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25. Februar 2011

Für Sie gelesen: LebensNetze – Motive und Wirkungen menschlichen Handelns

25. Februar 2011|Gesellschaftssystem, Gesundheit, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Für Sie gelesen: LebensNetze – Motive und Wirkungen menschlichen Handelns

Ein- und Auswirkungen im analogen Kontext

Autor: Carsten Pötter, Hauptstraße 20,
27239 Twistringen-Heiligenloh
Preis: € 19,95
Umfang: 272 Seiten
ISBN: 9-783842-351394

Was bringt einen erfolgreichen Apotheker dazu, sich mit Philosophie und Psychologie, Geschichte und sozialpolitischen Problemen zu beschäftigen – und dies nicht oberflächlich und singulär, sondern tiefgehend und vernetzt? Nun, Carsten Pötter gehört zu eben dieser Gruppe von Querdenkern, die den Weg aus systemischer Enge hin zu einem (nahezu) allumfassenden Netzwerk-Denken erkannt haben.
Sehr entspannt und trotzdem eindringlich schlägt er in seinem neuesten Buch “LebensNetze – Motive und Wirkungen menschlichen Handelns” einen wirklich universalen Bogen, wobei er selbst schwierige Zusammenhänge in auch für Laien höchst verständlicher Weise darlegt.
Das ‚ewige Gedächtnis’ unserer Zellen stellt das Grundmuster unseres DenkFühlHandelns dar. Dies gilt für unsere eigenen Befindlichkeiten und den Umgang mit unserem Körper und unseren Emotionen ebenso wie für unser interpersonelles Agieren, den Umgang mit unserem privaten wie auch beruflichen Umfeld.
Besonders interessant: seine ‚Analogien der Organe’, die sich unmittelbar in unseren Krankheiten und physischen wie emotionalen Beschränktheiten äußern.

Wichtig sind Carsten Pötter vor allem pränatale Erlebnisfelder als Ursachen unserer Entwicklung in der Pubertät, der Adoleszenz und des Erwachsenenerlebens, die dann ihre aktive und passive Resonanz in unserem Verhalten bestimmen, inwieweit wir also aktive und reaktive Mitglieder unserer Sozialgemeinschaft sind.

Dabei fällt dem Leser besonders auf, wie achtungsvoll Carsten Pötter mit seinen Lesern umgeht; er erklärt und beschreibt, enthält sich aber vorwurfsvoller Beurteilung.

Weniger achtungsvoll geht er mit systemischem Denken und bornierter Ignoranz um.

Dieses Buch ist Jugendlichen wie auch älteren Semestern sehr zu empfehlen, die verstehen wollen, warum sie selber so (inter)agieren, wie sie es tun und welche alternativen Weg des Umgangs mit sich selbst wie auch mit seiner Umwelt möglich wären.
Ein Muß für jeden, der bereit ist, seine Erlebniswelt zu hinterfragen, um ein wenig zu verändern, was so “alternativlos” erscheint.
Prädikat: besonders lesenswert!

Hans-Wolff Graf

Leseprobe und Buchbestellung unter:
http://land-apo.de/infos/buecher/index.html#6245629e7d0f4e404

19. Oktober 2009

Für Sie gelesen – Intelligente Zellen

19. Oktober 2009|Gesundheit, Soziales / Geschichte, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Für Sie gelesen – Intelligente Zellen

Autor: Dr. Bruce Lipton
Verlag:   Koha Verlag Gmbh
Preis: € 14,95
Umfang: 264 Seiten
ISBN-10: 3-936862-88-5

Dieses Buch wird Ihre Vorstellung von den Auswirkungen Ihres Denkens und Fühlens für immer verändern.

Vielleicht haben Sie es schon geahnt, daß das Denken und Fühlen unser physisches Leben bestimmt. Jetzt können Sie sich sicher sein. Erstaunliche wissenschaftliche Erkenntnisse über die biochemischen Funktionen unseres Körpers zeigen, daß unser Denken und Fühlen bis in jede einzelne unserer Zellen hineinwirkt. Der Zellbiologe Bruce Lipton beschreibt genau, wie dies auf molekularer Ebene vor sich geht. In leicht verständlicher Sprache und anhand eingängiger Beispiele führt er vor, wie die neue Wissenschaft der Epigenetik die Idee auf den Kopf stellt, daß unser physisches Dasein durch unsere DNS bestimmt würde. Vielmehr wird sowohl unser persönliches Leben als auch unser kollektives Dasein durch die Verbindung zwischen innen und außen, zwischen Geist und Materie gesteuert. Eine Erkenntnis, die, logisch weiter gedacht, auch weiterreichende spirituelle Konsequenzen hat.

Über den Autor

Bruce Lipton ist international für seine Art bekannt, Wissenschaft und Geist miteinander zu verbinden. Als Zellbiologe lehrte er an der medizinischen Fakultät der Universität von Wisconsin und arbeitete als Forscher an der medizinischen Fakultät der Stanford Universität. Seine bahnbrechenden Erkenntnisse über die Zellmembran machten ihn zu einem Pionier der neuen Wissenschaft der Epigenetik. Heute reist er durch die ganze Welt und hält Vorträge und Seminare über die Neue Biologie.

Hierzu empfehlen wir Ihnen auch: “Wie wir werden, was wir sind (DVD-Video)”

19. Oktober 2009

Für Sie gesehen – Wie wir werden, was wir sind (DVD-Video)

19. Oktober 2009|Gesundheit, Psychologie / Philosophie, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Für Sie gesehen – Wie wir werden, was wir sind (DVD-Video)

Sprecher: Dr. Bruce Lipton
Verlag:   Koha Verlag GmbH
Preis: € € 19,95
Laufzeit: 120 Minuten
Sprache: Deutsch, Englisch
ISBN: 3867281041

Die Programmierungen durch unsere Eltern haben fundamentale Bedeutung für unsere Gesundheit, unser Verhalten, unsere Einstellungen und unsere Beziehungen!

In einem bildreichen, leicht verständlichen Vortrag erläutert der Zellbiologe und Pionier der prä- und perinatalen Entwicklung Dr. Bruce Lipton aus Sicht der neuen Wissenschaft den Mechanismus, durch den sich die Überzeugungen und Emotionen der Eltern auf die Entwicklung des genetischen Codes der Kinder auswirken. Unsere prä- und perinatalen Erfahrungen bilden eine Art biologischer Vorgabe, die alle späteren Gefühle und Einstellungen im Hinblick auf uns selbst, unsere zwischenmenschlichen Beziehungen und unsere Verbindung zu Himmel und Erde bestimmen. Das Wissen um die Mechanismen kann uns davor bewahren, weiteren Schaden anzurichten; es hilft uns, jene Bereiche unseres Denkens und unseres Fühlens zu heilen, in denen wir selbst durch unsere Programmierungen eingeschränkt sind.

19. Mai 2009

ADHS-Medikamente werden oft zu hoch dosiert

19. Mai 2009|Gesundheit, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für ADHS-Medikamente werden oft zu hoch dosiert

Experten kritisieren Ärzte und Eltern: Wenn das Mittel nicht mehr wirkt, wird einfach mehr gegeben. Doch das ist riskant, wie Praxisbeispiele zeigen.

Drei Jahre lang schluckte der 13-jährige Schüler das Zappelphilipp-Medikament ‚Methylphenidat’. Es sollte seine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bekämpfen. Bis zu dem Tag, als ihm nach der morgendlichen Tabletteneinnahme plötzlich schwindelig wurde, er seine Beine beim Gehen nicht mehr richtig kontrollieren konnte, die Augen zu drehen begannen, er apathisch auf Ansprache reagierte und Halluzinationen beschrieb. Experten nennen das „psychiatrische Ausfallerscheinungen“. Der Stationsarzt der Hagener Kinderklinik, dem der Junge noch am selben Abend vorgestellt wurde, führte die Symptome auf „eine arzneimittelinduzierte Psychose, ausgelöst durch Methylphenidat“, zurück.

Die Verbreitung des ADHS-Medikaments ‚Methylphenidat’ hat in den letzten Jahren drastisch zugenommen. 1993 wurden in Deutschland 34 Kilogramm verbraucht, im vergangenen Jahr erreichte der Verbrauch laut Bundesopiumstelle einen neuen Rekordwert: 1429 Kilogramm. Das macht eine Steigerung um 4202 Prozent in 14 Jahren. In der Altersgruppe der 11- bis 14-Jährigen liegen ADHS-Mittel mittlerweile an der Spitze der Verschreibungen, offenbart der jüngste Arzneireport der Gmünder Ersatzkasse.

Über Wirkung und Nebenwirkungen von ‚Methylphenidat’ gibt es widersprüchliche Studien und Meinungen, über die so kontrovers gestritten wird wie um die grundsätzliche Diagnose ADHS. Die „Konferenz ADHS“ etwa, ein freier Zusammenschluß von Ärzten, Biologen, Pädagogen und Psychologen, hält ADHS nur für ein „medizinisches Konstrukt“.

Die Pharmakologin Christine Greiner von der Universitätsklinik Regensburg hat den Fall des 13-jährigen Jungen aus dem westfälischen Hagen genau analysiert. Ihre Arbeitsgruppe ist spezialisiert auf den Zusammenhang von Medikamenteneinnahme und Wirkstoffkonzentration im Blut. Sie stellt fest, wie der einzelne Patient auf ein bestimmtes Medikament – vor allem Psychopharmaka – reagiert, sprich: wie hoch es eigentlich für den Betreffenden dosiert sein müßte. Greiner kommt zu dem Schluß: Die ‚Methylphenidat’-Konzentration im Blut des Jungen war viel zu hoch. Zwar gebe es keine therapeutischen Referenzbereiche, betont sie. Aber: „Es gibt Literaturhinweise dafür, daß hohe Dosen ‚Methylphenidat’ psychotische Zustände im Sinne optischer und akustischer Halluzinationen hervorrufen können.“ Dabei hätten die in der Literatur beschriebenen Dosen noch um mehr als die Hälfte niedriger gelegen als im vorliegenden Fall des 13-jährigen Jungen aus Hagen, erklärt die Fachfrau. Das Kind sollte laut ärztlicher Verordnung täglich 90 Milligramm ‚Methylphenidat’ schlucken: eine 36-Milligramm-Tablette und eine 54-Milligramm-Tablette. ‚Concerta’, das handelsübliche ‚Methylphenidat’-Präparat, gibt es seit 2002 auf dem deutschen Markt mit den Wirkstoffmengen 18, 36 und 54 Milligramm. „Ob der Junge  versehentlich zwei 54-Milligramm-Tabletten geschluckt hat, wissen wir nicht“, sagt Greiner. „Prinzipiell wäre auch denkbar, daß Eltern eigenmächtig eine Höherdosierung vornehmen, da sie nicht mehr Herr der Situation werden.“

Dabei weist der ‚Concerta’-Hersteller Janssen-Cilag seit 2005 in seiner Sachinfo darauf hin, daß eine Tagesdosis von mehr als 54 Milligramm zu vermeiden sei. „Rein rechtlich sichert sich die Firma damit ab“, sagt Greiner. „Wenn Ärzte höhere Tagesdosen verschreiben, was nicht selten vorkommt, müssen sie sich deshalb gut rechtfertigen können.“ Daß der Junge anders als erwartet reagiert habe, zeige, daß die Überdosierung speziell für ihn schädlich war. Umso wichtiger sei „eine genaue Konzentrationsbestimmung von Psychopharmaka individuell auf den Patienten“. Viele Ärzte verschreiben das Medikament aber ohne ausreichende Diagnosestellung, kritisiert sie. „Wenn die Kinderpsychiater es verordnen, müssen die Kinder medizinisch kontrolliert werden. Auch die Eltern dürfen die Kinder dann nicht sich selbst überlassen oder das Medikament eigenmächtig höher dosieren in der Hoffnung, ihre Sprößlinge könnten sich dann noch besser konzentrieren.“

Von einem ähnlichen Fall berichtet Annette Streeck-Fischer, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Niedersächsischen Landeskrankenhaus Tiefenbrunn. „Ein 15-Jähriger kam vor einem Jahr zu uns, der seit seinem achten Lebensjahr ‚Concerta’ bekam, zuletzt täglich 150 Milligramm. Man hat im Lauf der Jahre immer höher dosiert, weil die Wirkung nachließ. Der Junge war völlig erstarrt, blaß und wirkte sehr angestrengt.“ In der Klinik wurde das Medikament sofort abgesetzt und man schaute, welches Problem sich hinter der angeblichen „Störung“ des Jungen verbarg, berichtet Streeck-Fischer.
Dabei stellte sich heraus: „Die Eltern hatten sich getrennt und den Jungen als Prellball in ihrer Mitte benutzt, um heftigste Konflikte auszutragen. Das hat ihn schlicht fertig gemacht.“ Heute lebt der Junge in einer Einrichtung der Jugendhilfe, besucht das Gymnasium und „will von Medikamenten nichts mehr wissen“, erzählt die Ärztin.

Verteufeln will Professor Otmar Kabat vel Job, Leiter des „Integrativen Zentrums zur Förderung hyperkinetischer Kinder“ (IZH) in Chemnitz, das Zappelphilipp-Medikament keineswegs. „Es kann am Anfang eine wichtige Krücke sein. Aber das Ziel muß immer sein, von ihm wieder loszukommen, denn es heilt ja nicht“, sagt der Professor für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der TU Chemnitz. „Das Problem ist: Der Anfangseffekt des Medikaments verpufft rasch. Das hat verheerende Wirkungen, denn man will dann immer höher dosieren. Das Kind denkt bald: Ich funktioniere nur, wenn ich das Medikament schlucke.“

Auch viele junge Erwachsene greifen deshalb zu ADHS-Medikamenten, obwohl es kein einziges ADHS-Präparat gibt, das in Deutschland für Erwachsene zugelassen ist. Sie nehmen es dann im so genannten Off-Label-Use. Viele schlucken es seit ihrer Jugendzeit und meinen, ohne Medikament nicht richtig funktionieren zu können.

Kabat vel Job setzt deshalb auf eine „multimodale Bewältigungsförderung“, von „Therapie“ mag er nicht sprechen. Sie zielt darauf ab, auf Dauer ohne Medikament auszukommen oder gar nicht erst eines zu benötigen. 135 Kinder betreut er zur bZeit. Die Hälfte davon hat bereits ‚Methylphenidat’ verschrieben bekommen, die andere Hälfte ist medikamentenfrei. „Die meisten Kinder können irgendwann mit dem Pillenschlucken aufhören.“ Der Psychologe bezieht auch das soziale Umfeld des Kindes mit ein: Familie, Schule und betreuende Ärzte. Dem Kind werden bestimmte Techniken zur Steuerung seiner Impulse und seines Selbstmanagements beigebracht. Insgesamt zweieinhalb Jahre veranschlagt er für die Maßnahme. „Evaluationen zeigen: Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagt der Experte. „Eltern und Lehrer, die zunächst abblocken, empfinden Hilfsangebote oft als Vorwürfe. Sie tauen aber rasch auf, wenn sie merken, mit welch einfachen Mitteln sie die Atmosphäre in Familie oder Schule oft verbessern können.“

Wichtig ist Kabat vel Job, auch die „positiven Ressourcen“ dieser als „schwierig“ empfundenen Kinder in den Blick zu nehmen: „Sie sind oft besonders kreativ und haben spezielle Begabungen.“ Indem man lediglich die „Erregungsbalance“ dieser Kinder medikamentös auf ein ähnliches Niveau bringe wie bei Nicht-Betroffenen, zerstöre man dieses Potenzial aber zwangsläufig.

Birgitta vom Lehn
17. Mai 2009

Schlaganfall-Kinder brauchen kontinuierlich Begleitung

17. Mai 2009|Gesundheit, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Schlaganfall-Kinder brauchen kontinuierlich Begleitung

Bremer Studie: Junge Patienten werden oft verhaltensauffällig, haben Schulprobleme und werden „durchgereicht“.

Als die dreijährige Pauline nachts plötzlich wie am Spieß schrie, tippte ihre Mutter auf eine Blasenentzündung. Das kleine Mädchen war aggressiv und ließ sich nur schlecht beruhigen. Erst Stunden später schlief es wieder ein. Am Morgen konnte Pauline  ihre linke Körperhälfte nicht mehr bewegen. Die Mutter fuhr mit ihr in die Klinik, wo man ihr sagte: Pauline habe womöglich einen Schlaganfall erlitten. Die anschließende Kernspintomographie bestätigte den Verdacht.

Rund 300 Kinder in Deutschland erleiden jährlich einen Schlaganfall. Am häufigsten ereignet er sich bei Neugeborenen: Eins von 4.000 ist betroffen. Ursachen können Herzfehler, Gefäßverletzungen oder -entzündungen sein. Rund ein Drittel trägt bleibende Schäden wie Lähmungserscheinungen oder epileptische Anfälle davon. Darüber hinaus haben sie auch oft Gedächtnisprobleme und Konzentrationsstörungen, denn ein früher Schlaganfall schädigt das reifende Gehirn, vor allem wenn die Hirnrinde betroffen ist, was meist bei Neugeborenen und älteren Kindern der Fall ist. Oft zeigen sich die Folgen erst in der Schule, wenn die Leistungsanforderungen steigen. Zusätzlich treten Verhaltensauffälligkeiten, emotionale Störungen und Depressionen auf.

Das Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation an der Universität Bremen sammelt seit sechs Jahren Daten im Rahmen des Projekts „Schlaganfälle im Kinder- und Jugendalter – neuropsychologische Störungen im Langzeitverlauf“. Im Fachblatt ‚Fortschritte der Neurologie und Psychiatrie’ haben die Bremer Forscher nun erste Ergebnisse vorgestellt. An dem Projekt beteiligen sich betroffene Familien aus dem gesamten Bundesgebiet. Insgesamt liegen mittlerweile Daten für 111 Familien vor und damit von 57 Jungen und 54 Mädchen zwischen drei und 18 Jahren. Davon haben 54 Kinder innerhalb des ersten Lebensmonats ihren Schlaganfall erlitten, 30 zwischen dem zweiten Lebensmonat und dem sechsten Lebensjahr und 27 zwischen dem siebten und 18. Lebensjahr.

Studienleiterin Monika Daseking und ihr Team verzeichnen bei den Probanden „besonders auffällige Werte“ für die Skalen „Soziale Probleme“ und „Aufmerksamkeitsprobleme“: 27 Prozent der Eltern berichteten von sozialen Problemen, 24 Prozent von Aufmerksamkeitsdefiziten. Zwölf Kinder zeigten dissoziales, 18 aggressives Verhalten und acht Kinder zeigten sich in beidem auffällig. Insgesamt bewegt sich ein Drittel der Kinder „im auffälligen Bereich“, stellen die Forscher fest.

Besonders betroffen von Aufmerksamkeitsproblemen und sozialen Konflikten scheinen Kinder zu sein, die den Schlaganfall unmittelbar nach der Geburt oder im späteren Kindesalter erlitten haben. Als „ängstlich“ und „aggressiv“ werden verstärkt Kinder mit dem Schlaganfall zu einem späteren Zeitpunkt eingeschätzt. Letztere klagen auch stärker über körperliche Beschwerden als Kinder nach perinatalen oder frühkindlichen Schlaganfällen.

Wie sich der Schlaganfall auf die allgemeine Intelligenzentwicklung auswirkt, hängt sowohl vom Alter zum Zeitpunkt der Schädigung als auch von der Lokalisation ab. Linkshemisphärische Schlaganfälle beim Neugeborenen oder in der späteren Kindheit scheinen den größten negativen Einfluß zu haben. „Kinder mit perinatalen Schlaganfällen zeigen auch insgesamt die niedrigsten Intelligenzwerte“, schreiben die Wissenschaftler.

Jedes zweite Schlaganfallkind besucht keine Regel-, sondern eine Förder- oder Sonderschule, weil es bereits eine Klasse wiederholt oder unterdurchschnittliche Leistungen gezeigt hat. Dabei seien viele dieser Kinder eigentlich nicht richtig auf der Sonderschule aufgehoben, weil sie nur Teilleistungsstörungen haben. „Sie haben visuelle oder motorische Probleme und brauchen oft einfach nur mehr Zeit für ihre Aufgaben. Das Schulsystem ist da zu unflexibel, um den Förderbedarf zu leisten“, klagt Daseking.

Diese Kinder verbringen auch weniger Zeit in Gruppen und Vereinen und haben weniger Freunde. Jungen und Mädchen sind gleich stark betroffen. Vielen fehlt im Kindergarten die sprachliche Kompetenz, sich angemessen mitteilen zu können. Stellt das Kind fest, daß es mit den gesunden Gleichaltrigen nicht mithalten kann, reagiert es aggressiv oder zieht sich zurück. Beides führt ins soziale Abseits. Die Erkenntnis, anders zu sein als andere Kinder, beginnt – gerade bei Einzelkindern – mit dem Eintritt in den Kindergarten.

Daseking rät daher Eltern, bei wichtigen Einschnitten im Leben ihres Kindes – Kindergarteneintritt, Schuleintritt oder Schulwechsel – besonders wachsam zu sein. Wichtig sei, „immer am Ball zu bleiben“ und sich „nicht abwimmeln zu lassen“. Die Kinder bräuchten eine langfristige fachkundige Begleitung. Häufig sei es aber so, daß die Zuständigkeiten wechseln und die Kinder „durchgereicht“ würden. Daseking: „Man fokussiert sich meist zu spät auf das Reparieren der Schäden. Dabei kann man bei Kindern viel präventiv machen, wenn man früh übt und trainiert, nicht nur die motorischen Defizite, sondern auch das kognitive Verhalten.“ Ideal sei eine neuropsychologische Therapie. Doch die zahle die Kasse nicht. Stattdessen werde meist  Ergotherapie gemacht. Daseking bezeichnet das als „schlechte Alternative“ – es sei denn, der Ergotherapeut arbeite mit einem Psychologen zusammen. „Schlimm ist, wenn unspezifisch gefördert wird“, warnt die Psychologin. Medikamente wie Methylphenidat könnten wirksam eingesetzt werden – aber nur, wenn genau kontrolliert werde, ob keine Gerinnungsstörung vorliege und dies in enger Abstimmung mit einem Kinder- und Jugendpsychiater geschehe.

Pauline hat übrigens Glück gehabt. Sie hat sich bis auf leichte feinmotorische Störungen in der linken Hand und im linken Fuß fast vollständig von ihrem Schlaganfall erholt. Dennoch bleibt sie unter weiterer Beobachtung. Die Ursache für den Schlaganfall konnte an der Universitätsklinik Münster geklärt werden, wo ebenfalls eine Langzeitstudie läuft und es eine Spezialsprechstunde für junge Schlaganfallpatienten gibt: Pauline hatte vor fünf Wochen Windpocken. Dabei haben sich die Hirngefäße entzündet.

Birgitta vom Lehn
25. Juni 2008

Für Sie gelesen: Patient in Deutschland – verraten und verkauft

25. Juni 2008|Gesundheit, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Für Sie gelesen: Patient in Deutschland – verraten und verkauft

Ein nie da gewesener Blick hinter die Kulissen des Gesundheitswesens – für jeden Patienten verständlich.

Autor: Gaby Guzek
Verlag: Promedico Verlag, Hamburg
Preis: € 14,80
Umfang: 163 Seiten
ISBN: 978-3-932516-16-0

Die Krankenkassenbeiträge steigen und steigen: Ein durchschnittlicher Angestellter arbeitet jedes Jahr ganze zweieinhalb Monate nur für seine Krankenkassenbeiträge – gleichzeitig wird die medizinische Versorgung ständig schlechter. Bei Medikamenten zahlen die Kassen nur noch Billigpillen, wer Rückenschmerzen hat und ein Rezept für eine Krankengymnastik ergattert hat, darf sich freuen. Ärzte werden mit massiven Strafzahlungen bedroht, wenn die Kassen meinen, daß sie “zuviel verschreiben”.

“Allen PR-Nebelbomben von Politikern zum Trotz: Wir haben schon lange eine klammheimliche Rationierung im deutschen Gesundheitswesen. Nur spricht keiner darüber. Das könnte ja Wählerstimmen kosten. Letztlich ist es aber kein anderer als Dr.med. Vater Staat selbst, der hinter den Kulissen die Strippen zieht und der – so scheint es mir – mehr die eigenen Finanzen als die Gesundheit seiner Bürger im Sinne hat”, schreibt die Hamburger Fachjournalistin Gaby Guzek in ihrem Buch Patient in Deutschland – verraten und verkauft.”

Sie gibt einen bislang nicht da gewesenen Blick hinter die Kulissen des deutschen Gesundheitswesens: Wussten Sie, dass die gesetzlichen Krankenkassen mehr Geld für ihre eigene Verwaltung ausgeben als für die zahnärztliche Versorgung ihrer Versicherten insgesamt? Oder daß es in Deutschland nur noch rund 94.000 Arztpraxen gibt – aber 140.000 Krankenkassen-Mitarbeiter? Oder daß das Bundessozialgericht erst kürzlich einen 64jährigen Pathologen dazu verurteilte, auch als Notarzt bereit zu stehen – obwohl der Facharzt seit mehr als 30 Jahren keinen lebenden Patienten mehr zu Gesicht bekommen hat und kurz vor der Rente steht?

Ein kostenloses Probeexemplar können Sie hier laden:

www.promedico.de/Patient_zusammenfass.pdf

4. September 2007

Für Sie gelesen – Die Bombe unter der Achselhöhle

4. September 2007|Gesundheit, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Für Sie gelesen – Die Bombe unter der Achselhöhle

Autor: Dr. med. Walter Mauch
Verlag: Verlagsbuchhandlung F. A. Herbig, München
Preis: € 9,90
Umfang: 224 Seiten
ISBN: 9-78776-670363

Nachdem das Gesundheitsbuch „Die Bombe unter der Achselhöhle“ von Dr. med. Walter Mauch von 1996 bis 2003 – also sieben Jahre – durch die Industrie blockiert wurde, ist es jetzt zum Senkrechtstarter geworden. Soeben erschien die 6. Auflage.

Nach Dr. Mauch leben wir in einer Welt der Chemie und Physik, die uns verführt und belastet. Hier liegen die Hauptursachen für viele Erkrankungen. Wir haben das Leben in der Natur aufgegeben. Der Körper kann die vielfältigen anorganischen, von der chemischen Industrie produzierten Substanzen nicht erkennen und nicht verarbeiten. Er lagert sie in die Gewebe ein, die schließlich zur Müllhalde werden. Die Zelle kann nicht mehr atmen und erstickt im Dreck. Der Krebs wird ausgelöst.

Gezielt geht Dr. Mauch im ersten Teil seines Buches auf diese Zusammenhänge ein und weist im zweiten Teil den Weg, wie wir durch Eigeninitiative aus dem Krankheits-Chaos herauskommen können.

Dr. Mauch sagt: Schauen Sie hin und nehmen Sie Ihre Gesundheit selbst in die Hand. Die Natur hat für unser Leben alles bereitet. Dr. Mauch zeigt im zweiten Teil, wie man aus einem gesunden Küchenschrank mit Naturprodukten – die Pflanze, das Wasser, das Salz, das Öl – leben und mit diesen Naturprodukten, die uns Kraft und Gesundheit geben, heilen kann. Er gibt dazu einfache und klare Anweisungen wie das Salzbad, die heiße Kompresse, die Ernährung, die Naturkosmetik, ungiftige Putzmittel und vieles mehr.

Wir benötigen nur in der Notfallmedizin die chemischen Medikamente. Hier sind sie olft lebensrettend.

Als tödliche Falle – ‚Bombe unter der Achselhöhle’ – bezeichnet Dr. Mauch die Deodorantien. Die Achselhöhle enthält das Haupt-Lymphzentrum. Sie ist warm. Die Poren sind offen. Jeden Tag und oft mehrfach am Tag geben Sie eine chemische Dosis – das Deodorant – in die Achselhöhle. Wie ein Medikament werden durch die geöffneten Poren die chemischen Substanzen aufgenommen und über das Lymphsystem dem Körper zugeführt. Hier ist die Hauptursache für den Brustkrebs, Allergien und viele andere Erkrankungen.

„Du stinkst“ ist die raffinierte Werbeaussage, und wer will schon stinken? Also benutzt man das Deo – das in die Katastrophe führt.

19. Dezember 2003

Der Weg zur Authentizität

19. Dezember 2003|Bildungspolitik, Gesundheit, Psychologie, Psychologie / Philosophie, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Der Weg zur Authentizität

– über die Angst vor Veränderung –

Eigentlich klingt diese Aussage beinahe verdächtig banal, denn ‚natürlich’ möchte Jeder er selbst, also ‚echt’ (authentisch) sein und auf dem Weg durchs Leben sein individuelles Höchstmaß an ‚Selbst’heit leben und genießen. Zumindest meint man, davon ausgehen zu dürfen.
Doch ganz so abwegig scheint der Verdacht nicht zu sein, daß hier zumeist der Wunsch der Vater des Gedankens ist und es den meisten Menschen eben doch nicht so einfach erscheint, IHR Leben zu leben, IHR wahres SELBST zu (er)kennen; wie sonst ließe sich der millionenfache Absatz Tausender von ‚Lebenshilfebüchern’ erklären? Warum sonst erleben Filme eine Hochzeit, die uns das ‚Heldentum’ der ‚Krisenbewältiger’ schlechthin vor Augen führen? In derartigen Filmen sehen wir dann furchtlose Helden alle Probleme meistern, brutal oder spielerisch, aber immer erfolgreich. Warum flüchten denn so viele Menschen in esoterische Zirkel, Kulte und Sekten? Warum nehmen die psychosomatischen Erkrankungen erschreckend rapide zu, obwohl unsere Berufswelt weniger gefährlich und beschwerlich ist, wir weniger lange arbeiten und intensivere Möglichkeiten der Freizeitnutzung haben als jemals zuvor?
Beunruhigen müssen in dem Zusammenhang auch die Zunahme der Amokläufe zuvor unauffälliger (und immer jüngerer) Mitmenschen und die wachsende Aggressivität in unserer Umwelt, letztlich auch die steigenden Selbstmordraten.
Wenn Sie nun schulterzuckend konstatieren, daß bei Ihnen alles ‚im grünen Bereich’ sei und Sie obige Fragen schlicht weder beantworten können, noch sich damit zu befassen gedächten, sollten Sie sich mit den folgenden Gedanken gar nicht weiter belasten. Für Sie ist die Welt so in Ordnung, wie sie ist.

Die Probleme der ‚Selbstpositionierung’

Authentizität’ ist ein modernes Schlagwort – eigentlich ist es ein spätionisches Wort und wohl ca. 2.800 Jahre alt, aber was soll`s. Es bedeutet ‚Echtheit’, und als Prädikat hängen wir es Menschen an, bei denen wir den Eindruck haben, sie seien wirklich ‚sie selbst’, also authentisch. Ihnen gehört dann unsere laut geäußerte Achtung oder stille Bewunderung. Viele ihrer Fähigkeiten hätten wir gerne (wobei wir uns flugs selbst erklären, warum wir das eben nicht können, was dagegen spricht, wie mühselig das wäre, und, und, und). Das Ende vom Lied: Alles bleibt, wie es ist – bei uns ändert sich nichts, und bei nächster Gelegenheit überfällt uns in gleicher Weise das Gefühl der eigenen Ohnmacht, Inkompetenz, des Neides, der Bewunderung. Unsere Minderwertigkeitskomplexe werden genährt, und wir „beschließen“ einmal mehr, unser Leben zu ändern, „mehr“ (was? wovon?) tun zu wollen, jetzt endlich frühere „Beschlüsse“ umzusetzen, etc., etc.. Und dennoch: Nur die wenigsten dieser Momente dauern länger als ein paar „Schrecksekunden“, dann bleibt doch wieder alles beim alten – inkl. des schlechten Gewissens bzgl. unserer Trägheit, der in uns grummelnden Ängste und Feigheitsmomente. Das geht dann über Jahre so, und allmählich entwickeln wir selbst bei diesem ständigen Selbstverleugnen, dem Kampf zwischen Wunsch und schlechtem Gewissen (wenn es einmal mehr nur beim Wünschen blieb) eine Art Routine, bis wir – irgendwann – des Faktors ‚Zeit’ gewahr werden und uns klar wird, daß dieses oder jenes nun wirklich nicht mehr möglich ist, weil wir zu alt und körperlich nicht mehr fit genug sind, irgend ein anderer Zeitgenosse unsere Idee hat patentieren lassen, entsprechende Bezugspersonen gestorben sind, usw.. Uns wird dann bewußt, daß wir mithilfe fauler Ausreden Zeit und Chancen verbummelt, nicht rechtzeitig oder zu wenig konsequent gehandelt haben, Gelegenheiten unwiederbringlich verstreichen ließen.

Inwieweit sich diese Verdrängungsmechanismen, dieses Sammelsurium fauler Ausreden (vor uns selbst mehr als vor allen Mitmenschen) auf unsere Psyche, unser Seelenleben, aber auch auf unseren Funktionsapparat, den Körper, auswirken, ist den meisten Menschen gar nicht bewußt. Der alte lateinische Spruch ‚mens sana in corpore sano’ (‚In einem gesunden Körper lebt auch ein gesunder Geist’) macht andersherum viel mehr Sinn: ‚Je gesünder das ‚DenkFühlHandeln’[1] eines Menschen ist, desto gesünder bleibt auch sein Körper’.

Was unterscheidet uns von der gesamten übrigen Natur?

Seit der Mensch durch den Schluß der Hirnbrücke in den Stand versetzt wurde, zu denken, vorausschauend zu planen, zu abstrahieren, zu vergleichen, zu werten, sich etwas abstrakt vorzustellen (auch ohne realen Bezug), sucht er nach Erklärungen für seine schiere Existenz, den Ursprung (und Sinn) dieser Welt und des ihn umgebenden Kosmos. Er trat damit immer mehr aus dem Kranz der übrigen Geschöpfe – der Pflanzen und Tiere, die in ihrer natürlichen Umwelt eingebettet leben, ohne diese zu hinterfragen – heraus und begann zu experimentieren. Anders als alle anderen Lebensformen sucht(e) er nach Erklärungsmustern und Begründungen, frägt nach Sinn und Nutzen, plant und gestaltet, kurz: Er stellt sich mit allem, was ihn ausmacht – seine Physis, Herkunft und Fähigkeiten, seine Umwelt, Freunde, Elternhaus, aber auch seine Zukunft (Familie, Beruf, etc.) – unter ein ‚Wertungsschema’, in ein System von vergleichbaren Parametern, das sich in der Weise (und Schnelligkeit) formt, wie sich seine Denkfähigkeit entwickelt. Da dies aber jeweils im entsprechenden Umfeld erfolgt (Familie, später Nachbarschaft, Verwandten- und Freundeskreis, Kindergarten, Schule, etc.), werden bereits dem jungen Menschlein (und dessen noch unbeschriebener ‚Festplatte’ mit rund 100 Milliarden Synapsen, die gierig danach hungern, mit Inhalten gefüttert zu werden) bestimmte Prägungen zuteil, die einerseits zu Talenten und Neigungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten führen, die uns im späteren Leben nützlich und wertvoll sein können (wenn wir sie trainieren und vervollkommnen), andererseits erkennen wir (später) auch die Mängel unserer ‚Programmierung’ im Kindes- und Jugendalter.

Narben der Kindheit

Negative Erfahrungen hinterlassen Spuren im Gehirn

Die Magdeburger Biologin Anna Katharina Braun hat an Ratten-Gehirnen jetzt auch neurologisch nachgewiesen, daß frühe traumatische Erfahrungen das Verhalten eines Lebewesens sein ganzes Leben lang beeinflussen können. Wissenschaftler aus Magdeburg hatten die Beziehungen junger Ratten zu ihren Eltern und Geschwistern systematisch gestört. Hören konnten die kleinen Strauchratten sich zwar gegenseitig, sehen jedoch nicht: Streß und Angst waren die Folge. Die Forscher gehen davon aus, daß Streßhormone über das Blut ins Gehirn gelangen und dort das Wachstum von Nervenzellen und synaptischen Kontakten beeinflussen.
Zum Beweis schnitten die Neurobiologen die Gehirne von Ratten in feine Scheiben und untersuchten diese unter dem Mikroskop. „Wir haben festgestellt, daß bei den deprivierten Strauchratten die Anzahl von Dörnchensynapsen stark vermehrt ist,“ sagt Anna Katharina Braun. Diese dauerhaften Veränderungen finden in einem Bereich des Gehirns statt, der für Emotionen und das Lernen zuständig ist. Daß sich die Ergebnisse auf Menschen übertragen lassen, zeigen kernspintomographische Aufnahmen von Kindergehirnen. Bei vernachlässigten Kindern sind in den entsprechenden lymbischen Gehirnregionen Stoffwechselunterfunktionen erkennbar. Die Konsequenz: „Man kann anhand unserer Daten überlegen, ob man Verhaltensstörungen therapieren und auch diese Gehirnstörungen wieder reparieren kann,“ so Anna Katharina Braun.

Daß wir in Kindheit und Jugend programmiert werden, ist nichts Neues, werden Sie sagen. Stimmt, aber interessant dabei ist doch, daß die meisten Menschen sich eigener Werte und Fähigkeiten kaum bewußt sind und viel mehr damit beschäftigt sind, sich mit anderen Menschen und deren Vorzügen zu vergleichen – zumeist mit dem Ergebnis, daß sie diese ob ihrer (anderen, besseren) Fähigkeiten beneiden, die eigenen Vorzüge aber weder zu schätzen noch zu genießen wissen. Auf diese Idee käme kein anderes Lebewesen unserer Welt, denn dazu ist ein Gehirn menschlicher Bauart und Funktionalität nötig.

Nun könnte man meinen: „Gut so, nur wer sich mit anderen Menschen vergleicht und bei diesen Fähigkeiten entdeckt, die ihm selbst fehlen, kann daraus die Motivation entwickeln, sich diese Menschen zum Vorbild zu nehmen, um dazuzulernen, neue Fertigkeiten zu erlernen, besser zu werden“. Fein, das klingt gut, und theoretisch ist dagegen nichts einzuwenden. Aber warum beobachten wir dann (bei uns wie auch bei unseren Mitmenschen) das Phänomen des Neides, der Mißgunst, der eigenen Geringschätzung? Ein Kleinkind, das mit wachen Augen neugierig seine Umwelt bei ihrem Tun und Treiben beäugt und nachzuahmen versucht, handelt in spielerischer Freude, interessiert und motiviert. Jeder kleine Fortschritt ist ihm Motivation für erneutes Versuchen. Jeder gelungene Versuch bringt ihm unbewußte Bestätigung und führt zu weiterem Bemühen. Erst die Reaktion der ihn umgebenden Erwachsenen führt zu einer Bewußtwerdung, einer Reflektion des eigenen Handelns.

Erhält es Lob und Beifall, stimuliert dies das Kind zu weiterem stärkeren Bemühen – Lob wird als positive Zuwendung empfunden. Stößt es hingegen auf Ablehnung, Kritik und Vorwurf, fühlt es sich belastet und zurückgewiesen. Es entwickelt sich allmählich ein ‚Wertekatalog’, in den das Kind – ohne daß es sich dessen bewußt wird oder darüber schon eigenmächtig zu entscheiden vermag – eingebunden wird. Instinktiv – das Kind ist auf den Schutz durch die es umgebenden größeren Menschen angewiesen – paßt es sich diesem Wertungsschema an, es unterwirft sich ihm.

Der Prozeß der ‚Normierung’[2] beginnt rapide fortzuschreiten. Mehr und mehr hinterfrägt es dann nicht mehr, was es selbst ausprobieren, lernen und erfahren will, vielmehr lernt es zu begreifen (mitunter im ursächlichsten Sinne des Wortes ‚be-greifen’), was es wie zu tun, bzw. zu lassen hat, was von ihm erwartet wird, wofür es Lob/Beifall erfährt oder Vorwurf/Strafe erntet. Ersteres setzt bestärkenden ‚EU-Streß’[3] frei, letzteres reduzierenden ‚DIS-Streß’[4]. Da das Kind dabei (in beiden Fällen) zumeist keine wirkliche Erklärung mitgeliefert bekommt, adaptiert es zwar ein bestimmtes Verhaltensmuster – es lernt, welche Reaktionen es bei seinem Umfeld durch welches Verhalten auslöst –, ein Lernen im Sinne eines von Verständnis geprägten Nachvollziehens und ein daraus resultierendes Verstehen unterbleibt jedoch. Hier liegt die Wurzel der Tatsache, daß die meisten Menschen mehr dressiert als erzogen werden. Ein Beispiel mag hierbei zum Verständnis dienen: Nahezu jeder Bewohner unserer Breitengrade lernt Lesen und Schreiben sowie die vier Grundrechenarten. Beschränkt sich die Vermittlung dieser Basisbildung auf die Schule und wird deren Anwendung nicht in erlebnisfreudiger Art und Weise sinnstiftend begründet und trainiert, verkümmert diese Basis jeglicher weitergehenden Bildung spätestens nach dem Abgang von der Schule sehr schnell; ganz sicher ist dies der Grund, warum wir selbst in den Industrienationen einen erschreckend hohen Prozentsatz an ‚funktionalen’ Analphabeten[5] haben, deren aktiver wie passiver Wortschatz bedrückend simpel und deren Wissensaufnahme im späteren Leben auf ‚BILD’-Zeitungs-Niveau beschränkt bleibt. Jeder halbwegs fordernde Text ist ihnen zuviel, und daß man Fremdwörter auch in entsprechenden Lexika nachschlagen und damit seinen eigenen Wortschatz erweitern könnte, davon haben sie mitunter raunen gehört, aber in ihrem elterlichen Zuhause hatte es das auch nicht gegeben…..

Diese Zeitgenossen schreiben auch im Erwachsenenalter kaum Briefe und scheuen davor zurück, wirkliche Literatur in die Hand zu nehmen. Vieler Menschen Wortwahl, Schriftsprache, Grammatik und Interpunktion ist auf dem Niveau eines Viertklässlers stehen geblieben. Eine Freude am geschriebenen Wort wurde ihnen nie vermittelt. Eigentlich gar nicht so lustig ist auch, wenn ein Erwachsener allen Ernstes seinem Chef erklärt, einer Erhöhung seines Gehalts um ein Zehntel könne er in keinem Fall zustimmen, es müßte schon mindestens ein Zwanzigstel sein.

Mögen Sie dieses Beispiel noch als vernachlässigbaren Einzelfall ansehen (was er leider gar nicht ist), so müssen wir leider konstatieren, daß das Gros der (geistigen) Versagens sowie der (seelisch-emotionalen) Verlustängste die gravierendsten Folgen derartig normierter Erziehung sind. In dieser Phase, innerhalb derer das Kind noch nicht intellektuell zu reflektieren vermag, bzw., etwas später, der Jugendliche sich noch nicht autonom abzugrenzen versteht, „lernt“ der junge Mensch, sich in aufscheinenden Zweifelsfällen lieber zu ducken und nachzugeben, als daß er – seinem inneren Impetus folgend – erst einmal innehält, sich Zeit gibt, um nachzufragen und zu reflektieren, bevor er einen eigenen Standpunkt einnimmt. Man könnte diese Phase als ‚Weggabelung’ beschreiben, bei der es um nichts Bedeutenderes geht, als darum, daß hier entschieden wird, ob der Mensch zum generell angepaßten Mitläufer oder zur authentisch-souveränen Persönlichkeit wird. Ersterer, der „pflegeleichte“ Typ, ist in Familie, Schule und im späteren Sozial- und Berufsleben willkommener (weil leichter zu lenken), letzterer wird gerne summarisch als ‚schwierig’ oder gar ‚auffällig’ beschrieben. Diese Kinder/Jugendlichen stören, fügen sich ungern (bis gar nicht) und gelten als ‚Sorgenkinder’ und ‚Schwarze Schafe’. Man greift dann zum bewährten Strafenkatalog, rückt ihnen etwa durch ‚Erziehungsberater’ auf den Leib oder stopft sie gar mit Medikamenten voll, um sie ‚in den Griff’ zu bekommen. Auf die wirklichen Hintergründe ihres Verhaltens gehen nur die wenigsten Eltern und Lehrer ein; erstens sind sie dafür gar nicht ausgebildet, zweitens haben sie dafür gar nicht die notwendige Zeit und drittens steht für sie mehr im Vordergrund, ihren Schutzbefohlenen zu dressieren, zu einem vorzeigbaren Teil der normierten Gesellschaft zu machen, als daß man sich individuell mit ihm – seinem DenkFühlen – auseinandersetzt.

Pädagogik in der Erziehung

Die Auswirkungen unterschiedlicher – systemisch-normierter oder pädagogisch-wertvoller – Erziehungsmatern werden zwar theoretisch (in Fachbüchern, bei Kongressen u.ä.) beliebtermaßen diskutiert, Eingang in die tägliche Erziehungspraxis finden Gedanken zu diesem Thema hingegen selten. Zweifel am Wert ihrer Erziehung – und nur daraus erwächst die Bereitschaft, sich zusätzliche Informationen zu besorgen – haben zumeist nur diejenigen, die gerade deshalb schon weniger Fehler in der Erziehung ihrer Kinder verbrochen haben, während sich diejenigen, die selbst aus pädagogisch schwachen Elternhäusern kommen, jede Einmischung in die Erziehung ihrer Kinder empört verbieten.

Dies zeigt sich immer wieder bei Gesprächen mit straffällig gewordenen Jugendlichen (bzw. deren Eltern), verhaltensgestörten Kindern, aber auch bei Psychogrammen von erwachsenen Tätern. Dabei wäre gerade in unserer zunehmend komplexer werdenden Welt den pädagogischen Inhalten und der Qualität der Erziehung von Kindern und Jugendlichen allerhöchste Aufmerksamkeit und innigste Zuwendung zu widmen, wenn es um die Entwicklung der Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft, den Aufbau einer lebenswerten, friedlicheren, im Rahmen der Globalisierung immer kleiner werdenden Welt geht. Das Problem der heutigen Erziehung ist insofern auch leicht zu erklären, als es früher nicht nur Vater und Mutter überlassen blieb, ihre Kinder zu erziehen – zumeist sogar noch neben ihrem Job und/oder der Führung eines Haushaltes –, vielmehr bildeten größere Gruppen von Menschen eine Familie, und die Kinder waren gewissermaßen die Kinder aller in dieser Großfamilie. Dies brachte aber mit sich, daß die Aufmerksamkeit der Kinder nicht auf zwei Menschen beschränkt blieb. Kinder hatten also wesentlich mehr Bezugspersonen, an denen sie sich orientieren konnten; die ‚Last’ der Vermittlung pädagogisch wertvoller Inhalte lag also auf den Schultern mehrerer, nicht nur zweier Menschen. Gut zu beobachten ist dies noch heute in anderen Ländern – Südamerika, Afrika und einigen ostasiatischen Staaten –, wo die Großfamilie noch als solche existiert.

Doch wiewohl eine qualitativ hochwertige Erziehung vielleicht nie schwieriger war als heute, trägt diesem Gedanken keine (seit Jahrzehnten diskutierte) „Bildungsreform“ Rechnung. Selbst im Grundgesetz werden zwar die Rechte der Eltern und Erzieher geregelt (Art. 6), in welch eklatanter Weise damit aber nur allzu häufig gleichzeitig der Art. 2 GG [‚Freiheit der Person’, Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit’ (wie steht’s eigentlich um die geistige und die seelisch-emotionale?)] mit Füßen getreten wird und inwieweit Art. 7 (‚Schulwesen’ und ‚Religionsunterricht’) – getragen von der ‚staatlichen Schul- und Bildungsträgerschaft’ (das System euphemisiert dies mit „Fürsorgepflicht“!) – die Entwicklung einer pädagogisch wertvollen und auf das Individuum eingehenden Erziehung geradezu verhindert, wird nur selten erkannt. Bezüglich der Rechte der Kinder, der eigentlich originär Betroffenen, erschöpft sich unser Grundgesetz in der materiellen Gleichsetzung von leiblichen, Adoptiv- und Pflegekindern. Das muß wohl genügen, meint der Gesetzgeber.

Wer darauf hinweist, wird schnell als Spinner abqualifiziert oder als Querulant diffamiert. Aber gerade hier liegt der Keim einer zunehmend um sich greifenden Kinder- und Jugendkriminalität – Ausdruck überforderter Elternschaft und Hilflosigkeit der darin aufwachsenden Kinder/Jugendlichen, die niemals eine freudvoll erlebte eigene Identität entwickeln konnten. Die Zeugnisse von Verwandten und Bekannten, Mitschülern und Kollegen straffälliger Mitbürger, die betonen, der Delinquent sei stets zuvorkommend

gewesen, nie auffällig geworden und man könne das gar nicht verstehen, belegen nur das oben Ausgeführte, vor allem die Ahnungslosigkeit des Gros der Bevölkerung, oftmals selbst Eltern oder gar Großeltern.

Gestatten Sie an dieser Stelle einen kleinen Exkurs: Gerade einmal seit etwa 20 Jahren beschäftigt sich die Psychologie mit ihrem jüngsten ‚Ableger’, der ‚praenatalen Psychologie’. Sie steckt also noch absolut in den Kinderschuhen. Aufgabe der ‚Prän.-Psych.’ ist es vor allem, zu erforschen, inwieweit der Embryo schon im Frühstadium durch den mütterlichen Zustrom von Hormonen aller Art (Freude-/Glücks-, aber auch Angst- und Schmerzhormonen) in seiner Entwicklung beeinflußt, aber auch, inwieweit er bereits durch rudimentär ausgebildete Sinne (taktil, auditiv, später auch die Wahrnehmung von hell und dunkel) geprägt wird. Hier dürften uns in den nächsten Jahrzehnten einerseits enorme Erkenntnisse um bislang unbekannte Kausalitäten und Zusammenhänge ins Haus stehen, andererseits werden sich die ‚Genetiker’, die (vor allem im Auftrag der Pharmalobby) alles auf Gen(defekt)e zurückführen, und die Adaptionisten, die vor allem von Prägungen durch die Umwelt ausgehen, jede Menge harscher Gefechte liefern.

Denken Sie nur an die Diskussion zur ‚erblich’ oder ‚adaptionistisch’ bedingten Homosexualität. Da es in der freien Natur keine (post-iuvenile) männliche Homosexualität gibt, liegt der Schluß nahe, daß es sich hierbei wohl vornehm um Prägungen (also Adaptionismen) handelt. Mir ist bei allen Seminaren und Therapiegesprächen noch nicht ein einziger Fall von männlicher Homosexualität untergekommen, bei dem nicht erhebliche Erziehungsprobleme als geradezu klassische Auslöser für Homosexualität auszumachen waren.

Gänzlich anders verhält es sich mit der weiblich ausgeprägten Form von latenter Homosexualität, die in unterschiedlicher Weise (wenngleich auch nicht als ausgeprägtes Lesbierinnentum!) auch im Tierreich zu beobachten ist – zumindest ein kardinaler Hinweis darauf, was genetisch determiniert (natürlich) ist, bzw. was adaptionistisch (normiert) ist (und inzwischen als regelrecht ‚chic’ gefeiert wird).

Obwohl sich in vielen Fällen adaptionistische Auslöser für genetische Prädispositionen ergeben könnten, sollten es sich Pharmaindustrie, Psychologie und Therapeuten nicht zu einfach machen, Ursachen nicht zu vorschnell im einen oder anderen Lager vermuten.

Lernen – mit Freude und neugieriger Lust

Lernen (mit Freude, Verständnis und erkanntem Sinn) ist etwas völlig anderes als ein von der Vokabel ‚Muß’ begleitetes oder im Angesicht einer Prüfung (deren sittlichen Nährwert man nie erklärt bekam) erzwungenes Einpauken. Aber anstatt auf diese pädagogische Binse einzugehen, läßt sich das (am einzelnen Menschen nicht im mindesten interessierte) staatliche System etwas ganz anderes einfallen: Erst untersagt es, bei schriftlichen Prüfungen Orthographiefehler zur Grundlage der Benotung heranzuziehen, dann verfügt es eine ‚Rechtschreibreform’ , die man pädagogisch nur als kriminellen Akt, bildungstechnisch schlicht als systemische Volksverblödung bezeichnen muß – ein (leider) nicht justiziables Verbrechen und ein Anschlag auf die Intelligenz ganzer Generationen. (Die Frage, wie demokratisch, d.h. mehrheitlich-freiwillig sich eine gesamte Sprachgruppe hierbei hoheitlich behandeln bzw. entmündigen ließ, muß an dieser Stelle erst gar nicht gestellt werden.)

Mithilfe einer gutsortierten Hausbibliothek, in der auch ein etymologisches Wörterbuch, Fachliteratur und Lexika nicht fehlen müssen, kann ein junger Mensch eine Liebe zu Schrift, Sprache und Literatur, interesseweckenden Zugang zu allgemeinem Wissen, Geschichte, Kunst und allen sonstigen Zweigen humanistischer Bildung finden. Nur, diese Hinführung erfolgt spielerisch-natürlich allenfalls im Elternhaus, selten hingegen im späteren Leben. Aber welche Eltern haben schon gelernt, nicht nur als Ernährer und Einkleider zu fungieren, sondern auch geistige und seelisch-emotionale Inhalte pädagogisch wertvoll zu vermitteln?

Als Fazit bleibt anzumerken, daß bei den meisten Menschen bereits an der Basis dessen, was zum Aufbau einer späteren Authentizität notwendig ist, eklatante Fehler gemacht werden. Diese im späteren Leben zu beheben, fällt dem Menschen enorm schwer, denn er schleppt zum einen – um seine Schwäche sehr wohl wissend – im Hinterkopf ein zunehmend größeres Päckchen an Scham mit sich herum, zum anderen begleitet sein künftiges Leben ein erhebliches Maß an Abneigung vor dem, was ihn nie sonderlich interessierte und wozu er auch niemals einen ermunternden Zugang gelehrt bekam.

Zwar spricht man seit einigen Jahren schlagwortartig vom „lebenslangen Lernen“, für die meisten jedoch bleibt dies nur eine lustige, aber theoretische Alliteration – ohne daß sie dies als Aufforderung ansähen, ihr eigenes Leben damit reicher, bunter und interessanter zu gestalten.

Zudem lernen Kinder sehr schnell die Angst vor Tests kennen. So erinnere ich mich noch gut der Situation, als mein kleiner Sohn Mitte des 2. Schuljahres nach Hause kam und freudig-erregt verkündete, daß es im 2. Halbjahr nun erstmals Noten gäbe. Zur Erklärung: Seit Beginn der 80er Jahre sah man es (leider auch in Bayern) als sozialpädagogische Errungenschaft an, Kindern während der ersten 1 1/2 Schuljahre jedweden Notenstreß zu ersparen, da dies für die kindliche Seele schädlich sei. Neugierig geworden frug ich eine Reihe von Schulkameraden meines Sohnes, und zum Ärger der Schulpsychologie zeigten sich ausnahmslos alle hocherfreut darüber, daß ihre Leistung nunmehr erstmals vergleichend meßbar würde.

Hier drängt sich die Erkenntnis auf, daß Kinder sehr wohl in Konkurrenz mit ihrer Umwelt treten und diese auch intuitiv suchen – ein ähnliches Verhalten beobachten wir auch bei Tierkindern. Erst das Verhalten der Eltern, die ihren Sprößlingen den eigenen Wertmaßstab überstülpen, lassen das Kind die eigene friedliche Konkurrenzbereitschaft aufgeben und zu Erfüllungsbütteln ihrer Eltern werden.

Da die meisten Eltern ihre Kinder mit dem Thema Schule, vor allem jedoch mit den verschiedenen Fächern ziemlich alleine lassen – schon deshalb, weil ihnen viele Teilbereiche des heutigen Lehrplans völlig unbekannt sind –, andererseits aber gute Noten erwarten, sieht sich das Kind sehr schnell in einem unverständlichen Dilemma wieder; einerseits soll sich das Kind in allen Fächern des Lehrkanons als gut erweisen, andererseits wird es dabei gerade von denjenigen, die es als konkurrenzlose Vorbilder ansieht und nachahmt (seinen Eltern), in keiner Weise begleitet, geschweige denn pädagogisch wertvoll hingeführt. Da naturgemäß nicht jedes Fach – bedingt durch pädagogisch unterschiedlich geeignete Lehrkräfte – das Interesse des Kindes findet, ergeben sich zwangsläufig auch notenmäßige Unterschiede. Käme das Kind noch relativ gut mit dem Umstand zurecht, daß ihm z.B. Sport und Mathematik mehr Freude bereiten als Geographie und Sprachen, so „lernt“ es seinen eigenen “Minderwert“ vor allem dadurch kennen, daß weniger gute Noten ihm elterliche Vorwürfe und Rügen einbringen. Just in dieser Phase liegt ein entscheidendes Element begründet: Die Erprobungs- und Erkundungsphase des Kindes und die eigentlich intendierte Entwicklung hin zu einer Eigenständigkeit, aus der dann ein gesundes Selbstverständnis und eine gelebte Authentizität erwachsen könnten, wird nun jäh unterbrochen und ins Gegenteil verkehrt. Ohne daß das Kind dies intellektuell begleitet, entwickelt es nun ein ‚Muster der Folgsamkeit’; es lernt den ihm abverlangten Vorgaben entsprechend „gut“, „erfolgreich“, „lobens-“ und „liebenswert“ zu sein – unter Aufgabe seiner eigenen Interessen, seiner Neugier und originärer Lernfreude. Hierin liegt aber der Grund, warum so viele Erwachsene noch nach Jahren und Jahrzehnten mit Ingrimm und oftmals sogar mit Schrecken an ihre Schulzeit zurückdenken und jede Form von „Lernen“ als etwas Schmerzliches, zumindest aber Unangenehmes empfinden. Jeder praktische Psychologe kennt sogar Fälle von Patienten, die sogar als erfolgreiche Menschen in ihrem Berufsleben bisweilen noch schweißgebadet aufwachen, weil sie der Alptraum quält, durch`s Abitur gefallen zu sein.

Ich habe diesen Gedanken deshalb so viel Aufmerksamkeit gewidmet, weil genau in dieser Phase sich ein entscheidendes Moment in unserem Leben abspielt: Wir kehren nämlich genau hier dem als Kind eingeschlagenen Weg hin zur Entwicklung einer individuellen Authentizität den Rücken und folgen den Vorgaben der Normierung, als deren Lohn wir uns die Liebe und Zuwendung unserer Eltern und im späteren Lauf unseres Umfeldes, unserer Kollegen und Bekannten zu sichern versuchen. Hier liegt die Crux, der Schlüssel dafür, warum es uns im späteren Leben so schwer fällt, unsere eigene Authentizität wiederzufinden, unserem eigenen Empfinden entsprechend zu leben und uns selbst zu erleben.

Die freie Entscheidung – und warum wir uns so schwer damit tun

Nun könnte man damit argumentieren, daß ab einem gewissen Alter (welchem?) jeder für sich selbst verantwortlich sei und nicht alles lebenslang auf die Eltern und andere prägende Mitmenschen geschoben werden könne. Gerne wird dann noch darauf hingewiesen, daß ansonsten ja auch jede Leistung eines Menschen eigentlich seinen Eltern/Erziehern zugerechnet werden müßte.

Nun, dazu wäre folgendes zu sagen: Auch das prächtigste Haus lebt von der Qualität seines Fundamentes. Selbst die nobelste Ausstattung, technische Finessen und edelste Gärten ändern daran nichts. Übertragen: Ein verwahrloster Charakter als Folge pädagogisch verpfuschter Primärprägungen als Grundlage des weiteren Lebens können durch später erarbeiteten Wohlstand, Titel, Orden und teuere Accessoires nicht ‚verwertvollt’ werden. Ob und wann sich diese geistig-seelischen Verwahrlosungsmuster Bahn brechen, vermag niemand vorauszusehen.

Es geht aber nicht nur um Extrem-Ausbrüche, vielmehr sind es die scheinbar harmlosen Negativprägungen früherer Erziehung, die uns dann im weiteren Leben als Erwachsene so schier unüberwindlich und täglich quälend vor den Füßen liegen.

Diese Negativprägungen sind, und das wird häufig nicht beachtet, nicht spontaner und situativer, sondern grundsätzlicher Art. Ein Beispiel mag dies illustrieren: Viele Menschen sehen ‚Eifersucht’ als etwas Natürliches an, und tatsächlich erkennen wir auch im Tierreich Eifersuchtsmuster. Was jedoch gleich erscheint, ist in Wahrheit völlig unterschiedlich. Zum einen stellt das, was wir vielfach als Eifersucht bei Tieren bezeichnen, ein genetisches Urprogramm dar, mithilfe dessen schlechte von guten Genen unterschieden, aussortiert und vom Akt der Fortpflanzung ausgeschlossen werden sollen. Dieses Motiv wird nicht aus adaptierten Minderwertigkeitskomplexen und Verlustängsten generiert, wie beim Menschen. Zum anderen: Haben Sie schon mal eine Kuh (Stute, Hündin, Katze, etc.) erlebt, die sich darüber beschwerte, daß ihre Geschlechtsgenossin vor ihren Augen gedeckt wurde, sie also „übergangen“ wurde? Eifersucht unter Tieren läuft grundsätzlich völlig anders (und dem Eifersuchtsgebaren des Menschen nur gering vergleichbar) ab. Scham und Verschämtheit – nicht zuletzt in völlig verqueren, asexuellen Denkmustern einer religiöser Wertesystemik verankert – kennen Tiere ohnehin nicht. Letztlich: Ist der ‚casus’, der sexuelle Akt erledigt, sind auch die Eifersüchteleien vorbei – kein Nachtarocken, kein weiter schwelender Haß oder Rachegedanke vergiften die tierischen Beziehungen. Wie anders verhält sich hingegen der Mensch!

Nicht anders ist es beim Thema ‚Neid’; auch hier sollte man nicht gleichsetzen (und als natürlich bezeichnen), was bei Tier und Mensch gänzlich andere Ursachen und Handlungsstrukturen aufweist. Wir beneiden unsere Mitmenschen auch um Dinge, die wir in Wahrheit weder brauchen noch benötigen. Ein derart unsinniges Verhalten fiele einem Tier nie ein; hat es seinen Hunger oder sonstige Bedürfnisse gestillt, sieht es seelenruhig, ja beinahe gelangweilt zu, wie sich auch das Nachbartier bedient – selbst wenn es in der Nahrungskette unter ihm steht. Der Mensch hingegen verzichtet generell auf keine sich ihm bietende Gelegenheit (Stichwort: ‚Schnäppchen’, auf die wir – da freut sich die Werbung! – selbst dann nicht verzichten, wenn wir den Gegenstand überhaupt nicht benötigen und, bei klarem Verstand betrachtet, ihn uns gar nicht leisten könnten). Streifen Sie mal durch Ihren Haushalt und werfen Sie rigoros alles raus, was Sie in den letzten 12 Monaten nicht einmal (außer zum Staubwischen) angefaßt, geschweige denn genutzt haben. Sie werden staunen und vielleicht ans Untervermieten ihrer leeren Räume denken.

Adaptierte Gefühle als Stolpersteine

Kurz: Haß, Neid, Eifersucht, Ekel und Rache, aber auch Feigheit, eine geduckte Haltung, eine unnatürlich leise bzw. hohe Stimme, mangelnder Mut, anderen Menschen (geradewegs) in die Augen zu sehen, das Heer der Phobien, Manien, Neurosen und Psychosen, Allergien und andere Zivilisationskrankheiten (welch bequemer Sammelbegriff, um die Eigenverantwortung abzuschieben und sich in sein „Los“ zu finden!) sind die störenden Kerne im Kirschkuchen unseres Lebens. Nur können wir sie eben nicht einfach ausspucken und das Problem als erledigt betrachten. Wir tragen sie – eher wie Klötze an den Beinen eines Marathonläufers – durch unser Leben, ängstlich darauf wartend, wann sie uns das nächste Mal behindern, wann unser Umfeld, vielleicht gar Freunde und Bekannte, Chefs oder Untergebene, unsere Schüler oder Kinder sie bemerken. Diese Ängste belasten unser Denken, Fühlen und Handeln – dementsprechend läuft unser ‚DenkFühlHandeln’ nicht rund –, unsere Beziehungen, unser Familien- und Berufsleben. Sie halten unser Denken gefangen (wenn auch bisweilen fast lautlos), belasten unsere Schlafphasen (weshalb die meisten Menschen viel zu lange schlafen – ‚Schlaf als Flucht’ – und der Absatz von Schlafmitteln konstant zunimmt). Aus dem gleichen Grunde flüchten sich aber auch immer mehr Menschen in Rauschzustände, Extremsportarten, Sekten, Kulte und esoterische Zirkel. Sie suchen immer ausgefallenere (völlig unnatürliche) ‚Kicks’ und die (für kurze Zeit) angstdämmende Zuflucht in Massenveranstaltungen – je lärmender, desto besser; man hört dann das Wimmern der eigenen Seele nicht mehr so laut, nimmt die bohrenden Zweifel der eigenen Gedanken und Gefühle weniger stark wahr …

Nicht nur widerlich, sondern in höchstem Maße unnatürlich, also regelrecht pervers, sind Verhaltensmuster, die tatsächlich in dieser Form nur beim ‚denkenden Tier’ Mensch zu beobachten sind. Jedes natürlich empfindende Tier würde Plätze fluchtartig verlassen, wo jede natürliche ‚Intimdistanz’ durchbrochen wird – denken Sie an Fußballstadien –, schrille Lautstärke aufs Gehör schlägt (Rockkonzerte und entsprechend lautverstärkte Formen von „Musik“), Kreaturen der gleichen Spezies zum Gaudium der Menge aufeinander einprügeln (Boxkämpfe) oder höhergestellte Lebewesen aus schierer Freude am Töten Vertreter einer unterlegenen Spezies bestialisch quälen (Hahnen-, Bären-, Stier- und Hundekämpfe, aber auch Safaris und das Angeln seien hier erwähnt) und dies auch noch als ‚Sport’ oder Teil ihrer ‚Kultur’ bezeichnen!

Selbstbestimmte Lebensgestaltung

Nun kann sich ja – so möchte man meinen – Jeder, der sich mit bestimmten Gegebenheiten, Hindernissen, Prägungen, eigenen Schwächen, seinem Umfeld und bestehenden Lebensumständen nicht (mehr) einverstanden erklärt, von diesen verabschieden. Er kann doch als intelligenter Mensch sein Leben selbst gestalten, dazulernen, sich anderen Menschen zuwenden und neue Aufgabenfelder entwickeln.

Soweit zur Theorie. Nur, warum tun genau dies die Menschen nicht? Warum blockieren sie sich, ihre Weiterentwicklung, einen gravierenden Wechsel in eine andere Richtung, obgleich sie doch unter den gegebenen Umständen so eminent – manchmal schier bis an die Grenze des Erträglichen – leiden?

Jeder Intelligenz zum Trotz bleiben Menschen in Beziehungen, Arbeitsverhältnissen und leidvoll empfundenen Lebensumständen und Abhängigkeiten, obwohl sie kontinuierlich darunter leiden, sich bisweilen sogar selbst verachten (und bestrafen), von Alternativen träumen oder ihnen diese sogar von Mitmenschen vorgelebt werden? Warum, um alles in der Welt, tun sie das?

Da bleibt die geschundene Ehefrau bei ihrem sauflustigen Ehemann, läßt sich gelegentlich verprügeln und nebenbei auch noch schwängern. Da lebt der 35-Jährige immer noch ‚bei Muttern’ (wie bequem), die kein weibliches Wesen näher als Armeslänge an ‚ihren Schatz’ heranläßt. Da erträgt der brave Arbeiter den täglichen Spott seiner Kollegen, manchmal auch den Unmut seines Chefs – wie seit Jahren schon. Da schimpft der Nachbar über Politik(er), Korruption und Ungerechtigkeit, drückt sich aber vor jeglicher politischen Aktivität.

Die Liste derartiger Unverständlichkeiten ist schier endlos, wir alle kennen solche Fälle. Aber wir kennen auch die „Erklärungen“, die uns derartige Zeitgenossen dann liefern, wenn wir sie fragen, warum sie sich das antun. Da gibt’s den ‚Pflichtbewußten’, der sich für unersetzbar hält, die ‚Perspektivelose’, die uns die Gefahren (oder Sinnlosigkeit) jeder vorgeschlagenen Alternative zu erklären versucht. Da wird stur behauptet, man habe ‚keine Zeit’ ( wiewohl wir alle 168 Stunden pro Woche haben). Besonders „Lebenserfahrene“ versichern uns, daß ‚man da sowieso nichts ändern’ könne. Man leidet weiter – an Stimme, Körperhaltung, Gestik, Mimik und Teint deutlich ablesbar. Geändert wird faktisch nichts. Wenn’s gar nicht mehr geht, wirft man Pillen ein, besucht den (ratlosen) Arzt, den Herrn der Atteste, und läßt sich ‚krankschreiben’ (oder geht als wohlversorgter Beamter ‚auf Kur’). Die Hoffnung stirbt, wie ein russisches Sprichwort sagt, immer als letztes.

Noch einmal die Frage? Warum handeln die Menschen nicht? Was hält sie davon ab, diese leidvollen Fesseln zu sprengen, die Umstände zu verändern?

Das schleichende Gift der Gewöhnung

Hier treffen wir auf ein wirklich faszinierendes Phänomen: Anstatt Umstände, unter denen wir leiden, ehestmöglich und nachhaltig zu ändern, verharren wir im Stadium der Duldung und üben uns in der „Kunst“ des Leidens und hoffnungsvoll-abwartenden Ertragens. Nur mit menschlicher „Intelligenz“ ist es zu erklären, daß wir dann sogar noch Begründungen dafür suchen (und „natürlich“ finden), warum wir an den gegebenen Umständen „eben nichts ändern können“. Clever wie wir sind, trösten wir uns dann damit, daß es anderen Menschen noch viel schlechter gehe, und wir besinnen uns auf die Tugend der „Zufriedenheit“, ja wir sind sogar noch dankbar dafür, daß es uns noch „relativ gut“ geht. Duldsamkeit wird damit beinahe zur Lebenskunst stilisiert und zu einer menschlichen Stärke verklärt. Im Hinduismus gipfelt das Ganze sogar in der Überzeugung, daß man sich nur durch das Erdulden und Ertragen der vorliegenden Lebensverhältnisse für ein nächstes Leben – dann auf einer komfortableren Stufe – qualifiziere. Welch clevere – im Grunde eigentlich perverse – Methode, Menschen (und sogar ganze Völker) ruhig zu stellen und einer „Moral der Duldsamkeit“ zu unterwerfen. In Verbindung mit der (ebenfalls nur aus menschlicher Intelligenz erwachsenden) Angst vor dem Tod und der bangen Frage nach dem Jenseits (?) wird damit auch der Gedanke an die Wiedergeburt, die hoffnungsvolle Qualifizierung des eigenen Ichs für ein weiteres besseres Leben erklärlich.

Nun, all dies sind Vorgaben, mit denen Menschen, insbesondere junge, die noch aufzubegehren versuchen, weil sie sich nicht in gegebene Mühsal d`reinfinden wollen, zur „Ordnung“ gerufen werden. Sie werden damit zum gefügigen Opfer der Lebensumstände, die nun mal so sind, wie sie sind. Mit diesen Umständen lernen wir uns zu arrangieren, und nach und nach verlieren wir den neugierig-mutigen Blick dafür, was man ändern könnte und sollte. Wir gewöhnen uns an die Umstände und Zustände unseres Lebens. Kommt dann irgendein „Besserwisser“ des Wegs, der uns Alternativen aufzeigen möchte oder Änderungen vorschlägt, reflektieren wir gar nicht, was daran richtig sein könnte und inwieweit man diesen Vorschlag zumindest einer Prüfung unterziehen sollte. Vielmehr verteidigen wir – oft blitzschnell, ohne überhaupt nachzudenken – dann sogar unsere jetzigen (leidvollen) Umstände und schwören Stein und Bein, daß sich daran nichts ändern läßt. Wir zeihen den Andersdenkenden des Irrtums, des Idealismus und mangelnder Lebenserfahrung, anstatt erst einmal in Ruhe zu überlegen, ob er nicht sogar Recht haben könnte.

Das Ganze geschieht nach dem Motto: Lieber ein bekanntes Leid, mit dem wir uns zu arrangieren gelernt haben, als die Ungewißheit einer uns nicht bekannten Andersartigkeit, auch wenn dies mit einer Änderung unseres als nicht sonderlich freudvoll empfundenen Lebens verbunden sein könnte. Streng nach der Devise: Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Da die Mehrzahl der Menschen nach diesem Muster verfährt, finden sich Querdenker grundsätzlich schnell isoliert und ausgegrenzt. Umgekehrt fühlen sich die Verteidiger der bestehenden Umstände schnell im Recht, da sie die Masse in ihrem Umfeld hinter sich wissen. Man ist sich einig, versagt sich dem Querdenker und bleibt am liebsten – Funktion des Stammtisches, des Kaffeekränzchens, des Clubs oder der Partei – unter sich. So grenzen sich soziale Gruppen aller Größen – von Familien bis zu ganzen Völkern – voneinander ab. Sie werden manipulierbar, ohne es zu merken.

Ein wichtiges Moment hierbei spielt die Moral, die uns aufgibt, wie wir – um in der Masse weiter akzeptiert und geduldet zu werden – zu denken, zu fühlen, zu argumentieren und zu leben haben. Die Moral ist also ein von der Gesellschaft zur Wahrung des ‚Status quo’ ausgegebener Kranz von Überzeugungen, dem sich die Masse tunlichst zu unterwerfen hat. Im Gegensatz hierzu steht das Ethos – sehr vereinfacht könnte man hier vom Gewissen des Einzelnen sprechen –, das jedem Menschen innewohnt und als natürliches Regulativ dient. Mit Hilfe des Ethos spüren wir ganz genau, was wir eigentlich tun sollten, was sauber, ehrlich und echt bzw. unehrlich, böse und falsch ist. Diese beiden Bestimmungsparameter – das endogene Ethos und die exogen vorgegebene Moral – stehen sich jedoch in den meisten Fällen diametral gegenüber, obwohl sie – etymologisch völlig unterschiedlichen Kultursprachen entstammend – in der gesamten Literatur und selbst von hochintelligenten Menschen zumeist synonym verwendet werden. So hat selbst der große Denker Immanuel Kant in keinem seiner Werke explizit zwischen Moral und Ethik unterschieden[6].

Und noch auf ein weiteres Phänomen soll kurz eingegangen werden: Auch die Begriffe „allein“ und „einsam“ werden nur allzu häufig synonym verwendet, ohne daß man darüber üblicherweise lange nachdenkt. Der Unterschied ist jedoch gewaltig: Wer wirklich „all-eines“, also mit sich selbst im Reinen, im Einklang mit seinem endogenen Ethos ist, hat kein Problem damit, auch einmal eine Meinung als Einzelner zu vertreten – sei die Masse der Andersdenkenden auch noch so groß. Wer jedoch davor Angst hat, sich mit seiner Meinung ins Abseits gestellt und von den anderen verlassen zu sehen, hat in Wahrheit Angst vor der Einsamkeit. Insofern ist die Aussage „Ich habe Angst davor, allein zu sein“ im Grunde genommen widersinnig, und was wir bei Erfindern und großen Denkern, die oftmals im Widerpart zu ihrer gesamten Umwelt standen, so herzlich bewundern, ist deren Fähigkeit, schmerzfrei alleine sein zu können, sich selbst zu genügen und nicht des Zuspruchs, der Bestätigung und der Anerkennung ihres Umfeldes zu bedürfen. Gefeiert und anerkannt werden sie zumeist erst viel später.

Der Weg zurück zur Authentizität

Wer wirklich authentisch leben, also wieder zu seiner originären Authentizität finden möchte, ist zwangsläufig vor die Problematik gestellt, mit vielen Überzeugungen und eingeübten Vorgehensweisen zu brechen, frühere Denk- und Handlungsmuster in Frage zu stellen und den Katalog seiner Überzeugungen völlig neu zu sortieren. Dies ist nicht selten ein höchst schmerzvoller Akt, bedeutet er doch vielfach eine Abkehr von Denkweisen, die man als Kind übernommen hat, unter denen man zwar unter Umständen litt, die in Frage zu stellen man jedoch nicht gewagt hätte. Nunmehr müßte man also diese mitunter jahrzehntelang mit sich herumgeschleppten Denkstrukturen völlig neu überprüfen, sich vielfach derer Unsinnigkeit gewahr werden und damit brechen. Da dies viel Mut erfordert und manchmal sogar einem imaginären „Verrat an den Eltern“ gleicht, schrecken davor viele Menschen – je älter, desto mehr – intuitiv zurück; so sehr sie sich eigentlich nach eigener Authentizität sehnen und ein wirklich authentisches Leben führen wollen – das geht ihnen denn doch zu weit, das „können sie nicht“. Sie begnügen sich dann damit, nach einer „relativen Authentizität“ zu schielen, der Mut zu einer tatsächlichen Selbstverwirklichung fehlt ihnen aber. Sie bleiben, wozu sie erzogen wurden: Nachahmer ihrer Eltern und Opfer ihres kindlichen Umfeldes, ihrer früheren Dressur.

Bewegten wir uns bislang bei all diesen Betrachtungen noch auf einem relativ allgemeinen Niveau, so kommen (unter den gleichen Gesichtspunkten) schwerwiegende spezifische Erziehungsmomente und bestimmte Erlebnisse im Kindheits- und Jugendalter noch erschwerend hinzu. So kennt jeder von uns Momente aus seiner Kindheit/Jugend, wo er ausgesprochen unfair behandelt, zu Unrecht verprügelt wurde oder sich falsch verstanden fühlte. Bis heute aber fehlt ihm eine ehrliche Entschuldigung dessen, der ihm dieses Unrecht zugefügt hat. Handelt es sich dabei um entfernte Figuren seines früheren Umfeldes oder einen Lehrer aus der Kategorie „doof“, so läßt es sich damit noch weitestgehend bequem leben. Viel gravierender ist es aber, wenn es sich dabei um die Eltern, Geschwister oder nahe Verwandte handelte, denen man – auch dies ein Ergebnis familiärer Dressur – bis heute nicht wirklich böse sein darf („Immerhin sind es doch Deine Eltern!“). Derartige Momente können sich tief ins Unterbewußtsein eines Menschen eingraben und dort, ähnlich einem gutartigen Tumor, über Jahre und Jahrzehnte eingekapselt schlummern. Doch niemand weiß, wann dieser „Tumor“ plötzlich aufbricht, bösartig wird und (geistig-seelische „Metastasen“ bildet. In den Gerichtsakten unzähliger Strafprozesse finden sich Hinweise und Belege für derartige frühe Vergewaltigungen der kindlichen Seele und der jugendlichen Geistesentwicklung. Ohne psychologisch hierauf zu tief einzugehen: Hier liegen oftmals die Begründungen dafür, warum derart geprägte Kinder und Jugendliche im späteren Leben entweder zu Dauerversagern oder nie wirklich erwachsen werden. Unter anderen Konstellationen entscheiden sich diese Menschen im späteren Leben für einen Beruf oder streben nach einer Position, in dem/der sie dann selbst Macht ausüben, bestrafen, bewerten oder verurteilen können. Wären sich die Karrieristen in manchen Konzernen, aber auch Lehrer und Erzieher, Polizisten und Soldaten, Richter und Staatsanwälte, Politiker und Gewerkschaftsführer darüber klar, warum sie genau diesen Berufsweg gegangen sind, diese Position (vielleicht sogar mit allen Mitteln) erkämpft haben, sie würden erschrecken und staunen, womöglich gar in Tränen ausbrechen.

Hier liegt auch der Schlüssel für zwanghafte Verhaltensmuster, krankhafte Pädophilie, sexuelle Gewaltphantasien (Vergewaltigung als ausgelebter Mutterhaß), der Hang zu skrupelloser Brutalität und Destruktivismus multipler Art.

Daß eine derartige Fremdbestimmtheit, das unbewußte Heischen nach Anerkennung, der Hunger nach Liebe und Lob, aber auch ein unterbewußtes Rache- und Haßgefühl auf Dauer nicht ohne Folgen für das eigene System, das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele, bleiben kann, ist nur allzu verständlich. Oftmals leiden diese Menschen dann an Symptomen und Krankheiten, für die kein Arzt eine Erklärung bereithält. Derartige Phänomene subsummiert man dann unter der Kategorie „psychosomatische Erkrankungen“ oder reiht sie in den Katalog der „Zivilisations-“ oder „Berufskrankheiten“ ein. Dabei ergäbe eine psychoanalytische Durchforstung des Lebensweges, vor allem der früh-kindlichen und jugendlichen Entwicklung sehr wohl die Ursachen für den späteren Lebensweg, die Wahl des Berufes, vor allem aber die Qualität der jahre- und jahrzehntelang verdrängten unterschwelligen Wünsche und Hoffnungen, Ängste und Niederlagen, die diesem Menschen widerfahren sind.

Aus all dem wird verständlich, warum es gerade Erwachsenen so ungeheuer schwer fällt, den Weg zurück zur eigenen Authentizität, zur echten Ich-Haftigkeit zu finden.

Bevor wir aber den Versuch wagen, einen „Fahrplan“ dafür aufzustellen, die eigene Authentizität(= Echtheit eigenen Lebens/Erlebens) aufzustellen, möchte ich Ihr Interesse auf die beiden kürzesten „Bannbotschaften“ lenken, die es wohl gibt: die beiden Wort-Dubletten „kann nicht“ und „ich muß“. Achten Sie einmal darauf: Tagtäglich benutzen wir beide Wortsequenzen selbst – oft sehr gedankenlos. Und auch in unserem Umfeld hören wir sie tagtäglich und bei allen möglichen Gelegenheiten. Es hat sich in unserer Sprachwelt regelrecht eingebürgert, daß wir selbst und unsere Kollegen, Freunde und Bekannten diese Worthülsen straffrei verwenden, quasi als „Ausweis“ eigener Unfähigkeit und in der festen Überzeugung, daß dies eben so sei – unabänderlich und bedauerlicherweise. Vielleicht sollten wir genau hier ansetzen, indem wir den „Banncharakter“ dieser „Botschaften“ brechen – durch das „Zauberwörtchen“ WARUM?

Dieses Zauberwort „WARUM“ hat auf die beiden o.g. Bannbotschaften einen ähnlichen Effekt wie der berühmte Knoblauch oder das ach so christliche Kreuz auf die Damen und Herren Vampire.

Üblicherweise kommt zwar als erste Reaktion eine Bestätigung („Weil ich es eben nicht kann …“) oder („Ich muß eben einfach …“), insistieren Sie aber auf einer Begründung, „warum“ dies oder jenes nicht sein kann oder genau so sein muß, so bietet sich demjenigen, der unter
diesem „Bann“ steht (oder zu stehen vermeint) die reale Chance, darüber noch einmal nachzudenken und vielleicht selbst darauf zu stoßen, warum er sich selbst verunfähigt bzw. unter Zwang gestellt sieht. In vielen psychologischen Sitzungen habe ich durch diese Rückfrage tatsächlich einen Einstieg für den Ausstieg aus der ‚Gefangenschaft’ von Menschen bewirken können, der dann zu einer völlig neuen Sichtweise geführt hat, Mut vermittelte und Überlegungen für eine andere Herangehensweise an die Lösung von Problemen provozierte, auch wenn der/die Betroffene seit Jahren unter dem jeweiligen Zwang litt.

Generell kann jede Hilfe, den Weg zur eigenen Authentizität (wieder)zufinden, nur auf der Basis von Freiwilligkeit erfolgen, da ansonsten nur ein Zwang gegen den anderen ausgetauscht wird. Wer sich selbst authentifizieren oder einem anderen dabei helfen will, die eigene Authentizität wieder zu entwickeln, tut nicht gut daran, sich in einen Machtkampf mit den Protagonisten früherer „Autoritäten“ einzulassen. Nur diejenige Autorität kann als falsch und erzwungen identifiziert werden, vor der man nicht (mehr) erschrickt, der man sich nicht mehr ausgeliefert sieht.

Hierzu ist eine enge Kooperation zwischen Denken und Fühlen notwendig. Wenn aber – aufgrund von oben genannten Mechanismen der Dialog – ich nenne dies sogar den „Inneren Monolog“, weil sich das Ganze ja in einer Person abspielt – gestört ist, sich also Kopf und Bauch, Vernunft und Gefühl, Ratio und Emotio nicht angstfrei und in vertrauter Weise miteinander austauschen können, dann ist eine Basis zur Entwicklung eines authentischen Lebens nur eingeschränkt möglich bzw. sogar unmöglich.

Um nun diesen ‚Inneren Monolog’, der bei Kleinkindern noch mühelos funktioniert, wieder zu aktivieren, kann immer wieder das Zauberwörtchen „WARUM“ verwendet werden. Es hilft uns, falschem Denken, instrukturiertem, normativem Fehl-DenkFühlen auf die Spur zu kommen. Und mit der Zeit lernt der Suchende, mit diesem Zauberwörtchen immer behender und angstfreier umzugehen. Je unbedenklicher ich aber mit dem Wort „WARUM“ hantiere, desto interessanter und von einem gewissen Sportsgeist begleitet gestaltet sich die Entdeckung des eigenen ICHs und die Entwicklung hin zur angestrebten Authentizität. Es macht dann regelrecht Spaß und zunehmend Freude, immer mehr Bereiche des bisher gepflegten DenkFühlHandelns angstfrei in Frage zu stellen, Vorurteile zu beerdigen, alte Denkmuster als falsch und (völlig unnötigerweise) belastend zu entlarven und zusehends alternative Denkstrukturen in spielerischer Weise zu entwickeln.

Sofern man Freunde und Partner auf diesem Weg der Entdeckung des eigenen ICHs und der Entwicklung der eigenen Echtheit (‚Authentizität’) gewinnen kann, gestaltet sich die Entdeckung des eigenen Selbst sogar zu einem höchst freudvoll empfundenen Hobby. Jeder kleine Schritt wird dann zur Bestätigung, jeder Erfolg zu einem Sieg. Und gemeinsam geht (fast) alles leichter.

Sie werden sehen, daß sich Ihr Blickfeld und Ihre Denkweise dramatisch und in zunehmender Geschwindigkeit weiten. Sie werden aber auch feststellen, daß sich körperliche Verspannungen lösen und sogar Ihre komplette Physis darauf außerordentlich positiv reagiert. Ich habe Fälle erlebt, in denen Menschen auf „wundersame Weise“ alte Leiden und Schwächen körperlicher oder geistiger Art plötzlich verloren – mitunter sehr zum Erstaunen ihrer Ärzte – und auch ihr Empfinden, ihre Einstellung zum eigenen Leben wie auch zu ihrer Umwelt dramatische Änderungen erfuhren, sie auf unerklärliche Weise lebensfroher und glücklicher wurden.

Eine echte Authentizität äußert sich in Gestik und Mimik, Stimme und Haltung. Sie generiert Kraft und Entschlußfreude, befähigt zu Entscheidungen und Leistungen körperlicher, geistiger und seelischer Art, die sich diese Menschen früher weder zutrauten, noch zu denen sie realiter fähig waren. Die Basis einer freudvollen Lebensführung, einer genußvoll erlebten Selbstverwirklichung liegt im Grad der Authentizität, der Verwirklichung des eigenen ICHs, des unverwechselbaren Selbst.

Fazit – kurz und knapp

Menschliches Leben ist DenkFühlHandeln, und entweder ist dieses (oder Bestandteile dessen) fremdbestimmt, normiert und exogen festgezurrt – im „Plasma“ der Moral, dessen was üblich ist und was das Umfeld erwartet –, oder der Mensch bestimmt sein DenkFühlHandeln selbst – selbstdefiniert, ethisch und endogen gesteuert. Dann und nur in dem Maße ist er authentisch.

Authentizität ist der Zustand wahrer Echtheit eines Menschen, der in seiner natürlichen Souveränität denkt, fühlt und handelt. Dieses selbstbestimmte ‚DenkFühlHandeln’ sieht einen Menschen zwar im Kreis der unterschiedlichen Sozialitäten, er denkfühlhandelt aber autonom, und weder läßt er sich von seinen Umfeldern manipulieren und korrumpieren, noch versucht er dies selbst.

Er lebt seine Neugier und Interessen ebenso aus wie er lebensfroh genießen kann. Weder vor Trauer noch vor Problemen schreckt er zurück. Unerklärliches wird zur Herausforderung, statt daß er sich mühsamer Erklärungen bedient – notfalls sogar übernatürlicher, göttlicher oder satanischer –, nur um die eigene Unruhe, das eigene Nicht-Verstehen zu beruhigen. Er kämpft nicht gegen Widernisse, sondern für Lösungswege.

Er ist mit sich im Reinen – ohne daß er seine Entwicklung für abgeschlossen erklärt. Er bemäntelt keine Schwächen, vielmehr rückt er ihnen – so es ihm interessant und wichtig erscheint – mit kluger Überlegung, Interesse und Fleiß zuleibe.

Er leidet nicht darunter, wenn seine Gedanken und Ideen keinen Widerhall in seinem Umfeld finden, kann eigene wie fremde Leistungen feiern und begibt sich problemlos mal in die Rolle des Lernenden (als Schüler) oder die des Lehrenden und Vorbilds.

Sein Leben ist von Interesse und Neugier, Mut und Engagement bestimmt; er nimmt sich selbst und seine Umwelt höchst aufmerksam wahr – aber beides nicht zu ernst. Er vermag in hohem Maße Lust und Genuß zu erleben, aber auch zu schenken. Er betrachtet das Leben ebenso wie Glück, Liebe und Freundschaft – als ein wertvolles Geschenk auf Zeit!

Und dies – die Wiederentdeckung des eigenen ICHs, Ihrer tatsächlichen unverwechselbaren Persönlichkeit – wünsche ich Ihnen von Herzen.

H.-W. Graf


 

[1] Eine Wortschöpfung, die verdeutlichen soll, daß erst wenn (rationales) Denken, (seelisch-emotionales) Fühlen und (physisches) Handeln eine reale Verquickung, eine tatsächlich umgesetzte Gemeinsamkeit erfahren, der Mensch eine Harmonie in seinem komplexen ‚Ich’ gewärtigt, er mit sich selbst also im Einklang steht und lebt.

[2] Viel zu wenig wird, auch in der psychologischen Fachliteratur, zwischen (natürlicher) ‚Lebensbefähigung’ und der (normierenden) ‚Sozialisierung’ unterschieden. Erstere entspricht der natürlichen Aufgabe der Eltern, letztere heutzutage vor allem der Bequemlichkeit der verschiedenen Sozialitäten (Familie, Nachbarschaft, Kommune, usw.) und ihrer materiellen, funktionalen, geistigen, religiösen und sonstigen Werte und Überzeugungen, die gewahrt, eingehalten und, bitte schön, nicht gefährdet und hinterfragt werden sollen. Im späteren werden wir hierzu noch auf den Unterschied zwischen Ethik und Moral – genau darum geht es nämlich hierbei – zu sprechen kommen.

[3] positiver, durch Hormone ausgelöster Streß, vor allem Endorphine und Seratonin

[4] negativer Streß, ausgelöst durch Adrenalin und Noradrenalin, das zu K(r)ampf- und/oder Fluchtverhalten führt

[5] Darunter versteht man Menschen, die zwar irgendwann Lesen und Schreiben gelernt haben, diese Fähigkeit aber nach der Schule brachliegen und wieder verkümmern ließen.“

[6] Zur weiteren Erörterung dieser unheilvollen Diskrepanz erlauben Sie mir, auf die Schriften „Souveränität als Lebensmaxime“ (pdf), „Macht der Information“ und das Buch “Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens”, zu verweisen.

* Alle Schriften des Autors können bei info@grafgmbh.de bestellt werden.

30. September 2000

Vom Erlebnis zur Erfahrung – von der Wahrnehmung zum Wissen

30. September 2000|Gesundheit, Psychologie, Psychologie / Philosophie, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Vom Erlebnis zur Erfahrung – von der Wahrnehmung zum Wissen

Jeder von uns kennt das Phänomen: Im Zuge einer Diskussion, eines Disputs oder eines Streites beruft sich ein Beteiligter auf sein Alter und die damit – quasi automatisch – verbundenen Erfahrungen. Ein derartiges „Argument“ lähmt dann – und genau dies ist ja auch beabsichtigt – ein Gutteil der Diskutanten; was soll man diesem „Argument“ auch entgegenhalten?! Schon die „gute Erziehung“ beinhaltet ja den Respekt vor dem Alter. In manchen Kulturen geht dies (Tendenz allerdings sinkend) so weit, daß Entscheidungen der Älteren (Familienoberhäupter) überhaupt nicht mehr hinterfragt werden (dürfen).

Der hier vorherrschende und massiv wirkende Fehler liegt in der synonymen Verwendung der Begriffe Erlebnis und Erfahrung. Nicht jedes Erlebnis (im Sinne eines auf eine Person wirkenden Ereignisses) gereicht automatisch zu einer Erfahrung. Wer jedoch auf diesen Fehlschluß herein­fällt, blockiert sich selbst in seinem Denken und Fühlen, bzw. er gestattet es einem anderen, dies zu tun.

Was sich in einem Menschen im Zusammenspiel von Emotionen, die von sinnlicher Wahrnehmung stimuliert werden, deren rationaler Verarbeitung – Funktionen der verschiedenen Teile unseres Gehirns und stimuliert durch ein Fülle automatisch ausgelöster Hormonschübe – und den dadurch ausgelösten
körperlichen Reaktionen abspielt, ist der Wissenschaft bislang noch weitestgehend unbekannt. Im Bereich der psychologischen, psycho-rationalen und psycho-somatischen Abläufe und Verquickungen herrscht immer noch weitgehend Ahnen und Vermuten vor; zu kompliziert ist das verflochtene Ineinanderwirken der dabei beteiligten Parameter.

Wann können wir Gelerntes als wirkliches Wissen i.S. eines unwiderruflich stabilen Parameters unseres künftigen Lebens betrachten und darauf vertrauen? Wie wahr ist denn die Wirklichkeit und wie wirklich/real ist denn das, was wir wahrnehmen?

Im folgenden soll versucht werden, ein wenig Klarheit in dieses scheinbar irrationale Verwirrspiel zu bringen.

Vorbemerkung

Alles beginnt damit, daß wir über einen (oder mehrere) unserer fünf Sinne irgend etwas wahrnehmen. Das bedeutet, daß ein Ereignis durch unsere subjektive Aufnahme als wahr – im Sinne von existent – aufgenommen wird. Auf dieses Erlebnis reagiert unser System ganz automatisch in (beinahe beschämend) primitiver Weise; es prüft nämlich blitzschnell ab: ungefährlich oder gefährlich.

Ungefährlich:

  • bekannt, harmlos, nebensächlich, bedeutungslos (–> keine Reaktion nötig)
  • (un)angenehm, interessant, (–> Neugier und Interesse werden geweckt, Zugewandtheit baut sich auf oder Desinteresse, was eine weitere Beachtung verneint.)

Gefährlich:

  • Achtung – aufgepaßt (–> das System wird alarmiert).

Nun stehen zwei Möglichkeiten zur Auswahl:

  1. Ich fühle mich dem Ereignis gewachsen (stärker, überlegen) –> Kampfhormone
    rüsten unser System zum Angriff bzw. zur Verteidigung.
  2. Wir fühlen uns unterlegen, zumindest nicht gewachsen –> Fluchthormone werden ausgeschüttet.

All dies geschieht in Bruchteilen von Sekunden. Unser Körper ist in Aufruhr – initiiert durch unser vegetatives Nervensystem (im Zusammenspiel von Sympathikus und Parasympathikus) und in der Folge gesteuert durch unser limbisches System (Zwischenhirn). Auf sich bemerkbar machende (reale) Ängste reagieren wir instinktiv (gesteuert durch das vegetative System).

Bis wir den jüngsten Teil unseres Gehirns, die Reflexionsfähige Ratio (Groß-/Kleinhirn), aktivieren und einsetzen können (worauf der homo sapiens sapiens[1] besonders stolz ist), vergehen im Schnitt etwa sechs Sekunden. Dies bedeutet,
daß alle vor vollständigem Ablauf dieser Sequenz erfolgenden Reaktionen in Wirklichkeit gar nicht rational bestimmt sind, sondern – panikartig – höchst irrational.

Dies erklärt auch, warum so viele Menschen – quasi in vorauseilender Panikabwehr – viel zu schnell reagieren (z.B. durch völlig unüberlegte Antworten) und erst nach Ablauf dieser „geistlosen“ Phase das eigene Fehl-Handeln erkennen und (etwas hilflos, stammelnd und stotternd) zu korrigieren versuchen.

Gäbe man sich jedoch nur ein wenig Zeit und Ruhe, bevor man auf eine Wahrnehmung reagiert, hätte man die eigene Fehlreaktion verhindern können.

Andererseits dient dieser Mechanismus auch unserem Schutz. Er stellt in extremen Fällen sogar eine höchst wichtige Überlebensfunktion dar, denn wir haben natürlich nicht in allen Fällen – denken Sie an ein unkontrolliert heranrasendes Auto – Zeit, erst einmal in Ruhe unsere fünf Sinne zu
versammeln.

Insoweit gebieten Fehlreaktionen durchaus auch Duldung und Verständnis.

Nur mit einem sollten wir wohl wesentlich behutsamer und weniger impulsiv-reaktiv umgehen: Dem gesprochenen Wort; antworten sollte man tatsächlich erst, wenn man dem vegetativ-limbischen System Zeit gegeben hat, sich „auszutoben“.

Erfahrung

Erlebnisse, die uns als Ereignisse begegnen und die wir durch einen oder mehrere unserer fünf Sinne wahrnehmen, lösen (s.o.) à priori emotionale und körperliche Reaktionen bei uns aus. Bis aus einem Erlebnis jedoch eine Erfahrung wird, laufen eine Reihe weiterer Prozesse ab, denen wir uns im folgenden widmen wollen.

Nach den ersten, vegetativ-limbisch (durch Hormone) gesteuerten Reaktionen setzt unser Bewußtsein ein, d.h. das wahrgenommene Erlebnis/Ereignis durchläuft den „Erkennungsprozeß“ des Bewußtseins. In dieser Ratio-bestimmten „Sortiermaschine“ wird das Erlebnis hinterfragt, intellektuell abgeklopft und von allen Seiten rational „beleuchtet“. Aufkommende Fragen wollen geklärt werden, um das Erlebnis zu begreifen und zu verstehen. Erst nach Abschluß dieses Prozesses, der ein Erlebnis erst mit (rationalem) Verständnis ummantelt, kann daraus eine Erfahrung resultieren.

Wenn es denn so einfach wäre; dieses Erkenntnis-Feld ist mit einer Crux behaftet, die es uns erheblich erschwert, unsere Rationalität ungehindert und frei einzusetzen. Hier liegen nämlich – wie ein Filter – all die „Bannbotschaften“, die wir im Laufe unseres Lebens während des Prozesses, der Erziehung genannt wird, mitbekommen und leider „Hemmungs“-los in gläubigem Vertrauen (dazu später mehr) aufnehmen. Diese Bannbotschaften („die Summe der Gebote und Verbote, „guten“ Ratschläge und Anweisungen, die uns Eltern und liebe Verwandte ins „Kinderzimmer“ unseres Lebens legen, z.B.: Das tut man nicht, das kannst Du nicht, dafür bist Du noch zu klein, das klappt sowieso nicht, paß’ bloß auf, sei nicht so neugierig, hüte Dich vor …, etc.) verschleiern unseren eigenen Erkenntnisprozeß. Wir „erkennen“ damit Erlebnisse/Ereignisse quasi mit „fremden“ Augen, behindern also damit den ungebremsten Einsatz unseres eigenen Verstandes, wodurch es zu Fehldeutungen und Mißverständnissen kommt. Dies bedeutet dann, daß es statt zu Verständnis eben zu einer Verwirrung kommt, die letztlich in Unverständnis mündet. Fehlt uns nun die Motivation, dieses Unverständnis durch Hinterfragen und Recherchieren aufzuklären, rückzukoppeln und erneut einer rationalen Prüfung zu unterziehen, mündet dieses Unverständnis in Pseudowissen. Wir sehen uns dann nicht in der Lage, aus eigenem Verständnis heraus zu handeln. Dies führt dann entweder zu einer völligen Blockade (Starre und Nichthandeln) oder zu Fehlhandlungen, also zu Fehlern, die ihrerseits wieder negative Emotionen (Trauer, Wut, Ärger, Verzweiflung, Zorn) auslösen. Diese eigenen wie auch die Reaktionen Dritter nehmen wir nun wiederum (negativ) wahr – sie werden also wiederum zu Erlebnissen und Ereignissen, die dann den gesamten Kreislauf erneut beginnen lassen.

Manifestiert sich die aus dem Pseudowissen resultierende Starre, kann es zur Permanenz eigener Inkompetenz kommen, der Mensch fällt ins Feld der Ingressionen; er introvertiert, schottet sich von der Umwelt ab, verzweifelt, resigniert. Er zeigt depressives Verhalten, leidet zunehmend unter psychosomatischen Erkrankungen, entwickelt Phobien und Manien, Psychosen und Neurosen und verliert zunehmend an Sozialkompetenz. Diese Entwicklung kann bis zum Selbstmord gehen.

Andererseits kann es jedoch auch dazu kommen, daß dieser Mensch – in einer Art „Notwehr“-Reaktion – aggressiv wird. Wut und Haß steigern sich dann zu Dauerzuständen. Er verliert zunehmend seine Hemmungen und verweigert sich sozial. Hier liegt der „ideale“ Nährboden für Kriminalität. Der Betroffene ist ein ideales Opfer für die Mitgliedschaft in einer Bande, was dann zu organisierter Kriminalität oder zum Terrorismus führen kann.

Zwischen dem Feld der Ingressionen und dem der Aggressionen bestehen Wechselwirkungen; da es in der Natur eines Menschen (wie jeder anderen Form organischen Lebens) entspricht, aufgrund seines Überlebenstriebes immer wieder nach noch möglichen Auswegen zu suchen, kann ein ingressiver Mensch durch die Beeinflussung von außen sehr wohl – und für die Umwelt meist völlig unerwartet – hoch-aggressiv werden. Die Kriminologie kennt dieses Phänomen nur zu gut.

Nun gibt es jedoch auch hier einen „Bypaß“. Dieser führt wieder zurück zur Wahrnehmung. Ab einem bestimmten Grad an Hoffnungslosigkeit und Resignation einerseits bzw. Wut und allen anderen Formen der Aggression andererseits kann nämlich der Mensch – dies ist u.a. das Ziel der Psychotherapie – durch Erlebnisse und Wahrnehmungen ganz anderer (bisher unbekannter) Art, d.h. die Konfrontation mit etwas bislang nicht Gekanntem dann zur Öffnung, d.h. zur Aufnehmung neuer Wahrnehmungen geführt werden, die dann die Chance bieten, den Kreislauf erneut zu beginnen.

Zurück zum „Feld der Erkenntnis“. Wie gelangen diese Bannbotschaften
in unser „Denk“-System?

Glaube und Vertrauen

Zu Beginn unseres Lebensweges, bereits unmittelbar ab Geburt (in vielfacher Weise sogar bereits im pränatalen Zustand), nehmen wir all das, was durch unsere ersten Bezugspersonen auf uns einströmt, per se, d.h. völlig unreflektiert und ohne rationales Hinterfragen auf. Wir bauen es als (scheinbar) festes Wissen in unser System ein. Dies ist ein völlig natürlicher (instinktiver) Vorgang und dient unserem Schutz. Wie anders würden sonst Tiere, die ja über kein menschliches (rationales) Bewußtsein verfügen, überhaupt lernen, zu überleben und die Welt um sich herum einzuordnen und zu sortieren?

Im Gegensatz zu Tieren, die vornehmlich instinkthaft handeln, aus (nicht geistig-reflektierter) Wahrnehmung lernen und ihr „Wissen“ dann an die nächste Generation weitergeben – durch natürliches Vorleben –, schleppen Eltern und andere an der Erziehung eines jungen Menschen

Beteiligte, ihrerseits die Bannbotschaften [2]
mit sich herum (und lassen diese in den Erziehungsakt natürlich mit einfließen), die sie selbst erlebt, aber nicht hinterfragt haben. Je weniger also Eltern (und sonstige Erzieher eines jungen Menschen) die in ihr System eingebauten Bannbotschaften zu erkennen und sich davon zu befreien gelernt haben, desto ungebremster geben sie diese an die nächste Generation weiter – natürlich unbewußt und in (vorgeblich) bester Absicht.

Das Kind baut also in schierem Glauben und voller Vertrauen in seinen ersten Kindertagen Wissen auf, was erfreulicherweise in weiten Teilen sich auch später als wirkliches Wissen bewahrheitet.

Nicht selten jedoch stößt das Kind im Laufe seines Heranwachsens auf Widersprüche; d.h. vieles von dem, was vormals in gläubigem Vertrauen von den Eltern als Wissen aufgenommen wurde, erweist sich später als falsches oder zumindest nicht uneingeschränkt reales Wissen. Durch Reflexion und Überprüfung – hierzu wird es im Laufe der Sozialisierung von außerhalb der Familie angeregt – steht es dem heranwachsenden Kind natürlich offen, entweder eine Bestätigung des vormals aufgenommenen Wissens zu finden, oder aber auf Irrtümer zu stoßen.

Nun setzt hier jedoch ein vertrackter Mechanismus ein:

Der junge Mensch hat eine starke emotionale Bindung an die Eltern. Er weigert sich dann „instinktiv“, das ihm weitergereichte Wissen plötzlich als falsch anzuerkennen – dies entspräche nämlich beinahe einem Verrat an seinen Eltern. Entweder aus inniger Zugewandtheit oder aus regelrechter Angst vor den Eltern weigert sich der Jugendliche nun, das ihm übermittelte Wissen aufzugeben und in eigener Verantwortung (via Erkenntnis) ein verändertes Wissen zu entwickeln. Genau dadurch bleibt er aber im Kreislauf eines eigentlich längst als falsch decouvrierten PseudoWissens hängen, wodurch es wiederum zu aktionsloser Starre oder eben zu Fehlhandlungen kommt.

Das bei einer Überprüfung als falsch entlarvte (früher geglaubte) Wissen führt gerade junge Menschen beinahe zwangsläufig in eine Verwirrung, aus der sie sich – noch nicht frei von ihren Eltern – nur schwer (mitunter überhaupt nicht) lösen können bzw. zu dürfen glauben. Dieses emotionale Verbot, die eigenen Eltern in Frage zu stellen, hält bei vielen Menschen bis ins hohe Alter (und sogar über den Tod der Eltern hinaus).

In ähnlicher Weise emotional gebunden finden sich Menschen auch in anderen Beziehungen – z.B. in Religionen[3] und Sekten, Cliquen und Clubs, Massenvereinigungen aller Art, die bis zu Banden und radikalen Vereinigungen gehen können. Aus Angst davor, die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe zu verlieren, handeln die in diesem Zwang Gefesselten wider eigene Vernunft und gegen eigenes Empfinden; eigentlich wollen sie frei und selbstbestimmt ihr Leben führen, andererseits bleiben die meisten Menschen lieber in einem bekannten Leid verhaftet, als daß sie sich in die Ungewißheit eigener Freiheit vorwagen.

Doch auch das genaue Gegenteil kann eintreten: Kommt es nämlich zwischen Kindern und ihren Eltern zu schlimmen Zerwürfnissen, im Laufe derer sich die Kinder emotional – beinahe gewalttätig – von ihren Eltern lossagen, so kann dies dazu führen, daß die Kinder überhaupt nicht mehr bereit sind, einem anderen Menschen emotional eine Bindung zu schenken, zu vertrauen und zu glauben. Sie wehren sich dann im weiteren Leben – völlig unbewußt – gegen alles, was nach elterlicher Autorität riecht. Leider sind sie dann auch nicht mehr in der Lage, sich echter Autorität zuzuwenden, ihr zu vertrauen und sich in einer Sozialgemeinschaft einzugliedern (was ja immer auch potentiell mit „Unterordnung“ verbunden ist). Diese Menschen wirken dann wie professionelle Querulanten. Sie ecken überall und bei jedem an, meinen alles in Frage stellen zu müssen und gegen alles (und jede Meinung) opponieren zu müssen.

Im Grunde rührt auch dieses Verhalten aus einer tiefen Enttäuschung.

Dies ist auch der Grund, warum es derart schwierig ist, einem Menschen in einer schwierigen Situation zu helfen. Anstatt nämlich Vorschläge und Alternativen erst einmal in Ruhe aufzunehmen, zu bedenken, abzuwägen und einen Versuch zu wagen, hat der (vorgeblich) um Rat Fragende nichts besseres zu tun, als jede ihm angebotene Alternative abzuschmettern und für „unmöglich“ zu erklären.

Dieses Verhalten erkennen wir beim Einzelnen, aber auch bei ganzen Gruppen von Menschen, und hierdurch wird auch klar, warum es so schwierig ist, ein ganzes Volk aus einem längst (und von allen) als sinnlos erkannten System in ein alternatives „Neues Denken[4] zu überführen.

So weiß (fast) jeder Deutsche ganz genau, daß der „Sozialstaat“ in der bisher geübten Weise nicht mehr finanzierbar und fortzusetzen ist. Alle Versuche (auch der klügsten Köpfe), wirkliche Reformen einzubringen, scheitern jedoch an der Mentalität der Masse, lieber in alten (aber bekannten) Problemen
steckenzubleiben, als Alternativen überhaupt erst einmal unvoreingenommen zu überprüfen und anzunehmen zu wagen.

Hier wirken enorme fiktive [also beileibe nicht natürliche (instinktive)] Ängste. Zwar spüren wir im emotionalen Bereich unseres Lebensdreiecks[5], das hier etwas nicht stimmt, und im geistigen Bereich können wir logischen Erklärungen durchaus folgen und diese (vor allem bei anderen!) nachvollziehen. Bei uns selbst jedoch ist (eben durch diese Bannbotschaften) die Verbindung zwischen Geist und Seele, Ratio und Emotio, gestört, d.h. die Basis unseres Lebensdreiecks, auf der wir Denk-Fühlen[6], nichts mehr in Einklang bringt. Wir spüren im geistigen Bereich Versagensängste, leiden unter Autoritätsängsten – es fällt uns so schwer, als falsch erkannte „Autoritäten“ einfach abzustreifen –, und im seelischen Bereich wirken Verlustängste personeller, ideeller und materieller Art.

Sind Verstöße gegen (vormals) aufgestellte Gebote und Verbote gar noch mit körperlicher Bedrohung

(–> Schmerzängste), materiellen Einbußen, dem Verlust an Image (z.B. durch Verarmung, das unvermeidliche Älterwerden, die Konkurrenz durch Jüngere etc.) verbunden, so führt dies zu einer zunehmenden Reduktion unseres gesamten Lebensdreiecks, unseres Systems (bestehend aus Körper, Geist und Seele) und in der Folge zu einer abnehmenden Lebensfreude, reduziertem Selbstvertrauen und zunehmenden Selbstzweifeln.

Der sich dadurch im ganzen System zunehmend ausbreitende Distreß [7] macht uns krank. Diese „Verkrankung“ unseres Lebensdreiecks
beginnt – dieses Phänomen kennen wir von unserem Auto – an der jeweils schwächsten Stelle. Die Medizin spricht hierbei von psychosomatischen Erkrankungen (wobei die meisten Mediziner arge Probleme damit haben, dies näher zu definieren). Es kommt zu psycho-sozialen „Krankheiten“, d.h. einer zunehmenden
Abschottung von der Umwelt. Der Mensch (und sein System) „klinken“ sich buchstäblich aus dem Gesamtsystem, in das sie innerhalb ihrer Umwelt – ihres familiären, beruflichen, sozialen Umfeldes – eingebunden waren, aus. Sie introvertieren zunehmend. Krankheiten sind also im Grunde genommen eine Art
„Hilfeschrei“ des Körpers, wobei es zumeist nur wenig (auf Dauer sowieso nicht) hilft, hiergegen medikamentös oder operativ vorzugehen. Diese Menschen ziehen sich zunehmend (wie sterbende Elefanten) zurück.

Letztlich wird auch klar, warum so wenigen Menschen im Laufe ihres Lebens gelingt, zu wirklicher Weisheit vorzudringen. Der wirklich Weise muß sich nämlich – um zu Weisheit zu gelangen – von nahezu allen Bannbotschaften und dem Filter in seinem Erkenntnisfeld freimachen, um sich im direkten Kreislauf von ErlebnisErkenntnisVerständnisErfahrungWissen – (freiem) Handeln im Laufe der Zeit ein umfassendes holistisches Wissen anzueignen, das in (nahezu) ungebremster Form einen immer größeren Schatz an Erfahrungen gebiert.

Je mehr Zeit wir im Laufe unseres Lebens in den Feldern Verwirrung, Unverständnis, Pseudo-Wissen und hilfloser Handlungsunfähigkeit verbringen, desto nachhaltiger schädigen wir unser eigenes System (körperlich, emotional und geistig) und desto mehr an wertvoller Zeit
verlieren wir. Damit reduzieren wir aber nicht nur unsere eigene Lebensfreude, die Buntheit und Vielfalt in unserer eigenen Lebenszeit, vielmehr behindern wir auch unser Umfeld – insbesondere unsere uns eigentlich doch so am Herzen liegenden Kinder – dabei, ihrerseits ein freudvolles, von vielen wertvollen Erfahrungen getragenes und reiches Leben zu führen.

Eigentlich sollten derartige Gedanken und Zusammenhänge bereits Inhalt und Gegenstand frühester Erziehung und fester Bestandteil im Lehrplan unserer Schulen sein, doch dazu wäre zuvorderst nötig, Eltern, Lehrern und Erziehern diese Zusammenhänge aufzuzeigen und verständlich zu machen. Da dies wiederum bedeuten würde, sich zuerst einmal mit den Filtern in den Erkenntnisfeldern dieser Menschen auseinanderzusetzen – was damit verbunden wäre, elementare Widerstände abzubauen –, wird es wohl noch eines langen Lernprozesses in der Geschichte des homo sapiens sapiens bedürfen, bis derartige Gedankengänge zum integralen Bestandteil von Erziehung und Bildung[8] werden.

Zusammenfassung

So verwirrend das nachfolgende Schema auf den ersten Blick sein mag – bei genauerem Durchdenken wird viel von dem, was wir als menschliches Verhalten bezeichnen, schlaglichtartig deutlich. Viele Probleme, mit denen sich Eltern oder Lehrer in der Erziehung konfrontiert sehen, sind anhand dieses
Schemas geradezu „logisch“ nachvollziehbar.

Klar wird auch, warum so viele Menschen in an sich unliebsamen Beziehungen hängen bleiben, sie mehr Wünsche als wirkliche Ziele haben, sich nicht aus bestehenden Partnerschaften oder einer längst als desolat erkannten beruflichen Situation zu lösen vermögen.

Klar wird auch, warum ein so hoher Prozentsatz der Bevölkerung sich politisch wenig bis gar nicht engagiert. Sie lassen sich sehenden Auges von den etablierten Parteien belügen, bestehlen und täuschen, sprechen von (und fordern vehement) Demokratie, ohne ihre demokratischen Rechte einzufordern – weil dies
mit der Wahrnehmung demokratischer Pflichten verbunden wäre.[9]

  • Ausländerproblematik – Ausländerhaß und überproportionale Ausländerkriminalität;
  • die Abschottung von Minderheiten (aktiv wie auch passiv);
  • der berühmte Generationenkonflikt;
  • Machtgier und Machthunger der politischen Parteien, der Gewerkschaften und der Kirchen – und
    deren Auswirkungen auf das Denk-Fühlen der davon betroffenen Menschen;
  • die zunehmende Tendenz von immer mehr Menschen, sich lieber ins staatliche Sozialnetz fallen
    zu lassen und nach weiteren Subventionen zu rufen, statt ihr Schicksal selbst
    in die Hand zu nehmen, Mut zu fassen und sich aufzuraffen;
  • die massive Ausbreitung von Sekten und Kultgemeinschaften;
  • die Duldung einer unsäglich flachen Medienkultur durch Millionen von Zuschauern, Hörern und Lesern;
  • die zunehmende
    Verflachung der Literatur (bei gleichzeitig schwallartigem Anstieg des Angebots);
  • der zunehmende Alkohol- und Drogenkonsum und die ebenso steigende Jugendkriminalität;

All dies ergibt sich geradezu zwangsläufig aus der zunehmenden Verwirrung
breiter Massen (und im speziellen der Jugend), der geradezu seuchenartigen
Verbreitung von Pseudo– und Halbwissen, deren Endstufe für das
zunehmende Gros der Bevölkerung in ingressivem oder aggressivem
Verhalten wirklich nicht verwundern kann.

Darf ich Sie bitten,
diese Gedanken auf einigen wenigen Seiten möglichst vielen Menschen weiterzureichen
und anzubieten – in der Hoffnung, daß der/die eine oder andere daraus seine
Schlüsse zieht, dieses Skript vielleicht sogar zum Anlaß nimmt, sein bisheriges
Denkfühlhandeln zu überprüfen, um ggf. neue Wege zu neuen Zielen zu
finden.

H.-W. Graf

[1] Der sehr weise Mensch

[2] Quelle: „Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens“ *

[3] religare = lat.: (an)binden, fesseln

[4] Quelle: „Neues Denken – was ist das
eigentlich?“, DBSFS e.V., München, 1998*

[5] Quelle: Das Lebensdreieck , pAS GmbH,
München, 1993*

[6] Quelle: „Die Bewußtseins-Pyramide“, pAS
GmbH, München, 1992*

[7] Quelle: „Das Lebensdreieck“ – Distreß und
Eustreß, pAS GmbH, München, 1993*

[8] Quelle Plädoyer für ein neues Bildungssystem, PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.

[9] Quelle: „Die Utopie der Demokratie, DBSFS e.V., München, 1993*

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