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27. Dezember 2016

Jeder Terror ist ein Akt gegen die Menschlichkeit.

27. Dezember 2016|Gesellschaft|Kommentare deaktiviert für Jeder Terror ist ein Akt gegen die Menschlichkeit.

Um es gleich vorwegzunehmen: Weder die Vereinigten Staaten von Amerika, noch sonst ein Staat, ein Volk oder eine Nation haben ‚den Terror’ oder ‚Terrorismus’ erfunden. Vielmehr leitet sich der Begriff ethymologisch vom lateinischen ‚terror’ (dtsch.: Angst, Schrecken) ab, mithilfe dessen Anwendung ggü. Dritten man zu erzwingen sucht, was man auf zivilisiertem Wege – durch Verhandlung, Überzeugung, Tausch – nicht zu erreichen vermag. Daraus darf grundsätzlich abgeleitet werden: Terror ist per se ein Akt der Hilflosigkeit, also ein eklatanter Beweis von Schwäche. Dabei ist Terror, den einer (als Einzelner wie auch als Gruppe/Staat) gegen einen anderen ausübt, beileibe nicht auf physische Gewalt beschränkt, vielmehr bedient sich der Terror Ausübende fallweise körperlicher (als Staat eben z.B. militärischer), aber auch emotionaler Mittel, der Androhung von unliebsamen Folgen und Strafen, um sein Ziel ggf. auch per Zwang durchzusetzen. Ob also ein Mensch dem anderen Gewalt androht, um dessen Brieftasche zu ergattern, oder George W. Bush dem Iran mit ‚ernsten Konsequenzen’ droht (für den Fall, daß dieser sein Atompropramm nicht aufgibt), ist prinzipiell dasselbe. Aber auch der Vater, der mit Prügeln sein Kind ‚zur Räson’ zu bringen versucht oder mit Essensentzug droht, übt damit Terror auf den mutmaßlich Schwächeren aus. Zumeist verkannt (zumindest jedoch unterschätzt) wird aber, daß auch die Inaussichtstellung von Ausgrenzung aus einer Gemeinschaft, deren Zugehörigkeit und Schutz man sucht, beim davon Betroffenen Ängste auslösen kann. Dieses Mittels – Liebesentzug, Schüren von Verlassenheitsängsten, Verlust des Arbeitsplatzes, etc. – bedienen sich Menschen und Sozialitäten/Sozialgemeinschaften unterschiedlicher Größe und Couleur (Familie, Bürogemeinschaft, Firma, Gewerkschaft, Partei), um den Willen des Individuums zu brechen, die systemische Ordnung aufrechtzuerhalten, Vorschläge (und allzu neue Ideen) abzublocken und drohende Veränderungen, d.h. Abweichungen von der bisher gültigen Norm zu unterbinden. Mit dem Mittel des Terrors versucht also eine Seite, ihren eigenen (vermeintlich bedrohten) Vorteil zu wahren – ohne Rücksicht auf die Interessen des Anderen.

Nun ließe sich einwenden, daß die Bedrohung eines Anderen geradezu ein ‚Naturgesetz’ sei – immerhin droht ein Löwe, dessen Fang sich Hyänen allzu frech nähern, auch mit physischer Gewalt. Dem ist allerdings zu entgegnen, daß ‚naturgebotene Gewalt’ nicht grundsätzlich Terror darstellt; ist nämlich der Hunger des Löwen gestillt – was er den Hyänen übrigens in seiner Körpersprache signalisiert –, kümmert es ihn in keiner Weise, wenn sich dann die Hyänen, die selbst wenig jagdtauglich sind, am Rest der Beute schadlos halten. Will sagen: Nicht jede Form der Gewaltanwendung ist eo ipso Terror; hingegen ist jede Art von Terror mit Gewalt verbunden, auch wenn diese nur theoretisch angewandt, also in Aussicht gestellt wird.

Hinzu kommt bei der Frage, wann Gewalt angebracht ist, ein nicht unerhebliches Unterscheidungsmerkmal: Das menschliche Gehirn, was uns (zumindest theoretisch) in die Lage versetzt, unsere Rechte als Individuum nicht nur mit Gewalt durchzusetzen, vor allem aber niemals mit jedweden Mitteln des Terrors.

Mit anderen Worten: Die Verteidigung eigener Rechte mag zwar mitunter den Einsatz von Gewalt bedingen, zum Terror wird Gewalt aber erst, indem ich die (Verteidigungs-)Rechte eines Dritten mißachte und ihn zur Aufgabe dieser Rechte zu zwingen versuche, um daraus einen zusätzlichen Gewinn/Vorteil zu ziehen.

Ein weiterer Aspekt: Terror entspringt einem Mangel an Intelligenz (im Sinne der Unfähigkeit des Ersinnens eines alternativen Vorgehens). Wer Terror ausübt, ist entweder zu bequem oder geistig nicht dazu in der Lage, ein Ziel zu erreichen. Dementsprechend setzt er eigene Überlegenheit ein, um mittels Terror etwas zu erzwingen – z.B. per körperlicher Überlegenheit (als Räuber oder gar als Vergewaltiger) –, was ihm auf freiwilliger Basis verwehrt und verweigert würde. So würde ein mutiger, selbstbewußter Mann niemals zum Vergewaltiger; entweder er geht einen fairen Tauschhandel ein und zahlt für einen Bordellbesuch, oder er arbeitet an seiner Sozialkompetenz und Kommunikabilität, um sich dem Ziel seiner Begehrlichkeit freudvoll nähern zu dürfen – ohne Einsatz von Terror und unter Wahrung und Achtung der Rechte des anderen Individuums. Auf die psychologischen Aspekte und die psychopathologischen Hintergründe des Einsatzes von Terror komme ich im weiteren noch zu sprechen.

Aber auch den Eltern, die dem seine individuellen Grenzen ausforschenden (und dabei Vater und Mutter manchmal auf die Nerven gehenden) Kind mit strafbewehrter Befehlsgewalt begegnen, weil dies bequemer ist, als Erklärungen zu liefern, lösen damit bei ihrem Kind Angst und Schrecken (eben Terror) aus. Ein Verständnis um Zusammenhänge, ein sinnstiftender Lerneffekt dergestalt, daß das Kind den Sinn eines Verbots oder eines alternativen Verhaltens erkennt und bejaht, kann nur aus Erklärungen resultieren, die aber eben Zeit und ein kindgerechtes Heranführen an Probleme verlangen und voraussetzen. Zwar muß sich das Kind – physisch unterlegen und materiell wie auch seelisch völlig abhängig – dem ‚Recht des Stärkeren’ (und dessen Terror) beugen, aber tief in seiner Seele reißt dies eine Wunde, die ohne nachgereichte Erklärung nie ganz verheilt und deren Narben irgendwann wieder aufzubrechen drohen – dann nämlich, wenn dieses Kind selbst zum Stärkeren heranreift und dann mit den gleichen Mitteln gegen Andere (dann Schwächere) vorgeht, die es selbst zu spüren bekommen hat.

Und jetzt kommen wir auf den Kern des Übels ‚Terror’ – nämlich die Frage: Wodurch wird der Mensch eigentlich zum Terroristen, wo es sich dabei doch ganz offensichtlich um ein Verhaltensmuster handelt, was weder (im ursprünglichen Sinne des Wortes) natürlich ist, noch um ein Mittel, was geeignet ist, Probleme auf Dauer zu lösen?

Terror definiert sich als die Summe der fiktiven (Schmerz-, Versagens- und Verlust-)Ängste, die bereits während der Primärsozialisation in uns verankert werden. Sofern diese eingebildeten/fiktiven Ängste nicht mit Erklärungen unterfüttert und aufgelöst werden, erleben wir sie passiv auch in den nächsthöheren Sozialitäten, in die wir als Jugendliche und später als Erwachsene hineinwachsen, und verwenden sie aktiv gegenüber Dritten, um Anderen unseren Willen und unsere Überzeugungen aufzuzwingen. Damit verstoßen wir aber gegen jede natürliche Menschlichkeit und unser grundlegendes Ethos, egal, wodurch die Anwendung von Terror unter moralischen Gesichtspunkten (Staat, Religion, Political Correctness, etc.) scheinbar gerechtfertigt wird.

Wie bereits erwähnt, ist die Anwendung von Terror keine natürliche Verhaltensweise; ausschließlich der Mensch bedient sich des Terrors als Mittel zum Zweck zur Erzielung eines Vorteils, und dies unter bewußter Mißachtung der Rechte eines Dritten.

Nun hat die Bewußtheit von Terror in unserem Leben eine lange Tradition. Sie geht zurück bis in unsere Kindertage, also in das Stadium der Primärsozialisation – in der kleinsten Sozialität, die wir als Familie bezeichnen. Terror, respektive die Angst davor, Terror erleiden zu müssen, sich in seiner Klein- und Schwachheit terrorisiert zu fühlen und diesem Terror ausgesetzt zu sein, ohne sich wehren zu können, stellt eines der traumatischsten Erlebnisse in unserer Kindheit dar. Und hier läßt sich an einem guten Beispiel erklären, was der Unterschied zwischen (natürlichem) Erschrecken und (widernatürlichem) Terror bedeutet: Jedem Kind flößen bestimmte Ereignisse – lautes Türenschlagen, Blitz und Donner, das wütende Bellen eines Hundes – Schreck ein. Erhält es dafür eine Erklärung vonseiten der Eltern, kann es diesen Schrecken verarbeiten – ohne seelische Narben, eben weil es verstanden hat, was ihn erschreckt hat. Wird das Kind jedoch erklärungslos mit diesem Schrecken alleine gelassen oder das schreckeinflößende Moment sogar als drohende Strafe mißbraucht, so führt genau diese Bedrohung zu einer Verankerung des Schreckens – aus einem natürlichen Ereignis wird eine latente Bedrohung; ein natürliches Erschrecken erweitert sich zu einer ständig im Hinterkopf gehaltenen fiktiven Angst.

Nicht selten benutzen Eltern derartige Schreckmomente, um allzu temperamentvolle und kreative Kinder zur Raison zu rufen, ohne dabei zu bedenken, welchen enormen Schaden sie damit anrichten können.

In gleicher Weise wirkt die ständige Bedrohung des Kindes vonseiten der Eltern mit Prügeln, Essens- und Schlafentzug, Stubenarrest in einem dunklen Zimmer sowie die strikte Verweigerung des Miteinander-Sprechens, der Zuwendung von Liebe und menschlicher Wärme verheerend; die Angst vor diesen physischen und emotionalen Schmerzen kann tiefe Wunden in die noch junge Seele reißen, und wie bei einer Wunde, die nicht sorgsam gepflegt wird und deshalb narbenlos heilen kann, wirkt die ständig wiederkehrende Bedrohung dann auch zunehmend als dauerhafte Angst (wenn auch nur fiktive) – eben als Terror.

Eine von derartigen Momenten der Angst durchwirkte Erziehung mag zwar für die Eltern den Vorteil haben, daß sich das Kind bequemer kontrollieren und disziplinieren läßt, die Eltern legen damit aber den Grundstein dafür, daß ihr Kind ein Angsthase, Duckmäuser und Feigling wird, sich selbst einer an sich natürlichen Kreativität und Neugier enthält und später zum angepaßten Mitläufer wird. Darüber hinaus entwickelt sich damit eine ‚Terroranfälligkeit’, die das Kind im späteren Erwachsenenleben auch leichter zum Opfer anderer Terrorismen werden läßt. Alternativ lernt und übernimmt das Kind aber auch diese Mechanismen, um sie seinerseits im späteren Leben einzusetzen.

So ganz nebenbei erfährt das Kind, während es in die zweite Stufe der Sozialität (erweiterter Familienkreis, Nachbarschaft) hineinwächst, daß derart dauerhaft verankerte Ängste anscheinend irgendwie zum Leben dazugehören. Es erlebt die Angst der Älteren vor Krankheit und Arbeitslosigkeit, Unfällen und Überfällen, Krieg und Tod; das Moment des Erschreckens und Erschrecktwerdens gewinnt an Permanenz. Nach und nach gräbt sich ins Bewußtsein des Kindes/Jugendlichen die Überzeugung ein, daß das Leben insgesamt eine Aufeinanderfolge von Gefahren, Bedrohungen und schmerzvollen Augenblicken ist. Die eigentlich natürliche und unser Werden und Wachsen stimulierende Welt verdichtet und verdunkelt sich zunehmend zu einer permanenten Gefahrenzone.

Unter pädagogisch wertvoller Observation nehmen dies die Eltern wahr und können durch Gespräche, vor allem aber durch ein positives Vorleben, dem Kind früh- und rechtzeitig die aufkeimende ‚Angst vor dem Leben’ nehmen. Sind jedoch die Eltern mit ihren eigenen Ängsten zu sehr beschäftigt, und machen sie sich das Leben als Eltern allzu einfach, so fehlt ihnen der Blick für diesen pädagogisch wichtigen Aspekt der Erziehung. Sie verkennen dabei aber, daß gerade in der frühesten Kindheit dem kleinen Spatzen noch jede Möglichkeit fehlt, sich intellektuell und emotional mit diesen Bedrohungen auseinanderzusetzen. Gerade kleine Kinder ahmen instinktiv erst einmal das nach, was ihnen die Umwelt vorlebt. Insbesondere die Eltern, die frühesten Bezugspersonen des Kindes, spielen dabei die entscheidende Schlüsselrolle. Hinzu kommen weitere, dieses Problem nährende, tagtäglich erlebte Einflüsse aus den Medien – Kriegs-/Horrorfilme, tägliche, von Gewalt strotzende Berichte, Killerspiele.

Ob und in welchem Maße ein Kind als ängstlich und verschüchtert in seine Jugendzeit hineinwächst oder bereits als Kind lernt, mit Interesse, Neugier und Lebensfreude ins Leben zu stapfen, entscheidet sich daher in der frühesten Kindheit.

Verängstigte Kinder werden zu verängstigten Jugendlichen. Sie setzen damit das Erbe ihrer Kindheit und deren Inhalte fort. Ein mit gesunder Lebensfreude und einem natürlichen Umgang mit den Vor- und Nachteilen unterschiedlicher Verhaltensweisen ausgerüstetes Kind wird auch als Jugendlicher weniger schnell zum Opfer von Terror und Einschüchterung. Sein natürliches Warnsystem wird es Gefahren schneller erkennen lassen und es wird lernen, diesen eher auszuweichen, als daß es zum naiven Opfer von Cliquen und schlechtem Umgang wird. Ein in der Kindheit nicht mißbrauchtes, sondern genährtes Vertrauen wird das Kind auch als Jugendlichen dazu befähigen, sich mit Neuem interessiert, aber auch kritisch auseinanderzusetzen. Es wird sich in natürlicher Homogenität in die nächstgrößeren Sozialitäten (Schule, kommunales Umfeld und Beruf) hineinarbeiten, über neue Eindrücke und Erlebnisse reflektieren und kommunizieren, Gemeinsamkeiten wie auch Widersprüche entdecken und angstfrei bewältigen.

Natürlich wird es auch Krankheiten und Unfälle als nicht zu vermeidende Geschehnisse im Leben begreifen – aber eben angstfrei. Es wird Mitgefühl mit davon Betroffenen empfinden, aber nicht in Mitleid verfallen und eigene, tief in der eigenen Erinnerung vergrabene Ängste wiederentdecken und davor erschrecken. Es wird Vorsicht walten lassen, nicht hingegen überängstlich an Neues, Unbekanntes herangehen. Und es wird sich seine natürliche Neugier, sein Interesse an Andersartigkeiten, fremden Kulturen und Lebensformen bewahren und diese suchen, näher kennenzulernen und zu verstehen.

Fazit I: In unserer Kindheit werden also bereits die Weichen dafür gestellt, ob wir im späteren Leben mit Vorurteilen und Ressentiments an uns später begegnende Unterschiedlichkeiten in der Berufs- und Lebenswelt herangehen, oder diese mit hohem Interesse und natürlicher Neugier zu erfahren versuchen. In gleicher Weise wird aber schon in der Kindheit festgelegt, ob wir uns leicht erschrecken und ins Bockshorn jagen lassen. Ein von Terror unbelastetes Kind wird später aber auch nicht selbst zum Mittel des Terrors greifen, um sich damit einen Vorteil zu ergattern, den es auf andere Weise glaubt, nicht erzielen zu können.

Religiös und staatlich organisierter Terror

Die vorsätzliche Ausnutzung von fiktiven Ängsten ist jedoch beileibe nicht auf die Beziehung einzelner Menschen miteinander beschränkt; auch Organisationen bedienen sich fiktiver Ängste der Menschen, um diese möglichst umfassend und effektiv in ihrem DenkFühlHandeln unter Kuratel zu bringen und zu halten.

So lebt jede Religion davon, ihre Mitglieder (und potentielle neue) einerseits in einen Kranz von Lebens- und Verhaltensvorschriften für möglichst alle Belange des Lebens einzubinden und andererseits einen Katalog von Versprechungen für den Fall anzubieten, daß diese Regeln eingehalten werden, bzw. eine Liste von Drohungen parat zu halten, die denjenigen terrorisiert, der gegen diese “göttlichen” Verbote verstößt. Genau hieraus generieren die Religionen ihre Macht und ihren Einfluß. Ihr Fußvolk – hierarchisch sorgsam geordnet und trainiert wie ein Strukturvertrieb – spielt dabei perfekt auf dieser Klaviatur subtiler Ängste (Krankheit, Seuchen, Hunger, Tod, vor allem jedoch mit der Inaussichtstellung auf “ewige Qual ohne Erlösung” im Jenseits, auf dessen genauen Beschrieb sie gleich noch einen Alleinwissensanspruch erheben). Gleichzeitig offerieren sich diese Statthalter des jeweiligen Gottes als benevolente Vermittler für ein freudvolles Lebens und ewige postmortale Glückseligkeit. Einzige Bedingung dafür ist die widerspruchslose Akzeptanz ihres Regelkatalogs, der selbstredend göttlichen Ursprungs ist und in jeweils recht kreativer Weise seinen Weg zu uns Menschen gefunden hat.

Mithilfe dieser Drohkulisse, eines Katalogs von Strafen und Belohnungen festigt die jeweilige Religion ihre Systemik, hält ihre Mitglieder bei der Stange und genießt – insbesondere in Deutschland – ihre Privilegien. Das System selbst fußt also auf einer jeder Aufklärung spottenden, sich jeder Überprüfbarkeit verweigernden Desinformation – eben mithilfe des an die emotionalen Ängste appellierenden Terrors. Und da wir per se “allzumal Sünder” sind, verstößt Jeder täglich mehrmals gegen “göttliches Gebot”. Alleine dieser Satz grenzt mutmaßlich an Häresie und dürfte dem Autor postmortal Dekaden an Dunkelhaft bei Schwefeldampf und sonstiger Unbill einbringen.

Im Rahmen dieser ideologisch verquasten Terrorsystemik führ(t)en die Religionen – egozentrisch und intolerant gegen jedes andere religiöse Terrorsystem abgegrenzt – Kriege, erober(t)en Länder und ganze Kontinente, saug(t)en die Bevölkerung mit eigenen Steuergesetzen und Abgabenverpflichtungen aus, um ihrerseits ubiquitär Gotteshäuser zu errichten, Statthalter einzusetzen und Reichtümer anzuhäufen. Wo dies opportun war, arrangierten sich die Religionen problemarm mit Despoten und Diktatoren, Fürsten und Kaisern, heutzutage mit Staatsformen aller Couleur, deren Waffen sie segnen, Heere begleiten und Gesetze sanktionieren; kein Wunder, daß weltliche Potentaten immer auch die Nähe zur jeweils stärksten Religion suchten, um ihre Macht durch deren Placet auch göttlich abgesichert zu sehen. Wer sich diesem Gesetz widersetzte, verlor binnen kurzem auch seine Macht. Staat und Religion war also aus wechselseitigen Interessen stets an einem beiden Seiten dienlichen Miteinander in höchstem Maße gelegen.

Dem sakralen Terror steht der säkulare Terror – früher durch Gottkaiser und Pharaonen, später durch Fürsten und Könige (“von Gottes Gnaden”!), heute durch mehr oder minder undemokratische Regierungen – in nichts nach. Offiziell immer am Wohl des Volkes (“sozial“) und vor religiös fundiertem Hintergrund (“christlich“, “islamisch“, “hinduistisch“) herrscht die jeweilige weltliche Elite mithilfe eines breitfächrigen, möglichst undurchlässig-dichten Gesetzes- und Vorschriftenkatalogs, der einerseits Wohltaten und Sicherheit des Individuums zu sichern und zu garantieren vorgibt, andererseits aber jede Andersartigkeit, jedes Abweichen von einer obrigkeitlich verordneten Systemik mit Argwohn registriert oder unter Strafe zu stellen versucht. Die Enge dieses Gesetzeskatalogs einerseits und der Aufbau von Feindbildern (gegenüber anderen Staaten, inneren Feinden und möglicherweise drohenden Gefahren des Alltags) festigt und sichert die Macht des jeweiligen Staates bzw. der ihn regierenden “Eliten”. Je enger das Netz der Verordnungen und staatlichen Eingriffe und Kontrollen – natürlich alles zum Wohl der Bürgerschaft –, desto verunfreiheitlichter lebt die jeweilige Bevölkerung; man muß es ihr nur entsprechend euphemistisch verkaufen – die Kernaufgabe der jeweiligen Parteien und ihrer Fackelträger.

Darüber hinaus unterhält der Staat ein Millionenheer an Beamten und Bediensteten, Systemträgern der in alle Bereiche des Familien- und Arbeitslebens reichender [öffentlich-(un)rechtlicher] Organisationen – wiederum von unendlicher Fürsorge getrieben –, die nach offizieller Lesart nur dem Schutz der Bevölkerung nach innen und außen sowie dem “sozialen Ausgleich” dienen. In Wahrheit entmündigt der Staat seine BürgerInnen, verunfähigt sie ganz bewußt, ja vorsätzlich, und generiert damit eine – natürlich für viele recht bequeme – Abhängigkeit, mittels derer er seinen Machtanspruch sichert. Hierzu dienen Feindbilder und Drohkulissen aller Art: der böse Nachbarstaat als möglicher Angreifer, die Fährnisse der Umwelt, Krankheiten und alltägliche Gefahren des Lebens, die Folgen ungesunder Lebensführung und ausbeuterischer Arbeitsbedingungen, soziale Ungerechtigkeiten und ein gefährdeter Lebensabend – eine illustre Fülle drohender Momente, die zu begrenzen und zu bezwingen nur dem Staat und seinen willfährigen Bütteln, vor allem aber den Berufspolitikern in ihrer grenzenlosen Weitsicht und Weisheit obliegen kann. Auch diese Subsysteme des Staates bedienen sich des Vorschriften- und Ahndungskatalogs ihres obersten Heerführers, des Gesetzgebers, obgleich dessen “Chef”, die Bürgerschaft als (offiziell) oberster Souverän, dem Gros der Gesetze niemals zustimmen würde. Von Demokratie wird deshalb zwar offiziell und bei jeder sich bietenden Gelegenheit geschwafelt, realiter spielt sie jedoch nicht die mindeste Rolle.

Trefflich in die Hand spielt dem staatlichen System dabei das dichte Geflecht seiner Informationsnetze sowie die Fülle staatlich geführter Mediendienste, die den politischen Kurs, die ‘political correctness’ vorgeben. Sich dem Bevormundungs- und Überwachungsstaat zu versuchen zu entziehen, ist gefährlich, denn auch die Justiz ist alles andere als unabhängig; wer an eine Karriere als Richter oder Staatsanwalt denkt, wähle klugerweise die richtige Parteimitgliedschaft und befolge geflissentlich ‘interne Anweisungen’.

Im Namen der ihm obliegenden (in Wahrheit: hoheitlich angemaßten) Schutzfunktion bestimmt die Führungsclique über Krieg und Frieden, Militäreinsätze oder die Verwendung von Milliarden für Einsätze “befreundeter” Nationen und die Finanzierung von „befreundeten“ Diktatoren (vulgo:Entwicklungshilfe’). Sie verfeinert mit erheblichem Aufwand das staatliche Kontroll- und Überwachungsnetz, erläßt zusätzliche Gesetze und Verordnungen, fördert Systemdienliches und verunfreit, was sich ihr in den Weg stellt. Man müßte wort- und sinntreu von ‘Parteiendemokratur’ sprechen.

Der “Kampf gegen den Terror” ist in Wahrheit nur die systemische Abgrenzung gegenüber anders denkenden Religionen, Staaten und Nationen (die ihrerseits mit weltlichen und religiösen Terrorismen ihre Bevölkerung intellektuell und emotional verdummen und versklaven), ein subtiler Terror des Staates gegenüber der eigenen Bevölkerung, der damit die Kreation neuer Gesetze und Maßnahmen “legitimiert”, die seinen Machterhalt noch weiter zu sichern hilft, die Abhängigkeit der Bevölkerung noch weiter vorantreibt und das Verwaltungs- und Informationsnetz noch dichter werden läßt.

Hieraus wird ersichtlich, welchem Zweck Geheimdienste und unter Verschluß gehaltene Informationen tatsächlich dienen – beileibe nicht der Bevölkerung und deren Schutz, sondern ausschließlich dem Systemerhalt des jeweiligen politischen Klüngels. Spätestens hier entlarvt sich der Staat, respektive seine politische “Elite” selbst – weit jenseits jeglichen Demokratieverständnisses – als gefährlicher Terrorist, bzw. strafrechtlich potentiell als kriminelle Vereinigung.

Fazit II: Terror geht beileibe nicht primär von einzelnen Menschen aus; vielmehr benutzen sakrale wie säkulare Systeme vorsätzlich und filigran organisiert den ganzen Katalog fiktiver (und als real suggerierter) Ängste, um Feindbilder aufzubauen, ihre Macht zu sichern und auszubauen sowie zur Abwehr von jedwie anderem Denken. Religionen und Staaten ist dabei jedes Mittel recht, selbst das der Rechtsbeugung und eines Verfassungsbruchs – notfalls “geheilt” mithilfe von “Notgesetzen”, neuen Verordnungen oder geheim(dienstlich)en Aktivitäten. Hinter jedem Terrorakt, den uns Medien und Politiker als solchen verkaufen, steht eine weltliche oder religiöse Organisation, denn kein Einzelner käme je auf die Idee, einen Staat, eine andere Nation oder eine fremde Religionsgemeinschaft anzugreifen, wenn er nicht zuvor entsprechend desinformiert, manipuliert und emotional wie intellektuell korrumpiert wird. Er verstieße damit nämlich gegen jedes natürliche Ethos.

Terror setzt den “Segen” und ein entsprechendes Lohnversprechen vonseiten einer dahinterstenden systemischen Organisation voraus. Ob es sich dabei um Orden, Titel und Positionen oder ewiges Glück inmitten von Jungfrauen (zum einmaligen Gebrauch) und unsterblichen Ruhm handelt, ist primär ohne Belang. Ob wir uns i.p. Sprache (“political correctness“) und Lebensstil bzw. der Gestaltung unserer Arbeitswelt oder bei den Fragen der Sozial- und Altersvorsorge von einem allgegenwärtigen Staat kujonieren, entmündigen und zunehmend bevormunden lassen, dafür wird der Grundstock bereits in frühester Kindheit und Jugend gelegt.

Aufgabe einer pädagogisch wertvollen Erziehung durch Eltern und Lehrer sollte also sein, selbst auf Terrorismen jeglicher Art zu verzichten und dem Kind/Jugendlichen eine terrorresistente Lebensführung vorzuleben. Nur damit entwickeln Kinder/Jugendliche auch ein feines Gespür dafür, was falsch und echt, manipulativ oder motivatorisch, korruptiv oder kooperativ ist. Nur: Wer lehrt dies erst einmal die Eltern und Erzieher? Etwa unser (wiederum) staatliches “Bildungs”system?!?

Nein, dafür müssen wir schon selbst sorgen – so unbequem und zeitaufwendig dies auch sein mag.

Hans-Wolff Graf

27. Dezember 2016

‚Political Correctness‘ – Meinungsterror!

27. Dezember 2016|Gesellschaft, Kultur und Geschichte, Psychologie|Kommentare deaktiviert für ‚Political Correctness‘ – Meinungsterror!

Wir alle sind (als „Rudeltiere“) darauf hin erzogen, in Harmonie mit unserer Umwelt zu leben, um Konflikte möglichst zu meiden. Der „Preis“ dafür ist, daß wir uns dem Moralcodex – der Summe der Sprach- und Verhaltensmuster – anpassen, die unser Umfeld kennzeichnen. Soweit es sich hierbei um höfliches Benehmen, Eßsitten, etc. handelt, ist dies nur zu begrüßen. In diesem Artikel soll es aber mehr um unsere nach außen gezeigten Verhaltensmuster gehen, die sich in unserer Sprachlichkeit dokumentieren. Angepaßt und bequem lebt demnach, wer sich bestmöglich dem ‚codex generalis‘ unterwirft. Da man damit aber andererseits auch immer ‚unauffälliger‘ wird, versuchen wir, zumindest in Teilbereichen unseres Lebens eine Art ‚Originalität‘ zu entwickeln bzw. zu bewahren, um uns (zumindest partiell) zu unterscheiden, individuell und unverwechselbar zu bleiben. Gerade in der geistig-seelischen Pubertät kommt es deshalb regelmäßig zu Problemen, wenn der heranreifende Jugendliche sein eigenes Profil, seine individuelle Unverwechselbarkeit sucht und zu entwickeln bestrebt ist. Je ruhiger und gelassener Eltern und Umfeld mit Interesse und Verständnis (statt mit Vorschriften, Zwang, Verachtung und Spott, Versagens- und Verlustängsten) darauf reagieren, desto leichter fällt es, Spitzen in dieser Entwicklungsphase zu „glätten“, Übersprungsreaktionen zu vermeiden und dem Jugendlichen zu helfen, einerseits seine Individualität auszuprägen, andererseits den Konnex zu seinem Umfeld (und damit den ‚Boden unter den Füßen‘) nicht zu verlieren [also keine Angst vor Eskapaden – Piercing, grellem Auftritt, pubertärer Sprache, emotionalen Ausbrüchen, etc.]. Beugt sich der pubertätsgebeutelte Jugendliche nämlich dem Anpassungsdruck zu nachhaltig (z.B. durch eine allzu ausgeprägte Angepaßtheit der Eltern), gibt der Jugendliche seine Suche nach individueller Selbständigkeit auf und führt künftig ein unauffälliges Leben in der Masse. Nur in seiner Phantasie und der Pseudo-Realität von Filmen, Trash-TV (‚DSDS‘, ‚Dschungelcamp‘) oder heimlich (z.B. in ‚Swinger-Clubs‘ und SM-Studios), in Fußballstadien, Rockergruppen oder in „offiziellen“ Ausnahmesituationen „Fasching/Karneval“, „Oktoberfest“, etc.) lebt dieser Mensch dann die kärglichen Reste von Individualität aus, die ihm ansonsten probat abtrainiert wurden (bzw. die ihm nie gestattet waren, auszuleben). Manche kommen aus dieser inneren Protestphase für den Rest ihres Lebens nie heraus. Andere suchen dann ihr Heil in sakralen Zirkeln, Religionen und Sekten, exzessiven/rücksichtslosen Karrieren, Risikosportarten oder als Politiker.

Hinter all diesen Verhaltensweisen/-störungen und unterdrückten Individualitätsmustern stecken instinktive Bedürfnisse und damit in Konflikt stehende Versagens– und Verlustängste, die Angst vor Ausgrenzung und Vorwurf, Schuld und Vereinsamung.

Diese individuelle Problematik wird aber zu einer kollektiven Verhaltensstörung, wenn einer Gruppe von Menschen, gar einer Nation, Verhaltens-, Denk- und Sprachmuster übergestülpt werden, die einzig dem Zweck dienen, sie unter Kuratel zu zwingen und kollektive Schuldgefühle aufzubauen – kurz: Abhängigkeiten zu entwickeln und Kontrolle über sie zu erhalten/behalten. Beispielhaft seien hier sämtliche Religionen erwähnt, deren Vorgaben/Gebote kein Mensch zu 100% erfüllen kann (soll er ja auch gar nicht; sonst entzöge er sich dem kollektiven Schuldvorwurf). Aber auch nach Kriegen werden die Sieger jeweils zu Despoten über die Verlierer (Deutschland kann auch nach fast drei Generationen ein „Lied“ davon singen); den Juden werfen stramme Christen bis heute vor, einen gewissen Jesus ans Kreuz genagelt zu haben; die US-Regierung zahlt bis heute Indianern Renten für den Landraub der Weißen. Das ganze Arsenal von Vorurteilen, mit denen praktisch jedes Volk (zumeist von seinen Nachbarvölkern) belastet ist, grenzt ab und aus, kollektiviert die Masse, schafft und bewahrt Feindschaften und gerinnt zu ‚Meinungsterror‘. Sich dem zu entziehen, ist umso schwieriger, je des-individualisierter der Einzelne ist.

All unser berufliches wie auch privates Tun und Handeln wird durch ein gemeinsames Faktum gebündelt – die Sprache. Mittels Sprache erfolgen alle Formen des Austauschs von Gedanken und Gefühlen, Meinungen und Ansichten, Wünschen und Forderungen, Angeboten und Befehlen. Unser gesamtes DenkFühlHandeln versammelt sich in unserer Sprachlichkeit, und insofern ist unsere Sprech-, Schreib- und Körpersprache das einzigartige und wichtigste „Instrument“, mit dem wir den Kontakt zu unserer Umwelt aufbauen und pflegen. Insofern ist leicht nachzuvollziehen, daß unsere Sprache – quasi der Spiegel unseres DenkFühlens – wie ein Ausweis unserer Personalität wirkt, und dementsprechend benutzen wir unsere Sprache: Wenn wir uns in Sicherheit, im familiären Umfeld, unter Freunden oder Gleichgesinnten wähnen, pflegen wir eine offenere Sprache; treffen wir auf Fremde, gehen wir sprachlich vorsichtiger vor (oder haben Scheu, uns überhaupt zu äußern). Ob wir Artikel schreiben oder Vorlesungen/Vorträge halten, Kundengespräche führen, neue Mandanten kennenlernen oder im Urlaub auf Unbekannte stoßen, wir versuchen, uns sprachlich auf die Situation einzustellen. Je selbstsicherer, freier und unverklemmter wir sind, desto autarker und authentischer ist auch unsere Sprache. Natürlich gilt es dabei gewisse Anstaltsregeln einzuhalten, aber unser Wunsch ist eigentlich, ehrlich zu sagen, was wir denkfühlen. Dennoch unterstellen wir uns sprachlich (mündlich wie schriftlich) unbewußt auch der verbalen Korrektheit („political correctness“), um nicht anzuecken, nicht gegen „Tabus“ zu verstoßen, nicht abgelehnt oder ausgegrenzt zu werden – je unsicherer und angepaßter wir sind, desto mehr.

Nicht selten führt diese sprachliche „Kastration“ dann aber auch zu Fehleinschätzungen (von beiden Seiten), Mißverständnissen und (zwangsläufig) späteren Enttäuschungen, wenn aus vormals Fremden allmählich Bekannte oder Freunde werden.

Fazit:Meinungsfreiheit‘ ist ein sehr ambivalenter Begriff. Es gilt, sorgsam zwischen individueller Empfindungswelt, Ansicht und Meinung einerseits sowie kollektiver Haltung andererseits abzuwägen. ‚Meinungsfreiheit‘ kann weder gesetzlich verordnet, noch politisch diktiert werden; sie ist ein individuelles Gut und ein personaler Wert, den sich niemand aufzwingen lassen sollte – man muß sich ja nicht zu allem äußern, zu allem eine Meinung haben. Insofern spiegel z.B. Umfragen zur Meinungsfreiheit zumeist mehr die Ängste der Befragten als eine faktische Entität wider. Ebenso wenig kann der Gesetzgeber eine Meinungs’freiheit‘ garantieren, denn der meisten Menschen ‚Meinung‘ ist ohnehin nicht ihre eigene, sondern der sprachliche Spiegel dessen, was sie als Ansicht von Dritten übernommen haben, denn eine (eigene) MEINung setzt eine intensive Auseinandersetzung mit thematischen Inhalten voraus, und dazu nehmen sich die meisten Menschen ohnehin nicht die Zeit. Deshalb „leihen“ sie sich lieber von Anderen, was sie dann als ihre (eigene) Meinung äußern und vertreten. Keiner muß Angst davor haben, eine (wirklich eigene) Meinung zu vertreten, wenn sie nicht gleichzeitig die Ehre, das Ansehen und die Freiheit eines Dritten verletzt. Gleichwohl gilt es, insofern achtsam mit kollektiven Ängsten/ Befindlichkeiten zu rechnen, denen sich derjenige aussetzt, der sich öffentlich zu brisanten Themen äußert. Hierbei gilt es einerseits, nicht über juristische Tretminen zu stolpern, andererseits aber auch nicht über eigene Ängste, auf Widerstand und Ablehnung zu stoßen – womit wir wieder bei der o.g. Frage angelangt sind, wie sich eine autarke, authentische Persönlichkeit von einer allen genehmen, angepaßten Person unterscheidet.

Hans-Wolff Graf

23. April 2014

Politische Spiegelfechterei

23. April 2014|Gesellschaft, Politik, Sozialpolitik|Kommentare deaktiviert für Politische Spiegelfechterei

Als Reichskanzler Otto von Bismarck 1889 die ‚allgemeine Arbeiter-Rentenversicherung‘ aus der Taufe und zum Gesetz erhob, – übrigens, um damit den „Sozial“demokraten zuvorzukommen – betraf dies nur etwa 20% der Arbeitnehmer, nämlich diejenigen, die‚ schwere körperliche Arbeit zu verrichten‘ hatten. Eine Rente erhielt, wer sein Arbeitsleben gesund* beendete und das 70. Lebensjahr überschritten hatte, wovon nur die wenigsten überhaupt etwas hatten, da nur jeder 10. dieses Alter erreichte; die durchschnittliche Lebenserwartung (ab Geburtsregistrierung nach 48 Stunden) betrug damals knapp 40 Jahre, lag also unter dem heutigen Lebenserwartungs-Standard auf dem afrikanischen Kontinent. Die staatliche Rente wurde damals eigentlich nur als Notgroschen für diejenigen angesehen und eingerichtet, die nicht von Kindern und in ihrer Familie versorgt wurden, sofern sie dieses für damalige Verhältnisse „biblische“ Alter überhaupt erlebten. Folgt man dieser Logik, müßte die gesetzliche Altersrente heute bei deutlich über 100 Jahren liegen, insbesondere vor dem Hintergrund, daß derart harte körperliche Arbeit wie im Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts heute so gut wie überhaupt nicht mehr verrichtet wird. Andererseits spielen in unserer Zeit ganz andere Faktoren dafür eine Rolle, daß Menschen selbst das heutige gesetzliche Rentenalter nur mit Mühe (oder gar nicht) in ihrem angestammten Beruf erleben; die psychische Belastung ist bereits seit Jahrzehnten bedeutend höher einzustufen als die physische.
Dennoch wird vor diesem historischen Hintergrund ein Teil der Absurdität erkennbar, die sich um den Begriff der ‚staatlich garantierten Rentenzahlung‘ rankt, denn diese staatliche Zwangsversicherung beließ es beileibe nicht dabei, für die Ärmsten und wirtschaftlich Schwächsten vorzusorgen, vielmehr überboten sich die „christlichen“ und „sozialen“ Politiker dabei, immer mehr Berufe und Bevölkerungsschichten ins staatliche Rentenkorsett hineinzuzwingen – ungeachtet der Frage, ob sich das Gros der Menschen nicht privat, alleine, persönlicher und preiswerter fürs Alter ver- und absichern könnte. Dabei geriet dieses staatliche Renten-Zwangssystem in ein selbst-verursachtes Dilemma: Immer mehr unterschiedliche Berufe mit völlig unterschiedlichen Ausbildungszeiten und Qualifikationsvoraussetzungen mußten vereinheitlicht und unter gemeinsame Regulatorien subsummiert werden. Hinzu kam, daß viele Berufstätigkeiten und sogar ganze Karrieren nur jeweils kurze Lebensdauern hatten; nur noch weniger als 30% aller Menschen üben heute einen Beruf lebenslang aus – zumeist nicht einmal in dem Beruf, für den sie ein(e) Ausbildung/Studium durchlaufen haben.

Ohne nun allzu tief in die Gesamtproblematik der staatlichen Rentenversicherung einzusteigen, wird aber immerhin klar, wie zwielichtig das politische Gerangel um die Deutungshoheit der politischen Parteien dahingehend ist, wofür der Staat eigentlich aufzukommen hat, was „sozial“ und/oder „gerecht“ ist, wobei Parteien kraft ihres selbst angemaßten Urteilsvermögens, völlig zu Unrecht unterstellter Kompetenz und jenseits dessen, was demokratisch sein könnte, den Bürgern schlicht das Recht verweigern, sich als mündige Verwalter ihres eigenen Lebens zu sehen und zu verstehen.
Politische Spiegelfechterei_1Und ganz besonders haarig wird es, wenn von einem geregelten und eine fachliche Ausbildung verlangenden Arbeitsleben völlig entfremdete Politiker darüber meinen, befinden zu müssen/dürfen, wie Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller im Alter zu versorgen seien, wie lange sie (mindestens) arbeiten und in welchem Beruf sie wieviel mindestens verdienen müßten. Doch diese geradezu atemberaubende Überheblichkeit der Politiker wird heute von kaum einem Wähler überhaupt noch hinterfragt, geschweige denn brüsk abgelehnt. Das Gefühl, für das eigene Leben auch eigenverantwortlich gerade zu stehen und zu sorgen, ist den meisten Menschen bereits im Elternhaus völlig abhanden gekommen, und dies politisch einzufordern, käme beinahe einem Hochverrat an der „sozialen“ Marktwirtschaft gleich.

Vor diesem Hintergrund gerinnt die derzeitige Debatte um das Renten-Mindestalter zu einer Art Burlesque, an der sich unsere ach so sozialen MinisterInnen und deren Stäbe öffentlichkeitswirksam abarbeiten und ‚inhaltlich schwierige Verhandlungen‘ (so die besonders kompetente Frau Nahles – das ist die Claudia Roth der Sozis) vortäuschen. Nur schade, daß bei dieser lächerlichen Farce auch unsere Medien mitspielen, obgleich jeder mit den Grundregeln der Mathematik vertraute Mensch nachrechnen kann, daß die (o.g.) „Geburtsfehler“ der Rentenversicherung bereits hauptsächlich dafür verantwortlich sind, daß die Rentenversicherung nicht zukunftsfähig sein kann. Die heutigen migrationsbedingten Probleme und die das gesamte System ebenfalls konterkarierende demographische Entwicklung verschärfen diese Misere der Rentenversicherung nur noch zusätzlich.
In diesem Zusammenhang: Wer die Diskussion zum Thema ‚Lebensversicherungen‘ in einfacher, nachvollziehbarer und prägnanter Weise nicht gesehen hat, hier der Link zur Videothek http://www.phoenix.de/content/828770. Äußerst aufschlußreiche 45 Minuten, die untermauern, wovor wir seit Jahren warnen!

H.-W. Graf

*Die gesetzliche Unfallversicherung (unter Einschluß einiger weniger Berufskrankheiten) wurde bereits 8 Jahre vorher verabschiedet.

6. Februar 2014

Prof. Wilhelm Hankel, ein Lehrmeister leiser Eindringlichkeit, …

6. Februar 2014|Gesellschaft|Kommentare deaktiviert für Prof. Wilhelm Hankel, ein Lehrmeister leiser Eindringlichkeit, …

Prof. Wilhelm Hankel…. ist am 15. Januar 2014, fünf Tage nach seinem 85. Geburtstag, nach langer Krankheit, von der er nie groß Aufhebens machte, verstorben. Mit seinem Tode verliert dieses Land einen der profiliertesten Wirtschafts-, Währungs-und Finanzexperten, der sich in keinem seiner zahllosen Ämter verbiegen und instrumentalisieren ließ. Bereits seit Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts trat er als Warner dagegen auf, mit währungspolitischen Ketten kulturelle, arbeitsmarkt- und sozialpolitisch völlig unterschiedliche Staaten in eine künstliche Uniformität zu zwingen und in sozialistischer Gleichmachermanier alles glatt zu polieren, was die Vielfalt Europas ausmacht. Mit seinen Kollegen Nölling, Starbatty und Schachtschneider zog er dreimal vor das Bundesverfassungsgericht, in dem verzweifelten Versuch, den Politikern in ihrer Mischung aus Inkompetenz, Profilierungssucht und Machtgier in den Arm zu fallen. Für ihn war „die Währung eines Staates der individuelle Maßanzug, den man nicht als Massenware konzipieren kann“. Er war – von den Politikern wie den Medien völlig zu Unrecht geziehen – kein Gegner eines ‚Vereinten Europas‘, vielmehr ein Gegner undemokratischer Zwänge und politischer Unverfrorenheit. Mit messerscharfem Verstand reihte er in seinen Vorträgen gelassen und mit ruhiger Stimme Fakten an Fakten – stets dem Grundsatz treu: ‚Audiatur et altera pars‘! (‚Auch die Gegenseite möge gehört werden‘), entlarvte aber (mit ebenso sanftem Humor) politische Lügen und populistische Ammenmärchen als untaugliche Mittel, dem Volk Sand in die Augen zu streuen.
Mit seinem Tode verliere ich einen mutigen Mentor und wertvollen Ratgeber; auf mehreren Kongressen hatte ich immer wieder die Möglichkeit, von diesem klugen Grandseigneur und Philosophen zu lernen, und für viele meiner eigenen Vorträge durfte ich seinen kritischen Verstand und seine Erfahrung nutzen. Sein Tod ist ein Verlust für alle – ob sie ihn persönlich kannten oder nicht.
Vielleicht finden Sie die Zeit, eines seiner letzten Interviews (mit Frank Meyer von n-tv) noch einmal nachzuhören: www.rottmeyer.de/wilhelm-hankel-ist-tot

Deutschland sieht sich währungs- und wirtschaftspolitisch derzeit einem rhetorischen Dauerbeschuß vonseiten des IWFs, der US-amerikanischen FED, aber auch der Euro-Leithammel in Brüssel und Luxemburg ausgesetzt; es möge doch, so der Tenor, seinen
Binnenkonsum ankurbeln, seinen Export drosseln und damit seine Handels-bilanzüberschüsse schmälern. Nur damit, so die Montis und Draghis, Camerons und Bernankes dieser Welt, könne das Ungleichgewicht in Europa und des zwangsvereinten Euro-Raums wiederhergestellt werden.
Welch schreiender Unsinn: Zum einen sind die Exporte der Bundesrepublik in die Euro-Zone seit Einführung des Euro von ehedem 47% auf knapp 39% gesunken, zum anderen gliche dies der Forderung im Sport, der Schnellste im Finale möge bitte Blei um seine Fesseln binden, um seinen Konkurrenten eine Chance zu geben.
In den derzeitigen Ungleichgewichten der europäischen Volkswirtschaften zeigt sich dramatisch, wie unselig unsinnig es war (und bleibt), völlig unterschiedliche Volkswirtschaften über einen Kamm zu scheren und in ein und demselben Wettbewerb gegeneinander antreten zu lassen. Jedoch, und daran halten die führenden Parteien Europas unbeirrbar und völlig uneinsichtig, vor allem jedoch jenseits jeglicher Demokratie unbeirrbar, fest: Es muß gewaltsam vereint werden, was nicht zusammengehört. Dabei sollte, so der Gesamtmetall-Chef Rainer Dulger, „Europa froh sein, daß unter all den Lahmen noch einer laufen kann“. In der Tat belief sich der Überschuß der deutschen Leistungsbilanz 2013 auf über 200 Milliarden Euro (etwa 7% des Bruttoinlandsprodukts), da jedoch viele dieser Exporte ihre Vorfertigung im Ausland (auch in der Euro-Zone) erfahren, brächen in etlichen Volkswirtschaften Tausende von Betrieben zusammen und Hunderttausende von Arbeitsplätzen weg, wenn Deutschland (auf Geheiß der EU-Kommission und unter Androhung von Strafen) seine Wirtschaftskraft drosseln und seine Exporte reduzieren würde. Hinzu kommt, daß ohnehin mehr als 30% aller EU-Exporte ‚auf Kredit‘ erfolgen, wobei die Frage, ob diese Kredite gegenüber deutschen Unternehmen jemals zurückbezahlt werden, in den Sternen steht.
Nein, mit sozialistischer Gleichmacherei ist weder eine Volkswirtschaft noch ein Kranz völlig unterschiedlicher nationaler Volkswirtschaften auf Linie zu bringen. Währungen sind der ökonomische Puls ihrer Volkswirtschaften und üben eine unverzichtbare Pufferfunktion im interglobalen Austausch von Waren und Dienstleistungen aus. Aber davon wollen unsere beratungsresistenten und zu jedem Schwachsinn nur allzu bereiten Politiker nichts wissen, womit wir wieder bei wären, der nicht müde wurde, darauf hinzuweisen, daß Volkswirtschaften autoenergetische Systeme sind, die nicht zu einer Batterie von Legehennen umfunktioniert werden können.

H.-W. Graf

5. November 2013

Für Sie gelesen: Big Data – Die Revolution, die unser Leben verändern wird

5. November 2013|Finanzen / Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Technik|Kommentare deaktiviert für Für Sie gelesen: Big Data – Die Revolution, die unser Leben verändern wird

Autoren: Viktor Mayer-Schönberger, Kenneth Cukier
Verlag: Redline Verlag, München
Preis: € 24,99
Umfang: 304 Seiten
ISBN: 978-3-86881-506-1
Seit dem Einzug des Computers in die Gesellschaft ist etwas mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen und die Welt ist so voll von Informationen wie nie zuvor. Terabyte, Petabyte, Exabyte – das weltweite Datenvolumen, das unsere Informationsgesellschaft generiert, verdoppelt sich alle zwei Jahre. Eine wahre Datenexplosion: Big Data!

Durch die technologischen Innovationen, vorangetrieben durch die großen Internetanbieter, ist es nun möglich, diese riesigen Datenmengen zu sammeln, zu bündeln, blitzschnell zu verarbeiten und konkret nutzbar zu machen. So konnte Google im Jahre 2009 die Verbreitung der Vogelgrippe H1N1 besser vorhersagen als die amerikanische Seuchenbekämpfungsbehörde. Allein aufgrund der Suchbegriffe wurden verläßliche Vorhersagen für das gesamte Land, eine Region, ja sogar für einzelne Bundesstaaten getroffen und das unmittelbar, in Echtzeit.

Big Data bedeutet eine Revolution für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Es wird die Art und Weise, wie wir über Gesundheit, Innovation und vieles mehr denken, völlig umkrempeln. Es wird Vorhersagen möglich machen, die bisher undenkbar waren.

Die Experten Viktor Mayer-Schönberger und Kenneth Cukier beschreiben in ihrem Weltbestseller, was Big Data ist und welche Möglichkeiten sich eröffnen. Auch die dunkle Seite dieser Entwicklung, wie etwa der immer weiter voranschreitende Verlust von Privatsphäre, wird dabei nicht verschwiegen.

Viktor Mayer-Schönberger gründete im Jahr 1986 die Software-Firma Ikarus mit Entwicklungsschwerpunkt in der Datensicherheit und entwickelte Virus Utilities, eines der am meisten verkauften österreichischen Software-Produkte. Heute ist er Professor am Oxford Internet Institute und berät zudem Unternehmen, Regierungen und internationale Organisationen.

Kenneth Cukier ist Daten-Editor bei ‚The Economist‘ und einer der prominentesten Experten für Entwicklungen im Bereich Big Data. Er hat 2010 einen der frühesten Artikel über diese Entwicklung geschrieben.

29. Oktober 2013

Alles in Butter…

29. Oktober 2013|Außenpolitik, Gesellschaft, Politik|Kommentare deaktiviert für Alles in Butter…

… gilt als geflügeltes Sprichwort, das besagen soll: Alles in Ordnung!
In Wahrheit ummantelte man in früheren (Seefahrer- und Kutschen-)Zeiten wertvolle oder leicht verderbliche Fracht mit Butter, um sie vor Beschädigung oder Verderb zu schützen. Auf die beim Transport verranzende Butter konnte man leicht verzichten; sie gab es im Überfluß.

Die Butter von einst ist das verschwenderische Produkt der Notenbanken von heute – Geld, daß scheinbar im Überfluß vorhanden ist und in dessen „Verpackung“ Wohlstand und volkswirtschaftliche „Wertsteigerungen“ verborgen sein sollen.
alles-in_butter1Die Regierungen kurbeln ihre Notenpressen in immer unbedenklicherer Weise an und „verpacken“ imaginären Wohlstand (durch steigende Bruttoinlandsprodukte) in damit immer wertloser werdendem Schuldgeld, ohne sich über die Langzeitfolgen dieser Hybris – dem Abbau dieser gigantischen Schuldberge durch spätere Generationen – auch nur im mindesten Gedanken zu machen; die darüber bestimmenden Politiker sind dann längst im bestens gepolsterten Ruhestand und können ob ihres verantwortungslosen Verhaltens auch niemals juristisch belangt werden.

China, Japan, die USA und unsere heimliche Regierung in Brüssel pumpen derzeit täglich rund 10 Milliarden US-Dollar in ihre Volkswirtschaften und suggerieren damit ihren Bevölkerungen, es gehe ‚aufwärts‘. Sie manipulieren Währungen und Arbeitsmarktdaten, schütten mit Milliarden Subventionen defizitäre Aggregate ihrer heimischen Wirtschaft zu und verlautbaren statistisch nur, was ihrem Machterhalt dient, das Wahlvolk beruhigt und mögliche Unruhen in der Bevölkerung verhindert. Notfalls werden Minderheiten mit zusätzlichen Steuern belegt oder mit Einfuhrzöllen und Exportverboten hantiert, um ‚Aufschwung‘ und ‚Wachstum‘ vorzugaukeln – die ‚Goldenen Kälber‘ unserer Zeit.

Die Zahl der Senioren wächst in allen Industrienationen, da die Gesundheitsindustrie blüht und die Lebenserwartung immer noch um etwa 1,5 Jahre pro Dekade wächst. Andererseits sinken die Geburtenziffern. Kein Wunder also, daß sich darauf auch die Politiker einrichten und immer unbedenklicher diejenigen fördern, auf deren Wählerstimmen sie reflektieren.
Und noch immer gilt das volkswirtschaftliche Dogma, daß nur ‚Wachstum‘ unseren Wohlstand sichern und neue Arbeitsplätze schaffen könne.

Auf den Widerspruch, daß weniger Kinder für den zukünftigen Arbeitsmarkt auch weniger Bedarf bedeuten, das Gros der Industrieländer zunehmend unter Überernährung leidet und sämtliche Industrienationen händeringend nach Spezialisten aus den Schwellenländern buhlen, um fehlende Arbeitsplätze (für höherwertige Tätigkeiten) zu besetzen, weist kein Politiker oder Wirtschaftswissenschaftler die Bevölkerung hin, der diese Zusammenhänge zumeist völlig unbekannt sind.
Da außerdem die (von Politikern gelenkten) nationalen Fiskalwirtschaften und die in globalen Dimensionen denkenden Konzerne längst völlig unterschiedliche Interessen und Ziele verfolgen, wächst in sämtlichen Industrienationen die Zahl derer, die in ihrem angestammten Beruf (so sie überhaupt einen haben) keinen Arbeitsplatz mit einem auskömmlichen Einkommen finden, während sich die Spezialisten (in der Hoffnung, daß ihr Beruf sie zumindest durch das eigene Arbeitsleben trägt) international orientieren und als „heimatlose Wanderarbeiter“ ihre Chancen suchen.

Ob die Berliner Zweckehe zwischen ‚Schwarz‘ und ‚Rot‘ nun vollzogen wird und sich Kongress und Senat in den USA auf eine erneute Anhebung der Schuldenobergrenze noch in diesem Jahr einigen (sonst droht uns im Februar 2014 das gleiche Drama), kann zur Stunde niemand vorhersagen.

Wir sehen es pragmatisch: „Das einzig Verläßliche ist der ständige Wandel!

H.-W. Graf

16. September 2013

Der schlimmste Feind ist die Gewöhnung!

16. September 2013|Gesellschaft|Kommentare deaktiviert für Der schlimmste Feind ist die Gewöhnung!

Zugegeben, im Vergleich zum Autor des u.a. ‘Leserbriefs’ von 1987 – Ernst Fritzsch, Jahrgang 1916, – empfinde ich mich wie ein Teenager (Spätlese), aber die verführerische Tendenz zur Gewöhnung ist altersunabhängig und omnipräsent.

Sie kennen es von den vorlauten Kindern des Nachbarn (den eigenen natürlich nicht): kein Respekt, Umgangsformen wie ein Neandertaler und frech.
Als Lehrer*, Pädagoge oder Lehrherr, Restaurantbesucher oder Ladenbesitzer, ÖV- oder Bahnbenutzer stoßen Sie sicherlich ins gleiche Horn. Kleidungskatastrophen, mit Krakeleien grauenhaft verunstaltete Häuserwände (pc: Grafittis-“Kunst”), eine zunehmend infantilisierte Sprachlichkeit, ein stetig verkümmernder Wortschatz, ein verpönter Stil- und Leistungsgedanke, völlig autistische Handy-/I-Phone-/I-Pad-Fetischisten und eine ebenso überbordende Anspruchshaltung immer breiterer Bevölkerungsschichten; es scheint, als ob wir kulturell, intellektuell, sprachlich und emotional zunehmend degenerieren.
Und tatsächlich verbreitert sich die Spaltung des Niveaus der Gesellschaft immer mehr; während sich eine wachsende Masse immer mehr einer emotionalen und intellektuellen Fremdsteuerung unterwirft und ihre Lebensinhalte passiv (= bequemer) von dritter Seite gestalten läßt, reduziert sich die Menge derer, die selbst nach Zielen, Inhalten und Verständnis für Hintergründe und Geschehnisse suchen, zunehmend. Geistiger wie emotionaler Tiefgang wird durch Flachheit auf breitester Front ersetzt; täglich austauschbare “Infos”, um “cool”, “in”, “hipp” und “up-to-date” zu sein, zählen mehr als durchdachte, fundierte Meinungsbildung.
Das kommt vor allem denen entgegen, die uns so benevolent mit “Sicherheits-”, “Gesundheits-“, “Multikulti-“ und “Verbraucherschutz-“-Floskeln beglücken und umgarnen – insbesondere Politiker, die sich (mangels realer Qualifikation) damit ein Denkmal setzen, sich unentbehrlich, dringend wählbar und wichtig machen wollen, um möglichst leistungslos an die begehrten Futtertröge des modernen Staates – ab Landtagsabgeordneter aufwärts – zu gelangen.
Und in ihrem Auftrag fungieren dann eilfertig die öffentlich-(un)rechtlich Bediensteten und Beamten, die uns immer neue Vorschriften, (Steuer-)Gesetze, (Haftungs-)Bestimmungen und Formulare servieren, die alle (s.o.) natürlich nur der Sicherung unserer Lebensumstände dienen; denken Sie z.B. an die “Verbraucherhinweise” auf allen Lebensmitteln, Speisekarten und Arzneien, die 99,9% aller Verbraucher weder verstehen noch lesen. Hauptsache, sie existieren und man kann sich auf sie berufen – zur Freude der Anwälte und Gerichte.

Die Abhängigkeit der Bürger von exogener Fremdbestimmtheit wächst tagtäglich und in immer bedrohlicherem Maße. Kein Wunder, daß immer mehr Menschen daraufhin resignieren, sich innerlich abwenden und es den selbsternannten “Volksbeglückern” überlassen, ihre Lebensinhalte und -umstände zu definieren und zu regeln.
Nimmt es da wunder, daß sich unsere Kinder an ihrem “(v)erwachsenen” Umfeld ganz selbstverständlich ein maliziöses Beispiel nehmen und immer leichter den bequemeren Weg gesellschaftlicher Vermassung nehmen, statt Individualität spüren und entwickeln zu wollen und dann auszuleben; Persönlichkeit zu entwickeln, statt nur Person zu sein? Sie ahmen damit von Kindesbeinen an nur nach, was ihnen Eltern und Umfeld vorexerzieren – sprachlich und gedanklich, emotional wie intellektuell, geistig und materiell. Sie übernehmen “Überzeugungen”, Handlungs- und Argumentationsmuster, ohne diese lange (= unbequem) zu reflektieren

Überdeutlich zeigt sich diese Phänomenologie in der EURO(zonen)-Krise, die bereits Ende der 1980er Jahre für jedermann offen lag, um die sich aber nur wenige kümmerten (die dann auch noch des Defätismus, der Gestrigkeit, der “Verschwörung” oder Rechtslastigkeit geziehen wurden; ein braver Deutscher ließ die “verantwortlichen” Politiker gewähren und verharrte in bequemer geistiger Abstinenz).
Wohin uns diese ideologischen Irrlichter in Parteien und Parlamenten geführt haben, beginnen erst langsam einige wenige zu begreifen (deshalb der Hoffnung gebende Zulauf zur AfD). Aber die meisten dieser Wenigen verfallen dann doch lieber schnell wieder in Resignation, systemische Denk- und Handlungsstarre, bequemes Nichthandeln oder sinnarmes Hoffen.

Wer unter diesen Gesichtspunkten die steuer-, wirtschafts-, sozial-, gesundheits– und bildungspolitische Szene betrachtet, dem könnte dämmern, daß nicht die Parteien und Politiker, Pharma- und Industriekonzerne, Werbung und Medien, Banken, Militärs und Religionen Schuld an der wachsenden Flut von Problemen und Skandalen tragen, sondern eine immer hedonistischere, selbstvergessene und denk- wie handlungsträge Gesellschaft, die einen längst nicht mehr finanzierbaren “All inclusive”-Wohlfahrtsstaat (und dessen Nutznießer) gewähren läßt, statt sich eigener Kompetenzen zu erinnern, auf eigene Fähigkeiten zu bauen (und diese auszubauen), Eigenverantwortlichkeiten und Souveränität zurückzugewinnen.

Keine Kritik ohne Alternative: www.d-perspektive.de

“Mal die Gondel zu benutzen, um einen Bergausflug zu genießen, ist bequemer als der beschwerliche Anstieg aus eigener Kraft.Sich aber nur noch durchs gesamte Leben gondeln zu lassen, ist Verrat am eigenen Ich!” (J.-L. Earl)

H.-W. Graf
*Die alberne “politisch korrekte” verdoppelnde Geschlechternennung (eine in den 1980er Jahren ”grün-feministisch”-initiierte Lachnummer, die keine andere Nation/Sprache kennt, die wir Deutsche aber meinen, exzessiv pflegen zu müssen) erspare ich mir (und Ihnen) grundsätzlich.

Lesen Sie hierzu:

Fritzsch 22.12.1987 Leserbrief FAZ.pdf
02 Marx+Engels 1848 Das kommunistische Manifest.pdf
Thurmann 2011-06-06 in FAZ Amerikas Kreuzzüge (USA in Erbenheim).pdf
Thurmann 2013-08-19 Hauswurfsendung zu den Wahlen.pdf
Thurmann 2013-03-08 in FAZ Marxismus.pdf

26. August 2013

Schlafen ist gesund, Verschlafen eher gefährlich!

26. August 2013|Gesellschaft, Politik, Wirtschaftspolitik|Kommentare deaktiviert für Schlafen ist gesund, Verschlafen eher gefährlich!

David P. Goldman, der seit 2000 regelmäßig seine ‘Spengler-Essays‘ auf Asia Times online veröffentlicht (in memoriam des deutschen Philosophen Oswald Spengler), meinte vor kurzem, daß ‚bei keinem Handelsgeschäft mehr Menschen mehr Geld verloren haben, als mit dem Crash der japanischen Staatsschulden, der nie geschah‘; und er vermutet, daß sowohl die japanische als auch die US-Wirtschaft den derzeitigen „Dauerschlaf“ noch für lange Zeit beibehalten werden.
Nun, bei Japan, das seit über 20 Jahren im ökonomischen ‚Koma‘ liegt, unken die Ökonomen fast ebenso lange, daß dieses Land an seiner demographischen Situation (Japan ist das alterndste Volk der Welt) früher oder später kollabieren werde. Aber Japan will und will nicht kollabieren; stattdessen wird immer mehr Staatsgeld dem wirtschaftlich „komatösen“ Patienten in die „Venen“ gepumpt – inzwischen mehr als 270 % des Bruttoinlandprodukts (BIP).

image005 Quelle: OECD (Sparquote der Haushalte (in % des BIP)

Nun wähnt Spengler, die USA könnten das gleiche Schicksal erleiden. Dem ist aber entgegenzuhalten, daß die japanische Sparquote traditionell (und seit Ende des zweiten Weltkriegs) durchschnittlich dreimal so hoch ist wie die der US-Bürger. Und auch dem Argument, die japanische Gesellschaft altere vor sich hin, während die US-Bevölkerung sogar noch wächst, muß entgegengehalten werden, daß die weiße Bevölkerung der USA bereits seit Jahren schrumpft, wohingegen die Afro-Amerikaner und die Latinos zunehmen. Aber gerade unter der farbigen Bevölkerung der USA ist das Bildungs- und Einkommensniveau deutlich divergenter als in den weißen Bevölkerungsschichten. Und was die Exportfähigkeit der eigenen Produktion anbelangt, liegt Japan prozentual immer noch vor den USA.

Wir brauchen aber gar nicht so weit nach Osten oder Westen zu gucken; auch hierzulande schreitet der Abbau des Mittelstandes – der „Wirbelsäule“ jeder Volkswirtschaft – voran, während sich die ökonomische „Oberschicht“ der Konzerne mit Fusionen, der Beschränkung auf das berühmte „Kerngeschäft“ und das Abstoßen handelswerter „Töchter“ beschäftigt.
Am meisten unter Druck stehen sicherlich staatliche oder pseudo-private Unternehmen (an denen der Bund oder die Länder Sperrminoritäten oder gar die Mehrheit besitzen), denn je verbeamteter die Strukturen sind – egal ob Produktion oder Dienstleistung –, desto weniger flexibel können sie auf die Gegebenheiten und Notwendigkeiten reagieren, mit denen wir es in immer stärkerem Maße zu tun haben.

Dann nützt es auch wenig, wenn nach einer jüngsten Befragung frappierende 91 % der Bevölkerung den Politikern weder Glauben schenken, noch ihnen darin vertrauen, die Probleme der Zukunft (und nicht nur des EURO) lösen zu können (und wirklich zu wollen).
Egal, wieviel Prozent der Bevölkerung in fünf Wochen ihre Stimme für die nächsten vier Jahre in einer Urne(!) versenken – auch bei einer Wahlbeteiligung von nur 10 % würden sich die Gewinner der Wahl als ‚SiegerInnen‘ feiern und hemmungs- wie gewissenlos, gleichwohl inkompetent dieses Land regieren.

Abgesehen von den Unruheregionen dieser Welt, der dümpelnden Snowden-Affäre und sinnarmen Sensatiönchen, die uns die Medien liefern, hat sich auch in der vergangenen Woche an den Börsen, den Währungs- und Anleihemärkten nichts wirklich Wesentliches getan; die EZB und der Euro-Raum warten auf die Bundestagswahl, die €-Krisenländer geloben Fortschritte, die ihre Bevölkerung aber nicht bereit ist, mitzutragen, und halb Europa tummelt sich an Badeseen und Stränden.
Während die Bevölkerungen in Frankreich, Italien, Griechenland und Spanien protestieren, frägt man sich in Deutschland unwillkürlich: Was muß denn eigentlich geschehen, damit der deutsche Michel nicht nur an Stammtischen und bei Kaffeekränzchen leise grummelt, sondern ernsthaft protestiert?

H.-W. Graf

26. August 2013

Still ruht der See

26. August 2013|Gesellschaft, Innenpolitik, Politik, Steuer- und Finanzpolitik|Kommentare deaktiviert für Still ruht der See

– das spiegeln nicht nur die Indizes, sondern auch die tägliche Nachrichtenlage; Gustl Mollath, die Wahlkampf-Schimäre um den NSA-„Skandal“, der Wiederanpfiff der Bundesliga, die Doping-Debatte (zurück bis ins späte 20. Jahrhundert) – all das ist uns wichtiger als das Donnergrollen, das einen aufziehenden Sturm ankündigt. „Deutschland wird zu einem Brüsseler Protektorat“, unkt Dr. Martin Weiss, und „Die Notenbanker und Politiker riskieren den Zusammenbruch ganzer Gesellschaften und Völker“ mahnt Marc Faber, der in Hongkong residierende Nestor der Vermögensverwalter.

Doch hierzulande scheint alles in bester Ordnung; die Kandidaten der Bundestagswahl haschen mit teilweise putzigen Sprüchen und Versprechen nach Wählern – tolle Idee der Grünen, einen landesweiten ‚Veggie‘-Kantinentag (= fleischlose Kost für alle) einzuführen –, und insbesondere der DAX signalisiert – justament zum 25. Jubiläum seiner Einführung – deutsche Börsenqualität.
Aber schauen wir uns das Geburtstagskind etwas näher an, könnte sich die Stimmung verdüstern: nach außen eine grandiose Erfolgsstory – der DAX legte in 25 Jahren um 561% zu – kommt nach und nach die Wahrheit ans Licht, denn immer mehr setzen sich die internationalen Bilanzregeln nach IFRS (‚International Financial Reporting Standards‘) durch, die vom IASB (‚International Accounting Standards Board‘) über den Kopf nationaler Bilanzvorschriften hinweg festgelegt werden. Von den 30 DAX-Unternehmen – nur 15 sind seit Beginn dabei, der Rest ist vom Börsen-„Speisezettel“ verschwunden (teils durch Pleiten, teils durch Fusionen) – sind nur 5 im „grünen“ Bereich (Beiersdorf, BMW, Infineon, Münchner Rück und K+S, wobei K+S seit Januar 2013 fast 28% an Wert verloren hat), während die übrigen 25 erhebliche Probleme akkumuliert haben.

a) Verluste aus Übernahmen, die vorgetragen werden, statt daß sie in den Bilanzen abgeschrieben wurden. Diese sog. ‚Goodwill‘-Abschreibungen belaufen sich inzwischen auf über 50 Mrd. €;
b) Unterdeckungen in Pensionsverpflichtungen von über 14,5 Mrd. €, wobei die Frage erlaubt sei, wie einige der Unternehmen in den nächsten Jahren die bereits heute feststehenden Pensionsverpflichtungen von mehr als 300 Mrd. € stemmen wollen;
c) Werthaltigkeitsdaten aus Übernahmen in Höhe von 225 Mrd. €, die vom Prinzip Hoffnung getragen sind und
d) bilanztechnisch „ausgelagerte“ Leasingverträge im Wert von über 60 Mrd. €.

Allein die 30 DAX-Unternehmen halten damit (nicht bilanzierte/bilanzierbare) Risiken von mehr als 600 Milliarden Euro „im Feuer“.

Pars pro toto steht hier Siemens: Der ehemalige Vorzeigekonzern, in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts einer der drei finanzstärksten Unternehmen der Welt (neben Daimler Benz und der Allianz), verzeichnete 2012 einen Umsatz von 78,296 Mrd. €. Davon entfielen auf Deutschland jedoch nur noch 14,14% (11 Mrd. €), während in Nord– und Süd- Amerika 29,2% (22,9 Mrd. €), in Asien knapp 20% (15,523 Mrd. €) und im übrigen Europa sowie Afrika und Nahost fast 51% (39,9 Mrd.€) umgesetzt wurden.
Dagegen arbeiteten rund 30% der insgesamt 370.000 Mitarbeiter in Deutschland (bzw. unter deutscher Steuerbarkeit). Wesentliche Felder mußte Siemens inzwischen aber seinen Konkurrenten ABB und GE überlassen, bzw. sich mit geringeren Margen und hohen Subventionen (Verluste werden in Deutschland sozialisiert und vom deutschen Steuerzahler subventioniert) zufriedengeben (Rußland, Nahost). Bisweilen ließ sich der Münchener Konzern auch kräftig löffeln (z.B. von den Chinesen, die ihre Hochgeschwindigkeitszüge und -trassen nun doch lieber selber bauen).

Wir sind gespannt, wann die Erfolgs“blase“ DAX – mutmaßlich mit heftigem Knall – platzt.

Derweil wandeln die US-Amerikaner beim künstlichen Aufblasen ihrer Wertschöpfung und der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf viel kreativeren Wegen: Mithilfe der hedonischen Berechnung (Güter mit höherem technischem Wert oder größerer Leistungsfähigkeit werden bei gleichbleibenden Preisen mit einem höheren Prozentsatz im BIP gewichtet) und der geometrischen Berechnung [steigt ein Gut in einer Klasse (z.B. Brot) im Preis, wird ein preisstabiles Gut der gleichen Klasse (z.B. Kuchen) höher bei der Berechnung des BIP gewichtet] steigerte die US-Wirtschaft das Gesamt-BIP flugs um 1,4% (560 Mrd. $); nach der herkömmlichen Berechnungsmethode läge der Zuwachs nur bei 0,87%.

Im EURO-Raum rutschen Frankreich, Italien und Spanien immer mehr in die Krise, – politische Reformen: Fehlanzeige; das Volk verweigert die Gefolgschaft –, und deren Volkswirtschaften nähern sich rapide den Verhältnissen in Griechenland, Malta, Zypern, Portugal und Irland. Insolvenzen und Arbeitslosenzahlen steigen in gleichem Maße wie BIPs und Exportquoten sinken.
Aber während sich die Völker noch immer ebenso hilflos und vertrauensselig auf ihre Politiker glauben, verlassen zu können, merkt kaum jemand, daß die wirkliche Politik längst nahezu ausschließlich in Brüssel betrieben wird. Aber die Sitzungsprotokolle der Europäischen Zentralbank (EZB) bleiben der Öffentlichkeit verborgen; sie verschwinden für 30 Jahre in den Aktenschränken, und selbst, wenn einige Notenbanker, sehr zum Mißfallen von EZB-Chef Mario Draghi, für mehr Öffentlichkeit plädieren, ändert dies überhaupt nichts; dann finden die wirklich wichtigen Gespräche eben nicht in offiziellen Sitzungen statt, und die Öffentlichkeit wird mit nichtssagenden Erklärungen abgespeist, wie dies nach G7/G8/G20-Treffen regelmäßig der Fall ist.
Und die Bürger warten ab; still ruht der See!

H.-W. Graf

11. Juni 2013

Trügerische Ruhe

11. Juni 2013|Gesellschaft, Politik|Kommentare deaktiviert für Trügerische Ruhe

„Europa ist ein Sanierungsfall! Einige Staaten, wie z.B. Rumänien, Bulgarien und Italien, sind schlicht unregierbar! Frankreich hat bisher ‚null‘ Reformbereitschaft gezeigt!“
Donner und Doria, wie tief müssen wir im Schlamassel stecken, damit diese Binse inzwischen sogar einem EU-Energiekommissar Günther Oettinger bewußt wird. Woher nimmt dieser intellektuell doch recht bescheidene Zeitgenosse den grenzenlosen Mut, wider den Stachel und die Phalanx seiner EU-Kollegen verbal derart rüstig zu Felde zu ziehen? José Manuel Barroso, Präsident der Europäischen Kommission, verlangt „strukturelle Reformen der Sozialpolitik“; Monsieur Hollande bellt zurück und verbietet sich jegliche Einmischung in Angelegenheiten der ‚Grande Nation‘; der bundesdeutsche Finanzhäuptling Schäuble warnte auf der ‚Berggruen-Konferenz‘ in Paris vor der Revolution, und die Parlamente der EU-„Leichtgewichte“ Finnland, Dänemark, Holland und Österreich befürchten, in der ‚Bedeutungslosigkeit‘ zu versinken und von der EU überrollt und vereinnahmt zu werden.

Spaß beiseite: Während die EU-Kommission sehr abstrakt ‚Reformen‘ und ‚Sparen‘ empfiehlt, vermelden die politischen Meteorologen zunehmend schwärzere Wolken am Konjunkturhimmel – EU-weit und quer durch sämtliche Branchen: Nicht nur der spanische und irische, sondern inzwischen auch der holländische Immobilienmarkt sind in dramatisch schlechten Zuständen; oft bleibt nur der Abriß, um nicht erwirtschaftbaren Erhaltungsaufwand zu vermeiden und neue Konzepte aufzulegen. Ebenso wird EU-weit die Lage am Arbeitsmarkt als ‚ungewöhnlich schlecht‘ beschrieben.
Nun, jedes Land geht mit seiner spezifischen Lage anders und mehr oder weniger pragmatisch um: Die Italiener verfielen jetzt auf den Dreh, illegal angelandeten Immigranten 500 € und eine Zugfahrkarte in die Hand zu drücken, um nach Hamburg, Amsterdam oder Paris weiterzufahren. Problem gelöst! In Deutschland würde man hierfür den entsprechenden Amtsleiter entlassen und einen parlamentarischen Untersuchungsausschuß einberufen. Die Franzosen lenkt man besser mit einem emotional-sexuell stimulierenden, die traditionelle Volksseele zum Kochen bringenden Thema ab: die ‚Homosexuellen-Ehe‘. Über beides staunt oder lächelt der benevolent duldsame Deutsche; er entrüstet sich lieber über völlig legal-korrupte Landtagsabgeordnete in Bayern (was Italienern und Franzosen nicht einmal einen Bericht auf der letzten Seite in den Massenblättern wert wäre).

“Nicht jeder kann alles lesen. Nicht jeder bekommt alles zu lesen. Nicht jeder will lesen, was die Haupt-Medien ihm zum Lesen vorsetzen. Nicht jeder weiß, wo zu lesen ist, was er vielleicht gern lesen würde. Manches, was sich zu lesen lohnt, bleibt unbeachtet, wird wegsortiert oder bewußt verschwiegen und unterdrückt.“

Dr. Klaus Peter Krause

Die wirklichen Probleme weiten sich, mycel-artig und unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung, in ganz anderen Bereichen aus: Schwarzarbeit, Tagelöhnerschaft, Steuerflucht, Abwanderung (der Fähigsten und Leistungsbereitesten), die Auflösung von Familienstrukturen, zunehmende Depressionen und Scheidungsraten, Kleinkriminalität (Diebstahl und Einbrüche), sinkende Krankenstände, aber steigende Raten von Selbstmorden, Selbstverstümmelung und illegaler Organverkauf sowie Sozial- und Wirtschaftsflucht (inklusive Schlepperwesen).
Als kleiner Lichtblick mag hier gelten, daß die Solidarität – man rückt mehr zusammen – ebenfalls zunimmt. Gleichwohl feiert die bedenkenlose Masse, die es sich heute noch leisten kann und frönt dem Jetzt und Heute.
Das Ganze erinnert fatal an die Situation in London, Paris und Berlin vor exakt 100 Jahren: Obwohl ‚die Zeichen an der Wand‘ bereits den Beginn des ersten Weltkriegs klar und deutlich auswiesen, feierte die ‚Crème de la Pudding‘ kräftig weiter. In der ‚Hauptstadt des Reiches‘ trafen sich die gekrönten Häupter aus England, Rußland und Deutschland, als Cousins sämtlich verwandt, und zeigten sich den frenetisch feiernden Massen in vorgeblicher Vertrautheit und Friedlichkeit, während sich an den Schnittstellen Österreichs, Ungarns, Serbiens, Montenegros und Rußlands, flankiert von den Rivalitäten zwischen dem preußischen Wilhelm II. und der traditionellen Fehde zwischen Frankreich und England, das Unheil zusammenbraute, was sich knapp ein Jahr später über ganz Europa entlud.
Wer historisch etwas bewandert ist, weiß, daß dies zum Ende der Adelsgesellschaft führte, die gesamte Landkarte Europas neu strukturiert wurde und das Entstehen, den Beginn der Herrschaft einer völlig neuen ‚Adels‘-Clique einläutete – die politischen Parteien übernehmen die Macht!
In Wahrheit gerieten die Bevölkerungen Europas aber nur vom ‚Regen in die Traufe‘:
Die Potentaten – ehedem Kaiser, Könige, Fürsten und Herzöge – tauschten mit Kanzlern, (Minister-)Präsidenten, Bundes- und Landtagsabgeordneten den Thron. Und heute, 100 Jahre später, schwelgen letztere in ihren Allmachtsphantasien – ebenso bedenkenlos, feudalistisch und realitätsfremd wie ehedem der Adel.

All dies läßt jedoch die Großkonzerne und insbesondere die Banken – damals wie heute – völlig kalt; sie verstanden es als Herren des Geldes immer – flexibel und klug, jenseits aller Ideologien –, ihre Pfründe zu mehren, Märkte und Potentiale zu erschließen (gegebenenfalls auch zu schließen und zu verlagern) – was immer die jeweilige Lage erforderte und/oder hergab.
Beide – Konzerne und (politischer oder säkularer) „Adel“ – berührt(e) das Wohl der Bevölkerung und deren Alltagsleben nur insoweit, als diese als Konsumenten (möglichst) billige Arbeitskräfte, Steuerzahler und Wahlpöbel funktionieren soll(t)en.
Insofern hat sich, dies ohne Häme oder Trauer gesagt, in den letzten 100 Jahren praktisch nichts verändert. Die Masse funktioniert heute nur auf wirtschaftlich höherem Niveau, was jedoch keine sozial- und wirtschaftspolitische Garantie für diejenigen sein sollte, die sich in bedenkenlos-parasitärer Weise daran bereichern.

H.-W. Graf