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27. Dezember 2016

‚Political Correctness‘ – Meinungsterror!

27. Dezember 2016|Gesellschaft, Kultur und Geschichte, Psychologie|Kommentare deaktiviert für ‚Political Correctness‘ – Meinungsterror!

Wir alle sind (als „Rudeltiere“) darauf hin erzogen, in Harmonie mit unserer Umwelt zu leben, um Konflikte möglichst zu meiden. Der „Preis“ dafür ist, daß wir uns dem Moralcodex – der Summe der Sprach- und Verhaltensmuster – anpassen, die unser Umfeld kennzeichnen. Soweit es sich hierbei um höfliches Benehmen, Eßsitten, etc. handelt, ist dies nur zu begrüßen. In diesem Artikel soll es aber mehr um unsere nach außen gezeigten Verhaltensmuster gehen, die sich in unserer Sprachlichkeit dokumentieren. Angepaßt und bequem lebt demnach, wer sich bestmöglich dem ‚codex generalis‘ unterwirft. Da man damit aber andererseits auch immer ‚unauffälliger‘ wird, versuchen wir, zumindest in Teilbereichen unseres Lebens eine Art ‚Originalität‘ zu entwickeln bzw. zu bewahren, um uns (zumindest partiell) zu unterscheiden, individuell und unverwechselbar zu bleiben. Gerade in der geistig-seelischen Pubertät kommt es deshalb regelmäßig zu Problemen, wenn der heranreifende Jugendliche sein eigenes Profil, seine individuelle Unverwechselbarkeit sucht und zu entwickeln bestrebt ist. Je ruhiger und gelassener Eltern und Umfeld mit Interesse und Verständnis (statt mit Vorschriften, Zwang, Verachtung und Spott, Versagens- und Verlustängsten) darauf reagieren, desto leichter fällt es, Spitzen in dieser Entwicklungsphase zu „glätten“, Übersprungsreaktionen zu vermeiden und dem Jugendlichen zu helfen, einerseits seine Individualität auszuprägen, andererseits den Konnex zu seinem Umfeld (und damit den ‚Boden unter den Füßen‘) nicht zu verlieren [also keine Angst vor Eskapaden – Piercing, grellem Auftritt, pubertärer Sprache, emotionalen Ausbrüchen, etc.]. Beugt sich der pubertätsgebeutelte Jugendliche nämlich dem Anpassungsdruck zu nachhaltig (z.B. durch eine allzu ausgeprägte Angepaßtheit der Eltern), gibt der Jugendliche seine Suche nach individueller Selbständigkeit auf und führt künftig ein unauffälliges Leben in der Masse. Nur in seiner Phantasie und der Pseudo-Realität von Filmen, Trash-TV (‚DSDS‘, ‚Dschungelcamp‘) oder heimlich (z.B. in ‚Swinger-Clubs‘ und SM-Studios), in Fußballstadien, Rockergruppen oder in „offiziellen“ Ausnahmesituationen „Fasching/Karneval“, „Oktoberfest“, etc.) lebt dieser Mensch dann die kärglichen Reste von Individualität aus, die ihm ansonsten probat abtrainiert wurden (bzw. die ihm nie gestattet waren, auszuleben). Manche kommen aus dieser inneren Protestphase für den Rest ihres Lebens nie heraus. Andere suchen dann ihr Heil in sakralen Zirkeln, Religionen und Sekten, exzessiven/rücksichtslosen Karrieren, Risikosportarten oder als Politiker.

Hinter all diesen Verhaltensweisen/-störungen und unterdrückten Individualitätsmustern stecken instinktive Bedürfnisse und damit in Konflikt stehende Versagens– und Verlustängste, die Angst vor Ausgrenzung und Vorwurf, Schuld und Vereinsamung.

Diese individuelle Problematik wird aber zu einer kollektiven Verhaltensstörung, wenn einer Gruppe von Menschen, gar einer Nation, Verhaltens-, Denk- und Sprachmuster übergestülpt werden, die einzig dem Zweck dienen, sie unter Kuratel zu zwingen und kollektive Schuldgefühle aufzubauen – kurz: Abhängigkeiten zu entwickeln und Kontrolle über sie zu erhalten/behalten. Beispielhaft seien hier sämtliche Religionen erwähnt, deren Vorgaben/Gebote kein Mensch zu 100% erfüllen kann (soll er ja auch gar nicht; sonst entzöge er sich dem kollektiven Schuldvorwurf). Aber auch nach Kriegen werden die Sieger jeweils zu Despoten über die Verlierer (Deutschland kann auch nach fast drei Generationen ein „Lied“ davon singen); den Juden werfen stramme Christen bis heute vor, einen gewissen Jesus ans Kreuz genagelt zu haben; die US-Regierung zahlt bis heute Indianern Renten für den Landraub der Weißen. Das ganze Arsenal von Vorurteilen, mit denen praktisch jedes Volk (zumeist von seinen Nachbarvölkern) belastet ist, grenzt ab und aus, kollektiviert die Masse, schafft und bewahrt Feindschaften und gerinnt zu ‚Meinungsterror‘. Sich dem zu entziehen, ist umso schwieriger, je des-individualisierter der Einzelne ist.

All unser berufliches wie auch privates Tun und Handeln wird durch ein gemeinsames Faktum gebündelt – die Sprache. Mittels Sprache erfolgen alle Formen des Austauschs von Gedanken und Gefühlen, Meinungen und Ansichten, Wünschen und Forderungen, Angeboten und Befehlen. Unser gesamtes DenkFühlHandeln versammelt sich in unserer Sprachlichkeit, und insofern ist unsere Sprech-, Schreib- und Körpersprache das einzigartige und wichtigste „Instrument“, mit dem wir den Kontakt zu unserer Umwelt aufbauen und pflegen. Insofern ist leicht nachzuvollziehen, daß unsere Sprache – quasi der Spiegel unseres DenkFühlens – wie ein Ausweis unserer Personalität wirkt, und dementsprechend benutzen wir unsere Sprache: Wenn wir uns in Sicherheit, im familiären Umfeld, unter Freunden oder Gleichgesinnten wähnen, pflegen wir eine offenere Sprache; treffen wir auf Fremde, gehen wir sprachlich vorsichtiger vor (oder haben Scheu, uns überhaupt zu äußern). Ob wir Artikel schreiben oder Vorlesungen/Vorträge halten, Kundengespräche führen, neue Mandanten kennenlernen oder im Urlaub auf Unbekannte stoßen, wir versuchen, uns sprachlich auf die Situation einzustellen. Je selbstsicherer, freier und unverklemmter wir sind, desto autarker und authentischer ist auch unsere Sprache. Natürlich gilt es dabei gewisse Anstaltsregeln einzuhalten, aber unser Wunsch ist eigentlich, ehrlich zu sagen, was wir denkfühlen. Dennoch unterstellen wir uns sprachlich (mündlich wie schriftlich) unbewußt auch der verbalen Korrektheit („political correctness“), um nicht anzuecken, nicht gegen „Tabus“ zu verstoßen, nicht abgelehnt oder ausgegrenzt zu werden – je unsicherer und angepaßter wir sind, desto mehr.

Nicht selten führt diese sprachliche „Kastration“ dann aber auch zu Fehleinschätzungen (von beiden Seiten), Mißverständnissen und (zwangsläufig) späteren Enttäuschungen, wenn aus vormals Fremden allmählich Bekannte oder Freunde werden.

Fazit:Meinungsfreiheit‘ ist ein sehr ambivalenter Begriff. Es gilt, sorgsam zwischen individueller Empfindungswelt, Ansicht und Meinung einerseits sowie kollektiver Haltung andererseits abzuwägen. ‚Meinungsfreiheit‘ kann weder gesetzlich verordnet, noch politisch diktiert werden; sie ist ein individuelles Gut und ein personaler Wert, den sich niemand aufzwingen lassen sollte – man muß sich ja nicht zu allem äußern, zu allem eine Meinung haben. Insofern spiegel z.B. Umfragen zur Meinungsfreiheit zumeist mehr die Ängste der Befragten als eine faktische Entität wider. Ebenso wenig kann der Gesetzgeber eine Meinungs’freiheit‘ garantieren, denn der meisten Menschen ‚Meinung‘ ist ohnehin nicht ihre eigene, sondern der sprachliche Spiegel dessen, was sie als Ansicht von Dritten übernommen haben, denn eine (eigene) MEINung setzt eine intensive Auseinandersetzung mit thematischen Inhalten voraus, und dazu nehmen sich die meisten Menschen ohnehin nicht die Zeit. Deshalb „leihen“ sie sich lieber von Anderen, was sie dann als ihre (eigene) Meinung äußern und vertreten. Keiner muß Angst davor haben, eine (wirklich eigene) Meinung zu vertreten, wenn sie nicht gleichzeitig die Ehre, das Ansehen und die Freiheit eines Dritten verletzt. Gleichwohl gilt es, insofern achtsam mit kollektiven Ängsten/ Befindlichkeiten zu rechnen, denen sich derjenige aussetzt, der sich öffentlich zu brisanten Themen äußert. Hierbei gilt es einerseits, nicht über juristische Tretminen zu stolpern, andererseits aber auch nicht über eigene Ängste, auf Widerstand und Ablehnung zu stoßen – womit wir wieder bei der o.g. Frage angelangt sind, wie sich eine autarke, authentische Persönlichkeit von einer allen genehmen, angepaßten Person unterscheidet.

Hans-Wolff Graf

13. Januar 2015

Der Koran beweist es: Der Islam ist so “friedlich” wie das alttestamentarische Christentum!

13. Januar 2015|Gesellschaftssystem, Kultur und Geschichte|Kommentare deaktiviert für Der Koran beweist es: Der Islam ist so “friedlich” wie das alttestamentarische Christentum!

Wer anderes behauptet, hat entweder keine Ahnung (und den Koran nie gelesen), oder er/sie lügt, oder ergeht sich (feige) in ‚politischer Korrektheit‘.

  1. Muslim(a), egal welcher Art, wird man nicht per ‚Taufe‘, sondern qua Geburt. Wenn der größte Teil der Muslime tatsächlich friedliebend ist, so nicht wegen der Friedliebigkeit des Islam, sondern entgegen der klaren Weisung des Koran, Nicht-Islamisten aktiv zu bekämpfen (notfalls zu töten). De facto handeln sie also wider den klaren Befehl des Propheten.
  2. Ebenso barer Unsinn ist die Behauptung (unserer Politiker und auf Ausgleich bedachter Gutmenschen), es gäbe einen demokratischen Islam. Der Koran ist Allahs Wort, gilt absolut und jenseits aller staatlicher Gewalt und Lehre. Ein (demokratisches) Mitspracherecht weltlicher Art ist per se ausgeschlossen; darüber helfen auch alle dialektischen Klimmzüge nicht hinweg – ob sie von Herrn Özdemir, Frau Merkel, Bundespfarrer Gauck oder sonst wem kommen.
  3. Der Islam (bzw. der Koran) ist – nimmt man ihn, wie verlangt, ernst – nicht nur frauenfeindlich (in dem Sinne, daß Frauen alles andere als gleichberechtigt sind), sondern (siehe 2.) verfassungswidrig; er erfüllt (an fast 200 Stellen im Koran) klar den Tatbestand der Bildung einer kriminellen Vereinigung, müßte also de facto längst den Generalstaatsanwalt und den Verfassungsschutz auf den Plan rufen, da er zur Spaltung der Gesellschaft, zu Gewalt, Zwang, Nötigung, Betrug (an Ungläubigen), Intoleranz und sogar zu Mord aufruft. Doch welcher (General-)Staatsanwalt hätte den Mut, hier einzuschreiten.

Der Koran ist im gesellschaftlichen Gedankenfeld einer Wüstenreligion des 7. Jahrhunderts verhaftet und enthält den klaren Befehl, sich ausschließlich den Weisungen des Propheten zu unterwerfen, Allahs Wort aktiv und kompromißlos(!) weiterzuverbreiten – ohne ‚wenn‘ und ‚aber‘. Da ist für moderne soziologische Überlegungen, Toleranz, Verständnis und alternative Strukturen nicht der geringste Platz. Talmud (Tora) und die (neuen) Evangelien, ja selbst Buddhismus und Hinduismus haben sich diesbezüglich geistig und inhaltlich (etwas) weiterentwickelt, im Sinne einer Modernität auf sich verändernde Zeiten reagiert. Nicht so der Islam, dessen doktrinärer ‚ductus generalis‘ absolutistisch und „ewig“(vorgestrig) geblieben ist. image001 ………….. ich bin dessen sogar sicher. H.-W. Graf PS I: Erlauben Sie mir – eine drohende Fatwa irgendeiner Madhhab hin oder her -, Ihnen einige generelle Gedanken zum Thema ‚Religionen‘ beizulegen: – Wider die Religion.pdfBrief Martin B an Merkel.pdf Im übrigen würde es sich (insbesondere für unsere Politiker und meine Kollegen Journalisten) dringend empfehlen, den Talmud sowie das Alte und Neue Testament (incl der Exegesen) und den Koran zu lesen, um zu wissen, wovon sie überhaupt sprechen! PS II: Unsere beiden Vereine www.anthropos-ev.de und www.d-perspektive.de laden Sie herzlich dazu ein, die anhängenden websites anzusehen und unsere Friedenserklärungen zu zeichnen. Sie haben fünf Stimmen, und jede zählt. Um aktive Weitergabe wird gebeten; Sie helfen uns damit sehr. www.friedenserklaerung.de www.declaraciondepaz.eu www.declarationdepaix.eu www.deklaracijamira.eu www.peacedeclaration.eu

8. August 2014

Israel/Palästina – Folgen einer „Erbsünde“

8. August 2014|Außenpolitik, Kultur und Geschichte, Politik|Kommentare deaktiviert für Israel/Palästina – Folgen einer „Erbsünde“

Seit nunmehr 68 Jahren schwelt ein Dauerkonflikt unmittelbar vor Europas „Haustür“. Eigentlich begann er bereits 1943; schon während des 2. Weltkriegs bemühte sich Theodor Herzl, ein österreichisch-ungarischer Schriftsteller, der heute als (einer der) Begründer des modernen politischen Zionismus gilt, in Verhandlungen mit den (damals absehbaren) Siegermächten USA, Großbritannien und Frankreich, für die Juden einen eigenen Staat zu gründen. Zur Wahl standen Argentinien, der Nordosten Ugandas und eben Palästina, das insofern günstig erschien, als es dort einerseits nur eine lose Ansammlung hauptsächlich noch nomadischer Volksstämme gab und die Besiedelung ausgesprochen dünn war. Herzl votierte für das heutige Staatsgebiet Israels unter Hinweis darauf, daß dies das „angestammte Staatsgebiet des Volkes der Juden“ seit 2.400 Jahren sei.
Israel:Palaestina – Folgen einer Erbsuende
Zwar stimmten die Westmächte diesem Plan Theodor Herzls zu, aber die Begründung war insofern völlig falsch, als es niemals ein „Volk“ der Juden (im staatspolitischen und völkerrechtlichen Sinn des Wortes) gab; vielmehr betraf die Vertreibung (‚Diaspora‘) die Religionsgemeinschaft der Juden. Aber dieses Märchen hält sich bis heute und wird speziell von Zionisten und orthodoxen Juden auch weiterhin nach Kräften genährt.

So wie die ehemaligen Kolonialherren Afrikas (unter Mitwirkung der Belgier und Italiener), die zehntausende von seßhaften und nomadisierenden Stämme Afrikas in 51 Länder (heute 55) mit schnurgeraden Grenzen meinten, nach Gutdünken einteilen zu müssen/dürfen – ohne jegliche Rücksicht auf kulturelle Hintergründe und familiäre Zugehörigkeiten –, so selbstherrlich-arrogant wurde auch Palästina, ohne Rücksicht auf dessen unterschiedliche Volksgruppen und Stämme 1948 zum ‚Staat Israel‘ erklärt.
Für die dort lebenden Palästinenser kam auch wenig Unterstützung vonseiten der übrigen arabischen Welt, da die angrenzenden Länder mehrheitlich bereits als Nationen organisierte Staatsgebilde darstellten und ihnen nomadisierende Palästinenser als Nachbarn wenig behagten. Insofern erlitten die Palästinenser ein ähnliches Schicksal wie die Kurden in der Türkei (und fünf weitere Nachbarländer), Sintis/Romas in Europa und die Oromos, der einst größte afrikanische Stamm im Osten Afrikas (Ruanda, Burundi,Kongo/Zaire, Uganda und Kenia).

Heute stehen sich allein im Gazastreifen, der nur wenig größer als der Landkreis München ist, etwa 100.000 militärisch hoch-aufgerüstete Israelis und hunderttausende, teilweise in bitterster Armut lebende palästinensische Flüchtlinge gegenüber.
Und auch in der Westbank, einer Enklave zwischen Jordanien und dem Mittelmeer, herrscht derzeit eine nur trügerische Ruhe, die von ständigen Übergriffen aus und auf Israels arabische Nachbarn begleitet wird.

Daß die Gründung des Staates Israel auf höchst ignoranten, aber opportunistischen Plänen der Westmächte und einem völkerrechtlichen Mythos beruht, kann nicht über die schier ausweglose Lage hinwegtrösten, daß dieses Gebiet sich bis heute in einem latenten Kriegszustand befindet, für den es eigentlich nur eine einzige Chance dauerhafter Befriedung gibt – eine völkerrechtlich und von beiden Seiten anerkannte ‚Zwei-Staaten‘- Lösung. Dem verweigern sich aber die Hardliner beider Seiten und berufen sich dabei – wie könnte es anders sein – auf den jeweiligen göttlichen „Befehl“, die „ungläubige“ Gegenseite ins Meer zu treiben, egal um welchen Preis an Menschenleben.
Die Völkergemeinschaft (unter der euphemistischen Bezeichnung UNO) steht diesem permanenten Brandherd völlig hilflos gegenüber; zu einseitig sind die jeweiligen Interessen. Und deshalb konnte es sich die israelische Regierung seit 1948 auch seelenruhig erlauben, 32 UN-Resolutionen zu ignorieren – um den Preis, daß inzwischen die dritte Generation junger Israelis lernen mußte, in einem lebenslangen Kriegszustand und ständiger Gefahr leben zu müssen.
Da mutet beinahe pervers an, daß bis heute 11 Friedens-Nobelpreise an Vertreter der dort involvierten Kriegsparteien (plus US-Präsidenten) verliehen wurden. Geändert haben sich in diesen 68 Jahren allenfalls die Effizienz der dort eingesetzten Waffen und die Brutalität der Gegner.

Haß, ob religiös oder säkular (z.B. als Rassismus) getarnt, ist die gefährlichste Form der Dummheit!

H.-W. Graf

16. April 2013

Die Machtlosigkeit der Untätigen

16. April 2013|Gesellschaft, Kultur und Geschichte, Politik|Kommentare deaktiviert für Die Machtlosigkeit der Untätigen

– Wer Europa wirklich liebt, sollte es nicht vergewaltigen –

Der Traum von einem ‚vereinten Europa‘ ist so alt wie die Geschichte des ‚homo sapiens europaensis‘. Griechen und Römer haben sich ebenso daran versucht wie Engländer und Franzosen, Deutsche, Österreicher und Russen. Unzählige Geschlechter und Herrscherhäuser unterschiedlicher Provenience versuchten sich daran; manche wollen die Idee Karl dem Großen unterjubeln, andere Napoleon, Peter dem Großen oder Maria Theresia.

Die Konstrukteure des jüngsten Versuchs der Schaffung eines ‚Vereinigten Europas‘ berufen sich auf die „Römischen Verträge“ (1957 – EWG, Montanunion, Euratom). Hierbei stand erstmals nicht die Machtphantasie eines testosteronüberladenen Größenwahnsinnigen im Vordergrund, sondern vielmehr der Wunsch und innige Traum der Befriedung eines Kontinents, der seit fast 2.000 Jahren nahezu ununterbrochen von Kriegen weltlicher und religiöser Herrscherhäuser gepeinigt worden war – es ging darum, das Fundament für ein ‚Europa in Frieden‘ zu gießen.

So verständlich und aller Ehren wert dieser Gedanke tatsächlich ist und war, so sehr droht dieses Vorhaben aber nunmehr aufgrund der Prinzipienstarre politischer Seiltänzer wiederum zu einem Gewaltmonopol ganz anderer Art zu werden; statt den über fast 2.000 Jahre gewachsenen kulturalen Unterschieden Raum zu geben und für bislang Trennendes gleichzeitig verbindliche, einigende Angebote bereitzustellen, wird nunmehr von den Protagonisten möglichst alles vereinigt, vereinnahmt und vereinheitlicht, was diese natürliche Buntheit und Unterschiedlichkeit dereinst kennzeichnete. Buchstäblich alles soll über einen Kamm geschoren, denaturalisiert und gleichgeschaltet werden, was heute noch sehr liebenswert an Unterschieden existiert. Alles, was nach Unterschiedlichkeiten „riecht“, muß ausgemerzt und europäisch „genormt“ werden – gleiche Lebensbedingungen und -inhalte vom Nordkap bis nach Sizilien (oder gleich noch inkl. der Maghreb-Staaten sowie der frankophonen Länder Afrikas) und von der Algarve bis zum Ural – bzw.: Wo endet eigentlich Europa im Osten?
[Immerhin reicht Rußland, was ja beim Eurovision Song Contest und den Europameisterschaften zu Europa zählt, bis ans Chinesische Meer, und 92% der Türkei, die ebenfalls Europa zugerechnet wird, liegen östlich des Bosporus und mithin in Asien.]
Ist Europa im Osten überhaupt von Asien abgrenzbar? Gehören Israel und der Nahe Osten noch zu Europa oder sollen sich die arabischen/muslimischen Staaten wahlweise zu Europa, Afrika oder Asien gehörig entscheiden? Und was ist mit den 14 Gebieten in der Karibik und im Pazifik, die heute noch zu Spanien, Frankreich, Holland und zum United Kingdom gehören?

Egal, darüber denken die „Architekten“ des ‚Vereinten Europas‘ ohnehin nicht nach; je mehr Ländern und Nationen man die „Idee“ eines vereinten Europas schmackhaft machen kann, desto besser – Quantität kennt kein Pardon und Näheres brüten die Eurokraten in Brüssel, Straßburg und Luxemburg schon als Gesetze aus. Ob und inwieweit damit die kulturelle Vielfalt und das natürlich gewachsene Empfinden der (ohne jegliches demokratisches Mitspracherecht) „unterworfenen“ Menschen damit verletzt und ausgehebelt werden, interessiert die EU-trunkenen PolitikerInnen nicht im mindesten.

Alle Inhalte individueller Lebensgestaltung, Familie und Beruf, sämtliche Inhalte der Bildung und Kultur – alles wird genormt und vereinheitlicht. Traditionelle Arbeits- und Lebensgewohnheiten – vom Speiseplan bis zur (klima-)bedingten Siesta –, Nahrungs- und Genußmittelindustrie, Lohn- und Gehaltsstrukturen; Brüssel, Luxemburg und Straßburg bestimmen, wie die Menschen im „Vereinheitlichten“ Norm-Europa zu leben und zu denken, zu arbeiten und zu handeln haben.
Öffentliche Aufträge müssen selbstredend europaweit ausgeschrieben werden – allen sprachlichen und kulturellen Eigenheiten zum Trotz und mit einem immensen Kostenaufwand, der automatisch die regionalen Strukturen der klein- und mittelständischen Betriebe und deren Konkurrenzfähigkeit zunehmend ausschließt.
Da muß ein Münchener Gymnasium einen portugiesischen Deutschlehrer einstellen, während eine Hamburger Deutschlehrerin nach ihrer Heirat mit einem Bayern nicht in München als Lehrerin an einem Gymnasium zugelassen wird, weil ihre Hamburger Qualifikation nicht dem Normenkatalog des bayerischen Kultusministeriums entspricht. Der sozialistische Einheitswahn macht natürlich auch vor dem unterschiedlichen Verhältnis der Menschen zu übergeordneten staatlichen Strukturen nicht Halt. So ist z.B. der Deutsche bedeutend staatsgläubiger und obrigkeits-höriger als der durchschnittlich geprägte Spanier, Grieche oder Italiener. Macht nichts, dann müssen sich letztere eben umorientieren und umerzogen werden.
Das generelle Problem – mutmaßlich das einzige Element, das bereits heute als europaweit gleichermaßen ausgeprägt betrachtet werden kann – ist die Tatsache, daß Politiker – traditionell unter dem Diktat der sie nährenden und tragenden Parteien – nicht nur fachlich zumeist völlig überfordert sind, ihnen fehlt es auch zu allermeist an jedem psychologischen und philosophischen Grundwissen, um zu ermessen, was sie in ihrem Systemwahn anrichten und wie sich die Verzwängung von mittlerweile 420 Millionen Menschen auf deren natürliche und evolutionistisch bedeutsame Konkurrenzbereitschaft und Lebensfreude auswirkt.

Politiker und die ihnen willfährig zuarbeitende Beamtenschaft denken (und handeln) ausschließlich in Funktionalitäten, nach vorgegebenen Mustern und Ordnungsstrukturen; da wird in Individualität und jedem emotionalen und intellektuellen Freiraum mehr eine Gefahr als eine Chance gesehen. Menschen müssen für Beamte und öffentlich- (un)rechtlich Bedienstete sowie die ihnen vorgesetzten Politiker, die ihrerseits ins hierarchische Konzept der Parteien eingebunden sind, vor allem jederzeit berechenbar und lenkbar sein. Die eigentliche Aufgabe des Staates – die Sicherstellung der Abwehr von Gefahren (von innen und außen) sowie die Gestaltung der öffentlichen Ordnung – sind inzwischen einer grotesken Allmachts-Phantasie gewichen, der sukzessive alles und Jeder untergeordnet wird. Damit verlieren die Menschen genau das, was ihnen für ein selbstbestimmtes und individuell gestaltbares Leben vorschwebt – ihre individuelle Freiheit.

Als besonders perfide darf in diesem Kontext bezeichnet werden, was die politischen Führer ab dem Ende des 18. Jahrhunderts (und ff. im 19.) aus dem Erbe der Urväter der Demokratie im antiken Griechenland (Heraklaitos, Demokrit, Solon und Perikles) zurechtzimmerten und was heute in praktisch allen Ländern der freien Welt unter das Diktat der Parteien gestellt wurde: Nicht die ‚demos‘ (urspr. ionisch: das Dorf, die regionale Gemeinschaft) regiert, vielmehr bedienen sich Politstrategen und Parteien jeweils dann pathetisch des Prinzips Demokratie – völlig falsch verstanden als das ‚Bestimmungsrecht der Mehrheit über die Minderheit‘, wenn es ihnen öffentlichkeitswirksam in den Kram paßt. In Wahrheit werden der Mehrheit intern und klandestin beschlossene Gesetze und Verordnungen übergestülpt, ohne daß hierzu die Mehrheit der davon betroffenen Menschen befragt oder zur Abstimmung gebeten wird. Es geht um (partei)politische Interessen, Machterhalt und den Ausbau der Kontrolle einer sich als politische Elite empfindenden Minderheit über die Masse der Bevölkerung.

Demokratie setzt grundsätzlich zwei Dinge voraus: zum einen die Kenntnis um Zusammenhänge, um die es bei der jeweiligen Abstimmung geht; zum anderen muß der über einen zur Abstimmung anstehenden Sachverhalt Aufgerufene von den Folgen der Abstimmung unmittelbar betroffen sein. Dies bedingt denklogisch, daß echte Demokratie immer nur eine regionale
Veranstaltung sein kann. Anders ausgedrückt: Überregionale, nationale oder gar europa- (oder welt-)weite Demokratie kann es per se überhaupt nicht geben. Wer auf diesbezügliche Forderungen oder Versprechungen von Politikern hereinfällt und pathetischen Worthülsen (auch der Medien) Glauben schenkt, sollte entweder seinen Verstand benutzen oder einen Neurologen aufsuchen.

Auch diesbezüglich ist das Vorgehen der EUrokraten in Straßburg, Brüssel und Luxemburg ein trauriges Beispiel für die völlige Verwahrlosung der politischen Sitten. Auf ein ‚demokratisches Selbstverständnis‘ berufen sich Politiker allenfalls in Sonntagsreden und bei öffentlichen Auftritten; in Wahrheit stört die politischen Ränkeschmiede nur eines: die Bevölkerung.

Demokratie, wie sie heute von Parteien und Politikern praktiziert wird, ist die
angemaßte, fremdgesteuerte Herrschaft der entmutigten, resignierten, ignoranten
und desinteressierten Mehrheit über die Minderheit der restlichen Bevölkerung
.“
(J.-L. Earl, dt. Querdenker)

Führten in früheren Zeiten die jeweils stärksten und erfahrensten Tiere ein Rudel, so erweist sich das zerebral höchst entwickelte „Rudeltier“, der Mensch, immer mehr als eine evolutionäre Fehlentwicklung. Hoffnung gibt, daß sich die parteipolitisch kujonierte Gesellschaft – und hier steht Europa sicherlich an vorderster Stelle – immer mehr in ihrer eigenen formalistischen und bürokratischen Verzwängung auf die systemische Katastrophe zubewegt. Der sich gerade im Zuge der „Vereinheitlichung“ Europas abzeichnende höchst widernatürliche Wahnsinn ist auf Dauer weder wirtschaftlich, finanziell und bürokratisch, noch energetisch, emotional und intellektuell überlebensfähig.

Wir treiben in immer groteskerer Form auf einen gesellschaftlichen Super-Gau zu, bei dem sich die Unmenschlichkeit dessen, was Bürokratien und parteipolitische Machtübergriffe bereits bis heute angerichtet haben, als nicht mehr überlebensfähig entlarven wird; mutmaßlich ist dies der von Fridjof Capra und Karl Popper in den 50er Jahren vorhergesagte ‚evolutionäre Zeitensprung‘.

Zurück zum Hier und Heute: Wer die Menschen in ihrer Genialität und individuellen Lebensfreude wirklich liebt und ihnen die Chance der Entfaltung universeller Schaffenskraft und Lebensfreude bieten möchte, muß eo ipso auf alle ideologischen Verzwängungen – seien diese sakraler oder säkularer Art – verzichten, was weder mit Anarchie und völliger Kontrolllosigkeit noch mit Bedingungslosigkeit und egomaner Gleichgültigkeit zu verwechseln ist. Aber genau dem stehen die festgefahrenen Strukturen egozentrischer Machtpolitik und das völlige Fehlen eines humanogenen Selbstverständnisses unserer Politiker entgegen.

Wer darauf baut, daß es irgendwann der Mehrheit der Bevölkerung zu viel wird, sich 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr gängeln, am Halsband von Vorschriften durchs Leben führen zu lassen, überschätzt das Potential der Masse, sich selbst zu behaupten und eigene Freiheiten einzufordern. Es sind die Basis-Normierungen, denen ein Kind schon in der pränatalen Phase und, weitergehend, bis zum Alter von etwa vier Jahren – hier beginnt der kleine Mensch, erstmals seine eigene Individualität zu entdecken und seine eigenen Bedürfnisse auch einzufordern – ausgesetzt ist, in denen wir schon derart stark ins strukturelle Geflecht sowohl unserer Familie (Primärumfeld) als auch unserer näheren Umwelt (Sekundärumfeld) eingebunden werden. Aus diesen Primär- und Sekundär-Normierungen finden die meisten Menschen ihr Leben lang nicht heraus – außer zu kurzen Stipvisiten (Urlaube, Sport, Hobbys), um dann aber wieder in ihr ‚Alltags(er)leben‘ einzutauchen.
[Interessant hierbei: Beschäftigt man sich mit den Biographien berühmter Forscher, Erfinder und Entdecker, Unternehmer (und leider auch brutaler Diktatoren), so zeigt sich, daß es zumeist erhebliche Brüche in der Kindheit und Jugend waren, die für die „Andersartigkeit“ dieser Menschen und deren außergewöhnliche Lebensgestaltung den Keim gelegt und den Anstoß gegeben haben.]
Doch dies entspricht nicht der Entwicklung und Lebensführung des Gros der Bevölkerung – egal in welchem Land und in welchem kulturalen Umfeld.
Darauf zu hoffen, daß das Heer der normierten und im Zuge ihrer Überlebensstrategie höchst angepaßten Masse eine Veränderung der heutigen Fehlentwicklungen der Gattung Mensch bewirken dürfte, könnte oder müßte, ist also ein trügerischer Fehlschluß. Nein, das System selbst muß (und wird) sich als nicht mehr regierbar und finanzierbar selbst zerstören.
So absurd es klingt: Nicht die reale Machtlosigkeit der eingeschüchterten und normierten Masse ist der Grund für die hemmungslos ausgelebte Machtpolitik der Parteien und der von ihnen errichteten, sie am Leben haltenden Strukturen, sondern die Unfähigkeit der Masse, sich ihrer eigentlichen Potenziale und Macht bewußt zu werden, mittels derer sie ihre Lebensumstände verändern und den anmaßenden Machtstrukturen, von denen sie sich beherrschen läßt, das Ruder aus der Hand zu nehmen.

Was die politischen „Eliten“ am Ruder hält, ihnen gestattet, ihre größenwahnsinnigen Allmachtsphantasien auszuleben und sich auf dem Rücken und der Arbeitsleistung der Bevölkerung unbotmäßig zu bereichern, ist die Angst der Masse vor Veränderungen. Die desinformierte, emotional und intellektuell manipulierte und korrumpierte Masse läßt sich einschüchtern und unter Kuratel halten, mit leeren Versprechungen abspeisen und glaubt nur allzu gerne, was ihnen die politischen Rattenfänger vorpfeifen. Sie gleichen Wellensittichen, die selbst bei offenen Käfigtüren lieber auf ihrer Stange hocken bleiben – den Maiskolben und den Wassernapf vor Augen –, statt die angebotene Freiheit zu nutzen und – lieber als Adler, denn als Wellensittich – den Himmel zu erobern.
Politiker haben auf ihrem Weg durch die Instanzen der Parteien gelernt, den Menschen genau das zu sagen, was diese hören wollen, ohne dabei rot zu werden und vor Scham im Boden zu versinken. Und die Masse bekommt genau zu hören, was sie hören möchte – jenseits jeder Realität und Wahrheit. Erst spätere Generationen fragen dann verblüfft:
Und das haben unsere (Groß)Eltern tatsächlich geglaubt?

Inzwischen weiß jeder Europäer, daß in der Eurozone heute 10 Millionen mehr Arbeitslose existieren als vor 5 Jahren; jeder fünfte arbeitsfähige Europäer hat keinen Job, lebt also von Subventionen unterschiedlicher Art. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei durchschnittlich 30%, in einigen Ländern gar über 50%.
Nun, wer heute noch einen Job hat, möchte diesen keinesfalls gefährdet sehen; also hält er das System durch Nicht-Handeln erst einmal am Leben – in der Hoffnung auf bessere Zeiten. Solange die Politiker immer noch auf Regionen und Länder verweisen können, in denen die Verhältnisse schlechter sind als in ihrem Beritt, können sie diese barbarische Scharade noch unter Kontrolle und am Leben erhalten.
Dabei weiß im Grunde genommen jeder, daß sich die Verhältnisse zunehmend verschlechtern. Der Mensch wird immer vernachlässigbarer und ist zunehmend billig zu ersetzen durch Roboter, Maschinen und eine immer ausgereiftere Technik. Aber Veränderungen geschehen nur allmählich – vergleichbar dem allmählichen Verfall unserer körperlichen Funktionalität; auch hier werden wir erst alarmiert, wenn Unfälle oder schwere Krankheiten spontan und akut auftreten. Ansonsten gibt sich der Mensch als Opfer der Gewöhnung lieber seinem Schicksal hin, als daß er aktiv nach Veränderung und Verbesserung sucht, die eben mit persönlichem Einsatz, eigenem Bemühen und vielleicht mit einem gewissen Quantum Risiko verbunden sein könnte.

Die wachsende Abhängigkeit immer größerer Teile der Bevölkerung (in praktisch allen Ländern) von staatlichen Subventionen („Sozial“leistungen, „Tafeln“, „Food-Stamps“, „Hartz IV“, „Aufstockung von Mindergehältern“, „Ein-Euro-Jobs“, etc.) und ganzer Länder von den internationalen Finanzzentren (EZB, IWF, BIZ, IMF) kommt den Globalisten gerade recht: Abhängigkeit reduziert Freiheit!
Und auch die soziologische „Verdichtung“ der Menschheit nimmt immer mehr zu. So werden im Jahr 2050 mehr als 70% der Menschen in Städten leben, von denen etwa 100 mehr als 10 Millionen Einwohner beherbergen werden, 15 Städte sogar zwischen 35 Millionen (Tokio, Addis Abeba) und 90 Millionen (Delhi).

Wer das derzeit aufgeführte Schauspiel „Vereintes Europa“ zu Ende denkt und gleichzeitig einen scheuen Blick in andere Zonen dieser Welt [Lateinamerika, Japan, die 54 afrikanischen Staaten und den Gürtel der südlich des russischen Reiches gelegenen Länder (als ehemaligen Satelliten der Sowjetunion und heutigen GUS)] wirft, entlarvt die wahren Hintergründe sowie den absehbaren künftigen Verlauf sehr schnell: Es geht den Mächtigen der Welt – und das sind beileibe nicht die Politiker, die eigentlich nur billige Marionetten darstellen, die man aber gezielt in dem Glauben läßt, sie seien wichtig und bedeutend – um die künftige Verteilung der wirtschaftlichen und finanziellen Macht, der Märkte und Rohstoffe, und dabei stören unliebsame Faktoren, wie z.B. unterschiedliche Gesetze und Verordnungen, national-kulturell geprägte Eigenheiten, Lebensweisen und Rechtsvorschriften zur Arbeit- und Berufswelt, unterschiedliche Bildungskanons usw. recht erheblich.

Also gilt es, diese Unterschiede zu nivellieren, auszumerzen, und deshalb muß gleichgeschaltet und egalisiert werden, was heute an Unterschiedlichkeiten noch im Wege steht.
Die Masse, all dessen nicht gewahr, wird mit Hilfe der politischen Heloten und Satrapen nach den Wünschen und Zielen der großen Konzerne und ihrer Mehrheitseigner (Familien) modelliert und geformt.
Und dabei geht es um viel – vor allem um Ressourcen/Rohstoffe aller Art, Energie und Effizienz, Macht und Märkte. So werfen die vier wichtigsten globalen Momente der Veränderung unserer Zukunft schon heute ihre Schatten voraus – die Demographie (2050 werden mehr als 9 Milliarden Menschen auf dieser Welt leben), die Globalisierung (die informationelle Vernetzung, die Abhängigkeit der einzelnen Länder/Volkswirtschaften untereinander nimmt rasant zu), der Klimawandel [die Erwärmung der Erde bis 2050 um mindestens 1,5° C – lassen Sie sich vom Geschwätz der Politiker und der Al Gores dieser Welt nicht irritieren – wird die Permafrostböden in Sibirien, Alaska, Kanada und der Antarktis auftauen und zu fruchtbarem Ackerland werden lassen; gewinnen wird der Norden, Verlierer werden weite Teile der (Sub-)Tropen, die Sahel-Zone, Indien, Pakistan und Bangladesch sein] und die Ressourcen-Verknappung (wüchse der Konsum- und Energieverbrauch der Menschen bis 2050 weltweit auf das heutige Niveau der Amerikaner und Europäer, entspräche dies einem Ressourcen-Verbrauch auf heutigem Niveau von etwa 100 Milliarden Menschen).
Für diese relativ gesicherten Vorhersagen bedarf es einer entsprechenden Vorausschau und Vorbereitung. Hierfür unterhalten die weltweiten Globalkonzerne bereits heute Entwicklungszentren und (universitäre, aber staatlich unabhängige) Forschungseinrichtungen, die beileibe nicht in nationalen sondern interglobalen und supranationalen Dimensionen denken und planen. Die „Drecksarbeit“ überlassen sie einem Berufsstand, den es im Jahr 2050 wohl kaum noch geben wird, weil er schlicht bedeutungslos wird – den Politikern.
Alles deutet darauf hin, daß wir völlig andere Formen der Regierung(en) und Ordnungssysteme(n) erleben werden, die dann unser aller Leben bestimmen werden. Arbeit wird zu einem höchst luxuriösen Lebensinhalt und vielleicht ausschließlich denjenigen vorbehalten sein, die über einen extrem breiten Wissens- und Informationshorizont verfügen. Die intellektuell eher „bescheidenen“ Menschen werden sich mit relativ billiger Lohnarbeit (und mehreren Jobs) begnügen müssen. Die Zahl der Super-Spezialisten in einzelnen Teilbereichen wird angesichts der zunehmenden technischen Operabilitäten (Supercomputer und Roboter-Fertigungsstraßen) immer geringer. Zunehmen wird der Bedarf an sozio-empathischen Arbeitsplätzen (Betreuung, Pflege, Psychotherapie und Psychologie), der überwiegende Teil der Menschheit wird jedoch aus finanziell subventionierten Konsumenten bestehen, denen allerdings – nicht zuletzt um sie ruhig zu halten – ein reichhaltiges „Freizeitangebot“ zur Verfügung gestellt wird.

Man darf mithin davon ausgehen, daß – noch weit mehr als heute – die Menschen der Zukunft in einer Art Drei-Klassen-Gesellschaft leben werden: 1. die Konsumenten, 2. die Gestalter und 3. die Machtelite – deren Lebensführung und sinnvolle (oder -arme) Lebensführung höchst unterschiedlich sein dürfte.
Der Vergangenheit angehören werden jedoch Begriffe wie ‚Nationalität‘, ‚Souveränität‘ und ‚Kulturalität‘; die damit heute noch verbundenen Unterschiede und vielfältigen Ausprägungen werden nach und nach verschwinden, nivelliert und angeglichen.
Und genau für dieses Szenario dient die „Vereinigung“ Europas als Blaupause, wobei den exekutierenden Organen (Parteien und Politiker) die Medien als publizitärer Konvoi zur Seite gestellt sind und in stringenter Abhängigkeit stehende öffentlich(un)-rechtlich Bedienstete und Wissenschaftler die jeweiligen Begründungen und Rechtfertigungen zu liefern haben.
Von all diesen Zusammenhängen schwant dem Gros der Bevölkerung nicht das mindeste; die meisten Menschen verfolgen aus einer Mischung aus Verwunderung, Angst und innerer Spannung den sich gerade abzeichnenden dramatischen Wechsel nahezu aller Lebensumstände und -verhältnisse. Sie starren gebannt auf die riesigen „Leinwände“ – eine Art ‚soziologisches public viewing‘ –, wie sich die Welt und alle ihr Leben bestimmenden Paraforanden und Metaforanden verändern, auflösen und neu sortieren. Die meisten werden (und bleiben) bei diesem Vorgang zu Statisten und Rezipienten; nur die wenigsten werden wach und aufmerksam genug sein, all diese Zusammenhänge zu begreifen, emotional und mental zu verarbeiten und damit (mehr oder weniger kreativ) umzugehen lernen.

Die völlige Fehlentwicklung dessen, was sich unter dem Begriff ‚Vereintes Europa‘ heutzutage exemplarisch zeigt, könnte in späteren Jahr(hundert)en als „logischer“ Anfang vom Ende der Neuzeit erkannt und beschrieben werden.
Wer den Menschen, Europa, diese Welt und das Leben liebt, wertschätzt und achtet, muß der Vitalität individueller Lebensgestaltung auf regionaler Basis wieder mehr Raum geben, statt in ideologischer Verbohrtheit systemische Zwänge zu institutionalisieren – um jeden Preis und unmenschlich rücksichtslos.

Wir gehen einer Zeit unglaublich interessanten und nachhaltigen soziologischen Wandels entgegen, der ein ebenso neues DenkFühlHandeln mit völlig andersartigen sozialpsychologischen Parametern (Stichwort: familiäre Eingebundenheit) hervorbringen wird. Mehr denn je wird gelten: Wer sich vorbereitet, ist im Vorteil!

Jedoch muß niemandem Angst und Bange vor dem Finale, dem Zusammenbruch des pseudo-demokratischen Systems sein (wiewohl es dabei zu erheblichen und herben sozialen Verwerfungen und wirtschaftlichen Verlusten kommen wird). Wirkliche alternative Konzepte für die Zeit danach gibt es längst (teilweise seit vielen Jahrzehnten).

Sofern es Ihnen die Zeit wert ist, sich damit zu beschäftigen:

Die alternativen Konzepte des PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.:
http://www.d-perspektive.de/konzepte/

Die Lösung der Euro-Krise (Beitrag zum Wolfson Economics Prize 2012):
http://www.d-perspektive.de/zeitreport-online/politik/wirtschaftspolitik/wolfson-economics-prize-2012/

Die Macht der Information
http://www.d-perspektive.de/zeitreport-online/die-macht-der-information/

Souveränität als Lebensmaxime
http://www.d-perspektive.de/zeitreport-online/souveraenitaet-als-lebensmaxime/

Niemand ist den sakralen und sekularen Windbeuteln und Schmarotzern hilflos ausgeliefert, es sei denn, er/sie fügt sich in das eigene Ausgeliefertsein freiwillig, angepaßt und resigniert.

H.-W. Graf

19. März 2013

Kirche fördert Islamisierung

19. März 2013|Gesellschaft, Kultur und Geschichte|Kommentare deaktiviert für Kirche fördert Islamisierung

Offener Brief unseres Querdenkers Dr. Hans Penner.

In der Tat ist der Islam die derzeit gefährlichste (weil intoleranteste brutalste und uneinsichtig rückwärtsgewandteste) religiöse Strömung weltweit, wobei er nicht nur gegen alle anderen Religionen rücksichtslos und absolut inhuman vorgeht, sondern auch innerhalb der rund zwei Dutzend islamistischer Bewegungen eine unnachgiebige (Tod-)Feindschaft besteht, die vor nichts Halt macht.
Das hat Methode: Alle Religionen arbeiten mit (Todes-)Drohung, Strafe und Einschüchterung, gleichzeitig aber auch mit dem Versprechen “einzigartiger” Erlösung, Heilsversprechen und postmortaler Belohnung – solange man ihren Vorgaben folgt – und verbreitet damit Schrecken und Angst, schüchtert massiv ein und kontrolliert damit die in Abhängigkeit stehenden “Gläubigen”.

Da nützt “christliche” Anbiederung – maskiert als Toleranz, Verständnis und “Friedens”offerten – nicht das geringste.

Religiösität ist Selbstaufgabe – man delegiert eigene Lebensverantwortlichkeit auf eine “höhere” Instanz, statt sich ihr selbst zu stellen!

Muslim wird man – ohne großartige Taufzeremonie – automatisch, qua Geburt in einem islamischen Umfeld (Familie). Daß das Gros der Muslime ihre Glaubenszugehörigkeit/Religion nicht aktiv – strikt korantreu – ausleben, ist zu begrüßen, aber auch trügerisch und gefährlich. In der Tat tun sich fanatische Islamisten umso schwerer damit, ihre Glaubensbrüder und -schwestern aufzuwiegeln und zu radikalisieren, je intelligenter, gebildeter und aufgeklärter diese sind (das ist bzgl des Christentums und des Hinduismus nicht anders).
Gleichwohl stehen weltweit Hunderte Millionen Muslime, die intellektuell, materiell und emotional minderprivilegiert leben, in der latenten Gefahr, manipuliert, korrumpiert, mißbraucht zu werden und sich instrumentalisieren zu lassen. Das ist es, was den Islam – wie ehedem das Christentum! – so gefährlich macht.

Es wird wohl noch viel Irrsinn ausgelebt und Blut fließen, bis der “ho(r)mo sapiens sapiens” – frei von jeglicher religiöser Korruption, Ideologie und Manipulation – lernt, eigenverantwortlich, natürlich-ethisch und friedlich-tolerant zu leben. Alle Religionen (‘religere/relegare‘ heißt nicht nur ‘Rückbindung‘, sondern auch ‘festzurren, anbinden, fesseln‘) sind ‘per se ac definitionem‘ intolerant, introvertiert, ideologisch und damit manipulativ und korrupt.

H.-W. Graf

6. November 2011

Das Ende der Parteiend(a)emokratur (Teil 2) – Europa am Scheideweg –

6. November 2011|Gesellschaft, Kultur und Geschichte, Steuer- und Finanzpolitik|Kommentare deaktiviert für Das Ende der Parteiend(a)emokratur (Teil 2) – Europa am Scheideweg –

Das Schicksal des EURO, der Schulden-, Banken- und Wirtschaftskrise, der Wettbewerbsfähigkeiten der nationalen Ökonomien wie auch der Eurozone insgesamt sowie der Wandel in den sozialpolitischen Strukturen der europäischen Länder – all dies hängt davon ab, für welchen Weg wir uns entscheiden.

Fest steht, wohl ohne größeren Dissens, daß das über Jahrzehnte entartete System am Ende ist, weil es auf die biometrischen, wirtschafts- und sozialpolitischen Fordernisse nicht mehr adäquat reagieren kann. Das haben, außer realitätsblinden Bürokraten und machtgeilen Politikern sowie in den Hängematten des “Sozial”staates zum Teil bereits in zweiter Generation fläzende Zeitgenossen, inzwischen fast alle kapiert.

Nun gibt es zwei diametral unterschiedliche Wege, zwischen denen es sich zu entscheiden gilt, und je länger wir diese Entscheidung in ängstlichem Abwarten und irrealem Hoffen aufschieben oder zu verdrängen suchen, desto teurer werden die daraus resultierenden Folgen:

  1. Wir geben dem Größenwahn einer grün(dunkel)rotschwarz lackierten Europa-Superstaat-Fraktion grünes Licht und freie Bahn, vergessen jegliches nationalstaatliche Denken und verabschieden uns vom Gedanken eines Vielvölker-Kontinentes Europa. Wir unterstellen uns von Hammerfest bis Syracus und von Vincent bis – ja, bis wohin im Osten soll es denn gehen? – einer zentralen Europa-Regierung (à la Washington D.C), – das schlösse sämtliche, bislang nationalstaatliche Strukturen sowie die Haushaltshoheit ein. Alle nationalen Unterschiede werden eingestampft und in unseren Pässen steht unter dem Rubrum ‚Nationalität’ künftig ‚USE’ (‚United States of Europe’ – natürlich mit Englisch als erster Amtssprache. Skandinavier und Südeuropäer, Spanier und Polen, insgesamt rund 40 Länder mit 25 unterschiedlichen Sprachen opfern ihre bisherige Identität und sind künftig eine singulare Nation.Alle bisherigen sprachlichen, kulturellen und historisch gewachsenen Unterschiede werden nach und nach eliminiert – notfalls per Dekret aus Brüssel oder Luxemburg. Sämtliche Lebensbereiche, Schulen und Berufsleben, Sozial- und Wirtschaftssysteme, Verwaltung, Rechtswesen und die dafür notwendige Bürokratie – von der Wiege bis zur Bahre – werden innerhalb von etwa drei Generationen komplett vereinheitlicht (und in GB fährt man dann rechts!). Daß dies nicht nur das Ende individueller Identitäten der Völker Europas, sondern auch des in Agonie noch kläglich flackernden Restgedankens der Demokratie bedeutete, müßte/sollte jedem Verfechter dieser Idee klar sein; ein unverstellter Blick in die Riesenreiche auf unserem Planeten – USA, Rußland, China, Indien und Brasilien – beweist dies; sie alle stehen vor der drohenden Gefahr des Zerfalls und der Auflösung.

 

  1. Wir erkennen mithilfe des Restbestandes an humanistischer Bildung, daß wirkliche Demokratie immer nur auf lokaler/kommunaler Ebene funktionieren kann (man schlage nach bei Demokrit, Herakleitos, Solon und Perikles) und, folgerichtig, daß unsere – weltweit gepflegten und mühsam bis barbarisch verteidigten Formen von – Parteiend(a)emokraturen keine Zukunft haben (Lesen Sie hierzu auch: Das Ende der Parteiend(a)emokratur (Teil 1) – Beginn einer neuen Ära –).Nationalstaatliche Ordnungspolitik kann per se nicht demokratisch sein – es sei denn, der Staat hätte die Größe einer Kleinstadt. Nicht im Sinne kleinstaatlicher Vorgestrigkeit, sondern eigenverantwortlicher Selbstbestimmtheit wird autonomen Kommunen (lat.: communis = gemeinschaftlich) als Basis-Sozialstrukturen wieder der Vorrang eingeräumt (sh.: www.d-perspektive.de/konzepte/demokratie-und-rechtskonzept/). Sie bestimmen als grundsätzlich autarke Einheit die Sozial-, Wirtschafts- und Rechtspolitik ihrer Region (s.h.: www.d-perspektive.de/konzepte/steuer-wirtschafts-und-sozialkonzept/) und entscheiden selbständig, zu welchem Zweck und Behuf sie mit anderen Regionen zeitweilig oder dauerhaft Bündnisse eingehen – strikt nach dem absolut verbindlichen Delegationsprinzip, das auf regionaler Basis in Teilen der Schweiz, City Councils in Bundesstaaten der USA, Schweden und Norwegen bereits glänzend funktioniert. Hintergrund dieser Idee ist das logische Verständnis dafür, daß wirkliches Sozialempfinden auch nur in sozial(gemeinschaftlich)er Nähe er- und gelebt, nicht jedoch überregional oktroyiert, gesetzlich verordnet und erzwungen werden kann. Gilt dies bereits heute, auf nationaler Ebene, so umso mehr auf transnationaler, europäischer Ebene. Die sozialsten Strukturen – im Sinne zwischenmenschlicher Nähe und nachbarschaftlicher Hilfe – finden wir in dörflichen, kommunalen Entitäten, beileibe nicht auf Landes- oder staatlicher Ebene.
    Daß dies das Ende des heute sämtliche Lebensbereiche verzwängenden Bürokratismus’ sowie der parasitären Parteienmoloche mit ihren Heerscharen korrupter Lobbyisten wäre, versteht sich von selbst (und dürfte, abgesehen von den Parasiten selbst, von Jedermann begrüßt werden). Welches persönliche Engagement plötzlich freigesetzt würde, zeigen Feste, Veranstaltungen und Initiativen aller Art, die auf Gemeindeebene organisiert werden – sofern sie nicht durch hoheitliche Eingriffe be- und verhindert werden.

Wir sind – an o.g. Scheideweg stehend – von der endgültigen Verunfreiung durch die Allmachtsphantasien von Eurokraten bedroht, für die persönliche Macht weit vor dem humanistischen Ideal individueller Freiheit rangiert. Sie sprechen dem Einzelnen sowohl das Recht als auch die Fähigkeit zu einer eigenverantwortlichen Lebensgestaltung ab und euphemisieren dies mit Begriffen wie ‚soziale Verantwortung’ und ‚Fürsorge’ – in der (leider berechtigten) Hoffnung, daß das Gros der Bürger zu bequem, feige und desinformiert ist, um hinter die Kulissen zu gucken.

Nunmehr ist diese Scharade, dieses „sozial“politische Vexierspiel am (finanziellen) Gefrierpunkt; die papageiigen Roths und blasierten Tritti(h)ns, dummdreisten Özdemirs und arroganten Steinbrücks, rückgratlosen Merkels und rücksichtslosen Schäubles, westergewellten Lindners und larmoyanten von der .Leyens, naive Rößleins und feistdreiste Gabriels sind mit ihrem Latein (selbst dem kleinsten Latinum) restlos am Ende; von den Großmäulern am Po und der ‚Grande Nation’ gar nicht zu reden.
Letzten Endes entscheiden aber wir alle – ungeachtet der Tatsache, daß diese politischen Glühwürmer (vulgo: Parteien) nichts mehr fürchten als wirkliche Demokratie – ob wir diese zukunftsträchtige Entscheidung dafür völlig inkompetenten Hasardeuren überlassen, oder – auch in der Verantwortung für unsere Kinder und künftige Generationen – selbst in die Hand und Artikel 20 (Satz 4; das ‚Recht auf Widerstand’) des Grundgesetzes ernst nehmen. Wir dürfen dieses Land und seine Zukunft nicht religiösen Fanatikern und kotfarbenen Neonazis überlassen; schon Goethes Farbenlehre beweist: Rot und Grün gemischt ergibt Braun!

Wie ernst die Situation ist, werden wohl erst die nächsten Geschichtsbücher vermitteln; die jeweils betroffene Generation, das lehrt die Geschichte, mißdeutet zumeist die „Zeichen an der Wand“ und (re)agiert oftmals gar nicht oder zu spät.

Zu Panik besteht keinerlei Anlaß, sehr wohl hingegen dafür, aufzuwachen, mitzudenken und zu handeln!

H.-W. Graf
6. November 2011

Öffnen wir der Zeitenwende die Tür!

6. November 2011|Gesellschaft, Kultur und Geschichte|Kommentare deaktiviert für Öffnen wir der Zeitenwende die Tür!

Nach Tausenden von Nachrichten, Artikeln, Stellungnahmen von Politikern, Bankern und anderen „Experten“, Talkshows, Kongressen, Telefonkonferenzen und Vorträgen darf die ernüchternde Diagnose erlaubt sein: Diejenigen, die uns qua Amt und Funktion in die Zukunft führen sollen, eint Hilflosigkeit und Ratlosigkeit sowie der eiserne Wille, nichts zu unternehmen und zu wagen, was ihre Macht und Position gefährden könnte.
Das Problem ist nur, daß die Masse der Menschen – national wie international – verunsichert und hilflos darauf wartet, daß genau diese „Führungskräfte“ ihnen den Weg in die Zukunft zeigen und öffnen, selbst aber wahlweise in Wut oder Trauer, Hoffnung oder Resignation verharrt.

Allen „Experten“ gemeinsam ist, daß sie den Kranz der heutigen Probleme jeweils nur aus ihrem eigenen Fachbereich betrachten, ihnen der Blick dafür verstellt ist, daß es gar nicht mehr darum geht, singuläre Probleme zu lösen, sondern die multiplen Facetten der Gesamtproblematik als Ganzes zu analysieren, zu verstehen und als ganzheitliches Problem zu lösen.
Damit darf lakonisch konstatiert werden: Diejenigen, die sich selbst als kompetente Experten sehen und als solche äußern, sind per se völlig ungeeignet, uns aus dem Sumpf der ganzheitlichen Problematik herauszuführen.

Die einzelnen Ressorts der Politik, der Wissenschaft sowie der meisten Berufe haben ein Eigenleben entwickelt, das den Blick für Zusammenhänge immer mehr verloren hat. Kein Wunder, daß die Multiplexität in sämtlichen Berufen, allen Sparten der Wissenschaft wie auch der Politik ein immer komplexeres Eigenleben entwickelt hat und damit der Blick für die Ganzheitlichkeit immer mehr verloren gegangen ist.
So haben heute Mediziner aller Fachrichtungen so gut wie keine gemeinsamen Sprachfelder mehr; Sozial-, Wirtschafts-, Finanz-, Bildungs- und Justizpolitiker können sich allenfalls noch auf ein gemeinsames Datum einigen, haben aber keinerlei ressortübergreifendes Verständnis für das, was in den unterschiedlichen Ministerien und Abteilungen vor sich geht. Jeder ist auf die Inhalte seiner spezifischen Tätigkeit reduziert und in den übergreifenden Strukturen wird ausschließlich in den Größenordnungen von Machterhalt, Umsatz und Gewinn gedacht und gehandelt. Dieses systemische Denken in systemisch abgegrenzten Arbeitsbereichen hat uns in immer feineren Verästelungen in den einzelnen Subsystemen inzwischen an einen Punkt geführt, der die mit den spezifischen Problemen Beschäftigten ebenso rat- und hilflos macht wie diejenigen als Bezieher und Nutzer, als Bürger des „Öffentlichen“ Dienstes.
Hinzu kommen weitere Verästelungen auf föderaler, regionaler und kommunaler Ebene, die sich noch weitergehend spezifiziert und voneinander wegentwickelt haben.
Dies ist der Grund, warum nicht nur den Bürgern, sondern auch den für die jeweiligen Ressorts des „Öffentlichen“ Dienstes Tätigen jede Übersicht verloren gegangen ist.
Infolge dieser verhängnisvollen Diversifizierung (z.B. in der Steuer-, Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitik) hat sich aber auch die gesamte Justiz und deren Rechtsprechung völlig unterschiedlich entwickelt, was dazu führt, daß eigentlich gleichem Recht unterstehende Gerichte diametral unterschiedliche Urteile sprechen.

Gilt diese Beschreibung eines völligen Chaos in praktisch allen Lebensbereichen für ein Land, so gilt sie umso mehr für den zunehmenden Drang von Regierungen und politischen Organisationen, sich transnational zu vereinigen und für den zweifelhaften Versuch, jenseits von über Jahrhunderte gewachsene kulturelle Unterschiede übergeordnete Strukturen stülpen zu wollen – hin zu einer „Weltordnung“ in allen Lebensbereichen.
Dahinter steht aber ein völlig falsches und in seinen Auswirkungen höchst fatales Menschenbild und der halsbrecherische Versuch, die Spezies homo sapiens sapiens in ein alle Lebensbereiche umfassendes, gemeinsames Raster zu schieben, zu uniformieren und (vorgeblich) zu vereinheitlichen.
Ultimativ sollen dann Finnen und Chilenen, Afrikaner und Asiaten, US-Amerikaner und Chinesen, Isländer und Australier in gleicher Weise und nach gleichen Gesetzen leben, denken, fühlen und handeln.

Dieser abstruse Spagat – „Gleichheit“ aller Menschen bei gleichzeitig immer weiter wachsender Subspezifizierung aller Lebens- und Arbeitsbereiche – kann nicht gelingen; dies gliche nämlich dem Versuch, alle Tiere oder Pflanzen auf diesem Planeten zu vereinheitlichen und Fischen das Fliegen, Würmern das Jaulen beizubringen oder Schlüsselblumen in Baumhöhe zu züchten.

 

Wie sähe eine Lösung aus diesem Dilemma aus?

Grundsätzliche Voraussetzung wäre ein Abschied davon, immer größere Strukturen zu schaffen, denen man völlig unterschiedliche Lebens- und Verhaltensweisen meint, unterordnen zu müssen.
Genau darauf fußt das ‚alternative Demokratie- und Justizkonzept’ des ‚ PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.’ (http://www.d-perspektive.de/konzepte/demokratie-und-rechtskonzept/), was der regionalen Autonomie und Autarkie wieder den entsprechenden Platz einräumen würde, den es zu Beginn der Idee der ursprünglichen Demokratie im antiken Griechenland hatte. Alle darauf aufbauenden transkommunalen und überregionalen Projekte (Krankenhäuser, Flughäfen, Häfen, Universitäten, etc.) wären dann im Wege einer strikten Delegatiokratie zu lösen.

Aus dem das ‚alternativen Demokratie- und Justizkonzept’ des ‚PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.’:

Entwurf einer Verfassung

Jeder Mensch erwirbt durch Geburt das grundsätzliche Recht auf freie körperliche, geistige und emotionale Selbstverwirklichung, aber auch die Pflicht, sich den demokratisch beschlossenen Regeln einer Gemeinschaft zu unterstellen – der er in freier Entscheidung betritt – , solange er dieser angehört. Im Gegenzug übernimmt die Gemeinschaft den Schutz des Einzelnen – den sie in ebenso freier Entscheidung aufnimmt und solange sie ihn duldet -, soweit er dies nicht selbst vermag.

In gleicher Weise wären die Steuer-, Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik transkommunal – für freiwillig und unabhängig vereinbarte Wirtschaftsräume! – in ihrer Gesamtheit durch das ‚alternative Steuer-, Wirtschafts-, Finanz- und Sozialkonzept’ zu reformieren: http://www.d-perspektive.de/konzepte/steuer-wirtschafts-und-sozialkonzept/

Letztlich gelte es aber auch, den gesamten Bereich der Bildung dahingehend neu zu sortieren, daß die entsprechenden Bildungskompetenzen jedes Einzelnen wieder wichtiger werden und mehr zählen als die jetzige gültige Maxime, nach der Bildung ausschließlich als hoheitliche Aufgabe dazu dient, Menschen in genormter Weise und vornehmlich dem Staatsgedanken dienlich zu braven Bürgern und Konsumenten erziehen zu wollen.
Auch hierzu bietet der ‚PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.’ ein alternatives Konzept (http://www.d-perspektive.de/konzepte/bildungskonzept/ ), welches sich derjenige, der um eine Reform des heutigen Chaos im Bildungswesen bemüht ist, einmal ansehen könnte.

Fazit

Wir brauchen nicht mehr, sondern weniger Staat, denn gerade der staatspolitische Größenwahn mit seinen Allmachtsphantasien ist für den größten Teil unserer heutigen Probleme verantwortlich, und seine Protagonisten sind in höchstem Maße schuld an der galoppierenden Dehumanisierung immer weiterer Bereiche unseres Lebens.

Mit der heutigen, völlig schizophrenen Vorgehensweise, Menschen völlig unterschiedlicher Herkunft, Tradition, Lebensweise und Lebensumstände zwangsweise immer weiter vereinheitlichen zu wollen, andererseits aber einer immer höheren Spezifizierung und Diversifizierung in allen Lebensbereichen zuzuarbeiten, muß Schluß sein, da dieses völlig unsinnige Unterfangen immer größere Ungerechtigkeiten provoziert, Menschen immer mehr ihrer Autonomie und Selbstverantwortung enthebt und immer größere Verwaltungsstrukturen im „Öffentlichen“ Dienst schafft, die (schon heute) nicht mehr zu bezahlen ist.

Wer der derzeitigen Situation – kollabierende Sozialsysteme aufgrund der demografischen Entwicklung einerseits und chancenlose Länder mit Heeren von arbeitslosen Jugendlichen andererseits – sinnvoll begegnen will, kommt um eine ganzheitliche Sichtweise und eine Lösung aus systemischen „Gefängnissen“ hin zu einer schematischen Öffnung seiner Sichtweisen – und dies gilt für buchstäblich alle Lebensbereiche – nicht herum.

Mir ist völlig klar, daß die oben geäußerten Gedanken das Gros der Menschen kaum zu erreichen vermag, vor allem diejenigen, die entweder längst resigniert haben oder denen es zu anstrengend ist, sich mit mehr als einem halbwegs gefüllten Kühlschrank und einem auf 50 Kanäle ausgelegten Fernsehgerät zu beschäftigen.
Doch, wer immer sich nicht nur um seinen unmittelbaren Lebensbereich kümmert, sondern bereit ist, sich auch mit der Zukunft unserer Kinder und Enkel zu beschäftigen, dem seien diese Gedanken gewidmet und ans Herz gelegt.

H.-W. Graf
5. November 2011

Und neues Leben blüht aus den Ruinen

5. November 2011|Finanzen / Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Geschichte|Kommentare deaktiviert für Und neues Leben blüht aus den Ruinen

– Über den Zusammenbruch von Systemen –

Wer sich nicht darauf beschränkt, die täglichen Horrormeldungen aus Politik und Wirtschaft, der Welt der Waffen und Wertpapiere medial zu konsumieren und ob des Versagens der Parteipolitiker resigniert den Kopf oder wütend die Fäuste zu schütteln ,könnte den Verdacht wittern, daß er selbst als Teil einer Masse versagt hat, indem er stillschweigend und bequem, vor allem aber zu lange toleriert hat, das das gesellschaftliche System in all seinen Facetten völlig aus dem Ruder gelaufen ist.

Wir gleichen Gästen auf einem Ozeanriesen, die für viel Geld (Steuern) bei einer Reiseagentur (Partei), die uns medial umworben hat, eine luxuriöse Kreuzfahrt gebucht haben, und nun, auf hoher See, stellen wir fest, daß Kapitän und Offiziere als Hobbysegler heillos überfordert sind. Der ganze Kahn ist verrottet und teilweise leckgeschlagen. Statt idyllischem Wetter sehen wir uns in Sturm und Kälte gefangen, aus verrotteten Vorräten werden Notmahlzeiten serviert, veraltete Maschinen ächzen im Kampf mit der rauhen See.
Was wir als „Schnäppchen“ gebucht haben, erweist sich nun als Himmelfahrtskommando, und da tröstet uns auch wenig, daß wir Funksignale (Nachrichten) anderer Schiffe (Staaten) empfangen, die in noch größeren Kalamitäten stecken oder bereits im Sinken begriffen sind.
Letztlich sind wir verantwortlich, denn wir glaubten den Reiseprospekten (Parteiprogrammen), die uns Werbeagenturen (Medien) wohlfeil boten und freuten uns über Werbegeschenke (Steuerentlastungen, „Sozial“leistungen, Subventionen), ohne zu überlegen, wer diese denn wohl bezahlt. Wir ließen uns von Rattenfängern verführen, wie Mäuse mit Speck und Käse in die Falle locken und bejammern nun, im Käfig unseres politischen Systems zu hocken. Wir haben Crews (Parteien), Offizieren (Ministern) und Kapitänen (Kanzlern, Präsidenten) Vertrauen geschenkt, die erst an Bord begannen zu lernen, für was sie sich vorher schon als kompetente Fachleute angepriesen haben – Hochstapler und Etikettenschwindler; dafür würde man in anderen Berufen in den Knast wandern.

Zurück auf See: Was nützen uns hier, konfrontiert mit haushohen Wellen, die übers Deck schlagen, unsere Lebensversicherungen und Altersvorsorgen, Hypothekenbriefe und Kommunalobligationen, Gold und Silber – ob in Münzen oder als Schmuck – Aktien oder Wandelanleihen?
Und immer noch brüllen Offiziere und Mannschaften diffuse Durchhalteparolen und sinnlose Befehle, beordern Passagiere nach Backbord oder Steuerbord, von Luv nach Lee, in den Bug oder ans Heck – je nach Höhe und Art der Wellenkämme, die ängstliche Maate aus dem Mastkorb zu sichten glauben.

Die „Flotten“ (EU, USA, GUS, NATO, IWF, Weltbank, ESM, ESFS, usw.), zu denen sich einzelne Schiffe (Staaten) zusammenschlossen, stecken in der gleichen systemischen Falle wie jedes einzelne: Selbsternannte Kapitäne, so inkompetent wie ihre Offiziere (Minister), hilflose Mannschaften (Exekutive, Beamte), überforderte Logistik (Bürokratie) und dazwischen realitätsferne Himmelskomiker unterschiedlicher Couleur (Religionsapologeten), die Durchhalteparolen absondern. Panik macht sich breit und, in ihrer Begleitung, zunehmender Egoismus.
Daß sich unsere Schönwetter-Crews, die Schiffe, Besatzungen und Passagiere in Gewässer schipperten, vor denen wirkliche Fachleute seit Jahrzehnten und Jahrhunderten gewarnt haben, nun heillos überfordert sehen, beweisen die Meutereien auf einigen dieser Schiffe (Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Syrien, Jemen, Bahrain); andere, heute noch vergleichsweise stabilere, werden folgen. Und ob auf dem einen Schiff die Nahrung oder auf dem anderen der Treibstoff ausgeht oder die Maschinen und die öffentliche Ordnung kollabieren, ist beinahe sekundär.

Nun ist jeder Sturm ein Ereignis auf Zeit, jeder Ozean begrenzt und auf jedem „Kreuzfahrtschiff“ befinden sich Passagiere mit unterschiedlicher Fachkompetenz. Da wäre es doch sinnvoll, mal die Passagierlisten durchzugehen und zu überlegen, wo wirkliche Kompetenzen schlummern, wen man in die Verantwortung bitten, wem man das Kommando übertragen könnte.

 

Die Masse be- und verhindert jeden Fortschritt.

Meuterei ist die klassische Form revolutionärer Systembrüche und seit jeher das ultimative Mittel, falsche Führer – Despoten, Egomanen und völlig Überforderte – loszuwerden. Nicht zuletzt aus Angst vor derartigen Systembrüchen wurde Meuterei seit jeher mit dem Standrecht (Verwurf des Rechts auf eine ordentliche Gerichtsverhandlung) und der sofortigen Exekution geahndet.
Aber nicht nur die politischen/militärischen/wirtschaftlichen Systemverwalter und ihre Heloten (Beamte, Minister, Adel und Offiziere) fürchten seit jeher Revolutionen, Machtwechsel und Meutereien. Auch die Masse (Volk, Heer) scheut vor einem abrupten Wechsel der Macht zurück, nach der Devise: Lieber eine in ihren Dimensionen bekannte Misere, Leid und sogar Elend, als das Unbekannte, das qualitativ und quantitativ Nicht-Erfaßbare und -Abschätzbare. Deshalb wehrt sich das Volk, die Masse, gegen grundlegend Neues grundsätzlich erst einmal sehr vehement; sogar dagegen, es überhaupt als Möglichkeit einer Alternative zuzulassen. Die Masse jammert und ächzt unter dem Joch, sehnt dessen Ende und Besserung herbei, tritt dann aber jemand mit einer grundsätzlich anderen Idee auf den Plan, hat die Masse nichts Besseres zu tun, als allen Widerstand aufzubieten, um diese neuen Gedanken als unrealistisch, bedrohlich und falsch zu „beweisen“. Lieber glaubt sie permanent wiedergekauten Märchen und falschen Zahlen, als sich der Mühe zu unterziehen, selbst zu denken und autark zu handeln. Diese systemische Abwehr erfuhren nahezu alle Neuerungen in Technik und Wissenschaft, Kunst und Politik – denken Sie an die ersten Fluggeräte, das Telefon, Blitzableiter und Eisenbahn, das Auto und den PC, an Schillers „Räuber“ und Kleists „Käthchen“, Dadaismus, Kubismus, moderne Malerei und Architektur, Kants kategorischen Imperativ und Freuds Idee der Psychoanalyse, Umwelttechnologien, aber auch an die Väter der Urdemokratie, wie Herakleitos und Sokrates, Solon und Perikles. Jeder Umbruch des Denkens und Handelns verlangt auch ein neues Fühlen und Empfinden, und eben das verunsichert und ängstigt Massen erst einmal. Deshalb haben es Systeme so leicht, sich selbst zu schützen und zu wahren, ja, bis zur unmittelbaren Katastrophe zu festigen, denn nichts steht dem Fortschritt in essentiellen Belangen so sehr im Wege wie die Masse. Das wußte schon Gustave Le Bon (1841 – 1931, Begründer der Massenpsychologie). Insofern ist die Perversion der Demokratie – die systemisierte Masse dominiert über die wenigen Klugen – der perfekte „Schutzwall“ für Bestehendes, die Bestandsgarantie für längst als falsch Erkanntes. Denn die Zahl der Weitsichtigen ist immer bedeutend geringer als die der Bequemen, Denkfaulen, Ängstlichen und Angepaßten.

Sofern wir uns darüber einig sind, daß alle derzeitigen finanz-, wirtschafts-, rechts- und sozialpolitischen Probleme menschlichen Ursprungs, also anthropogen sind, dann genügt ein Blick in die Geschichte, um zu konstatieren, daß alle bisherigen Systemumbrüche nie die Menschheit als Ganzes bedrohten, sondern es vor allem zwei Gruppen von Opfern gab: zum einen diejenigen, die sich am unbedenklichsten in den Schoß der Systeme fallen ließen, zum anderen jene, die sich aus den Strukturen der Systeme besonders reichlich und skrupellos bedienten. Und genau dies wird auch bei den nunmehr anstehenden Revolutionen und Systembrüchen ein weiteres Mal geschehen.
Vor diesen sozial-, wirtschafts-, finanz- und rechtspolitischen Umbrüchen müssen sich demnach auch nur diejenigen fürchten, die diese Systemik bisher sowohl als Subventions- und Almosenempfänger oder eben als Inhaber der Machtstrukturen am meisten ausgenutzt haben. Wer sich jedoch auf seine eigenen Stärken und Qualitäten besinnt, sich darüber klar wird, welche Rolle er in einer künftigen mutmaßlich wieder humaneren und natürlicheren Gesellschaftsordnung verantwortungsvoll und -bereit einzubringen willens und in der Lage ist, wird diese mutmaßlich sehr tiefgreifenden Veränderungen (auf allen Ebenen und in allen Strukturen) nicht nur heil überstehen, sondern im nachhinein als eine wirkliche ‚Zeitenwende’ erleben.

So radikal die meisten Umbrüche in der menschlichen Geschichte abliefen, so mutmachend sind für die uns nun ins Haus stehenden grundlegenden Veränderungen, daß wir einerseits über mehr Wissen und Erfahrungen verfügen als alle vor uns lebenden Generationen, zum anderen aber auch die daraus sich ergebenden Möglichkeiten für wirkliche Alternativen in allen Bereichen unseres Lebens.
Nach dem Staat und seinen systemischen Bütteln zu rufen, um göttlichen Beistand zu flehen oder ängstlich lauernd auf die Zukunft und bessere Zeiten zu hoffen, ist jedoch keine tragfähige Option.
Wer also nach wie vor glaubt, diese Veränderungen „Anderen“ überlassen zu können und sich eigenes Nachdenken und Hinterfragen ersparen zu können, den werden die nun bevorstehenden Veränderungen unserer gesamten Lebensverhältnisse hart und schmerzhaft treffen.

Es geht überhaupt nicht darum, fieberhaft darüber nachzudenken, wie man bestehende materielle Werte in die „neue Zeit“ hinüberretten, wie man dem Verfall der Währungen trotzen und seine eigenen „Schäfchen“ noch rechtzeitig ins Trockene bringen kann. Es geht vielmehr darum, den eigenen Wertekatalog gründlich zu hinterfragen. In Zeiten ökonomischer und (gesamt)politischer Umwälzungen sind vor allem die emotionale und soziale Intelligenz als fundamentale persönliche Werte gefragt, bei denen es weder um Millionen auf den Konten noch um offen zur Schau gestellte Prestigeobjekte und Titel geht. Wer sich jedoch davon in der Vergangenheit zu abhängig gemacht hat, dem dürften düstere Zeiten bevorstehen.

Besinnen Sie sich auf Ihre eigenen Qualitäten und Fähigkeiten, durchforsten Sie Ihren Freundes- und Bekanntenkreis nach denjenigen, mit denen Sie im Verbund die kommenden Probleme in engem Schulterschluß und auf friedliche Weise lösen können.
Wer sich jedoch immer noch verzweifelt gegen die klar absehbar anstehenden systemischen Zusammenbrüche meint, stemmen zu müssen, wird einen hohen Preis dafür bezahlen.

 

Ein Blick in die Zukunft

Lassen Sie uns nach all diesen Gedanken einen schrankenfreien Blick in die Zukunft wagen – ohne Rücksicht darauf, wie lang die (r)evolutionäre Zwischenzeit auch dauern mag, ja selbst, ob wir die dann folgende Zeit überhaupt noch persönlich erleben; denn diese ’Zweite Aufklärung’ wird nicht von heute auf morgen erfolgen und ablaufen.
Physische Arbeit wird weitestgehend von Maschinen und „intelligenten“ Robotern erledigt werden, und auch unsere Definition von Arbeit wird eine gänzlich andere sein. Im Ergebnis wird diese ’Zweite Aufklärung’ den Menschen als autarkes und autonomes Wesen herausbilden, das in der Lage ist, sich mit Natur und Umwelt zu versöhnen und sich nicht länger arrogant und ignorant als „Krone der Schöpfung“ versteht. Kultur und Lebensästhetik werden den Stellenwert gewinnen, den heute Pomp, Mode und Prestigegehabe besetzen. Intellektuelle Fähigkeiten werden zwar nicht an Bedeutung verlieren, aber nicht mehr nach heutigen „Wert“maßstäben beurteilt und gewertet. Viel mehr in den Vordergrund rücken werden die bereits erwähnten emotionalen und sozialen Kompetenzen (z.B. Mitgefühl, Toleranz, gegenseitiges Verständnis), die – jenseits des eingeengten Begriffs der Familie von heute – dem Einzelnen das Gefühl der Geborgenheit und der Zugehörigkeit vermitteln. Einen hohen Stellenwert wird die Pädagogik in ihrer ursprünglichen Bedeutung gewinnen (‚paed agoin’, der Spielgefährte und Wegbegleiter), denn jeder von uns hat Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissen, was er anderen vermitteln und schenken kann.
Dementsprechend wird sich unser gesamtes Bildungswesen von Grund auf verändern und nicht mehr Menschen im Sinne einer Staatsräson und ihrer ’Nutzbarkeit’ entsprechend eingebleut.
Siehe: Unser Bildungskonzept
Ideologien jeder Art (Religionen und Sekten) werden ihre heuchlerische, entmündigende, bevormundende aus- und abgrenzende Funktion gänzlich verlieren und einem zugewandten und interessierten Menschenbild weichen. Und selbst der Staat als Staat als national-ausgrenzende Entität gehört der Vergangenheit an.
Siehe: Unser Steuer- Wirtschafts- und Sozialkonzept
Regionale Einheiten mit starken persönlichen Bezügen und Beziehungen sowie einem hohen Grad an Autarkie, Autonomie und Selbstverantwortung werden die bisherige staatliche Anonymität ersetzen.
Siehe: Unser Demokratie- und Rechtskonzept
Letztlich werden auch die Parteien als allmächtige Form des neuzeitlichen Adels verschwinden – ihre angemaßte Berechtigung haben sie ohnehin längst verloren.
Auf diesem Boden werden wir enorme Veränderungen des Rechtswesens, der Sozialität, des Miteinander-Lebens und -Umgehens, der Bildung und des gesamten Sozialwesens gewärtigen.

Utopisch meinen Sie?
Nun, eine Utopie bezeichnet – im Gegensatz zu einer Illusion – nicht etwas Unmögliches, Fiktives, Eingebildetes, sondern etwas (griech.: u-topos) bisher von den meisten nicht Sehbares/Erkennbares, was aber sehr wohl von einigen gesehen und erkannt wird, auch wenn es bislang noch außerhalb des Üblichen liegt. Nur aus Utopien kännen Visionen (lat.: ‚videre’ = sehen, erkennen) entstehen, die dann zu Zielen heranwachsen und verwirklicht werden können. Dabei wird es aber – jenseits der heutigen Formen von „Selbstverwirklichung“ – vor allem um die Entwicklung und Ausformung der bereits erwähnten sozialen und emotionalen Intelligenz gehen. Das Ethos wird wieder an die Stelle der unterschiedlichen Formen von Moral treten, und dies könnte der Königsweg hin zu dem werden, von dem wir so häufig sprechen und halbherzig träumen – innerem und äußerem Frieden.
Künftige Generationen und Jahrhunderte werden über unsere Zeit ebenso den Kopf schütteln, wie wir dies über die Sitten und Gebräuche, Lebensstile und -inhalte vergangener Jahrhunderte auch tun, und inwiefern wir das hier skizzierte Szenario einer Neuen Menschheit als Folge des sich herauskristallisierenden Zeitenwandels noch erleben, weiß niemand. Nur sollten wir damit heute beginnen, um es morgen Wirklichkeit werden zu lassen.

H.-W. Graf
10. August 2011

Das Ende der Parteiend(a)emokratur (Teil 1) – Beginn einer neuen Ära –

10. August 2011|Gesellschaft, Kultur und Geschichte, Steuer- und Finanzpolitik|Kommentare deaktiviert für Das Ende der Parteiend(a)emokratur (Teil 1) – Beginn einer neuen Ära –

Langsam beginnt bei Soziologen und Humanologen die Einsicht zu greifen, daß mit dem ehernen Glaubensdiktat ‘Demokratie’ als ultima ratio menschlichen Miteinander-Umgehens und -Lebens eine wirklich menschliche Zukunft nicht zu gestalten ist.

Standardinhalt humanistischer Bildung ist u.a. das Hohelied auf die Begründer des Gedankens der Demokratie und ihre Protagonisten im alten Griechenland wie Herakleitos von Ephesus, Solon, Perikles u.v.m. Doch was als Abkehr von der archaischen Führung eines Stammes (als Vorläufer dessen, was später Volk genannt wurde) durch den jeweils (ursprünglich physisch, später wirtschaftlich) Stärksten hin zu einem humanogenen Miteinander und Füreinander, einer kollektiven Herrschaft der Besten, Fähigsten und Erfahrendsten gefeiert wurde, hat sich in zweieinhalb Jahrtausenden und nach unzähligen Kriegen mit Milliarden von Toten als Irrweg erwiesen.
Nicht etwa, daß der Grundgedanke falsch gewesen wäre: An die Stelle dumpfdröger Rudelführung sollte die gemeinsame Gestaltung und in Aller Tun, Handeln und Entscheiden liegende Verantwortung für das Gemeinwohl eines Dorfes (die ursprüngliche Bedeutung des altgriechischen Begriffes ‘demos’) rücken. Dabei gab es jedoch genaue Regeln, nach denen die Mitsprache sowie das aktive und passive Wahlrecht festgelegt wurde, wobei dieser Katalog in den sich entwickelnden demoi voneinander abwich.
Grundsätzlich war aber schon das Zuzugs- und Aufenthaltsrecht klar geregelt, da man sich vor der Unterwanderung vonseiten unliebsamer Zeitgenossen, die jedwede Macht ausüben und/oder Einfluß hätten nehmen können, schützen wollte und Angst vor Erkrankungen und der Einschleppung von Seuchen hatte. Außerdem wollte man die eigene Kultur (incl. der heimischen Götterwelt) nicht verfremden lassen.
Daneben mußte man sich aber für Mitsprache und das Wahlrecht qualifizieren; neben einem Mindestalter, vielfach auch der rituellen Erhebung ins Mannesalter, galt es, männlichen Geschlechts und situierter Einheimischer zu sein (mitunter bis zu drei Generationen!), einen ehrenhaften Leumund (und Bürgen hierfür) und einen gesicherten Lebensunterhalt sowie fachliche Qualifikation in einem ‘ehrbaren Beruf’ nachzuweisen. Nach diesen Kriterien, die kaum einer der heutigen Berufspolitiker erfüllen würde, waren bereits im alten Athen nur etwa acht bis zehn Prozent der Bürger mitsprache- bzw. wahlberechtigt [in der Urform athenischer Demokratie gab es sogar überhaupt keine heute vergleichbaren Wahlen. Steuern zahlten nur Fremde mit Aufenthaltsrecht].
Aber bereits im Athen des 6. bis 4. Jhrdt. ersetzte sehr bald Vermögen die mitunter fehlende fachliche Qualifikation. Den größten Fehler (und Verrat an der Ursprungsidee) begingen die Athener, als sie – quasi als US-Amerikaner der Antike – vom eigenen wirtschaftlichen und kulturellen Vorsprung berauscht, meinten, ihr Erfolgsmodell ‘Demokratie’ in die umliegenden Kommunen und Territorien “exportieren” zu können und das von ihnen beherrschte Graecien (eigentlich ein römischer Schimpfname) unter ihrer Führung zu ‘demokratisieren’. Damit gingen nämlich zwei Grundparameter verloren, die von den Vätern der Demokratie klar formuliert wurden: Zum einen mußten Wahlberechtigte über das notwendige Fachwissen zum abzustimmenden Sujet verfügen, zum anderen vom Ausgang der Wahl (und deren Folgen) unmittelbar betroffen sein. Daraus folgte aber bereits damals logisch, daß Demokratie immer nur eine regional begrenzte Veranstaltung sein konnte.

Schon damals – die meisten Menschen der damaligen Zeit waren Analphabeten, deren Erlebniswelt und Erfahrungshorizont zumeist regional recht begrenzt waren; moderne Kommunikationsmittel standen noch nicht zur Verfügung – mißbrauchten machthungrige Zeitgenossen ihren Wissensvorsprung und manipulierten damit diejenigen, auf deren Zustimmung sie gleichwohl angewiesen waren. Begünstigt wurde, wer sich in die Nähe der Mächtigen begab, die ihrerseits mit Versprechen und Zuwendungen, Posten und Vorteilen sich Macht und Einfluß erkauften. Der Grundgedanke der Demokratie ging mit der territorialen Ausweitung innerhalb von weniger als eineinhalb Jahrhunderten faktisch verloren. Zunehmend regierten diejenigen, die, auf Macht und Imponiergehabe versessen, am unbedenklichsten ihr Umfeld korrumpierten, unter Gesetze und Observation stellten, mit Kriegen überzogen (deren Ursache sie oftmals selbst kreierten!) und sich skrupellos ihr eigenes Herrschaftsgebiet schufen, indem sie das Heer ihrer Günstlinge immer üppiger ausbauten. Das Wohl und Wehe ihrer Untertanen interessierte sie nur peripher bis überhaupt nicht; zu den Lebensumständen der Menschen, denen nach überregionaler Politik überhaupt nicht der Sinn stand, hatten die Führer der Antike praktisch keinen Kontakt mehr. Führer und Volk teilten keine Realwelt mehr.

In der gleichen Situation stehen die “Demokratien” der Neuzeit. Der Grundgedanke verantwortungsbereiter Partizipation am Geschehen – Basis realer Demokratie – ist zum verbalen Scherzartikel verkommen. Die Gedanken- und Erlebniswelt der Führer in modernen “Demokratien” leben, salbadern und agieren fernab der Realität, in der ihr Volk lebt. Ihre “Legitimation” ziehen sie aus pseudodemokratischen “Wahlen”, zu ihrem Schutz unterhalten sie zum einen Heere von Staatslakaien, die nach dem Prinzip von Strukturvertrieben organisiert sind, jeweils nur über streng-isoliertes Teilwissen verfügen und nicht wagen, über den Rand des ihnen vorgesetzten Tellerchens zu blicken, da dies sie den Posten und die gesicherte Pension kosten könnte. In enger Verquickung mit den Medien und mittels einer alles überbordenden, kontrollierenden und regelnden Bürokratie entfremden sie insbesondere diejenigen, die ihren Status nebst allem Gepränge finanzieren. Jeder Handgriff wird zertifiziert – selbstverständlich nur zum (Verbraucher-)Schutz des völlig entmündigten Bürgers! Die einzig Nicht-Zertifizierten sind die Politiker! Und jeder Schritt, jegliche Kommunikation wird paranoid überwacht. Der Bürger hat sich längst von jeglicher Mitwirkungsverantwortung verabschiedet und versucht, mehr oder weniger gewitzt, sich durch das systemische Gestrüpp der Regeln und Verordnungen, Gesetze und Vorschriften hindurchzuhangeln.

Wir haben nicht den mindesten Anlaß, uns über offen gelebte Diktaturen zu mokieren, offensichtliche Pseudodemokratien in Afrika, Südamerika oder Asien zu belächeln und dabei auszublenden, daß es realiter keinen einzigen wirklich demokratischen Staat auf diesem Planeten gibt. Zwar gibt es regionale demokratische Entitäten – z.B. in Schweden und der Schweiz, Norwegen und den USA –, aber diese fungieren immer nur sehr eingeschränkt, auf lokaler Ebene, im Sinne der o.g. Voraussetzungen und abseits der über ihren Köpfen schwebenden und agierenden Staatsapparate.

Wenn überregionale Entitäten nicht demokratisch sein können – und daran ändern auch moderne Kommunikationsmittel und sekundenschnelle Verbreitung aller Nachrichten nichts, denn der Mensch denkfühlt eben vornehmlich lokal/regional –, so gilt dies noch mehr für supraregionale Kunstgebilde – USA, GUS, EU –, hinter denen nicht nur der Größenwahn von Präsidenten, Premierministern und Kanzlern steckt, sondern klares Kalkül und hemmungslos ausgelebter Egozentrismus, die dumpfe Ahnung von Bedeutungslosigkeit (vulgo: Minderwertigkeitskomplexe).

Doch die Tage dieses pseudodemokratischen Wahnsinns skrupel- und bedenkenlos ausgelebter Machtgier sind insofern gezählt, als die ganze Show nicht länger finanzierbar ist und die Zahl derer, die dieses unwürdige Schauspiel durchblickt, ebenso zunehmend wächst wie die Anzahl der Verweigerer – die einen haben es nicht mehr nötig und kehren dem System angewidert den Rücken, die anderen reihen sich in die Schar der Bittsteller um öffentlich-(un)rechtliche Almosen ein.

Unser Steuer-, Finanz-, Wirtschafts- und Sozialwesen ist, egal, wohin man blickt, so fatal aus den Fugen geraten, daß es nur eine Frage der Phonzahl sein wird, mit der diese in 25 Jahrhunderten entwickelte Blase platzen wird, was möglicherweise zur größten Katastrophe der Menschheit aller Zeiten heranreifen wird.Von all den Figuren, die sich heute noch als systemische Politclowns gerieren und sich um die öffentlich-(un)rechtlich finanzierten Freßkörbe balgen, ist weder die Einsicht in den Ernst der Lage, noch die Erarbeitung eines mutigen (weil den systemischen Wahnsinn hinterfragenden) Alternativkonzeptes zu erwarten; sie sind heillos abhängige Junkies und weder fachlich noch menschlich dafür qualifiziert.
Nicht die Finanz- und Wirtschaftskrisen werden dieses System zerstören; es sind die machtbesessenen “Eliten” in ihrer Dummheit und Gier, die vornehmlichen Nutznießer dieses mörderischen, gnadenlosen “Spiels”. Getürkte Arbeitslosenzahlen; weltweit 40.000 täglich an Dehydrierung und (den Folgen von) Unterernährung sterbende Kinder unter 12 Jahren; eine wachsende Anzahl chancenloser Jugendlicher; sprunghaft anschwellende Zahlen von Zivilisationskrankheiten und Psychopathologien; völlig ausgemergelte Sozialkassen, deren Verpflichtungen aus den offiziellen Staatsschulden tunlichst ausgeblendet werden; immer gewaltigere Anteile der Teilaerare für angebliche “Verteidigung” (gegen wen und was?), die Staatsapparate und deren Machtsicherung; Oligopole im Finanz-, Pharma- und Medienwesen; der wachsende Sanierungsnotstand in der Infrastruktur und ein angesichts der realen Bedürfnisse völlig jämmerliches Bildungssystem – die Liste der Notstände, die dringender Abhilfe bedürfte, ist schier endlos. Aber das blendet der längst resignierte Bürger mit dem Zusammenfalten der Zeitung und dem Abschalten des TV-Gerätes aus. Dem Himmel sei Dank, Anderen geht’s noch mieser als mir. Gut, daß man sich informiert fühlen darf und darüber am Stammtisch, in der Kantine und beim Kaffeeklatsch plaudern konnte.

Den (bislang) Wenigen, die dieses Schauspiel inhumaner Korruptabilität durchblicken, bleibt nur, sich unbeirrt und permanent für eine Aufklärung der verängstigten Bürger einzusetzen – auch wenn man sie als Verschwörungstheoretiker verunglimpft – und friedliche Alternativkonzepte zu entwickeln. Ob sie deren Verwirklichung noch selbst erleben, darf dabei keine Rolle spielen.

Fortsetzung folgt …

Einige Links zu ergänzenden Gedanken – keine Kritik ohne Alternative – finden Sie hier:

Die Macht der Information

Souveränität als Lebensmaxime

Wider die Religion, für humanistische Emanzipation und gegen seelisch-geistige Korruption

… und ich beschloß, Politiker zu werden

H.-W. Graf
17. Juli 2009

Demokratie – Eine kritische Analyse von Rahim Taghizadegan (Institut für Wertewirtschaft)

17. Juli 2009|Gesellschaft, Innenpolitik, Kultur und Geschichte|0 Comments

Demokratie

Eine kritische Analyse von Rahim Taghizadegan (Institut für Wertewirtschaft)

 

Inhalt

Begriffsklärung

Die klassische Demokratie

Leben wir in einer Demokratie?

Kritik der Demokratie

Die moderne Demokratie

Die amerikanische Demokratie

Der Status quo

Demokratie als Ersatzreligion

 

Diese Analyse können Sie hier herunterladen oder nachbestellen:

http://www.liberty.li/wertewirtschaft/analysen/Demokratie.pdf

 

Begriffsklärung

Die Sprache verändert sich zwar, doch bleiben uns in Wörtern alte Formen viel länger erhalten als in einer schnellebigen Zeit alte Inhalte überleben. Um zu ursprünglichen Inhalten vorzustoßen, die eine Begriffsklärung erlauben, ist daher stets die Wortherkunft aufschlußreich. Demokratie kommt offensichtlich vom griechischen demos und kratein. Letzteres Wort bedeutet „herrschen“, und dies ist schon ein sehr schwieriges Wort, zumal das Griechische mit archein ein zweites Wort mit derselben deutschen Übersetzung aber einer anderen Betonung anbietet. Viel größere, und für unsere Untersuchung wesentlichere Probleme wirft der Begriff demos auf – heute wird er meist mit „Volk“ übersetzt. Dies ist jedoch nicht ganz richtig und leitet beträchtlich in die Irre – genau jene Verwirrung nützen totalitäre „Volksrepubliken“.

Demos bezeichnete bei den alten Griechen ursprünglich ein Dorf. Auch später galt die „Deme“ als kleinste Verwaltungseinheit und zugleich primärer Identitätsbezug der Bürger. Demokratie bezeichnete also eigentlich die Selbstverwaltung der kleinsten Einheiten. Heute ist dieser Bezug in Vergessenheit geraten und man assoziiert eher die scheinbar den Griechen nachempfundene Gemeinverwaltung damit – die Beteiligung der Bürger an ihrer Regierung. Das ist in mehrfacher Hinsicht ein Irrtum, wie wir zeigen werden.

Zunächst bezog sich die Antike, wenn sie den Begriff Demokratie positiv verwendete, niemals bloß auf die Beteiligung an der Regierung, es ging um deren Ausübung – um Selbstregierung durch Bürger. Dieser „Bürger“ darf wieder nicht mit dem heutigen Wortgebrauch verwechselt werden. Als „Bürger“ gilt uns heute jeder Staatsuntertan. In der Antike meinte man das genaue Gegenteil: nur jene kleine Minderheit, die keine Untertanen, sondern Freie waren, sind als Organe des Demos gemeint und angesprochen. Die überwiegende Mehrheit war von jeder Regierungstätigkeit ausgeschlossen.

Man muß sich daran erinnern, daß auch das Wort „Volk“ einen ähnlichen Wandel durchgemacht hat. Ursprünglich war der Begriff Synonym für „Armee“ gebraucht und bezeichnete eine Gruppierung wehrfähiger Männer. Diese Wehrfähigkeit implizierte, daß sie als Freie Waffen tragen durften. Unfreie erkannte man stets daran, daß ihnen das Tragen von Waffen untersagt war oder engen obrigkeitlichen Beschränkungen unterlag. Diesen Sprachgebrauch finden wir schon bei den Römern: auch dort bezeichnet populus ursprünglich keinesfalls die Gesamtbevölkerung, sondern den Wehrstand. SPQR auf den Standarten weist also auf die Einheit von Senat und Heer hin.

Ebenso ist die Herrschaft der griechischen Deme nach heutigen Maßstäben als aristokratisch zu bezeichnen. Nach verschiedenen Schätzungen galten bloß 5 bis maximal 15 Prozent der Bevölkerung als Bürger. Vergleichen wir damit den Umstand, daß die Szlachta, die Aristokratie in der alten Adelsrepublik Polen, 7 Prozent der Bevölkerung umfaßte. Bei den Griechen hätte man auch nicht vonStimmberechtigten gesprochen, denn Wahlen galten eher als „undemokratisch“. Demokratisch war die abwechselnde direkte Beteiligung an den Regierungsaufgaben.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine bestimmte Idealvorstellung von der guten Regierung der Deme, deren Bereich mit dem Adjektiv demosios abgegrenzt wurde.

Die Strukturierung dieses Bereichs ist für die Begriffsklärung wesentlich. Dem öffentlichen Bereich stand der Privatbereich gegenüber. Neben öffentlichen Angelegenheiten, die demosios waren, bezeichnete man die privaten Angelegenheiten, wie häusliche und berufliche Tätigkeit, mit dem Begriff idios. Im Zuge der moralischen Idealisierung des öffentlichen Lebens, entwickelte sich so zunehmend eine negative Assoziation privater Tätigkeit, die uns im deutschen Wort Idiot erhalten geblieben ist. Der Idiot muß die ganze Zeit im „Job“ und im Haus schuften, für öffentliches Engagement fehlt ihm Zeit, Muße und Geist.

Diese einseitige Überbetonung wird verständlich, wenn wir berücksichtigen, daß in der Antike der Haushalt, der oikos, als heilige Lebensgrundlage galt, jedoch erst die Polis, das gerechte Gemeinwesen, das gute Leben über das bloß Materielle hinaus ermöglichte. Teilhabe an diesem Bereich des demosios war unabdingbar für dieses gute Leben, wer sich nur in den eigenen oikos zurückzog, dem entgingen wesentliche Möglichkeiten, Gutes zu tun.

Bei den alten Römern finden wir dieselbe begriffliche Trennung in die res privata und die res publica (von der das Wort „Republik“ abstammt). „Öffentliche Angelegenheit“ ist es, als guter Mensch Gerechtigkeit und Güte zu leben. So versteht Cicero unter der res publica schlicht die Summe von Menschen, die nach Maßstäben des wahrhaft Rechten und Guten leben.

Wie bei den Griechen der oikos, ist bei den Römern das domus die Wurzel der Gesellschaft, der Nährboden des Freien, der stets ein dominus ist. Das Haus des Freien ist dessen res privata, Privatangelegenheit, und als solche streng geschützt. Die Freiheit des Herrn im eigenen Haus ist unbeschränkt, wo sie beschränkt ist, handelt es sich um keinen Bürger, sondern einen abhängigen Untertan, der im domus eines höheren Herrn dient. Der pater familias hat in seinem Haus auch die Rechtsgewalt über die von ihm Abhängigen.

Diese kleinen „Hauskönige“ kommen also auf der öffentlichen Ebene als Gleichberechtigte zusammen. Das ist die „Gleichheit“ im positiven Sinne der Antike. Indem sie sich als Gleiche, als homoioi, anerkennen, schließen sie den Frieden, sich als gleich frei zu betrachten – frei von gegenseitiger Herrschaft, Abhängigkeit, Schuld. Um diesen heiklen Frieden zu sichern, entwickeln sie also das Konzept der Demokratie: Jeder dieser freien Krieger solle an der lokalen Teilhabe leisten und so keiner Fremdherrschaft unterstehen.

Die Wahl eines einzelnen würde hier zu sehr der Krönung eines Alleinkönigs ähneln. Darum werden die Abwechslung bei den Geschäften und das Losverfahren als „wahrhaft demokratische Methode“ (Aristoteles) vorgezogen. Mit Mehrheitsherrschaft hat die Demokratie im ursprünglichen Sinne gar nichts zu tun. Cicero etwa betont ganz entschieden: Es gibt keine andere Regierungsform, der ich eher den Titel Gemeinwesen vorenthalten würde, als einer, in der alles der Macht von Mehrheiten unterworfen ist. […] Bei einer solchen Versammlung […] handelt es sich ebenso gewiß um einen Tyrannen, als wenn es nur eine einzelne Person wäre, und einen sogar noch grausameren Tyrannen, denn es gibt nichts Schrecklicheres als jenes Monster, das fälschlicherweise den Namen und die Erscheinung eines Volkes annimmt. (De Republica III, xxxiii)

Die klassische Demokratie

Sehen wir uns zum besseren Verständnis die Praxis der antiken Demokratien etwas näher an. Als demokratische Phase Athens gilt der Zeitraum von 508 v. Chr., seit den Reformen von Cleisthenes, bis 322 v. Chr. Diese Demokratie beruhte auf drei Säulen: Der Versammlung der Deme, dem Rat der 500 und dem Gerichtshof.

Die Versammlung entsprach am ehesten einer Landsgemeinde, wie sie nur noch in wenigen Schweizer Kantonen erhalten sind. Die athenischen Versammlungen fanden ebenfalls im Freien, auf dem Hügel Pnyx, statt. Der Teilnehmerkreis war bloß, wie oben erwähnt, deutlich stärker eingeschränkt. Die Vorschriften hierzu waren sehr streng. Jeder freie Mann, der das Alter von 18 Jahren erreichte und beweisen konnte, daß er von niemandem abhängig und seine Eltern Athener waren, konnte sich um Aufnahme in die Versammlungsliste (pinakon ekklesiastikon) bewerben.

Verboten war die Aufnahme für all jene, die sich prostituiert hatten, ihre Eltern nicht unterstützen wollten oder gegen sie aufbegehrt hatten, in einer Schlacht Feigheit an den Tag gelegt oder ihr Erbe verschwendet hatten. Jeder Bürger, der einen anderen für in diesem Sinne ungeeignet hielt, konnte eine Untersuchung einfordern. Zur Erinnerung: Es ging hier bloß um die Teilnahme an jener Demokratie, nicht um die Ausübung eines Amtes.

Die eigentliche Regierung, bzw. Exekutive, bestand aus dem Rat der 500 (boule). Dieser Rat setzte sich aus je 50 Bürgern von jedem der zehn Stämme des athenischen Gemeinwesens zusammen. Seine Hauptaufgabe bestand darin, den ordnungsgemäßen Ablauf der Versammlungen zu gewährleisten. Jeder Bürger konnte in seinem Leben zweimal Teil dieses Rates sein und die meisten waren es auch, sofern sie die dazu nötige, noch strengere Überprüfung bestanden.

Aristoteles überliefert den Ablauf einer solchen Überprüfung. Dem Kandidaten wurden unter anderem folgende Fragen gestellt: „Wer ist dein Vater und welcher Deme gehört er an? Wer ist der Vater deines Vaters, wer ist deine Mutter und deren Vater, und was ist dessen Deme? Wo sind in deinem Heim die Schreine des Apoll und des Zeus und verehrst du sie? Wo liegen die Gräber deiner Familie und ehrst du sie? Behandelst du deine Eltern gut?“ Jede Antwort konnte eine genaue Untersuchung nach sich ziehen.

Hätte man im antiken Athen als Besucher die Regierung gesucht, so hätte man in der Tholos, einem kleinen sakralen Rundbau, nur den Vorsitzenden des Rates angetroffen, der jederzeit verfügbar sein mußte. Dieses höchste Amt, am ehesten einem heutigen Präsidenten oder Kanzler entsprechend, wurde im Laufe seines Lebens von etwa jedem zweiten Bürger einmal ausgeübt. Stehende Beamtenschaft und hauptamtliche Politiker kannte man keine. Bürger, die politische Funktionen ausübten, auch die höchsten, blieben öffentliche und damit öffentlich zugängliche Personen. Selbst in Rom, wo sich deutlichere Ämter herausbildeten, hatten Funktionäre gerade zwei lictores zum persönlichen Schutz.

Es gab auch kein stehendes Heer. Für militärische Aktionen wurden ad hoc Verbände gegründet und Mittel gesammelt, wobei die Krieger auf den jeweiligen Heerführer schwuren (und nur ihm verpflichtet waren). Hernach wurde der Verband wieder aufgelöst und die Krieger gingen in ihre Häuser zurück. Es handelte sich um normale Bürger, die keine Uniform trugen und ihre eigenen, selbst finanzierten Waffen benutzten. Soldaten waren dies keine, denn sie erhielten keinen Sold.

So kamen die Stadtstaaten in der Regel ohne direkte Steuern auf die Bürger aus. Nur im militärischen Notfall wurden Mittel erhoben. Das Bezahlen einer Steuer galt als eines Bürgers unwürdig. Nur Unfreie leisteten Tribute an ihre Herrscher. Das Fehlen eines fixen, frei verfügbaren „Staatsbudgets“ war auch bei den Römern der Normalfall. So mußte etwa der Diktator Quintus Maximus Fabius Cunctator, als sein Sohn im Krieg gegen Hannibal in Geiselhaft geriet, das Lösegeld aus der eigenen Tasche bezahlen.

Die Hauptaufgabe der Versammlungen lag in der Gesetzgebung. Auch dieses Erbe geben heutige vermeintlich „demokratische“ Institutionen vor anzutreten. Doch, abgesehen davon, daß heutige gesetzgebende Versammlungen praktisch nichts mit der demokratischen Bürgerversammlung der Antike gemein haben, hat sich auch der Begriff des Gesetzes grundlegend gewandelt und eigentlich in sein Gegenteil verkehrt.

Die Griechen nannten das, was die Versammlung festsetzen sollte, nomos. Zwar wird dies oft als „Gesetz“ übersetzt, hat aber nichts mit heutigen Gesetzen zu tun. Gemeint war die Ordnung des Rechts. Diese Ordnung war hauptsächlich eine überlieferte Ordnung, die es zu verstehen und zu schützen galt. Es handelt sich dabei um die Struktur einer friedlichen und gerechten Gesellschaft, die sich über die Jahrhunderte herausbildet und bewährt, und von den einzelnen Menschen nicht konstruiert oder erlassen werden kann, sondern zu entdecken ist. Nomos ist für die alten Griechen das Gegenteil von Hybris – die Arroganz der Macht, die sich aufgrund ihrer Stärke über das Rechte und Gerechte frech hinwegsetzt.

Die „Gesetze“ wurden zunächst nur mündlich weitergegeben und erst später von den Versammlungen in schriftlicher Form angenommen. Die Intention war aber auch hier nicht, daß die Versammlung ad hoc neue Gesetze produziere. Die ursprüngliche Wortbedeutung des lateinischen lex für Gesetz leistet hier Aufklärung: gemeint war ein Vertrag. Auf den Versammlungen gingen die Bürger mit dem Beschluß eines Gesetzes einen gegenseitigen Vertrag ein, den zur Debatte stehenden Rechtsgrundsatz in seiner spezifischen, schriftlichen Fixierung künftig einzuhalten.

Jedes Gesetz, das von einem Bürger vorgeschlagen wurde, wurde von einem speziellen Komitee von Rechtsbeamten (nomotetai) sorgfältig überprüft, deren Aufgabe es war, den alten Gesetzesstand gegen den neuen Vorschlag zu verteidigen. Sogar wenn die neue Fassung schließlich von der Versammlung verabschiedet wurde, blieb der Proponent persönlich für seinen Vorschlag verantwortlich. Wenn ein anderer Bürger nachweisen konnte, daß die neue Gesetzeslage schwere Mängel hatte oder anderen Gesetzen widersprach, konnte der Proponent des Gesetzes belangt werden, und die Strafen konnten sehr schwer sein, bis hin zur Todesstrafe. Die Rechtsordnung des nomos galt als heilig. Jede Regierungsform, die dem nomos widersprach, galt als ungerecht. Selbst der wenig machtkritische Platon prägte die Warnung: Ich sehe den Untergang für jeden Staat kommen, in dem nicht das Gesetz über den Herrscher bestimmt, sondern dieser über das Gesetz.

Die Rechtssprechung erfolgte nach einem Schöffenverfahren. Dazu wurden von der Versammlung jedes Jahr unter den Bürgern 6.000 potentielle Schöffen per Los bestimmt. Die Gerichte setzten sich aus jeweils bis zu 1.001 Schöffen zusammen. Da es keinen „Staat“ als eigene Rechtsperson gab, unterschied man auch nicht zwischen „öffentlichem“ und „zivilem“ Recht. Der Unterschied bestand vielmehr darin, daß bei Verbrechen gegen Privatleute nur die Betroffenen und deren Angehörige Klage erheben konnten, bei Verbrechen gegen die Gemeinschaft jedoch jeder Bürger. Auch einen „Staatsanwalt“ gab es nicht.

Leben wir in einer Demokratie?

Wie läßt sich entscheiden, ob man es bei einem Regierungssystem mit einer Demokratie zu tun hat oder nicht? Dazu müßte der Begriff noch genauer definiert werden. Wenn wir die antike Demokratie, die zunächst als prägend für den Begriff zu gelten hat, analysieren, können wir folgende Punkte zu einer möglichen Klassifizierung zusammenfassen:

1. Autonomia.

Dieser Begriff, den wir als Autonomie kennen, kommt von autos – Selbst und nomos – Recht/Gesetz. Gemeint ist das Leben nach dem eigenen, lokalen Recht, das man auf Englisch law of the land nennt. Das Gegenstück davon ist die Fremdherrschaft. Die Griechen bezogen sich hier deutlich auf die Herrschaft durch Fremde, d.h. Menschen anderer Herkunft als die der eigenen Deme. Das erklärt, warum Perikles große Popularität gewann, indem er alle von der Bürgerliste strich, die ihre athenische Herkunft nicht bis in die dritte Generation nachweisen konnten. Dieser Akt wurde als urdemokratisch gelobt. Offenheit gegenüber Fremden galt als charakteristisch für ein Imperium, nicht für eine Demokratie.

2. Isonomia.

Der Begriff, von isos – gleich – und nomos, bezeichnet die Gleichheit der freien Bürger vor dem Recht. In einer Demokratie hat kein freier Bürger gegenüber einem anderen Vorrechte, schon gar kein Funktionär. Gesetze müssen aufgrund ihres Vertragscharakters für alle gleich gelten. In seiner berühmten Rede zum Peloponnesischen Krieg betonte Thukydides: Unsere Verfassung wird Demokratie genannt, weil die Macht nicht in den Händen einer Minderheit liegt […]. Jeder ist gleich vor dem Recht; wenn in einer Position öffentlicher  Verantwortung eine Person einer anderen vorgezogen wird, dann zählt nicht die Mitgliedschaft zu einer besonderen Klasse, sondern die tatsächliche Fähigkeit dieses Mannes.

3. Abwesenheit von Tributen.

Ein Tribut ist die unfreiwillige Zahlung an eine Körperschaft außerhalb der eigenen Deme. Tribute werden in tyrannischen Imperien bezahlt, nicht jedoch in einer Demokratie. In der Spätphase des römischen Reiches galt es als klares Zeichen des Endes der Republik, als die Bürger der Stadt Rom an einen illyrischen Bauern (Galerius) mit Herrschaftssitz in Asien steigende Steuern abzuführen hatten.

4. Kleinräumigkeit

Als demosios galt nur, was sich auf konkrete Öffentlichkeit der Heimatgemeinde bezog. Die Polis, das gute Gemeinwesen, dürfe höchstens so groß sein, daß sie vom Versammlungshügel aus vollständig überblickt werden kann. Großräumigkeit und Zentralisierung waren klare Zeichen einer Tyrannis.

5. Herrschaft des Rechts

Wenn einzelne, viele oder gar die Mehrheit gegen das nomos handelten, dann sprach man von einer Tyrannis. In der Demokratie wird das Gesetz in dieser ursprünglichen Bedeutung nicht von den Bürgern gesetzt, sondern gepflegt, geschützt und angewandt.

6. Teilhabe an der Regierung

Unter obigen Bedingungen war Demokratie definiert als die Beteiligung von möglichst allen Bürgern an der Aufrechterhaltung der Ordnung in ihrem Gemeinwesen. Die Delegation dieser Verantwortung für längere Zeiträume an einzelne hätte als zutiefst undemokratisch gegolten.

Hätten wir heute einen antiken Philosophen zu Gast, wie würde er unser Regierungssystem beschreiben? Nun können sich Betonungen und Begriffe über die Zeit ändern. Es ist jedoch überaus seltsam, daß uns das Urteil eines solchen historischen „Demokratieexperten“ derart überraschen würde. Es steht nämlich außer Zweifel, daß er die derzeitigen Lebensverhältnisse nicht nur als mangelhafte Demokratie beschreiben würde. Ein antiker Philosoph würde nach tieferem Studium wahrscheinlich zum Schluß gelangen, daß unsere „Republiken“ und „Demokratien“ das glatte Gegenteil der historischen Formen darstellen. Er würde vermutlich von einem tyrannischen Imperium sprechen und dies keinesfalls polemisch meinen oder als provokative Übertreibung verstehen. Angesichts der besonderen Wertschätzung, die der „Demokratie“ heute zuteil wird, überrascht dieses Urteil und hinterläßt wohl einige Verwirrung. Um die Verwirrung etwas aufzulösen, muß diese Analyse noch wesentlich weitergeführt werden.

Kritik der Demokratie

Unser wiederbelebter Philosoph hätte noch mehr Überraschungen auf Lager. Wir würden erwarten, daß er uns nun eine Predigt über die Vorzüge der antiken Demokratie hält und zur Umkehr mahnt. Doch, während Politiker wie Thukydides den Begriff Demokratie positiv besetzten, finden wir bei den Philosophen fast einstimme Ablehnung. Wenn man die Ideengeschichte unvoreingenommen betrachtet, fällt auf, daß fast alle großen Denker, nicht nur in der Antike, sondern bis zur Moderne der Demokratie sehr kritisch gesinnt waren. Die Kritik der Demokratie fängt schon in der Antike an, wo wir eigentlich deren reinste Form zu finden hofften. Unser Gast aus einer anderen Zeit würde wohl viel weniger überrascht sein als wir selbst. Vermutlich würde er ausrufen: Es mußte ja so kommen! Das habe ich doch schon vor Zweitausend Jahren erklärt!

Für praktisch alle antiken Philosophen von Rang galt die Demokratie als Verfallsform. Nur der Historiker Polybius kontrastierte die Demokratie positiv mit der Verfallsform, die er Ochlokratie, die Pöbelherrschaft, nannte. Aber sogar der Gründer der attischen Demokratie, Cleisthenes, sprach nur von Isonomia und nicht von Demokratie – gerade das kratein, das übereinander Herrschen wollte er ja überwinden.

Für die meisten waren Demokratie und Pöbelherrschaft synonym, auch wenn der Pöbel unterschiedlich groß sein konnte. Platon sah die Demokratie als Übergangsstufe zu immer Üblerem und suchte stattdessen nach einer Timarchie – einer ehrliebenden Verfassung. Aristoteles stellte die Demokratie als Verfallsform der gerechten Form der Politie gegenüber – also die Art und Weise, wie eigentlich eine Polis regiert werden sollte.

Thomas von Aquin führte Aristoteles berühmte Unterscheidung der Regierungsformen weiter. Dabei werden drei gerechte Formen drei ungerechten Verfallsformen gegenübergestellt. Dessen klare Zusammenfassung soll hier ausführlich zitiert werden:

Wenn nun eine ungerechte Herrschaft durch einen geübt wird, der seinen eigenen Vorteil in der Regierung verfolgt, nicht aber das Wohl der ihm untergebenen Gesellschaft, so wird ein solcher Herrscher Tyrann genannt. […] Wird eine ungerechte Herrschaft nicht von einem einzelnen, sondern von mehreren, und zwar von wenigen geübt, so wird sie Oligarchie genannt, das heißt die Vorherrschaft einiger weniger. […] Wenn aber die ungerechte Regierung von vielen geführt wird, so heißt das Demokratie, das ist Volksherrschaft, in der die breite Masse durch die Macht ihrer Überzahl die Reichen unterdrückt. Dann wird das ganze Volk wie ein einziger Tyrann sein. Ähnlich müssen wir auch die Arten einer gerechten Regierung auseinanderhalten. Wird sie nämlich durch eine Mehrheit ausgeübt, so heißt sie mit einem allgemeinen Ausdruck Politie, wenn etwa eine von Kriegern in einer Stadt oder Landschaft die Führung hat. Ruht sie in der Hand von wenigen Männern, die aber durch ihre Begabung hervorragen, so nennt man eine derartige Regierungsform Aristokratie, das bedeutet beste Herrschaft oder Herrschaft der Besten (die man auch Optimaten nennt). Wenn aber die gerechte Herrschaft einem einzigen zusteht, wird dieser im eigentlichen Sinne des Wortes König genannt. So sagt der Herr durch Hesekiel (Kap. 37, 24): „Mein Knecht David wird König über alle sein. Und er allein wird ihnen allen ein Hirte sein.“ Hiermit ist deutlich gezeigt, was zu dem Begriff des Königs gehört: einer zu sein, der anderen als Herr vorangesetzt ist und doch wie ein Hirte wirkt, indem er das Gemeinwohl der Gesellschaft, nicht aber seinen eigenen Vorteil im Auge hat. (De regno – Über die Herrschaft der Fürsten)

Interessant ist die wiederum auf Aristoteles beruhende Reihung dieser Formen. Von den gerechten Formen sei das Königtum die beste,denn vereinte Kraft sei zur Herbeiführung des Guten wirksamer als zersplitterte oder geteilte. Wie es also nützlicher ist, daß eine zum Guten gewendete Kraft mehr eins sei, damit sie desto eher die Kraft habe, das Gute zu bewirken, um so schädlicher ist es, wenn eine dem Bösen zugewandte Kraft eins statt geteilt ist. Aus diesem Grund, so argumentiert der heilige Thomas, sei die Demokratie noch das geringste Übel. Heute sind wir dazu geneigt, ein „geringstes Übel“ schon als positiv zu bewerten. Gemeint ist natürlich das geringste der Übel und damit klarerweise etwas, das von Übel und unbedingt zu vermeiden ist. Wie daher bei der gerechten Herrschaft die Regierung je einheitlicher, um so nutzbringender und also das Königtum besser als die Aristokratie, diese aber besser als die Politie ist, so wird bei einer ungerechten Herrschaft das Gegenteil eintreten; je einheitlicher die Regierungsgewalt ist, um so mehr Schaden wird sie stiften können. So ist eine Tyrannis noch schädlicher als eine Oligarchie, eine Oligarchie wieder schädlicher als eine Demokratie. (De regno, lib. 1 cap. 4)

Die Demokratie richte also weniger Schaden als die Tyrannis eines einzelnen an, weil sich zumindest widerstrebende Parteien etwas in Schach halten. Dieses zweifelhafte Zugeständnis ist jedoch das schwächste Argument bei Thomas. Denn die moralische Reihung ist fragwürdig. Es geht um die Frage: Ist es weniger schlimm, wenn hundert Menschen einem oder wenn einer hundert Menschen Ungerechtigkeit antun? Die meisten würden heute wohl dazu neigen, es als schlimmer zu beurteilen, daß hundert Menschen Ungerechtigkeit widerfährt. Doch dies erklärt sich aus der modernen Konditionierung durch den Utilitarismus. Dem heiligen Thomas müßte es viel schlimmer erscheinen, daß hundert Menschen zu Verbrechern werden als bloß einer – und sei dessen Verbrechen noch so groß. Dieses Argument stammt von einem der ganz wenigen modernen Demokratiekritiker, Erik Ritter von Kuehnelt-Leddihn, und erinnert an Ciceros oben zitierte Argumentation, daß die Mehrheitstyrannis noch schlimmer als die Tyrannis eines einzelnen sei.

Abgesehen von der Ablehnung der Demokratie aufgrund ihrer eigenen Mechanismen, die die Vielen gegenüber den Wenigen aufwerten, ist der Kern der antiken Demokratiekritik auf die Dynamiken gerichtet. Auch wenn die Demokratie selbst erträglich wäre, führe sie notwendigerweise zu immer unerträglicheren Verhältnissen.

Platon beschreibt diese Dynamik des Übergangs von Regierungsformen sehr schön:

Eine Demokratie entsteht […] wenn die Armen nach gewonnenem Siege einen Teil der anderen Partei ermorden, einen Teil verbannen und dann die Übriggebliebenen gleichen Anteil an der Staatsverwaltung und den Staatsämtern nehmen lassen.

Die Folge sei die zunehmende Verlotterung der Sitten und die Herrschaft der Lüge: Haben aber diese Lügen und neumodischen Grundsätze die Seele […] von jenen Tugenden geleert und gesäubert, da führen sie hierauf dann zu ausgelassenem Frevelmut, Zügellosigkeit, Liederlichkeit und Schamlosigkeit […]. Der Lehrer fürchtet und hätschelt seine Schüler, die Schüler fahren den Lehrern über die Nase und so auch ihren Erziehern. Und überhaupt spielen die jungen Leute die Rolle der alten und wetteifern mit ihnen in Wort und Tat, während Männer mit grauen Köpfen sich in die Gesellschaft der jungen Burschen herablassen, darin von Possen und Späßen überfließen, ähnlich den Jungen, damit sie nur ja nicht als ernste Murrköpfe, nicht als strenge Gebieter erscheinen. […] Teilen wir in Gedanken die Bürgerschaft einer Demokratie in drei Klassen, in die sie bekanntlich auch in der Wirklichkeit zerfällt: die erste, die eben erwähnte Drohnenklasse, wächst in der Demokratie infolge der übermäßigen Freiheit in nicht geringerer Zahl empor als in dem von einer Oligarchie regierten Staate. […] Weil sie in der Oligarchie nicht im Besitze der Bürgergeltung ist und von der Staatsregierung ausgeschlossen wird, kann sie dort ihre Geisteskraft nicht entwickeln und kommt zu keiner durchdringenden Kraft: in der Demokratie dagegen ist diese Klasse diejenige, die die ganze Bürgerschaft derselben, mit Ausnahme weniger, bevormundet: der leidenschaftlichste Teil davon spielt die tätige Rolle der Politik in Wort und Tat, der übrige Schwarm umlagert passiv mit Gesumse die Rednerbühne und läßt niemanden eine andere Meinung vortragen, so daß bei einer solchen Verfassung alle Geschäfte des Staates, mit Ausnahme weniger, von der genannten Klasse abgemacht werden. […] Die zweite Klasse ist nun die, welche sich immer vom Volke vornehm absondert. Diese zweite Klasse, die Reichen, führen bekanntlich den Namen »Drohnenfutter«. […] Die dritte Klasse der Demokratie aber wäre das niedere Volk, worunter alle gehören, die von eigner Handarbeit leben, die keine Freunde von Staatsgeschäften sind, die keinen großen Landbesitz haben, und dieser Teil ist der zahlreichste und zugleich der entscheidendste, wenn er ganz versammelt ist.

Die rädelsführenden Volksführer würden nun darum wetteifern, die besitzende Klasse zu berauben und den Raub so unter das Volk zu verteilen, daß sie selbst den größten Teil davon behalten. Es ist schön beobachtbar, wie bei den alten Griechen langsam die Begehrlichkeiten zur Umverteilung wuchsen und so nach und nach das nomos Schaden nahm. Zunächst bot sich die offene Struktur der Rechtssprechung als Einladung zur Ausnutzung durch weniger gemeinwohlorientierte Bürger an. Wie oben beschrieben wurde, konnte in öffentlichen Angelegenheiten jeder Anklage erheben. Dies stellte natürlich auch ein geeignetes Mittel dar, um auf ungeliebte Mitbürger Druck auszuüben oder diese gar zu erpressen. Das berühmteste Opfer dieses Mechanismus der antiken Demokratie war Sokrates. Bürger, die sich dazu überreden ließen, gegen andere im Dienste derer Konkurrenten oder Feinde Anklage zu erheben, um sie unschädlich zu machen, nannte man Sykophanten. Auf Englisch ist der Begriff erhalten und bezeichnet heute Speichellecker. Die Römer kannten dasselbe Problem und sprachen von delatores.

Diese Möglichkeit der gegenseitigen Erpressung begünstigte auch das Aufkommen einer frühen Form der Umverteilung, die ja schon Platon als fast unvermeidliches Charakteristikum einer Demokratie erkannte. Von vermögenderen Bürgern wurde erwartet, daß sie als Mäzene kulturelle und vor allem kultische Werke ermöglichten. Diese zunächst freiwilligen, für spezifische Zwecke vorgesehenen Mittel nannte man Liturgien (von griechisch – öffentlicher Dienst). Mit der Zeit nahm jedoch der Druck auf die Vermögenden zu, die Liturgien erhielten immer mehr einen Zwangscharakter aufgrund des öffentlichen Drucks.

In seinem Gastmahl schildert Xenophon das Schicksal eines Grundbesitzers, der aufgrund dieses Drucks verarmte: Denn solange ich reich war, schmeichelte ich den Sykophanten, weil ich wußte, daß ich in meiner Lage mehr Schaden von ihnen zu befürchten hatte, als umgekehrt sie von mir; und dann legte mir die Gemeinschaft immer neue Abgaben auf; und verreisen durfte ich überhaupt nicht. Jetzt dagegen, wo mir meine Güter nichts eintragen, kann ich ungestört und ruhig schlafen; ich besitze das Vertrauen der Gemeinde, niemand bedroht mich mehr, vielmehr kann ich jetzt andere bedrohen, und so bin ich jetzt wirklich ein freier Mann, und kann wegreisen oder dableiben, ganz wie es mir paßt. Ja, die Reichen stehen jetzt vor mir von ihren Sitzen auf und machen mir auf der Straße Platz. Fürwahr, nun bin ich Herr, früher glich ich einem Sklaven. Damals war ich dem Volke tributär, und heute ist das Volk mir abgabenpflichtig und ernährt mich!

Der Dichter Euripides beschrieb die Situation so: Die Armen, die des Lebensunterhalts ermangeln/Sind ungestüm und richten schnöderem Neide zugewandt/Auf die Begüterten der Mißgunst Pfeile/Getaucht ins Zungengift verlockender Verführer.

Im antiken Rom schließlich wurde diese zunächst demokratische Umverteilung im Imperium institutionalisiert. Der Untergang der römischen Zivilisation ist eng mit der Ressourcenaufzehrung durch den Staat verbunden. Der berühmteste Historiker des römischen Niedergangs, Edward Gibbon, beschreibt sehr eindrücklich, wie sich das System seit Diokletian ad absurdum führte: Die Zahl der Minister, Beamten, Offiziere und Diener, welche die verschiedenen Ämter der Staatsverwaltung füllten, überstieg alles bisher Dagewesene. (The History of the Decline and Fall of the Roman Empire). Einmütig und einstimmig hätten die römischen Geschichtsschreiber die Last der öffentlichen Abgaben und besonders die Land- und Kopfsteuer als das unerträgliche und ständig wachsende Übel ihrer Zeit gebrandmarkt. Lactantius etwa kam zum Schluß: als die Zahl der Empfänger die Zahl der Beiträger überstieg, da erlagen die Provinzen der Last der Tributzahlungen.(De mortibus, 7)

Wie schon die Griechen unter Mißfallen beobachteten, kommt in der Demokratie bald eine Klasse von Menschen auf, die sich besonders gut darauf verstehen, die Masse zu beeinflussen und ihre Launen auszunützen. Es entstehen Parteien – dieser Begriff kommt vom pars populi, einem Teil der Bevölkerung, der auf Kosten der anderen Vorteile sucht und nicht mehr das Gemeinwohl, das per Definition unparteiisch ist, im Sinne hat. Die „Partei“ ist stets ein negativer Begriff. Noch die US-Gründerväter zerbrachen sich lange den Kopf, wie das Aufkommen solcher factions zu vermeiden wäre.

Jene, die diese parteilichen Interessensgegensätze fördern und nützen, nennt man in der Neuzeit Politiker. Damit wird der positive Begriff der Polis, die das Gemeinwohl bezeichnet, in sein Gegenteil verkehrt. Der moderne Sprachgebrauch entstammt dem Französischen, wo man bald abschätzig von der „politique“ sprach. Dabei wurden zwei Möglichkeiten, sich im Leben zu verdingen, gegenübergestellt: Entweder man gehe einer anständigen Arbeit nach oder man sei gerissen genug, „politique“ zu betreiben.

In der Antike gab des den Begriff so noch nicht, er stellte wohl noch kein so professionelles und institutionalisiertes Gewerbe dar wie heute. Die Griechen legten aber den Grundstein dafür, indem sie, wie bereits erwähnt, die herkömmliche berufliche Tätigkeit den Banausen und Idioten zuschrieben. Womöglich lagen sie mit der Einschätzung nicht so falsch, daß in einer Massendemokratie bald nur noch ein nützlicher Idiot sei, wer sein Geld mit anständiger Arbeit verdiene, wo es doch einfachere Wege gibt. Zum Idioten fehlt aber ein Gegenbegriff – man könnte etwa vom „Demoten“ sprechen. Während sich der „Idiot“ ausbeuten läßt, ist der „Demot“ Ausbeuter.

Die Durchsetzung der „Demoten“ über die „Idioten“ in der Demokratie wird in der Antike sehr klar beobachtet. Betrand de Jouvenel etwa kontrastiert den alten politischen Typus eines Cato mit dem neuen Typus eines Caesar, der schließlich, der Demokratie entsprungen, diese zu ihrem Ende bringt und die Prophezeiung der Philosophen erfüllt. Diese Wende vollzog sich an jenem Punkt, als Cato vom wütenden Pöbel von der Tribüne gezerrt wurde und die warnenden Worte sprach: Ihr bringt jene zum Verstummen, die euch überlegen sind, nur um euch selbst der Herrschaft eines einzelnen auszuliefern!

Es kommt zu einer zunehmenden Entpersönlichung der Macht. Die Menschen fangen plötzlich an, vom Gemeinwesen in unpersönlichen Fürwörtern zu sprechen: „sie regieren uns“, „sie haben die Steuern erhöht“ usw. José Ortega y Gasset beschreibt sehr schön diese Präferenz der Masse für anonyme, gleichartige Herrschaft gegenüber persönlichen Hierarchien: Der Massenmensch sieht im Staat eine anonyme Macht und, da er sich selbst genauso anonym fühlt, glaubt er, daß der Staat zu ihm gehört. Wenn sich im öffentlichen Leben eines Landes eine Schwierigkeit, ein Konflikt oder ein Problem auftut, neigt der Massenmensch dazu, eine sofortige Intervention und direkte Lösung seitens des Staates mit seinen immensen und unangreifbaren Ressourcen einzufordern. […] Wenn die Masse irgendein Unglück erfährt oder einfach einen starken Appetit verspürt, liegt ihre große Versuchung in jener stets gewissen Möglichkeit alles ohne Mühe, Streit, Zweifel oder Risiko zu bekommen, indem sie bloß einen Knopf drückt und die mächtige Maschinerie in Bewegung setzt. (La rebelión de las masas). Diese anonyme Macht stößt wohl auch deshalb auf soviel Gegenliebe der Masse, weil sie einer großen Lotterie ähnelt, in der jeder das gleiche Los zu halten glaubt, einmal in der zähen Masse obenauf zu schwimmen.

Erik Ritter von Kühnelt-Leddihn bringt jene verhängnisvolle Neigung sehr gut auf den Punkt, wenn er schreibt: Hin- und hergerissen zwischen dem teilweise noch überlebenden menschlichen Drang nach Freiheit und dem Wunsch, geführt zu werden, wählen die Massen gerne einen Kompromiß in Form eines Herrn, der ihnen die Illusion gibt, daß sie sich immer noch „selbst“ regieren. (Freiheit oder Gleichheit?, S. 53)

Interessant ist, daß im parteipolitischen Prozeß nicht, wie sonst in einem Gemeinwesen zu erwarten, die Besten an die Spitze gelangen, sondern – moralisch betrachtet – die Schlechtesten. Friedrich A. von Hayek brachte dies auf die Formel: The worst get on top. Die Verführer setzen sich gegen die Führer durch. Alexis de Tocqueville berichtete von seiner Reise in die moderne Demokratie der USA jene typische Beobachtung: Er habe sich gewundert, wie weit Anstand und Verdienste unter den Regierten verbreitet waren und wie gering unter den Regierenden.

Die klassische Erklärung dafür geht allerdings nicht von einer Verschwörung der Fähigeren aus, die sich das dumme Volk Untertan machen. Die Masse habe die Politiker, die sie verdiene, denn sie würde gar keine Besseren erdulden. Für Aristoteles etwa hätte es zur Definition von Demokratie gehört, daß ein Mensch, der sich durch besondere Verdienste so hervortäte, daß er die anderen weit überragte, vertrieben oder umgebracht würde – denn sonst wäre es keine Demokratie mehr, sondern der Beginn eines Königtums.

Die moderne Demokratie

Was wir heute als selbstverständlich betrachten, ist oft jüngeren Datums als wir denken. Die Begriffe mögen uralt sein, in der Regel haben sie mit früheren Inhalten wenig bis nichts gemeint. Die gesamte Betrachtung der Demokratie hängt an einem weiteren Begriff, der für uns heute der eigentliche Ausgangsund Endpunkt der Überlegungen um die Regierungsform ist: der Staat.

In der Antike gibt es überhaupt keine Entsprechung für diesen Begriff. Es ist bloß von der Stadt die Rede, aber auch dies weniger im abstrakten Sinne, sondern als Sammelbegriff für deren Bewohner, die Bürgerschaft. „Staat“ kommt zwar vom lateinischen status, doch das bezeichnet bloß den Zustand einer Sache. Erst über das Französische gewinnt der Begriff politische Bedeutung und bezeichnet als états zunächst verschiedene Bevölkerungsschichten, die sich im Gemeinwesen herausbilden. Auf Deutsch würde man von Ständen sprechen. Schließlich bezog sich das Wort état dann auch auf die Ressourcen der jeweiligen Schichten, die zunehmend als Parteien in Konfliktstellung zueinander gerieten. Doch auch diese Bedeutung stand für keine abstrakte, neue Körperschaft.

Eine abstrakte Theorie der obrigkeitlichen Macht, die losgelöst von der konkreten Herrschaft betrachtet wurde, bildete sich im Mittelalter heraus. Dazu wurde die Theorie der zwei Körper des Königs entwickelt. Was passierte mit der Königsmacht, wenn der König starb? Dessen Hofintellektuelle erfanden einen corpus mysticum: Nur der materielle Körper des Königs sei sterblich, dessen mystischer Körper jedoch lebe fort. Dies ist der Hintergrund der berühmten Formel le roi est mort, vive le roi (Der König ist tot, es lebe der König!).

Darauf aufbauend begründete Thomas Hobbes den Ansatz, den Staat als „künstlichen Menschen“ einzuführen, also als abstrakte Körperschaft, die beliebig ausgefüllt werden konnte. Er selbst verwendete jedoch das Wort noch nicht, sonder sprach nachwievor vom Gemeinwesen, bzw. eigentlich Gemeinwohl (Common Wealth).

Dieses abstrakte Gemeinwesen, von jeder konkreten Bürgschaft entbunden, mit dem Begriff „Staat“ zu bezeichnen, ging erst in den allgemeinen Sprachgebrauch, nachdem die traditionelle Schichtung der Gesellschaft aufgehoben war und nur ein einziger gleichförmiger état widerstreitender Parteigänger übriggeblieben war.

Dabei wurde auch der historische Bezug zum Recht gelöst, das in der Antike und im Mittelalter stets als vor und außerhalb der Herrschaft stehend galt. Das Recht legitimierte eine Ordnung, nicht die Ordnung das Recht. Nach der Emanzipation des Staates vom Recht, die der liberale Baron Montesquieu vollendete, wurde die abstrakte Organisation selbst zum Rechtssetzer. Die Folge ist eine seitdem rasante Zunahme der Macht dieser unpersönlichen Herrschaftsorganisation, die heute über Ressourcen verfügt, die alle historischen Vorbilder in den Schatten stellen.

Bertrand de Jouvenel beschreibt diesen Prozeß als Usurpation, die im Namen der Befreiung eine weit umfassendere Herrschaft begründete: Der Thron wurde nicht umgestoßen, er wurde von der Nation-Person bestiegen. Diese künstliche Person entsprach einem weiteren abstrakten Kunstbegriff: der Nation. Sie trat zunehmend an die Stelle des lokalen Bezuges. Der große Vorteil der Nation-Person läge darin, daß die Untertanen gegenüber einem König, der als eine von ihnen unterschiedliche Person angesehen wird, von natürlicher Sorge erfüllt sind, ihre Rechte zu sichern. Die Nation hingegen ist nicht eine unterschiedliche Person: sie ist der Untertan selbst und zugleich viel mehr als er – sie ist ein vergegenständlichtes Wir. (On Power, S. 53)

Die solcherart beschädigten Schranken der Macht fallen gänzlich, sobald die Nation- Person mit einer Ideologie ausgestattet werden kann, die jenem künstlich geschaffenen Wir freie Bahn schafft. Ideal erwies sich dafür das schöne, alte Wort von der Demokratie. Was einst die freie Beteiligung einer konkreten, lokal verankertenBürgerschaft an ihrem Gemeinwesen bezeichnete, war hervorragend geeignet, um die Herrschaft eines abstrakten Wir von jeglicher Konkurrenz um die Macht zu befreien. Wo dies enden würde, beschreibt de Jouvenel mit sehr klaren und scharfen Worten: In der Zerstörung jeder Autorität zugunsten einer alleinig verbleibenden – jener des Staates. In jedes Menschen absoluter Freiheit von jeder familiären oder sozialen Autorität, eine Freiheit, deren Preis die komplette Unterwerfung unter den Staat ist. In der vollkommenen Gleichheit zwischen allen Bürgern zum Preis ihrer gleichen Erniedrigung vor der Macht ihres absoluten Herrn – des Staates. In dem Verschwinden jeder Beschränkung, die nicht vom Staat ausgeht, und in der Verweigerung jeden Vorrangs, der nicht durch den Staat erteilt wird. Mit einem Wort endet es in der Atomisierung der Gesellschaft und im Bruch jeden privaten Bandes, das Menschen verbindet, deren einziges Band nun ihre gemeinsame Bindung an den Staat ist. (On Power, S. 187)

Die amerikanische Demokratie

Als Vorzeigemodell der modernen Demokratie gelten die Vereinigten Staaten von Amerika. In jenem jungen Staat muß man nicht so weit in die Vergangenheit blicken wie in Europa, um die Dinge von ihren Ursprüngen an zu überblicken, und doch ist die Geschichte der amerikanischen „Demokratie“ in Vergessenheit geraten – oder wird vielmehr verdrängt. Denn wer bei den bis heute gefeierten   Gründervätern nachliest, wird nicht weniger überrascht sein als der ernsthafte Student der antiken Demokratie. Wenn wir heutigen amerikanischen Stimmen lauschen, müssen wir zum Schluß kommen, es hier geradezu mit einer Gründungslüge gigantischen Ausmaßes zu tun zu haben.

Die US-Gründerväter waren allesamt dezidierte Antidemokraten. Nicht weil sie durchwegs von bösartigen Intentionen getrieben waren, ganz im Gegenteil. Ihr Studium der Geschichte ließ sie bei dem historisch einmaligen Vorgang einer Neubegründung eines Staatswesens auf der tabula rasa eines riesigen Kontinents mit noch vielen leeren Flecken größte Vorsicht an den Tag legen.

In Übereinstimmung mit fast allen historischen Denkern von Rang schlossen die Gründerväter, daß eine Demokratie allenfalls in kleinen, lokalen Gemeinwesen funktionieren kann und selbst dort stets in größter Gefahr steht, ins Unrecht zu kippen. Es war kein historisches Beispiel einer funktionierenden Demokratie bekannt, die der Größe der USA auch nur nahe kam.

Entsprechend einhellig war die Ansicht, daß man es unbedingt vermeiden mußte, die Vereinigten Staaten zu einer Demokratie verfallen zu lassen. Stattdessen wollten die aristokratisch eingestellten Gründerväter eine Republik errichten. Darunter verstanden sie ein Gemeinwesen, in dem nicht die Mehrheit regiert, sondern wenige Männer von besonderem Verdienst, deren Aufgabe es wäre, im Sinne des Gemeinwohls zu handeln. Entsprechend wurden die Verfassung und die jungen Institutionen gezielt darauf ausgerichtet, eine Demokratie zu verhindern. Daß eines Tages die bloße Mehrzahl durch zufällige Mehrheiten auf kontinentaler Ebene als gleichförmiger Moloch die Geschicke des Landes regieren würde, galt als Schreckgespenst. Vieles erinnert heute noch an diese Konstruktion einer Republik, wird heute aber nicht mehr verstanden und als seltsames Fossil belächelt – etwa die komplizierte Struktur der Wahlmänner.

Doch schon bei der Gründung waren die kritischen Stimmen laut. Manche erwiesen sich als besonders vorausschauend darin, vorherzusagen, daß die Struktur einer solchen föderalen Verbandsrepublik nicht lange halten würde. Denn die Zentralisierungstendenzen würden unweigerlich zu einem Verfall der Republik zu einer Demokratie führen.

Besonders kritisch waren die heute kaum noch beachteten Gegner des staatlichen Einigungsprozesses, die als Antifederalists bekannt sind. Ihre Prognosen hatten seherische Qualität. Sie inspirierten die erste Parteigründung in den USA als Widerstandsbewegung gegen die Zentralisten, deren Wortführer Alexander Hamilton war. Dessen Zentralismus war freilich auch noch alles andere als demokratisch motiviert, eigentlich wollte er eine Monarchie errichten.

Zunächst sammeln sich dessen Gegner in der „Republican Party“, um eben Partei für das ursprüngliche Vorhaben einer Republik zu ergreifen. Dieses schien durch die grandiosen Vorstellungen der Zentralisten gefährdet zu werden. Thomas Jefferson ist der führende Kopf dieser Partei, seine Vision für Amerika ist eine lose Konföderation kleiner Handwerker und Bauern, die in ihren Gemeinden leben und wirken.

Die Hamiltonians werden diese „Partei des kleinen Mannes“ als „demokratisch“ verspotten. Damals war dies ein Schimpfwort, Demokratie stand für die Herrschaft des rückschrittlichen Pöbels, der von der Welt und der großen Politik keine Ahnung hat. Nach und nach, wie so oft in der Politik, bleibt die Schmähung hängen und man beginnt, sich positiv damit zu identifizieren, um sich von den Zentralisten abzuheben, die als „aristokratisch“ beschimpft werden. Das Projekt der Federalists, die sich schließlich als Federalist Party organisieren, sei ein elitäres, „undemokratisches“ Vorhaben. So ändert sich der Name von Jeffersons Partei in „Democratic- Republican Party“. Bald wird das „Republican“ ganz verschwinden und eine Wende im Namen mit sich bringen, die nach einer paradoxen 180°-Richtungsänderung aussieht. In der Tat ist dies eine seltsame Ironie der Geschichte, doch nicht die letzte in der jungen Republik.

Erst im 19. Jahrhundert wandelt die USA endgültig ihr Gesicht von einer Eliten- Republik zu einer Massendemokratie. Der erste Politiker im modernen Sinne sollte die USA tiefgreifend verändern: Andrew Jackson. Unterstützt von der wachsenden Zahl von „Pionieren“, Zuwanderern und Umherwanderern, die losgelöst von den uramerikanischen Siedlungen waren und einen neuen Geist vertraten, kam er als siebenter Präsident des noch jungen Staatenbundes an die Macht. Erst er führte das Wahlrecht für alle Männer ein, davor bestimmten nur Grundbesitzer Repräsentanten. Außerdem begründete er das, was in den USA als spoils system bekannt ist: die Vergabe von staatlichen Jobs an Unterstützer. Eine politische Maschinerie war damit erwacht, die sich nunmehr selbst am Leben halten konnte. Max Weber bezeichnete dieses moderne System boshaft, aber in aller Ernsthaftigkeit, als „Dilettantenverwaltung durch Beutepolitiker“ (Politik als Beruf).

Der französische Aristokrat Alexis de Tocqueville besuchte in dieser Zeit die USA und erstatte in Europa Bericht über dieses skeptisch beäugte Experiment einer Massendemokratie. Mit den antiken Vorbildern hatte diese freilich schon damals nur noch wenig gemein. Tocqueville schüttelt den Kopf über den Gedanken, einen ganzen Staat nach dem Abzählen von Wahlzetteln zu führen. Seine Beobachtungen (alle folgenden Zitate aus De la Démocratie en Amérique) sind haarscharf: Der Präsident regiert nicht mehr im Interesse des Staates, sondern in jenem seiner Wiederwahl; er prostituiert sich vor der Mehrheit, und anstatt ihren Gelüsten zu widerstehen wie es seine Pflicht wäre, läßt er sich oft von ihren Launen antreiben. Intrige und Korruption seien die natürlichen Laster eines Stimmzettelregimes. Doch nicht bloß die Intrigen einzelner Politiker seien das Problem, der Staatsapparat als ganzer mit seinen immensen Ressourcen intrigiert und korrumpiert. Wirklich verheerend sei das Stimmzettelregime jedoch erst, wenn die Macht der Exekutive größer wird. Die damaligen USA waren noch weit vom heutigen System entfernt, doch die Dynamiken waren unvermeidlich.

So erschreckt die Aktualität von Tocquevilles Warnung, wohin dieser Typus von „Demokratie“ führen würde: Es scheint, daß, würde sich der Despotismus in den demokratischen Nationen unserer Tage breit machen, dieser anders geartet wäre […]. Er würde der väterlichen Macht ähneln, wenn er wie diese zum Ziel hätte, die Menschen auf das Erwachsenwerden vorzubereiten; doch er versucht im Gegenteil, sie für immer in der Kindheit festzuhalten; er möchte, daß sich die Bürger vergnügen, vorausgesetzt, sie denken an nichts anderes als ans Vergnügen. Er arbeitet gerne für ihr Wohlbefinden; aber er will der einzige Grund und der einzige Maßstab dafür sein; er sorgt sich um ihre Sicherheit, überwacht und sichert ihre Bedürfnisse, erleichtert ihre Freuden, kümmert sich um ihre wichtigsten Geschäfte, leitet ihre Industrie, teilt ihre Erbschaften – am Ende nimmt er ihnen wohl auch die letzte Sorge und die letzte Not: die Sorge zu denken und die Not zu leben.

Der Status quo

Die klassische Kritik an der Demokratie bestand in der Warnung, daß die Herrschaft der Mehrheit sehr bald zur Entmündigung der Mehrheit führen würde. Es ist interessant und hinsichtlich einer Analyse der Gegenwart aufschlußreich, daß diese Kritik vor der Moderne so einhellig war und heute das genaue Gegenteil der Fall zu sein scheint: Viele Leser werden in dieser Analyse zum ersten Mal von einer so kritischen Beurteilung der Demokratie lesen. Ist die Bilanz der modernen „Demokratie“ der Massen so überzeugend, daß Kritik nur noch von historischem Interesse ist? Oder könnte es sein, daß diese „Demokratie“ selbst das Denken so deutlich beeinflußt?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst herausfinden, am welchem Punkt wir uns überhaupt befinden. Herrscht überhaupt die Masse? Gibt überhaupt die Mehrheit den Ton an? Soll die Darlegung der historischen Demokratiekritik so verstanden werden, daß die heutigen Eliten den heutigen Massen vorzuziehen wären?

Auf den ersten Blick scheinen fast alle heutigen „Staatsbürger“ überzeugt davon, als Teil wechselnder Mehrheiten über die Zusammensetzung und damit Politik ihrer Regierung zu bestimmen. Das universelle Wahlrecht erlaube wesentliche breitere Mitbestimmung als jemals zuvor. Seltsamerweise spricht das Bauchgefühl der meisten Menschen eine ganz andere Sprache. Die überwiegende Mehrheit hat wohl längst den Glauben daran verloren, etwas verändern zu können.

Wie bereits dargelegt, galten den Griechen Wahlen als undemokratisch. Kein Wunder, ist doch das anonyme Malen eines Kreuzes innerhalb einer riesigen Masse das absolute Gegenteil dessen, was man als Selbstregierung verantwortlicher Bürger verstehen würde. Die antiken Denker hätten wohl nichts als Spott übrig für unseren heutigen Pathos, mit dem wir uns für unser „Recht“ bejubeln, einen Tag lang Bürger zu sein und dann fünf Jahre lang Untertan. Unser Sprachgebrauch macht es dabei so deutlich, doch kaum jemandem fällt es auf: Wir geben unsere Stimme ab!

Die schiere Masse der Teilnehmer hat jene Folge, die man wahrscheinlichkeitstheoretisch so ausdrücken kann: Es ist wahrscheinlicher, auf dem Weg zum Wahllokal bei einem Unfall ums Leben zu kommen, als daß die eigene „Stimme“ eine Auswirkung auf das Wahlergebnis hat. Es mag absurd klingen, doch die Partizipation wäre vermutlich größer, wenn politische Entscheidungen nach dem öffentlichen Lesen in den Eingeweiden von Vögeln oder dem Konsultieren von Orakeln getroffen würden. Es ist in der Tat wahrscheinlicher, daß ein einzelner Entscheidender, ob er nun per „Wille“, „Zufall“ oder „Magie“ die Wahl trifft, von einem konkreten, nahestehenden Menschen, der Teil eines gegenwärtigen, sichtbaren Publikums ist, bewußt oder unbewußt beeinflußt wird, als daß ein politischer Entscheid vom Kreuz eines unter Millionen berührt wird. Schließlich ist es auch ein Fehler anzunehmen, daß nur Wahlen eine Übereinstimmung mit den Wünschen der Mehrheit hervorbringen können. So ist ein einzelner Machthaber, bei noch so autokratischen Befugnissen, auch ohne jede Wahl viel mehr auf die Mehrheit angewiesen als eine ausgeprägte politische Kaste, die sich ständig durch Wahlen bestätigen läßt. Eines einzelnen Tyrannen kann sich eine Mehrheit sehr viel leichter entledigen als einer institutionellen Tyrannis, die womöglich noch auf Illusionen der „Mitbestimmung“ basiert.

Schon Tocqueville hatte sehr genau erkannt, daß es sich bei Wahlen um ein politisches Placebo handeln kann: Vergeblich betraut ihr dieselben Bürger, die ihr so abhängig von der Zentralmacht gemacht habt, damit, von Zeit zu Zeit die Repräsentanten dieser Macht zu wählen; dieser so wichtige, aber so kurze und so seltene Gebrauch ihres freien Urteils wird nicht verhindern, daß sie nach und nach die Fähigkeit verlieren, selbst zu denken, zu fühlen und zu handeln und so schrittweise unter das Niveau der Menschlichkeit fallen. […] Es ist in der Tat schwierig, sich vorzustellen, wie Menschen, die vollkommen auf die Gewohnheit verzichtet haben, sich selbst zu leiten, es schaffen sollten, jene gut auszuwählen, die sie anleiten sollen; und es ist unglaubwürdig, daß eine liberale, entschlossene und weise Regierung jemals aus der Wahl eines Volkes von Knechten hervorgehen könnte.

Doch wer regiert und wer bestimmt heute eigentlich? Bertolt Brecht schlug 1953 etwas boshaft „Die Lösung“ vor, um Machtverhältnisse umzukehren: Wäre es da/ Nicht doch einfacher, die Regierung/ Löste das Volk auf und/ Wählte ein anderes?

Könnte das schon geschehen sein? Zunächst fallen bestimmte Dynamiken ins Auge, die zumindest einer Umstrukturierung des Volkes, also der Menschen unter einer Regierung, entsprechen. Die Moderne war eine Phase zunehmender Lohnabhängigkeit und Vermassung: Sich immer mehr ähnelnde Massenmenschen, die Massenprodukte konsumieren, von Massenmedien unterhalten und informiert werden, in Massenbetrieben arbeiten und in einer Masse von Wählern als unpersönliche Elemente aufgehen. Nicht nur nahm die Zahl der Selbständigen ab, sondern damit auch eine ganz bestimmte Abhängigkeit zu: Die Abhängigkeit vom Staat. Ein großer Teil der Lohnbezieher sind Staatsangestellte oder in Betrieben tätig, die ihr Einkommen im Wesentlichen aus Staatsmitteln bestreiten. Wer noch keinen Lohn oder keinen Lohn mehr bezieht, befindet sich im staatlich konzentrierten Bildungssystem, oft mit staatlicher Bezuschussung der Lebenshaltung, oder bezieht eine staatliche Rente. In den meisten Massendemokratien unserer Tage hat die Zahl dieser Staatsabhängigen 50% der Wahlberechtigten überschritten. Das bedeutet: Die Regierung wird de facto durch ihre Beschäftigten kontrolliert.

Schon dies ist ein historisch bemerkenswerter Umstand, denn hier offenbart sich eine Umkehrung des klassischen Zugangs sowohl zur Demokratie als auch zum Staatsdienst. Das „Amt“ ist ursprünglich eine heilige Funktion, die einen Dienst am Gemeinwesen bezeichnet. In einer Demokratie sollte dieser Dienst ein Dienst am Volke sein, d.h. der Amtsträger ist dafür da, jedem Bürger zu dienen – als ein vom Bürger kontrolliertes Hilfsorgan. Diese heilige, aufopferungsvolle Aufgabe ist eine Ehre – daher noch die bis heute spürbaren Überreste eines einst sehr hohen Ansehens für den „Staatsdiener“. Dieses Ansehen ist freilich fast vollends aufgezehrt, denn heute hat man eher den Eindruck, daß der Bürger dem Beamten zu dienen hätte.

Auch in anderer Hinsicht scheint allerdings eine Wandlung des Volkes eingesetzt zu haben. Die materielle Wandlung ist nicht denkbar ohne eine tiefer liegende geistige Wandlung. Wenn wir uns die Frage danach stellen, wer heute Herrschaft ausübt, also den Gang der Staaten und derer Regierungen bestimmt, so sollten wir uns nicht von Äußerlichkeiten blenden lassen. Die Frage läßt sich nämlich in einer Weise formulieren, die einen klareren Blick erlaubt: Wer hat gestern die Linie erdacht, die heute verfolgt wird? Wer hat gestern die Politiken formuliert, die heute umgesetzt werden? Wer hat gestern die Meinungen vertreten, die heute dominant sind? Wenn die Wähler gestern für eine Forderung „noch nicht bereit“ waren, was oder wer hat sie bis heute umgestimmt?

Wenn man mit diesen Fragen im Hinterkopf die politische Entwicklung betrachtet, dann fällt auf, daß Forderungen und Maßnahmen, die vor einiger Zeit noch von der Mehrheit verlacht worden wären, heute „eine Mehrheit finden“. Wer hat diese Forderungen vertreten, als die Mehrheit „noch nicht so weit war“? Wir finden jene Vorreiter der politischen Entwicklung wenig überraschend dort, wo Ideen entstehen und in Umlauf gebracht werden: An den Universitäten, an den Schulen, in den Massenmedien. Rezepte, Ideologien, Interpretationen, Sprüche, die heute Gemeingut der Politiker sind, waren vor Jahren in den Medien zu finden und vor Jahrzehnten an den Universitäten in Mode. Daß wir es zumindest im Bildungssystem vorwiegend mit Staatsangestellten zu tun haben, verweist hier schon auf einen bedenklichen Zirkel der Machtlegitimierung.

Dabei fällt eine weitere interessante Verschiebung der Betonungen ins Auge. Auf der einen Seite nimmt bei den Regierenden und den Ideengebern die Sorge um die Geistesinhalte der Regierten zu. Auf der anderen Seite fordern politische Herausforderer der Regierenden zunehmend „mehr Demokratie“ ein. Sehen wir uns diese zwei Punkte näher an:

Paradoxerweise sind es oft jene, die sich am lautesten zur Demokratie bekennen, die es zugleich als wesentliche „politische“ Aufgabe ansehen, die „Vorurteile“ des Wählers zu verringern. Wenn eine Mehrheitsentscheidung im Sinne dieser „Demokraten“ erfolgt, so ist sie sakrosankt, doch wenn die Mehrheit anders entscheidet, werden Rufe nach „Aufklärung“ laut. Insbesondere, wenn es um die Europäische Union geht, tritt hier ein eigenartiger Umgang mit dem Wähler zutage. Ungeheure Mittel werden in „Kommunikation“ investiert. Diese glatte Umkehrung des demokratischen Prinzips hat mittlerweile alle „Demokratien“ erfaßt, sogar die Schweiz. Dort läßt die Regierung heute vor jeder Abstimmung bis zu 680 Kommunikations- und PR-Spezialisten auf das Stimmvolk los (Eduard Stäuble: Die Schweiz in der Sackgasse oder Die Zukunft der Volksrechte, St. Gallen, 2008, S. 11). Das Beispiel wurde gewählt, da wir es – relativ betrachtet – noch mit einem Musterland der Demokratie zu tun haben. So vermag man die Zustände anderswo zu ermessen, von denen wir lieber schweigen wollen.

Der Psychologe Thomas Szasz liegt daher vielleicht nicht ganz falsch, wenn er den modernen Staat als „therapeutischen Staat“ bezeichnet. Umerziehung ist eine Möglichkeit, ein anderes Volk zu „wählen“, wenn einem das gegenwärtige nicht behagt.

Daher wundert es nicht, daß wir einen Wandel der Opposition beobachten können. Sonst würde man erwarten, daß die Gegnerschaft zu einem bestimmten Status quo eher dessen Regierungsprinzip negieren würde als mehr davon zu fordern. Wenn die derzeitigen Verhältnisse demokratisch wären oder auch nur demokratisch zustande gekommen wären, wie sollte dann mehr Demokratie eine taugliche Abhilfe sein? Trotzdem lassen sich vermehrt demokratische Motive auch bei denjenigen vernehmen, die dem Status quo sehr negativ gegenüber stehen. Die zugrundeliegende These ist folgende: Die derzeitige „Demokratie“ sei eigentlich die getarnte Herrschaft einer korrupten Minderheit. Eine tatsächliche Regierung durch die Mehrheit würde den „anständigen Menschen“ wieder nach oben bringen und die Mängel der Gegenwart aufheben. Nun deutet zwar vieles darauf hin, daß die herrschenden Eliten falsche Eliten sind, da in Massenorganisationen oft eben die Schlechtesten, nicht die Besten an die Spitze gelangen. Doch der demokratische Glaube an die Weisheit der Vielen ist naiv. Die Mehrheit hat die Stärke auf ihrer Seite, ist sie doch per Definition zahlenmäßig überlegen. Wenn sie auch die Weisheit auf ihrer Seite hätte, wie könnten wir dann deren Beherrschung durch Minderheiten erklären?

Demokratie als Ersatzreligion

Die heutigen Probleme, offen über die Demokratie zu diskutieren oder sie auch nur tiefgründig zu analysieren, sind nur auf theologischem Wege verständlich. Nach dem Schwinden der Überzeugungskraft der großen Religionen klafft eine spirituelle Lücke. Nach dem Wahnsinn des letzten Jahrhunderts klafft eine Lücke jener Zuversicht in das Gute, jener Hoffnung, die wir zum Leben brauchen. Das Versprechen der Demokratie füllte diese Lücke und an dieses, letzte große Versprechen klammern wir uns verängstigt. Jeder Zweifel könnte das hastig überdeckte existentielle Vakuum wieder sichtbar machen und die verdrängten Gespenster der Vergangenheit wieder zum Leben erwecken. Demokratie brächte Frieden, Freiheit, Wohlstand – kurz: irdisches Heil. Hier wird deutlich, daß die Hoffnung auf die Erlösung des Menschen durch den Menschen einen religiösen Charakter hat.

Diese ängstliche, tiefreligiöse Umklammerung durch den modernen Menschen mit seiner verletzten Seele erdrückt jedoch das Konzept der Demokratie. Im besten Falle und im besten Sinne nannte man so allenfalls das Ergebnis einer freien und friedlichen Gesellschaftsordnung, niemals jedoch deren Grundlage. Wo eine große Zahl der Menschen in einem Gemeinwesen tugendhaft, gemeinwohlorientiert, eigenverantwortlich und frei waren, dort sah man sie als Ergebnis solch rarer Voraussetzung zur lokalen Selbstverwaltung fähig. Schon die Betonung dieser Selbstverwaltung mißfiel den großen Denkern, sie fürchteten zu Recht die Hybris der Masse. Nur einem Narren wäre es jedoch in den Sinn gekommen, das Konzept gänzlich auf den Kopf zu stellen und die Entscheidung durch die Mehrzahl, die bloße Vielheit selbst, zur Voraussetzung zu erklären, die aus Menschen automatisch Bürger machen würde und aus Sklaven automatisch Freie. Gerade in unserer Zeit der Vermassung werden aus Untertanen nicht Bürger, bloß indem man ihnen Illusionen der „Mitbestimmung“ gibt.

Die moderne Religion der Demokratie läuft so Gefahr, das wahre Opium der Masse zu sein. Wer sich ohne jede Voraussetzung als Bürger wähnen darf, wessen Dummheit man Meinungspluralität und wessen Feigheit man Wahlgeheimnis nennt, wessen Neid man Anspruch tauft und wessen Laster gutes Recht, den kann man in jede Sklaverei einlullen, solange man ihm seine Bequemlichkeit läßt.

Aufgrund der religiösen Tabuisierung dieses modernen Kults laufen wir Gefahr, die nächste Reaktion zu nähren, die sich dann mit solcher Heftigkeit gegen die Demokratie wenden wird, daß sie auch die guten Seiten des Konzeptes durch deren Gegenteil ersetzen wird. Je blinder der Glaube an ein Versprechen, das nicht eingehalten werden kann, desto größer dann die Wut, wenn das Vertrauen schließlich geplatzt ist.

Die guten Aspekte, die es gegen die tödliche Umarmung der heutigen „Demokraten“ zu verteidigen gilt, liegen in der Betonung der Würde des „kleinen Mannes“ trotz all seiner Fehler, im Leitbild der lokalen Selbstbestimmung trotz aller dort passierenden Irrtümer, im Ideal des freien Bürgers. In der Sprache der alten Griechen: Demokratie im besten Sinne ist, den „Idioten“ Würde und Freiraum zuzugestehen, ohne sie dabei zu idealisieren.

H.L. Mencken bemerkte einmal etwas boshaft (in Notes on Democracy, S. 211f): Wer durch und durch Demokrat ist, könne eigentlich kein Demokrat sein. Er müßte dabei zusehen, wie die Menschen ihre Freiheit stets für bequeme Illusionen aufgeben und stets diejenigen bejubeln, die ihnen Unheil bringen; würde er dies tun, weil er ihr Unheil wünscht, dann wäre er kein Demokrat, denn er würde die große Mehrheit verachten. Würde er sie aus Sympathie vor ihren Fehlern bewahren wollen, dann wäre er aber erst recht kein Demokrat.

Einen dritten Weg hat Mencken jedoch übersehen: Den Nächsten aus Nächstenliebe seine Fehler selbst machen zu lassen. Dies darf jedoch keine Entschuldigung für den Status quo sein. Denn genau dieses Prinzip kann in den politischen Massendemokratien nicht wirken. „Politik“ meint heute, in vollkommener Verkehrung der ursprünglichen Bedeutung, die Verwässerung von Verantwortung, bei der Fehler vergesellschaftet werden. Wenn freie Bürger in ihrer Gemeinde gemeinsam Mist bauen, obwohl sie einzelne, Klügere gewarnt haben, kann das heilsam sein. Wenn die Dummheit der Vielen millionenfach in große Kästen fließt und sich als Volkswille maskiert, dann wird jeder Fehler zu einer Fügung launischer Götter, die man fürchtet, von denen man aber nichts lernen kann.

Marcel de Corte versuchte, den Begriff zu differenzieren, um vor dieser Gefahr warnen zu können, ohne die Hoffnung auf die guten Aspekte aufgeben zu müssen. Er unterschied die „politische Demokratie“ von der „gesellschaftlichen“. Alle rein politischen Demokratien der Vergangenheit hätten sich zur Tyrannis entwickelt: die politische Demokratie ist der Tod des Volkes; denn sie ist nicht vom Ursprung her auf einer standfesten gesellschaftlichen Demokratie gegründet, das heißt auf den völlig entpolitisierten Gemeinschaftsformen[…], die dem Menschen zugemessen sind, wo jeder mit jedem Fühlung hat und ihn auf organische, konkrete Weise begreift, weil alle sich dem gleichen gemeinsamen Geschick unterworfen fühlen. Wenn wir also aus der Demokratie alles Krankhafte austreiben und ihr die Gesundheit wiedergeben wollen, gilt es, die unerläßliche sanatio in radice [Heilung an der Wurzel] durchzuführen und außerhalb der Politik die gesellschaftlichen Grundlagen des Regimes, das anscheinend das Regime unseres Zeitalters ist, zu errichten. Wir behaupten nicht, daß das etwas Leichtes sei, ganz im Gegenteil. Aber für jeden Menschen, den die Vorurteile einer absurden Zeit nicht verblenden, ist die Wahl zwischen einem Leben in gesellschaftlicher Ordnung und dem Untergang im Politischen schon getroffen. (Das Ende einer Kultur, S. 160f.)

Diese Begriffsunterscheidung ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluß und vermutlich ist es angesichts des übertriebenen und furchtbar unduldsamen Aberglaubens unserer Zeit besser, den Begriff der Demokratie gänzlich zu begraben. Dieser Verzicht würde vielleicht wieder Klarheit in unseren benebelten Geist bringen, der sich dann frei von Angst vor den beschworenen Dämonen der Vergangenheit den Fragen unserer Zeit widmen könnte.

Rahim Taghizadegan