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16. Januar 2013

Für Sie gelesen: Die Freiheit ist ein Kind der Liebe – Die Liebe ist ein Kind der Freiheit

16. Januar 2013|Forschung und Wissenschaft, Philosophie|Kommentare deaktiviert für Für Sie gelesen: Die Freiheit ist ein Kind der Liebe – Die Liebe ist ein Kind der Freiheit

Autoren: Prof. Dr. Gerald Hüther, Dr. Maik Hosang
Verlag: Kreuz Verlag, Freiburg
Preis: € 16,99
Umfang: 180 Seiten
ISBN: 978-3-451-61144-5

Dieses Buch ist in mehrfacher Hinsicht anders als jedes Buch, welches Sie bisher gelesen haben, denn der Göttinger Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther und der Dresdner Zukunftsforscher, Sozialökologe und Philosoph Dr. Maik Hosang schreiben sich in diesem Buch buchstäblich zueinander – einer beginnt vorne, der Andere hinten –, um sich in der Mitte textlich wie inhaltlich zu treffen und zu verschränken. Doch eben diese thematische Verschränkung birgt den Zauber dieses Büchleins:
Prof. Gerald Hüther startet seinen Blick auf die Liebe quasi im embryonalen Zustand und beschreibt die Entwicklung der Liebe, der Liebesfähigkeit eines Menschen und den sich immer wieder öffnenden Antagonismus zwischen Freiheitsdrang und Suche nach Verbundenheit aus biologischer, physiologischer und biosozialer Sicht, während Dr. Maik Hosang aus anthropologisch-historischer Sicht die Entwicklung des Menschen zu einem freiheitlich-universellen Lebewesen beschreibt, das jedoch ohne soziale Verbundenheit keine Freiheitlichkeit leben und finden könnte.

Beider Autoren Herangehensweise ist trotz der thematischen Tiefe erfrischend einfach und spannend geschrieben; nur selten wird der Leser bestimmte Begriffe googeln oder nachschlagen müssen.
Gleichwohl lohnt es, sich für die einzelnen Passagen Ruhe und Zeit zu gönnen, um den beiden Autoren bei ihrer Suche nach dem roten Faden, hin zu einer gemeinsamen Auflösung des scheinbaren Widerspruchs – Wer ist wessen Kind – zu folgen.

Wer bislang die Liebe und Freiheit als getrennte Entitäten sich gegenseitig ausschließende Größen im Leben eines Menschen vermutet haben mag, wird deren symbiotische Verbindung, auf die sich beide Autoren in wirklich genialer Weise einigen, mit innerer Freude feiern.
Als Geschenk für jeden, der Ihnen wichtig ist, bestens geeignet!

H.-W. Graf
3. Juni 2011

Prionen: Killer & versklavte Wächter der Nervenzellen

3. Juni 2011|Forschung und Wissenschaft|Kommentare deaktiviert für Prionen: Killer & versklavte Wächter der Nervenzellen

Prionen sind ein großes Mysterium und Faszinosum in der neurologischen Forschung. Was unterscheidet sie von Viren, Bakterien und Pilzen? Diese korkenzieherartig gewundenen Eiweißmoleküle sind keine wirklichen Lebensformen, und doch haben sie einen einzigartigen, ja unheimlichen Vermehrungstrick – und – offensichtlich die „Lizenz zum Töten“. Nachgewiesen wurden pathologische Prionen in sezierten Gehirnen verstorbener Demenzpatienten.

Auch Viren haben einen „Trick“: Sie schleusen ihre DNA in Zellen ein, um ihr Erbgut vom Mutter-Wirt vervielfältigen zu lassen – wie ins Nest gelegte Kuckuckseier – die sich hier zudem vermehren. Prionen aber übertreffen Viren an morbider „Kunst“, denn wie ihre raffinierten Vermehrungstricks wirklich funktionieren, ist noch nicht ganz geklärt. Um das aufzudecken, betrachten wir zunächst die normalen körpereigenen Prionen (Prion Protein cellular = zelluläres Prion-Protein), die in den Synapsen der Nervenzellen wichtige Aufgaben übernehmen, z.B. bei der Entwicklung neuer Nervenzellen im Gehirn.

Es gibt „gute“ und „böse“ Prionen, ähnlich wie man das vom Cholesterin sagt. Die gesunden Prionen fungieren als Wächter, wirken wie ein Klebstoff zwischen den Zellen und übernehmen den interzellularen Kontakt. Prionen helfen, Signale zu übermitteln, mit denen die Zellen sich verständigen, um weitere Schritte wie den Zusammenhalt oder kontrollierte Bewegungen miteinander abzustimmen. Sind diese winzigen „Telefonleitungen“ gestört, wirkt sich das negativ aus auf Entwicklung und Funktion des Nervensystems, aber auch auf den gesamten restlichen Körper. Sie sorgen demnach dafür, dass die isolierende und schützende Myelinschicht um die Nervenfasern herum intakt bleibt. Fehlen die Prionen in den Nervenzellen, wird die Schutzschicht zerstört.

Bösartige, pathologische Prionen sind dagegen „fehlgefaltet“. Dieses strukturelle Umfalten macht aus einem Leibwächter der Zelle einen äußerst temperatur-resistenten Killer. Dieser besteht zwar aus den gleichen Aminosäurebausteinen wie der nützliche molekulare Verwandte, aber seine veränderte räumliche Struktur löst schwere Degenerationen des Gehirns aus, unter anderem Creutzfeld-Jakob bei Menschen, BSE bei Rindern und Scrapie bei Schafen. Diese molekulare „Origami-Variante“ der Prionen klumpt sich gern im Gehirn zusammen und führt zu einer schwammartigen Degeneration. Die Frage ist, wie die Selbst- und Umorganisation der Prionen zu diesen Aggregaten abläuft? Wie kommt es zur krankmachenden Strukturänderung? Im Verdacht stehen hier gewisse Ankermoleküle mit denen die Prionen an der Zelle andocken. Das sind kurze Ketten aus Zuckermolekülen und dem eigentlichen Anker, einem langen Fettalkohol.

Normalerweise hat ein „gesundes“ Prion eine alpha-Helix-reiche Struktur. Kommt es in Kontakt mit pathogenen Formen von Prionen, „klappt es um“; und ändert seine Struktur in eine Beta-Faltblatt-reiche Struktur. Die Folge ist eine Kettenreaktion – immer mehr gesunde Prionen verwandeln sich in krankmachende. Große Mengen wirken zerstörerisch auf das Gehirn, es entstehen bestimmte Ablagerungen und Löcher, eine spongiforme Enzephalopathie, eine schwammartige Gehirnkrankheit, die stets tödlich endet. Noch ist unklar, weshalb Prionen plötzlich ihre Struktur ändern und gesunde Prionen versklaven.

Die Erforschung dieser Krankheitserreger war bisher schwierig. Der Wissenschaft standen im Laborversuch nur Prionen zur Verfügung, aber ohne den mutmaßlich krankmachenden Auslöser: den Zell-Anker. Kürzlich gelang es aber den Forschern, Prionen komplett mit ihren Ankermolekülen künstlich herzustellen. Damit liefern sie anderen Prionenforschern ein wichtiges Werkzeug. Sie können jetzt den Einfluss der Ankermoleküle auf die Entstehung von BSE oder die Creutzfeldt-Jacob-Krankheit untersuchen. Noch sind viele grundsätzliche Fragen über Prionen weitgehend ungelöst.

Auch wenn die Skandale und Panikmache der 90er hinsichtlich BSE und CJD Jahre aus den Schlagzeilen der Medien fast verschwunden sind, gibt es prionenbedingte, neurodegenerative Krankheiten bis heute, und sie sind nach wie vor nicht heilbar. Prominentester Vertreter war BSE. Gewisse Erkrankungen gab es zuvor bis in die 50er Jahren bei den Kannibalen in Papua-Neuguinea. Traditionsgemäss vertilgte das Volk der Fore Leichname ihres Stammes. Die resistenten Prionen überlebten selbst nach dem Tod des Wirts. Es kam zur Kuru-Erkrankung. Nachdem man den Leichenschmaus – den Kannibalismus – verbot, verschwand auch die Krankheit. Einige Fore habe sogar eine genetische Mutation entwickelt, die den Ausbruch der Prionenerkrankung verhindert.

Wir sehen, dass mit resistenten Krankheitskeimen wie den Prionen nicht zu spaßen ist und sie noch viele Rätsel aufgeben. Krankmachende Bakterien, Viren und Pilze haben mit ihrer DNA und RNA das „Exklusivrecht“ auf Evolution und Vererbung nicht gepachtet. Auch Prionen sind dazu imstande – zumindest mit dem ihnen eigenen Raffinement im eingeschränkten Sinn.

Ergänzend sei die allgemeine Frage gestellt, wie wir mit Mikroben um und in uns umgehen. Auch mit den verbreiteten „Keimen der Angst“ ist nicht zu spaßen: so kann die EHEC-Panik wie jede Influenza-Panik ein ganze Bevölkerung destabilisieren. Dahinter steckt aber mehr. Die Milliarden scheffelnde Pharmaindustrie steht mit der Erregertheorie auf dem Fundament der modernen Medizin. Auf ihr fußt die gesamte Diagnostik und jede Therapie. Antibiotika, vor allem Impfungen sind die probaten Mittel. Kennt man erst einmal den „Erreger“ – so die verbreitete Lehrmeinung – ,brauche man diesen nur auszumerzen, dann sei der Patient gesund. Dabei tappt man aber weiter im Dunkeln: der Mechanismus, wie nämlich Bakterien überhaupt krank machen, ist nicht wirklich bekannt. Bei Tetanus ist z.B. nicht einmal klar, wie ein absolut sauerstoffscheues Bakterium in einem mit Sauerstoff angereichertem Organismus lebensfähig bleibt.

Ob sich Bakterien und andere Mikroben im Organismus vermehren können, hängt vom Energiestatus des Wirtes ab. Das vermehrte Auftreten im Körper ist in der Tat ein sicheres Zeichen für den Auf-, Um- oder Abbau von Zellen und Geweben im Körper, bei dem die Mikroorganismen beim Stoffwechselgeschehen wichtige Arbeiten übernehmen – oft bei den Zuständen, die wir Krankheit nennen. Das heißt aber nicht, dass Bakterien zwangsläufig die Verursacher der „Krankheit“ sind. Vielmehr helfen sie mit beim Heilungsprozess.

Bei dem aktuellen panikartigen Geschehen rund um das EHEC-Darmbakterium geht es um Schädigungen, die zum Auflösen des Blutes und Versagen der Nierenfunktionen führen. In den meisten Kliniken werden bei den Symptomen Blutauflösung, Durchfall und Nierenversagen – keine Maßnahmen getroffen, um den Körper und seine Funktionen durch biologisch verwertbare Substanzen und Energien zu stützen. Im Gegenteil: dem Körper werden Energie entziehende und zerstörende Substanzen gegeben. Es sieht eher danach aus, dass die schulmedizinische Hetzjagd nach diesen Bakterien zuvor den Wirt erkalten lassen. Und noch eins ist merkwürdig: Bei plötzlich auftauchenden Pandemien, ist gleichzeitig eine Änderung im statistischen Umgang mit den Zahlen der Erkrankungsfälle erkennbar.

Hans-Jörg Müllenmeister
4. Februar 2010

Offener Brief an Prof. Dr. Stefan Rahmstorf:

4. Februar 2010|Forschung und Wissenschaft, Umwelt, Natur- und Tierschutz|Kommentare deaktiviert für Offener Brief an Prof. Dr. Stefan Rahmstorf:

Dipl.-Chem. Dr. Hans Penner, 76351 Linkenheim-Hochstetten

28. Januar 2010

Sehr geehrter Herr Professor Rahmstorf,

Ihre Ausführungen zum Klimawandel vor dem “Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung”; am 27.01.2010 (http://www.bundestag.de/presse/hib/2010_01/2010_018/02.html) waren falsch:

  • Im Gegensatz zu Ihren Ausführungen sank die Globaltemperatur von 1940 bis 1975 und seit 1998.
  • Es gibt keinen belastbaren Beleg für eine Korrelation von Kohlendioxid – Anstieg und Temperaturanstieg.
  • Ihre Behauptung, daß der Kohlendioxid-Anstieg “komplett vom Menschen verursacht wird” ist blanker Unsinn. Laut UBA betragen die technischen Kohlendioxid-Emissionen nur 1,2% der natürlichen Emissionen.
  • Unsinn ist auch Ihre Behauptung, der Kohlendioxid-Anstieg der Luft würde zu einer “Versauerung der Meere” führen. Diese Auffassung ist mit den Gesetzen der Chemie nicht vereinbar.

Die Auffassung der von Ihnen beeinflußten Frau Dr. Merkel, “Klimaschutz” sei “eines der wichtigsten Probleme, vor denen die Menschheit steht”, ist ebenfalls Unsinn. Der Mensch kann das Wetter nicht beeinflussen. Die Klimasensitivität des Kohlendioxids beträgt höchsten 0,7°C. Mit der Hervorhebung des “Klimaschutzes” verdrängt Frau Dr. Merkel die brennenden echten Probleme der Menschheit.

Die CDU behauptet, man müsse sich “von naturwissenschaftlichen Grundsätzen leiten lassen”. Genau das tut Frau Dr. Merkel nicht. Unter politisch unabhängigen Fachwissenschaftlern besteht weitgehend ein Konsens darüber, daß technische Kohlendioxid-Emissionen keinen nachweisbaren Einfluß auf das Klima haben

(siehe: http://www.iavg.org/iavg060.pdf).

Aus Äußerungen von Fachwissenschaftlern entnehme ich, daß Ihr wissenschaftlicher Ruf wahrscheinlich schon ruiniert ist. Insbesondere Ihre Medienaktivität verdeutlicht, daß es Ihnen nicht um die wissenschaftliche Wahrheit geht, sondern um die Propagierung der Klimakatastrophen-Hypothese.

Ich hoffe auf eine Verbreitung dieses Schreibens, weil die “Klimapolitik” von Frau Dr. Merkel enormen volkswirtschaftlichen Schaden anrichtet.

Mit freundlichen Grüßen

Hans Penner

PS: Dieses Schreiben ist die Kopie eines Offenen Briefes und kein Bestandteil eines regelmäßigen Nachrichtendienstes.

Kommentar von H.-W. Graf:

Merkels Klimamärlein

Zwar ist Bundesmutti Merkel Physikerin, nicht Chemikerin, aber zum einen ist ‚das Klima’ ein chemophysikalisches Phänomen, zum anderen sollte Merkel mit den Grundsätzen ehrbarer (und ernstzunehmender) Wissenschaft(lichkeit) insofern vertraut sein, als Hysterie, Vermutungen, offensichtlich gelenkte “Forschungs”ergebnisse und Wichtigtuerei Desinformationen und gezielte Volksverdummung darstellen.

Die beschämende Infamie, mit der – ganz im Interesse bestimmter Lobbies – weltweit Panik geschürt wird, gewinnt allmählich kriminelle Größenordnungen, und die Hybris, die sich hinter der posaunten Absicht verbirgt, man wolle die Klimaerwärmung innerhalb der nächsten zehn Jahre auf drei Grad Celsius begrenzen, ist schon psychiatrieverdächtig.

Mag man Politikern noch berufs- und milieubedingte Hirnferne zugestehen, so ist die intellektuelle Korruption vonseiten bestallter (sic) Wissenschaftler (die alles, nur kein ‚Wissen’ schaffen) vor allem deshalb gefährlich, weil zwar nach letztem Census nur noch 6% der Deutschen ihren Politikern vertrauen, aber 73% den Wissenschaftlern.

Mit so einem Professorentitel läßt sich trefflich Müll verbreiten und Schaden anrichten, wenn das wissenschaftliche Ethos einem kranken Ego und finanzieller Freßgier zum Opfer fällt.

H.-W. Graf
h-w.graf @ d-perspektive.de

16. September 2009

Für Sie gelesen – Erlebtes Universum

16. September 2009|Forschung und Wissenschaft, Gesellschaftssystem|Kommentare deaktiviert für Für Sie gelesen – Erlebtes Universum

Tatsachen, Phänomene und Mysterien, Edelsteine und Zukunftsmetalle

Autor: Hans Jörg Müllenmeister
Verlag:   J.K. Fischer Verlag, Gelnhausen
Preis: € 24,95
Umfang: 448 Seiten
ISBN-10: 3940845418
ISBN-13: 978-3940845412

Er schafft es immer wieder, seine Leser zu faszinieren, zu verblüffen und zu erstaunen.

Hans Jörg Müllenmeister versteht es, auch komplexe Zusammenhänge verständlich und (noch wichtiger) stets interessant, bisweilen mit einem erfrischenden Schuß Humor, zu präsentieren, egal, ob es sich dabei um Geheimnisse aus der Chemie und der Physik, Biologie oder Medizin, Finanzwirtschaft oder um sein Lieblingsthema „Diamanten und Edelsteine“ handelt. Man mag ihm Detailverliebtheit und bisweilen etwas abstrakte Beispiele vorwerfen (mich faszinieren sie eher), aber immer wieder kommt er auf den Punkt; alle von ihm auch in seinem neuesten Buch „Erlebtes Universum“ aufgeführten Beispiele sind real, relevant und begleiten unser tagtägliches Leben.

„Erlebtes Universum“ ist eine Sammlung aus mehr als drei Dutzend Lebensbereichen, die der Autor auch immer wieder lebensnah zu verquicken versteht, und wenn der eine oder andere Leser nicht mit allen Themen warm wird, im nächsten Kapitel findet er mit Sicherheit für ihn Interessantes, vor allem jedoch (und auf jeder Seite) Neues.

Dieses Buch ist zum Verschenken wirklich bestens geeignet – als Antidroge zu Computerspielen und als würdiger Ersatz fürs immer dröger werdende Fernsehen.

H.-W. Graf
15. Januar 2007

Junge Gehirne lernen leichter

15. Januar 2007|Forschung und Wissenschaft|Kommentare deaktiviert für Junge Gehirne lernen leichter

Junge Gehirne lernen leichter

Investition in frühe Bildung macht sich in vielen Bereichen der Gesellschaft bezahlt

Internationale Vergleichsstudien zeigen fünf Jahre nach Pisa, daß sich an der erschreckenden Bilanz wenig geändert hat: Fast jeder vierte 15-Jährige kann einen einfachen Text kaum verstehen und nur auf Grundschulniveau rechnen. Ein ebenso großer Teil eines Jahrgangs gilt als nicht ausbildungsfähig. Mit 2,5 % der Bevölkerung hat Deutschland den niedrigsten Studierendenanteil unter den OECD-Ländern und auch den höchsten Anteil an Studienabbrechern. Auch berufliche Weiterbildung wird in Deutschland von weit weniger Menschen genutzt als in Vergleichsstaaten.

Unter den Studenten bilden Frauen mittlerweile die Mehrheit und sie erreichen auch durchweg bessere Schul- und Hochschulabschlüsse. Doch da Familie und Beruf in Deutschland schwer zu vereinbaren sind, stehen viele Akademikerinnen entweder nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung – oder sie entscheiden sich zugunsten einer Karriere gegen Kinder.

Angesichts der demografischen Entwicklung ist das eine fatale Verschwendung vorhandener Potenziale. Denn wenn die geburtenstarken, in den 1960ern geborenen Akademiker-Jahrgänge von 2015 an in Rente gehen, wird es zu einem bedrohlichen Mangel an Fachkräften kommen. Der Innovationsstandort Deutschland wäre in Gefahr, zumal nachwuchsstarke Schwellenländer wie Indien, China oder Indonesien im internationalen Wettbewerb rapide aufholen.

Trotzdem wird in der Bundesrepublik mit knapp fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes weniger in die Bildung investiert als in anderen Industrienationen wie den USA oder Großbritannien. Besonders wenig Geld fließt in den Primarbereich – also in Kindergarten, Grund- und Sonderschulen. Dabei sind mangelnde frühe Bildung und Betreuung die Dreh- und Angelpunkte, an denen viele gesellschaftliche Probleme entstehen, wie das Berlin-Institut in der vom Bundeskanzleramt und vom Ministerium für Bildung und Forschung in Auftrag gegebenen Studie „Unterm Strich – Erbschaften und Erblasten für das Deutschland von morgen“ analysiert.

So sind bei einem unzureichenden Betreuungsangebot Familie und Beruf schwer zu vereinbaren, und längst nicht alle Mütter setzen ihre berufliche Qualifikation zum Wohle der Gesellschaft ein. Und weil sich so wenige junge Menschen für eine Familie entscheiden, überaltert die Gesellschaft noch stärker als ohnehin schon, was die bestehenden demografischen Probleme weiter verschärft.

Außerdem führt eine unzureichende Vorschulbildung zu einer frühen Selektion der Kinder nach kulturellem und sozialem Hintergrund. Schon die Pisa-Studie hat gezeigt: In keinem anderen OECD-Staat hat die Schichtzugehörigkeit einen so entscheidenden Einfluß auf die Bildungschancen wie in Deutschland. Bildungsferne Schichten, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, haben immer weniger Chancen, den Anschluß an die Wissensgesellschaft zu halten. Dabei wächst diese Bevölkerungsgruppe mehr als alle anderen und könnte – heutige Bedingungen hochgerechnet – im Jahr 2050 mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.

Bildung_heute

Das heutige Bildungssystem investiert wenig in die jüngsten Bürger. Dadurch werden die Weichen für den späteren Lebensweg häufig falsch gestellt. Sozial Schwache haben in Deutschland geringe Chancen, ihr geistiges Potenzial zu verwirklichen.

Eine Veränderung an der zentralen Stellschraube ‚Vor- und Grundschulbildung’ könnte diese Entwicklung umkehren: Eine bessere frühkindliche Bildung würde nicht nur mehr Chancengleichheit bedeuten, sondern auch für mehr Produktivität in der Gesellschaft sorgen. Während heute viele junge Menschen bei der Ausbildung und im Beruf unter ihren Fähigkeiten bleiben, könnten sie sich – richtig gefördert – besser entfalten. Bei einem guten Betreuungsangebot könnten mehr gut ausgebildete Mütter arbeiten, sie würden mehr Dienstleistungen beanspruchen und so die Arbeitslosigkeit verringern. Vermutlich würden sich unter diesen Bedingungen mehr Menschen auf das Abenteuer Familie einlassen und die demografischen Probleme ließen sich dämpfen.

Bildung_morgen

Eine hochwertige Betreuung von Vor- und Grundschülern würde nicht nur für mehr Chancengleichheit sorgen. Sie könnte sich auch positiv auf die Familienfreundlichkeit und die Integration von Migranten auswirken – würde also letztlich die Wirtschaftskraft des Landes erhöhen.

Das Berlin-Institut folgert aus den Analysen, daß eine für alle verfügbare, frühkindliche Bildung und Schulausbildung im Ganztagsangebot eine zentrale Weichenstellung für eine zukunftsfähige Gesellschaft darstellt.

Wie aber könnte eine bessere Bildung im Vor- und Grundschulalter aussehen? Nicht nur das System, auch unser Verständnis von Bildung und Wissen muß sich ändern, schreibt das Berlin-Institut. Weniger das in der Schule gemeinhin vermittelte Faktenwissen hilft im Leben weiter, sondern Neugierde und die Fähigkeit zum Wissenserwerb, also das Wissen darüber, wie man zu Wissen kommt. Auch Lebens- und Umgangsformen sollten in der Schule vermittelt werden: Denn in der Berufswelt von morgen zählen mehr denn je „weiche Faktoren“ wie Kommunikationsfähigkeit, Zuverlässigkeit, Begeisterungsfähigkeit und Selbständigkeit – Fähigkeiten, die jedes Kind in sich trägt, die aber individuell gefördert werden müssen.

Wie ein nachhaltiges und umfassendes Bildungsprogramm für die Vor- und Grundschulzeit aussehen kann, zeigt der Bildungs- und Erziehungsplan „Bildung von Anfang an“ des Hessischen Kultus- und Sozialministeriums, der seit Herbst 2005 an 128 Standorten in Hessen erprobt wird. Der Pädagoge und Psychologe Wassilios Fthenakis, Leiter des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München, und seine Mitarbeiter haben einen Orientierungsrahmen ausgearbeitet, der darauf abzielt, jedem Kind von Geburt an möglichst optimale Bildungschancen zu bieten. Dabei wird berücksichtigt, daß Kinder im Alter von vier bis acht Jahren am meisten und am schnellsten Informationen aus ihrer Umwelt aufgreifen. In dieser Zeit erwerben sie Basiskompetenzen, die den Grundstein für lebenslanges Lernen bilden. Das betrifft Mehrsprachigkeit genauso wie mathematisches Denken, Raumorientierung, Musikalität oder Sinn für Ästhetik. Auch soziale und lernmethodische Kompetenzen erwerben Kinder in dieser Kernzeit. Werden sie in ihrer natürlichen Neugierde, Kreativität und Emotionalität bestärkt und gefördert, wirkt sich das nicht nur auf ihre Intelligenz, sondern auch auf die Widerstandsfähigkeit gegenüber belastenden Situationen aus.

 

Das wichtigste soziale Auffangnetz des Kindes bildet aber immer noch die Familie. Deshalb sieht der hessische Plan eine enge Zusammenarbeit der Eltern, Lehrer und Erzieher sowie verstärkte Hilfsangebote wie ein „Eltern-Coaching“ vor. Eltern stehen heute Herausforderungen gegenüber, die früher weitgehend unbekannt waren: Es gilt, Familie und Beruf zu vereinbaren, partnerschaftlich zusammenzuarbeiten, flexibel und mobil zu sein. Arbeitslosigkeit, Migrationshintergrund oder ein geringes Einkommen können die Situation erschweren. Gerade in schwierigen Situationen aber sollten Eltern unterstützt werden, damit sie ihren Kindern trotz allem ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit geben können. Vorbild für diese Art der Familienbetreuung sind die „Early Excellence Centres“ in England, in denen auch Eltern-Kurse angeboten werden.

Die unterschiedlichen Voraussetzungen, die Kinder mit in den Kindergarten und in die Schule bringen, sollten, so Fthenakis, nicht als Problem, sondern als Chance zum sozialen Lernen aufgefaßt werden. So sollen die Kinderlerngruppen möglichst gemischt sein, was Alter, sozioökonomische und kulturelle Herkunft betrifft. Wie schon in einzelnen Einrichtungen erprobt, schlägt Fthenakis zum Beispiel vor, daß Hort-Kinder vom Säuglingsalter bis zu zwölf Jahren zusammen betreut werden. Bei entsprechend individueller, sensibler und stabiler Betreuung in einer offenen Lernsituation haben alle Kinder etwas davon: Die Jüngeren lernen von Älteren oft schneller als von Erwachsenen, und die Größeren lernen, verantwortungsvoll mit Schwächeren umzugehen. Ob älter oder jünger, hochbegabt oder lernbehindert, jedes Kind soll sich in seinem eigenen Tempo entwickeln können und immer wieder vielfältige Anreize dazu erhalten. Die Aufgabe der Erwachsenen ist es, diesen Lernprozeß zu moderieren.

In kulturell gemischten Gruppen können Kinder die Zugehörigkeit zur eigenen Kultur entdecken und reflektieren. Sie lernen, mit dem Gefühl der Fremdheit umzugehen, das in ähnlicher Form in der Auseinandersetzung mit dem anderen Geschlecht auftaucht und haben Anreize zur Mehrsprachigkeit. Auch die Mischung von Kindern unterschiedlicher sozioökonomischer Herkunft bietet Möglichkeiten, voneinander zu lernen, Zusammenhänge zwischen Geld und Konsum zu begreifen und eine wertschätzende Haltung zu üben.

Quelle: demos Berlin-Institut, Newsletter Ausgabe 24 vom 01.08.2006

Weitere Informationen:

„Unterm Strich – Erbschaften und Erblasten für das Deutschland von morgen“

http://www.berlin-institut.org/studien/unterm-strich.html

„Bildung von Anfang an – Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder von 0 bis 10 Jahren in Hessen“

www.kultusministerium.hessen.de