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1. September 2014

Die Globalisierung pervertiert immer mehr

1. September 2014|Außenpolitik, Politik|Kommentare deaktiviert für Die Globalisierung pervertiert immer mehr

– und dies auf allen Gebieten und Bereichen

Ob es um die Sicherung der Zukunftswege zu Rohstoffen – allen voran Erdöl und -gas, Uran und strategische Metalle –, die Sicherung von Absatzwegen und Lieferketten, billige Produktionsstätten, (militär)strategische Positionierungen, die Sicherung eigener Macht oder neuzeitliche Religionskriege geht, allenthalben wird globalisiert, in Bündnissen und nach internationalen Verträgen gedacht und gehandelt, interveniert und taktiert. „Der ungebremste Freihandel führt“, so der Entwicklungsökonom Dani Rodrik, „nicht zu mehr Wohlstand für alle, sondern zu einem ‚Trilemma der Globalisierung‘: Ein Staat kann nicht mehr gleichzeitig demokratisch, unabhängig und fest in den globalen Welthandel eingebunden sein. Er muß sich für ein oder zwei dieser drei Kriterien entscheiden. Dieses ‚Trilemma der Globalisierung‘ zwingt viele Staaten, ihre Unabhängigkeit aufzugeben und sich – vor allem, was Steuern und Umweltauflagen, Aufrüstung und die humanitäre wie monetäre Verschwendung betrifft – dem Diktat multinationaler Konzerne zu unterwerfen.“
Diese globalen Kolosse sind es auch, die Staaten und Regierungen ihre Handlungsmuster vorschreiben. Politiker werden damit zu willfährigen und hilflosen Marionetten des ‚Global Business‘.
Während aber normalerweise Großkonzerne kaum Interesse an den Millionen Opfern ihrer Gewinnmaximierung, in Kriegen und säkularen wie sakralen Konflikten, Vertriebenen, verwaisten und heimatlosen Flüchtlingen und Opfern dieses globalen Wahnsinns haben, verschränken sich nun zunehmend die monetären, ökonomischen und militärischen Kriegsszenarien auf fünf der sieben Kontinente.
Genau dies führt dazu, daß eine qualitative Wertschöpfung und ein Zuwachs (im Sinne der Mehrung des Wohlstandes und der Lebensqualität) für eine zunehmende Zahl von Bevölkerungen praktisch nicht mehr möglich sind. Der Überfluß in den reichen Ländern geht einher mit einer zunehmenden Verschlechterung der Lebensverhältnisse in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern. Noch nie waren mehr Menschen auf der Flucht (nach Berechnungen der UNESCO etwa 140 Millionen), ohne Lebensunterhalt-sichernde Arbeitsplätze (300 Millionen) oder litten unter den Folgen von weltlichen und religiösen Kriegen (ca. 400 Millionen). In zehn Kriegen* (Nigeria, Syrien, Palästina/Israel, Irak, Pakistan, Ukraine, Sudan, Kongo, Liberia, Afghanistan) zahlen fast 600 Millionen Menschen den Preis für den Größenwahn und Machthunger korrupter Politiker, fanatischer religiöser Extremisten und die Gewinnsucht der Waffen- und Militärlobby.
Gleichzeitig steigt der finanzielle Aufwand zur Beseitigung der Trümmerfelder und zum Wiederaufbau kriegsverwüsteter Städte und Länder in immer erschreckenderem Maße. Wenn uns Deutsche allein der Irak-Krieg durch Militäreinsätze, humanitäre Hilfe und die Unterstützung beim Wiederaufbau sowie zur Abwehr von Terrorbanden bereits jetzt mehr als 25 Milliarden Euro gekostet hat, so entspricht dies nur einem verschwindend geringen Teil dessen, was volkswirtschaftlich der eigenen bundesdeutschen Bevölkerung entzogen und ganz im Sinne der global agierenden Konzerne versaubeutelt wird, statt daß hierzulande in Kitas und Bildung, Infrastruktur und die Sanierung maroder Häuser und ganzer Stadtteile investiert wird.

Terrorismus ist der Krieg der Armen und der Krieg ist der Terrorismus der Reichen.

Peter Ustinov (1921-2004)
Schauspieler, Autor, Querdenker

Die Qualität und Quantität der globalen Krisen- und Kriegsgebiete hat seit Beginn dieses Jahrtausends derart massiv zugenommen, daß davon niemand mehr unberührt bleiben kann, denn auch die Verquickungen der einzelnen Nationen und Bevölkerungen sind – nicht allein durch Urlaube, sondern durch private und berufliche weltweite Kontakte – so vernetzt und globalisiert, daß ganze Liefer- und Versorgungsketten uns allen den weltweiten Wahnsinn ins Haus tragen und wir tagtäglich damit konfrontiert werden.

Wenn sich schon unsere Politiker als weder willens zeigen noch in der Lage sehen, den religiösen und ökonomischen Kriegstreibern in den Arm zu fallen, sollten wir BürgerInnen in Wort und Tat aktiv werden – durch unser Konsum-, Spar- und Informationsverhalten, die direkte Ansprache unserer Volksvertreter und die Erweiterung des eigenen Horizonts – und über den Tellerrand dessen, was uns die Medien unterschiedlicher Art an vorgekochtem Informationsbrei und sinnarmem Unterhaltungsmüll kredenzen, hinausschauen.

Daß keine Bevölkerung, keine Volkswirtschaft mit immer geringeren Mitteln, kürzeren Arbeitszeiten, gen Null tendierendem Energieaufwand, zunehmend reduziertem Bildungsstand, immer schneller und billiger, aber bei immer besserer Versorgung für Krankheit, widrigen Umweltbedingungen, höheren Renten und besserer Versorgung in guten wie in schlechten Zeiten wachsen und gedeihen kann, müßte eigentlich jedem halbwegs vernunftbegabten Menschen einleuchten. Doch genau dies blenden die meisten Vertreter der Gattung homo sapiens sapiens** tunlichst aus; ihnen sind schon mehr als 10 Zeilen und eine Ansammlung von mehr als 50 Worten zu viel, auch wenn sie durchschnittlich 4,7 Stunden pro Tag vor dem Fernseher sitzen, mehr als zwei Stunden für Online-Spiele verwenden und fast 90 Minuten pro Tag wenig sinnstiftend vertelefonieren.

Die Volkswirtschaften Europas mußten in den ersten zwei Quartalen (Ausnahme: die Niederlande) bezüglich ihres Bruttoinlandsproduktes Einbußen hinnehmen; allein das Minus in den drei größten Volkswirtschaften (Deutschland, Frankreich und Italien) belastet das BIP der Eurozone mit einem Rückgang um nahezu 1,1%. Entsprechend verbilligte sich der Euro in der letzten Woche ggü. dem US$ auf unter 1,33 und könnte bis Ende des Jahres sogar auf 1,25 nachgeben. So erfreulich dies als Stimulus für den Export ist, so deutlich wird sich dies als Verteuerung der Importe – insbesondere der Rohstoffe und Energiepreise – auswirken.
Beinahe „traditionell“ leiden darunter die Aktienmärkte, während Staatsanleihen und generell die Rentenmärkte davon profitieren; die absolute Mehrzahl der Wertpapierbesitzer denkt nicht unternehmerisch, sondern ausschließlich kurzfristig gewinnorientiert.
Wer die Situation 2011 noch im Kopf hat, weiß, daß die zu Beginn des dritten Quartals einsetzende Flucht aus den Sachwerten, hinein in Rentenwerte, ihre „Strafe“ ab Ende Oktober fand.

H.-W. Graf

* nach Joshua Goldstein, einem US-Soziologieprofessor: Andauernde Konflikte zwischen zwei oder mehr Interessensgruppen, in denen mindestens 1000 Menschen pro Jahr ihr Leben verlieren
** der wissende weise Mensch

11. August 2014

Sanktionen – Scharade der Hilflosigkeit

11. August 2014|Außenpolitik, Politik|Kommentare deaktiviert für Sanktionen – Scharade der Hilflosigkeit

Das mediale Propagandagetöse auf dem geopolitischen Schachbrett nimmt ebenso zu wie die Brutalität auf den realen Schlachtfeldern in Israel, dem Gazastreifen, Syrien, der Ukraine, Mali, dem Sudan sowie Dutzenden von weltweiten Kriegsschauplätzen. Da stellt sich einmal mehr die Frage, wohin uns dieser jeglicher Humanität und menschlicher Intelligenz spottende Irrsinn noch führen wird. Offensichtlich ist, daß Besonnenheit, Kooperationswille und ein friedvoll-fairer Umgang miteinander derzeit keine Option für kriegslüsterne Militärs und geisteskranke Politiker ist.
Wer lauthals für Sanktionen gegen Rußland, gemeint ist Vladimir Putin, plädiert – fußend auf dem Vorwurf, Moskau unterstütze die ostukrainischen Separatisten –, der muß sich fragen lassen, mit welchen Sanktionen Washington belegt werden sollte, das sich seit mehr als hundert Jahren in die Politik von weit mehr als 100 Staaten mit Geld, Waffen, strategischen „Beratern“, Ausbildungslagern und privaten Söldner-Armeen maßgeblich einmischt. Allein die (sogar der Kontrolle des US-Kongresses enthobene und aus den Kassen von Geheimdiensten finanzierte) Privatarmee Blackwater hat nach gesicherten Insider-Informationen 200 Elitesoldaten und etwa 50 Berater und Ausbilder in der Westukraine stationiert. Klar, die USA dürfen das, alle anderen gelten als kriegslüsterne Völkerrechtsbrecher!

“Krieg ist ein Zustand, bei dem Menschen aufeinander schießen, die sich nicht kennen – auf Befehl von Menschen, die sich sehr wohl kennen, aber nicht aufeinander schießen.”

George Bernhard Shaw

Aber das scheint den/die Deutschen nicht sonderlich zu berühren, denn 1. ist „man“ Fußball-Weltmeister geworden, und 2., so hat uns die Bundesbank eben wissen lassen, stieg das private Nettovermögen hierzulande (ohne Immobilien) innerhalb des 1. Quartals 2014 von 5,152 Billionen auf 5,206 Billionen €, mithin um 54 Milliarden (knapp 1%). Doch Statistiken sind geduldig: Dieser Nettozuwachs von € 675 pro Einwohner geht an den meisten Bundesbürgern völlig vorbei. So stehen den 26 Mrd. (knapp 50% des statistischen „Zuwachses“), die allein auf „Ansprüche gegenüber Versicherungen“ entfallen, Nettoverluste für ältere Renten- und Lebensversicherungen gegenüber, denn der Gesetzgeber gestattete es den notleidenden Gesellschaften, auch rückwirkend ihre bereits zugesagten Gewinne und Überschußbeteiligungen zu kürzen. Diese legalistischen Enteignungsmaßnahmen sollen die Bewertungsreserven der Versicherer vor dem Ausbluten retten. Daß damit legalisierter Diebstahl an den Inhabern von Millionen Policen begangen wird, berührt Politiker traditionell in keiner Weise.
Doch die Deutschen denken – gemächlich, aber allmählich eben doch – um; so stieg das Sparplan-Aufkommen in Aktien-, Renten- und Mischfonds im 1. Quartal um fast 2% bundesweit. Es scheint sich allmählich herumzusprechen, daß man sich für den Aufbau der eigenen Rentenansprüche und die Sicherung der Zukunft nicht länger auf dem Staat und seine institutionellen Lakaien verlassen darf, sondern besser selbst vorsorgt.
Noch mehr zu begrüßen wäre, wenn dieses Denken auch Einzug in den familiären Bereich und nachgerade in den Bildungskanon an (Berufs-)Schulen fände. Wie lautet (um den thematischen Kreis zu schließen) ein altes russisches Sprichwort: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“!

H.-W. Graf

8. August 2014

Israel/Palästina – Folgen einer „Erbsünde“

8. August 2014|Außenpolitik, Kultur und Geschichte, Politik|Kommentare deaktiviert für Israel/Palästina – Folgen einer „Erbsünde“

Seit nunmehr 68 Jahren schwelt ein Dauerkonflikt unmittelbar vor Europas „Haustür“. Eigentlich begann er bereits 1943; schon während des 2. Weltkriegs bemühte sich Theodor Herzl, ein österreichisch-ungarischer Schriftsteller, der heute als (einer der) Begründer des modernen politischen Zionismus gilt, in Verhandlungen mit den (damals absehbaren) Siegermächten USA, Großbritannien und Frankreich, für die Juden einen eigenen Staat zu gründen. Zur Wahl standen Argentinien, der Nordosten Ugandas und eben Palästina, das insofern günstig erschien, als es dort einerseits nur eine lose Ansammlung hauptsächlich noch nomadischer Volksstämme gab und die Besiedelung ausgesprochen dünn war. Herzl votierte für das heutige Staatsgebiet Israels unter Hinweis darauf, daß dies das „angestammte Staatsgebiet des Volkes der Juden“ seit 2.400 Jahren sei.
Israel:Palaestina – Folgen einer Erbsuende
Zwar stimmten die Westmächte diesem Plan Theodor Herzls zu, aber die Begründung war insofern völlig falsch, als es niemals ein „Volk“ der Juden (im staatspolitischen und völkerrechtlichen Sinn des Wortes) gab; vielmehr betraf die Vertreibung (‚Diaspora‘) die Religionsgemeinschaft der Juden. Aber dieses Märchen hält sich bis heute und wird speziell von Zionisten und orthodoxen Juden auch weiterhin nach Kräften genährt.

So wie die ehemaligen Kolonialherren Afrikas (unter Mitwirkung der Belgier und Italiener), die zehntausende von seßhaften und nomadisierenden Stämme Afrikas in 51 Länder (heute 55) mit schnurgeraden Grenzen meinten, nach Gutdünken einteilen zu müssen/dürfen – ohne jegliche Rücksicht auf kulturelle Hintergründe und familiäre Zugehörigkeiten –, so selbstherrlich-arrogant wurde auch Palästina, ohne Rücksicht auf dessen unterschiedliche Volksgruppen und Stämme 1948 zum ‚Staat Israel‘ erklärt.
Für die dort lebenden Palästinenser kam auch wenig Unterstützung vonseiten der übrigen arabischen Welt, da die angrenzenden Länder mehrheitlich bereits als Nationen organisierte Staatsgebilde darstellten und ihnen nomadisierende Palästinenser als Nachbarn wenig behagten. Insofern erlitten die Palästinenser ein ähnliches Schicksal wie die Kurden in der Türkei (und fünf weitere Nachbarländer), Sintis/Romas in Europa und die Oromos, der einst größte afrikanische Stamm im Osten Afrikas (Ruanda, Burundi,Kongo/Zaire, Uganda und Kenia).

Heute stehen sich allein im Gazastreifen, der nur wenig größer als der Landkreis München ist, etwa 100.000 militärisch hoch-aufgerüstete Israelis und hunderttausende, teilweise in bitterster Armut lebende palästinensische Flüchtlinge gegenüber.
Und auch in der Westbank, einer Enklave zwischen Jordanien und dem Mittelmeer, herrscht derzeit eine nur trügerische Ruhe, die von ständigen Übergriffen aus und auf Israels arabische Nachbarn begleitet wird.

Daß die Gründung des Staates Israel auf höchst ignoranten, aber opportunistischen Plänen der Westmächte und einem völkerrechtlichen Mythos beruht, kann nicht über die schier ausweglose Lage hinwegtrösten, daß dieses Gebiet sich bis heute in einem latenten Kriegszustand befindet, für den es eigentlich nur eine einzige Chance dauerhafter Befriedung gibt – eine völkerrechtlich und von beiden Seiten anerkannte ‚Zwei-Staaten‘- Lösung. Dem verweigern sich aber die Hardliner beider Seiten und berufen sich dabei – wie könnte es anders sein – auf den jeweiligen göttlichen „Befehl“, die „ungläubige“ Gegenseite ins Meer zu treiben, egal um welchen Preis an Menschenleben.
Die Völkergemeinschaft (unter der euphemistischen Bezeichnung UNO) steht diesem permanenten Brandherd völlig hilflos gegenüber; zu einseitig sind die jeweiligen Interessen. Und deshalb konnte es sich die israelische Regierung seit 1948 auch seelenruhig erlauben, 32 UN-Resolutionen zu ignorieren – um den Preis, daß inzwischen die dritte Generation junger Israelis lernen mußte, in einem lebenslangen Kriegszustand und ständiger Gefahr leben zu müssen.
Da mutet beinahe pervers an, daß bis heute 11 Friedens-Nobelpreise an Vertreter der dort involvierten Kriegsparteien (plus US-Präsidenten) verliehen wurden. Geändert haben sich in diesen 68 Jahren allenfalls die Effizienz der dort eingesetzten Waffen und die Brutalität der Gegner.

Haß, ob religiös oder säkular (z.B. als Rassismus) getarnt, ist die gefährlichste Form der Dummheit!

H.-W. Graf

25. Juli 2014

Willkommen zurück in der Realität

25. Juli 2014|Außenpolitik, Innenpolitik, Politik, Steuer- und Finanzpolitik, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Willkommen zurück in der Realität

Nach vier Wochen der Regentschaft einer Lederkugel, die Milliarden von Menschen in 200 Staaten der Welt in ihren Bann zog, und nach einer Woche des Siegestaumels hierzulande, gewinnt allmählich die Realität wieder Raum. Rente mit 63, die Maut im fortgeschrittenen Embryonalstadium, Juncker als neuer EU-Chef und Martin Schulz als Kommissionspräsident – das Mauscheln um die lukrativen Brüsseler Chefposten ist noch in vollem Gange.

Nun taucht auch wieder die NSA-Ausspähaffaire, der Bürgerkrieg in der östlichen Ukraine, der seit drei Jahren tobende Stellvertreterkrieg Syrien und das erneute Aufflammen des seit 65 Jahren andauernden Kriegs im Nahen Osten (Israel/Palästinenser) auf den vorderen Seiten der Presse sowie als ‚Breaking News‘ in den sendenden Medien auf. Interessant dabei ist vor allem, wie völlig unterschiedlich die „westliche“ Welt ihren BürgerInnen die Zu- und Umstände in den jeweiligen Krisengebieten erläutert. So wird die Wahl in Syrien (mit immerhin 73% Beteiligung) zur „Farce“ erklärt (bei der Wahl zum EU-Parlament im Mai betrug die deutsche Wählbeteiligung weniger als 48%), weil den NATO-Staaten, vor allem den USA, der wiedergewählte syrische Präsident Baschar al-Assad als erklärter Feind dient. Interessant: In Frankreich und Deutschland durften die Auslands-Syrer in den jeweiligen Botschaften nicht wählen, da es sich aus Sicht der Regierungen in Paris und Berlin um ‚keine demokratisch legitimierte Wahl‘ handelte. In der Ukraine hingegen (die Wahlbeteiligung lag bei etwa 43%; viele Wahllokale in überwiegend russisch bewohnten Gegenden blieben geschlossen) wurde der Schokoladen-Oligarch Petro Poroschenko binnen 24 Stunden von den USA und Großbritannien als neu-gewählter Präsident einer ‚wichtigen demokratischen Wahl‘ gefeiert und anerkannt.

Kann sich irgendeiner vorstellen, was geschähe, wenn ein Medium dem US-amerikanischen Präsidenten so unverhohlen die Einmischung in fremde Staatsangelegenheiten, Verstoß gegen Kriegs- und Völkerrecht, Kriegshetze u.ä. vorwürfe, wie dies derzeit gegenüber Vladimir Putin geschieht? Und dazu bestünde jeder Anlaß.
Wäre es nicht hohe Zeit, den USA mit drastischen wirtschaftlichen Konsequenzen zu drohen (wie dies die USA von den Europäern gegenüber Rußland fordern)? Angesichts der Tatsache, daß für Washington der Umgang mit Verbündeten und Freunden nachgerade darin besteht, sie rücksichtslos und flächendeckend zu verdächtigen, auszuspionieren und nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen, sollte Frau M. aus B. mal darüber nachdenken.

Mag die Dame getrost ihren 60. Geburtstag feiern – Onkel Barack schickte ihr gerade ein neues Handy – und mag sich Deutschland unter der Führung seiner GroKo auch auf der Sonnenseite der Welt sehen, die sozialen, finanziellen und wirtschaftlichen Probleme, in denen die Majorität der Länder auf diesem Planeten stecken, wächst allen Hurra-Rufen der westlichen Welt zum Trotze immer weiter.
Wir sagten in unserer Studie „Unsere Welt“ bereits 1992 genau das Szenario voraus, dem sich heute (vor allem) der Süden Europas gegenüber sieht: Millionen chancenloser Afrikaner, die in Europa einfallen – um jeden Preis und in der verzweifelten Hoffnung, hier überleben zu können.

Nein, ohne Fatalist zu sein: unsere Politiker sind weder bereit noch in der Lage, die sich abzeichnende Wirklichkeit auch real zu erfassen. Aber wir BürgerInnen werden uns damit befassen müssen, auch wenn derzeit die Märkte (und sogar das Wetter) nichts zu trüben scheint.

Im Newsletter Nr. 24 (vor der WM) hatten wir Mutmaßungen darüber angestellt, was uns wohl während der medialen Euphorie „heimlich, still und leise“ an Gesetzesentscheidungen politisch untergeschoben würde. Leider kam es schlimmer als befürchtet: Beim Erreichen der Zwischenrunde genehmigte der Bundesrat das Fracking; in der Woche des Sieges gegen Algerien erhielt das angeblich „sanierte“ Griechenland nochmals eine Milliarde Euro überwiesen; und, ganz heftig – bisher waren es nur Planspiele, doch jetzt wird es ernst: Während der Finalrunde hat mit Spanien der erste EU-Staat für alle (!) Bürger eine „Sparersteuer“ durchgesetzt, und zwar sogar rückwirkend zum 01.01.! Damit werden alle Spanier (gesetzlich legitimiert) mit ihren Bankeinlagen einen Beitrag zur Konsolidierung „ihrer“ enormen Staatsschulden leisten.

H.-W. Graf

16. Juli 2014

Bundesdeutsches Bildungsprekariat

16. Juli 2014|Bildungspolitik, Politik|Kommentare deaktiviert für Bundesdeutsches Bildungsprekariat

Ausgerechnet ein ehemaliger Außenminister, Dr. Klaus Kinkel (FDP), muß der GroKo und der Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka (CDU) Rechts- und Sachhilfe i.p. ‚Kooperationsverbot‘ geben. Dieses Kooperationsverbot verbietet dem Bund, die Förderung der Bildung an sozialen Brennpunkten durch Sozialarbeiter, Sprachlehrer und -kurse sowie hierfür notwendige infrastrukturelle Maßnahmen bereitzustellen oder zu subventionieren, denn Bildung ist nun mal Sache der Länder, mit der Folge, daß wir 16 Ministerien für Unterricht und Kultus in der Bundesrepublik haben, deren Ausrichtung gleichzeitig Gegenstand politischer Konkurrenz und Machtkämpfe sind. Davon abgesehen, daß allein die Tatsache, daß Parteien und Politiker den Bildungshorizont ganzer Generationen glauben, festlegen zu dürfen, darf Bildung noch viel weniger eine Frage ideologischer Auseinandersetzungen sein.

Die nun von Frau Dr. Wanka vorgeschlagene Verfassungsänderung stellt auf eine Unterstützung der Hochschulen der Länder durch den Bund ab, von den Schulen ist dabei jedoch nicht die Rede, obwohl es gerade bei diesen an allen Ecken und Enden fehlt und zudem ein Jugendlicher zwar seine Hochschule, nicht jedoch überall auch seine Schule aussuchen und wählen kann. Nun soll eine parteiübergreifende Kooperative von Bildungsexperten und Politikern per Grundgesetzänderung dieses Kooperationsverbot in Gänze – also für alle Schultypen – beseitigen. Dem stehen jedoch der sture Egoismus und die intellektuelle Kurzsichtigkeit einiger Landesfürsten entgegen, die unbedingt die Deutungs-, Schaffens- und Finanzhoheit für ihre Schulen beibehalten wollen. Immerhin haben die Bundesländer nur noch i.S. Polizei und Bildung überhaupt eine politische Zuständigkeit, alle anderen Belange hat Berlin längst hoheitlich an sich gerissen. Gerade die Kulturhoheit soll den Ländern zwar nun nicht „gestohlen“ werden, andererseits kann, will und wird sich Berlin nicht alleine darauf beschränken, Gelder zur Verfügung zu stellen, ohne auf deren Verwendung auch nur den geringsten Einfluß zu haben. Gerade in der prekären Finanzlage einiger Länder liegt jedoch die Ursache dafür, daß diese an der für jedes Land wichtigsten Ressource spart – der Aus- und Fortbildung seines Nachwuchses. Andererseits ist die Bundesregierung laut Verfassung auch in der Pflicht, die ‚Gleichartigkeit der Lebensverhältnisse‘ über Ländergrenzen hinweg sicherzustellen. Diese ist aber bereits heute an vielen Brennpunkten der Republik höchst gefährdet; von den rund 40.000 Schulen hierzulande gelten etwa 10 bis 15% als sehr gefährdet, weitere 35 bis 40% als problematisch, bzw. mehr oder weniger reparaturbedürftig. So haben nach Untersuchungen in den Brennpunktschulen der Stadtstaaten neun von zehn Schülern große Leseprobleme. Hinzu kommen Hilferufe aus Nordrhein-Westfalen, dem Saarland und Hessen, die dringend (auch fremdsprachige) Lehrer benötigen, da bis zu drei Viertel der Schüler kulturfernen Migrationshintergrund haben und der deutschen Sprache weder in Wort noch in Schrift mächtig sind.

Bundesdeutsches Bildungsprekariat_1Sämtliche bisherigen Versuche, die enormen Unterschiede bei den Schulabschlüssen einigermaßen ins Gleichgewicht zu bringen, schlugen bislang fehl – bei fast zwei Dutzend Schularten gelinde gesagt eine Katastrophe. Auch die angepeilte Lösung eines Zentralabiturs – schrittweise, lediglich für fünf Bundesländer und bis 2016 ! – kann nicht wirklich überzeugen, denn erst die Pisa-Studien seit 2001 haben die Politiker überhaupt für das Thema interessiert; zu viel wird auch in diesem Punkt lieber Brüssel überlassen.

In keinem Bereich ist ein so langer Zeithorizont für die politische Arbeit gefordert, wie im Bereich der Bildung. Andererseits werden die Zeiten für Politiker und der Konkurrenzdruck um die lukrativen Posten im Staats- und Parteienapparat immer größer. Insofern kann nicht überraschen, daß sich Politiker mit dem Thema ‚Bildung‘ auch unter der Frage des Zeithorizonts am allerwenigsten und ganz zuletzt beschäftigen.
Um Politiker zu werden, ist weder ein hohes Maß an Bildung, noch ein entsprechend weiter Horizont nötig. Dies spiegelt sich nachgerade in der Misere unseres Bildungssystems und der schreienden Negligenz wider, mit der dieses Thema seit Jahrzehnten vernebensächlicht wurde und bis heute wird.
Nicht der Geldbeutel bestimmt die Qualität der Bildung – auch wenn dies ideologische Irrlichter und Politpopulisten so gerne implizieren –, sondern das geistig-emotionale Niveau der Eltern und ein weitsichtig-verantwortliches Handeln der Politik!

H.-W. Graf

8. Juli 2014

Lebensversicherungen als Altersvorsorge – die Würfel sind gefallen

8. Juli 2014|Politik, Steuer- und Finanzpolitik|Kommentare deaktiviert für Lebensversicherungen als Altersvorsorge – die Würfel sind gefallen

Jetzt ist die Katze aus dem Sack; in versuchtermaßen beruhigendem Tonfall ließ uns Finanzhäuptling Wolfgang Schäuble wissen, daß der Mindest-Garantiezins bundesdeutscher Lebensversicherer von 1,75% auf 1,25% gesenkt werde.

Lebensversicherungen als Altersvorsorge_1Wohlgemerkt: Dieser Garantiezins bezieht sich nur auf den Teil der Beiträge, die nicht den Risiko- und Verwaltungskosten zuzurechnen sind. Diese betragen – abhängig vom Alter des Versicherungsnehmers und der Laufzeit bzw. der Art der Lebensversicherung – zwischen 12% und 22% des Bruttobeitrags.
Demzufolge beträgt die reale Mindest-Verzinsung künftig knapp unter 1% des Bruttobeitrags. Auch bereits länger laufende Lebensversicherungen müssen mit Einbußen rechnen. Dies betrifft vor allem die Überschußzinsen sowie die Schlußgewinnnteile. Hierbei liegt es in der Hand der Rechenkünstler der einzelnen Versicherungen, darzulegen, inwieweit länger laufende Versicherungen unbotmäßig bereichert würden – zulasten der noch Laufzeit-jüngeren Policen bzw. des Neugeschäfts.
Wovor wir also bereits seit Jahren warnen, darf jetzt als amtlich gelten: Die LV als Instrument privater (oder betrieblicher) Altersversorgung ist tot, und bei der Frage, ‚bestehende Versicherungen weiterlaufen zu lassen‘ oder ‚bereits bestehende LVs beitragsfrei zu stellen‘ oder ‚noch länger laufende Lebensversicherungen schlichtweg zu kündigen‘, kommt es sehr auf den Einzelfall an. Bitte „verdrängen“ Sie diese Problematik nicht – insbesondere gilt dies für Selbständige und Freiberufler, die normaliter keine staatlichen Rentenversicherungsansprüche haben –, sondern unterziehen Sie sich der Mühe, diese Frage von einem unabhängigen Berater prüfen zu lassen. Es kann dabei schnell um etliche tausend Euro in der Kapitalauszahlung oder einige hundert Euro monatliche Rente mehr oder weniger gehen.
Und mindestens ebenso wichtig ist die Frage (bei auslaufenden oder zeitverkürzten Verträgen), ob man auf eine monatliche Rente (entweder zeitlich begrenzt oder lebenslänglich) abstellt oder stattdessen die Kapitalauszahlungs-Variante wählt. Diese Frage ist nicht nur unter steuerlichen Aspekten relevant, sondern auch bezüglich der Flexibilität, die naturgemäß dann höher ist, wenn man nicht auf eine monatliche Rentenauszahlung abstellt.

Lebensversicherungen als Altersvorsorge _2Die Problematik der Lebensversicherung und die willkürlichen Eingriffe des Staates in (zum Teil seit Jahrzehnten) bestehendes Recht ziehen sich wie ein roter Faden auch durch andere Wirtschaftsbereiche. Denken Sie an die hochsubventionierten Windkraft-, Solar- oder Wasserkraftanlagen, mit deren Hilfe Deutschland als weltweit erste Nation komplett unabhängig werden soll von atomarer oder fossiler Energiegewinnung. Neben all den Ungerechtigkeiten, die sich durch die unterschiedliche Behandlung von Firmen unterschiedlicher Größe ergeben, tritt nunmehr – wie bereits des öfteren – das „Phänomen“ auf, daß vormals großzügig gewährte Subventionen nunmehr entweder zurückgenommen oder durch zusätzliche Sonderabgaben quasi bestraft werden; wer sich durch die wohlfeilen Märchen der Politiker, die wieder einmal nur unser Bestes wollten, hat fangen lassen, sieht sich plötzlich in der Steuerfalle, mit zusätzlichen Abgaben belastet oder um ehedem zugesagte Subventionen gebracht, weil diese ins gesamtpolitische Konzept der großen Koalition nicht mehr so recht passen.
Merke: Was der Staat verspricht, muß er nicht unbedingt halten; im Endeffekt zahlen staatliche Wohltaten immer diejenigen, denen diese gewährt werden – die Steuerzahler –, denn der Staat selbst generiert keinerlei Mehrwert oder Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt. Er verwaltet und verteilt – nach politischen Opportunitäten – selten gerecht und gegen übermäßig teure Gebühren.
Alle schmorenden Krisen weltweit – Ukraine, Irak, Afghanistan, Syrien, … – müssen noch für mindestens zwei Wochen medial in der zweiten Reihe verharren, da die Fußball-WM an Bedeutung alles überstrahlt, was ansonsten so passiert.

H.-W. Graf

8. Juli 2014

SPD-Chef Gabriel will mehr Muslime in öffentlichen Ämtern

8. Juli 2014|Politik, Sozialpolitik|Kommentare deaktiviert für SPD-Chef Gabriel will mehr Muslime in öffentlichen Ämtern

Man frägt sich unwillkürlich, ob dieser pfiffige Hirntote bei seinem Parteikollegen Hartmann am Chrystal Meth-Döschen genascht hat. Hätte er jemals den Koran aufgeschlagen, wüßte er, daß

  • alles Staatliche hinter dem originären Sendungsbefehl Allahs zurückzustehen hat;
  • es gemäß Koran nichts Verwerfliches ist, Un- und Andersgläubige zu täuschen/betrügen/belügen oder gar zu töten und selbst ein Amtseid – der im übrigen seit Kohl dem Fürchterlichen ohnehin nichts mehr zählt – der “Botschaft” des Koran nicht im Wege stehen darf.

Man überlege sich die logische Konsequenz:

  1. Entgegen der strikten Trennung von Staat und Religion (bis vor kurzem betraf dies nur die christlichen Kirchen) müßten gerechterweise (‘Gleichheitsgrundsatz’, lt. GG) auch orthodoxen Juden, Endzeitchristen, Zionisten, Buddhisten, Zeugen Jehovas u.v.a. öffentliche Ämter angeboten werden.
  2. Die muslimische Welt ist mindestens so vielfältig zersplittert wie die christliche. Im Gegensatz zu Katholiken und Evangelikalen – die haben ihre Grundsatzkontroverse vor knapp 400 Jahren im ‘Dreißigjährigen Krieg’ mit Hundertausenden Toten ausgetragen – stehen sich die drei Hauptrichtungen des Koran (und Dutzender Untergruppierungen) in tödlicher Feindschaft gegenüber.
  3. Wie soll ein unter dem Gebot der Scharia stehender Richter einen nach dem dt. Recht strafbaren Tatbestand ahnden?
  4. Muß die/der BürgerIn bereits seit Jahrzehnten wehrlos hinnehmen, daß auf Bundes- und Länderebene (neuerdings auch Europa) selbst völlig talent- und kompetenzlose Figuren (und –innen) selbst politische Spitzenämter okkupieren und voluminös (dank persönlicher Bereicherung) ausfüllen, drohte bei Realisierung Gabriel’scher intellektueller Flatulenzen die Verlagerung des religiösen Weltkriegs auf politisch höchste Ebene.
  5. Um allen religiösen Gruppierungen paritätische Mitsprache zu garantieren, müßte die Zahl höherer und höchster Staatsämter drastisch ausgeweitet werden; mit einem halben Dutzend Vizepräsidenten des deutschen Bundestags wäre es dann natürlich nicht mehr getan.

Natürlich ist dieser S. Gabriel mit derartigen Überlegungen heillos überfordert. Zu hoffen bleibt aber, daß dem Gros der BürgerInnen irgendwann die Hutschnur reißt und sie derartige cerebral hochgradig gestörte Zeitgenossen dahin schickt, wohin sie gehören – in die Grenzlinien der religiös-fanatischen Krisengebiete rund um das Maghreb oder den Nahen Osten. Ich wüßte auch schon, wer ihn dabei begleiten sollte ……

Bei nahezu allen weltlichen Krisen-und Kriegsgebieten stehen religiöse Gruppierungen Pate; wenigstens aus den nationalen Politiken sollten wir Religionen und ihre fanatischen Verfechter tunlichst heraushalten.

H.-W. Graf

Lesen Sie hierzu:
www.derwesten.de | Veröffentlicht: 02.07.2014
SPD-Chef Gabriel will mehr Muslime in öffentlichen Ämtern
www.derwesten.de/politik/spd-chef-gabriel-will-mehr-muslime-in-oeffentlichen-aemtern-id9549909.html

30. Juni 2014

Mammutprojekt Europäische Bankenunion

30. Juni 2014|Politik, Steuer- und Finanzpolitik|Kommentare deaktiviert für Mammutprojekt Europäische Bankenunion

Während in Sachen Infrastruktur die Tieferlegung des Bahnhofs in Stuttgart (‚Stuttgart 21‘) die derzeit größte Baustelle innerhalb der EU sein dürfte, könnte man das wirtschaftspolitische Pendant einer ‚Großbaustelle‘ in der nun angelaufenen Europäischen Bankenunion sehen. Beiden Projekten ist jedenfalls gemein, daß sie über einen langen Zeitraum andauern werden und daß aus heutiger Sicht noch ziemlich unklar ist, welcher Nutzen daraus erwachsen wird.

Mammutprojekt Europaeische Bankenunion1Seit Beginn der Krise in 2008 wurden insgesamt 28 neue Vorschriften für eine bessere Regulierung, Überwachung und Steuerung des Finanzsektors vorgeschlagen, um auszuschließen, daß die Steuerzahler in Zukunft erneut zur Kasse gebeten werden, wenn Banken Fehler begehen. Viele dieser Bestimmungen sind mittlerweile in Kraft getreten oder werden in Kürze verabschiedet. Um den Teufelskreis zwischen Banken und öffentlichen Finanzen aber ‚endgültig‘ zu durchbrechen, haben die Staats- und Regierungschefs im Juni 2012 außerdem beschlossen, die Wirtschafts- und Währungsunion durch eine Bankenunion zu ergänzen. Damit sollen EU-weit geltende Bankenvorschriften im Euro-Raum (und in nicht zum Euro-Raum gehörenden teilnahmebereiten Mitgliedstaaten) auf zentraler Ebene angewandt werden können. Es ist nun amtlich, daß die Europäische Zentralbank (EZB) ab November 2014 die Aufsicht über alle 6.000 Banken des Euro-Raums übernimmt. Dem einheitlichen Regelwerk und der einheitlichen Aufsicht wird/wurde nun noch ein einheitlicher Abwicklungsmechanismus an die Seite gestellt. Das Motto ‚europäisch leben, national sterben‘ soll für Banken nicht mehr gelten, da nun jede Insolvenz im Rahmen eines ‚echten‘ europäischen Mechanismus verwaltet wird.
Die wohl wichtigsten Neuerungen in diesem Zusammenhang sind die Regelungen zur Gläubigerbeteiligung (‚Bail-in‘). Diese soll dafür sorgen, daß Eigentümer der Bank und ungesicherte Gläubiger für Verluste und Kosten der Stabilisierung einer Bank aufkommen müssen – im Gegensatz zum bisher überwiegend praktizierten ‚Bail-out‘, d.h. dem Herauspauken der Gläubiger durch externe Finanzhilfen (Steuergelder). Als Beispiel für ein bereits vollzogenes Bail-in kann die Bankenrettung in Zypern betrachtet werden, wobei bekanntermaßen bei der Bankenrettung in anderen Euroländern die Beteiligung von Aktionären und Gläubigern à la Zypern bisher weitgehend vermieden wurde. Aus ‚Zypern‘ wurden aber auch die Lehren gezogen, daß ein willkürliches Abrasieren von Einlagen über 100.000 Euro vielleicht doch keine ganz so gute Idee sein würde, zu groß ist das Risiko des vollständigen Vertrauensverlustes der gutgläubigen Untertanen.
Und so haben die ‚drei Musketiere‘, die EU-Kommission, der Europäische Rat und das Europäische Parlament (die im Detail durchaus unterschiedliche Vorstellungen hatten) nun verabschiedet, wie die Reihenfolge der Inanspruchnahme (sogenannte ‚Haftungskaskade‘) am Ende des Tages aussehen soll. Ausgenommen von einem Bail-in sollen auf jeden Fall Schuldverschreibungen, wie Pfandbriefe und bestimmte Verbindlich-keiten mit kurzer Laufzeit, sein. Einlagen bis zu einem Betrag von 100.000 Euro (von natürlichen Personen) sind EU-weit ‚garantiert‘. Einlagen von natürlichen Personen und KMUs* oberhalb von 100.000 Euro sollen überdies ‚bevorzugt behandelt‘ werden (was immer dies auch heißen soll). Umstritten ist derzeit noch, wann Einlagen, die nicht der gesetzlichen Einlagensicherung unterliegen, herangezogen werden und ob anstelle der geschützten Einlagen die zugehörigen nationalen Einlagensicherungssysteme einen Beitrag zu leisten haben.
Die Bail-in Regeln sollen bereits ab 2015/2016 greifen. Interessant ist hierbei: Damit die Bail-in-Instrumente überhaupt greifen können, müssen Institute natürlich genügend Bail-in-fähige Verbindlichkeiten vorhalten (sonst müßte am Schluß doch aufs ‚Garantierte‘ zugegriffen werden, oder aber der Steuerzahler müßte wieder ran). Dies soll durch eine noch vorzuschreibende Mindestquote erreicht werden (Mindestverlustabsorptionskapazität heißt das im EU-Bankenchinesisch).

Mammutprojekt Europaeische Bankenunion2Es deutet also vieles darauf hin, daß die Sanierung des nach wie vor angeschlagenen europäischen Bankensystems zunächst einmal nicht durch den einen harten Schnitt (à la Zypern) erfolgen wird, sondern die ‚Altlasten‘ im Zusammenspiel mit der EZB ohne großen ‚Knall‘ auf die nächsten Jahre ‚gestreckt‘ werden sollen. Gleichzeitig soll das Regelwerk zukünftig schon so vorrausschauend sein, daß für neu entstehende Lasten von Anfang an klar ist, wer am Ende den ‚schwarzen Peter‘ in der Hand hält. Ob das funktionieren wird, oder ob nicht überraschende Ereignisse dann doch wieder einiges, wenn nicht alles über den Haufen werfen, kann natürlich genauso wenig prognostiziert werden wie die Frage, wann ‚Stuttgart 21‘ fertig sein und wieviel es gekostet haben wird.

Frank Amann

13. Juni 2014

Blasenwerfer und Schaumschläger

13. Juni 2014|Politik, Steuer- und Finanzpolitik, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Blasenwerfer und Schaumschläger

Das Ergebnis der „Schicksalswahl“ vom 22. bis 25. Mai kann durchaus als Paukenschlag bezeichnet werden. Zum einen lag die Wahlbeteiligung durchschnittlich deutlich höher als beim letzten Mal, andererseits immer noch unter 50%.
Blasenwerfer und Schaumschlaeger_1Die höhere Bereitschaft, bei diesem pseudodemokratischen Polit-Zirkus mitzumachen, ist sicherlich auf die alternativen Parteien zurückzuführen – die Stammwähler der saturierten Alphatiere im konservativen und „sozial“istischen Lager zeigten sich so desinteressiert wie vor fünf Jahren. Läßt dies schon (ein wenig) hoffen, so macht umso mehr Mut, daß der Anteil kritischer Bürger, die sich auch vom Feme-Geheul der etablierten Parteien sowie der lakaienhaften Medien nicht irritieren ließen, erfreulich gewachsen ist und damit erstmals vernehmlich gegen die hemmungs- und rücksichtslose Usurpation eines ganzen Kontinents durch die etablierten Parteien protestierte. In Brüssel, Luxemburg und Straßburg hat sich nämlich ein Sammelbecken von ebenso machthungrigen wie (zumeist) inkompetenten Blasenwerfern und Schaumschlägern etabliert, die – unter dem benevolent anmutenden, mit rosa Wölkchen umrahmten Aushängeschild ‚Vereintes Europa‘ – einfach frech ausprobieren, inwieweit sich Hunderte von Millionen Menschen einseifen, in ihren Lebens- und Arbeitsgewohnheiten beschränken und kasernieren, mit Vorschriften überfrachten und uniformieren lassen.
Doch dabei haben diese selbsternannten Europa-Parlamentarier die Leidensfähigkeit und Duldungsbereitschaft ihrer in immer größere Abhängigkeit geratenden Steuerzahler gründlich überschätzt und allzu hemmungslos malträtiert. Dafür gab`s nun (und beileibe nicht nur in den jungen „Demokratien“ Osteuropas und den bevölkerungsmäßig kleinen Ländern der EU) erfreulich derbe Prügel für das Establishment der europaweiten Parteiend(a)emokratur, vor allem in Frankreich, dem Vereinigten Königreich und – man höre und staune – in der Bundesrepublik. Die Bevölkerung verweigerte den vollmundigen Versprechen der politischen Platzhirsche das ohnehin längst arg lädierte Vertrauen und entlarvte ihre jahrelangen Sprüche als das, was sie realiter sind: Seifenblasen und inhaltsloser verbaler Schaum. In Frankreich, England und Dänemark waren die jeweils alternativen Parteien sogar deutliche Wahlsieger!
Blasenwerfer und Schaumschlaeger_2Zwar ist der Kelch eines Martin Schulz als EU-Präsident (dank des Ergebnisses der SPE-Fraktion) noch einmal an uns vorbeigegangen, aber mit Jean-Claude Juncker – sofern Mutti Merkel doch noch huldvoll nickt – haben wir zwar einen fachlich deutlich kompetenteren, aber vor allem dem wirtschaftlichen Establishment (VEP) verpflichteten und in seiner Verläßlichkeit höchst „biegsamen“ Kandidaten für diesen Posten.
Gefahr für den Schaumschläger-Club droht jedoch von ganz anderer Seite; der ‚Front National‘ (FN), die ‚United Kingdom Independence Party‘ (UKIP) sowie die alternativen Parteien Nordeuropas, der BRD (AfD) und Österreichs, der Niederlande, Belgiens und Südosteuropas werden zwar in Brüssel selbst keine nennenswert mächtige Opposition bilden und gemeinsam agieren können, sehr wohl aber in ihren eigenen Ländern nachhaltig für Unruhe sorgen und damit die Gesamtgemengelage dessen erschüttern und gefährden, was die Draghis, Barrosos, Schäubles und Merkels, Camerons und Hollandes längst als fait accompli (zu Deutsch: ‚gemähte Wiese‘) betrachtet hatten.
Das „Spielfeld“ ‚Vereintes Europa‘ mit 500 Millionen braver Konsumenten, Steuerzahlern und Wählern ist längst nicht so sicher umzäunt und hermetisch abgeriegelt, wie das die politischen Monopolisten glauben zu dürfen meinten; die Karten werden neu gemischt, und die Völker melden sich mit eigenen Bedürfnissen, Ängsten und Gedanken vehementer zu Wort, als ihnen dies ihre politischen Leithammel (und -hammelinnen ☺) zugetraut haben.
Langsam macht sich die Erkenntnis breit, daß echte Demokratie per se nur eine regionale Veranstaltung sein kann. Ein zwangsvereintes Europa als wirtschafts-, sozial-, steuer-, kultur-, finanz- und bildungspolitisches Einheitskorsett braucht und will niemand.

H.-W. Graf

5. Juni 2014

Für Sie gelesen: Der Crash ist die Lösung

5. Juni 2014|Steuer- und Finanzpolitik, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Für Sie gelesen: Der Crash ist die Lösung

– Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten –

Autoren: Matthias Weik und Marc Friedrich
Verlag: Eichborn Verlag, Köln
Preis: € 19,99
Umfang: 378 Seiten
ISBN: 978-3-8479-0554-7

Die Bestsellerautoren Matthias Weik und Marc Friedrich („Der größte Raubzug der Geschichte“) entlarven abermals die Finanzindustrie und zeigen Möglichkeiten zur persönlichen Vermögenssicherung sowie alternative Wirtschaftssysteme auf.

Es stellt sich längst nicht mehr die Frage, ob der Crash kommen wird, sondern lediglich wann. Denn alle Maßnahmen zur Banken-, Länder- und Euro-Rettung laufen auf volkswirtschaftliche Schadensmaximierung und den Staatsbankrott Deutschlands hinaus. Die Enteignung der Bürger für diesen Fall wird längst vorbereitet. Staatsanleihen, Renten- und Lebensversicherungen, Konten – das sind die großen Verlierer im Falle eines Crashs, der lieber früher als später kommen soll, denn nur dann sind Politik und Wirtschaft bereit, radikal etwas zu verändern. Wie man sein Geld rechtzeitig in Sachwerte umschichtet, um sein Erspartes nicht zu verlieren, erklären die Finanzstrategen für jeden verständlich. Jedoch kann aus einem Crash auch etwas Positives und Bereinigendes hervorgehen.

Die Kernaussagen aus „Der Crash ist die Lösung“:

  • Die Finanzbranche hat nichts gelernt – die Krisenverursacher sind die Krisengewinner!
  • Unser Finanzsystem ist zum Scheitern verurteilt und wird nur künstlich am Leben erhalten.
  • Politik und Finanzsektor betreiben volkswirtschaftliche Schadensmaximierung auf Kosten der Bürger, um Zeit zu gewinnen.
  • Es werden am laufenden Band Gesetze gebrochen von oberster Stelle, um ein gescheitertes, politisches Währungsexperiment künstlich am Leben zu erhalten.
  • Griechenland, Spanien, Italien, Frankreich, aber auch die Niederlande und die USA sind de facto bankrott.
  • Eine ganze Generation in Europa wird verbrannt – Rekordarbeitslosenzahlen in Südeuropa.
  • Der Euro eint nicht Europa, der Euro zerstört Europa.
  • Der Euro ist bereits gescheitert! Geld, das man retten muß, ist kein Geld.
  • Eine falsche Politik schafft einen brandgefährlichen Nährboden für Extremisten, Populisten, Separatisten und Gewalt. Die europäische Idee ist in Gefahr!
  • Vielen Ländern geht es mit dem Euro wesentlich schlechter als ohne Euro.
  • Die Mehrheit der Deutschen profitiert nicht vom Euro und ihr geht es seit Einführung des Euros sogar wirtschaftlich schlechter als zuvor!
  • Der Exportweltmeister Deutschland ist zum Niedriglohnland verkommen.
  • Der Exportweltmeister wurde teuer erkauft auf Kosten der Menschen.
  • Das Finanzsystem wird crashen, daher: raus aus Papierwerten – rein in Sachwerte.
  • Die Zeit der Rendite ist vorbei – es geht um Vermögenserhalt. Die Enteignungen in Zypern waren erst der Anfang.
  • Der Kapitalismus wurde abgeschafft.

Matthias Weik und Marc Friedrich sind Ökonomen, Querdenker, Finanzexperten, Redner und Bestsellerautoren. Ihr erstes Buch „Der größte Raubzug der Geschichte: Warum die Fleißigen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden“, das im Mai 2012 erschienen ist, steht seit über 20 Monaten auf der Bestsellerliste. Im ‚Manager Magazin‘ belegte es sechsmal Rang eins und beim ‚Spiegel‘ elfmal zwei. Was Weik und Friedrich über die komplexen Probleme in der Finanzwelt schreiben, ist pointiert, faktenbasiert und erstaunlich unterhaltsam. Den Autoren gelingt es, mit ihrer klaren und verständlichen Sprache ein breites Publikum zu erreichen, vom 16-jährigen Schüler bis zur Oma mit 80.
Mittlerweile ist das Buch auch in Korea, Taiwan und China erschienen. Im April 2014 erschien „Der größte Raubzug der Geschichte“ bei Bastei Lübbe als Taschenbuch.