Solon und Perikles – zwei Voraussetzungen:

  1. Die demokratisch Abstimmenden müssen umfassend über den Gegenstand informiert sein, über den abgestimmt wird;
  2. die demokratisch Abstimmenden müssen vom Ergebnis der Abstimmung, egal wie sie ausfällt, unmittelbar betroffen sein.

Daraus ergibt sich jedoch logisch, daß Demokratie immer nur eine lokale, bestenfalls regionale Veranstaltung sein kann. Und hieraus ergibt sich wiederum (ebenso logisch), daß wir de facto keine einzige nationale Demokratie auf diesem Planeten haben.

Nun, in dieser Firma funktioniert das demokratische Prinzip tatsächlich – jeder Mitarbeiter hat eine Stimme –, und ebenso logisch ist, daß der jährlich erarbeitete Gewinn unter all den Partnern, die zu dessen Erarbeitung beigetragen haben, verteilt wird.

Der Inhaber eines klei­nen oder mittelständischen Betriebes sollte seinen Mitarbeitern ständig in verständlicher und offener Weise darlegen, wie es um die Firma insgesamt (und damit um ihre Arbeitsplätze) bestellt ist; Stichwort: Kompetenz durch Transparenz.

Darüber hinaus können auch Bonussysteme Gewinnbeteiligung, Gruppen-Unfall­versicherungen, betriebliche Altersversorgung u.v.m.) für diejenigen Mitarbeiter angeboten werden, die sich – aus einem Neuen Denken heraus – für den Betrieb „mit-verantwortlich“ fühlen und zeigen.

Je mehr die Mitarbeiter in der Lage und bereit sind, Mit-Verantwortung zu übernehmen, desto eher werden sie eigene Ideen entwickeln und in die gemeinsamen Besprechungen einbringen.

a) Vorteile für die Mitarbeiter

  1. Sie werden nicht nach dem Durchschnittsprinzip entlohnt (was die weniger Fleißigen begünstigt und die Einsatzfreudigen benachteiligt), vielmehr wird ihre individuelle Leistung, Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit auch individuell gewürdigt und finanziell entlohnt.
  • Der nunmehr selbständige Mitarbeiter muß nicht mehr ins schwarze „Grab“ der „Sozial“abgaben
    monatlich horrende Beträge einzahlen, er sichert sich stattdessen – und dies bedeutend effektiver und billiger – auf privater Basis gegen Invalidität, Berufs-/Erwerbsunfähigkeit, Krankheit sowie für das Alter ab.
  • Er kann über ein Bonussystem auch am wirtschaftlichen Erfolg der Firma, für den er als Selbständiger natürlich in ganz anderem Maße mit-verantwortlich ist, beteiligt werden.
  • Er wird buchstäblich zum Mit-Unternehmer.
  • Daß die Kommunikation unter gleichwertigen Partnern, die als Selbständige natürlich nicht mehr in der typischen vertikalen Hierarchie-Ebene miteinander verkehren, eine wesentlich konstruktivere ist, steht wohl außer Frage. Im Betrieb wird nicht mehr hierarchisch gedacht, sondern partner­schaftlich miteinander kommuniziert und gearbeitet.

b) Vorteile für den Arbeitgeber

    1. Der Arbeitgeber wird nicht etwa seiner Rechte enthoben, sondern er sieht an seiner Seite nunmehr mit-denkende, mit-verantwortliche und selbständig denkende und handelnde Partner.
  • Er trägt zwar weiterhin das wirtschaftliche und juristische Risiko für das Bestehen und Fortkommen des Betriebes, gleichzeitig empfinden sich aber auch seine Partner als mit-verantwortlich. Sie sind natürlich auch an einem Ausbau des Betriebes, an
    seiner Konkurrenzfähigkeit und an seinem Erfolg unmittelbar interessiert – weil beteiligt.
  • Auch der Betrieb spart sich selbstverständlich die „Sozial“abgaben. Wenn es dem Betrieb aber um eine ehrliche Partnerschaft zu tun ist, wird der Inhaber die derart gesparten Sozialabgaben auf die künftig zu zahlenden Stundenhonorare umrechnen. Der Erfolg: Der Betrieb spart zwar de facto kein Geld, durch die bessere Entlohnung seiner Mitarbeiter werden diese jedoch ein vivides Inter­esse am unmittelbaren Erfolg der Firma zeigen. Etwas Besseres kann dem Inhaber eines Betriebes überhaupt nicht passieren.

Daß diese völlig neue Art der Zusammenarbeit sich nicht nur in einer deutlich besseren Kommunikation nach innen niederschlägt, sondern diese Veränderungen auch nach außen – gegenüber Kunden, Klienten und Mandanten – abstrahlen, ist selbstverständlich. Damit öffnet sich der Betrieb insgesamt auch nach außen in einer Art und Weise, die dem Betrieb mehr Attraktivität für die Bezieher seiner Leistungen bietet.

Fazit : Aus hierarchisch über- und untereinander positionierten Mitarbeitern innerhalb eines Firmen­körpers werden nunmehr als gleichwertig nebeneinander stehende und in eben dieser Gleichwertigkeit miteinander kommunizierende Partner. Diese gänzlich andere Interessenslage führt dann zu einem wesentlich konstruktiveren und effektiveren Miteinanderverbunden-sein – also zu dem, was ich global als Partner-Netzwerk bezeichne.

Daß neben den rein funktionalen Elementen auch gewisse steuerliche und rechtliche Momente bedacht werden müssen, ist klar. Wenn jedoch der grundsätzliche Konsens über diese neue Form der Zusam­menarbeit zwischen den Partnern innerhalb eines Betriebes besteht, sind die berufsspezifischen, steuer­lichen und rechtlichen Probleme in nahezu jedem Fall lösbar.

Auf der Hand liegt, daß diejenigen Betriebe die größte Überlebenschance haben, deren Mitarbeiter die „Zeichen der Zeit“ zu deuten lernen und bereit sind, in einer sich völlig (und rasant) verändernden Berufswelt sich auch neuen Aufgaben zu stellen, andere Denkweisen zu entwickeln und sich anders gearteten Formen der Zusammenarbeit zu befleißigen.

Je offener die Kommunikation im Betrieb wird, desto eher werden die Mitarbeiter auch Verständnis dafür entwickeln, daß sie sich nicht nur als Angestellte bequem und risikolos zurücklehnen können – nach dem Motto: Der Chef wird es schon selbst richten!

Wer hierzu Näheres wissen möchte, kann mich gerne darauf ansprechen, denn dieses Prinzip ist natürlich auch in GmbHs und anderen Gesellschaftsformen verwirklichbar.

Selbständigkeit hat in erheblichem Maße mit Freiheit und Eigenverantwortlichkeit zu tun, aus der dann ein beileibe nicht auf materielle Güter beschränkter Reichtum erwächst. Und, um das Maß voll zu machen, gebe ich Ihnen gerne meine ganz persönliche Definition von Freiheit und Reichtum:

Frei ist der, der sich in seinem DenkFühlHandeln durch nichts und niemanden von seiner ethischen Grundhaltung abbringen läßt; er ist unabhängig, nicht korrumpierbar und authentisch.

Reich ist derjenige, der sich körperlich, geistig und seelisch ein Höchstmaß an Lebensfreude, Interesse und Neugier leistet und damit seine Lebenszeit zu füllen vermag.

Mit anderen Worten: Je größer die Vielzahl der Interessen ist, desto intensiver können wir – unter vollem Einsatz unseres Intellekts, natürlicher Emotionalität und unserer physischen Möglichkeiten – die uns geschenkten Jahr(zehnt)e nutzen, leben und erleben.

Und noch ein letzter Tip: Besorgen Sie sich, wenn Sie es nicht ohnehin schon gelesen haben, das Buch „Die Deutschlandakte“ von Prof. Hans-Herbert von Arnim aus dem Bertelsmann Verlag. Hans-Herbert von Arnim beschreibt darin unaufgeregt, aber kristallklar den Zustand unserer Republik – Sie sehen, ich vermeide bewußt den irreführenden Begriff „Demokratie“. So sehr ich Herrn Gauck dem konturlosen Parteistrategen Wulff vorziehe, dieser Hans-Herbert von Arnim wäre für mich auch der ideale Kandidat für die Wahl zum Bundespräsidenten gewesen. Aber das ist ein gänzlich anderes Thema.

Mir bleibt nur noch, Ihnen als Selbständigen und damit als Minderheit in diesem Lande ein gutes Gelingen Ihres Bundeskongresses zu wünschen und für Ihre Aufmerksamkeit zu danken.

H.-W. Graf

Bei weitergehendem Interesse anempfohlen:

PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.

www.d-perspektive.de

Hier im Besonderen: Grundsatzkonzept, Demokratie- und Rechtskonzept,

Steuer-, Wirtschafts- und Sozialkonzept, Gesundheits- und Bildungskonzept:
zu den Konzepten

Bundesverband für freie Kammern e.V.

www.bffk.de

Anthropos e.V. – Für die Kinder dieser Welt

www.anthropos-ev.de

„Souveränität als Lebensmaxime“

Artikel im zeitreport-online

„Die Macht der Information“
Artikel im zeitreport-online

Buch: “Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens”

Literatur-Empfehlungen und
Für Sie gelesen – Rezension

16. September 2009

Österreichische Schule – Ein alternatives Steuer-, Finanz- und Sozialkonzept

16. September 2009|Gesellschaft, Sozialpolitik, Steuer- und Finanzpolitik, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Österreichische Schule – Ein alternatives Steuer-, Finanz- und Sozialkonzept

Nachfolgender Artikel von Hans-Wolff Graf, ‘PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.’, erschien in der Ausgabe 09/2009 im ‚Smart Investor’:

Österreichische Schule

Ein alternatives Steuer-, Finanz- und Sozialkonzept

Es gibt eine Alternative – zu einem immer totalitäreren System!

Gastbeitrag von Hans-Wolff Graf, Vermögensverwalter und Querdenker

Radikale Maßnahmen sind notwendig

Das System staatlicher Omnipotenz ist – wenige wissen es, manche fühlen es, die meisten versuchen es zu ignorieren – tatsächlich am Ende. Doch gerade diejenigen, die es ursächlich (und seit Jahren konsequent) an die Wand gefahren haben, versuchen nun, es mit allen Mitteln zu retten. Und dabei ist ihnen kein Preis zu hoch – Kunststück; sie brauchen es ja auch nicht zu bezahlen, und in ihren Händen liegt die legislatorische Macht, entsprechende Gesetze zu erlassen, vor allem jedoch das Recht, beliebig Geld zu drucken. Um die Staatsverschuldung und das Einhalten der Maastricht-Kriterien muß sich keine europäische Regierung mehr sonderlich sorgen; kein EU-Land ist noch in der Lage, sie auch nur annähernd einzuhalten. Allen Industrieländern fallen seit Jahren zunehmend ihre Sozialversicherungssysteme auf die Füße, aber diese tatsächlich radikal, also bei der Wurzel packend („radix“ lat.: die Wurzel), zu reformieren und dem wachsenden Problem der Überalterung der Gesellschaft anzupassen, fehlt den Politikern zumeist das Verständnis, in jedem Fall jedoch der Mut – der Wähler droht mit Abstrafung.

Glauben Sie den politischen Marktschreiern, die am 27. September wieder „Die Wahl“ aufführen, kein Wort; hier werden Listen gewählt, aus denen dann parteiintern Heloten delegiert werden, die verzweifelt ein komatöses System zu retten versuchen.

Katastrophe droht

Was weltweit derzeit als „Rettungsmaßnahmen“ ergriffen wurde, mag zwar ordnungspolitisch verständlich und systemisch gesehen „logisch“ sein, wirtschaftspolitisch ist es ein Wahnsinn ohnegleichen, und die Konsequenz dieser hemmungslosen Verschuldung wird eine sozial- und finanzpolitische Katastrophe für die gesamte nächste Generation werden. Die der Hypotheken-, Finanz- und Wirtschaftskrise folgende Sozialkrise wird die Phantasie und Intelligenz nahezu aller Politiker übersteigen.

Bei der Suche nach Alternativen, um die wir nicht herumkommen, gibt es nun verschiedene Wege, von denen die meisten jedoch Sackgassen sind, weil deren Protagonisten nicht das System verlassen dürfen, können und wollen. So hängen die sechs großen wirtschaftswissenschaftlichen Institute allesamt am öffentlich-(un)rechtlichen [1] Tropf; sie werden den Teufel tun und sich allzu deutlich gegen ihre Alimentierer wenden. Gleiches gilt für die in den Diensten der Parteien stehenden öffentlich-(un)rechtlichen Stiftungen, und von den Parteien und den auf ihre Benevolenz (Wahllisten) angewiesenen Politikern wird sicherlich kein sinnstiftender Vorschlag kommen, der Wähler verschreckt, Abgeordnetenmandate gefährdet und damit Privilegien, die parlamentarische Altersvorsorgung und nach der politischen Karriere winkende Posten im Lobbyistenkarussell in Frage stellt.

Die „Österreicher“ haben die Lösung

Mut macht da ein kleiner, elitärer Kreis von Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern, vereinzelt auch Rechtsgelehrten und Philosophen, die sich der „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“ verschrieben haben. Nun gibt es seit der Gründung der Österreichischen Schule durch Carl Menger (1840–1921), der eigentlich Jura studierte und als Wirtschaftsjournalist in Wien arbeitete, gar keine einheitliche Denkrichtung, allen Vertretern der Österreichischen Schule ist jedoch gemein, daß [2] sie dem freien Unternehmertum, der strikten Regelung der Märkte durch ein möglichst ungehindertes Wechselspiel von Angebot und Nachfrage, der Privatisierung der Währungen und einer Beschränkung staatlicher Eingriffe auf ein Minimum das Wort reden. Bei ihnen herrscht auch (weitgehend) Einigkeit darüber, daß es einen Gegensatz von Sozialismus und Kapitalismus per se nicht geben kann, da ersterer eine verführerische Gesellschaftsideologie, letzterer jedoch ein (weniger bequemes) Wirtschaftssystem ist. Insofern gehen die politischen Auseinandersetzungen, die seit fast 100 Jahren den Machtkampf der Parteien kennzeichnen, völlig am Thema vorbei; ja, sie unterbinden durch diese Scheindebatte sogar jeden Ausweg aus einer Krise, die sie nachgerade selbst verursacht haben und die nun ihr „finale furioso“ erleben dürfte.

Sehr eng verbunden der Österreichischen Schule der Nationalökonomie fühle ich mich aber vor allem deshalb, weil es allen ihren Vertretern noch um etwas anderes geht: Steuer-, Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik können und dürfen nicht separate Wege gehen und voneinander getrennt behandelt und verstanden werden. Vielmehr bilden sie eine sich ständig und in allen Belangen durchdringende Einheit. Demzufolge muß eine nachhaltige Reform auch all diese unterschiedlichen Parameter unseres täglichen Lebens – auf nationaler wie auf internationaler Ebene – umfassenden Bereiche in einer Ganzheitlichkeit erfolgen, da ansonsten Besserungen an einer Stelle grundsätzliche Verschlechterungen an anderer Stelle mit sich bringen. Jede Hausfrau kennt das Problem eines zu stopfenden Sockens; Zug an einer Stelle bewirkt Spannungen an anderer Stelle.

 

Ein alternatives Steuer-, Finanz- und Sozialkonzept

Unabhängig davon, wie praktisch umsetzbar eine Grund- und Bodenreform oder die Wiedereinführung privater Währungen (gold- oder silbergedeckt) sein mögen, wichtig wäre in jedem Fall, den gesamten Wirtschaftskreislauf, zu dem selbstredend auch die eigene Daseins- und Zukunftsvorsorge gehört, völlig zu überdenken.

  1. Sämtliche Steuern (und damit natürlich auch alle steuerbefreienden Tatbestände) werden abgeschafft;
  2. als einzige Steuer dient eine gestaffelte Konsumsteuer, wobei
    a) Grundgüter (z.B. Lebensmittel, private Alters- und Zukunftsvorsorge) mit 0% Konsumsteuer,
    b) Basisgüter (Güter des täglichen Lebens) mit 20%,
    c) höherwertige Wirtschaftsgüter mit 40% und
    d) Luxusgüter mit 60% Konsumsteuer belegt werden.
    e) Ressourcen und Umwelt erheblich schädigende Güter könnten mit  einem noch höheren, variablen
    Konsumsteuersatz versehen werden. (Benzin enthält bereits heute einen Steueranteil
    von über 250%.)
  3. Für einen Übergangszeitraum von etwa 30 Jahren könnte zudem eine Vermögensteuer in Höhe von etwa 0,5%
    eingeführt werden, um damit einen Ausgleich für in reichen Familien gehortete
    Vermögen zu schaffen, die erst innerhalb der nächsten Generation transferiert würden
    und somit erst dann in den Kapitalmarkt flößen.

Preise würden sinken

Bevor Sie sich nun, liebe(r) Leser(in), nach Luft ringend an den Kopf fassen: Sämtliche Güter würden damit erheblich billiger als heute. Hierzu ein Beispiel: Ein Mercedes der obersten Kategorie kostet heute etwa 200.000 Euro. Inkl. 19% Mehrwertsteuer bezahlen Sie dafür also 238.000 Euro. Die reinen Produktionskosten belaufen sich jedoch nur auf weniger als die Hälfte. Alles Übrige sind Steuern, Sozialabgaben und versteckte Steuern (Gebühren etc.). Belegen Sie nun diese 100.000 mit 60% Konsumsteuer, kostete dieses Gefährt nur noch etwa 160.000 Euro, wäre also um rund 1/3 billiger als bisher.

Gleichzeitig würden jedoch die Grund- und Basisgüter sogar um bis zu zwei Drittel billiger, was insbesondere die finanziell schwächeren Mitglieder der Gesellschaft besonders begünstigen würde (ohne daß irgendeine Sozialneid-Debatte aufkäme). Das wäre tatsächlich sozial!

Grundgedanke: Ganz im Sinne der Österreichischen Schule würde damit derjenige in höherem Maße zum (stark reduzierten) notwendigen Steueraufkommen beitragen, der es sich leisten kann und will, höherwertige Güter aus der volkswirtschaftlichen Gesamtleistung abzurufen.

Über wahre soziale Verantwortung

Da gleichzeitig der „alles versorgende“ Wohlfahrtsstaat weitestgehend reduziert würde – Daseins- und Zukunftsversorgung würden wieder in private Hände und die eigene Verantwortung gelegt –, erhielten Arbeitnehmer wesentlich höhere Nettogehälter, und es läge an ihnen, über ein vorgeschriebenes Minimum hinaus ihre Kranken-, Pflege- und Altersversorgung selbst einzudecken. Damit könnten zumindest künftige Generationen eine tatsächlich tragfähige, individuelle (statt einer auf völlig überholten Prämissen basierende) Altersversorgung aufbauen – mit unterschiedlichen Zeit- und Risikofenstern, flexibel in Einzahlung und Dauer, mit weniger Verwaltungstara. Bestehende Ansprüche müssen selbstverständlich gewahrt werden, könnten aber (wahlweise) vorzeitig abgezinst abgefunden werden, und mit der Entmündigung – vorgeblich „sozial“, in Wahrheit billigster Stimmenfang – wäre endlich (in diesem Bereich) Schluß. Strukturverkäufer mit „Riesterplänen“ sichern keine Altersversorgung – auch wenn Frau Merkel persönlich die Laudatio bei ihren Meetings hält!

Der dadurch entlastete Staat kann nun endlich wieder wirklich – auf Gemeindeebene – seiner sozialen Verantwortung für tatsächlich Bedürftige (Alte, Kranke, Kinder und Behinderte) nachkommen.

 

Und was das Konzept noch beinhaltet

Gleichzeitig plädieren wir [3] für eine kategorische Abschaffung des ScheinselbständigenGesetzes, der Zwangsmitgliedschaft in IHKs, HWKs und Berufsverbänden (siehe Artikel 9 GG, in dem von einem Recht, nicht jedoch von einer Pflicht die Rede ist), die unbotmäßige Subventionierung der christlichen Religionen (> 50% der Deutschen sind konfessionslos) sowie den kategorischen Rückzug des Staates aus allen Belangen des öffentlichen Lebens, die nach dem strikten Prinzip von Angebot und Nachfrage auf privater Basis schneller, effektiver und vor allem weitaus kostengünstiger erledigt werden könnten. Eine wirklich soziale Gesellschaft und tatsächliche Demokratie kann logischerweise nur auf kommunaler Ebene funktionieren.

(siehe: www.d-perspektive.de/konzepte/demokratie-und-rechtskonzept/)

Insbesondere die Bildung darf nicht länger eine (fast) ausschließlich öffentlich-(un)rechtliche Veranstaltung bleiben, da Ziel der Bildung auf allen Ebenen nicht angepaßtes Systemdenken und -verhalten sein darf, sondern Menschen befähigen soll, eigenverantwortlich und zukunftsfähig ihr Leben selbst zu gestalten.

(siehe: www.d-perspektive.de/konzepte/bildungskonzept/)

Daß dieszu einem drastischen Abbau von Beamten und öffentlich-(un)rechtlich Bediensteten führte, versteht sich von selbst; immerhin finanziert dieses Land mehr öffentlich-(un)rechtlich Bedienstete als es an Selbständigen und Freiberuflern (exkl. sog. „Ich-Ags“) hat.

(Weiteres hierzu unter: www.d-perspektive.de/konzepte/steuer-wirtschafts-und-sozialkonzept/

Daß Deutschland damit ad hoc international wesentlich wettbewerbsfähiger würde, kein Unternehmen dann noch Arbeitsplätze ins Ausland verlagerte und niemand mehr ob höherer Löhne und besserer Chancen ins Ausland abwanderte, liegt auf der Hand.

Mit den wohl bekanntesten Vertretern der Österreichischen Schule, Friedrich von Hayek, Ludwig von Mises und Murray Rothbard, kann ich diese alternativen Konzepte nicht mehr diskutieren, wohl hingegen mit Ihnen als Lesern eines Ausnahme-Magazins wie Smart Investor. Kontaktieren Sie mich gerne.

 h.-w._graf

Hans-Wolff(H.-W.) Graf, Jahrgang 1950, studierte zunächst Anglistik, Amerikanistik und Sport fürs Lehramt, wandte dann jedoch einer „Karriere“ im öffentlich-(un)rechtlichen Bildungswesen den Rücken zu. Als Finanz- und Vermögensberater (seit 1972), lizensierter Vermögensverwalter, Unternehmensberater, Wirtschaftsjournalist sowie Dipl.-Psychologe und Dipl.-Pädagoge ist Graf in vielfacher Weise aktiv. Mit dem von ihm 1987 gegründeten gemeinnützigen Verein Anthropos e.V. – Für die Kinder dieser Welt ist er seit 1993 zunehmend beim Aufbau von Sozialwaisenhäusern in Kaliningrad (dem früheren Königsberg) tätig. Mit dem PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V. gründete er 2006 eine alternative politische Bewegung. Er schrieb bislang vier Bücher sowie mehrere Studien und verfaßte etwa 1.500 Artikel zu wirtschafts-, sozial-, bildungspolitischen und psychologischen Themen. Wohl sein wichtigstes Buch: „Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens“, ISBN 3-8267-4544-2. Empfehlenswert auch seine Satire: „… und ich beschloß, Politiker zu werden – Der unfehlbare Weg ins Geschichtsbuch“. Kontakt: hw.graf@efv-ag.de


[1]Erklärung zu ‚öffentlich-(un)rechtlich’ : Aus Gründen der Wort- und Sinntreue erlaube ich mir den Luxus der freien Meinungsäußerung. Behörden sind (cum grano salis) nur sehr eingeschränkt öffentlich, allzu oft (im Sinne des Grundgesetzes) eben nicht rechtlich, und von einem Dienst(leister) kann im Sinne eines marktwirtschaftlichen Wettbewerbs keine Rede sein.

[2] Ja, wir stehen zur alten Rechtschreibung. Sprache lebt in und aus sich selbst!

[3] der PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V. (siehe: www.d-perspektive.de)

6. Mai 2009

Gegen den Trend

6. Mai 2009|Gesellschaft, Sozialpolitik|0 Comments

Gegen den Trend

Dieser Artikel wurde im Newsletter ‚DEMOS’ des ‚Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung’, Ausgabe 69, vom 31. März 2009 veröffentlicht.

Eine neue Studie des ‚Berlin-Instituts’ zeigt am Beispiel des Oldenburger Münsterlandes, daß der Niedergang ländlicher Regionen keine automatische Folge des demografischen Wandels ist.

Fast alle ländlichen Regionen in Deutschland spüren die Folgen des demografischen Wandels. Ihnen fehlt der Nachwuchs, die Bevölkerung altert, und vor allem die gut ausgebildeten jungen Menschen versuchen ihr Glück in den größeren Städten oder im Ausland. Der Wirtschaft mangelt es an neuen Ideen und Investoren – hohe Arbeitslosigkeit ist die Folge. Den verschuldeten Kommunen fehlen oft die Mittel, ihre Infrastruktur instand zu halten oder zu modernisieren. Schulen werden zusammengelegt, Geschäfte und Banken geschlossen, und die Steuereinnahmen gehen zurück. Daraus entsteht schnell ein Kreislauf, aus denen viele Gemeinden keinen Ausweg finden.

Doch nicht alle ländlichen Regionen folgen diesem Trend. Besonders im Oldenburger Münsterland, bestehend aus beiden Landkreisen Cloppenburg und Vechta im westlichen Niedersachsen, verheißt die wirtschaftliche und demografische Entwicklung Gutes, wie die neue Studie "Land mit Aussicht. Was sich von dem wirtschaftlichen und demografischen Erfolg des Oldenburger Münsterlandes lernen läßt" des ‚Berlin-Instituts’ zeigt.

Die Region erlebt mehr Zu- als Abwanderung und Geburten- statt Sterbeüberschuß. Der Landkreis Cloppenburg erreicht im insgesamt kinderarmen Deutschland (1,37 Kinder je Frau) die einmalig hohe Nachwuchszahl von 1,74 Kindern je Frau, im benachbarten Vechta sind es immerhin 1,57 (2007). Viele Kinder zu haben hat in der Region Tradition. Die Bevölkerung ist deshalb deutlich jünger als im Bundesmittel, und sie ist seit 1995 um zwölf Prozent gewachsen. Deutschland insgesamt kommt im gleichen Zeitraum auf ein Plus von nur 0,5 Prozent.

Die höchste Kinderzahl pro Frau im Landkreis Cloppenburg

Im Jahre 2007 hatten die Frauen im bundesdeutschen Mittel 1,37 Kinder, doch gibt es viele Ausreißer, wenn man die Kreisebene betrachtet. Spitzenreiter ist das Oldenburger Münsterland mit den Landkreisen Cloppenburg und Vechta im westlichen Niedersachsen. Dort bekommen die Frauen im Schnitt 1,74 respektive 1,57 Kinder. Schlußlichter bilden die Kreise wie Passau, Würzburg und Heidelberg mit weniger als einem Kind pro Frau.

Ebenso überraschend ist die ökonomische Entwicklung der Region: Das Wirtschaftswachstum der letzten zehn Jahre lag dreimal so hoch wie im gesamten Land. Die Erwerbstätigenzahlen haben sich seit 1994 um 26 Prozent erhöht – im Bundesmittel waren es nicht einmal vier Prozent. Die Arbeitslosenquote liegt deutlich unter dem deutschlandweiten Durchschnitt, die Frauenerwerbstätigenquote darüber.

Im Kern beruht der Erfolg ausgerechnet auf der Landwirtschaft, die deutschlandweit lediglich ein Prozent der Bruttowertschöpfung ausmacht. Die Oldenburger Münsterländer leben allerdings nicht von der landwirtschaftlichen Primärproduktion, mit der sich heutzutage kaum Beschäftigung schaffen läßt, sondern von hunderten in der Region ansässigen vor- und nachgelagerten Betrieben der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft. Hier ist eine geschlossene Wertschöpfungskette entstanden, die Futtermittelproduktion und Viehzucht, Schlachthöfe und Fleischverarbeitung, Maschinenbau und Verpackungsindustrie, Düngemittelhersteller und Pharmaunternehmen nebst den entsprechenden Dienstleistungssektoren verbindet. Rund ein Drittel aller Beschäftigten vor Ort arbeitet in diesem Sektor, der dieser Region mittlerweile den Titel „Silicon Valley der Agrartechnologie“ verschafft hat. Auch quantitativ hat die Region einen erheblichen Teil der landwirtschaftlichen Produktion an sich gezogen: Zwar leben zwischen Cloppenburg und Vechta nur knapp 0,4 Prozent der Bundesbürger, dafür haben dort jedes elfte Mastschwein, jede fünfte Legehenne und jedes dritte Truthuhn Deutschlands ihr kurzfristiges Zuhause.

Konstantes Beschäftigungswachstum im Oldenburger Münsterland

In den Landkreisen Cloppenburg und Vechta waren im Jahr 2006 rund 26 Prozent mehr Menschen in Beschäftigung als elf Jahre zuvor. Einen ähnlich hohen Zuwachs unter den ländlichen Regionen konnte nur der Landkreis Dingolfing-Landau (+22 Prozent) in Bayern verzeichnen. Der größte Beschäftigungsverlust findet sich in den Kreisen Oberspreewald-Lausitz (-30,2 Prozent) in Brandenburg und Uecker-Randow (-26,0 Prozent) in Mecklenburg-Vorpommern.

Verzahnung von Gesellschaft und Wirtschaft

Mit Datenanalysen, Interviews und einer Bevölkerungsbefragung hat das ‚Berlin-Institut’ den Hintergrund der ökonomischen und demografischen Erfolgsgeschichte analysiert und ist folgenden Fragen nachgegangen: Herrscht im Oldenburger Münsterland ein gleichermaßen familien- und wirtschaftsfreundliches Klima, und wer ist dafür verantwortlich? Wirkt sich der Kinderreichtum positiv auf die Wirtschaft aus – oder ist es umgekehrt? Und können andere ländliche Gebiete von den Erfolgen lernen, womöglich Teile des Erfolgskonzeptes kopieren?

Zum Teil läßt sich die heutige Entwicklung historisch erklären: Bis ins 20. Jahrhundert war das Gebiet bettelarm und durch weite Moorlandschaften von den umliegenden Regionen abgeschnitten. Die Bauern, als katholische Minderheit in einem protestantischen Umfeld auch vom Glauben her isoliert, waren lange auf sich selbst gestellt und haben gelernt, aus wenig viel zu machen. Wer sich nicht solidarisch mit anderen verband, hatte keine Chance oder mußte abwandern. Aus der Zusammenarbeit im kleinen Kreis – Familie, Nachbarschaft, Dorfgemeinschaft – erwuchsen soziale und wirtschaftliche Netzwerke, die bis heute Bestand haben. Gegenseitige Wertschätzung und Vertrauen bilden noch heute die Grundlage für den außerordentlich innovativen und erfolgreichen Mittelstand, der fast durchweg aus kleinen Familienbetrieben entstanden ist und in dem mittlerweile zahlreiche weltweit tätige Unternehmen zu finden sind.

Die späte Entwicklung von einer Agrar- zu einer modernen Gesellschaft hat sich dabei als Vorteil entpuppt, wie die Befragung des ‚Berlin-Instituts’ zeigt: Alte Werte wie Familie und Bodenständigkeit, Heimat und Ehrenamt, Vereinsleben und Religion haben hier länger überlebt als anderenorts. Mittlerweile aber gelten diese Werte, gerade angesichts des demografischen Wandels, und zu Zeiten, da sich der Staat immer mehr aus seinen Aufgaben zurückzieht, als die neuen Mittel gegen gesellschaftliche Defizite. Sie heißen lediglich anders, nämlich Sozialkapital, Bürgergesellschaft oder Solidargemeinschaft.

Familiärer Zusammenhalt hilft bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Hilfsbereitschaft der Großeltern und wirtschaftliche Sicherheit beeinflussen den Kinderwunsch

Das Oldenburger Münsterland im Westen von Niedersachsen zeichnet sich seit langem durch ungewöhnlich hohe Kinderzahlen aus – jedenfalls für deutsche Verhältnisse. Ein Grund dafür dürfte der starke generationenübergreifende Zusammenhalt der Familien sein. Dies zeigt die Studie "Land mit Aussicht" des ‚Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung’.

Im Oldenburger Münsterland leben deutlich mehr Menschen gemeinsam unter einem Dach als im Bundesmittel. Die Haushalte sind nicht nur wegen der vielen Kinder größer, sondern auch weil 19 Prozent der Befragten in Haushalten mit mehr als zwei Generationen leben. Eltern engagieren sich stark für ihre Eltern – und die Großeltern für ihre Enkel. Fast alle befragten Großeltern in der Region geben an, sich aktiv um ihre Enkelkinder zu kümmern. In Deutschland insgesamt tun das nur 53 Prozent. Deshalb ist es für die Eltern im Oldenburger Münsterland auch leichter, Familie und Beruf miteinander zu vereinen. Der Kinderreichtum wiederum ist eine gute Basis für lebendige Kommunen und stabile Steuereinnahmen. Zusätzlich sichert er Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor.

Die Wertschätzung der Familie spiegelt sich auch im Kinderwunsch wider: Im Oldenburger Münsterland sagt jede zweite der 25- bis 34-jährigen Mütter mit einem Kind, sie wünsche sich noch ein zweites. In Deutschland insgesamt wünscht sich nur jede neunte Mutter mit zwei Kindern weiteren Nachwuchs, im Oldenburger Münsterland noch jede dritte.

Engagierte Großeltern: Häufiger im Oldenburger Münsterland als an der Müritz

Die Großeltern im Oldenburger Münsterland stehen ihren Enkeln zum einen räumlich näher, denn in dieser Region bleiben die jungen Menschen meist in der Gegend wohnen. Zum anderen ist es dort auch selbstverständlich, sich um die Kinder der Kinder zu kümmern. In der Müritzregion hingegen leben die Familien durch die verbreitete Abwanderung oft geografisch weit voneinander entfernt.

Blick nach Osten

Um herauszufinden, was Menschen in anderen ländlichen Regionen Deutschlands über das Thema Familie denken, hat das ‚Berlin-Institut’ das Oldenburger Münsterland mit einem zweiten Gebiet verglichen: der Müritzregion in Mecklenburg-Vorpommern, wo die Kinderzahl je Frau mit einem Wert von 1,56 (2007) deutlich über dem deutschen Mittelwert liegt. Dort hätte aber nur ein Drittel aller befragten 25- bis 34-jährigen Frauen mit einem Kind gerne noch ein zweites. Sämtliche befragten Eltern mit zwei Kindern gaben an, sich keinen weiteren Nachwuchs zu wünschen. Generell hängt der Kinderwunsch im Oldenburger Münsterland eher von privaten Umständen wie der eigenen Gesundheit, dem passenden Partner und dessen Wünschen ab – in der Müritzregion hingegen überwiegend von äußeren Einflüssen wie der finanziellen Situation und der Frage, ob eine Arbeitsstelle vorhanden ist. Selbst die besseren öffentlichen Betreuungsmöglichkeiten an der Müritz reichen nicht aus, um sich für mehr Kinder zu entscheiden.

Die Frage nach dem Kinderwunsch liefert allerdings auch nur einen Hinweis darauf, welche demografische Entwicklung zu erwarten ist. Wichtig sind außerdem die finanzielle Situation der potenziellen Eltern und die Lage auf dem Arbeitsmarkt: Die Müritzregion im Süden von Mecklenburg-Vorpommern gehört mit Sicherheit zu jenen Gebieten mit großen Potenzialen. Glasklare Seen und saubere Luft geben der Region ihr Gesicht und ihren positiven Ruf als Erholungs- und Naturschutzgebiet. Der Tourismus gehört zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen. Dennoch verlassen vorrangig junge Menschen die Müritzregion – obwohl sich erste Zeichen einer wirtschaftlichen Stabilität zeigen. Die aktuelle Landesprognose geht von einem weiteren Bevölkerungsverlust von rund 15 Prozent bis zum Jahr 2030 aus. Über die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen mit Abitur plant, die Heimatregion zu verlassen. Ein ebenso großer Anteil aller befragten Personen dieser Altersgruppe schätzt die zukünftige Entwicklung negativ ein. Die Arbeitslosenquote ist mehr als doppelt so hoch wie im Oldenburger Münsterland. Mehr als die Hälfte der befragten Haushalte gibt an, daß am Ende des Monats nichts vom Einkommen übrig bleibt, um es zu sparen.

Engagement als Schlüssel zum Erfolg

Ein hohes gesellschaftliches Engagement fördert nicht nur die private Vernetzung, sondern auch die lokale Wirtschaft.

Über 80 Prozent der Oldenburger Münsterländer geben in einer Befragung des ‚Berlin-Instituts’ an, gemeinschaftlich aktiv zu sein, überwiegend in den zahlreichen Vereinen – das sind 20 Prozentpunkte mehr als im deutschen Mittel. Auch die Kirche spielt dabei noch eine große Rolle. Weit über ihren Kernbereich hinaus engagiert sie sich im Sport, in der Schule oder in bürgerschaftlichen Projekten. Jeder Dritte setzt sich aktiv im kirchlichen Bereich ein. An der Müritz, einer mecklenburgischen Vergleichsregion der Studie, wo Religion kaum eine Bedeutung hat, tut das nur jeder Zehnte. Privat organisierte Vereine, die im Osten Deutschlands vor der Wende die Ausnahme waren, haben längst nicht den Zulauf wie im Oldenburger Münsterland. Zum Teil sind sie sogar nur über Beschäftigungsmaßnahmen entstanden und bauen damit nicht auf einem ehrenamtlichen Engagement aus Eigeninitiative heraus auf, wie es in Westdeutschland überwiegend der Fall ist.

Das freiwillige Engagement gehört zum Leben dazu

Ein großer Teil der Befragten im Oldenburger Münsterland ist bereits freiwillig engagiert – häufiger als der durchschnittliche Bundesbürger. Zudem finden sich nur wenige Befragte, die eine zusätzliche ehrenamtliche Tätigkeit ablehnen würden. Sie wachsen mit einer Vielzahl von Vereinen und Organisationen auf, die als Netzwerke im sozialen und wirtschaftlichen Bereich dienen.

Das Oldenburger Münsterland zählt zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Regionen ländlicher Gebiete in Deutschland. Ein Grund dafür ist die hohe Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger, sich für das Gemeinwohl zu engagieren, heißt es in der Studie „Land mit Aussicht“ des ‚Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung’.

Die Analyse der Studie erlaubt wichtige Aussagen über die Zukunftsfähigkeit ländlicher Regionen in einer insgesamt schrumpfenden Gesellschaft. Ländliche Regionen werden in wachsendem Maße an Bevölkerung verlieren. Chancen auf eine nachhaltige demografische Entwicklung haben vermutlich nur Gebiete, die über besondere endogene Potenziale verfügen: über attraktive Naturräume mit touristischen Reizen, eine besonders wertschöpfende Landwirtschaft oder neue Wirtschaftszweige, die nicht auf die unmittelbare Nähe zu Metropolen angewiesen sind. Vor allem aber brauchen diese ländlichen Regionen aktive, kreative und selbstbewußte Bürger mit neuen Ideen. Weit mehr als urbane Zentren, die ihre Bewohner einfacher und preiswerter mit öffentlichen Leistungen versorgen können, sind ländliche Räume auf das Engagement der Bürger angewiesen, die es schaffen, wirtschaftliche und soziale Belange miteinander zu verknüpfen.

Der Erfolg des Oldenburger Münsterlandes, der unter anderem auf der Solidarität der Bürger untereinander und auf einer starken Verbundenheit beruht, läßt sich somit nicht eins zu eins auf andere Regionen übertragen. Aber die Grundprinzipien des Erfolges – soziale und familiäre Netzwerke, geschlossene wirtschaftliche Wertschöpfungsketten, positives Selbstbild – sind auch anderswo notwendige Grundbedingungen für eine Entwicklung. Die Erkenntnis, daß eine Entwicklung im ländlichen Raum ohne das Engagement der eigenen Bürger unmöglich ist, könnte mehr Klarheit schaffen, welche Regionen in Deutschland überhaupt in der Lage sind, eine wirtschaftliche und demografische Stabilität zu erreichen.

Weitere Ergebnisse der Studie "Land mit Aussicht.
Was sich von dem wirtschaftlichen und demografischen Erfolg des Oldenburger Münsterlandes lernen läßt" von Marie-Luise Glander und Iris Hoßmann finden Sie im Internet unter: www.berlin-institut.org.

Die Studie wurde gefördert von der ‚Gerda Henkel Stiftung’ und der ‚HeidelbergCement AG’.

Für Fragen und Interviews stehen Ihnen Dr. Reiner Klingholz unter  0 30 – 31 01 75 60 sowie Marie-Luise Glander undIris Hoßmann unter 0 30 – 31 01 68 35 zur Verfügung.