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6. November 2011

Das Ende der Parteiend(a)emokratur (Teil 2) – Europa am Scheideweg –

6. November 2011|Gesellschaft, Kultur und Geschichte, Steuer- und Finanzpolitik|Kommentare deaktiviert für Das Ende der Parteiend(a)emokratur (Teil 2) – Europa am Scheideweg –

Das Schicksal des EURO, der Schulden-, Banken- und Wirtschaftskrise, der Wettbewerbsfähigkeiten der nationalen Ökonomien wie auch der Eurozone insgesamt sowie der Wandel in den sozialpolitischen Strukturen der europäischen Länder – all dies hängt davon ab, für welchen Weg wir uns entscheiden.

Fest steht, wohl ohne größeren Dissens, daß das über Jahrzehnte entartete System am Ende ist, weil es auf die biometrischen, wirtschafts- und sozialpolitischen Fordernisse nicht mehr adäquat reagieren kann. Das haben, außer realitätsblinden Bürokraten und machtgeilen Politikern sowie in den Hängematten des “Sozial”staates zum Teil bereits in zweiter Generation fläzende Zeitgenossen, inzwischen fast alle kapiert.

Nun gibt es zwei diametral unterschiedliche Wege, zwischen denen es sich zu entscheiden gilt, und je länger wir diese Entscheidung in ängstlichem Abwarten und irrealem Hoffen aufschieben oder zu verdrängen suchen, desto teurer werden die daraus resultierenden Folgen:

  1. Wir geben dem Größenwahn einer grün(dunkel)rotschwarz lackierten Europa-Superstaat-Fraktion grünes Licht und freie Bahn, vergessen jegliches nationalstaatliche Denken und verabschieden uns vom Gedanken eines Vielvölker-Kontinentes Europa. Wir unterstellen uns von Hammerfest bis Syracus und von Vincent bis – ja, bis wohin im Osten soll es denn gehen? – einer zentralen Europa-Regierung (à la Washington D.C), – das schlösse sämtliche, bislang nationalstaatliche Strukturen sowie die Haushaltshoheit ein. Alle nationalen Unterschiede werden eingestampft und in unseren Pässen steht unter dem Rubrum ‚Nationalität’ künftig ‚USE’ (‚United States of Europe’ – natürlich mit Englisch als erster Amtssprache. Skandinavier und Südeuropäer, Spanier und Polen, insgesamt rund 40 Länder mit 25 unterschiedlichen Sprachen opfern ihre bisherige Identität und sind künftig eine singulare Nation.Alle bisherigen sprachlichen, kulturellen und historisch gewachsenen Unterschiede werden nach und nach eliminiert – notfalls per Dekret aus Brüssel oder Luxemburg. Sämtliche Lebensbereiche, Schulen und Berufsleben, Sozial- und Wirtschaftssysteme, Verwaltung, Rechtswesen und die dafür notwendige Bürokratie – von der Wiege bis zur Bahre – werden innerhalb von etwa drei Generationen komplett vereinheitlicht (und in GB fährt man dann rechts!). Daß dies nicht nur das Ende individueller Identitäten der Völker Europas, sondern auch des in Agonie noch kläglich flackernden Restgedankens der Demokratie bedeutete, müßte/sollte jedem Verfechter dieser Idee klar sein; ein unverstellter Blick in die Riesenreiche auf unserem Planeten – USA, Rußland, China, Indien und Brasilien – beweist dies; sie alle stehen vor der drohenden Gefahr des Zerfalls und der Auflösung.

 

  1. Wir erkennen mithilfe des Restbestandes an humanistischer Bildung, daß wirkliche Demokratie immer nur auf lokaler/kommunaler Ebene funktionieren kann (man schlage nach bei Demokrit, Herakleitos, Solon und Perikles) und, folgerichtig, daß unsere – weltweit gepflegten und mühsam bis barbarisch verteidigten Formen von – Parteiend(a)emokraturen keine Zukunft haben (Lesen Sie hierzu auch: Das Ende der Parteiend(a)emokratur (Teil 1) – Beginn einer neuen Ära –).Nationalstaatliche Ordnungspolitik kann per se nicht demokratisch sein – es sei denn, der Staat hätte die Größe einer Kleinstadt. Nicht im Sinne kleinstaatlicher Vorgestrigkeit, sondern eigenverantwortlicher Selbstbestimmtheit wird autonomen Kommunen (lat.: communis = gemeinschaftlich) als Basis-Sozialstrukturen wieder der Vorrang eingeräumt (sh.: www.d-perspektive.de/konzepte/demokratie-und-rechtskonzept/). Sie bestimmen als grundsätzlich autarke Einheit die Sozial-, Wirtschafts- und Rechtspolitik ihrer Region (s.h.: www.d-perspektive.de/konzepte/steuer-wirtschafts-und-sozialkonzept/) und entscheiden selbständig, zu welchem Zweck und Behuf sie mit anderen Regionen zeitweilig oder dauerhaft Bündnisse eingehen – strikt nach dem absolut verbindlichen Delegationsprinzip, das auf regionaler Basis in Teilen der Schweiz, City Councils in Bundesstaaten der USA, Schweden und Norwegen bereits glänzend funktioniert. Hintergrund dieser Idee ist das logische Verständnis dafür, daß wirkliches Sozialempfinden auch nur in sozial(gemeinschaftlich)er Nähe er- und gelebt, nicht jedoch überregional oktroyiert, gesetzlich verordnet und erzwungen werden kann. Gilt dies bereits heute, auf nationaler Ebene, so umso mehr auf transnationaler, europäischer Ebene. Die sozialsten Strukturen – im Sinne zwischenmenschlicher Nähe und nachbarschaftlicher Hilfe – finden wir in dörflichen, kommunalen Entitäten, beileibe nicht auf Landes- oder staatlicher Ebene.
    Daß dies das Ende des heute sämtliche Lebensbereiche verzwängenden Bürokratismus’ sowie der parasitären Parteienmoloche mit ihren Heerscharen korrupter Lobbyisten wäre, versteht sich von selbst (und dürfte, abgesehen von den Parasiten selbst, von Jedermann begrüßt werden). Welches persönliche Engagement plötzlich freigesetzt würde, zeigen Feste, Veranstaltungen und Initiativen aller Art, die auf Gemeindeebene organisiert werden – sofern sie nicht durch hoheitliche Eingriffe be- und verhindert werden.

Wir sind – an o.g. Scheideweg stehend – von der endgültigen Verunfreiung durch die Allmachtsphantasien von Eurokraten bedroht, für die persönliche Macht weit vor dem humanistischen Ideal individueller Freiheit rangiert. Sie sprechen dem Einzelnen sowohl das Recht als auch die Fähigkeit zu einer eigenverantwortlichen Lebensgestaltung ab und euphemisieren dies mit Begriffen wie ‚soziale Verantwortung’ und ‚Fürsorge’ – in der (leider berechtigten) Hoffnung, daß das Gros der Bürger zu bequem, feige und desinformiert ist, um hinter die Kulissen zu gucken.

Nunmehr ist diese Scharade, dieses „sozial“politische Vexierspiel am (finanziellen) Gefrierpunkt; die papageiigen Roths und blasierten Tritti(h)ns, dummdreisten Özdemirs und arroganten Steinbrücks, rückgratlosen Merkels und rücksichtslosen Schäubles, westergewellten Lindners und larmoyanten von der .Leyens, naive Rößleins und feistdreiste Gabriels sind mit ihrem Latein (selbst dem kleinsten Latinum) restlos am Ende; von den Großmäulern am Po und der ‚Grande Nation’ gar nicht zu reden.
Letzten Endes entscheiden aber wir alle – ungeachtet der Tatsache, daß diese politischen Glühwürmer (vulgo: Parteien) nichts mehr fürchten als wirkliche Demokratie – ob wir diese zukunftsträchtige Entscheidung dafür völlig inkompetenten Hasardeuren überlassen, oder – auch in der Verantwortung für unsere Kinder und künftige Generationen – selbst in die Hand und Artikel 20 (Satz 4; das ‚Recht auf Widerstand’) des Grundgesetzes ernst nehmen. Wir dürfen dieses Land und seine Zukunft nicht religiösen Fanatikern und kotfarbenen Neonazis überlassen; schon Goethes Farbenlehre beweist: Rot und Grün gemischt ergibt Braun!

Wie ernst die Situation ist, werden wohl erst die nächsten Geschichtsbücher vermitteln; die jeweils betroffene Generation, das lehrt die Geschichte, mißdeutet zumeist die „Zeichen an der Wand“ und (re)agiert oftmals gar nicht oder zu spät.

Zu Panik besteht keinerlei Anlaß, sehr wohl hingegen dafür, aufzuwachen, mitzudenken und zu handeln!

H.-W. Graf
6. November 2011

Öffnen wir der Zeitenwende die Tür!

6. November 2011|Gesellschaft, Kultur und Geschichte|Kommentare deaktiviert für Öffnen wir der Zeitenwende die Tür!

Nach Tausenden von Nachrichten, Artikeln, Stellungnahmen von Politikern, Bankern und anderen „Experten“, Talkshows, Kongressen, Telefonkonferenzen und Vorträgen darf die ernüchternde Diagnose erlaubt sein: Diejenigen, die uns qua Amt und Funktion in die Zukunft führen sollen, eint Hilflosigkeit und Ratlosigkeit sowie der eiserne Wille, nichts zu unternehmen und zu wagen, was ihre Macht und Position gefährden könnte.
Das Problem ist nur, daß die Masse der Menschen – national wie international – verunsichert und hilflos darauf wartet, daß genau diese „Führungskräfte“ ihnen den Weg in die Zukunft zeigen und öffnen, selbst aber wahlweise in Wut oder Trauer, Hoffnung oder Resignation verharrt.

Allen „Experten“ gemeinsam ist, daß sie den Kranz der heutigen Probleme jeweils nur aus ihrem eigenen Fachbereich betrachten, ihnen der Blick dafür verstellt ist, daß es gar nicht mehr darum geht, singuläre Probleme zu lösen, sondern die multiplen Facetten der Gesamtproblematik als Ganzes zu analysieren, zu verstehen und als ganzheitliches Problem zu lösen.
Damit darf lakonisch konstatiert werden: Diejenigen, die sich selbst als kompetente Experten sehen und als solche äußern, sind per se völlig ungeeignet, uns aus dem Sumpf der ganzheitlichen Problematik herauszuführen.

Die einzelnen Ressorts der Politik, der Wissenschaft sowie der meisten Berufe haben ein Eigenleben entwickelt, das den Blick für Zusammenhänge immer mehr verloren hat. Kein Wunder, daß die Multiplexität in sämtlichen Berufen, allen Sparten der Wissenschaft wie auch der Politik ein immer komplexeres Eigenleben entwickelt hat und damit der Blick für die Ganzheitlichkeit immer mehr verloren gegangen ist.
So haben heute Mediziner aller Fachrichtungen so gut wie keine gemeinsamen Sprachfelder mehr; Sozial-, Wirtschafts-, Finanz-, Bildungs- und Justizpolitiker können sich allenfalls noch auf ein gemeinsames Datum einigen, haben aber keinerlei ressortübergreifendes Verständnis für das, was in den unterschiedlichen Ministerien und Abteilungen vor sich geht. Jeder ist auf die Inhalte seiner spezifischen Tätigkeit reduziert und in den übergreifenden Strukturen wird ausschließlich in den Größenordnungen von Machterhalt, Umsatz und Gewinn gedacht und gehandelt. Dieses systemische Denken in systemisch abgegrenzten Arbeitsbereichen hat uns in immer feineren Verästelungen in den einzelnen Subsystemen inzwischen an einen Punkt geführt, der die mit den spezifischen Problemen Beschäftigten ebenso rat- und hilflos macht wie diejenigen als Bezieher und Nutzer, als Bürger des „Öffentlichen“ Dienstes.
Hinzu kommen weitere Verästelungen auf föderaler, regionaler und kommunaler Ebene, die sich noch weitergehend spezifiziert und voneinander wegentwickelt haben.
Dies ist der Grund, warum nicht nur den Bürgern, sondern auch den für die jeweiligen Ressorts des „Öffentlichen“ Dienstes Tätigen jede Übersicht verloren gegangen ist.
Infolge dieser verhängnisvollen Diversifizierung (z.B. in der Steuer-, Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitik) hat sich aber auch die gesamte Justiz und deren Rechtsprechung völlig unterschiedlich entwickelt, was dazu führt, daß eigentlich gleichem Recht unterstehende Gerichte diametral unterschiedliche Urteile sprechen.

Gilt diese Beschreibung eines völligen Chaos in praktisch allen Lebensbereichen für ein Land, so gilt sie umso mehr für den zunehmenden Drang von Regierungen und politischen Organisationen, sich transnational zu vereinigen und für den zweifelhaften Versuch, jenseits von über Jahrhunderte gewachsene kulturelle Unterschiede übergeordnete Strukturen stülpen zu wollen – hin zu einer „Weltordnung“ in allen Lebensbereichen.
Dahinter steht aber ein völlig falsches und in seinen Auswirkungen höchst fatales Menschenbild und der halsbrecherische Versuch, die Spezies homo sapiens sapiens in ein alle Lebensbereiche umfassendes, gemeinsames Raster zu schieben, zu uniformieren und (vorgeblich) zu vereinheitlichen.
Ultimativ sollen dann Finnen und Chilenen, Afrikaner und Asiaten, US-Amerikaner und Chinesen, Isländer und Australier in gleicher Weise und nach gleichen Gesetzen leben, denken, fühlen und handeln.

Dieser abstruse Spagat – „Gleichheit“ aller Menschen bei gleichzeitig immer weiter wachsender Subspezifizierung aller Lebens- und Arbeitsbereiche – kann nicht gelingen; dies gliche nämlich dem Versuch, alle Tiere oder Pflanzen auf diesem Planeten zu vereinheitlichen und Fischen das Fliegen, Würmern das Jaulen beizubringen oder Schlüsselblumen in Baumhöhe zu züchten.

 

Wie sähe eine Lösung aus diesem Dilemma aus?

Grundsätzliche Voraussetzung wäre ein Abschied davon, immer größere Strukturen zu schaffen, denen man völlig unterschiedliche Lebens- und Verhaltensweisen meint, unterordnen zu müssen.
Genau darauf fußt das ‚alternative Demokratie- und Justizkonzept’ des ‚ PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.’ (http://www.d-perspektive.de/konzepte/demokratie-und-rechtskonzept/), was der regionalen Autonomie und Autarkie wieder den entsprechenden Platz einräumen würde, den es zu Beginn der Idee der ursprünglichen Demokratie im antiken Griechenland hatte. Alle darauf aufbauenden transkommunalen und überregionalen Projekte (Krankenhäuser, Flughäfen, Häfen, Universitäten, etc.) wären dann im Wege einer strikten Delegatiokratie zu lösen.

Aus dem das ‚alternativen Demokratie- und Justizkonzept’ des ‚PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.’:

Entwurf einer Verfassung

Jeder Mensch erwirbt durch Geburt das grundsätzliche Recht auf freie körperliche, geistige und emotionale Selbstverwirklichung, aber auch die Pflicht, sich den demokratisch beschlossenen Regeln einer Gemeinschaft zu unterstellen – der er in freier Entscheidung betritt – , solange er dieser angehört. Im Gegenzug übernimmt die Gemeinschaft den Schutz des Einzelnen – den sie in ebenso freier Entscheidung aufnimmt und solange sie ihn duldet -, soweit er dies nicht selbst vermag.

In gleicher Weise wären die Steuer-, Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik transkommunal – für freiwillig und unabhängig vereinbarte Wirtschaftsräume! – in ihrer Gesamtheit durch das ‚alternative Steuer-, Wirtschafts-, Finanz- und Sozialkonzept’ zu reformieren: http://www.d-perspektive.de/konzepte/steuer-wirtschafts-und-sozialkonzept/

Letztlich gelte es aber auch, den gesamten Bereich der Bildung dahingehend neu zu sortieren, daß die entsprechenden Bildungskompetenzen jedes Einzelnen wieder wichtiger werden und mehr zählen als die jetzige gültige Maxime, nach der Bildung ausschließlich als hoheitliche Aufgabe dazu dient, Menschen in genormter Weise und vornehmlich dem Staatsgedanken dienlich zu braven Bürgern und Konsumenten erziehen zu wollen.
Auch hierzu bietet der ‚PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.’ ein alternatives Konzept (http://www.d-perspektive.de/konzepte/bildungskonzept/ ), welches sich derjenige, der um eine Reform des heutigen Chaos im Bildungswesen bemüht ist, einmal ansehen könnte.

Fazit

Wir brauchen nicht mehr, sondern weniger Staat, denn gerade der staatspolitische Größenwahn mit seinen Allmachtsphantasien ist für den größten Teil unserer heutigen Probleme verantwortlich, und seine Protagonisten sind in höchstem Maße schuld an der galoppierenden Dehumanisierung immer weiterer Bereiche unseres Lebens.

Mit der heutigen, völlig schizophrenen Vorgehensweise, Menschen völlig unterschiedlicher Herkunft, Tradition, Lebensweise und Lebensumstände zwangsweise immer weiter vereinheitlichen zu wollen, andererseits aber einer immer höheren Spezifizierung und Diversifizierung in allen Lebensbereichen zuzuarbeiten, muß Schluß sein, da dieses völlig unsinnige Unterfangen immer größere Ungerechtigkeiten provoziert, Menschen immer mehr ihrer Autonomie und Selbstverantwortung enthebt und immer größere Verwaltungsstrukturen im „Öffentlichen“ Dienst schafft, die (schon heute) nicht mehr zu bezahlen ist.

Wer der derzeitigen Situation – kollabierende Sozialsysteme aufgrund der demografischen Entwicklung einerseits und chancenlose Länder mit Heeren von arbeitslosen Jugendlichen andererseits – sinnvoll begegnen will, kommt um eine ganzheitliche Sichtweise und eine Lösung aus systemischen „Gefängnissen“ hin zu einer schematischen Öffnung seiner Sichtweisen – und dies gilt für buchstäblich alle Lebensbereiche – nicht herum.

Mir ist völlig klar, daß die oben geäußerten Gedanken das Gros der Menschen kaum zu erreichen vermag, vor allem diejenigen, die entweder längst resigniert haben oder denen es zu anstrengend ist, sich mit mehr als einem halbwegs gefüllten Kühlschrank und einem auf 50 Kanäle ausgelegten Fernsehgerät zu beschäftigen.
Doch, wer immer sich nicht nur um seinen unmittelbaren Lebensbereich kümmert, sondern bereit ist, sich auch mit der Zukunft unserer Kinder und Enkel zu beschäftigen, dem seien diese Gedanken gewidmet und ans Herz gelegt.

H.-W. Graf
5. November 2011

Und neues Leben blüht aus den Ruinen

5. November 2011|Finanzen / Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Geschichte|Kommentare deaktiviert für Und neues Leben blüht aus den Ruinen

– Über den Zusammenbruch von Systemen –

Wer sich nicht darauf beschränkt, die täglichen Horrormeldungen aus Politik und Wirtschaft, der Welt der Waffen und Wertpapiere medial zu konsumieren und ob des Versagens der Parteipolitiker resigniert den Kopf oder wütend die Fäuste zu schütteln ,könnte den Verdacht wittern, daß er selbst als Teil einer Masse versagt hat, indem er stillschweigend und bequem, vor allem aber zu lange toleriert hat, das das gesellschaftliche System in all seinen Facetten völlig aus dem Ruder gelaufen ist.

Wir gleichen Gästen auf einem Ozeanriesen, die für viel Geld (Steuern) bei einer Reiseagentur (Partei), die uns medial umworben hat, eine luxuriöse Kreuzfahrt gebucht haben, und nun, auf hoher See, stellen wir fest, daß Kapitän und Offiziere als Hobbysegler heillos überfordert sind. Der ganze Kahn ist verrottet und teilweise leckgeschlagen. Statt idyllischem Wetter sehen wir uns in Sturm und Kälte gefangen, aus verrotteten Vorräten werden Notmahlzeiten serviert, veraltete Maschinen ächzen im Kampf mit der rauhen See.
Was wir als „Schnäppchen“ gebucht haben, erweist sich nun als Himmelfahrtskommando, und da tröstet uns auch wenig, daß wir Funksignale (Nachrichten) anderer Schiffe (Staaten) empfangen, die in noch größeren Kalamitäten stecken oder bereits im Sinken begriffen sind.
Letztlich sind wir verantwortlich, denn wir glaubten den Reiseprospekten (Parteiprogrammen), die uns Werbeagenturen (Medien) wohlfeil boten und freuten uns über Werbegeschenke (Steuerentlastungen, „Sozial“leistungen, Subventionen), ohne zu überlegen, wer diese denn wohl bezahlt. Wir ließen uns von Rattenfängern verführen, wie Mäuse mit Speck und Käse in die Falle locken und bejammern nun, im Käfig unseres politischen Systems zu hocken. Wir haben Crews (Parteien), Offizieren (Ministern) und Kapitänen (Kanzlern, Präsidenten) Vertrauen geschenkt, die erst an Bord begannen zu lernen, für was sie sich vorher schon als kompetente Fachleute angepriesen haben – Hochstapler und Etikettenschwindler; dafür würde man in anderen Berufen in den Knast wandern.

Zurück auf See: Was nützen uns hier, konfrontiert mit haushohen Wellen, die übers Deck schlagen, unsere Lebensversicherungen und Altersvorsorgen, Hypothekenbriefe und Kommunalobligationen, Gold und Silber – ob in Münzen oder als Schmuck – Aktien oder Wandelanleihen?
Und immer noch brüllen Offiziere und Mannschaften diffuse Durchhalteparolen und sinnlose Befehle, beordern Passagiere nach Backbord oder Steuerbord, von Luv nach Lee, in den Bug oder ans Heck – je nach Höhe und Art der Wellenkämme, die ängstliche Maate aus dem Mastkorb zu sichten glauben.

Die „Flotten“ (EU, USA, GUS, NATO, IWF, Weltbank, ESM, ESFS, usw.), zu denen sich einzelne Schiffe (Staaten) zusammenschlossen, stecken in der gleichen systemischen Falle wie jedes einzelne: Selbsternannte Kapitäne, so inkompetent wie ihre Offiziere (Minister), hilflose Mannschaften (Exekutive, Beamte), überforderte Logistik (Bürokratie) und dazwischen realitätsferne Himmelskomiker unterschiedlicher Couleur (Religionsapologeten), die Durchhalteparolen absondern. Panik macht sich breit und, in ihrer Begleitung, zunehmender Egoismus.
Daß sich unsere Schönwetter-Crews, die Schiffe, Besatzungen und Passagiere in Gewässer schipperten, vor denen wirkliche Fachleute seit Jahrzehnten und Jahrhunderten gewarnt haben, nun heillos überfordert sehen, beweisen die Meutereien auf einigen dieser Schiffe (Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Syrien, Jemen, Bahrain); andere, heute noch vergleichsweise stabilere, werden folgen. Und ob auf dem einen Schiff die Nahrung oder auf dem anderen der Treibstoff ausgeht oder die Maschinen und die öffentliche Ordnung kollabieren, ist beinahe sekundär.

Nun ist jeder Sturm ein Ereignis auf Zeit, jeder Ozean begrenzt und auf jedem „Kreuzfahrtschiff“ befinden sich Passagiere mit unterschiedlicher Fachkompetenz. Da wäre es doch sinnvoll, mal die Passagierlisten durchzugehen und zu überlegen, wo wirkliche Kompetenzen schlummern, wen man in die Verantwortung bitten, wem man das Kommando übertragen könnte.

 

Die Masse be- und verhindert jeden Fortschritt.

Meuterei ist die klassische Form revolutionärer Systembrüche und seit jeher das ultimative Mittel, falsche Führer – Despoten, Egomanen und völlig Überforderte – loszuwerden. Nicht zuletzt aus Angst vor derartigen Systembrüchen wurde Meuterei seit jeher mit dem Standrecht (Verwurf des Rechts auf eine ordentliche Gerichtsverhandlung) und der sofortigen Exekution geahndet.
Aber nicht nur die politischen/militärischen/wirtschaftlichen Systemverwalter und ihre Heloten (Beamte, Minister, Adel und Offiziere) fürchten seit jeher Revolutionen, Machtwechsel und Meutereien. Auch die Masse (Volk, Heer) scheut vor einem abrupten Wechsel der Macht zurück, nach der Devise: Lieber eine in ihren Dimensionen bekannte Misere, Leid und sogar Elend, als das Unbekannte, das qualitativ und quantitativ Nicht-Erfaßbare und -Abschätzbare. Deshalb wehrt sich das Volk, die Masse, gegen grundlegend Neues grundsätzlich erst einmal sehr vehement; sogar dagegen, es überhaupt als Möglichkeit einer Alternative zuzulassen. Die Masse jammert und ächzt unter dem Joch, sehnt dessen Ende und Besserung herbei, tritt dann aber jemand mit einer grundsätzlich anderen Idee auf den Plan, hat die Masse nichts Besseres zu tun, als allen Widerstand aufzubieten, um diese neuen Gedanken als unrealistisch, bedrohlich und falsch zu „beweisen“. Lieber glaubt sie permanent wiedergekauten Märchen und falschen Zahlen, als sich der Mühe zu unterziehen, selbst zu denken und autark zu handeln. Diese systemische Abwehr erfuhren nahezu alle Neuerungen in Technik und Wissenschaft, Kunst und Politik – denken Sie an die ersten Fluggeräte, das Telefon, Blitzableiter und Eisenbahn, das Auto und den PC, an Schillers „Räuber“ und Kleists „Käthchen“, Dadaismus, Kubismus, moderne Malerei und Architektur, Kants kategorischen Imperativ und Freuds Idee der Psychoanalyse, Umwelttechnologien, aber auch an die Väter der Urdemokratie, wie Herakleitos und Sokrates, Solon und Perikles. Jeder Umbruch des Denkens und Handelns verlangt auch ein neues Fühlen und Empfinden, und eben das verunsichert und ängstigt Massen erst einmal. Deshalb haben es Systeme so leicht, sich selbst zu schützen und zu wahren, ja, bis zur unmittelbaren Katastrophe zu festigen, denn nichts steht dem Fortschritt in essentiellen Belangen so sehr im Wege wie die Masse. Das wußte schon Gustave Le Bon (1841 – 1931, Begründer der Massenpsychologie). Insofern ist die Perversion der Demokratie – die systemisierte Masse dominiert über die wenigen Klugen – der perfekte „Schutzwall“ für Bestehendes, die Bestandsgarantie für längst als falsch Erkanntes. Denn die Zahl der Weitsichtigen ist immer bedeutend geringer als die der Bequemen, Denkfaulen, Ängstlichen und Angepaßten.

Sofern wir uns darüber einig sind, daß alle derzeitigen finanz-, wirtschafts-, rechts- und sozialpolitischen Probleme menschlichen Ursprungs, also anthropogen sind, dann genügt ein Blick in die Geschichte, um zu konstatieren, daß alle bisherigen Systemumbrüche nie die Menschheit als Ganzes bedrohten, sondern es vor allem zwei Gruppen von Opfern gab: zum einen diejenigen, die sich am unbedenklichsten in den Schoß der Systeme fallen ließen, zum anderen jene, die sich aus den Strukturen der Systeme besonders reichlich und skrupellos bedienten. Und genau dies wird auch bei den nunmehr anstehenden Revolutionen und Systembrüchen ein weiteres Mal geschehen.
Vor diesen sozial-, wirtschafts-, finanz- und rechtspolitischen Umbrüchen müssen sich demnach auch nur diejenigen fürchten, die diese Systemik bisher sowohl als Subventions- und Almosenempfänger oder eben als Inhaber der Machtstrukturen am meisten ausgenutzt haben. Wer sich jedoch auf seine eigenen Stärken und Qualitäten besinnt, sich darüber klar wird, welche Rolle er in einer künftigen mutmaßlich wieder humaneren und natürlicheren Gesellschaftsordnung verantwortungsvoll und -bereit einzubringen willens und in der Lage ist, wird diese mutmaßlich sehr tiefgreifenden Veränderungen (auf allen Ebenen und in allen Strukturen) nicht nur heil überstehen, sondern im nachhinein als eine wirkliche ‚Zeitenwende’ erleben.

So radikal die meisten Umbrüche in der menschlichen Geschichte abliefen, so mutmachend sind für die uns nun ins Haus stehenden grundlegenden Veränderungen, daß wir einerseits über mehr Wissen und Erfahrungen verfügen als alle vor uns lebenden Generationen, zum anderen aber auch die daraus sich ergebenden Möglichkeiten für wirkliche Alternativen in allen Bereichen unseres Lebens.
Nach dem Staat und seinen systemischen Bütteln zu rufen, um göttlichen Beistand zu flehen oder ängstlich lauernd auf die Zukunft und bessere Zeiten zu hoffen, ist jedoch keine tragfähige Option.
Wer also nach wie vor glaubt, diese Veränderungen „Anderen“ überlassen zu können und sich eigenes Nachdenken und Hinterfragen ersparen zu können, den werden die nun bevorstehenden Veränderungen unserer gesamten Lebensverhältnisse hart und schmerzhaft treffen.

Es geht überhaupt nicht darum, fieberhaft darüber nachzudenken, wie man bestehende materielle Werte in die „neue Zeit“ hinüberretten, wie man dem Verfall der Währungen trotzen und seine eigenen „Schäfchen“ noch rechtzeitig ins Trockene bringen kann. Es geht vielmehr darum, den eigenen Wertekatalog gründlich zu hinterfragen. In Zeiten ökonomischer und (gesamt)politischer Umwälzungen sind vor allem die emotionale und soziale Intelligenz als fundamentale persönliche Werte gefragt, bei denen es weder um Millionen auf den Konten noch um offen zur Schau gestellte Prestigeobjekte und Titel geht. Wer sich jedoch davon in der Vergangenheit zu abhängig gemacht hat, dem dürften düstere Zeiten bevorstehen.

Besinnen Sie sich auf Ihre eigenen Qualitäten und Fähigkeiten, durchforsten Sie Ihren Freundes- und Bekanntenkreis nach denjenigen, mit denen Sie im Verbund die kommenden Probleme in engem Schulterschluß und auf friedliche Weise lösen können.
Wer sich jedoch immer noch verzweifelt gegen die klar absehbar anstehenden systemischen Zusammenbrüche meint, stemmen zu müssen, wird einen hohen Preis dafür bezahlen.

 

Ein Blick in die Zukunft

Lassen Sie uns nach all diesen Gedanken einen schrankenfreien Blick in die Zukunft wagen – ohne Rücksicht darauf, wie lang die (r)evolutionäre Zwischenzeit auch dauern mag, ja selbst, ob wir die dann folgende Zeit überhaupt noch persönlich erleben; denn diese ’Zweite Aufklärung’ wird nicht von heute auf morgen erfolgen und ablaufen.
Physische Arbeit wird weitestgehend von Maschinen und „intelligenten“ Robotern erledigt werden, und auch unsere Definition von Arbeit wird eine gänzlich andere sein. Im Ergebnis wird diese ’Zweite Aufklärung’ den Menschen als autarkes und autonomes Wesen herausbilden, das in der Lage ist, sich mit Natur und Umwelt zu versöhnen und sich nicht länger arrogant und ignorant als „Krone der Schöpfung“ versteht. Kultur und Lebensästhetik werden den Stellenwert gewinnen, den heute Pomp, Mode und Prestigegehabe besetzen. Intellektuelle Fähigkeiten werden zwar nicht an Bedeutung verlieren, aber nicht mehr nach heutigen „Wert“maßstäben beurteilt und gewertet. Viel mehr in den Vordergrund rücken werden die bereits erwähnten emotionalen und sozialen Kompetenzen (z.B. Mitgefühl, Toleranz, gegenseitiges Verständnis), die – jenseits des eingeengten Begriffs der Familie von heute – dem Einzelnen das Gefühl der Geborgenheit und der Zugehörigkeit vermitteln. Einen hohen Stellenwert wird die Pädagogik in ihrer ursprünglichen Bedeutung gewinnen (‚paed agoin’, der Spielgefährte und Wegbegleiter), denn jeder von uns hat Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissen, was er anderen vermitteln und schenken kann.
Dementsprechend wird sich unser gesamtes Bildungswesen von Grund auf verändern und nicht mehr Menschen im Sinne einer Staatsräson und ihrer ’Nutzbarkeit’ entsprechend eingebleut.
Siehe: Unser Bildungskonzept
Ideologien jeder Art (Religionen und Sekten) werden ihre heuchlerische, entmündigende, bevormundende aus- und abgrenzende Funktion gänzlich verlieren und einem zugewandten und interessierten Menschenbild weichen. Und selbst der Staat als Staat als national-ausgrenzende Entität gehört der Vergangenheit an.
Siehe: Unser Steuer- Wirtschafts- und Sozialkonzept
Regionale Einheiten mit starken persönlichen Bezügen und Beziehungen sowie einem hohen Grad an Autarkie, Autonomie und Selbstverantwortung werden die bisherige staatliche Anonymität ersetzen.
Siehe: Unser Demokratie- und Rechtskonzept
Letztlich werden auch die Parteien als allmächtige Form des neuzeitlichen Adels verschwinden – ihre angemaßte Berechtigung haben sie ohnehin längst verloren.
Auf diesem Boden werden wir enorme Veränderungen des Rechtswesens, der Sozialität, des Miteinander-Lebens und -Umgehens, der Bildung und des gesamten Sozialwesens gewärtigen.

Utopisch meinen Sie?
Nun, eine Utopie bezeichnet – im Gegensatz zu einer Illusion – nicht etwas Unmögliches, Fiktives, Eingebildetes, sondern etwas (griech.: u-topos) bisher von den meisten nicht Sehbares/Erkennbares, was aber sehr wohl von einigen gesehen und erkannt wird, auch wenn es bislang noch außerhalb des Üblichen liegt. Nur aus Utopien kännen Visionen (lat.: ‚videre’ = sehen, erkennen) entstehen, die dann zu Zielen heranwachsen und verwirklicht werden können. Dabei wird es aber – jenseits der heutigen Formen von „Selbstverwirklichung“ – vor allem um die Entwicklung und Ausformung der bereits erwähnten sozialen und emotionalen Intelligenz gehen. Das Ethos wird wieder an die Stelle der unterschiedlichen Formen von Moral treten, und dies könnte der Königsweg hin zu dem werden, von dem wir so häufig sprechen und halbherzig träumen – innerem und äußerem Frieden.
Künftige Generationen und Jahrhunderte werden über unsere Zeit ebenso den Kopf schütteln, wie wir dies über die Sitten und Gebräuche, Lebensstile und -inhalte vergangener Jahrhunderte auch tun, und inwiefern wir das hier skizzierte Szenario einer Neuen Menschheit als Folge des sich herauskristallisierenden Zeitenwandels noch erleben, weiß niemand. Nur sollten wir damit heute beginnen, um es morgen Wirklichkeit werden zu lassen.

H.-W. Graf
10. August 2011

Das Ende der Parteiend(a)emokratur (Teil 1) – Beginn einer neuen Ära –

10. August 2011|Gesellschaft, Kultur und Geschichte, Steuer- und Finanzpolitik|Kommentare deaktiviert für Das Ende der Parteiend(a)emokratur (Teil 1) – Beginn einer neuen Ära –

Langsam beginnt bei Soziologen und Humanologen die Einsicht zu greifen, daß mit dem ehernen Glaubensdiktat ‘Demokratie’ als ultima ratio menschlichen Miteinander-Umgehens und -Lebens eine wirklich menschliche Zukunft nicht zu gestalten ist.

Standardinhalt humanistischer Bildung ist u.a. das Hohelied auf die Begründer des Gedankens der Demokratie und ihre Protagonisten im alten Griechenland wie Herakleitos von Ephesus, Solon, Perikles u.v.m. Doch was als Abkehr von der archaischen Führung eines Stammes (als Vorläufer dessen, was später Volk genannt wurde) durch den jeweils (ursprünglich physisch, später wirtschaftlich) Stärksten hin zu einem humanogenen Miteinander und Füreinander, einer kollektiven Herrschaft der Besten, Fähigsten und Erfahrendsten gefeiert wurde, hat sich in zweieinhalb Jahrtausenden und nach unzähligen Kriegen mit Milliarden von Toten als Irrweg erwiesen.
Nicht etwa, daß der Grundgedanke falsch gewesen wäre: An die Stelle dumpfdröger Rudelführung sollte die gemeinsame Gestaltung und in Aller Tun, Handeln und Entscheiden liegende Verantwortung für das Gemeinwohl eines Dorfes (die ursprüngliche Bedeutung des altgriechischen Begriffes ‘demos’) rücken. Dabei gab es jedoch genaue Regeln, nach denen die Mitsprache sowie das aktive und passive Wahlrecht festgelegt wurde, wobei dieser Katalog in den sich entwickelnden demoi voneinander abwich.
Grundsätzlich war aber schon das Zuzugs- und Aufenthaltsrecht klar geregelt, da man sich vor der Unterwanderung vonseiten unliebsamer Zeitgenossen, die jedwede Macht ausüben und/oder Einfluß hätten nehmen können, schützen wollte und Angst vor Erkrankungen und der Einschleppung von Seuchen hatte. Außerdem wollte man die eigene Kultur (incl. der heimischen Götterwelt) nicht verfremden lassen.
Daneben mußte man sich aber für Mitsprache und das Wahlrecht qualifizieren; neben einem Mindestalter, vielfach auch der rituellen Erhebung ins Mannesalter, galt es, männlichen Geschlechts und situierter Einheimischer zu sein (mitunter bis zu drei Generationen!), einen ehrenhaften Leumund (und Bürgen hierfür) und einen gesicherten Lebensunterhalt sowie fachliche Qualifikation in einem ‘ehrbaren Beruf’ nachzuweisen. Nach diesen Kriterien, die kaum einer der heutigen Berufspolitiker erfüllen würde, waren bereits im alten Athen nur etwa acht bis zehn Prozent der Bürger mitsprache- bzw. wahlberechtigt [in der Urform athenischer Demokratie gab es sogar überhaupt keine heute vergleichbaren Wahlen. Steuern zahlten nur Fremde mit Aufenthaltsrecht].
Aber bereits im Athen des 6. bis 4. Jhrdt. ersetzte sehr bald Vermögen die mitunter fehlende fachliche Qualifikation. Den größten Fehler (und Verrat an der Ursprungsidee) begingen die Athener, als sie – quasi als US-Amerikaner der Antike – vom eigenen wirtschaftlichen und kulturellen Vorsprung berauscht, meinten, ihr Erfolgsmodell ‘Demokratie’ in die umliegenden Kommunen und Territorien “exportieren” zu können und das von ihnen beherrschte Graecien (eigentlich ein römischer Schimpfname) unter ihrer Führung zu ‘demokratisieren’. Damit gingen nämlich zwei Grundparameter verloren, die von den Vätern der Demokratie klar formuliert wurden: Zum einen mußten Wahlberechtigte über das notwendige Fachwissen zum abzustimmenden Sujet verfügen, zum anderen vom Ausgang der Wahl (und deren Folgen) unmittelbar betroffen sein. Daraus folgte aber bereits damals logisch, daß Demokratie immer nur eine regional begrenzte Veranstaltung sein konnte.

Schon damals – die meisten Menschen der damaligen Zeit waren Analphabeten, deren Erlebniswelt und Erfahrungshorizont zumeist regional recht begrenzt waren; moderne Kommunikationsmittel standen noch nicht zur Verfügung – mißbrauchten machthungrige Zeitgenossen ihren Wissensvorsprung und manipulierten damit diejenigen, auf deren Zustimmung sie gleichwohl angewiesen waren. Begünstigt wurde, wer sich in die Nähe der Mächtigen begab, die ihrerseits mit Versprechen und Zuwendungen, Posten und Vorteilen sich Macht und Einfluß erkauften. Der Grundgedanke der Demokratie ging mit der territorialen Ausweitung innerhalb von weniger als eineinhalb Jahrhunderten faktisch verloren. Zunehmend regierten diejenigen, die, auf Macht und Imponiergehabe versessen, am unbedenklichsten ihr Umfeld korrumpierten, unter Gesetze und Observation stellten, mit Kriegen überzogen (deren Ursache sie oftmals selbst kreierten!) und sich skrupellos ihr eigenes Herrschaftsgebiet schufen, indem sie das Heer ihrer Günstlinge immer üppiger ausbauten. Das Wohl und Wehe ihrer Untertanen interessierte sie nur peripher bis überhaupt nicht; zu den Lebensumständen der Menschen, denen nach überregionaler Politik überhaupt nicht der Sinn stand, hatten die Führer der Antike praktisch keinen Kontakt mehr. Führer und Volk teilten keine Realwelt mehr.

In der gleichen Situation stehen die “Demokratien” der Neuzeit. Der Grundgedanke verantwortungsbereiter Partizipation am Geschehen – Basis realer Demokratie – ist zum verbalen Scherzartikel verkommen. Die Gedanken- und Erlebniswelt der Führer in modernen “Demokratien” leben, salbadern und agieren fernab der Realität, in der ihr Volk lebt. Ihre “Legitimation” ziehen sie aus pseudodemokratischen “Wahlen”, zu ihrem Schutz unterhalten sie zum einen Heere von Staatslakaien, die nach dem Prinzip von Strukturvertrieben organisiert sind, jeweils nur über streng-isoliertes Teilwissen verfügen und nicht wagen, über den Rand des ihnen vorgesetzten Tellerchens zu blicken, da dies sie den Posten und die gesicherte Pension kosten könnte. In enger Verquickung mit den Medien und mittels einer alles überbordenden, kontrollierenden und regelnden Bürokratie entfremden sie insbesondere diejenigen, die ihren Status nebst allem Gepränge finanzieren. Jeder Handgriff wird zertifiziert – selbstverständlich nur zum (Verbraucher-)Schutz des völlig entmündigten Bürgers! Die einzig Nicht-Zertifizierten sind die Politiker! Und jeder Schritt, jegliche Kommunikation wird paranoid überwacht. Der Bürger hat sich längst von jeglicher Mitwirkungsverantwortung verabschiedet und versucht, mehr oder weniger gewitzt, sich durch das systemische Gestrüpp der Regeln und Verordnungen, Gesetze und Vorschriften hindurchzuhangeln.

Wir haben nicht den mindesten Anlaß, uns über offen gelebte Diktaturen zu mokieren, offensichtliche Pseudodemokratien in Afrika, Südamerika oder Asien zu belächeln und dabei auszublenden, daß es realiter keinen einzigen wirklich demokratischen Staat auf diesem Planeten gibt. Zwar gibt es regionale demokratische Entitäten – z.B. in Schweden und der Schweiz, Norwegen und den USA –, aber diese fungieren immer nur sehr eingeschränkt, auf lokaler Ebene, im Sinne der o.g. Voraussetzungen und abseits der über ihren Köpfen schwebenden und agierenden Staatsapparate.

Wenn überregionale Entitäten nicht demokratisch sein können – und daran ändern auch moderne Kommunikationsmittel und sekundenschnelle Verbreitung aller Nachrichten nichts, denn der Mensch denkfühlt eben vornehmlich lokal/regional –, so gilt dies noch mehr für supraregionale Kunstgebilde – USA, GUS, EU –, hinter denen nicht nur der Größenwahn von Präsidenten, Premierministern und Kanzlern steckt, sondern klares Kalkül und hemmungslos ausgelebter Egozentrismus, die dumpfe Ahnung von Bedeutungslosigkeit (vulgo: Minderwertigkeitskomplexe).

Doch die Tage dieses pseudodemokratischen Wahnsinns skrupel- und bedenkenlos ausgelebter Machtgier sind insofern gezählt, als die ganze Show nicht länger finanzierbar ist und die Zahl derer, die dieses unwürdige Schauspiel durchblickt, ebenso zunehmend wächst wie die Anzahl der Verweigerer – die einen haben es nicht mehr nötig und kehren dem System angewidert den Rücken, die anderen reihen sich in die Schar der Bittsteller um öffentlich-(un)rechtliche Almosen ein.

Unser Steuer-, Finanz-, Wirtschafts- und Sozialwesen ist, egal, wohin man blickt, so fatal aus den Fugen geraten, daß es nur eine Frage der Phonzahl sein wird, mit der diese in 25 Jahrhunderten entwickelte Blase platzen wird, was möglicherweise zur größten Katastrophe der Menschheit aller Zeiten heranreifen wird.Von all den Figuren, die sich heute noch als systemische Politclowns gerieren und sich um die öffentlich-(un)rechtlich finanzierten Freßkörbe balgen, ist weder die Einsicht in den Ernst der Lage, noch die Erarbeitung eines mutigen (weil den systemischen Wahnsinn hinterfragenden) Alternativkonzeptes zu erwarten; sie sind heillos abhängige Junkies und weder fachlich noch menschlich dafür qualifiziert.
Nicht die Finanz- und Wirtschaftskrisen werden dieses System zerstören; es sind die machtbesessenen “Eliten” in ihrer Dummheit und Gier, die vornehmlichen Nutznießer dieses mörderischen, gnadenlosen “Spiels”. Getürkte Arbeitslosenzahlen; weltweit 40.000 täglich an Dehydrierung und (den Folgen von) Unterernährung sterbende Kinder unter 12 Jahren; eine wachsende Anzahl chancenloser Jugendlicher; sprunghaft anschwellende Zahlen von Zivilisationskrankheiten und Psychopathologien; völlig ausgemergelte Sozialkassen, deren Verpflichtungen aus den offiziellen Staatsschulden tunlichst ausgeblendet werden; immer gewaltigere Anteile der Teilaerare für angebliche “Verteidigung” (gegen wen und was?), die Staatsapparate und deren Machtsicherung; Oligopole im Finanz-, Pharma- und Medienwesen; der wachsende Sanierungsnotstand in der Infrastruktur und ein angesichts der realen Bedürfnisse völlig jämmerliches Bildungssystem – die Liste der Notstände, die dringender Abhilfe bedürfte, ist schier endlos. Aber das blendet der längst resignierte Bürger mit dem Zusammenfalten der Zeitung und dem Abschalten des TV-Gerätes aus. Dem Himmel sei Dank, Anderen geht’s noch mieser als mir. Gut, daß man sich informiert fühlen darf und darüber am Stammtisch, in der Kantine und beim Kaffeeklatsch plaudern konnte.

Den (bislang) Wenigen, die dieses Schauspiel inhumaner Korruptabilität durchblicken, bleibt nur, sich unbeirrt und permanent für eine Aufklärung der verängstigten Bürger einzusetzen – auch wenn man sie als Verschwörungstheoretiker verunglimpft – und friedliche Alternativkonzepte zu entwickeln. Ob sie deren Verwirklichung noch selbst erleben, darf dabei keine Rolle spielen.

Fortsetzung folgt …

Einige Links zu ergänzenden Gedanken – keine Kritik ohne Alternative – finden Sie hier:

Die Macht der Information

Souveränität als Lebensmaxime

Wider die Religion, für humanistische Emanzipation und gegen seelisch-geistige Korruption

… und ich beschloß, Politiker zu werden

H.-W. Graf
1. Juli 2011

Griechenland – Hintergründe und Ausblicke

1. Juli 2011|Außenpolitik, Gesellschaft|Kommentare deaktiviert für Griechenland – Hintergründe und Ausblicke

Das uns alle derzeit wohl am meisten bewegende Thema ist die Frage: Ist das Desaster Griechenland noch abzuwenden (und wenn, wie?), oder ist Griechenland der Beginn einer Krise, die sich – weit über Europa hinaus – zu einer weltweiten, mutmaßlich der größten Finanz- und Wirtschaftskrise aller Zeiten entwickeln könnte?

Lassen Sie uns deshalb ein wenig hinter die Kulissen blicken

Wie es zur Kunstwährung EURO kam

Die meisten unserer LeserInnen beziehen ihr Gehalt in EURO, in der gleichen Währung bezahlen sie ihre Mieten, den Lebensunterhalt, das Taschengeld für die Kinder sowie die Chappi- und Whiskas-Dosen für die‚ vierbeinigen Familienmitglieder’ (politisch korrekt in den USA für Haustier).
Nun ist der EURO (wie bereits dessen Vorläufer, der ECU als theoretische Recheneinheit) eine künstliche Währungseinheit, wie es sie noch nie gegeben hat, seit Menschen nicht mehr Muscheln, Gewürze, Edelsteine, Edelmetalle und Rohstoffe, Pferde, Kühe und Esel als „Währungen“ verwendeten; zum ersten Mal gestattete man nämlich nicht Produzenten und Nachfragern, eine Währung zu verwenden, die sich als stärker als andere erwiesen hatte. Vielmehr beschlossen die politischen „Eliten“ von fünf der sechs stärksten Volkswirtschaften Europas, ihre pseudo-demokratisch erworbene „Legitimation“ dazu zu mißbrauchen, eine Wirtschafts- und Währungsunion zu konstruieren – vorgeblich (und in völliger Verkennung der historischen Entwicklung) nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten von Amerika –, um im Rahmen der fortschreitenden Globalisierung eine wichtigere Rolle spielen zu können. Verkauft wurde dies den Bevölkerungen der betroffenen Länder als ‚historischer Akt’ – mit den daraus resultierenden Vorteilen eines grenzenfreien Handelsraums, besserer Studien-, Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten in einem dann ‚Vereinigten Europa’, in dem künftig auch nicht mehr mit unterschiedlichen Währungen hantiert und gerechnet werden müßte.

Wovon also bereits Cäsar und Alexander der Große, Dschinghis Khan und Kublai Khan, Karl der Große, Maria aus Österreich und Josef aus Rußland, Napoleon und Hitler geträumt hatten – jeweils mit kriegerischen Mitteln –, das wollten nun, gründend auf den ‚Römischen Verträgen’ (1960), die „Herrscher“ dieser Länder auf politischem Wege verwirklichen. Und ebenso wie die Vorgenannten ging es diesen Politikern auch gar nicht darum, ethnisch und soziologisch völlig unterschiedliche Entitäten behutsam aufeinander zuzuführen, sondern ausschließlich darum, ihren politischen Willen umzusetzen (und sich so nebenbei ein Denkmal in der Geschichte Europas zu sichern).
Hierbei muß man vielleicht etwas tiefer blicken: Auch die unzähligen Vorfahren unserer heutigen Politiker waren ja keine Philosophen und Psychologen; ihnen ging es um Macht, Reichtum, Ruhm und „Ehre“, und dabei setzten sie jeweils auf die Waffen ihrer Zeit. Nun sind heutzutage Pfeil und Bogen, Elefanten und Reiterheere etwas aus der Mode gekommen und das Zeitalter der Okkupation fremder Länder mit schierer Waffengewalt neigt sich mit dem bereits erfolgten Niedergang des Vereinigten Königreichs, Frankreichs, Belgiens, Spaniens und Portugals und dem bevorstehenden Bankrott der Vereinigten Staaten von Amerika ebenfalls allmählich dem Ende zu. Insofern benutzten die neuzeitlichen Okkupanten – nachgerade Jacques Chirac und Helmut Kohl – eben die neuzeitlichen „Waffen“ der undemokratischen Besetzung ganzer Volkswirtschaften, um diese, ungeachtet aller soziologischen, ethnischen und kulturalen Unterschiede, zu einem Kunstgebilde namens ‚Europäische Union’ zusammenzubasteln. Sie gingen dabei in etwa so vor wie ein hyperaktives Kind bei einem Puzzle: Was nicht paßte, wurde mit dem Hammer hineingezwungen.

Ja, und nun stehen wir wie Goethes Zauberlehrling vor der Katastrophe, die sich am Fallbeispiel Griechenland ankündigt. Man muß sich dies mal praktisch vorstellen: Ein Land mit knapp 12 Millionen Einwohnern (Rang 74 unter den etwa 200 Ländern der Welt) mit einem Brutto-Inlandsprodukt von etwa 320 Milliarden ist d’rauf und d’ran, das gesamte europäische „Kartenhaus“ entweder als Potemkin’sches Dorf zu entlarven und zum Einsturz zu bringen, oder aber es wird aus politischen Gründen an die finanzielle „Herz-Lungen-Maschine“ der EZB, des IWF und der Weltbank gehängt, obwohl Fachleute – also Nicht-Politiker –, die tatsächlich wissen, wovon sie reden, Griechenland bereits für politisch-ökonomisch so verrottet erklärt haben, daß Mediziner von einem bereits erfolgten „Hirntod“ sprächen.

Wäre ‚Griechenland’ in den USA möglich?

Um die Obskurität des „Falles“ Griechenland noch plastischer darzustellen: Dieses Land entspricht in seiner wirtschaftlichen Größe etwa dem US-Bundesstaat Delaware. Könnte sich irgendjemand vorstellen, daß dieser Winzling mit seinen knapp 850.000 Einwohnern durch Mißwirtschaft in der Lage wäre, die USA in den Ruin zu führen? Nun, zum einen beträgt die Quote  der  Staatsbediensteten in Delaware nur etwa 9 %  –  in Griechenland sind es etwa 25 %; zum anderen ist es in den USA jedem einzelnen Staat überlassen, sich wirtschaftlich-finanziell selbst zu ruinieren oder notfalls eben zu sanieren. Ein weiterer Unterschied fällt zur Bildung der Vereinigten Staaten im Vergleich zur Zwangskorporation der EU auf: Seit der Declaration of Independence (am 4.7.1776) vergingen immerhin 183 Jahre, bis sich Hawaii (auch nicht ganz freiwillig) als 50. Bundesstaat den USA anschloß. Der Größenwahnsinn einiger europäischer Regierungschefs stampfte hingegen den modernen „Golem“ des heute aus 27 Ländern bestehenden Staaten“bundes“ innerhalb von knapp 40 Jahren aus dem Boden. Im Gegensatz zu den USA handelte es sich aber bei diesen Ländern jeweils um historisch einzeln gewachsene Entitäten – teilweise mit einer Geschichte von 2.500 bis 5.000 Jahren. Die sich in dieser Zeit entwickelnden Länder mit völlig unterschiedlichen soziologischen, ökonomischen und ethnischen Strukturen wurden also – fernab der Berücksichtigung all dieser Unterschiede – im ‚Hau-Ruck-Verfahren’ zwangsweise assimiliert. Den Bevölkerungen erklärte man lakonisch bis euphorisch-stolz, daß sie nunmehr bei Reisen keine Schlagbäume mehr zu fürchten hätten und der Umtausch in die jeweilige Landeswährung entfiele.
Dabei war den Einflüsterern dieser ruhmsüchtigen Politiker sonnenklar, daß man Länder wie die skandinavischen, die Niederlande, Deutschland und Österreich nicht per Dekret mit süd- und südosteuropäischen Ländern ‚vereinen’ kann, und auch die wirtschaftspolitische Beglückung von Ländern wie Irland, Spanien undPortugal konnte nur kurzzeitig wirtschaftliche Prosperität vorgaukeln, da hierfür das historische Fundament als Basis für einen lang anhaltenden Aufschwung völlig fehlt(e). Glaubt denn irgendjemand wirklich, daß Italien weniger korrupt sei als Griechenland?

„Je weniger wir Trugbilder bewundern, desto mehr vermögen wir die Wahrheit aufzunehmen.

Erasmus von Rotterdam (holländischer Gelehrter, 1465 – 1536)

 

Nein, das von der Hybris einer völlig undemokratisch entscheidenden Minorität initiierte Experiment ‚Europäische Union’ ist katastrophal gescheitert. Und nun sind Politiker nur noch emsig bemüht, diese Katastrophe zu verschleiern; statt ihren Irrtum einzugestehen, ver(sch)wenden sie Hunderte von Milliarden dazu, zu kitten und zu flicken, was sie als völlig widernatürliches Monstrum geschaffen haben. Bei dem Gedanken, welche Unsummen hierbei zur Rettung eines längst komatösen „Patienten“ in den Sand gesetzt werden, könnte jedem vernünftigen Menschen eigentlich nur schlecht werden.

Vor welcher finanztechnischen Situation stehen wir denn nun?

Die EZB hat bereits 50 Mrd Euro an Griechenbonds aufgenommen. Hinzu kommen 87 Mrd Euro an Krediten. Aber auch an andere Peripherie-Staaten hat die EZB weitere 25 Mrd Euro in Bonds investiert. Zusätzlich vergab die EZB an irische Banken 78 Mrd Euro, an portugiesische 47 Mrd Euro, an spanische weitere 44 Mrd Euro und italienische Banken erhielten 36 Mrd Euro. Griechische Banken liehen ihrem Staat knapp 86 Mrd Euro, was etwa 29% der bislang ausstehenden griechischen Staatsschulden entspricht. Deutsche Banken halten griechische Staatsanleihen im Wert von etwa 23 Mrd US-Dollar; hinzu kommen Kredite an die griechische Wirtschaft in Höhe von 34 Mrd US-Dollar.
Hierzu meint Allan Meltzer, US-Ökonom und Professor an der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburg: „Die Politik der EZB wie auch das IWF (Internationaler Währungsfonds, d.Verf.) in der Euro-Krise ist fatal. Zwar knüpfen beide Organisationen jeweils Bedingungen an die Vergabe ihrer Kredite, z.B., Wirtschaftsreformen einzuleiten, aber diese Bedingungen werden nicht durchgesetzt. Griechenland hat zwei Möglichkeiten: Entweder muß das Land die Euro-Zone verlassen, oder es muß deflationieren, also Löhne und Preise senken, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Griechenland noch mehr Geld zu leihen, hilft dem Land nicht.“ Nun, alle diese Kredite haben eigentlich nur zwei Motive: Abhängigkeiten zu schaffen und zwangsweise zu vereinen, was nicht zusammengehört.
Nicht viel anderes passiert in den USA: Sämtliche „Rettungsprogramme“ – TARP, TALF, QE1 und QE2 und die inzwischen ausgerufene ‚Nullzins’politik– waren umsonst; sie häuften damit nur weitere fünf Billionen US-Dollar an öffentlichen Schulden an.

Noch viel haarsträubender ist aber, was diese Politiker in ihrem Wahnsinn an soziologischen und psychologischen Schäden anrichten, deren Folgewirkungen sich erst in der Zukunft herauskristallisieren werden. Die nunmehr aufgewendeten Hunderte von Milliarden fehlen nämlich den einzelnen Ländern nicht nur in ihren Haushalten und für infrastrukturelle Maßnahmen, bei der Versorgung ihrer eigenen Bevölkerung und in den Bildungs- und Sozialetats, vielmehr türmen sich diese Aufwände zu einem kollossalen Schuldenberg auf, den die heranwachsenden und zukünftigen Generationen nicht im Ansatz in der Lage sein werden, wieder abzutragen. Damit führen diese Maßnahmen geradezu zwangsläufig zu sozialen, ökonomischen und psychologischen Verwerfungen, die ein Außenstehender nur noch als Irrsinn bezeichnen würde. Und unsere G7-/G8- und G20-Häuptlinge suhlen sich munter bei ihren Kaffeefahrten (zulasten der Steuerzahler) im Schein eigener Glorie.
Zwar ist selbst dem dümmsten Bürger (nicht nur hierzulande, sondern wohl weltweit) längst klar, daß es unseren „Führern“ beileibe nicht um die Menschen geht – die sollen system-adäquat funktionieren, brav konsumieren und ansonsten den Mund halten –, aber die Frage ist, wie lange sich Menschen in ein immer enger werdendes Korsett zwängen und ansonsten für dumm verkaufen lassen. Es ist, um zu Griechenland zurückzukehren, nur eine Frage der Zeit, bis die dortige Regierung (egal, welcher Couleur) den Notstand wird ausrufen lassen müssen und letztendlich eine Militärdiktatur ans Ruder kommt. Vielleicht gebiert diese dann den Begriff ‚Demokratische Militärdiktatur Griechenland’ und läßt ihre Sportler bei den nächsten olympischen Spielen unter ‚DMG’ auflaufen.
Auch unser benachbarter Sonnenkönig Sarkozy, der völlig gestörte Bunga-Trapezkünstler aus Italien, der Reichsverweser von Themsen-Liesel`s Gnaden in Großbritannien, das derzeit herrenlose Belgien und Berlin, in dem sich 600 Nicht-Demokraten um den einzig wahren Platz in der Mitte raufen, werden nicht in der Lage sein, sich dem Aufbegehren der Volksmassen zu widersetzen – sobald sich endlich herumgesprochen hat, in welch infamer Weise hier Steuern und Abgaben mißbraucht und die Zukunft der Bevölkerung, vor allem aber der nächsten Generationen, auf dem Altar politischen Irrsinns und hemmungsloser Egomanie geopfert werden.

Und was machen unsere Verantwortlichen in Berlin?

Welchen unserer Politikschranzen schenken Sie denn nur das mindeste Vertrauen? Wem würden Sie auch nur noch ein ‚Guten Morgen’ glauben? Brüderle, den man vor jedem Auftritt einer Blutprobe unterziehen sollte? Seiner Janus-köpfigen, absolut meinungsfreien Chefin? Von der Laiin, die von Hartz IV wie der Blinde von der Farbe schwafelt? Dem komödiantischen Röslein? Westerwelle, der die FDP nach Süden geführt hat und völlig de-liberalisiert zurückläßt? Schäuble, dem Zyniker, Kohl-Handlanger und Restitutionslügner? Gabriel, der ‚Fast-Food’-Werbeikone? Dem Opportunisten Cem, der so gern auf unser Aller Kosten fliegt und wenn ertappt, so grenzenlos empört spielt? Der von keiner Neurone gequälten C. Roth (beide stehen den Grünen vor!)?
Wir lästern über die Verhältnisse in Griechenland, in dessen Schulen neben ‚Schreiben’ und ‚Rechnen’ auch ‚Korruption’ auf dem Stundenplan steht, aber auch hierzulande wollen 27 % der befragten Studenten am liebsten ‚in den Staatsdienst’. Wo liegt hier der Unterschied? Wo lebt sich am wärmsten, sichersten und ruhigsten? Im öffentlich-(un)rechtlichen Dienst.

„Die „Qualifikation“ vieler Protagonisten institutioneller Souveränität reduziert sich bei genauerem Hinsehen auf die Quantität ihrer Freßwerkzeuge, eine unbeugsam ablehnende Haltung gegenüber wertschöpfender Arbeit, eine modernster Aerodynamik entsprechende Windschlüpfrigkeit, ein begnadet dickes Fell und keinerlei Ahnung (geschweige denn Wissen) von dem, was sie verlautbaren.“

J.-L. Earl

 

Mit dieser Zeichnung der realen Verhältnisse beziehen wir sehr klar Position – sicherlich nicht unbedingt zur Freude aller LeserInnen. Uns geht es dabei aber vor allem darum, Sie nicht im unklaren darüber zu lassen, was auf uns alle zukommt, denn wir alle werden von dem, was sich da in Griechenland abspielt (weitergehend in Portugal, Spanien, Irland und Italien sowie einem halben Dutzend ost- und nordosteuropäischen Staaten, die alle an die Pforten der EZB, des IWF und der Weltbank klopfen werden) betroffen sein werden. Als weitere Kandidaten lassen dann wohl Belgien – das ansonsten seit über einem Jahr eine herrlich regierungslose Zeit erlebt –, einige frankophone (ehemalige) Kolonien in der Karibik und Afrikas, letztendlich wohl auch Frankreich selbst als Bettler vor den Pforten der (noch!) sattelfesten EU-Länder – deren Anzahl mit Finnland, Holland, Österreich und Deutschland recht übersichtlich geworden ist – herzlich grüßen. Dabei war die Zahl derer, die bereits zu Zeiten ‚Helmuts, des Fürchterlichen’ Mitte der 90er Jahre vor dem von Größenwahn geprägten Lügengespinst warnten, gar nicht so klein (wir zählen uns als DBSFS in aller Demut auch dazu), nur wurde sie vom Chor der EU-Bekifften niedergebrüllt, aber Lieschen und Hänschen hierzulande haben weder Zeit noch Lust, sich wirklich tiefschürfend mit den Zusammenhängen auseinanderzusetzen. Dabei bräuchten wir intelligente, engagierte Bürger und mutige Wissenschaftler, die der politisch nihilistischen Restbevölkerung Wege in die Zukunft aufzeigen, um den finanz-, steuer-, wirtschafts- und sozialpolitisch bis zur Deichsel im Dreck steckenden Karren aus dem Sumpf zu ziehen. Doch daran gebricht`s völlig; eine meinungslose, nur noch hilflos nach Mehrheiten schielende Staatsratsvorsitzende, die sich aller, ihre gebrechliche Autorität mutmaßlich gefährdenden Mitstreiter längst entledigt hat und einen zur Lachnummer verkümmerten Koalitionspartner mit sich schleift; ein keifendes Oppositiönchen, das inzwischen nur noch die dritte Geige im „hohen Hause“ spielen darf und froh ist, gerade nicht in der Regierung zu sitzen; ein amorphes Sammelsurium euphorischer Neu-Volksparteiler, die politische Wut- und Protestwähler aller Couleur als Befürworter eigener Ziellosigkeit verkennt sowie ein seniler Freundeskreis vorvorgestriger Linksfaschisten irren orientierungslos im Nebel dessen umher, was uns (inter)national an Problemen um die Ohren fliegt. Fach- und Sachkunde: Fehlanzeige. Ein gelernter Arzt wird aus wahltaktischen Gründen flugs zum Wirtschaftsminister gekürt, während ein Bankkaufmann aus gleichem Grunde den obersten Medizinmann der Nation spielen darf. Das misantropische Merkel läßt sich stolz von Oh Bama den „Freiheits“-Orden ums zierliche Genick wickeln und spielt die „entschlossene Europäerin“, die „geläuterte Atomgegnerin“, ohne daß irgendein Medium dieser Närrin ins Wort fällt; wie vor knapp 22 Jahren hat unser aller Ängschi mal wieder instinktsicher die Seiten gewechselt. Gäb`s dafür einen Nobelpreis, sie hätte ihn wahrlich verdient.

Aber auch in den Maghreb-Staaten, dem Vorderen Orient und Teilen der Subsahara brennt die Welt;  ein Drittel aller weltweiten Staaten weist eine Jugendarbeitslosigkeit von 20 bis 60 % auf, während ein weiteres Drittel unter seinen Sozialsystemen kollabiert; weltweit werden mehr Summen zur Rettung der Finanzsysteme, i.e. Banken und Hypothekenfinanzierer, aufgewendet, als das Weltbruttosozialprodukt ausmacht – das Hochmittelalter läßt grüßen, in dem Bankdynastien trefflich kassierten, indem sie König- und Kaiserreiche vor dem Kollaps retteten, Kriege und Kreuzzüge finanzierten und dem Klerus das Überleben sicherten.

 

Wie reagieren Wissenschaft und Medien?

Und welche Rollen spielen in dieser Gemengelage eigentlich die Wissenschaftler als ‚Hüter der Wahrheit’ und die Medien als Reporteure und omnipräsente Meinungsbildner? Nun, erstere sind zum größten Teil öffentlich-(un)rechtlich versorgt und damit mehr dem parteipolitischen Dienstherren ergeben als der Wahrheit zugeneigt, letztere bangen um Einschaltquoten, Auflagen und ihre Werbeetats. Sie sind zu sensationsgeilen Unterhaltungsclowns verkommen. [Der verschwindend geringen Restmenge in Parteien, Medien und Wissenschaft, die sich diesen Schuh zu Recht nicht anziehen muß, gebührt (m)ein Kotau; wirklich zu sagen haben sie jedoch faktisch nichts.] Die Masse der BürgerInnen aber wartet, ängstlich gedrängt unter der jeweils nächstgelegenen Markise, auf besseres Wetter, genauer auf die richtige, einzig wahre Lösung, die es natürlich nicht gibt. Während sich die Parteistrategen, eskortiert von Wissenschaftlern und Medien in sinnlosem Gezänk zerfleischen, geht immer mehr die klare Einsicht verloren, daß es den Königsweg, eine alle Wunden heilende Lösung, längst nicht mehr gibt; dafür ist der „Karren“ EU (nebst EURO) längst viel zu tief im Schlamm hirnloser politischer Dummheit festgefahren. Ob sich die Griechen lieber für ein ‚Ende mit Schrecken’ oder einen ‚Schrecken ohne Ende’ entscheiden, oder Brüssel sie mit ‚sanfter Gewalt’ zum Ausstieg zwingt, indem es ihnen die Konten sperrt und weitere Kredite ablehnt, oder einige (noch zahlungsfähige) Länder, eigene Interessen schützend, die EU/den längst todkranken Währungsverbund verlassen – die Frage ist letztlich nur, welche Lösung die erfolgversprechendere und finanziell wie auch sozialpolitisch heilsamere ist. Ohne Schmerzen hingegen ist diese ‚Operation am offenen Herzen’ nicht mehr zu bewältigen. Wer dies von den Politikern erhofft oder erwartet, glaubt auch noch an Weihnachtsmänner, Osterhasen, Klapperstörche oder Götter unterschiedlicher Bauart.

Oberbuchhalter Schäuble plädiert nun für eine Verlängerung der Laufzeiten für griechische Anleihen und Rentenwerte. Was soll das aber de facto ändern? Pleite ist pleite, da hilft auch keine künstliche Beatmung.
Versicherungen und Pensionskassen dürfen Griechenland-Papiere nicht mehr im ‚gebundenen Vermögen’ (Deckungsdock) halten, da Griechenland inzwischen von der Ratingagentur Standard & Poors auf CCC (= Ramschstatus) herabgestuft wurde. Das würde notwendigerweise zu Zwangsverkäufen und einer weiteren Verschärfung der Situation führen, wenn nicht die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (BaFin) eine Ausnahme gewährt. Mit anderen Worten: Um zu retten, was längst nicht mehr zu retten ist, wurden bereits der Maastricht-Vertrag und die grundsätzlichen Vereinbarungen des EU-Vertrags gebrochen, und nun folgen weitere „Ausnahmeregelungen“, da Banken und Versicherungen auch die hauptsächlichen Aufkäufer von Staatsanleihen darstellen. Es geht also beileibe nicht nur um die Sozialversicherung griechischer Staatsbediensteter, sondern auch die der im EU-Zwangsverbund befindlichen übrigen Staatsdiener. Nur haben das bislang die meisten Bürger der EU noch gar nicht bedacht.
Fazit: Für die Fehler der Politik(er) haftet in immer höherem Maße die Mehrzahl derer, die (bislang) davon noch gar nicht betroffen sind.

„Al-Qaida mit ihrem neuen Obermurkel Al-Sawahiri und die Taliban können sich getrost aufs Altenteil setzen – unsere Sozial-, Wirtschafts- und Finanzterroristen sitzen in Berlin und Brüssel, Rom und Paris, London und Washington, und deren Menschenbild ist so krank und verrottet wie das der Terroristen, die sie vorgeben zu jagen.“

J.-L. Earl

Zwar wird sich das ganze Szenario erst allmählich entwickeln, und die Bevölkerungen der zwangsvereinten EU sind von diesen künftigen Entwicklungen auch unterschiedlich betroffen, aber wer als langjähriger Leser des ‚zeitreport’ unsere Prognosen aus den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts noch im Kopf hat, wird konzidieren, daß das gesamte Schlamassel, in dem wir uns heute befinden, leider tatsächlich in erschreckender Klarheit vorhersehbar war; denken Sie an die Entwicklung der gesetzlichen Sozialversicherungen, der privaten Lebens-, Renten- und Krankenversicherungen, des Bildungs- und Gesundheitswesens u.v.m.

Das System verhindert die Lösung.

Natürlich wäre Griechenland ebenso zu „retten“ wie auch die Sozial-, Wirtschafts- und Finanzwirtschaften Dutzender Problemländer, nur eben nicht im heutigen System, mit den heute verwendeten Machtmitteln, die vor allem (bis ausschließlich) denen dienen, die sich damit den/die Staat(en) zu eigen gemacht haben und deshalb nichts mehr fürchten als einen Systemwechsel, eine wirkliche Reform.

Fähnchen im Wind nutzen sich schneller ab als Menschen, die Flagge zeigen.“

J.-L. Earl

Nun, „die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt ein russisches Sprichwort („Nadezhda umiraet paslednej“), und in der Tat werden die Menschen einen Weg finden, sich dieser „Sumpfblüten“ politischen Wahnsinns irgendwann zu entledigen. Die Werkzeuge, die der homo sapiens sapiens zur Entwicklung einer urdemokratischen Form des Miteinander-Lebens und -Umgehens bräuchte, sind längst vorhanden. Klar ist auch, daß für schiere Produktionszwecke immer weniger Menschen benötigt werden, wohingegen wachsende Wirtschaftsbranchen – Bildung und Kultur, Gesundheitswesen, Tourismus und Sozialdienste, Forschung und Entwicklung, Energie- und Versorgungswesen u.v.m. – Millionen von Menschen ein auskömmliches Leben und eine sorgenarme Zukunft bieten könnten.

Erlauben Sie mir hierzu, auf die ‚alternativen Konzepte’ des PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.’www.d-perspektive.de/konzepte/ – zu verweisen.
Mut macht, daß alle Parteien (und beide „christlichen“ Kirchen) zunehmend Mitglieder verlieren; lediglich den Grünen laufen noch politisch Heimatlose und Versprengte zu. Aber auch diese Partei wird der ‚Westerwelle-Effekt’ ereilen.

Wichtig wäre vor allem, daß die Majorität der heute lebenden Bevölkerung aus ihrer Lethargie erwacht und den Mut hat, den mit Händen zu greifenden Wahrheiten ins Auge zu blicken, statt sich auf skrupellose Scharlatane und Laienspieler zu verlassen, die sich ihre Pensionen damit verdienen, ihre Wähler verbal einzuseifen und für dumm zu verkaufen.

H.-W. Graf
6. Juni 2011

Die Atomkraft, die Grünen, und was aus der CDU geworden ist

6. Juni 2011|Gesellschaft, Innenpolitik|Kommentare deaktiviert für Die Atomkraft, die Grünen, und was aus der CDU geworden ist

Von Karl Feldmeyer)*

Der Beschluss der Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzenden Merkel, aus der Atomenergie auszusteigen, hat nicht nur die politische Landschaft Deutschlands grundlegend verändert. Auch CDU/CSU und die Grünen, die in der Atomfrage bislang gegeneinander standen, befinden sich nun in einer neuen Lage. Mit dem Regierungsbeschluss, alle Kernkraftwerke bis 2022 stillzulegen, hat sich das Thema erledigt, das für die Masse der Grünen idenditätsstiftend war. Damit, dass die Grünen ihr wichtigstes Ziel erreicht haben, haben sie es aber zugleich verloren. Somit benötigen sie ein neues Thema, mit dem sie ihre Anhänger zusammenhalten und motivieren können.

Das könnte schwierig werden. Verglichen mit dem, was der Ausstiegsbeschluss für CDU und CSU bedeutet, nimmt sich dies allerdings relativ unproblematisch aus. Für die CDU ist mit der Abkehr von der zivilen Nutzung der Kernenergie die letzte Position gefallen, die vom einstigen politischen Profil der CDU übrig geblieben war. Merkel hat damit weder von den politischen Positionen, die vor ihrer Zeit das Profil, der CDU ausgemacht hatten etwas übrig gelassen wie vom einstigen Führungspersonal.

Ihr neuer Kurs begann mit der Preisgabe der alten CDU- Position “Deutschland ist kein Einwanderungsland” und dem Umschwenken auf die entgegengesetzte Position der Grünen: Er setzte sich fort mit dem völligen Profilverlust in der Wirtschafts- und Ordnungspolitik, der Finanz- und Steuerpolitik sowie der Gesundheitspolitik. In der Familienpolitik vollzog Merkel eine 180-Grad-Wende. An die Stelle bürgerlich-christlicher Wertvorstellungen setzte sie das sozialistische Familienbild, das die Mutter in die Produktion und die Kinder in die Krippe schickt. Die Wehrpflicht schaffte sie binnen weniger Wochen ab, ohne dafür eine überzeugende Begründung zu geben – was sie aber nicht daran hinderte, bis kurz vor der Entscheidung sich öffentlich zur Wehrpflicht zu bekennen.

In der Europapolitik wurde sie vertragsbrüchig. Sie setzte sich über die von Kohl ausgehandelten Verträge von Maastricht, die die Stabilität des Euro gewährleisten sollten, hinweg. Das gilt insbesondere für die “No-bail-out”–Klausel, die Transferleistungen zwischen den Euro-Staaten ausdrücklich verbietet und schuf den vertragswidrigen Euro-Rettungsfonds. Das ist das Loch, in das seit einem Jahr die Milliarden der deutschen Steuerzahler fließen, um Griechenland und anderen Betrug, Korruption und Misswirtschaft zu finanzieren; kurz sie schüttet seither unser Geld in ein Fass ohne Boden.

Die Frage, warum sich dagegen in der CDU kein Entrüstungssturm erhebt, ist leicht zu beantworten: Weil keiner mehr da ist, der ihn entfachen könnte. Merkel hat alle ausgebootet, die eine Alternative zu ihr hätten werden können. Das begann mit Rühe und setzte sich fort über Merz, Koch und andere. In Präsidium und Vorstand sitzen heute Politiker, die man getrost als politische No-Names bezeichnen kann. Genau genommen hat Merkel die CDU als politische Kraft abgeschafft. Das kann nicht einmal deren Konkurrenten freuen.

 

*Zur Person: Karl Feldmeyer (*1938), war von 1971 bis 2004 F.A.Z.-Redakteur und seit 1976 einer der bundesweit bekanntesten und profiliertesten Parlamentsjournalisten in Bonn und Berlin. Er wurde zweimal mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. (Wikipedia: „Er beschäftigt sich insbesondere mit deutschlandpolitischen und sicherheitspolitischen Fragen. Feldmeyer ist durch seine langjährige Korrespondententätigkeit ein ausgewiesener Experte der Politik und inneren Strukturen der CDU und CSU.“)

 

f.d.R.: Günter Kleindienst, Freier Journalist (DJV), 31275 Lehrte / Kommentar: Hierbei sind weder Anstriche noch Fettungen erforderlich, weil jeder Satz ein Volltreffer ist.

2. Februar 2011

Die Lunte brennt!

2. Februar 2011|Außenpolitik, Gesellschaft|Kommentare deaktiviert für Die Lunte brennt!

An Unglücke, Unfälle und andere Ungewöhnlichkeiten sind wir gewöhnt – eine ganze Industrie lebt davon, uns tagtäglich Alltägliches als wichtig und besonders zu verkaufen, medientechnisch aufzublasen, was die Sensationsgier befriedigt und unsere Gelangweiltheit in Einschaltquoten und Auflagen umzumünzen. Dann wird analysiert und gemutmaßt, in den Archiven nach Vergleichbarem gestöbert, und speziell Politiker grapschen nach jeder Chance, sich telegen, gegelt und staatstragend in Erinnerung zu bringen, zu warnen und zu mahnen, zu befürworten oder sich zu entrüsten, auch wenn sie realiter weder eine Ahnung noch irgendetwas zu sagen haben.
Doch was am 17. Dezember 2010 in Tunesien geschah, nun in Ägypten seine erste Fortsetzung findet und allsamt erst den Anfang der vielleicht mächtigsten sozialpolischen Reform der letzten Jahrzehnte zu werden droht, überrascht Medien wie Politiker gleichermaßen.

Von der Selbstverbrennung des 26-jährigen Tunesiers Mohamed Bouazizi in Sidi Bouzid, 265 km südlich von Tunis entfernt, erfuhr hierzulande niemand etwas. Kein Wunder; ein arbeitsloser Akademiker, der sich ohne Lizenz als Gemüse- und Obstverkäufer seinen Lebensunterhalt zu verdienen suchte, dessen Stand die Gewerbeaufsicht räumen und seine Waage konfiszieren läßt – das gibt medientechnisch nichts her. Doch sein Tod am 4. Januar 2011 änderte die Szenerie schlagartig. Plötzlich brachen sich an mehreren Orten des Landes – und binnen 36 Stunden auch in Algerien, Marokko und sogar Saudi Arabien – Unmut und Haß Bahn.

Dabei ging es – in dieser Region des Maghreb und Teilen der Arabischen Liga die Ausnahme – mal nicht um die “typischen” Themen (Stammesstreitigkeiten; die Kontroverse Islam/Christentum, Revierkämpfe der örtlichen Korruptionskartelle, u.ä.), vielmehr äußerte sich laut, was seit Jahrzehnten im Untergrund schwelt, von der herrschenden Clique und den von deren Geheimdiensten streng kontrollierten Presse, Militär und Polizei aber nahtlos überwacht und unter Kuratel gehalten wird: Allen diesen nordafrikanischen und arabischen Staaten gemein sind: autokratische Führungsstrukturen, ein sehr “beliebiges” Rechtswesen, eine stark islamisch geprägte Soziographie, bittere Armut, keinerlei Zukunftschancen für die Massen (während deren “Häuptlinge” als Kostgänger der internationalen Politik Milliarden auf den Privatkonten anhäufen, Gehöfte in NY, Paris und am Tegernsee erwerben und ihre Kinder westliche Universitäten besuchen), ein Durchschnittsalter der Bevölkerung zwischen 22 und 26 Jahren (Deutschland: 52) und eine Jugendarbeitslosigkeit von 40 bis 65% – je nach (unterschiedlicher) Alterszurechnung unter den Begriff Jugend (16 bis 18). Gleichzeitig ist das Volksvermögen gefährlich einseitig verteilt; so besitzen z.B. die rund 30.000 Saudis, die der Herrscherfamilie zugerechnet werden (etwa 0,03% der Gesamtbevölkerung) rund 99% des gesamten Vermögens des Landes, und dieser “Clan” hält auch sämtliche relevanten Schlüsselpositionen in Behörden, Ämtern und größeren Betrieben. Die Herrscher von 50 der 54 afrikanischen Staaten sowie faktisch aller 19 Mitgliedsstaaten der Arabischen Liga sowie der nichtarabischen Staaten des Nahen Ostens mögen sich demokratisch gewählt nennen und sich unter dieser Camouflage auch nach außen gerieren, doch die Wahrheit sieht völlig anders aus. Und noch eins ist den Potentaten dieser Länder gemein; sie sitzen an den Fleischtöpfen der “Suppenküche” Internationaler Währungsfonds (IWF/IMF) und in den wichtigen internationalen Gremien (Handel, Verkehr, Finanzwesen, Militär, Gesundheits- und Bildungswesen, Transport und Logistik, Medien und Nachrichtendienste). Sie kuscheln sich unter die Fittiche der NATO, genießen das Wohlwollen der USA, denen sie im Gegenzug zumeist Stützpunkte, Überflugsrechte, logistische Unterstützung und weitestgehend Wohlverhalten gegenüber dem Patenkind der Westmächte des 20. Jahrhunderts, Israel, zusichern. Wie die absolute Majorität der Bevölkerung ihr schieres Überleben sichert, ein Minimum an Bildung akquiriert, sich medizinisch versorgt oder das Alter bestreitet, ist für die ‚crème d’etat’ ohne Belang und nicht einmal Gegenstand der Erörterung in den streng kontrollierten Medien. Insofern ist mehr als hypokritisch, wenn sich westliche Medien über russische Rechtsverhältnisse mokieren und die Zustände im Reich ihrer “Verbündeten” mit keinem Wort erwähnen.

Kein Wunder, daß spezifisch in derart autokratisch bzw. diktatorisch regierten Ländern der soziologische Untergrund einem Hochmoor gleicht und fanatische Sektierer sowie sämtliche Spielarten des Islam einen geradezu idealen Spielplatz vorfinden, in dem gefährliche Sumpfblüten heranwachsen. Kann unter diesen Umständen verwundern, daß Al Qaida und Hunderte von (trans)regionalen Bin Ladens wie ein Mycel alle Ebenen unterhalb der obersten Schicht durchziehen? Was in Lateinamerika die Drogenkartelle, in Süditalien die vier Arme der Mafia, in Osteuropa sowohl die orthodoxen Kirchen (neben dem Staat der größte Eigentümer von Bodenschätzen und Minen, der Forst-, Fleisch- und Fischwirtschaft) als auch regionale Mafias sind, in China die Triaden und in Japan die 14 Familien der Yakuza (über das japanische Handels- und Wirtschaftskartell MITI bestens mit der Regierung vernetzt!), das sind in den offiziell reichen Ölländern des Nahen Ostens und Nordafrikas die selbsternannten Vertreter und “Garanten” der Rechte des bettelarmen Großteils der Bevölkerung – die verschiedenen islami(sti)schen Strömungen.

Wer einen Blick in die Zukunft wagt, dürfte erstaunt bis erschrocken die Lippen schürzen – obwohl der DBSFS und der ‚zeitreport’ sich zu diesen Entwicklungen seit 35 Jahren immer wieder zu Wort gemeldet haben, u.a. durch die Studie ‚Unsere Welt’, 1992 und 1993. Gemutmaßt werden darf folgendes Szenario: Nach Tunesien und Ägypten – wir geben dem Diktator Mubarak noch maximal einen Monat – dürfte es zu Aufständen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen u.a. im Jemen, Algerien, Jordanien, Saudi Arabien (mindestens so überfällig wie Ägypten), Teilen der Türkei und Somalias, zunehmend auch in den Westprovinzen Chinas, dem Kaukasus und Zentral- bzw. Ostafrika (insb. Elfenbeinküste, Gabun), in Mali, Niger und Nigeria kommen.
Wenn deutschland- wie weltweit Politiker und Medien, Konzernchefs und Wirtschafts”weise” freudetrunken und albern-pfauig die Posaunen des “Sieges” über die Finanz- und Wirtschaftskrise blasen, so dürfen wir dringend warnen: Politiker und Bosse bringen ihre Schäfchen natürlich stets ins Trockene, und auch den brav nach höherem Geheiß flötenden Medien und Wirtschaftswissenschaftlern (was schaffen die eigentlich an wirklichem Wissen?!?) wird es nicht naß im Speicher werden, aber für den “Rest” der Bevölkerung – und München, Frankfurt, Köln, Hamburg und Berlin sind nur einen Mausklick von den Dutzenden von Krisenherden entfernt, die sich hier gerade entwickeln – könnten die wirkliche Wirtschaftskrise und, in deren Gefolge, dramatische soziologische Verwerfungen weltweit gerade kurz vor dem Ausbruch stehen.
Aber, wie so oft in der Geschichte: Das Gros der Menschen wird der Gefahr erst gewahr, wenn die “Lavaströme” dieser dann bevorstehenden Eruptionen bereits den Handtuchgarten überfluten. Auch in Pompeji, Herculaneum und Stabiae glaubte 79 n.Z. niemand den Fischern und Schafhirten, die vor dem Ausbruch des Vesuvs warnten, und Kassandra bezahlte ihre Warnung vor dem “Geschenk” der Griechen mit dem Leben. Die Nihilisten von heute ergötzen sich an DSDS, Ekelcamps, Talkshows für geistig Behinderte und Stefan Raab.

Sämtliche wirtschafts-, sozial-, finanz- und militärpolitischen Probleme, die Großbritannien, Frankreich, die USA und auch Rußland heute haben (vergessen wir China nicht; die Menetekel werden gerade an die Wand gepinselt!) – Tendenz: stark bis bedenklich steigend -, verdanken sie einer ideologieverblendeten, geschichtsvergessenen, egozentrischen Machtpolitik. Wir beginnen eben erst, die “Früchte des Zorns” zu ernten! John Steinbeck und Goethes ‚Zauberlehrling’ lassen grüßen.

Hans-Wolff Graf
18. Januar 2011

Für Sie gelesen: Die verlogene Politik – Macht um jeden Preis

18. Januar 2011|Gesellschaft, Politik|Kommentare deaktiviert für Für Sie gelesen: Die verlogene Politik – Macht um jeden Preis

Autor: Pascal Beucker, Anja Krüger
Verlag:   Verlag Droemer Knaur, München
Preis: € 8,99
Umfang: 304 Seiten
ISBN: 978-3-426-78345-0

“Lügen scheint zum Handwerk nicht nur des Demagogen, sondern auch des Politikers und sogar des Staatsmannes zu gehören.”

Hannah Arendt

Daß wir häufig von Politikern belogen werden, ist jedermann klar. Aber: Es gibt Lügen in guter und in böser Absicht. Notlügen gehören zum Alltag. Manchmal will der Lügner sich selbst oder anderen einen Vorteil verschaffen oder vor Schaden bewahren. “Wer nach der Wahrheit – und nur nach der Wahrheit – lebt, wird sozial inkompetent” weiß der Soziologe Robert Hettlage. Daß die Lüge im politischen Feld von widerstreitenden politischen und wirtschaftlichen Interessen geprägt wird, weisen Pascal Beucker und Anja Krüger in “Die verlogene Politik – Macht um jeden Preis” nach.

Beucker und Krüger machen klar, daß Politiker eine besondere Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit haben und auch eine gute Absicht keine Rechtfertigung zur Lüge sein darf. Bürger müssen sich darauf verlassen können, von Politikern richtig informiert zu werden. In ihrem Buch räumen sie auf mit der Lüge von der Sachentscheidung, der Riester-Renten-Lüge, dem unschönen K-Wort, der Arbeitsmarkt-Lüge, den Steuerlügen, der Bildungslüge, der Integrationslüge und zeigen die Macht der Lobbyistenverbände bei politischen Entscheidungen auf. Sie machen deutlich, daß die Bundesrepublik ein Entwicklungsland in Bezug auf die finanzielle Transparenz bei den Bezügen der Politiker ist, und daß das Argument, fähige Politiker würden sonst in die Wirtschaft abwandern, nicht sticht.

Pascal Beucker, geb. 1966, ist Journalist. Er studierte Politikwissenschaften und arbeitet als nordrhein-westfälischer Korrespondent für die tageszeitung.

Anja Krüger, geb. 1967, ist Journalistin. Sie studierte Politik- und Sozialwissenschaften und schreibt u.a. für die Financial Times Deutschland. Ihre Schwerpunkte sind Altersvorsorge, Gesundheitspolitik und Verbraucherthemen.

23. Juni 2010

Selbständigkeit

23. Juni 2010|Gesellschaft, Sozialpolitik, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Selbständigkeit

Vortrag von Hans-Wolff Graf anläßlich der 25. Bundeskonferenz der Arbeitsgemeinschaft Selbständige in der SPD am 12. Juni 2010 in Berlin

 

Sehr geehrter Herr Kaerkes,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kollegen in der Selbständigkeit,

als ich von Herrn Zimmermann die Einladung erhielt, hier und heute vor Ihnen zum Thema „Selbständigkeit“ zu referieren, wurde auf den ‚brandeins’-Artikel Bezug genommen, den der Eine oder Andere von Ihnen kennen mag. Darauf hin rief ich Herrn Zimmermann an und wies ihn – für mich ein Akt der Fairness – auf die Tatsache hin, daß ich wohl jenseits einer politischen Partei stünde.

„Das macht gar nichts“, meinte Herr Zimmermann, „hier geht es um die Selbständigkeit.“

Um genau diesen Mittelpunkt unseres Lebens geht es: die Selbständigkeit.

Selbständigkeit heißt Eigenständigkeit, Selbstverantwortlichkeit und Selbstbestimmtheit – für mich die natürlichste und authentischste Form eigener Lebensführung.

Und aus der Vielzahl der diese Art des eigenen selbständigen Lebens bestimmenden Faktoren möchte ich in aller Kürze und mit Rücksicht auf Ihre Zeitplanung einige hervorheben:

  1. Selbständige erfahren viel Neid und (daraus resultierend) Anfeindung.Wie oft höre ich in meinen Seminaren den Satz: „Na ja, DU bist ja selbständig!“, und in der Tat: Selbständige sind unabhängiger, freier, weniger dirigabel und insofern eine Unwägbarkeit für das staatliche System. Daß der durchschnittliche Selbständige beileibe nicht mit einer 37,5-Stundenwoche auskommt, sondern das doppelte wöchentliche Arbeitspensum eines durchschnittlichen Arbeitnehmers – mitunter sogar mehr – leistet, wird im allgemeinen von Arbeitnehmern nicht so recht wahrgenommen.
  • Selbständige fragen nicht nach sogenannten „Sozial“leistungen wie Kranken-, Urlaubs-, Weihnachtsgeld, Essens- und Fahrtkostenzuschlägen, Spätschicht- und Nachtzuschlägen – steuerbegünstigt, versteht sich – wobei die meisten Menschen den Unterschied zwischen sozial und sozialistisch noch nie überlegt haben dürften. Von einem 13. oder 14. Monatsgehalt träumt ein Selbständiger nicht.
  • Selbständige wollen nicht systemisch denken, handeln und leben – sie suchen schematische Öffnung, wo sie Lösungen für Probleme finden, die Nicht-Selbständige (Arbeitnehmer) auf übergeordnete Institutionen delegieren zu können glauben [Gewerkschaften, Parteien, (sub-)staatliche Entitäten oder einfach „die Gesellschaft“].
  • Selbständige sind bereit, Risiken zu übernehmen. Problematisch ist dabei eigentlich nur, daß Staat und Gesellschaft den Selbständigen zwar gerne die Übernahme von Risiken überlassen; wenn das eingegangene Risiko aber von Erfolg gekrönt wird – wollen sie jedoch an den Früchten kräftig partizipieren.Schlagen übernommene Risiken jedoch fehl, ist dies Sache der Selbständigen; bestenfalls können Verluste steuerlich geltend gemacht werden. Einen Bankrott hat der Selbständige, bitteschön, selbst zu verantworten und zu verkraften.Jedes Risiko ist eine Spekulation; also was wirft man Selbständigen vor, die etwas wagen, wozu den meisten Nichtselbständigen der Mut fehlt. Immerhin spekulieren sie – im Gegensatz zu Banken (insbesondere öffentlich-(un)rechtlichen!) – mit eigenem Vermögen.
  • Selbständige sind – entgegen der landläufigen Vorstellung – eben nicht vornehmlich darauf aus, unermeßlich reich zu werden; ganz im Gegenteil: ihr eigenverantwortliches und risikobereites DenkFühlHandeln bringt automatisch mit sich, daß sie im Durchschnitt mehr „auf der hohen Kante“ haben als Arbeitnehmer. Daß hierbei die Risikovorsorge enthalten ist – für sich selbst, die Familie, die Firma und die darin eingebundenen Arbeitnehmer sowie ihr eigenes Alter –, ist ein wesentlicher Teil der Planung und Funktion eines Selbständigen. Dies wird jedoch vom Heer der
    Arbeitnehmer zumeist geflissentlich übersehen; deren Daseins- und Altersvorsorge hat ja der Staat übernommen und seine BürgerInnen damit weitestgehend entmündigt. Daß all diese „Fürsorge“ aus gänzlich anderen Zeiten des industriellen Feudalismus herrühren, will der Staat heute gar nicht mehr wissen.

Aber wen kümmert heute noch das Motto der Aufklärung: SAPERE AUDE – wage es, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen?

  • Selbständige haben Visionen. Nach verläßlichen Statistiken entspringen weit über 90 % aller Erfindungen, Patente und funktionaler Verbesserungen den kreativen Gehirnen von Selbständigen,
    stammen also aus kleinen Denkfabriken – oftmals unter erheblichem Aufwand an Zeit und eigenen Mitteln. Daß diese dann von großen Gesellschaften aufgekauft und für den Markt aufbereitet werden, verwischt oftmals die Kreativität kleiner und mittelständischer Unternehmer sowie Freiberufler. Doch Kreativität setzt Visionarität voraus, denn nur aus Visionen – hierin schlummert das lateinische „videre“ (= sehen, sichten, erkennen) – können Ziele abgeleitet und erarbeitet werden. Doch diese Visionarität der Selbständigen ist insofern für das staatliche System oftmals gefährlich, als es doch das derzeitig Gültige des öfteren und bisweilen nachhaltig in Frage stellt. Wo sich der Arbeitnehmer zumeist, nolens volens, den gegebenen Umständen beugt, widersetzt sich der Selbständige und sucht nach Alternativen. Doch eben diese „Widerborstigkeit“ eines selbständig denkenden, suchenden und handelnden Mitbürgers stört das staatliche System mitunter erheblich, ja, es rüttelt bisweilen gar an den Grundfesten staatlich erwünschter Akzeptanz. Das macht die Selbständigen unbequem und mitunter gar verdächtig.

Genau darauf fußt u.a. der Kammerzwang – IHKs, HwKs und Berufskammern –, deren Einführung wir bis in die NS-Zeit zurückverfolgen können; eine geistige Anleihe Adolf Hitlers bei seinem großen Vorbild Napoleon Bonaparte, mithilfe derer er die Selbständigen unter Observation und staatliche Kontrolle stellen wollte – für mich ein klarer Bruch des Artikel 9 des GG. Aber auch andere, teilweise völlig absurde Zwänge und Vorgaben vonseiten der bereits genannten staatlichen Institutionen machen dem Selbständigen oftmals das Leben nicht einfach. Denken Sie an das unselige Scheinselbständigkeitsgesetz
bzw. das Gesetz zur „arbeitnehmerähnlichen Selbständigkeit“. Hier maßt sich der Staat doch tatsächlich an, darüber zu entscheiden, wer realiter selbständig ist oder eben nicht; all dies vor dem Hintergrund der grundgesetzlich garantierten Vertragsfreiheit und dem permanten Ruf der Politiker nach dem ‚mündigen Bürger’.

Aber all dies geschieht ja nur zum „Schutz des Bürgers“ – zumindest wird es uns offiziell so verkauft.

Wenn man dann auch noch die Einführung der Ich-AG inhaltlich näher beleuchtet, so kann das damit ausgelöste Kopfschütteln nur Kopfschmerzen verursachen. Bezeichnenderweise werden diese Gesetze ja eben nicht von sachkundigen Selbständigen erarbeitet, sondern von angestellten Juristen und von Beamten und Bundestagsabgeordneten verabschiedet, die zu mehr als drei Vierteln aus dem Bereich des öffentlich-(un)rechtlichen Dienstes stammen.

Wer zu diesen und vielen weiteren Widersprüchen detailliertere Informationen wünscht, dem darf ich das Buch „Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens“ anempfehlen (siehe Links im Anschluß). Ich erlaube mir, für dieses Buch aus Überzeugung zu werben, obwohl ich dessen Autor bin, denn der Erlös fließt zu 100 % in eine gemeinnützige Organisation.

  • Selbständigkeit verlangt Mut, Wille, Disziplin, Intelligenz, aber auch ständige Weiterbildung und ein lebhaftes Interesse daran, Zeitenwandlungen und Veränderungen zu adaptieren und umzusetzen – alles Tugenden, die regulatorisch systematisierten Arbeitnehmern zumeist bereits im Elternhaus, spätestens aber während des schulischen Dressurakts erfolgreich abgewöhnt wurden. Der Interessenshorizont eines Selbständigen ist regelmäßig weiter gespannt als der des durchschnittlichen Arbeitnehmers, und zu Fortbildungen – beileibe nicht nur in fachlicher
    Hinsicht, sondern in allen Belangen, die Interesse und Neugier wecken – müssen Selbständige nicht abkommandiert oder mit Zuschüssen (bis zu 100 %) gelockt werden; sie tun es für sich, ihre Ziele und Ideen, ihre Firma und die Mitarbeiter, für die sie Verantwortung tragen.
  • Viel zu wenig reflektiert wird in der Öffentlichkeit und der politischen Auseinandersetzung der Unterschied zwischen Unternehmern –das sind eben klein- und mittelständische Unternehmer, Freiberufler und Selbständige – und den (oftmals völlig überbezahlten) Managern in
    Unternehmen. In der öffentlichen Wahrnehmung wird ‚Manager’ mit ‚Führungskraft’ synonym gesetzt und verstanden. Dabei genügt ein Blick in den Stowasser, das lateinische Wörterbuch, um zu erkennen, daß Manager eine Zusammensetzung der beiden lateinischen Begriffe „manu agere“ (= mit der Hand bewerkstelligen, erledigen) bedeutet. Zwar muß jede Führungskraft ein guter Manager sein, beileibe jedoch ist nicht jeder Manager, so respektabel sich dies auch auf der Visitenkarte ausmacht, eine Führungskraft.
  • Zunehmend beobachtet man auch bei Selbständigen ein unter Arbeitnehmern längst zur Zivilisationskrankheit erklärtes Phänomen: Burnout! Aber bei Selbständigen liegt diesem ‚Ausgebranntsein’ – konträr zu Nichtselbständigen – nicht berufliche Überforderung zugrunde, sondern die bürokratischen Eingriffe und legislatorische Überfrachtung vonseiten der Politik, die – natürlich wiederum nur „zum Schutz“ des Bürgers, des Verbrauchers, der Gleichberechtigung, etc. – alles meint, regeln und mit immer weiterreichenden Formalien, Protokoll-, Auf- und Auszeichnungspflichten, Gewährleistungs- und Haftpflichtübernahmen belasten zu müssen. Selbst Handwerker, Landwirte, Einzelunternehmer und Freiberufler verbringen inzwischen bis zu 50 % ihrer Zeit mit Protokollpflichten und juristischem oder steuerlichem „Beiwerk“, was kaum bis nichts mit ihrer beruflichen Qualifikation zu tun hat. Kein Wunder, daß haufenweise Finanz- und Wirtschafts-, Steuer- und Rechtsberater, kleine Mittelständler das Handtuch werfen und ihre Selbständigkeit aufgeben und Praxen geschlossen werden – Selbständige verlieren ihre innere ‚Flamme’, sie wandern aus oder wechseln ins Angestelltendasein.
  • Viele Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe leiden unter demselben Problem, auch wenn sie völlig unterschiedliche Arbeits- und Berufsfelder haben: Die Mitarbeiter – und dies gilt vor allem für kleine und mittelständische Betriebe – haben die „Zeichen der Zeit“ überhaupt noch nicht erkannt; sie halten sich selbst für so ausreichend qualifiziert und unersetzlich, daß sie sich für die Probleme, die vor allem kleine und mittelständische Unternehmen haben, noch immer glauben, nicht interessieren zu müssen. Für die Auftragslage – so ihr Denken – ist allein der Chef verantwortlich. Sie ziehen sich auf den Standpunkt zurück: Ich mache meine Arbeit sauber, leiste meine im Arbeitsvertrag festgelegte Arbeitszeit, bin höflich und pünktlich. Was soll mir also passieren. Im übrigen ist für meine gesicherte Beruflichkeit zum einen die Gewerkschaft, zum anderen das Arbeitsgericht zuständig.

Daß sich die Arbeitswelt insgesamt völlig verändert hat, ist diesen Mitarbeitern noch gar nicht klar. Von dem Gedanken, die Mit-Verantwortung für den Betrieb zu sehen und zu übernehmen, sind sie zumeist weit entfernt. Sie überlassen das wirtschaftliche wie auch das Auftrags-Risiko dem Unterneh­mer – in dem Glauben, daß dieser ja dafür auch „wahnsinnig“ viel verdient.

Multis und kleine KMUs

Täglich neue Meldungen von Übernahmen und Aufkäufen großer, altehrwürdiger Firmen lassen den unbedarften Zeitgenossen immer wieder staunen. Da werden ganze Konzerne fusioniert, andere schließen sich zu Partnerschaften zusammen. Banken und Versicherungen, Unternehmensberatungs- und Handelsgesellschaften verschmelzen zu Synergie-Konglomeraten, um dann in der Umsatzliste vielleicht ein paar Plätze nach oben zu rutschen, sich im ‚Ranking’ zu verbessern, wettbewerbsfähig zu bleiben.

Längst geht es hierbei um Milliarden-Deals, und ebenso regelmäßig bangen dann Tausende von Menschen um ihre Arbeitsplätze.

Hingegen wird von der Öffentlichkeit gar nicht wahrgenommen, wenn Tausende kleinerer Betriebe zerlegt, teil-verkauft oder stillgelegt werden, Schachtelbeteiligungen an Aktiengesellschaften den Besitzer wechseln oder Gesellschaften Beteiligungsverhältnisse einfach tauschen. Doch auch dem unbedarf­ten Zaungast dämmert, worum es dabei geht: Höhere Produktivität, niedrigere Erzeugerpreise, Abschreibungsgewinne (z.B. durch Verlust-Zukäufe), Rationalisierungs- und Synergieeffekte, Standort- und Wettbewerbsvorteile – mitunter das schiere Überleben.

Mitten in diesen Revierkämpfen der wirtschaftlichen Riesen stehen Sie als KMUs, alleingelassen von der Politik, die sich nur um die „systemrelevanten“ Großen kümmert. Während sich die Wirtschaft längst transnational organisiert, denken und regulieren unsere „Sozial“politiker immer noch auf und in nationalen Entitäten – fernab der Realität, im Stil und in der geistigen Enge gestriger Verwalter fundalistischer Erbhöfe.

Die Multis nehmen auf Landesgrenzen ebenso wenig Rücksicht wie auf die Stillegung alteingesessener Standorte. Märkte und Standortvorteile wiegen weit höher als steigende Arbeitslosenzahlen und die wirtschaftliche Austrocknung ganzer Regionen. KMUs hingegen bleiben zumeist regional und national.

Während die Politiker eilfertig um „Schadensbegrenzung“ bemüht zu sein vorgeben – z.B. durch Auflegung immer neuer Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Förderprogramme, um die Arbeitslosenzahlen zu schönen, ohne daran jedoch maßgeblich etwas zu ändern – und nicht müde werden, die Schuld für den wirtschaftlichen Verfall den Unternehmen und den Finanzmärkten zuzuschieben, statt darüber nachzudenken, ob ihre gesetzlichen Grundlagen nicht der Kern des Übels sind und sich nicht eventuell die Zeiten einfach geändert haben, zeichnet sich der Beginn eines Szenarios ab, das wie folgt skizziert werden kann:

  1. Die Zahl der Großunternehmen schrumpft proportional zur wachsenden Größe von immer weniger daraus entstehenden Giganten.
  2. Die ehemals als besonders sicher geltenden Arbeitsplätze in der Großindustrie sowie bei den Multis im Produktions- und Dienstleistungssektor nehmen rapide ab, wobei vor allem wenig oder schlecht ausgebildete Arbeitnehmer als erste gezwungen sind, sich in die wachsenden Schlangen vor den Arbeits- und Sozialämtern einzureihen. Längst sind aber auch das mittlere Management und gut ausgebildete Fachkräfte vom Exodus vieler Firmen und der Verschmelzung großer Betriebe betroffen.
  3. Deutschland nimmt mit einer Selbständigenquote von unter 8 % den letzten Platz aller Industrienationen ein, und die sind mit nur ca. 3,5 % auch im Bundestag unterrepräsentiert. Dafür ist Deutschland die einzige aller Industrienationen, in der es mehr öffentlich-(un)rechtlich Bedienstete als Selbständige gibt. Das stimmt nachdenklich.

Ist Selbständigkeit staatlich plan- und regulierbar?

Die vielgepriesenen „Existenzgründungs“-Seminare der Industrie- und Handelskammern wirken bei näherer Betrachtung eher wie mitleidheischende Alibiveranstaltungen, vor allem, wenn sie von Angestellten oder öffentlich-(un)rechtlich Bediensteten gehalten werden, die von Selbständigkeit nun wirklich nicht die blasseste Ahnung haben.

So deprimierend es auch auf den ersten Blick sein mag: Die dem Jung-Unternehmer (auch fort­geschrittenen Alters) angebotenen Hilfen – staatliche Förderprogramme, Unternehmer-Ausbildungssemi­nare u.v.m. – erweisen sich in Wahrheit nahezu ausnahmslos als wenig förderlich bis geradezu sinnlos. IHKs, HwKs, Kammern und gesetzliche Sozialversicherungen sind unwirtschaftlich geführte Postenkartelle, in denen Milliardenbudgets vernichtet werden.

Nur so ist die hohe Zahl der bereits innerhalb der ersten drei bis fünf Jahre faillierenden Existenz-Neugründungen nachzuvollziehen.

Die o.g. Institutionen verstehen unter Selbständigkeit vornehmlich ein wirtschaftliches Phänomen. Auf die psychologischen Unter­schiede zwischen einem Arbeitnehmer und einem Selbständigen gehen all die angebotenen Kurse und Fördermaßnahmen überhaupt nicht ein. Der Aufbau einer Firma, eines Unternehmens oder Betriebes hängt nämlich beileibe nicht nur von der fachlichen Qualifikation des Gründers, seinem Mut zum Risiko und seiner Bereitschaft ab, auch 100 Stunden und mehr pro Woche zu arbeiten. Schon die Planung der Gründung eines Unternehmens bedarf weit mehr als einer Struktur- und Standortanalyse, der Beschaf­fung eines entsprechenden Gründungskapitals, ausgefeilter Werbemaßnahmen und der Rekrutierung entsprechend qualifizierter Mitarbeiter.

So sollte sich der Jung-Unternehmer fundamental klar darüber sein, warum er überhaupt selbständig wird, was seine kurz-, mittel- und langfristigen Ziele sind – und mit Zielen meine ich durchaus nicht nur berufliche.
Er sollte sich über seinen (und seines Unternehmens) Stand innerhalb seines Umfeldes absolut klar sein und am besten seine Pläne nicht nur mit lieben Freunden und Verwandten, sondern vor allem mit erfah­renen Selbständigen – auch hier nicht nur aus seiner Branche – besprechen.

Bei der Gründung seines Unternehmens sollte er sich auch nicht auf abhängige Angestellte eines Bankinstitutes verlassen, denen es – per definitionem – ausschließlich darum geht, das Risiko fürs eigene Haus möglichst bei Null zu halten und der Performance der eigenen Zweigstelle und damit seiner Karriere zu dienen. Jung-Unternehmer brauchen eine erfahrene Führung durch die Irrungen und Wirrungen einer Existenzgrün­dung, einen Begleiter in die Selbständigkeit.

Dazu gehört auch, daß Steuer-, Rechts- und Unternehmensberater nicht erst „irgendwann“ im Laufe der Entwicklung eines Unternehmens hinzugezogen werden – also wenn Not am Mann ist. Ähnlich einem Fötus, der bereits lange vor der Geburt medizinisch sorgsam betreut und begleitet wird, sollte auch die Existenz eines Unternehmens bereits lange vor der Eintragung ins Handelsregister begleitet und sorgsam betreut werden.

Zu den wichtigen und wertvollen Schritten der Vorbereitung der Gründung einer Selbständigen-Existenz gehört jedoch auch, von vornherein nach Partnerschaften und Möglichkeiten der Kooperation zu suchen, wobei auch diese sich beileibe nicht nur auf das gleiche Geschäftsfeld beziehen und beschränken sollten. Es gilt vielmehr, Gleichgesinnte zu finden, die – vielleicht schon mit ein wenig mehr Erfahrung versehen – den Weg ins Unternehmertum hilfreich flankieren können.

Ich meine hierbei nicht nur die „Unternehmer-Verbände“, sondern auch die Interessensvereinigungen und Arbeitsgruppen, die sich in fast allen Städten in regelmäßigen Abständen zum Erfahrungsaustausch zusammenfinden. Hier werden die menschlich wertvollsten Verbindungen geknüpft, wobei – dies mag Neu-Selbständige anfangs überraschen – der berufliche Aspekt hinter dem menschlichen weit zurücksteht. Hier kommt man sich menschlich näher, tauscht Ideen und Gedanken aus, hier werden wertvolle Netzwerke und Kooperationen aufgebaut, die dann in die berufliche (und private) Sphäre integriert werden. Daß sich auf dieser Ebene auch berufliche Verbindungen ergeben, Partner aus unter­schiedlichen Tätigkeiten plötzlich nicht nur menschliche Gemeinsamkeiten, sondern auch Möglichkeiten der beruflichen Kooperation feststellen, versteht sich von selbst. Zumeist findet man – was bei näherer Betrachtung gar nicht so überrascht – in berufsfremdem Gedankenaustausch viel eher zu neuen Ideen und kreativen Möglichkeiten der Zusammenarbeit, als wenn man immer nur unter beruflich Gleichgesinnten verweilt.

Gerade bei Selbständigen kommt es nämlich auf einen möglichst weiten Horizont an; während der Angestellte nämlich „automatisch“ mit Menschen in Verbindung kommt, die von sich aus auf ihn und seine Produkte oder Dienstleistungen zukommen, kreiert der Selbständige sein Kunden-/Mandanten-/Klientenfeld selbst, und je weiter sein eigenes Blickfeld ist, desto interessanter wird er (und seine beruf­liche Tätigkeit) für eine immer größere Menge seiner Mitmenschen.

Die Psychologie des Unternehmers

Mit dem eben Gesagten gewinnt das Selbständigen-/Unternehmer-Sein eine völlig neue Dimension, eine urpersönliche Philosophie. Traurig entlarven sich damit die „Bekenntnisse“ der Politiker zum Wert der KMUs als Krokodilstränen – hilflose Aktionsveranstaltungen von Blinden, die über Farben schwadronieren.

Der ideale Selbständige hat nicht nur einen extrem weiten Horizont (den zu erweitern er außerdem ständig bemüht ist) und eine philosophisch tiefere Sicht der Dinge. Er unterscheidet sich auch in seiner Psycho­logie enorm von der des „typischen“ Angestellten. Er kann auf Menschen zu- und mit ihnen umgehen – ohne seinen Standpunkt aufzugeben oder sich als schmieriger Manipulator zu „verkaufen“. Er hat Umgangsformen, die ihm (möglichst) jeden Kontaktkreis öffnen. Er pflegt ein weit über seine beruf­lichen Belange hinausgehendes Interesse und verschließt sich nicht egoman allem, was nicht unmittelbar mit seinem Beruf und einigen wenigen speziellen Hobbys zu tun hat. Er achtet auf seine Rhetorik (die sich beileibe nicht nur auf Aussprache, Redegewandtheit, Mimik und Gestik beschränkt), zeigt Offen­heit und Verständnis. Er lernt, mit Distreß und Eustreß gleichermaßen umzugehen, zeigt Konsequenz – ohne stur zu sein – und Flexibilität, ohne dies mit Labilität zu verwechseln.

Er führt ein Unternehmen, statt eine Abteilung zu managen. Demzufolge feilt er an seiner Kommunika­tionsfähigkeit ebenso sorgsam wie an seiner beruflichen Fortentwicklung.

Selbstsicherheit ist erlernbar und antrainierbar. Selbstbewußtsein hingegen ist eine endogene, aus harter Arbeit mit und an sich selbst erwachsende authentische Grundhaltung, die wir weder in der Schule noch (zumeist) im Elternhaus erlernen.

Wer in der Zukunft als selbständiger Unternehmer bestehen möchte, kommt gar nicht umhin, sich mit psychologischen und philosophischen Gedanken und Fordernissen auseinanderzusetzen, innerhalb derer berufsspezifische Qualifikation nur eine höchst untergeordnete Rolle spielt. Fachliche Kompetenz kann man „einkaufen“, soziale Kompetenz muß man erwerben.

Unternehmern der Zukunft muß vor allem darum zu tun sein, Allianzen zu flechten, Koopera­tionen und Partnerschaften einzugehen, Netzwerke zu knüpfen und – rechtzeitig, d.h. bevor es die wirt­schaftlichen Notwendigkeiten erfordern – zu fusionieren, statt zu kollabieren.
Wer in selbstherrlicher Egomanie verharrt und auf die Chance lauert, den kleinen Bill Gates in sich zu entdecken (und anderen zu beweisen), dürfte sich bei der sich klar abzeichnenden Entwicklung in der Wirt­schaft und im Gemenge der kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) sehr bald entweder eine blutige Nase holen oder alle guten Vorsätze, ein renommiertes, gut-beleumundetes Unternehmen mit langer Lebensdauer aufzubauen, über den Haufen werfen müssen.

Wer als Führer und Lenker eines KMU in der Zukunft erfolgreich bestehen möchte, wird gut daran tun, frühzeitig Partner ins Boot zu holen, die nach ihrer menschlichen Gesamtkompetenz zu ihm passen. Er wird sich nach finanziellen Partnern umtun, denen es nicht darum geht, sich „ins gemachte Nest“ zu setzen oder den Betrieb wirtschaftlich auszubeuten, sondern sich den Ideen und der Philosophie des Gründers entsprechend zu beteiligen, um gemeinsam erfolgreich zu sein. Ob dies durch direkte Beteiligungen oder etwa durch partiarische Darlehen geschieht, ist dabei nebensächlich.

Genauso sollte es klein- und mittelständischen Unternehmern darum gehen, Partnerschaften mit anderen KMUs aus benachbarten Fachgebieten einzugehen, um die eigene Geschäftsbasis auszubauen, Synergien zu entwickeln und neue (gemeinsame) Geschäftsfelder zu entdecken. Besonders wichtig, interessant und effizient ist es für klein- und mittelständische Unternehmer jedoch, ihre eigene Betriebsstruktur von alten Mustern hierarchischen Denkens und einer vertikal strukturierten Unternehmenskultur abzukoppeln. Die Zukunft gerade der kleinen und mittelständischen Betriebe wird dem partnerschaftlichen Miteinander-Arbeiten gleichwertig nebeneinander stehender Partner, schlanker, effizienter Strukturen und flacher Hierarchien gehören. Team-Quality ist gefragt, das althergebrachte „Chef-Mitarbeiter“-Verhältnis wird zunehmend abgelöst werden durch Teams, die – auf hohem fachlichem wie menschlichem Niveau – miteinander Projekte abwickeln, Lösungen erarbeiten und dann ebenso gemeinsam den Erfolg der Firma garantieren.

Es hat ja einen Grund, warum große Unternehmen in eingangs beschriebener Weise miteinander Partnerschaften eingehen, Beteiligungen austauschen, joint-ventures eingehen oder fusionieren. Erstaunlich ist, daß kleine und mittelständische Betriebe diesen Trend zumeist noch gar nicht in ihre Überlegungen einbauen und zumeist immer noch in einem Chef-Struktur-Denken verhaftet sind, wofür bereits heute, noch mehr jedoch in naher Zukunft, kein Platz mehr sein wird.

Die ideale Fimenkonstellation als Alternative

Nun mögen Sie nach all dieser pointierten Kritik, die der Zeitnot geschuldet noch viel umfassender ausfallen könnte, die Frage stellen: Wie sähe denn die ideale Firmenkonstellation aus?

Nun, ideal ist für mich eine Firma, die ausschließlich aus Selbständigen besteht. Und bevor Sie nun verschreckt aus dem Saal stürmen: Es gibt eine Aktiengesellschaft in Deutschland, die ausschließlich aus Selbständigen besteht.

Ich darf Ihnen diese Konstellation kurz beschreiben: Alle Partner – Berater, Mitarbeiter im Innendienst, Sekretariat, Buchhaltung und Rechnungswesen – sind ausschließlich Selbständige.

Entscheidungen werden ausschließlich demokratisch gefällt. Hierzu eine kurze Anmerkung: Demokratie verlangt – man lese nach bei Solon und Perikles – zwei Voraussetzungen:

  1. Die demokratisch Abstimmenden müssen umfassend über den Gegenstand informiert sein, über den abgestimmt wird;
  2. die demokratisch Abstimmenden müssen vom Ergebnis der Abstimmung, egal wie sie ausfällt, unmittelbar betroffen sein.

Daraus ergibt sich jedoch logisch, daß Demokratie immer nur eine lokale, bestenfalls regionale Veranstaltung sein kann. Und hieraus ergibt sich wiederum (ebenso logisch), daß wir de facto keine einzige nationale Demokratie auf diesem Planeten haben.

Nun, in dieser Firma funktioniert das demokratische Prinzip tatsächlich – jeder Mitarbeiter hat eine Stimme –, und ebenso logisch ist, daß der jährlich erarbeitete Gewinn unter all den Partnern, die zu dessen Erarbeitung beigetragen haben, verteilt wird.

Der Inhaber eines klei­nen oder mittelständischen Betriebes sollte seinen Mitarbeitern ständig in verständlicher und offener Weise darlegen, wie es um die Firma insgesamt (und damit um ihre Arbeitsplätze) bestellt ist; Stichwort: Kompetenz durch Transparenz.

Darüber hinaus können auch Bonussysteme Gewinnbeteiligung, Gruppen-Unfall­versicherungen, betriebliche Altersversorgung u.v.m.) für diejenigen Mitarbeiter angeboten werden, die sich – aus einem Neuen Denken heraus – für den Betrieb „mit-verantwortlich“ fühlen und zeigen.

Je mehr die Mitarbeiter in der Lage und bereit sind, Mit-Verantwortung zu übernehmen, desto eher werden sie eigene Ideen entwickeln und in die gemeinsamen Besprechungen einbringen.

a) Vorteile für die Mitarbeiter

  1. Sie werden nicht nach dem Durchschnittsprinzip entlohnt (was die weniger Fleißigen begünstigt und die Einsatzfreudigen benachteiligt), vielmehr wird ihre individuelle Leistung, Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit auch individuell gewürdigt und finanziell entlohnt.
  • Der nunmehr selbständige Mitarbeiter muß nicht mehr ins schwarze „Grab“ der „Sozial“abgaben
    monatlich horrende Beträge einzahlen, er sichert sich stattdessen – und dies bedeutend effektiver und billiger – auf privater Basis gegen Invalidität, Berufs-/Erwerbsunfähigkeit, Krankheit sowie für das Alter ab.
  • Er kann über ein Bonussystem auch am wirtschaftlichen Erfolg der Firma, für den er als Selbständiger natürlich in ganz anderem Maße mit-verantwortlich ist, beteiligt werden.
  • Er wird buchstäblich zum Mit-Unternehmer.
  • Daß die Kommunikation unter gleichwertigen Partnern, die als Selbständige natürlich nicht mehr in der typischen vertikalen Hierarchie-Ebene miteinander verkehren, eine wesentlich konstruktivere ist, steht wohl außer Frage. Im Betrieb wird nicht mehr hierarchisch gedacht, sondern partner­schaftlich miteinander kommuniziert und gearbeitet.

b) Vorteile für den Arbeitgeber

    1. Der Arbeitgeber wird nicht etwa seiner Rechte enthoben, sondern er sieht an seiner Seite nunmehr mit-denkende, mit-verantwortliche und selbständig denkende und handelnde Partner.
  • Er trägt zwar weiterhin das wirtschaftliche und juristische Risiko für das Bestehen und Fortkommen des Betriebes, gleichzeitig empfinden sich aber auch seine Partner als mit-verantwortlich. Sie sind natürlich auch an einem Ausbau des Betriebes, an
    seiner Konkurrenzfähigkeit und an seinem Erfolg unmittelbar interessiert – weil beteiligt.
  • Auch der Betrieb spart sich selbstverständlich die „Sozial“abgaben. Wenn es dem Betrieb aber um eine ehrliche Partnerschaft zu tun ist, wird der Inhaber die derart gesparten Sozialabgaben auf die künftig zu zahlenden Stundenhonorare umrechnen. Der Erfolg: Der Betrieb spart zwar de facto kein Geld, durch die bessere Entlohnung seiner Mitarbeiter werden diese jedoch ein vivides Inter­esse am unmittelbaren Erfolg der Firma zeigen. Etwas Besseres kann dem Inhaber eines Betriebes überhaupt nicht passieren.

Daß diese völlig neue Art der Zusammenarbeit sich nicht nur in einer deutlich besseren Kommunikation nach innen niederschlägt, sondern diese Veränderungen auch nach außen – gegenüber Kunden, Klienten und Mandanten – abstrahlen, ist selbstverständlich. Damit öffnet sich der Betrieb insgesamt auch nach außen in einer Art und Weise, die dem Betrieb mehr Attraktivität für die Bezieher seiner Leistungen bietet.

Fazit : Aus hierarchisch über- und untereinander positionierten Mitarbeitern innerhalb eines Firmen­körpers werden nunmehr als gleichwertig nebeneinander stehende und in eben dieser Gleichwertigkeit miteinander kommunizierende Partner. Diese gänzlich andere Interessenslage führt dann zu einem wesentlich konstruktiveren und effektiveren Miteinanderverbunden-sein – also zu dem, was ich global als Partner-Netzwerk bezeichne.

Daß neben den rein funktionalen Elementen auch gewisse steuerliche und rechtliche Momente bedacht werden müssen, ist klar. Wenn jedoch der grundsätzliche Konsens über diese neue Form der Zusam­menarbeit zwischen den Partnern innerhalb eines Betriebes besteht, sind die berufsspezifischen, steuer­lichen und rechtlichen Probleme in nahezu jedem Fall lösbar.

Auf der Hand liegt, daß diejenigen Betriebe die größte Überlebenschance haben, deren Mitarbeiter die „Zeichen der Zeit“ zu deuten lernen und bereit sind, in einer sich völlig (und rasant) verändernden Berufswelt sich auch neuen Aufgaben zu stellen, andere Denkweisen zu entwickeln und sich anders gearteten Formen der Zusammenarbeit zu befleißigen.

Je offener die Kommunikation im Betrieb wird, desto eher werden die Mitarbeiter auch Verständnis dafür entwickeln, daß sie sich nicht nur als Angestellte bequem und risikolos zurücklehnen können – nach dem Motto: Der Chef wird es schon selbst richten!

Wer hierzu Näheres wissen möchte, kann mich gerne darauf ansprechen, denn dieses Prinzip ist natürlich auch in GmbHs und anderen Gesellschaftsformen verwirklichbar.

Selbständigkeit hat in erheblichem Maße mit Freiheit und Eigenverantwortlichkeit zu tun, aus der dann ein beileibe nicht auf materielle Güter beschränkter Reichtum erwächst. Und, um das Maß voll zu machen, gebe ich Ihnen gerne meine ganz persönliche Definition von Freiheit und Reichtum:

Frei ist der, der sich in seinem DenkFühlHandeln durch nichts und niemanden von seiner ethischen Grundhaltung abbringen läßt; er ist unabhängig, nicht korrumpierbar und authentisch.

Reich ist derjenige, der sich körperlich, geistig und seelisch ein Höchstmaß an Lebensfreude, Interesse und Neugier leistet und damit seine Lebenszeit zu füllen vermag.

Mit anderen Worten: Je größer die Vielzahl der Interessen ist, desto intensiver können wir – unter vollem Einsatz unseres Intellekts, natürlicher Emotionalität und unserer physischen Möglichkeiten – die uns geschenkten Jahr(zehnt)e nutzen, leben und erleben.

Und noch ein letzter Tip: Besorgen Sie sich, wenn Sie es nicht ohnehin schon gelesen haben, das Buch „Die Deutschlandakte“ von Prof. Hans-Herbert von Arnim aus dem Bertelsmann Verlag. Hans-Herbert von Arnim beschreibt darin unaufgeregt, aber kristallklar den Zustand unserer Republik – Sie sehen, ich vermeide bewußt den irreführenden Begriff „Demokratie“. So sehr ich Herrn Gauck dem konturlosen Parteistrategen Wulff vorziehe, dieser Hans-Herbert von Arnim wäre für mich auch der ideale Kandidat für die Wahl zum Bundespräsidenten gewesen. Aber das ist ein gänzlich anderes Thema.

Mir bleibt nur noch, Ihnen als Selbständigen und damit als Minderheit in diesem Lande ein gutes Gelingen Ihres Bundeskongresses zu wünschen und für Ihre Aufmerksamkeit zu danken.

H.-W. Graf

Bei weitergehendem Interesse anempfohlen:

PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.

www.d-perspektive.de

Hier im Besonderen: Grundsatzkonzept, Demokratie- und Rechtskonzept,

Steuer-, Wirtschafts- und Sozialkonzept, Gesundheits- und Bildungskonzept:
zu den Konzepten

Bundesverband für freie Kammern e.V.

www.bffk.de

Anthropos e.V. – Für die Kinder dieser Welt

www.anthropos-ev.de

„Souveränität als Lebensmaxime“

Artikel im zeitreport-online

„Die Macht der Information“
Artikel im zeitreport-online

Buch: “Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens”

Literatur-Empfehlungen und
Für Sie gelesen – Rezension

17. Mai 2010

Ende oder Anfang?

17. Mai 2010|Gesellschaft, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Ende oder Anfang?

Die Frage aller Fragen: Ist der Lauf der Dinge noch aufzuhalten? Ist das unerbittliche Gesetz von Ursache und Wirkung noch zu durchbrechen? Oder ist der point of no return in Richtung Ende dieser Zivilisation bereits überschritten?

Die jüngste Vergangenheit folgte einer jedermann ersichtlichen Logik und Konsequenz. Auch die nahe Zukunft birgt kaum Geheimnisse.

Die hundertfünfzig Wissenschaftler, die die UNO beauftragte, herauszufinden, wohin sich das Leben auf der Erde entwickelt (Millennium Projekt), ermittelten als wahrscheinlichsten Verlauf, daß es zum Krieg der Benachteiligten gegen die Bevorzugten käme, der am Ende mit allen verfügbaren Mitteln geführt werde.

Viele nahmen an, daß die hungernden Massen aus dem Süden sich aufmachen würden, um sich an den Fleischtöpfen im Norden zu laben. Doch davor bewahrt die Satten, daß sich mit leerem Bauch schlecht marschieren läßt. Obendrein erweisen sich für die Afrikaner die Sahara und das Mittelmeer als schwer zu überwindende Hindernisse.

Vielleicht hätte man erahnen können, daß der Funke im Zentrum des Hochmuts entfacht werden würde. Durchaus zu erwarten dagegen war, daß ihn nicht die Ohnmächtigen zünden würden, sondern die gegen Ungerechtigkeit aufbegehrenden, in ihrem Stolz verletzten Potenteren, Leute mit Geld und Macht – die gefährlichere Variante.

Die Militärmaschine jedenfalls geriet schon mal in Bewegung, vorerst mit gebremstem Schaum und auf die geringste Gegenwehr gerichtet.

Der weitere Verlauf war etwas weniger ersichtlich, aber durchaus folgerichtig. Der anhaltende Krieg erzeugte Kosten, die sich am Ende auf die Kaufkraft des kleinen Mannes niederschlugen. Massenweise platzten Kredite, die die Bürger aufgenommen hatten. Und für die Immobilien, die sie den Banken als Pfand übereignet hatten, gab es niemanden mehr, der sie kaufen konnte. Das stieß die Geldhäuser in den Ruin.

Anschließend rächte sich eine weitere Machenschaft der Staaten. Sie veranlassen Unternehmen und Betriebe, sich nicht mehr über Rücklagen zu finanzieren, sondern über Kredite. Denn Guthaben sind zu versteuern, Schulden dagegen, zumindest deren Zinsen, lassen sich von der Steuer absetzen. Das führt dazu, daß ohne Kredite die Bänder still stehen. Die Banken sind in den Stand der „Systemrelevanz“ erhoben.

Als Folge dieses Tatbestands konnten die Staaten nicht, wie es der Markt verlangt hätte, die Banken auf ihren faulen Papieren sitzen und das Zeitliche segnen lassen.

Die Staaten indessen leben schon seit Jahren über ihre Verhältnisse, weil jede Regierung die andere durch Wohltaten zu übertrumpfen trachtet. An die nächste Generation, die neben den horrenden Schulden noch in Gang gesetzte Umweltprobleme und verknappte Ressourcen zu bewältigen hätte, denkt niemand.

Jedenfalls war für die Bankenrettung kein Geld da. Die Staaten steigerten ihre Schulden ins Unermeßliche.

Doch wie ein Wink des Schicksals tut sich plötzlich eine Chance auf, das Blatt zu wenden, der tödlichen Unerbittlichkeit zu entkommen.

Beileibe nicht als erster, aber doch auf eine sehr spektakuläre Weise gerät der griechische Staat in die Pleite. Weil es um ihre Währung geht, springen ihm die anderen Staaten zur Seite. Und der Staat selbst legt sich ein knallenges Sparkorsett an. Gleichwohl ist jedermann klar, daß hier der vergebliche Versuch unternommen wird, am Leben zu erhalten, was längst gestorben ist – nochmals enorm kostenträchtig.

Und weil es diesmal nicht nur einen Staat, sondern sie alle trifft, erfolgt das verzweifelte Bemühen, den Markt durch Luftbuchungen (die Bereitstellung von 750 nicht vorhandenen und nicht zu bekommenden Milliarden) zu beruhigen.

Seit langem ist allen klugen Zeitgenossen bewußt, daß die Staaten das Verhängnis der Menschheit sind. Doch sie auf friedliche Weise abzuschaffen, türmte sich als unüberwindliche Schwierigkeit auf. Und nun serviert der Ablauf des Geschehens unverhofft einen Staat, der sich in besonderer Weise ins Aus manövriert hat.

Dazu trifft es die Griechen, ein freiheitsliebendes Volk. Ihre Vorfahren, Solon, Kleistenes, Perikles haben den Gedanken der Freiheit in die Welt gesetzt.

Was ist geboten? Die Griechen müssen in ihrem Verlangen nach Beseitigung dessen, was Sitte und Moral verdirbt, was die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer macht, bestärkt werden. In ihnen ist das Zutrauen zu wecken, ihr Geschick in die eigene Hand zu nehmen. Sie sind zu warnen vor allen Verführern, Bevormundern, Wohltätern. Sie sollten lediglich dafür sorgen, daß ihr Staat ordnungsgemäß abgewickelt wird.

Was dagegen geschehen wird, wenn diese Chance ungenutzt bleibt, gibt keine Rätsel auf.

Die Staaten profitieren gegenwärtig vom künstlich erzeugten niedrigen Zinsniveau. Doch auch Zentralbanken können dauerhaft nicht von Luft und Liebe leben. Zu erwarten ist, daß sie sich noch in diesem Jahr zur Erhöhung des Leitzinses gezwungen sehen werden. Das bürdet den Staaten nochmals gewaltige Lasten auf (Deutschland allein müßte, sollte der Zinssatz nur um einen Prozentpunkt heraufgesetzt werden, noch in diesem Jahr weitere neun Milliarden Euro an Zinsen zahlen, in den Folgejahren noch mehr).

Noch verhängnisvoller aber dürfte sich auswirken, was sich für 2011 abzeichnet. In jenem Jahr beginnend werden Geschäftsimmobilienkredite fällig, von denen schon jetzt als erwiesen gilt, daß die Mehrheit von ihnen nicht abgegolten werden können. Der Umfang könnte, Analysten zufolge, dem der kürzlich geplatzten Wohnimmobilienkredite nicht nachstehen.

Es bedarf der aufgeschreckten Fachleute nicht, um zu wissen, daß damit die Staaten am Ende sind. Sie werden versuchen, sich der Ersparnisse ihrer Bürger zu bemächtigen über eine Währungsreform. Ob sie dafür aber deren Duldung erhalten, zumal eine Menge Arbeitsplätze verloren gegangen sein dürften, ist sehr die Frage. Aufruhr von links und rechts, Mord und Totschlag, Mogadischu in Paris und Berlin. Wer das in Rechnung stellt, könnte von dem Ablauf des Geschehens bestätigt werden.

Wie dem auch sei, Ereignisse wie die zu erwartenden haben erfahrungsgemäß – Gegenargumente finden nun keine Gefolgschaft mehr – den Ruf nach einem „starken Staat“ im Gefolge. Und wenn diese Denkart auf die schwindenden Ressourcen trifft, entsteht eine Konstellation, die wahrlich nichts Gutes verheißt.

Zurück zur Gegenwart. Der Zug der Zeit, dessen Gleise, vom Obrigkeitsglauben und Machbarkeitswahn vorgezeichnet, ins Ausweglose führen, trifft unverhofft auf eine Weiche. Sie würde eine Fortsetzung der Fahrt nach Vernunft und Maß erlauben. Allerdings muß die Weichenstellung jetzt erfolgen. Denn wenn in Griechenland das Chaos ausgebrochen ist, was nicht lange dauern dürfte, ist an der Reiseroute nichts mehr zu ändern.

Was ist konkret zu tun? Diejenigen, die gehört werden oder die über Publikationsmittel verfügen, müßten in Wort und Schrift den Willen der Griechen bestärken, ihr Geschick selbst in die Hand zu nehmen, sich jedem Gedanken an die Wiederherstellung der Staatlichkeit zu widersetzen. Sie, die Wissenden, sollten sich dafür einsetzen, daß die Konkursmasse und die Lasten des gestorbenen Staates über einen Insolvenzverwalter auf gerechte Weise abgewickelt werden (beispielhaft für die nachfolgenden Staatspleiten). Und sie müßten sich dafür verwenden, daß ihr eigener Staat es unterläßt, wie auch immer in das Geschehen einzugreifen.

Die Auffassung, das hier Ausgeführte verspreche keinen Erfolg, entlarvt sich selbst als vordergründig. Denn angesichts der absehbaren Alternative kann es keinen Zweifel geben, daß es unverantwortlich wäre, den Versuch zu unterlassen.

Wenn je hohe Anforderungen an Vernunft und Verantwortung der Eliten gestellt werden durften, jetzt ist der Zeitpunkt, sie abzurufen.

Karl-August Hansen