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21. Juni 2006

Am Ende der „Weisheit”

21. Juni 2006|Editorial|Kommentare deaktiviert für Am Ende der „Weisheit”

Nein, es liegt nicht an Frau Merkel, wenn der „Ast“, auf dem Deutschland immer noch „in Ruhe aussitzt“ (Schröder, 2001), für jeden vernünftigen Menschen spürbar, nur leider für die Koalitionäre der „Volks“parteien nicht hörbar, stündlich abzubrechen droht. Dessen Morschheit verdanken wir Bürger zuvorderst unserem kindlichen Glauben, die PolitikerInnen besäßen die fachliche und ethische Kompetenz, dem Auftrag nachzukommen, den sie sich – rückgratlos, vielleicht auch in Ermangelung anderer beruflicher Karrierechancen oder mit der Aussicht auf eine exzellente Absicherung – wahlpolitisch erschlichen haben.

Die Einsicht in diesen fatalen Irrtum kommt jedoch zu spät – nicht zuletzt, weil der darauf von Kindesbeinen an trainierte Bürger politisch systematisch verunfähigt wurde. Geblendet vom Glanz eines 25 Jahre dauernden „Wirtschaftswunders“, desinformiert von gelenkten Medien, eingelullt vom „Sozial“geschwätz der „Volks“parteien, konkurrenzlos verblödet durch ein völlig verstaatlichtes Bildungssystem [1] und korrumpiert von „benevolenten“ Gaben aus dem Füllhorn staatlicher Überschüsse und im Korsett einer brutalen Bürokratie, die sämtliche Lebensabläufe in diesem Lande reguliert und krakenartig gefangen hält wie in keinem anderen Industrieland, haben die Bundesbürger dieses Land in allen Belangen der absoluten Willkür der Politiker überlassen.

Noch immer wähnen sich weit über 95 % der Deutschen in einer Demokratie, und mehr als 90 % aller Politiker sehen sich als die „Elite dieses Landes“ (zeitreport Nr. 154).

Adjudanten und scheinkritische Paladine dieser durch und durch korrupten Parteiendemokratur sind Gewerkschaften und Kirchen, Kammern und berufsständische Verbände mit ihren Zwangsmitgliedschaften sowie die Großkonzerne, deren Lobbys im trauten Tête-à-Tête mit den ausschließlich ihrer Partei und dem persönlichen Karriereprofil verpflichteten Politikern dieses Land zugrunde richten.

Wir Bürger sind es, die immer noch in kindlicher Naivität darauf bauen zu können glauben, diesen Cliquen ginge es um ihren Auftrag, verantwortungsvoll für unser Wohl und die Zukunft dieses Landes zu sorgen.

Natürlich beschleicht uns zartes Unbehagen, wenn die Biografien dieser Schergen des Systems so gar nicht zu ihren Funktionen zu passen scheinen – da nehmen wir eben maulhurende Steinewerfer als Außenminister und sinnwidriges Geschwätz [„das Soziale ist die Essenz der Demokratie“ (Franz Müntefering)] stirnrunzelnd in Kauf. Nur vage (wenn überhaupt) erinnern wir uns, daß heute von den Parteien vertretene Standpunkte schon vor Jahrzehnten – damals als Warnungen – von wirklichen Fachleuten verlautbart wurden. Die Kraft, diese gesamte Mischpoke zum Teufel zu jagen, selbst die Verantwortung zu übernehmen und uns der parteipolitischen Fesseln zu entledigen; uns mit echten Alternativen zu beschäftigen, statt uns mit Raab und Gottschalk, Desinfotainment und Schwachsinnsserien das Hirn vernebeln zu lassen, bringen wir jedoch nicht auf. Frei nach dem Motto: Wir bräuchten dringend grundsätzliche Alternativen, aber wehe, irgendjemand bietet tatsächlich eine an.

Was uns Wirtschaftsweise und die Vertreter der Wirtschaftsforschungsinstitute – beide hängen, da öffentlich-(un)rechtlich aus dem Staatshaushalt finanziert, in unentrinnbarer Abhängigkeit fest – heute verkünden, galt in Fachkreisen bereits vor einem Vierteljahrhundert als Binse. Aber wo die Medien um Einschaltquoten und Auflagen buhlen, sind Vertreter des Systems allemal bessere Zugpferde für Interviews, Talkshows und Schlagzeilen als vermeintlich pessimistische Querulanten.

Über die Veruntreuung von Milliarden durch die politischen Systemheloten in den neuen Bundesländern regen wir uns schon gar nicht mehr auf; sich um tiefergehende Erkenntnisse zu bemühen, um elementare Zusammenhänge zu verstehen, ist uns zu mühsam. Wir begnügen uns mit der resignierenden Einsicht, daß Politik generell ein ‚dreckiges Geschäft’ ist und ‚die da oben ohnehin alle gleich’ seien. Wer Beihilfe zum Mein-(amts)eid eines Kohl geleistet hat, ist heute entweder gut situierter Staatspensionär (Waigel, Bohl) oder Innenminister unter Frau Merkel.

In ängstlicher Hilflosigkeit und satter Bequemlichkeit lassen wir uns von 0,0000075 % der Bevölkerung (MdBs) und weiteren 0,000625 % – willigen Funktionsträgern auf Länder- und Kommunalebene, in Gewerkschaften und Verbänden – widerstandslos kujonieren, korrumpieren und mißbrauchen.

Interessante Frage: Wie lange lassen wir uns dies eigentlich noch gefallen? Was müßte denn passieren, damit wir diese öffentlich-(un)rechtlichen Parasiten endlich aus dem Tempel jagen und die Verantwortung wieder für uns selbst übernehmen?

H.-W. Graf

[1] Nur 6 % aller Schulen (und 2,9 % aller Schüler) sowie 8 % der Fachhochschulen (4,9 %) sind privat. 0,3 % der deutschen Studenten studiert an privaten Universitäten. In den USA sind es 35 % und in Japan 70 %.

20. April 2006

Sprachlos – hilflos – perspektivelos – Die Wurzeln der Gewalt

20. April 2006|Editorial|Kommentare deaktiviert für Sprachlos – hilflos – perspektivelos – Die Wurzeln der Gewalt

Es war wohl, dessen sind sich Neurobiologen und Anthropologen gleichermaßen sicher, die differenzierte Sprache, die dem homo sapiens sapiens die Möglichkeit schenkte, sich über alle anderen organischen Lebensformen auf diesem Planeten hinauszuentwickeln. Einhergehend mit dem Schluß der Hirnbrücke (corpus calossum), die ihm den ‚inneren Monolog’, d.h. das Gespräch zwischen Verstand/Ratio und Gefühl/Emotio ermöglichte, war es dem Menschen nunmehr möglich, mit seinen Artgenossen Sachverhalte zu diskutieren, Erfahrungen aus der Vergangenheit einzubringen, abstrakt wie konkret zu argumentieren, Pläne zu formulieren und Ansichten auszutauschen.

Folgerichtig entwickelte der Mensch Begriffe für alles ihn Umgebende – konkret wie abstrakt –, differenzierte seine Beschreibungen nach Größe und Art, Gewicht, Form und Farbe. Es war die Sprache, die den Menschen befähigte, Probleme zu diskutieren, Lösungen diskutativ zu erarbeiten, Wissen weiterzugeben und Neues hinzuzulernen.

Etwa 20.000 Sprachen und mehr als 100.000 Dialekte zählt die Linguistik heute weltweit. Diese unterscheiden sich zum einen in der Größe des Wortschatzes und zum anderen in der mehr oder weniger differenzierten Grammatik. Als ausschlaggebend für die Differenziertheit einer Sprache, die Größe des Wortschatzes und die Komplexität ihrer Grammatik sind die Lebensumstände und die Komplexität der Gedanken- und Begriffswelt, in der die jeweiligen Sprachen Verwendung finden. Mit anderen Worten: In relativ einfachen Lebensumständen genügen den Menschen auch einfachere Mittel der Verständigung, wohingegen in hochkomplexen Volksgemeinschaften auch die Sprachlichkeit höher entwickelt und vielgestaltiger genutzt wird.

Dies zeigt sich bei Kindern aus intellektuell unterschiedlich entwickelten Familien bereits im Kindergarten; Neurobiologie und Sprachwissenschaftler sind sich heutzutage darüber einig, daß die Grundfertigkeit der Sprachnutzung bereits mit etwa vier Jahren zu 95 % determiniert ist. Demzufolge wird bereits in frühester Jugend – und dessen sind sich die meisten Eltern wohl gar nicht bewußt – der Grundstein dafür gelegt, wie kommunikationsfähig ein Kind in seiner Umwelt agiert. Sprache ist somit als Basiswerkzeug der Sozialisation schlechthin anzusehen.

Versagt das Elternhaus Kindern bereits in den ersten Jahren den Zugang zu komplexer Sprachlichkeit, wird dies das Kind sehr schnell als Problem und persönliches Versagen empfinden, wenn es – zuerst im Kindergarten und später in der Schule – auf MitschülerInnen trifft, deren Sprachlichkeit eben besser entwickelt, deren Wortschatz reichhaltiger und deren Kommunikationsfähigkeit ausgeprägter ist.

Insofern sind Kinder, deren Eltern aus einem anderen Sprach- und Kulturkreis kommen und die sich nicht der Mühe unterzogen haben, die Sprache des Gastlandes intensiv zu erlernen, geistig und damit auch emotional vor erhebliche Probleme gestellt. Gleiches trifft aber auch auf inländische Kinder zu, in deren Elternhaus Sprache als Kulturgut wenig und nur auf niedrigem Niveau entwickelt ist.

Entsprechend kontinuierlich steigt die Zahl der funktionalen Analphabeten, die Fachleute im Land der ‚Dichter und Denker’ inzwischen auf über 25 % schätzen, und auch die weitverbreitete Ansicht, Dialekt sei der Hochsprache vorzuziehen, übersieht, wie zunehmend sprachbehindert Kinder sind, in deren Elternhaus eben nur gesächselt, berlinert, gebayert, geschwäbelt oder gebabbelt wird.

Ein dementsprechend niedriges Sprachniveau äußert sich dann in Minderwertigkeitskomplexen und kommunikativer Hilflosigkeit, was entweder zu autistischen Verhaltensmustern, Zurückgezogenheit und Schweigsamkeit führt, oder mit anderen Mitteln kompensiert wird – neben der zunehmend beobachtbaren Beschränkung auf physische Aggressivität und überbordendem Aktionismus mit lautstarkem Gehabe, Angeberei, Jähzorn und Unbeherrschtheit.

Wer nun Lehrern und Erziehern in Kindergärten und Schulen glaubt, die Schuld für das „Rütli-Syndrom“ in die Schuhe schieben zu können, irrt gewaltig; es sind die Eltern, die in ihrer Aufgabe, die Grundlagen der primären Sozialisation zu legen, versagt haben. Erzieher in Kindergärten, noch viel mehr jedoch Lehrer in Schulen, haben es mit bereits ausgereiften Produkten einer besseren oder schlechteren sprachlichen, emotionalen und intellektuellen Erziehung im Elternhaus zu tun. Ihre pädagogischen Möglichkeiten, grundsätzliche Arbeit zu leisten, die im Elternhaus verabsäumt wurde, sind aus vielerlei Gründen beschränkt: Unter dem Diktat eines staatlich-politischen Bildungsauftrages (der von moderner Erziehung so wenig Ahnung hat wie von zeitgemäßen Bildungsinhalten), müssen Pädagogen in viel zu großen Klassen jeweils in Abschnitten von 45 Minuten versuchen, ein homogenes Lernfeld zu entwickeln, um auf diesem völlig unterschiedliche Interessen, Voraussetzungen und Fähigkeiten zu koordinieren.

Dabei stehen Pädagogen von vornherein in der schwächeren Position; Kinder erproben ihre Sozialisierung in der Schule grundsätzlich völlig anders, als sie dies im Elternhaus üblicherweise gelernt haben. Zuhause eingeübte Regeln verlieren in der völlig andersartigen Sozialgemeinschaft Klasse ihre Gültigkeit. Die Autorität der Eltern zählt im Unterricht kaum bis gar nichts; die sich in jeder Sozialgemeinschaft bildende Hierarchie ist völlig anders strukturiert als im Elternhaus, und schnell erfaßt das Kind den andersartigen Regelkatalog in der Schule. Hinzu kommen intellektuelle und emotionale Inhalte, die es vielfach im Elternhaus weder erlebt und kennengelernt hat, noch die es dann zu Hause fortsetzen und weiter erleben kann und darf.

Soziologen und Pädagogen, Kriminologen und Verhaltensforscher können ein Lied davon singen: Je einfacher strukturiert (vulgo: dümmer und primitiver) das Elternhaus, desto auffälliger, hilfloser und letztlich aggressiver (bzw., als Gegenreaktion, schüchterner und autistischer) zeigen sich Kinder dann in den sozialen Gemeinschaften außerhalb der häuslichen Umgebung. Je hilfloser die Eltern mit der Phänomenologie ‚jugendlichen Heranwachsens’ umgehen, desto asozialer gebärden sich die Früchte ihrer „Erziehung“ auf der Straße, im Umfeld Gleichaltriger und der Schule.

Erfahren diese Opfer primitiver, teilweise gar völlig desinteressierter Erziehung im Elternhaus dann in der Klasse die entsprechende Ablehnung, flüchten sich die Jugendlichen beinahe selbstverständlich in eine aggressive Grundhaltung ihrer Umwelt gegenüber und rotten sich mit ähnlichen Erziehungsopfern zu jugendlichen Gangs zusammen. Ergänzung findet diese zunehmende De-Sozialisierung in den Medien, „Musik“- und Tele-Angeboten (Rap, Baby-groups, Sponge-TV), die an Schwachsinn unmöglich zu unterbieten sind. Daß wir nun immer häufiger Phänomene gewaltbereiter und perspektiveloser Kinder und Jugendlicher erfahren, liegt u.a. – spätes Erbe der sozialpolitisch kriminellen ‚Frankfurter Schule’ – natürlich umso mehr in den Stadtbezirken und Bundesländern, die ohnehin wirtschaftlich, kulturell und soziologisch auf niedrigstem Niveau stehen.

All dies so deutlich anzusprechen, ist natürlich politisch inkorrekt, vielleicht weckt es aber auch kurzsichtige Sozialromantiker und ewig-gestrige Verfechter der Gesamtschule aus ihren Märchenträumen. Das Niveau von Kindern und Jugendlichen richtet sich beileibe nicht nach dem Einkommen der Eltern, sondern ist ein unbarmherziger Spiegel der im jeweiligen Elternhaus herrschenden Sprach- und Denkkultur.

Hier müßte intelligente und verantwortungsvolle Bildungspolitik ansetzen, nur scheuen sich Politiker aus populistischen Gründen, die wirklichen Ursachen für das ‚Rütli-Syndrom’ beim Namen zu nennen – die Eltern, die in ihrem pädagogischen Auftrag, Kinder nicht nur in die Welt zu setzen, sondern deren emotionale und intellektuelle Basis inhaltsreich und lebensbejahend zu gestalten, in immer zunehmendem Maße versagen, weil ihnen genau dieser pädagogische Auftrag – zunehmend schwieriger in einer immer komplexeren Welt – niemals verdeutlicht und vermittelt wurde. Dabei gäbe es genügend Alternativen – jenseits staatlicher Bildungshoheit: Elternschulen, Seminare zu Kommunikation und Rhetorik, Pädagogik und Psychologie, Philosophie und Politik. Wir gehen einer Bildungskatastrophe, einer geistig-emotionalen Verslumung breiter Schichten der Bevölkerung entgegen. Eine dringend nötige Bildungsreform kann nicht von systemgefangenen Politikern und Parteien ausgehen, nur müssen das die Verantwortlichen, die Eltern, zu verstehen bereit sein.

H.-W. Graf
22. Februar 2006

Bildung und Verwirrung

22. Februar 2006|Editorial|Kommentare deaktiviert für Bildung und Verwirrung

‚Bildung’ leitet sich, so belehrt uns das etymologische Wörterbuch, vom athochdeutschen ‚bildunga’ – „Schöpfung, Verfertigung, Bildnis, Gestalt“ ab. Dieses Begriffs bemächtigte sich im 18. Jahrhundert vor allem die Pädagogik, um uns mit dem Begriff der ‚Ausbildung’ – im Sinne von ‚auf dem letzten Stand befindlich, fertig’ – zu beglücken. Dahinter verbirgt sich jedoch tragischerweise das genaue Gegenteil; zunehmend verflachte nämlich die Bildung zu formalem Wissen, dessen Inhalte regelmäßig einem höher gestellten Subjekt trefflich Dienst leistete – dem Staat und seinen jeweils untergeordneten Systemstrukturen. Otto und Lieschen Müller fiel dies natürlich um so weniger auf, als die Tatsache, daß nunmehr Jeder Lesen und Schreiben lernen durfte, allgemein als segenbringende Errungenschaft angesehen wurde. Die Kirche hatte das bis dahin eisern verteidigte Bildungsmonopol an die sich seit dem Wiener Kongreß (1815) stetig machtpolitisch entwickelnden Staaten verloren. Nun galt es, die zunehmend in die Städte drängende Bürgerschaft auch bildungstechnisch zu vereinheitlichen, um Berufsbilder und diese formierenden Bildungsinhalte kontrollierbar zu gestalten. Bislang war nämlich jedwede Ausbildung auf Basis der Weitergabe der Meister an ihre jeweiligen Schüler beschränkt, die Vermittlung simpler Fertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen blieb unterbezahlten Lehrern vorbehalten. Binnen weniger Jahrzehnte erfolgte dann die Trennung in das Bildungsbürgertum einerseits (Angestellte bzw. deren „veredelte“ Spezies, Beamte) und das (damals noch überwiegende) Heer der manuell tätigen Arbeiter. Entsprechend wurden die verschiedenen Bildungseinheiten sortiert – alles unter staatlicher Determination und Kontrolle –, und wer seiner (aktiv oder passiv) geplanten Bestimmung entsprechend unterrichtet schien, wurde als ‚ausgebildet’ bezeichnet (neuhochdeutsch: zertifiziert).

Wie und ob darüber hinaus der Einzelne seine intellektuelle und fabrizielle Bildung – beruflich und außerberuflich – auch weiterhin fortentwickelte, blieb ihm selbst überlassen. Vornehmlich wurde Bildung jedoch funktional und systemisch betrieben, z.B. als Inhalt gewerkschaftlicher Forderungen.

Zwar sind das heutige Bildungsangebot und die Möglichkeiten, dieses wahrzunehmen, schier unendlich, schwierig ist aber für den Einzelnen, echte Information von gelenkter Desinformation zu unterscheiden. Das zunehmend ausufernde Universum möglicher Bildungsinhalte macht es für den modernen Menschen zunehmend schwieriger, seine persönlichen Bildungs-Prioritäten zu setzen. Zudem wird funktionales und singuläres Wissen nur allzu hastig mit Bildung gleichgesetzt. „Fachidioten“ sehen sich bei jedem Technikwechsel hilflos im Abseits; sie werden nicht mehr benötigt. Kein Wunder – echte, breitgefächerte Bildung fehlt ihnen.

Natürlich können auch die Geschehnisse in den laufenden soap operas und der genaue Tabellenstand des favorisierten Vereins im weitesten Sinne als Bildung (miß)verstanden werden. Die sich daraus ergebenden Gesprächsinhalte sind dann aber auch entsprechend flach. Zu wirklicher eigener Bildungsarbeit werden Kinder und Jugendliche jedoch in den wenigsten Familien und so gut wie gar nicht im staatlichen Bildungswesen angeleitet. Auch das hat einen tieferen Sinn; eigen-bildungs-befähigte Menschen sind schwieriger zu kontrollieren, zu führen und systemisch zu koordinieren.

Eben deshalb kämpfen staatliche Institutionen so unnachgiebig um die Bildungshoheit, d.h. das Recht, Bildungsinhalte und Bildungsmechanismen unter staatlicher Aufsicht zu halten. Dem Bürger wird das als sozialpolitische Schutzmaßnahme verkauft.

Dieser staatlichen Bildungskontrolle kommt die desinformative Pseudobildung, wie sie uns via Medien tagtäglich um Augen und Ohren geschlagen wird, trefflich zugute; da das Gros der Menschen Weiterbildungsmaßnahmen zum einen ohnehin nur auf den beruflichen Teil des Lebens beschränkt und ihre Teilnahme daran zumeist davon abhängig macht, daß der Arbeitgeber hierfür, bitteschön, auch die Kosten zu übernehmen habe, geraten immer mehr Menschen ins berufliche und, daraus sich entwickelnd, auch ins soziale Abseits. Eingefrorene Bildungsbefähigung und -bereitschaft verhindert soziale wie auch berufliche Anpassung und verhilflost – heute wie früher – eigenständiges Reagieren auf eine sich verändernde Welt.

Wenn nun Politiker und Gewerkschafter den Bildungsnotstand ausrufen, eifrig Bildungsoffensiven und ‚Elite’-Universitäten einfordern und dabei mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Arbeitgeber und Unternehmer deuten, sollten Sie nicht übersehen, daß drei Finger der gleichen Hand auf Sie selbst gerichtet sind; die heutige Bildungsmisere – in Lehrplänen und Schulen aller Kategorien, aber auch in der Bevölkerung insgesamt – ist ebenso systembedingt, wie die Probleme in sozialer, wirtschaftlicher und fiskalpolitischer Hinsicht.

Bildung in jeder Weise kann immer nur auf dem Boden individuellen Interesses erarbeitet und gelebt werden. Wo sich Systeme dem freien Markt und damit konkurrierender Wettbewerbsfähigkeit verschließen, laufen sich immer rascher verändernde Lebensbedingungen an den davon betroffenen Bürgern vorbei.

Solange sich die Menschen unter ein staatlich-systemisches Bildungskuratel stellen lassen und Bildung noch nicht als eine höchst private Angelegenheit erkennen, werden dieses Land und seine Bürger im internationalen Vergleich immer weiter ins Hintertreffen geraten. Unter weniger „sozialen“ Lebensbedingungen reift in anderen Ländern, auf die wir früher lächelnd herabsahen und die wir heute verwundert wahrzunahmen beginnen, ein gesünderes Eigenengagement, sich den Fordernissen der Zukunft zu stellen.

Und selbst wer darauf verweist, daß das deutsche Bildungsniveau noch immer weltweit zu den besten gehört, handelt nach dem Prinzip: Unter den Blinden ist der Einäugige König – noch!

Die Tatsache, daß das in den letzten 15 Jahren entwickelte Internet zu über 85 % ausschließlich dazu genutzt wird, Pornoseiten herunterzuladen, bei eBay nach Schnäppchen zu suchen oder für verlängerbare Gliedmaßen zu sorgen, wirft ein fragwürdiges Bild auf die Bildungsbereitschaft der Menschen hierzulande. Sie laufen Gefahr, daß der technische Fortschritt den vielleicht wertvollsten Lebensinhalt der menschlichen Existenz zunehmend vertrocknen läßt – emotionale und geistige Lebensbefähigung.

Wirklich gebildete Menschen sind freier (von fiktiven Ängsten) und fallen auf Ideologien – auch religiöse und gewerkschaftliche – weniger herein. Sie leben autarker und selbstbestimmter.

H.-W. Graf

“So bereitet der Souverän, nachdem er jeden Einzelnen der Reihe nach in seine gewaltigen Hände genommen und nach Belieben umgestaltet hat, seine Arme über die Gesellschaft als Ganzes; er bedeckt ihre Oberfläche mit einem Netz kleiner, verwickelter, enger und einheitlicher Regeln, das nicht einmal die originellsten Geister und stärksten Seelen zu durchdringen vermögen, wollen sie die Menge nicht hinter sich lassen; er bricht den Willen nicht, sondern er schwächt, beugt und leitet ihn; er zwingt selten zum Handeln, er steht vielmehr ständig dem Handeln im Wege; er zerstört nicht, er hindert die Entstehung; er tyrannisiert nicht, er belästigt, bedrängt, entkräftet, schwächt, verdummt und bringt jede Nation schließlich dahin, daß sie nur noch eine Herde furchtsamer und geschäftiger Tiere ist, deren Hirte die Regierung zu sein vorgibt.”

Alexis de Tocqueville (1805-1859)
über die Demokratie in Amerika

Anm.: In gleicher Weise dürfte er heute über Deutschland schmähen.

15. Dezember 2005

Der Basar ist geschlossen

15. Dezember 2005|Editorial, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Der Basar ist geschlossen

Mit einem Umfang von 143 Seiten (7031 Zeilen) und einem Appendix von weiteren 47 Seiten („Ergebnis der Koalitionsarbeitsgruppe zur Föderalismusreform“) – alles unter dem Titel „Gemeinsam für Deutschland – mit Mut und Menschlichkeit“ – beglückten uns die Politschacherer von CDU/CSU und SPD am 11.11.2005 (!) mit dem Programm für die nächsten vier Jahre. Beinahe rührend die telegen demonstrierte Freude fürs bang lauschende Volk und die herzlichen Scherzlein, die man sich gegenseitig zuwarf – stolz und in dem tiefen Bewußtsein, soeben die Quadratur des Kreises vollzogen zu haben.

Schon erstaunlich: Erbitterte Gegner im Wahlkampf, die nicht müde wurden, sich gegenseitig der Inkompetenz, der Machtgier und des Opportunismus zu zeihen, sind nun zu veritablen „Partnern“ mutiert – natürlich nur, um „Deutschland zu dienen“. Kein Mittel war ihnen dabei zu schnöde, keine zuvor vehement vertretene Absolutheit heilig genug, nicht auf dem Basar politischer Postenschacherei und Machtgier geopfert zu werden – für die Koalitionäre selbstherrlicher Beweis eigener Kompromißfähigkeit. Wohl nur den Wählern bleibt vorbehalten, sich verwundert die Augen zu reiben, was mit ihrem Votum, ihrer Wahlstimme eigentlich geschehen ist; wählten sie doch Programme und deren Vertreter, die mit dem Inhalt des nunmehr ausgehandelten „Koalitionsvertrages“ kaum noch das mindeste zu tun haben. Bemerkenswert, aber wie sagte schon der groß(mäulig)e Schröder ehedem: „Gewählt ist gewählt“.

Daß Müntemerkel damit das Postengeschiebe erfolgreich abgeschlossen und die Vertragsvasallen dies auch mehr oder minder fröhlich abgenickt haben, ist eine Sache, und daß der verdutzte Wähler dies nur noch mehr oder weniger zähneknirschend zur Kenntnis nehmen kann, ist eine für Profipolitiker unbedeutende Begleiterscheinung. Doch was dies für die Zukunft dieses Landes bedeutet, können wohl nur die wenigsten der betroffenen BürgerInnen ermessen.

Kein einziges der heute so dringend zu lösenden Probleme dieses Landes ist auch nur annähernd erfolgversprechend gelöst – im Gegenteil: Die „Reichensteuer“ und die grundsätzliche Besteuerung von Kapitalerträgen werden bislang im Ausland gehortete Gelder auch nicht wieder nach Deutschland locken. Wer Eichels Steueramnestie noch Glauben schenkte, hat dies längst bereut. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer trifft vor allem die tatsächlich Schwächsten in der Bevölkerung und wird Jeden noch emsiger nach billigeren Gütern im grenznahen Ausland schielen lassen, weitere klein- und mittelständische Betriebe verschwinden oder ins Ausland abwandern sehen. Daran ändert auch die Erweiterung des Kündigungsschutzes auf zwei Jahre nicht das mindeste – ein geradezu dümmlich anmutendes Placebo; welcher Betriebsinhaber benötigt zwei Jahre, um festzustellen, ob ein Mitarbeiter etwas taugt?

Daß nun auch die Gebäudereiniger in das ‚Entsendegesetz’ aufgenommen werden, ist schon höchsten Lobes wert. Wie lange müssen die frisch Vermählten darum wohl gerungen haben. Daß dieses Gesetz auf völlig legalem Wege samt und sonders sehr einfach zu umgehen ist, weiß jeder Unternehmensberater. Selbst die Tatsache, daß – zum ersten Mal in der Geschichte dieses Landes – ein Bundes- und mehrere Länderhaushalte bereits bei ihrer Verabschiedung gegen das Grundgesetz verstoßen, ficht diese ‚Totengräber der Demokratie’ nicht im mindesten an.

Bei all dem – und all dem übrigen Unsinn, um den es im „Koalitionsvertrag“ geht – wissen die „Partner“ nur allzu gut, daß sie nahezu unbehelligt tun und treiben können, was sie wollen. Auch weiterhin kann im System verbogen und gedreht werden, was immer politisch opportun erscheint. Jegliche demokratische Gegenwehr der BürgerInnen ist zwecklos, und welche der restlichen Parlamentsparteien sollten ihnen denn nur ansatzweise wirklich Paroli bieten. Nun wird im vereinbarten Konsens und systemtreu weitergewurstelt – im berechtigten Vertrauen darauf, daß der obrigkeitshörige, längst politisch entmündigte Bürger in ohnmächtiger Resignation verharrt, denn immer wird es Teile der Bevölkerung geben, denen es noch schlechter geht; ein Trost für jene, die ohnehin kaum politisch Anteil nehmen.

Doch könnte Ungemach erwachsen, wenn sich die Situation in Deutschland nun noch deutlicher verschlechtert – gerade im Vergleich mit dem Ausland –, oder mancher Bürger aufschreckt, wenn die EU tatsächlich mit ihrer Benevolenz beim bundesdeutschen Überschreiten der Maastricht-Kriterien bricht und Strafen in Milliardenhöhe anfallen. Die größte (und für diesen Pakt wohl einzige) Gefahr droht diesem Zweckbündnis aus den eigenen Reihen; wenn die heutigen Schleppenträger dieser „Vernunftehe“ ihr gesamtes ideologisches Glaubensbekenntnis zunehmend als verraten erkennen. Und dieser Moment des ‚Erkennens und Erwachens’ dürfte so fern nicht sein. Denn in beiden Fraktionen mehren sich die Renegaten, die tatsächlich noch an politische Verantwortung glauben.

Das läßt hoffen, auch wenn diesem Lande damit eine politisch zunehmend dunkle Zukunft ins Haus steht, deren Auswirkungen in faktisch allen Bereichen – Wirtschafts-, Sozial-, Finanz-, Renten- und Gesundheitspolitik, im öffentlichen Leben wie bei allen Verwerfungen in soziologischer Hinsicht – viele Menschen und Betriebe nicht mehr erleben werden, weil sie sich ins Ausland verkrümeln, diesem Land mit einer mehr als schrägen Zukunft den Rücken kehren, ihre Gelder in Sicherheit bringen und sich politisch einigeln.

Dieser Koalitionsvertrag könnte das Totenglöckchen für den Rest der Scheindemokratie werden – der Anfang vom Ende der Parteiendiktatur!

H.-W. Graf
5. Oktober 2005

Der Verlierer der Wahl heißt Deutschland.

5. Oktober 2005|Editorial, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Der Verlierer der Wahl heißt Deutschland.

Ob sich der immer noch blasierte Schröder nun gnädig verabschiedet und die ungeliebte Merkel Kanzlerin wird; ob sich beide zurückziehen, um überhaupt noch in diesem Jahr im Bundestag einen Kanzler wählen zu lassen; ob sich Lafontaine zurückzieht, um doch noch eine rot-grün-dunkelroten Allianz entstehen zu lassen – egal, der Verlierer steht heute bereits fest: Deutschland.

Eine große Koalition ergäbe sich allenfalls durch eine regelrechte „Verdichtung“ beider „Volks“-Parteien auf politisch unfähigstem Niveau – man will ja auf jeden Fall an die Macht, koste es was es wolle. Dann werden sich aber innerhalb beider Parteien Absonderungs- und klandestine Kungelinteressen bilden, die womöglich gar in weiteren Gründungen neuer Parteien münden – etwa zwischen SPD und WASG positioniert. Mag sein, daß sich die CSU eben doch bundesweit aufstellt und ihre „soziale“ Nähe zum Rumpfkader der SPD entdeckt. Eine derartige Koalition, politisch dröge und handlungsgelähmt, wäre ein Garant für Stillstand und Reformunwilligkeit, nur noch darauf bedacht, den systemischen Haufen zusammenzuhalten. Welche Auswirkungen dies auf die eigentlich anstehenden Reformen, den lauen Wirtschaftsstandort Deutschland und das wachsende Heer an Arbeitslosen zur Folge hätte, muß nicht weiter erläutert werden. Arg treffen wird dies den Mittelstand, der sich so viel von den Wahlen im September versprochen hatte, und die Großkonzerne werden ihre Schlüsse daraus ziehen. Der Wirtschaftsriese Deutschland – in Ketten gelegt und in peinlich hilflosem Kriechgang.

Spätestens dann aber dürften auch die politisch lethargischen Deutschen begreifen, daß sie selbst tätig werden müssen. So erfreulich dies einerseits ist, so unerfreulich könnten die daraus resultierenden Unruhen werden – insbesondere an den sozialen Schwachstellen und in den von Arbeitslosigkeit besonders betroffenen Regionen. Man muß sich verdeutlichen: Berücksichtigt man die Zahl der Nichtwähler (23 %), so vereinigen die beiden großen Volksparteien mit ihren zusammen 68 % nur noch knapp 50 % aller bundesdeutschen Wähler; Sprengstoff für jede Koalition, egal welcher Farbe.

Aber auch ein jedwie zusammengewürfelter Regierungsapparat aus Grün, Gelb, Dunkelrot oder Braun wäre in absehbarer Zeit zum Scheitern verurteilt.

Keine der heute nach Ämtern und Macht gierenden Figuren hat das Zeug dazu, Deutschland aus seiner Starre zu führen, Visionen und dringend nötige Perspektiven zu entwickeln. Die kleine Schar derer, die dies tatsächlich vermag, wurde parteiintern von den Futtertrögen weggebissen oder als ungeliebte Kinder in die Ecken gestellt.

All dies sind unübersehbare Zeichen dafür, daß die Zeit der großen Volksparteien, aber auch der Gewerkschaften, etatistischer Regelungswut und jeglichen Aufbruch im Keim erstickender Gesetzesfluten ebenso vorbei ist, wie die Zeit der großen Konzerne. Demokratie und Solidarität, innovative Kraft der Veränderung und soziales Miteinander sind jeweils nur in kleinen Strukturen effizient zu verwirklichen. Flexibel und schlagkräftig sind kleine, flexible Organismen – in allen Bereichen der Politik. Galt in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts noch das Schlagwort „Big is beautiful“, so weiß man es heute in der Wirtschaft wie in Forschung und Technik längst besser; schlanke und kompetent geführte Einheiten sind wesentlich zielführender.

Dem steht aber ein geradezu pathologischer Machtwahrungsanspruch in Konzernen und Gewerkschaften ebenso wie in der Politik gegenüber. Der könnte aber urplötzlich zu Volksfront-ähnlichen Verhältnissen führen.

Wir, der Haufen an ungeliebten Wählern, sollten das möglichst rasch realisieren. Unsere Politiker sind dafür zu einfältig, zu blind und zu eitel.

H.-W. Graf

9. August 2005

Der üble Gestank des Populismus

9. August 2005|Editorial, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Der üble Gestank des Populismus

Welch Freude noch vor wenigen Wochen in dieser Republik; nachdem selbst das traditionell dunkelrote Nordrhein-Westfalen Kanzler Schröder von der Fahne gesprungen war und das innerparteiliche Murren in der SPD immer vernehmlicher wurde, entschloß sich das SPD-Spitzenduo zum geordneten Rückzug und für Neuwahlen.

So bereitwillig sich die Mehrheit der Wähler von Schröder abwandte, nun sahen sie sich mit der Tatsache konfrontiert, den ‚Wendeengel’ Merkel künftig als Kanzlerin ertragen zu müssen. Zudem quollen aus längst versiegelt geglaubten Höhlen die populistischen Ungeister nicht ausrottbarer SED-Zeiten, zu denen sich der teuerste Frührentner der Nation, Lafontaine, flugs gesellte. Vergessen die Tage, an denen Lafontaine noch den verfassungsrechtlich bedenklichen SED-Geist im neuen PDS-Gewande mit üblen Worten belegte. Vergessen auch sein Versprechen, politisch Deutschland nicht mehr schaden zu wollen; nun wittert er, der ewig Un- und Mißverstandene wieder Morgenluft – sei es auch um den Preis, sich bei jedem halbwegs intelligenten Menschen vollends unglaubwürdig zu machen. Wenigstens die „Ossis“ (zumindest diejenigen, die sich von den etablierten Parteien wie von ihren eigenen Wendehälsen restlos verkauft und verraten fühlen) glauben ihm auch den perversesten Unsinn. Gibt Gysi wenigstens noch zu, daß er von Wirtschaft keinen blassen Schimmer hat, tönt Oskar umso vollmundiger vom real-wiederbelebten Sozialismus, Arbeitsplatz- und Lehrstellengarantien, zu denen ein wirklich sozialer Staat verpflichtet sei und einem Mindesteinkommen für Jeden, egal ob er arbeiten will oder nicht, ob er sich auf eine veränderte Arbeits- und Lebenswelt einlassen möchte oder nicht.

Da kommen ihm Gelegenheiten, wie General Schönbohm sie ihm gerade lieferte, nur recht. Dabei hatte der grimmige Jörg im Kern durchaus Recht, als er anmerkte, daß der Sozialismus über Jahrzehnte hinweg die Menschen zu einer geradezu asozialen Gleichgültigkeit erzogen hatte. Das gleiche Phänomen ist in sämtlichen sozialistischen Gesellschaften zu beobachten: So emsig, bisweilen geradezu klandestin, sich die zum Sozialismus verdammten Bürger um ihre eigene Behausung kümmerten, so völlig egal war ihnen, wie es bei ihnen vor der Haustür aussah – für die sozialistischen Häuser und Gärten, Straßen und Plätze war, wie für jedes Gemeingut, der Staat zuständig, nicht hingegen sie selbst.

Nun, daraus läßt sich doch für die LaFoGysis sattsam Honig saugen, und daß dies der auflagen- und quotendominierten Presse- und Medienlandschaft ebenso gut zupaß kommt, kann nur noch Gutgläubige verwundern, die in den Medien ein um Informationen bemühtes Organ einer demokratischen Gesellschaft vermuten.

Ob Christiansen oder Maischberger – die pathologisch-populistische Quoten- und Auflagenzunft hechelt nach jedem Krähen des Polit-Pinocchios Lafontaine und überschlägt sich mit immer wilderen Spekulationen über inzwischen zweistellige Wahlprognosen für das blutrote Bündnis, das im September den Osten der Republik neosozialistisch erglühen lassen soll. Links ist geil, rechts lauert der Satan!

Kein Populismus ist den noch vor wenigen Jahren Spinnefeinden zu dumm, jetzt eint die LaFoGysis populistische Aalglätte. Sie bauen ausschließlich auf das Kurzzeit-Gedächtnis der sich von den „Wessis“ verraten und verkauft fühlenden „Ossis“. Dabei ist ihnen in guter sozialistischer Manier schnurzegal, wer den „Chefsalat à la Marx“ bezahlen, wer für die aberwitzigen Versprechungen zukünftig gerade stehen soll. Natürlich würden SPD und Grüne auch die Kröte schlucken, Frau Pau als bunte Außenministerin, Gysi als Pseudo-Sozialminister und O. LaF. als inkompetenten Wirtschaftsminister zu ertragen; um des schieren Machterhalts willen ist diesen Popanzen jedes Mittel recht.

Noch, so scheint es, haben die WählerInnen nicht realisiert, wohin die Reise geht, in welch morastiges Gelände die Systemparteien wie auch die ebenso systemisch verkeilten Medien sie führen – bar jeden Verantwortungsbewußtseins, ohne die geringsten Skrupel und jenseits realpolitischer Tatsachen.

Wie hoch müssen die Schuldentürme und die Zahl der Arbeitslosen eigentlich noch werden, bis die Einsicht beim Souverän, dem Volk, reift, daß wir weder ‚liberal’ und ‚demokratisch’, noch ‚sozial’ oder ‚christlich’ geführt, sondern parasitär und unerbittlich ausgesaugt, verkauft und verraten werden.

Erst dann wird im Zuge des kollabierenden Systems der Schmerz groß genug sein, um Alternativen – und die gibt es tatsächlich (siehe: www.d-perspektive.de/konzepte/) – Ohr und Auge, Herz und Hirn zu schenken und die populistische Mischpoke aus ihren Tempeln zu jagen. Tempora mutabuntur.

H.-W. Graf

23. Juni 2005

Moderne Hexenjagd

23. Juni 2005|Editorial, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Moderne Hexenjagd

Vom 12. bis ins 20. Jahrhundert wurden, wann immer es um die Wirtschaft schlecht stand, unter Menschen oder in Viehbeständen Seuchen ausbrachen oder sonstige Unbill großflächige Ausmaße annahm, die Juden verantwortlich gemacht, angeklagt und im günstigsten Fall ausgegrenzt oder verjagt, nicht selten aber auch enteignet oder für vogelfrei erklärt.

Über die Hexenverfolgung vom 15. bis ins 19.Jhdt, die Bartholomäusnacht am 24.8.1572, die Genozide an Indianern und Kurden, Armeniern und Zigeunern – jeweils die Bösen und Schuldigen – lernten wir Bruchstückhaftes in der Schule, und gelegentlich schwemmen die Medien diese Themen hoch, aber einer nachhaltigen Konfrontation gehen wir zumeist bequem aus dem Wege.

Nur so ist wohl zu verstehen, warum wir der Phänomenologie moderner Ausgrenzung – dient sie zur Rechtfertigung von Kriegen oder der Verabschiedung neuer Gesetze, einer weiteren Eingrenzung der individuellen Freiheit oder der politischen Schuldabwälzung – so neglegent duldsam beiwohnen.

Mit welchen Halbwahrheiten oder handfesten Lügen uns Bush und Blair, Eichel oder Schröder – vorher waren es eben Kohl und Blüm – hinters Licht führen, welch schreienden Unsinn uns Parteien, Politiker und Gewerkschafts“eliten“ um die Ohren schlagen – wir nehmen’s brav zur Kenntnis, grollen allenfalls leise oder an Stammtischen; gewähren lassen wir sie allemal.

Wenn Mephisto Müntefering nun auf kapitalistische „Heuschrecken“ eindrischt und Unternehmen wie Unternehmer – den Unterschied kapiert der Salonsozialist in diesem Leben ohnehin nicht mehr – gleichermaßen mangelnder Sozialität zeiht, naiv-kindlich über Wirtschaft doziert und den Art.14 des Grundgesetzes anmahnt, verdreht er dabei in dreistdümmlicher Weise jegliche Realität – ungestraft und von der ideologisch betäubten Masse bejubelt, statt daß ihm jemand nach guter Väter Sitte gemäß Luthers Geheiß „das Maul mit Seife auswäscht“.

Nicht ‚die Wirtschaft’, verehrter Pseudo-Philosoph, hat soziale Verantwortung zu übernehmen, sondern ‚der Mensch’ – generell, genetisch und instinktuell determiniert. Nur kann und wird er das nur und in dem Maße tun, wie es ihm nicht ideologisch verkleistert abdressiert oder gesetzlich untersagt wird.

Im natürlichen Verhalten des Menschen finden wir all das, an was es unserer modernen Gesellschaft zu mangeln scheint: Hilfsbereitschaft und Engagement, Ideen und Ideale, Kreativität und Ehrgeiz, Fleiß und Lebensfreude. Es ist der Wust an Gesetzen und Verordnungen, Bestimmungen und Vorschriften, die jegliche Aktivität dämpft und potentiell gar unter Strafe stellt.

  • Will ich einem leistungsbereiten Gesellen die Meisterschule bezahlen, weil er das Geld dafür nicht hat, kostet dies den jungen Menschen Schenkungsteuer;
  • möchte ich nicht mit Angestellten, sondern nur mit selbständig denkenden Menschen einen Betrieb aufziehen, winkt der „soziale“ Gralshüter Staat mit dem ‚Scheinselbständigkeitsgesetz’, schreibt Arbeitszeiten und -normen vor, prüft die Fläche der Betriebstoilette und erklärt sich zum Alleinverantwortlichen für die Krankheits-, Unfall- und Altersvorsorge meiner (allsamt volljährigen) Partner;
  • wie soll in der Bipolarität von ‚Ich-AG’ und ‚Scheinselbständigkeitsgesetz’ ein gefährlich abgeschmolzener Mittelstand wieder erstarken?

Stichwort: ‚Entsendegesetz’! Intelligenten Politikern wäre längst vor der gehetzten Hereinnahme weiterer 10 Mitgliedsstaaten in den EU-Traum klar gewesen, daß insbesondere auf Deutschland ein Heer von Billiglohnanbietern zukommen würde. Jetzt wird hektisch geschrieen und gesetzlich „zwangsgewirtschaftet“ – von den gleichen Dilettanten, die vorher auf die Erweiterung der EU gedrängt und uns nun undemokratisch-entmündigend „verfaßt“ haben.

Übrigens: Es gibt bereits drei Wege, diesen „Entsende-Unsinn“ völlig legal zu umgehen!

Wie sozial ist eigentlich eine Gesellschaft, die in „Volltrottel“ (Arbeiter), „Halbidioten“ (Angestellte), „Edelkomparsen“ des modernen Adels (Beamte) und latent der Asozialität Verdächtige (Selbständige und Freiberufler) unterteilt?

Mit welchem Recht fordert ein Staat Abs. 2 des Art. 14 GG („Sozialverpflichtung des Eigentums“) ein, wenn er selbst in inzwischen unerträglichem Maße den grundgesetzlich garantierten „Schutz des Eigentums“ nach Abs. 2 des gleichen Artikels verletzt?

Was macht der gute Münti denn mit ausländischen Investoren, die heute noch in Deutschland – direkt oder per Fondsanlage – investieren? Will er die auch noch in seine Schelte einbeziehen und außer Landes scheuchen?

Wo längst globale Kapitalverflechtungen und –ströme wirken, versuchen unsere national begrenzten Politiker in vorgestriger Ideologieverbohrtheit zu begrenzen, wo von Erweiterung geschwärmt wird. Es gibt im heutigen Europa keine nationale Eindeutigkeit mehr – weder fiskal- und wirtschafts-, noch sozialpolitisch. Vielmehr gilt es, Staat und Gesellschaft auf die längst begonnene pannationale Mehrdeutigkeit hin zu transformieren. Im Rahmen dieses Metawandels ist kein Raum für sozialnationale Egozentriertheit. Nur, dieser Einsicht versperren sich systemisch verbackene Parteien, denen jedweder schematisch-kreativ-offene Blick fehlt – zum Schaden derer, die sich von ihnen treudoof-naiv entmündigen lassen.

Nein, Ihr wirtschaftspolitische Toren und realiter asoziale Gralshüter gestriger Ideologieverbohrtheit, an Euerer Forschungs- und Technikfeindlichkeit, weltfremder Entmündigungsmanie und beratungsresistenter, neurotisch-etatistischer Wirtschaftspolitik wird weder das soziale Mitgefühl innerhalb einer zunehmend ignoranten Gesellschaft, noch der Wirtschaftsstandort Deutschland genesen und auch das Heer der Arbeitslosen nicht nachhaltig abgebaut werden, da kreative Selbständige zunehmend weniger Lust verspüren (oder den Mut aufbringen), sich mit Euch anzulegen. Es muß ja nicht Deutschland sein ………..

Um ein Kilo Gehacktes einem Kunden über den Tresen zu reichen, bedarf es heute in Deutschland einer dreijährigen Fachausbildung (nebst Prüfung vor einer Zwangskammer). Hingegen kann jeder im System nach oben geschwemmter Dilettant ohne die mindesten fachlichen Voraussetzungen als Politiker Gesetze erlassen, Entscheidungen fällen, gar Minister spielen (oder Bundeskanzler) – um als unangemessen hoch alimentierter Pensionist irgendwann (vielleicht) einzusehen, welchen Wahnsinn er während seiner Karriere in der „Elite“ verbrochen hat.

Das wirklich Unsoziale in diesem Lande sind nicht (oftmals überbezahlte) Manager – etliche Heroen aus Sport und Entertainment kassieren weit mehr als die Ackermänner der Konzerne –, nicht die Fondsinvestoren, Selbständige und Immobilienbesitzer, sondern die Politiker, die zu allem bereit, aber zu nichts zu gebrauchen sind; die sich in schreiender Inkompetenz aber mit verbissener Regelungswut als ideologisch verkleisterte Bremser einer kreativen und wettbewerbsbereiten Minderheit permanent in den Weg stellen – mit schweigender Duldung einer apathischen Mehrheit, die sich um nichts mehr selbst kümmern zu müssen glaubt. Nennt man das dann ‚parlamentarische Demokratie’?

H.-W. Graf

25. April 2005

Politischer Zehnkampf – Volksverdummung als systemisches Konzept

25. April 2005|Editorial, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Politischer Zehnkampf – Volksverdummung als systemisches Konzept

– sind unsere Politiker nur dumm und dreist oder tatsächlich schizophren? –

Die Spielregeln, nach denen die Parteien in unserer Demokratur – von einer wirklichen Demokratie sind wir meilenweit entfernt – agieren, sind eigentlich frappierend simpel. Wer sich daran hält, kann es im Politadel ganz nach oben schaffen, und wenn er als Landesminister oder gar Ministerpräsident denn doch einmal stolpert, wird er flugs ins Bundeskabinett gehievt.

  1. Zunächst gilt es, die wahlträgen Bürger, idealerweise gleich auch noch die Anhänger des Gegners, fürchterlich zu erschrecken, auf eklatante Mißstände in der Konzeption des Gegners zu verweisen – nachgerade durch erhebliche Zweifel an der Finanzierbarkeit der Vorschläge der konkurrierenden Partei und mithilfe des Vorwurfs des unsozialen Handelns. Das zieht!
  2. Diesem Angriff folgen dann vollmundige Versprechen der Durchführbarkeit der überlegenen eigenen Pläne, deren soziale Komponente ebenso wenig außer Frage steht wie deren Finanzierbarkeit. Sprechblasen-Visionen begeistern und ersparen eigenes Denken!
  3. Es folgt die Beruhigungsphase – natürlich nur für den Fall, daß man in die Regierung gewählt und damit in die Lage versetzt wird, die eigenen Pläne auch umzusetzen. Hierbei ist der Aspekt der langfristigen Sicherung häufigst möglich einzuflechten. Ehrlichkeit und Wahrheit schaden dabei oftmals nur!
  4. Keine Skrupel dürfen dabei den ausgebufften Politiker befallen, die eigenen Konzepte zu beschönigen – möglichst unter Heranziehung dem eigenen Denken nahestehender Wissenschaftler und diverser Beispiele aus dem Ausland, deren reale Vergleichbarkeit gar nicht nachgewiesen werden muß; vollmundig Behaupten geht über Beleg und Beweis!
  5. Wichtig ist dabei, sich verbaler Finessen zu bedienen, gängige Wertbegriffe zu euphemisieren – Marketing ist alles, und was in der Werbung gang und gäbe ist, sollte den Politikern doch nur recht und billig sein. Dabei dürfen auch verbale Querschläger und sinnloses Synonymisieren völlig diametraler Begriffe nicht fehlen. Den Unterschied zwischen sozial und sozialistisch, Ethik und Moral, Philosophie und Ideologie, Erziehung und Dressur, selbständigen Unternehmern und Managern von Unternehmen oder Chancenfreiheit und Gleichmacherei kennt ohnehin kaum einer der Wenigen, die den politischen Schwadroneuren heute noch das Ohr leihen. Und warum soll man von Politikern ein tieferes Denken erwarten, als von den Rezipienten ihrer „Weisheiten“?
  6. Einlullen heißt das Zauberwort; den tumben Wähler in der tiefen Gewißheit wiegen, daß zumindest unsere Politiker die Sache im Griff haben, sie genau wissen, worum es geht, auch wenn sie von der Praxis dessen, worüber sie als Minister entscheiden und als Abgeordnete befinden, nicht die geringste Ahnung haben
  7. Wichtig ist die völlige Verunmündigung des Bürgers, gleichzeitig ihm aber die Illusion zu vermitteln, daß den Politikern Gesundheit, Wohlergehen und die Fürsorge um die unmündige Bevölkerung oberstes Handlungsgebot ist. Eben deshalb legen sie Mindestlöhne und Mindestrenten fest, begrenzen Arbeitszeiten und Ladenöffnungszeiten, legen Bildungsinhalte als geistige Richtgrößen fest und schützen ihre infantile Wählerschar bei Tag und Nacht in nimmermüder Zugewandtheit.
  8. Dabei gilt es natürlich ständig zu kontrollieren, daß die Schar derer, die das eigene Leben auch selbst zu planen gedenkt, möglichst klein bleibt. Speziell der Mittelstand, Selbständige und vermögendere BürgerInnen müssen deshalb durch immer dichtere Maschen im Netz der Gesetze und Verordnungen an der Gestaltung eines eigenen Lebensweges gehindert und gleichgeschaltet werden. Daß Politiker zur Erarbeitung eines Gesetzes durchschnittlich drei Jahre benötigen, wohingegen es intelligenten Mitmenschen durchschnittlich nur drei Stunden abverlangt, einen legalen Weg zur Umgehung eines neuen Gesetzes zu finden, ist den Politikern natürlich klar. Deshalb gilt es ja auch, diese unbeugsamen Querdenker auszugrenzen, zu kriminalisieren und als unsozial zu brandmarken. Im übrigen müssen die Kontrollen eben noch weitergehend verschärft und die Strafen erhöht werden.
  9. Geht dann, wie in aller Regel nicht anders zu erwarten, der Schuß nach hinten los, und erweist sich Politikers „Weisheit“ als für die Praxis untauglich, gilt die Devise des Schuldverweises, des Abschiebens von Verantwortung – entweder auf den politischen Gegner oder die üblichen Feindbilder (Unternehmer, Betuchte, Steuerflüchtlinge und Schwarzgeldhorter). Notfalls verweist man auf die gesamtpolitische Lage, Umweltkatastrophen oder harte Winter.
  10. Den Abschluß dieses politischen Zehnkampfs stellt die Disziplin gnädiges Vergessen’ dar. Hierbei können die Politiker getrost auf die dementsprechend konditionierte Gesellschaft vertrauen; die Vielfalt der heute tagtäglich auf uns einströmenden Geschehnisse und Ereignisse, der Themen und Probleme, aber auch die Komplexität unserer Lebensinhalte verschleiern mit nahezu 100%iger Sicherheit gnädig, was uns die Politiker aller Couleur an Unsinn erzählen, an Fehlern einbrocken und an finanziellen Mühlsteinen an den Hals hängen.

Das Endresultat: Die Bürger trauen ihren politischen Schergen ebenso wenig, wie sie deren Machtmonopol als scheinbar unangreifbar erkennen; sie resignieren. Erfolgreiche Parteipolitiker dürfen sich nicht von eigener Inkompetenz irritieren lassen; Machtgier und parteiliche Loyalität kompensieren noch immer menschliche wie fachliche Schwäche, und was soll`s: Die von ihnen angehäuften Schulden, die monströse Geldverschwendung und die zu Lasten künftiger Generationen ausgestellten Schecks müssen von ihnen weder ausgeglichen noch strafrechtlich verantwortet werden.

Politiker sind das Schwemmgut ihrer Parteien und die teuersten Lehrlinge der Nation. Man muß sich allen Ernstes fragen, ob unsere Politiker in ihrer grenzenlosen Machtgier einfach nur dumm sind und dementsprechend töricht handeln, oder ob wir es hier mit einem klassischen Fall von Schizophrenie zu tun haben. So war bereits mit der Entscheidung, die zehn neuen ost- und südosteuropäischen Partner in die EU aufzunehmen klar, daß insbesondere Deutschland (und nachgerade die neuen Bundesländer) von Billiglohnanbietern überschwemmt werden würden. Diesem Problem nun mit Mindestlöhnen – aberwitzigerweise zum „Schutz“ (!) der deutschen Arbeitnehmer – und geradezu grotesken Ergänzungen zum Entsendegesetz begegnen zu wollen, verrät einen derartigen Mangel an Verständnis um die Zusammenhänge, daß man diesen Zeitgenossen – Gewerkschaftsführern wie Politikern –, schnellstens das Ruder aus der Hand nehmen, ja sie eigentlich in Gewahrsam nehmen müßte, um größtes Unheil für den Mittelstand zu verhindern. Und über all dem thront unser smarter Bundes-Gerhard, macht in larmoyantem Optimismus und empört sich so putzig über „egoistische“ Unternehmer, die ums Überleben kämpfen. Keiner schwätzt so banal, wie dies Schröder vermag.

Vielleicht wäre es am besten, zu allererst Fachprüfungen für Politiker einzuführen, ihre Konten zu durchleuchten, vor allem aber ihre Wochen- und Lebensarbeitszeit zu begrenzen!

H.-W. Graf

13. Januar 2005

Staatliche Entwicklungs- und Katastrophenhilfe ist eine populistische Farce, fördert die Korruption und erfüllt realiter den Straftatbestand der Veruntreuung.

13. Januar 2005|Editorial, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Staatliche Entwicklungs- und Katastrophenhilfe ist eine populistische Farce, fördert die Korruption und erfüllt realiter den Straftatbestand der Veruntreuung.

Klar, schon die Titelthese trifft viele Gutmenschen mitten ins mitfühlende Herz, provoziert und wirkt befremdlich. Man setzt sich spontan dem Vorwurf des Zynismus und geradezu menschenverachtender Herzlosigkeit aus.

Gestatten Sie dennoch einige kritische Anmerkungen und urteilen Sie bitte erst danach.

So erfreulich auf den ersten Blick die weltweiten staatlichen Flutopferhilfe-Zuwendungsversprechen von mehr als 30 Nationen mit inzwischen mehr als vier Milliarden Euro sind, so differenziert sollten sie auf den zweiten Blick – und etwas rationaler – gesehen werden:

  • Staatliche Hilfe kann jeweils nur aus dem Steueraufkommen der jeweiligen Länder gewährt werden. Steuern sind aber per se die Mittel, die der jeweilige Staat seinen Bürgern abverlangt, die ihm ermöglichen sollen, seine  Aufgaben gegenüber seinen Bürgern zu erfüllen. Ein jedwie geartetes “hoheitliches Recht”, sich damit in die Angelegenheiten  eines anderen Landes einzumischen – ob es hierbei  um Entwicklungs-, Katastrophenhilfe oder die Einmischung in dessen innere Angelegenheiten (militärische “Hilfe”, Bürokratie oder die politische Einflußnahme) geht, ist egal – oder dies sogar (zwangsweise) dem betroffenen Land aufzuoktroyieren, um z.B. einen Staat zu ‘demokratisieren’, bzw. weltlich, wirtschaftlich oder religiös umzufunktionieren, entmündigt dessen Bevölkerung, verletzt dessen Souveränität und entspricht  nicht den primären Aufgaben der Regierung eines vorgeblich “demokratischen” Landes;
  • Da das Steueraufkommen nach mehr oder weniger fairen Grundsätzen von ärmeren und reicheren Teilen der Bevölkerung (in unterschiedlicher Höhe) erbracht wird, darf es nicht Angelegenheit einer Regierung sein, über den so akquirierten Aerar nach eigenem Gutdünken zu befinden, wenn es um Belange anderer Staaten geht, da von diesen Zuwendungen an Drittstaaten – egal, aus welchem Grunde – prozentual vor allem der ärmere Teil der eigenen Bevölkerung betroffen ist; denn diese Zuwendungen erhöhen entweder die eigenen Schulden – was der eigenen Bevölkerung wiederum eine höhere Zinslast aufbürdet -, oder sie werden aus Überschüssen bestritten, die zu einer Senkung der Steuern verwendet werden könnten, von der wiederum die weniger Wohlhabenden der eigenen Steuerzahler profitieren könnten;
  • Abgeordnete haften für die ordnungsgemäße Verwendung von Steuern. Dies gilt auch und nachgerade für Zuwendungen an Drittstaaten – ob als Kredite oder Schenkungen. Steuergelder dürfen nicht als fungible Masse dafür verwendet werden, karrierefördernde Geschenke – selbst als ‚Hilfe’ getarnte – zu verteilen oder zur Durchsetzung nicht demokratisch legitimierter politischer Kreativität (EU-Erweiterung, EURO-Einführung, Stützung der polnischen Landwirtschaft, Mitfinanzierung völkerrechtswidriger Kriege und danach des Wiederaufbaus der zuvor verwüsteten Länder, usw.), die vornehmlich der nächsten Wahl und dem Renommee des jeweiligen Regierungschefs/Außenministers dienen mögen;
  • Sehr befremdlich wirkt bei klarerem Nachdenken auch, daß bei der Versorgung der eigenen Bevölkerung mit Schulen und Kindertagesstätten, der Unterstützung mit freien Lernmitteln, der Wahrung von Forschungs- und Fördereinrichtungen (z.B. für Behinderte), der Aufrechterhaltung  ganzer Lehrstühle und Lehrkörper an Universitäten und Gymnasien unter Hinweis auf die “finanziell  angespannte Situation der öffentlichen Mittel” der Rotstift angesetzt wird und nun, quasi aus dem “Nichts”, 500 Millionen Euro zur Verfügung stehen.
  • Von einer “demokratischen Legitimation”, Zuwendungen an Drittstaaten abgeben zu dürfen, kann hierbei sowieso keine Rede sein; vielmehr erfüllt eine Regierung, die dieserart nach eigenem Gutdünken –  ‘von fremden Gütern geb ich gern’ – ihr “anvertraute” Gelder verwendet, realiter sogar den Straftatbestand der Veruntreuung. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß es hierbei vorgeblich um ‘dringend benötigte und humanitäre Soforthilfe’ geht und sich kaum ein Staatsanwalt fände, der einer diesbezüglichen Strafanzeige nachginge;
  • Humanitäre Hilfe bedingt eine ‚humane Entität’ – was eine Regierung als politische Institution per se nicht ist – und sollte, sowohl aus o.g. Gründen als auch unter dem Aspekt der Effizienz, ausschließlich aus privaten Mitteln bzw. durch gemeinnützige Organisationen erfolgen. In beiden Fällen steht dahinter der klar geäußerte private Wille und die persönliche Überzeugung, sich für andere Menschen einzusetzen und Hilfe zu leisten. Staatliche Institutionen sind per se keine ‘humanitären’ Organisationen!
  • Staatliche Katastrophen- und Entwicklungshilfe, zivile oder militärische Zuwendungen etc. bergen immer den bitteren Beigeschmack der Schaffung von Abhängigkeit, der ‘Verquickung von Interessen’ – genauer: der Korruption/Korruptabilität – und sind so gut wie immer in Wahrheit vor allem  Mittel zum Zweck:
    1. sie frönen der eigenen Glorie – und kaum jemand wagt, den “großzügigen Spendern” und “Menschenfreunden” (als die sich Schröder und Fischer gerade wieder mal so weltmännisch, getragen und schmerzerfüllt-mitfühlend gerieren) in den Arm zu fallen;
    2. sie provozieren teuere Bürokratie und den entsprechenden Abfluß von “Tara” aus dem Spendenaufkommen;
    3. befaßt damit (und Verwalter derartiger “Treuhandgelder”) sind zumeist Menschen, die realiter keine Ahnung davon haben, wie mit derartigen Mitteln bestmöglichst umzugehen ist. Wirkliche Entwicklungshilfe vor Ort haben diese Bürokraten zuallermeist nie geleistet.

Wer, wie wir mit dem “Anthropos e.V. – für die Kinder dieser Welt”, seit vielen Jahren mit humanitärer Hilfe befaßt ist – vor  Ort, von Mensch zu Mensch und unmittelbar -, weiß nur zu gut, wie hoch der Prozentsatz an Hilfsgeldern und materiellen Mitteln von großen staatlichen oder kirchlichen Organisationen ist, der entweder unter der Hand verschwindet und dann z.B.auf den heimischen Märkten (zum Teil noch mit der Spendenbezeichnung auf der Unterseite!) wieder auftaucht oder zur Festigung staatlicher  (für das Geberland genehmer) Strukturen dient.

Nein, Entwicklungs-/Katastrophen-/ Aufbauhilfe, also wirklich effektives humanitäres Engagement kann und darf kein Feld staatlicher Einmischung zum Zwecke “höherer” politischer Ziele, der Festigung der eigenen politischen Macht und der persönlichen Beweihräucherung medien- und publicitygeiler Politiker sein. Nur dann kann künftig verhindert werden, daß sich die Potentaten armer Länder vor allem die eigenen Taschen vollstopfen und im Gegenzug den “zuvorkommenden” Politikern der “Geberländer” Ehrendoktorhüte verleihen und öffentlich Kränze winden (Weltrekordhalter in dieser „Disziplin“ ist nach wie vor der „Schrecken von Oggersheim“!), während die wirklich Hilfsbedürftigen kaum je etwas von dieser “Hilfe” sehen.

Den Schrödfischers hat die Flutkatastrophe von 2002 in den nBl das politische Überleben ermöglicht und die Wahl 2004 gesichert, Kohl 1990 und 1994 die “Wiedervereinigung”. Wir sollten wachsamer werden, uns nicht von den Systemschergen so blauäugig verführen und für dumm verkaufen lassen, denen derartige Desaster wie die Flutkatastrophe in Südostasien trefflich dienen.

Man muß kein Tauchfreak oder Genießer asiatischer Küche und Kultur sein, um gerne, persönlich und großzügig zu spenden und zu helfen – das beweisen die mehr als 400 Millionen Euro, die bereits in den ersten 12 Tagen nach der Katastrophe alleine von Deutschen freiwillig gespendet wurden. Staat und Politiker haben hierbei nichts zu suchen – so zupaß ihnen derartige Inszenierungsspektakel auch kommen mögen!

H.-W. Graf

2. Dezember 2004

Publizistische Verantwortung

2. Dezember 2004|Editorial, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Publizistische Verantwortung

Zwischen Berichten über Bürgerkriege und Folterskandale, aufsehenerregende Verbrechen und hirn- wie sinnlose Reality-Shows fühlen sich Journalisten immer wieder bemüßigt, „wissenschaftliche“ Sensatiönchen in ihre aktuelle Berichterstattung aufzunehmen. So ließ sich in allen Zeitschriften, Magazinen und Postillen Ende November vernehmen, daß „Streß Zellen um Jahre altern“ läßt. Begründet wurde dies mit der Länge der sog. Telomere, bestimmter Teile der Erbsubstanz, die unter Streß schneller verkürzt würden als bei streßärmer lebenden Menschen.

Dabei hätte ein kurzer Blick in die von jedermann einsehbare Studie genügt, um zweierlei festzustellen:

  1. Die Forscher selbst gaben zu bedenken, daß begleitende Phänomene (überhöhter Alkohol-, Medikamenten- und Drogenkonsum – infolge des subjektiv empfundenen Stresses) in ihrer katalysierenden Wirkung nicht erfaßt worden seien und
  2. diese Forschungsergebnisse sich ausschließlich auf negative Formen von Streß („Disstreß“) beziehen.

Unter dem Mäntelchen der Wissenschaftlichkeit, journalistisch aber unbotmäßig verkürzt, liefern derartige „wissenschaftliche“ Schlagzeilen nur scheinbar Wissenswertes; in Wahrheit beinhalten sie eine fatal destruktive Desinformation – was nachgerade höchst korruptive (geistige) Auswirkungen auf die Psyche der Adressaten zeitigen kann. Wieviel besser wäre es gewesen, diese Gelegenheit zu benutzen, auf den Unterschied zwischen Eustreß (positiven Streß, der sich in einer Stärkung des Immunsystems, des Kreislaufs und der Allgemeinbefindlichkeit zeigt) und Disstreß (negativen Streß, der sich über kurz oder lang körperlich bzw. auf die Psyche sowie die geistige Gesundheit auswirken kann) hinzuweisen!

Freude und Anerkennung, Komplimente und ein Lob für geleistete Arbeit, als Ergebnis von Fleiß und Bemühen wirken nämlich ermunternd, fördern das Allgemeinbefinden, stärken Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen. Sie wirken aber nicht nur auf den Betroffenen stimulierend, sondern strahlen gleichzeitig auch auf dessen Umfeld – Familie, Freunde und Kollegen – ab, lassen Menschen gelassener und zuversichtlicher an die Probleme des Alltags herangehen.

Menschen, die unter überdurchschnittlich hohem Eustreß stehen, machen Mut und fungieren als Vorbilder. Sie wirken positiv auf ihre Mitmenschen und reißen den allzu vorsichtig agierenden Zauderer an ihrer Seite mit.

Entspricht es der vermeintlich grüblerischen Deutschen Seele, nur immer die schwermütige, angsteinflößende und destruktiv wirkende Seite der Medaille zu betrachten, die derartige Meldungen für Publizisten so attraktiv scheinen läßt? Oder liegt es vielmehr daran, daß über die Ticker der Nachrichtenagenturen laufende, traditionell verkürzte Meldungen von Journalisten aufgegriffen werden, die weder im Fachgebiet stehen, noch sich die geringsten Gedanken darüber machen, welche Auswirkungen ihre Meldungen eigentlich haben?

So banal dieses Beispiel sein mag, so deutlich legt es den Finger in die Wunde der bundesdeutschen Tages-Publizistik: Um jede Zeile kämpfende Journalisten wollen aktuell(st) berichten. Sie stehen dabei aber stets unter dem Damoklesschwert sowohl der juristisch strafbewehrten Fehlinformation, als auch unter dem Diktat ihres Chefredakteurs bzw. des Herausgebers. Dementsprechend pinseln sie stark verkürzte Meldungen der offiziellen Nachrichtenagenturen ab – die sind juristisch rechtschutzgesichert –, was ihnen Zeit und Ärger erspart.

Opfer dieses „Hauruck“-Journalismus` sind die Rezipienten, denen zumeist der fachliche Zugang und weitere Informationen zum Thema fehlen.

Zurück bleibt eine zusehends desinformierte Gesellschaft, die Halb- und Viertelwissen im Akkord konsumiert und kolportiert – immer in der festen Überzeugung, sie seien informiert.

Welchen Wert hat eine derartige Informationspraxis in einer Zeit, die sich als Informationszeitalter ausweist? Besteht nicht die wachsende Gefahr, daß wir statt zu einer Informationsgesellschaft immer mehr zu einer Gesellschaft der Desinformiertheit degenerieren?

Vielleicht stehen insbesondere die Journalisten unter derart hohem und speziellem (Dis)streß, daß dieser sie nicht nur schneller altern läßt, sondern vor allem ihr berufliches Ethos, das Bewußtsein um die Verantwortung, die sie als Meinungsbildner und Mediengestalter tragen, arg beeinträchtigt.

Unter dem Rubrum „PISA“ wird der Bildungsstand und die Leistungsfähigkeit von Schülern hinterfragt. Wer aber hinterfrägt den Bildungs- und Wissensstand ihrer Eltern, der täglichen Konsumenten verbreiteter Informationen in Bild, Wort und Ton?

Hans-Wolff Graf